Die EZB als Lender of Last Resort

In meiner Serie „Kantoos und das Fazit – Autoren (denn der Blogeintrag von Patrick entpuppt sich als F.A.S. Artikel. Sorry.)“ geht es in die dritte Runde: Patrick Bernaus Eintrag „Der letzte Gläubiger“, den ich zunächst mal empfehle zu lesen. Allerdings stecken ein paar Missverständnisse in dem Eintrag, die wir klären sollten. Aus Zeitmangel nur ganz kurz:

  • Dass Zentralbanken als lender of last resort (LOLR) für Banken fungieren, ist nichts Neues, und auch nichts Außergewöhnliches. Im Grunde sind sie u.a. deswegen gegründet worden. Patricks „wie es bisher schon von Notenbanken erwartet worden war“ hört sich so an, als sei das eine unanständige Forderung.
  • Anleihenkäufe der EZB nehmen den Spardruck von Ländern, das stimmt. Allerdings gibt es Möglichkeiten, dies wenn nicht zu umgehen, so doch dem entgegen zu wirken. Zum Beispiel, indem die Länder der Eurozone sich alle dem Urteil des IMF unterwerfen, im Gegenzug für Liquiditätsversorgung. Oder, dass Länder tatsächlich collateral hinterlegen, in Form von Anteilen an Staatsunternehmen, Goldreserven, etc. Darüber hinaus könnte man die Zinsen bei einem EZB Backup so gestalten, dass man bei 6% anfängt, und sich dann jedes Jahr um 0.5% runter arbeitet, je nach Erfolg der Reformprogramme. In Microfinance funktioniert so etwas ganz gut.
  • Patrick hat Recht, dass eine solche Operation Risiken birgt. Denn sollte die Nummer schief gehen und Italien nicht vollständig zurück zahlen können, hätte Deutschland einen Teil der Schulden via des EZB Kapitalschlüssels an der Backe. Allerdings, und das darf man auch nicht vergessen, könnten die Probleme ohne EZB-Intervention so schlimm werden, dass die Rechnung noch teurer ist. Ein Bankenzusammenbruch in Europa nützt keinem.
  • Beim „größeren Risiko“, das er beschreibt, dem Gelddrucken, gehen ihm (bzw. Ansgar Belke) aber ein paar Dinge durcheinander. Erstens ist die Zentralbankbilanz nicht so statisch, dass „bei 560 Milliarden Euro Schluss ist“. Die maximale Verlustabsorption, die die EZB schultern kann, liegt bei 2,000 – 3,000 Mrd. Euro, wie Willem Buiter eher konservativ geschätzt hat. Das würde zwar bedeuten, dass der Steuerzahler von jetzt bis in alle Ewigkeit auf seine Seignoragegewinne verzichten muss, aber es ist zumindest nicht inflationär. Bis 560 Mrd Euro ist es sozusagen fiskalisch neutral, ab dann müssen die Länder der Inflationierung durch Rekapitalisierung der EZBentgegenwirken.1
  • Zweitens ist nicht „ohnehin schon zu viel Geld“ in der Wirtschaft, es gibt sehr viele Indikatoren für das genaue Gegenteil: die Inflationsaussichten sind unterirdisch, die Banken nutzen das Geld nicht, um zusätzliche Risiken einzugehen, sondern im Gegenteil, um liquide zu bleiben, die Arbeitslosigkeit ist hoch, dem Süden Europas droht eine disflationäre Rezession, die Banken fahren ihre Kredite zurück um ihre Eigenkapitalquote zu verbessern etc. Der Goldpreis ist im Übrigen ein denkbar schlechter Indikator (es ist ein Weltmarktpreis, der von sehr vielen Faktoren bestimmt wird), und Immobilien sind eine langfristige Geldanlage, also genau das, was man in Deutschland erwarten würde nach Jahren der Stagnation. Und wenn sie nur deshalb in Immobilien investierten, weil sie dem Geld nicht mehr trauen, dann sollte es auch anderweitigen Inflationsdruck geben.

In der Summe: ja, ein Liquiditätsbackstop durch die EZB birgt Risiken. Und die Hilfe des IMF und der internationalen Gemeinschaft beim Durchdrücken von Reformen und Anpassung wird nötig sein. Aber es ist nicht so, als sei das Alternativszenario sonderlich günstig, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine Bankenkrise auf uns wartet, die ein Eingreifen der EZB erst richtig nötig werden lässt.

In Deutschland müssen wir einsehen, dass diese Krise uns teuer zu stehen kommen kann, so oder so. Der Euro war, das darf man auch an einem Sonntag mal sagen, in seiner Ausgestaltung und Größe eine absolute Scheißidee.


1 Das bedeutet nicht, dass Deutschland sozusagen 1:1 das Geld aus dem Markt holen muss. Die EZB kann jeder Zeit Geld aus dem Markt holen, auch wenn sie nichts mehr zu verkaufen hat. Sie kann z.B. Bank spielen und ein „Sparbuch“ mit 10% Zinsen anbieten. Das kostet aber Seignoragegewinne.