Stell Dir vor es ist Währungskrieg…

… und alle machen mit!?

Ja, es ist wieder Zeit. Und wer hat’s verbrochen? Die Schweizer. Sie haben einen Preisdeckel auf den Franken gesetzt: tiefer als 1.20 pro Euro darf er nicht fallen. Sagt die Zentralbank und verspricht alles zu unternehmen um diese Grenze mindestens zu halten.

Wie war das noch mit dem Vertrauen in die Zentralbanken, Gerald? Komisch, dass die Schweizer es schaffen, durch die bloße Ankündigung ihrer Zentralbank den Kurs ihrer Währung auf 1.20 zu heben. Oder wie Matt Yglesias es formuliert:

Earlier today the central bank of Switzerland showed that there’s a lot that can be done through the communications channel of monetary policy by simply stating that they will not allow the Swiss franc’s price in Euros to rise above a certain level, and promised to engage in “unlimited” printing of money and purchasing of foreign currency to hit the exchange rate peg. Naturally, this immediately moved currency markets because when someone with the ability to create arbitrary quantities of Swiss francs at zero cost speaks of his determination to reduce the price of Swiss francs, you listen closely.

Aber das ist doch einfach, werdet Ihr sagen: Euros kaufen, dafür Franken ausgeben, das kann jede Zentralbank der Welt, und daher glauben es die Leute auch. Hier muss man aber einige Dinge schön auseinander halten: das bloße Ankaufen von Euro durch Herausgabe von Franken bekämpft das Problem nur dann effektiv, wenn dies nicht sterilisiert wird, d.h. nicht durch kontraktive Geldpolitik an anderer Stelle kompensiert wird. Andernfalls ist das Gefälle zwischen Nachfrage und Angebot nicht aufgehoben und der Franken steigt weiter im Wert.

Im Prinzip verpflichtet sich die Zentralbank dazu, expansive Geldpolitik zu betreiben (und was sie dabei kauft, ob Euros oder was auch immer, ist im Prinzip völlig egal).

Was hat das ganze jetzt mit Währungskrieg zu tun, beggar-thy-neighbour und ähnlichem ökonomischem Schmarrn? Genau gar nichts. Beide Vokabeln sollten aus den Wörterbüchern aller Kommentatoren gestrichen werden. Denn kompetitive Währungsabwertungen heisst nur, dass einige Länder versuchen, expansivere Geldpolitik zu machen, und andere nicht. Punkt.

Und in manchen Situationen ist es genau das, was die Weltwirtschaft braucht: expansive Geldpolitik vieler Staaten. Zum Beispiel in den 1930er Jahren, wo die Aufhebung des Goldstandards („Währungskrieg“) ein Segen für alle war, die mitmachten:

Der Graph (HT Matt Yglesias) zeigt die Industrieproduktion in Farbe ab dem Zeitpunkt, in dem das Land die Goldbindung aufgab.

Was die Schweizer uns zeigen ist, dass Geldpolitik durch das Setzen von Erwartungen höchst effektiv ist. Und sie erinnern uns daran, dass es Zeiten gibt, in denen expansivere Geldpolitik in vielen Ländern allen helfen würde. Hoffen wir mal, dass die EZB und manch europäischer Ökonom auch etwas lernen.

Update: Ryan Avent schreibt ähnliches, hätte ich mal vorher lesen sollen…

Gerald Braunbergers geldpolitische Schimpfkanonade

Jeder Leser dieses Blogs weiß wohl, wie sehr ich Gerald Braunberger von der FAZ schätze und wie sehr ich die Diskussionen mit ihm in den Kommentaren zu einigen Einträgen genossen habe. Mit seinem polemischen, in Teilen schlicht falschen Kommentar „Die Überforderung der Geldpolitik“ perpetuiert er aber eine unberechtigte geldpolitische Skepsis in Deutschland, die uns in Europa im Moment und in Zukunft teuer zu stehen kommen wird. Und weil mich das ärgert, muss ich seinen Kommentar hier zerpflücken, werde aber in einem Kompromissvorschlag enden.

