Wo Hans-Werner Sinn recht hat – und wo nicht / Where Hans-Werner Sinn is Right – and Where he is Not

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Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar.

Kantoos hat vorgeschlagen Hans-Werner Sinns Thesen zu Target2 zu kommentieren – eine Debatte die mit unverminderter Heftigkeit weitergeht, obwohl spätestens seit dem verdienstvollen Aufsatz Willem Buiters und seiner Citibank-Kollegen wenig technische Fragen zur Klärung übrigbleiben (oder zumindest nicht soweit ich dies sehen kann).

Aber vielleicht tut ein etwas distanzierterer Beitrag gut. Viele Kommentatoren scheinen mir zu sehr darauf versessen, Sinn Fehler oder gar Inkompetenz nachzuweisen, während Sinn zu sehr versessen darauf scheint, keine Fehler einräumen zu wollen, selbst bei eher nebensächlichen Bestandteilen seines Arguments. Die Substanz der Debatte droht dabei unterzugehen.

Vorab: I have no dog in this fight. Sinn ist in meinen Augen ein brillanter, streitlustiger Spitzenökonom, den man nur zum eigenen Schaden ignoriert oder geringschätzt. Einer der wenigen deutschen Volkswirte die international wahrgenommen werden, und dies zu recht. Aber das gleiche gilt – sofern man “deutsch” durch “holländisch” ersetzt – für Willem Buiter, der Sinn in dieser Debatte kritisiert. Gemein ist beiden ferner ein Hang zu Übertreibung und einseitiger Darstellung, was einen erheblichen Teil ihres Dissenses erklärt. Im Zuge meiner volkswirtschaftlichen Ausbildung (die schon eine Weile zurückliegt) hatte ich das Glück bei Sinn wie Buiter Vorlesungen zu hören, ohne aber “Schüler” einer der beiden gewesen zu sein. Kurzum, ich schätze beide sehr, habe zu beiden aber auch Distanz.

For what it’s worth, hier ist wie ich die Sache sehe.

1. Wo Sinn recht hat: offene Target2-Salden ermöglichen Kapitalexport von Kern-Europa in die europäische Peripherie

Meiner Ansicht ist das Sinns Hauptthese, und sie ist korrekt. Der Mechanismus: eine irische Bank, die am Markt keine Finanzierung bekommt, holt sich über die Central Bank of Ireland Zentralbankgeld von der EZB. Damit wird die Bank in die Lage versetzt Kredit zu vergeben an Kunden, die andernfalls von Finanzierung abgeschnitten wären. Der Zugang zu Zentralbankgeld finanziert so irischen Konsum und/oder irische Investitionen, die es andernfalls nicht gegeben hätte. In dem Maß wie diese Konsum- bzw. Investitionsgüter importiert werden steigen irische Investitionen relativ zur irischen Ersparnis. Und in dem Maß wie die irischen Importgüter in Deutschland produziert werden fallen die deutschen Investitionen relativ zur deutschen Ersparnis.

Das ist Kapitalexport – was auch kein ernsthafter Kommentator bestreitet. Seine Abwicklung über das Eurosystem erzeugt offene Target2-Salden, da Zentralbankgeld – ein Asset – von Irland nach Deutschland transferiert wird ohne Transfer der korrespondierenden Verbindlichkeit (Zentralbankkredit).

Buiter et al. stoßen sich an einer sinnschen Seiten-These: Target2-finanzierte Kapitalzuflüsse würden (nur) das irische Leistungsbilanzdefizit finanzieren. Buiter et al. halten dagegen Zentralbankgeld könne auch für Kapitalabflüsse kompensieren, etwa den Abzug von Depositen aus irischen Banken. In meinen Augen ist das formal korrekt, substantiell aber irreführend. Die Frage ist das relevante Counterfactual: mal angenommen es gäbe das Eurosystem und die Möglichkeit offener Target2-Salden nicht – würden deshalb weniger Bankguthaben aus Irland abgezogen? Schwerlich. Wahrscheinlicher wäre ein Credit Crunch: irische Banken müssten Kreditlinien kündigen um den Depositenabzug zu finanzieren, was wiederum auf Kosten irischen Konsums und irischer Investitionen ginge.

Was heißt: das Counterfactual zu offenen Target2-Salden ist eine überschüssigere irische Leistungsbilanz. Sinn hat recht.

