Draghi und die deutsche Presse

Eine kurze Reaktion auf die EZB-Entscheidung. Natürlich bin ich froh, dass Draghi sich als pragmatischer herausstellt als ich gedacht hätte und sich nicht scheut zu zeigen, was Trichet für einen Unsinn dieses Jahr mit zwei Zinserhöhungen fabriziert hat. Was mich aber wieder irritiert (um mal freundlich zu bleiben), ist die Reaktion der deutschen Presse.

Hier die die SZ:

Der neue Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, ignoriert Inflationsrisiken und senkt den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent.

Und die FAZ setzt natürlich noch einen drauf:

Paukenschlag zum Start des neuen EZB- Präsidenten Mario Draghi: Trotz hoher Inflation senkt die Notenbank die Zinsen im Euro-Raum.

Später zitieren sie noch das Institut der deutschen Wirtschaft (!) mit folgender Aussage:

Die EZB bewege sich mit der Zinssenkung trotz 3 Prozent Inflation „auf dünnem Eis“.

Oh boy…

Inflationsrisiken? Wo sollen die denn herkommen? Halb Europa muss sparen, seine Löhne senken, China steht vor einer Abkühlung, der Industrieindex sinkt, die Fed in den USA prognostiziert ihr eigenes Versagen, … Anders herum wird ein Schuh draus: wenn die EZB nicht langsam anfängt, die Verwerfungen in der Eurozone aggressiv abzufedern, wird sie sich durch Staatsrettungen, die dann unumgänglich werden, echte Inflationsrisiken aufhalsen.

Die FAZ (und scheinbar auch die SZ in einem anderen Artikel) entspricht in ihrem geldpolitischen Ansatz der Trichet-EZB: heutige Inflation als Maßstab zu nehmen für den geldpolitischen Kurs. Damit hat sich die EZB in den letzten 3 Jahren wie zu erwarten war bis auf die Knochen blamiert, was der FAZ entgangen zu sein scheint. Aber der FAZ ist es ja auch nicht peinlich, dass sie um ihre Skepsis zu stützen neben der Landesbank BW und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) scheinbar niemanden gefunden hat, der sich zitieren ließ – was niemanden überraschen sollte.

Eine der wichtigsten Regeln der Geldpolitik lautet: target the forecast! Mit anderen Worten, setze Deine Politik so, dass Du und/oder der Markt erwartet, dass Du Dein Ziel erreichst. Meines Wissens sind die Erwartungen bezüglich Inflation in den nächsten 10 Jahren weit unter dem EZB Ziel. Von der bedrohlichen Situation in Europa ganz zu schweigen. Ich hoffe, Draghi macht so weiter, ob die deutsche Presse das nun versteht, oder nicht …