Gerald schreibt:

Je unbefriedigender die wirtschaftliche Lage ist, umso größer werden die Ansprüche an die Geldpolitik. … [D]en Notenbanken wird nun auch noch eine weitere Aufgabe nahegelegt: Sie sollen durch höhere Inflationsraten einen Beitrag zur Stimulierung der Wirtschaft leisten, die ansonsten in einer Depression zu verharren drohe. Diese verzweifelt anmutende Idee verdeutlicht den intellektuellen Bankrott, den die seit zwei Jahrzehnten herrschende … makroökonomische Lehre in der Finanzkrise erlitten hat.

Die Ignoranz gegenüber der modernen VWL ist in Deutschland weit verbreitet, und sein „intellektueller Bankrott“ und spätere ähnliche Aussagen befördern dieses Vorurteil, obwohl es viel zu lernen gäbe. Zudem freut sich die Leserschaft der FAZ wohl diebisch an einem solchen VWL-Bashing und wird daher nie verstehen, warum die deutsche geldpolitische Skepsis, die Gerald hier vertritt, Europa in den Ruin führen wird. Damit ist nicht gesagt, dass sich die moderne Makro einig wäre – Henry Kaspar und ich zoffen uns oft genug. Aber eine offenere Betrachtung, auch vom Tonfall, hätte zu Gerald besser gepasst, denn so kommt die ökonomische Debatte in Deutschland nie weiter.

Seine Skepsis bezüglich geldpolitischer Ansichten wie meiner beruht auf zwei Argumenten. Erstens:

Jenseits jeglicher Realität ist die Vorstellung der akademischen Anhänger dieser Lehre, eine Notenbank könne durch Ankündigungen die Erwartungen der Menschen immer zuverlässig steuern. Dazu bedürfte es eines Grundvertrauens der Menschen in die Fähigkeit einer Notenbank, den Wirtschaftsablauf zu steuern, das aus gutem Grunde nicht vorhanden ist.

Dieses erste Arugment formuliert er später so:

Die Vorstellung von der Allmacht der Notenbank … erinnert auch an das Vertrauen sozialistischer Strategen in die Umsetzbarkeit von Fünfjahresplänen. In beiden Fällen liegt der Grundirrtum in der impliziten Annahme, Menschen handelten wie einfach programmierbare Roboter.

Das ist schlicht falsch, niemand braucht ein Grundvertrauen „in die Fähigkeit der Zentralbank, den Wirtschaftsablauf zu steuern“. Man braucht die Einsicht, dass die Zentralbank die nominalen Größen in der Zukunft sehr stark beeinflussen kann (die jeder hat) und die Überzeugung, dass Zentralbankchefs Versprechen ihres früheren Ichs nicht torpedieren. Wenn man dies in ein level target bezüglich einer nominalen Größe wie des Preislevels gießt – eine dieser abstrusen Ideen der modernen Makro – kommt man bei der starken Verankerung einer nominalen Größe heraus, die man natürlich durch entsprechende Setzung der Zinsen und eventuelles quantitative easing (QE) untermauert. Damit stabilisiert man die Erwartungen bezüglich der nominalen Wirtschaft in Zeiten der Unsicherheit – eines der Grundziele der Geldpolitik. Denn die Erwartungen im Kleinen, die Aussichten auf zukünftige Nachfrage nach dem eigenen Produkt, sind im Aggregat die Erwartungen bezüglich der nominalen Wirtschaft und damit für die Konjunkturentwicklung von größter Wichtigkeit. Wer meint, das hätte mit sozialistischer Zentralplanungswirtschaft zu tun, entlarvt sich schlicht als Ideologe.

Das zweite Problem von Gerald mit den geldpolitischen Ansichten der angeblichen Inflationisten ist:

Wer glaubt, Menschen mit Inflationsangst würden heimische Güter und Dienstleistungen kaufen und damit die Wirtschaft ankurbeln, sollte einen Blick in das Deutschland des Jahres 2011 werfen: Hier legen Menschen, die um den Werterhalt ihrer Währung fürchten, Euro-Guthaben in Schweizer Franken, Gold, Immobilien oder norwegischen Kronen an. Damit befördern sie höchstens neuerliche Blasen an Vermögensmärkten, während der deutsche Konsum lahmt.