2. Wo Sinn unrecht hat: Target2 verringert nicht notwendig das Kreditvolumen für die deutsche Volkswirtschaft

Vor allem diese These stieß Sinns kompetenteren Kritikern – etwa Professor Karl Whelan vom University College Dublin - sauer auf. Ich gestehe dass ich mir nicht sicher bin inwieweit ich Sinns aktuelle Position korrekt wiedergebe: diese scheint ein Stück weit ein moving target zu sein scheint, in späteren Beiträgen liest sich Sinn anders als am Anfang. In meiner Wahrnehmung hat Sinn im Verlauf der Debatte mindestens zwei komplementäre Begründungen angeboten, eine angebots- und eine nachfrageseitige: (i) sofern die EZB die Zentralbankgeldmenge konstant hält bedeutet mehr Zentralbankgeld für irische Banken weniger Zentralbankgeld für deutsche Banken, und damit eine geringere Kreditschöpfungsbasis. Und (ii) das in Irland geschöpfte Zentralbankgeld fließt über den Export ab in das deutsche Bankensystem, was die Nachfrage deutscher Banken nach Zentralbankgeld reduziert.

Die Krux mit (i) ist natürlich dass die EZB – wie jede gute Zentralbank – die Zentralbankgeldmenge nicht konstant hält, sondern variiert mit der Nachfrage. Die Nachfrage nach Zentralbankgeld war besonders hoch in der Finanzkrise 2008/09, als Geschäftsbanken Schwierigkeiten hatten sich am Markt zu finanzieren. Seitdem fällt die Nachfrage wieder, und zwar in dem Maß in dem sich Volkswirtschaft und Finanzsystem erholen – was, wie Buiter et al. zeigen, für ganz Europa zutrifft, mit Ausnahme der GIPS-Staaten (die sich nach wie vor mitten in der Finanzkrise befinden). Dieser generelle Rückgang der Zentralbankgeldmenge, der auch Deutschland betrifft, hat offensichtlich nichts mit Umverteilung von Zentralbankgeld durch Target2 zu tun.

Und (ii) scheint mir schlicht irrelevant. Zwar reduziert Zufluss von Zentralbankgeld über Exporte die Nachfrage der Geschäftsbanken nach Zentralbankkredit – aber doch nur weil Geschäftsbanken wegen dieses Zuflusses bereits über genug Zentralbankgeld verfügen, um selbst hinreichend Kredit vergeben zu können zu können. Letzteres – die Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken – ist entscheidend für die Kreditversorgung der deutschen Volkswirtschaft.

3. Wo offenbar kein Dissens besteht: Target2 ist ein Risiko für den deutschen Steuerzahler

Das Problem mit Schuldnern ist dass sie bisweilen ihre Schulden nicht zurückzahlen. Der Gläubiger der Bank of Ireland ist die EZB. Sollte die Bank of Ireland ihr Target2-Defizit nicht abgleichen können, und sollte der Forderungsausfall Kapital und Reserven der EZB übersteigen, müssten die Mitgliedsstaaten – darunter Deutschland als größtes Mitgliedsland – die EZB rekapitalisieren. Sinn vergleicht diesen Mechanismus anschaulich und zutreffend mit der kollektiven Haftung der Euro-Mitgliedsstaaten bei einem Euro-Bond.

4. Nun zur entscheidenden Frage: sind Kapitalexport und Risikotransfer über Target2 sinnvoll?

Seltsamerweise wird dieser Punkt von Sinns Kritikern kaum diskutiert, dabei ist er alles entscheidend. Bei jeder Leistungsbilanzkrise stellt sich die Frage wie stark und wie schnell die kriselnde Volkswirtschaft ihre Leistungsbilanz anpassen soll, und wie sehr die Anpassung durch Finanzierung abgemildert werden soll. Anpassung heißt in der kurzen Frist geringerer Konsum und niedrigere Investitionen, in der längeren Frist Abwertung (über das Preisniveau und/oder den Wechselkurs) und höhere Exporte. Zu schnelle Anpassung führt zu unnötigem Produktionseinbruch, Arbeitslosigkeit und sozialer Härte. Sie kann auch die Wachstumsaussichten einer Volkswirtschaft untergraben, indem sie physisches Kapital und Humankapital zerstört. Unzureichende Anpassung bedeutet dass die Volkswirtschaft aus dem Dilemma zu hoher Absorption, Überschuldung und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit nicht herauskommt.

