Why oh why…? Holger Steltzner (FAZ) Edition

Der Herausgeber der FAZ, Holger Steltzner, schreibt in seinem Kommentar „Der Politik zu Diensten„:

In Großbritannien … ist das Inflationsgespenst zurück, in den Vereinigten Staaten und anderen Staatsschuldensündern wird Inflationierung als politisch bequemer Weg zur Entschuldung auf Kosten der kleinen Leute wieder salonfähig. Auch in Euroland erhalten diejenigen Zulauf, die eine (nur) kleine Steigerung der Inflation als „Lösung“ der Schuldenkrise empfehlen. Die Inflationsangst in Deutschland sei zwar historisch verständlich, aber nicht mehr zeitgemäß – moderne Inflationsziele lägen eher über fünf als unter zwei Prozent. Was auf den ersten Blick nur nach ein wenig mehr aussieht, halbiert in weniger als zehn Jahren den Wert eines Sparbuchs, einer Rente oder einer Pension.

Oh boy… Es gibt Kommentare in der FAZ, mit denen lohnt es, sich ernsthaft auseinander zu setzen. Aber das hier sind schlicht Behauptungen oder vielsagende Andeutungen. Und alle sind falsch.

  • Großbritannien: die Inflation hat 5% erreicht, soweit stimmt es. Allerdings stecken darin – wie eigentlich alle wissen – drei vorüber gehende Effekte: die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 15% auf 17.5% in 2010 und auf 20% in 2011, die Abwertung des britischen Pfunds und die weltweiten Rohstoffpreise. Löhne aber, und das ist das entscheidende, steigen nicht mit (ca. 2%). Was heißt das? Von Lohn-Preis-Spirale keine Spur, die Bank of England hilft lediglich dabei, den Strukturwandel in UK, der nötig ist, und die Sparprogramme so zu begleiten, dass in der Zwischenzeit weniger Arbeitslosigkeit entsteht. Und um die kleinen Leute geht es Holger doch, wenn er schreibt:
  • Inflation als Entschuldung auf Kosten der kleinen Leute: in den USA wird Inflation (eigentlich: Inflationserwartungen) vor allem als Weg diskutiert, die realen Zinsen auf ein markträumendes Niveau zu bringen (auf dem sie sich nicht befinden), damit die Inflationserwartungen nicht weiter bei nur 1.5% liegen, bei einer Arbeitslosigkeit von 9%. Die Entschuldung der privaten Haushalte (= kleine Leute) wäre eine positive Nebenfolge, aber die kleinen Leute leiden auch und vor allem unter Arbeitslosigkeit. Ich weiß, die FAZ (leider auch Gerald Braunberger) meint, Entschuldungskrisen dauerten eben lange und die Menschen müssten mit Disflation und Arbeitslosigkeit büßen. Das aber ist ökonomisch gelinde gesagt umstritten (Lucas-Kritik, anyone?) und in meinen Augen schlicht zynisch. Was die Entschuldung des Staates angeht, stellt sich die Frage: wer hält denn amerikanische Staatsanleihen? Banken, institutionelle Anleger und jede Menge Zentralbanken, die ihren Wechselkurs manipulieren.
  • Moderne Inflationsziele über 5%: entweder das ist eine bewusste Falschdarstellung, um einen anderen Ansatz zu diskreditieren, oder Holger unterhält sich mit komischen Leuten. Für eine suboptimale Währungsunion wie die Eurozone ist ein 2% Inflationsziel ökonomisch unangemessen, da es die nötigen nominalen Anpassungen erschwert und manche Länder in dieser Zeit in die Deflation und/oder hohe Arbeitslosigkeit zwingt. Das ist ökonomisch auf fast schmerzhafte Weise eindeutig. Was ein besseres Ziel für Europa ist, darüber kann man diskutieren. Ich favorisiere ein nominales BIP Levelziel von zumindest 5%, aber auch ein symmetrisch interpretiertes Inflationsziel um 3% mit Fokus auf Kerninflation und targeting the forecast wäre möglich. Und auch wenn Holger ein „modern“ davor setzt (was bei der FAZ wohl als Schimpfwort verstanden werden muss), sind es vor allem sinnvolle ökonomische Argumente, die einen dort hin führen.
  • Wert eines Sparbuchs halbieren: den größten Schwachsinn hat sich Holger wohl für den Schluss aufheben wollen. Wenn die Zentralbank statt 2% nun 4% Inflation als Ziel ausgibt, was passiert dann mit nominalen Zinsen? Fisher-Effekt? Nie gehört? Sie steigen von vorher x% auf nun x+2%. Was mit den Werten von Häusern, Aktien, Löhnen, Renten etc.? Die steigen jetzt pro Jahr um 2% extra. Sein Hinweis auf das Halbieren von Rente und Sparbuch entlarvt seinen Kommentar schlicht als ganz billige Polemik. Und die Rechnung (Halbierung in weniger als 10 Jahren bei 5% Inflation?) ist auch noch falsch.

Das bedeutet nicht, dass ich mit dem Rest seines Kommentars nicht in Teilen übereinstimmte: auch ich halte den Kauf von Staatsanleihen durch die EZB für problematisch, aber nicht wegen Inflationsgefahren, sondern weil dem deutschen Steuerzahler dadurch fiskalische Risiken durch die Hintertür aufgebürdet werden.

Die Geldpolitik (i.e.S.) der EZB allerdings ist für den Euro momentan eine mittlere Katastrophe, die im Ausland zum Teil nur noch mit einer Mischung aus Erheiterung und Entsetzen wahrgenommen wird. Dass die FAZ das nicht versteht und mit derart schlechten Kommentaren die Unwissenheit und Inflationsparanoia der Deutschen noch bestärkt, lässt mich langsam verzweifeln.