Leider schießt sich Gerald damit selbst in den Fuß. Denn wie soll die Wirkungsweise von Geldpolitik aussehen, z.B. in UK wo die Geldpolitik aggressiver war und das vermutlich deshalb so halbwegs glimpflich aus der Krise gekommen ist, obwohl kaum ein Land so schwer getroffen wurde? Man würde sich wünschen, dass die Menschen a) in langfristige Güter investieren, weil die Inflation hoch und die Zinsen niedrig sind, und b) das Geld, was sie horten, im Ausland anlegen, damit das Ausland im Gegenzug Güter kauft und ausländische Güter wegen des Abwertens der Währung teurer werden. Man wünscht sich also genau die Dinge, die Gerald unverständlicherweise verteufelt.

Und was sagt, neben Geralds anekdotischer Evidenz, die wirkliche Empirie? Dieser Graph von David Beckworth für die USA zeigt den Zusammenhang zwischen den Erwartungen zum zukünftigen nominalen BIP (in dem Inflation enthalten ist) und dem tatsächlich eingetroffenen über die nächsten 12 Monate.  Schon recht deutlich.


Wenn sich Gerald zu guter Letzt beim Liebling der deutschen Kaufkrafttheoretiker bedient, dem deutschen Konsum, erzeugt das weitere Missverständnisse: der Konsum muss überhaupt nicht „anziehen“, wie es so gerne geschrieben wird, sondern die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das ist ein großer Unterschied – wobei ich hier sicher bin, dass Gerald das weiß (aber warum schreibt er dann sowas?).

Den Aspekt der Glaubwürdigkeit einer Zentralbank, den Gerald als letztes anspricht, werden wir hier im Blog in Zukunft ausführlicher besprechen – ein spannendes, und nicht so leicht zu beantwortendes Thema wie Gerald meint („Mit der Glaubwürdigkeit der Notenbank spielt man nicht.“). Daher werde ich dem jetzt nicht vorgreifen.

Nun zum Kompromiss: wie wäre es, wenn die Zentralbank einer knallharten Regel folgt, was ihre Glaubwürdigkeit sozusagen zementiert? Und den Rest dem Markt überlässt, sozusagen das Gegenteil von sozialistischer Planwirtschaft. Das einzige, das sie vorgibt: das Level der im Land getätigten Gesamtausgaben, von jetzt bis in alle Ewigkeit. Praktisch gesprochen gibt sie vor, dass die nominale Gesamtausgaben pro Jahr um 5% wachsen und jedes Abweichen von diesem Ziel im nächsten Monat/Quartal/Jahr (also in Zukunft) korrigiert wird (aka level targeting). Ja, es führt gelegentlich zu höherer Inflation, denn in Entschuldungsphasen, wenn das Wachstum darnieder liegt, wird ein solches Ziel höhere Inflation erzeugen. Aber genau das erleichtert die Entschuldung, vermindert die Arbeitslosigkeit und Rezession und vereinfacht zudem auch den Strukturwandel. Zudem bleiben die wirklich wichtigen Erwartungen, nämlich die der zukünftigen nominalen Wirtschaft, fest verankert, sowohl nach oben, als auch nach unten. Der Markt entscheidet, ob es mehr reales Wachstum oder mehr Inflation werden. Und auch Boomphasen werden abgemildert, denn man weiß: ein Überschießen der nominalen Gesamtausgaben wird korrigiert werden, wegen des Levelziels. Es wäre die konservativ-marktorientierte Geldpolitik (in den USA wird sie auch von Leute aus dem liberal-rechten Bereich vertreten), und die natürliche Fortentwicklung von Milton Friedmans k-percent rule. Warum einigen wir uns nicht einfach darauf, Gerald?

PS: die Nullzinsfalle, die für die USA nur mit einigem Goodwill zutrifft, und auf keinen Fall für Europa, habe ich hier einmal außen vor gelassen, und möchte sie auch in den Kommentaren nicht diskutieren, denn darum geht es Gerald nicht.

Sinnlose Schätzungen des Multiplikators?