Offenbar meint Hans-Werner Sinn offene Target2 Salden würden notwendige Anpassung verhindern. Ich habe Zweifel, insbesondere und gerade was Irland angeht. Irlands Leistungsbilanz hat sich im Zuge der Krise ins Positive gedreht, d.h. die Iren produzieren mehr als sie absorbieren. Sehr viel mehr Anpassung – welche ein Abbau der Target2-Defizite aber erzwingen würde - würde über das Ziel hinausschießen.

Zugegeben, der Fall ist weniger klar für Griechenland und Portugal. Und möglicherweise kann die Euro-Krise durch Anpassung allein gar nicht überwunden werden. Aber das ist ein anderes Thema.

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Greece should have had short hair the whole time

It is always good to read up on Willem Buiter’s papers in times of crisis. For instance his 2005 paper with Anne Sibert: How the Eurosystem’s Treatment of Collateral in its Open Market Operations Weakens Fiscal Discipline in the Eurozone. First of all, it is good to know that Willem Buiter is also fallible:

Another reason for a common default risk premium throughout the EMU could be that the political arrangement called EMU implies that the government of any EMU member country threatened with default would be bailed out by the collective called the EMU … We reject the implicit and intentional bail-out guarantee explanation of the uniform (low) sovereign default risk premia in the Eurozone. … There is not one iota of evidence that the sovereign debt of all 12 Eurozone countries … is, or is perceived by anyone in a position of fiscal responsibility and authority in the EMU, to be a collective responsibility of the Eurozone …

Oh well, the financial crisis was also inconceivable to most observers. What is more interesting is their suggestion that something else might explain the much too narrow spread between German bonds and the bonds of countries with much higher default risks:

Despite significant fundamental differences among the default risks associated with the euro-denominated debt issued by the 12 national governments of the Eurozone, all these euro-denominated sovereign debt instruments can defacto be used as collateral in Eurosystem Repos on the same terms as the default risk-free debt certificates issued by the Eurosystem itself.

They suggest to use haircut policies more aggressively. As a short explanation: when a central bank accepts a bond as collateral for refinancing operations, it usually calculates the market value minus a valuation haircut, as the final value of that collateral. By failing to use this tool appropriately, the ECB sent the wrong signal: suggesting that default risk was equal across all government bonds, which it clearly wasn’t.

That proposal could be extended (in the spirit of Markus Brunnermeier) to create an ECB-induced counter-cyclical fiscal and regulatory policy. Let’s assume the ECB monitors inflation and credit in a given country to assess whether the economy in that region is overheating and/or bubbly. In practice, the indicators would be more sophisticated than that. But both suggest clearly that something was terribly wrong – at least in retrospect (data: Eurostat):

Spain increased the volume of credit 5-fold since the end of 1997, Ireland 6-fold, Portugal 4-fold while France and Austria doubled theirs. In Germany, the volume of credit hardly increased at all for reasons explained elsewhere. Inflation provides another clear indication that the economic development in some places in Europe was unsustainable – which should have been clear that the time as well:

So imagine the ECB had introduced a haircut policy on government debt that was related to such overheating/bubble measures: when your country overheats, your government’s bonds take an extra valuation haircut when checking in at the ECB hotel. This would have made these governments’ bonds less attractive and might have induced governments to take a more restrictive fiscal policy and regulatory stance in the build-up of the Euro crisis. To take this proposal to the extreme for the sake of argument: if inflation is more than 0.5% above target, or credit above a resonable level of GNP, the bonds of that country become ineligible as collateral at the ECB.

What would have happened to bond prices? It remains an open question whether bond prices would have dropped sufficiently to induce a counter-cyclical fiscal or regulatory response. But banks would have been forced to use other instruments as collateral, making them a little less vulnerable to a solvency crisis in their home country. Could that be a contributing factor to the Eurozone’s future stability? Let me know what you think.

Of course, the proposal is politically difficult to implement, but it has one advantage: because it punishes inflationist countries, the Germans will love it.

HT: Markus Brunnermeier

Milton Friedman und die Krise

Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar

Zu den Ritualen nach Finanzkrisen gehört die Suche nach Sündenböcken. Nach dem “Gründerkrach” von 1873 etwa machten weite Teile der Berliner Presse den Manchester-Liberalismus für die Wirtschaftskrise verantwortlich, insbesondere den verderblichen Einfluss der Lehren eines gewissen Adam Smith. Populär wurde damals eine Artikelserie in der Familienzeitschrift „Gartenlaube“, in der ein Otto Glagau gegen Börse, Juden, liberale Politiker, und den moralisch-geistigen Untergang Deutschlands wetterte.

