Prognostiziert die EZB ihr eigenes Scheitern, liebes Fazit?

Die deutsche Blogosphäre hat Zuwachs bekommen, und zwar einen ganz schön mächtigen: diese FAZ Redakteure betreiben ab sofort den neuen Blog Fazitwobei ich vermutlich nicht hervor heben muss, dass es mich freut, dass Gerald Braunberger anfängt zu bloggen (sofern er denn die Zeit findet). Aber auch auf Patrick Bernau (ein aktiver Twitterer) und Lisa Nienhaus (deren Beiträge mir oft gut gefallen) freue ich mich. Ich bin jedenfalls gespannt.

Um Fazit gleich mal (inhaltlich) zu provozieren: warum zum Teufel prognostiziert die EZB ihr eigenes Scheitern? Diesen Beitrag wollte ich schon seit Tagen schreiben, leider ist mir Matthew Yglesias zuvor gekommen. Ich schreibe ihn trotzdem.

Eine Zentralbank sollte nie, niemals, ihr eigenes Scheitern prognostizieren. Der Grund ist recht einfach: sie kann fast immer beeinflussen, ob sie scheitert oder nicht. Und sie sollte natürlich nicht scheitern. Wenn sie zum Beispiel erwartet, dass die Inflation in der Zukunft unter ihrem Ziel bleibt, sollte sie die Geldpolitik sofort so anpassen, dass sie erwartet, ihr Inflationsziel zu erreichen. Ich würde natürlich etwas weiter gehen und sagen: die Zentralbank sollte ihre Geldpolitik immer so setzen, dass sie ein stabiles Wachstum des nominalen BIP (NBIP) erwartet, denn das ist die entscheidende Größe für makroökonomische Stabilität, nicht Inflation. Aber bleiben wir einfach mal bei der EZB und ihrem Inflationsmandat.

Die EZB erwartet für 2012 1.7% Inflation und für 2013 1.6% Inflation. Das ist nicht “knapp unter 2%”, das ist deutlich darunter. Aber es wird ja noch besser: gegeben, dass sich in der Eurozone große Anpassungen in Löhnen und Preisen vollziehen müssen, und dass nachfrageinduzierte Deflationen eine wirtschaftliche Katastrophe sind (immer so gewesen und wird auch immer so sein), ist eine erwartete Durchschnittsinflation von 1.6-1.7% absolut unzureichend. Ich kenne keinen einzigen Ökonomen, der das bestreiten würde.

Nun ist die FAZ ja bekanntlich Deutschlands ordnungsökonomisches Gewissen, und lehnt Staatsanleihenkäufe durch die EZB ab, wegen der Inflationsgefahr. Dazu mag man stehen wie man will. Aber, und das ist etwas, dass endlich mal in Deutschland ankommen muss: wenn alles zusammenbricht, wird der EZB nichts anderes übrig bleiben. Auch hier kenne ich keinen, der das ernsthaft verneinen würde. Wenn ich mich als FAZ also darüber aufrege, dass die EZB Staatsanleihen kauft, dann muss ich die EZB dafür kritisieren, dass sie mit der Prognose ihres eigenen Scheiterns geradezu darauf hinarbeitet, dass die Eurozone den Bach runter geht und alles zusammenbricht, was sie dazu zwingt einzuspringen.

Es wird also ein Paradox deutlich (ich weiß, ich wiederhole mich): wenn die EZB jetzt 2,x% Inflation, besser 3-4% Inflation für 2 Jahre zulässt, verringert sie das Risiko, sich durch erzwungene Staatsanleihenkäufe echte Inflationsrisiken aufzuhalsen. Denn mal ganz ehrlich, lieber Gerald: wie schlimm sind 3-4% Inflation für 2 Jahre? Wer glaubt denn ernsthaft, die EZB würde dadurch ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen? Sie würde in einer absoluten Ausnahmeextremsituation von ihrem (ohnehin zweifelhaften) Inflationsziel von knapp unter 2% abweichen, und danach (und niemand bezweifelt das) mit Volcker’schem Nachdruck wieder dahin zurück kehren.

Ich freue mich auf Eure Antwort und alles Gute zum Blogstart,

Euer Kantoos