Olaf Storbeck, Blogger und Journalist beim Handelsblatt, hat kürzlich eine Liste der meist gelesenen Einträge seines Blog veröffentlicht und erster in dieser Liste ist ein Eintrag über die neueste wissenschaftliche Evidenz zum Multiplikator von Fiskalpolitik. Es ist eine schöne und gut lesbare Zusammenfassung, allerdings habe ich drei Probleme:

  • Niemand scheint zu wissen, wie man den fiscal multiplier eigentlich definiert.
  • Empirische Makrostudien habe große Probleme mit der Identifikation wirklich kausaler Effekte.
  • Was Mikrostudien uns über den Effekt von expansiver Fiskalpolitik sagen, ist mir nicht klar.

Wenn Euch ersteres merkwürdig vorkommt, seid Ihr in guter Gesellschaft. Wie viele andere war auch ich von einem Eintrag von Scott Sumner zu diesem Thema einigermaßen überrascht. Und doch hat er Recht. Bei den anderen beiden Punkten wundert mich, dass diese Studien nicht genau deshalb massiv kritisiert werden, obwohl jeder den Grund kennt.

Was soll der Multiplikator eigentlich messen? In meinem Verständnis soll er in einer Situation mangelnder gesamtwirtschaftlicher Nachfrage (aggregate demand, AD) messen in wie weit Fiskalpolitik eben jene AD erhöhen kann. Anstatt AD können wir auch einfach die nominalen Gesamtausgaben (= nominales BIP, NBIP) schreiben. Und was messen die empirischen Studien? Von Barros Weltkriegsschätzung bis zu dem von Olaf diskutierten Mafiapapier: Auswirkungen auf reale Größen. Hmm… Komisch. Höhere Nachfrage sollte ein höheres reales BIP zur Folge haben, natürlich. Das aber hängt von der Auslastung ab! Die Fähigkeit von Staatsausgaben AD zu beeinflussen sollte unabhängig sein von der Frage, ob eine Erhöhung von AD das reale BIP erhöht, wie Scott richtig schreibt. Für mich ist das auch alles nicht konsistent.

Nun aber zu zweiterem Punkt. Olaf führt als theoretisches Problem Ricardian equivalence an. Dies ist das Problem des klassischen Multiplikators und nicht das auf was ich abziele, dennoch ein paar Worte hierzu. Die Ricardian equivalence Fraktion ist bezüglich Fiskalpolitik (als Bekämpfung von AD Schwäche!) argumentativ etwas schwach auf der Brust. Schon das simple Rechenbeispiel von Paul Krugman deutet dies an:

If the government introduces a new program that will spend $100 billion a year forever, then taxes must ultimately go up by the present-value equivalent of $100 billion forever.

Wenn Menschen dann ewig leben, perfekte Vorausschau haben etc. werden sie ihre Ausgaben um genau diese 100 Mrd. $ reduzieren, Effekt = Null. Aber wenn die Regierungsausgaben nur temporär sind?

[I]t will increase spending by $100 billion per year for only 1 or 2 years, not forever. This clearly implies a lower future tax burden than $100 billion a year forever, and therefore implies a fall in consumer spending of less than $100 billion per year.

Damit macht es sich zwar auch Krugman zu einfach, aber das ist vielleicht ein Thema für einen gesonderten Eintrag.

Was mir viel wichtiger ist als Ricardian equivalence, ist Geldpolitik. Woodford schreibt beispielsweise in seinem Papier „Simple Analytics of the Government Expenditure Multiplier“:

[T]he multiplier is 1 in the case that the monetary authority maintains a constant path for real interest rates despite the increase in government spending. The multiplier can be considerably smaller, however, if the monetary authority raises real interest rates in response to increases in inflation or real activity resulting from the fiscal stimulus.

Völlig richtig, und warum zur Hölle sollte eine Zentralbank das nicht tun, und statt dessen die Geldpolitik konstant lassen? Moment, was heißt überhaupt „konstant“ im Bezug auf Geldpolitik? Auf jeden Fall nicht, was man denkt.