Olaf Storbeck, ein Wirtschaftsjournalist des Handelsblatts, hebt sich von solchen Tönen natürlich ab mit seinem differenzierten und sorgfältig argumentierenden Buch „Die Jahrhundertkrise“. Aber einen Sündenbock identifiziert Storbeck dann doch: Milton Friedman. Die Finanzkrise, so Storbeck, sei „Miltons Krise“. Im Wortlaut (entnommen dem Vorabdruck des Buches):

Friedman war der Hohepriester des Marktfundamentalismus. Die Überzeugung, der freie Markt sei das Beste und jede Form des Staatseingriffs des Teufels, führte letztendlich ins Desaster. Friedman predigte … den blinden Glauben an die Stabilität und Selbstheilungskraft des ungezügelten Kapitalismus…. Für Friedmans Geschmack hatten selbst in den Vereinigten Staaten die Marktkräfte zu wenig Freiraum. … Der Markt sei nicht nur meist, sondern immer die beste Lösung, so sein Credo. …  Jede Form von staatlicher Regulierung sei schlecht.

Aber: was für Gütermärkte meist zutreffen mag, muss deshalb nicht unbedingt auch für Finanzmärkte gültig sein. Dass sich beide in vielerlei Hinsicht unterscheiden, davon sind auch liberale Ökonomen wie Jagdish Bhagwati von der New Yorker Columbia University überzeugt. »Der Finanzmarkt und der Gütermarkt, das sind zwei Paar Schuhe«, betont Bhagwati.

Was Storbeck – vermutlich unbewusst – unterschlägt: gerade Milton Friedman wusste von der Verschiedenheit von Güter- und Finanzmärkten. Mehr noch: sein wissenschaftliches Lebenswerk ist ohne diese Unterscheidung undenkbar.

Einen Schritt zurück. In meinen Augen ist es hilfreich zwei Komponenten des friedmanschen Werks zu unterscheiden, die sich nicht notwendig gegenseitig bedingen. Da sind:

(i) Milton Friedman der libertäre Ideologe, und
(ii) Milton Friedman der Makroökonom

(die Unterscheidung hilft übrigens auch bei Friedrich August Hayek).

Friedman der libertäre Ideologe ist der Milton Friedman von Capitalism and Freedom (1962) und Free to Choose (1980). Mit ihm rechnet Storbeck ab, und auch ich kann mit ihm nicht sonderlich viel anfangen. Friedman der Ideologe ist der wahrscheinlich bekanntere, aber sicher nicht der wichtigere Milton Friedman.

Friedman der Makroökonom ist der Friedman von Essays in Positive Economics (1953), Studies in the Quantity Theory of Money (1956), A Program for Monetary Stability (1960), A Monetary History of the United States (mit Anna Schwartz, 1963) oder The Role of Monetary Policy (1968). Zweifelsohne zählt er zu bedeutendsten Makroökonomen des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt seines Werkes stand die Frage, wie finanz- und realwirtschaftliche Implosionen wie die grosse Depression künftig verhindert werden könnten.

Ein Teil der friedmanschen Antwort ist bekannt: durch eine verstetigende Makropolitik. Daraus entstand der Geldmengen-Monetarismus, den insbesondere die Bundesbank jahrzehntelang und – in meinen Augen - erfolgreich praktizierte. Doch das ist nicht alles. Im folgenden zitiere ich aus einem Artikel Brad DeLongs – sicher kein Ökonom der marktradikaler Sympathien verdächtig wäre – der,  obwohl schon 12 Jahre alt, noch immer den besten mir bekannten Überblick gibt über Geschichte und Wirkung des Monetarismus.

The worry that control of the monetary base was insufficient to control the money stock was to be dealt with, in Friedman’s (1960) Program for Monetary Stability, by reforming the banking system to eliminate every possibility of fluctuations in the money multiplier. Shifts in the deposit-reserve and deposit-currency ratios would be eliminated by requiring 100% reserve banking. Shifts in the deposit-reserve ratio then become illegal. Banks can never be caught illiquid. And in the absence of any possibility that banks will be caught illiquid, there is no reason for there to be any shifts in the deposit-currency ratio either.