Für manche ist „konstant“ ein gleichbleibender (nominaler) Zinssatz. Das ist aber unplausibel, da der Zinssatz nur Mittel zum Zweck ist. Eine zinssetzende Zentralbank hat ein Ziel (etwa Inflation), und wenn sie durch gestiegene Staatsausgaben droht von diesem Ziel (nach oben) abzuweichen, weil sie die Zinsen gleich lässt, macht sie dann eben doch andere, expansivere Geldpolitik als vorher, wo sie ihr Ziel noch erreichte. Gleiches gilt für Geldmenge als Ziel, oder ein Kombination aus allem. Eine Geldpolitik kann also eigentlich nur als konstant bezeichnet werden, wenn sie zu jeder Zeit so gesetzt ist, dass erwartet wird, dass sie ihr Ziel erreicht.

Wenn eine Zentralbank nun strikt AD selbst als Ziel ausgibt, wie es Scott vorschwebt, und die Zentralbank in der Lage ist, die Erwartungen bezüglich zukünftigen ADs beliebig zu beeinflussen – und ich habe zumindest bisher nichts theoretisch oder empirisch Überzeugendes gefunden, was das Gegenteil beweisen würde – dann ist der Multiplikator genau Null. Der Grund ist, dass die Zentralbank ohnehin schon ihr präferiertes Level an AD anpeilt, und jede Änderung durch Staatsausgaben umgehend und vollständig kompensiert. Die Nullzinsgrenze ist das einzige, wo eine solche Zentralbank in Probleme kommen könnte, allerdings sind diese Probleme weder theoretisch überzeugend noch empirisch belegbar, die Indizien sprechen eher für das Gegenteil.

Was tun nun die meisten empirischen Studien zum fiskalischen Multiplikator (abseits der Frage, warum sie reale Größen verwenden)? Sie nehmen den Zinssatz, Geldmenge und ähnliches als Indiz „konstanter“ Geldpolitik (falls Ihr Gegenbeispiele habt, immer her damit). Das ist nicht sehr sinnvoll, insofern bin ich freundlich ausgedrückt sehr skeptisch bezüglich solcher Studien.

Die Identifikation von geldpolitischen Schocks, die man für eine glaubwürdige, kausale Untersuchung von den Effekten von Geld- und Fiskalpolitik benötigt, ist einfach extrem schwierig und eine wirkliche Kausalitätsrevolution wie die in der Mikroökonometrie hat die Makro noch vor sich. Der Charme des Mafiapapiers liegt darin, zumindest eine exogene Variation in Fiskalpolitik gefunden zu haben, das ist ein erster, guter Schritt.

Was allerdings geldpolitische Identifikation angeht, müssen wir uns wohl auf historische Fallstudien verlassen, deren Interpretationsspielraum entsprechend ist. Oder auf Papiere, die zumindest Fortschritte in die Richtung einer wirklichen Identifikation machen, wie Romer & Romer (2004) „A New Measure of Monetary Shocks: Derivation and Implications“. Dieses Papier findet übrigens sehr starke und relativ schnell wirkende Effekte von Geldpolitik, im Gegensatz zu früheren Studien mit unzureichendem empirischen Design, I wonder why… So viel zu der großen Zeitverzögerung, mit der Geldpolitik angeblich wirkt, auch so ein Märchen, das nicht tot zu kriegen ist. Zudem gibt es bei ihnen kein price puzzle. Identification matters! (HT: Scott Sumner’s Kommentator David Landry)

Und Mikrostudien? Bei denen weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, was sie mir sagen sollen. Wenn man sie auf eine staatliche Ebene bringen will, müsste man annehmen, dass man aus den regionalen Multiplikatoren einen landesweiten machen kann. Das aber ist offensichtlich etwas schwierig. Denn die geldpolitische Antwort, die im Mafiapapier ganz frech als „konstant“ angenommen wurde (was landesweit bei einer reinen Umverteilung von Staatsausgaben noch stimmen mag, aber eben nicht für die einzelne Region!), kann unmöglich ignoriert werden.

Wie ist das nun in einer Währungsunion? Hier mögen Mikrostudien hilfreich sein – sofern sie das Geldpolitikproblem auf der makroempirischen Seite gelöst haben! Dann könnte regionale, expansive Fiskalpolitik einen Multiplikator bezüglich AD haben und den Anpassungsprozess an niedrigere Preise und Löhne angenehmer gestalten – sofern sie diesen Prozess, so er denn nötig ist, nicht aufhält. Genau letztere Schlussfolgerung, den Anpassungsprozess aufhalten, könnte man aber aus diesen Mikrostudien ziehen wollen, auch wenn das falsch wäre.

Empirische Makro ist ein schwieriges Feld, und leider muss ich sagen: es überzeugt mich nicht. Ich würde bei den meisten Studien nicht mal nach dem Motto „es ist das Beste, was wir haben“ verfahren wollen, denn eine schlechte statistische Analyse ist leider komplett nutzlos. Ordentliche Theorie und historische Fallstudien müssen wohl bis auf weiteres reichen.

Mindestlöhne in der Krise

Wenn es um eine schwere Rezession geht, könnten die Meinungen zu Löhnen kaum unterschiedlicher sein. Für manche sind rigide Löhne die Ursache des Problems, für andere Teil der Lösung. Krugman hat dies kürzlich diskutiert im Zusammenhang mit der zero lower bound, der Nullzinsgrenze, an der eine Zentralbank festhängen kann (auch wenn sie nach Meinung der ökonomischen Lehrbücher selbst an der Nullzinsgrenze noch viele Optionen hat). Dies aber ist ein Thema für einen gesonderten Eintrag.

Ein weiterer Aspekt sind gesetzliche Mindestlöhne. Warum sollten sie in der Krise ein Problem sein? Weil in den USA mit 14 Millionen Arbeitslosen die Leute mittlerweile umsonst arbeiten. Warum sollten Leute umsonst arbeiten wollen? Ryan Avent schreibt:

When long spells of unemployment are common, temporary unpaid work provides a means to maintain and improve skills while building contacts. Given stiff competition for new positions, unpaid labour allows a worker to signal his or her fitness for the job relative to applicants.

Der Mindestlohn ist hier ein Problem, denn Leute unterhalb des Mindestlohns zu bezahlen ist illegal. Ihnen gar nichts zu zahlen dagegen nicht.  Das bedeutet, nur diejenigen, die wirklich für lau arbeiten, bekommen einen Job obwohl bei geringer Bezahlung unterhalb des Mindestlohns vermutlich mehr Leute zu arbeiten bereit wären.

Es gäbe zwei sehr ähnliche Möglichkeiten, mit diesem Problem umzugehen. Ryan Avent schlägt vor:

Still, if you could get rid of the minimum wage and instead adopt a policy in which the government simply subsidises the incomes of sub-minimum wage workers up to the minimum wage level, you’d unambiguously increase employment without forcing anyone to take home less pay.

Eine andere, ähnliche Möglichkeit wäre, in einer solchen Situation eine Art Kurzarbeit für den Niedriglohnsektor einzuführen: den gesetzlichen Mindestlohn kurzfristig aussetzen, die Arbeitszeit reduzieren und aus Steuermitteln die Löhne aufstocken.

Bin ich hier der kalt-zynische Ökonom? Mitnichten. Die Schwere der Rezession abzumildern wäre Aufgabe einer fähigen Zentralbank, dann würde es vermutlich gar nicht zu solch extremen Situationen kommen. Da aber der Aufschrei über das Versagen der Zentralbank so gering ist, muss man wohl oder übel aus der Situation das Beste machen. Und in den USA scheint der Mindestlohn dem zum Teil im Weg zu stehen.

PS: Wer mehr darüber lesen will, findet die Story dahinter in diesem Artikel: Fortune – Unpaid jobs: The new normal?

Wer ist der bessere Keynesianer?

Der wie immer exzellente Nick Rowe hat sich in die Diskussion um Milton Friedman eingeschaltet. Nicht die auf diesem Blog, die Henry Kaspar mit „Milton Friedman und die Krise“ angestoßen hatte, sondern eine sehr ähnliche in den USA, die Brad DeLong damit begonnen hatte, dass er Friedman für die in seinen Augen falschen Modelle der jüngsten Krise verantwortlich machte: Friedman habe die Welt viel zu einfach gemacht um zu tarnen, wie nah er eigentlich den keynesianischen Ideen war. Für Nick aber scheint Friedman der bessere, weil radikalere Keynesianer.

Nick erklärt zunächst, dass weder keynesianische Makro, noch Monetarismus ohne Geld einen Sinn ergäben. Das was diese Makromodelle ausmacht ist zunächst die Präsenz von Geld. Friedman hat daher auch folgerichtig die Geldpolitik ins Zentrum gestellt. Dass er daraus seine weniger gelungene k%-Regel abgeleitet hat, nach der die Geldmenge verstetigt wachsen sollte, sieht Nick weder als dramatisch, noch als den Kern von Friedmans Makro an.

Und keynesianische Makro? Steht Geld dort auch im Zentrum? Und wie kommt die Fiskalpolitik ins Bild? Nick beschreibt in unnachahmlicher Weise zunächst keynesianischer Arbeitslosigkeit:

Take a Keynesian model. … Start in long run equilibrium. Now hit it with the sort of shock that would cause a recession. Aggregate Demand falls, which causes output and employment to fall. Unemployment increases. OK, what’s really going on here?

The unemployed hairdresser wants her nails done. The unemployed manicurist wants a massage. The unemployed masseuse wants a haircut. If a 3-way barter deal were easy to arrange, they would do it, and would not be unemployed. There is a mutually advantageous exchange that is not happening. Keynesian unemployment assumes a short-run equilibrium with haircuts, massages, and manicures lying on the sidewalk going to waste. Why don’t they pick them up? It’s not that the unemployed don’t know where to buy what they want to buy.

If barter [Naturaltausch] were easy, this couldn’t happen. All three would agree to the mutually-improving 3-way barter deal. Even sticky prices couldn’t stop this happening. If all three women have set their prices 10% too high, their relative prices are still exactly right for the barter deal. Each sells her overpriced services in exchange for the other’s overpriced services.

But barter is not easy. There is no double coincidence of wants here, and it is costly to find all three people in the Wicksellian triangle to do the barter exchange. So people use money. The unemployed hairdresser is more than willing to give up her labour in exchange for a manicure, at the set prices, but is not willing to give up her money in exchange for a manicure. Same for the other two unemployed women. That’s why they are unemployed. They won’t spend their money.

Keynesian unemployment makes sense in a monetary exchange economy, … It makes no sense whatsoever in a barter economy … A Keynesian recession is an excess supply of newly-produced goods, and a deficiency of Aggregate Demand. In a monetary exchange economy, a deficiency of Aggregate Demand, and an excess supply of goods, is an excess demand for money.

Was hat Fiskalpolitik dann in dieser Analyse verloren? Sollte man nicht die Geldpolitik ins Zentrum stellen, wie Friedman dies getan hat? Laut Nick auf jeden Fall:

Fiscal policy is supposed to be about micro stuff, like providing the goods that the government is better at providing. Fiscal policy can’t do that micro stuff properly if it’s being asked to also do the job that monetary policy is supposed to be doing.

Und er schlussfolgert:

The trouble with Keynesians is that they aren’t radical enough. They need to look at their own models and see the root of the problem, and recommend policies to get at the root of the problem. The root of all Keynesian recessions is monetary.

Just like Milton Friedman said.

Und damit komme ich zu einem Papier, das in der amerikanischen Blogosphäre einige Diskussionen hervorgerufen hat: „An Exploration of Optimal Stabilization Policy“ von Mankiw und Weinzierl. Es analysiert die optimale Politikreaktion auf ein Nachfrageproblem und erstellt eine Hierarchie von Eingriffen, die in einem solchen Fall zur Anwendung kommen sollte:

The first level of the hierarchy applies when the zero lower bound on the short-term interest rate is not binding. In this case, conventional monetary policy is sufficient to restore the economy to full employment. … Fiscal policy should be set based on classical principles of cost-benefit analysis, rather than Keynesian principles of demand management. …

The second level of the hierarchy applies when the short-term interest rate hits against the zero lower bound. In this case, unconventional monetary policy becomes the next policy instrument to be used to restore full employment. … [A]n increase in the long-term nominal anchor is, in this model, always sufficient to put the economy back on track. … [F]or example, … the central bank targeting a higher level of nominal GDP growth. With this monetary policy in place, fiscal policy remains classically determined.

The third level of the hierarchy is reached when monetary policy is severely constrained. … [T]he central bank is unable to commit to future monetary policy actions. In this case, fiscal policy may play a role. The model, however, does not point toward conventional fiscal policy, such as cuts in taxes and increases in government spending, to prop up aggregate demand. Rather, fiscal policy should aim at incentivizing interest-sensitive components of spending, such as investment. In essence, optimal fiscal policy tries to do what monetary policy would if it could.

The fourth and final level of the hierarchy is reached when monetary policy is severely constrained and fiscal policymakers rely on only a limited set of fiscal tools. If targeted tax policy is for some reason unavailable, then policymakers may want expand aggregate demand by increasing government spending, as well as cutting the overall level of taxation to encourage consumption. In a sense, conventional fiscal policy is the demand management tool of last resort.

Ich glaube es ist nicht hoch gegriffen zu sagen, dass dies der Konsens unter Ökonomen vor dem Ausbruch der Krise war: Fiskalpolitik macht ohnehin nur das, was Geldpolitik eigentlich besorgen sollte und sollte daher nur zur Anwendung kommen, wenn Geldpolitik ernsthaft beschränkt ist. Das ist moderner, internationaler Keynesianismus – und ist damit von Friedman nicht mehr weit entfernt.

In der gegenwärtigen Krise wiederum ist Level 3 und 4 zur Anwendung gekommen, obwohl Level 2 noch nicht ausgeschöpft war (man hätte zum Beispiel explizite Ziele für das nominale BIP (NBIP) ausgeben und entsprechend untermauern können). Warum wurde es nicht ausgeschöpft? Hier müsste es einen Aufschrei unter Ökonomen geben, zumindest so lange sie an diesen Konsens oben glauben, den sie jahrelang gelehrt haben. Aber die meisten loben die Zentralbanken auch noch. Das verstehe, wer will. Nun kann man einwenden, dass unterschiedliche Institutionen für beide Bereiche zuständig waren. Und als Level 2 von den Zentralbanken nicht ausgeschöpft wurde, mussten die Regierungen zu Level 3 und 4 übergehen.

In diese Richtung geht denn auch die Kritik von Paul Krugman, auch wenn er den Zentralbanken wenig Vorwürfe macht, sondern die Beschränkungen der Geldpolitik für real hält – Beschränkungen allerdings, die in meinen Augen daher kommen, dass die meisten Ökonomen die Konsensmakro oben aus dem Fenster warfen und somit zu ökonomisch unfundierter Inflationsparanoia übergingen, oder Fiskalpolitik forderten um ein eigentlich geldpolitisches Problem zu lösen. Hätten die allermeisten Ökonomen ihre eigene Lehre wirklich angenommen und mit Nachdruck vertreten, wäre Geldpolitik meiner Ansicht nach auch nicht in der Weise beschränkt gewesen, die Krugman beschreibt:

Now bear in mind that in order to make a commitment to inflation work, central bankers not only have to stand up to the pressure of inflation hawks — which is much harder when you’re having to testify to Congress than it is if you’re a Harvard professor — but, even harder, they need to convince investors that they’ll stand up to that pressure, not just for a year or two, but for an extended period.

Now, the thing about fiscal expansion is that people don’t have to believe in it: if the government goes out and builds a lot of bridges, that puts people to work whether they trust the government’s commitment to continue the process or not.

Dies ist der moderne Konflikt zwischen Keynesianern und, nun ja, Keynesianern. Denn es geht nicht um die Diagnose: das Problem ist unzureichende Nachfrage. Es geht auch nicht um die beste Medizin: die ist ohne Frage die Geldpolitik, konventionell und unkonventionell. Es geht um die Frage, ob und wann Geldpolitik an ihre Grenzen stößt. Wer der bessere Keynesianer ist, bleibt also unbeantwortet. Aber Keynesianer sind sie alle, auch die Monetaristen. Oder wie Nick, der „quasi-Monetarist“ (Nick Rowe über Nick Rowe), seine Argumentation einst beschrieb:

This is real Keynesian macroeconomics, as it should be done.

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