Shifts in the velocity of money in response to cyclical bursts of inflation and deflation that amplified fluctuations in the rate of growth of the money stock would be eliminated by the constant-nominal-money-growth rule. Without cyclical fluctuations in the money stock and in inflation, there would be no cause of cyclical fluctuations in the velocity of money. Thus banking system reform and Federal Reserve reform would eliminate the monetary causes of the business cycle.

This component of Classic Monetarism – the program for monetary stability–has not flourished over the past half century. The tide, instead, has flowed in the direction of the deregulation of the financial sector, not in the more intensive regulation that would be required to enforce 100% reserve banking and a strict separation between investments and transactions deposits.

Hier steht’s: Milton Friedman plädierte für strengere Regulierung – nicht Deregulierung - des Finanzsektors; aufbauend auf einer klaren Vorstellung von der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus durch ein inhärent instabiles Bankensystem. Die Finanz-Deregulierung der 1980er und 1990er Jahre folgte gerade nicht seinen Vorstellungen.

Warum ist von diesem Friedman heute so wenig die Rede? Laut Brad DeLong weil in den 70er Jahren eine Trivialisierung Friedmanscher Ideen einsetzte. Er nennt dies „Political Monetarism“:

But the multi-stranded complex of doctrines and ideas that was Classic Monetarism – with its institutional reform side, its analytical side, and its political-economy side – was not the Monetarism that became a powerful political doctrine in the 1970s. Political Monetarism was something different.

Political Monetarism argued not that velocity could be made stable if monetary shocks were avoided, but that velocity was stable. … Political Monetarism argued not that institutional reforms were needed to give the central bank the power to tightly control the money supply, but that the central bank did control shifts in the money supply…. All theories and doctrines are stripped down to a core that includes substantial proportions of misrepresentation and overstatement when the doctrines become political and policy weapons. And from today’s perspective it is clear that the stripping-down that created Political Monetarism was unfortunate.

Es ist diese Trivialisierung der Storbeck aufsitzt. Denn ein ernstgenommener Friedman taugt nicht zum Sündenbock, im Gegenteil, er hätte Schaden vermeiden können: hätte die Greenspan-Fed sich in den 2000er Jahren stärker bemüht die Geld- und Kreditentwicklung a la Friedman zu verstetigen wäre es zur US-Immobilienkrise möglicherweise nicht gekommen, oder zumindest nicht in diesem Ausmass – von Friedmans Vorstellungen zu Bankenregulierung ganz zu schweigen.

Dies führt zu einem generellen Punkt. Mich stört ungemein - ebenso wie meinen Gastgeber Kantoos - die Tendenz in der deutschen Debatte, Makroökonomen in „Böse“ und „Gute“ einzuteilen (im primitivsten Fall in „Neoklassiker“ und „Keynesianer“). Dahinter steht die Vorstellung dogmengeschichtliche Positionen seien zeitlose Wahrheiten (oder Unwahrheiten), die sich gegenseitig ausschlössen. Also: nur Keynes oder Friedman könne relevant sein, nie aber beide.

Das ist Unfug. Dogmengeschichtliche Positionen bilden sich stets in Auseinandersetzung mit den wirtschaftspolitischen Fragen einer bestimmten Zeit. Wie relevant eine Position für uns ist hängt deshalb zuallererst davon ab, wie stark unsere Probleme den damaligen ähneln. In der Finanzkrise erwiesen sich als hochrelevant z.B. Wicksells und Hayeks Thesen zum Zusammenhang zwischen Geldzinsen, Kreditzyklen und Wirtschaftskrisen, oder Irving Fishers Warnung vor Überschuldung in Verbindung mit Deflation. Ferner natürlich Keynes’ Analyse von Kapitalmarktversagen in der Liquiditätsfalle, Friedmans Betonung verstetigender Makropolitik, Meltzers Vorschlag die Liquiditätsfalle durch Manipulation längerfristiger Zinssätze zu umgehen (was den Kern des Quantitative Easing enthält), oder Tobins Untersuchung von Kapitalmarktungleichgewichten. Die Einsichten auch nur eines dieser Ökonomen zu ignorieren wäre töricht.

Umgekehrt ist kein Ökonom unbeschränkt relevant. Geschichte wiederholt sich nicht. Kein Keynes und kein Friedman kann einen Autokompass liefern wie die makroökonomische Probleme unserer Zeit zu bewältigen seien. Wer dies erwartet wird notwendig enttäuscht werden.

Hier wäre ich an einem natürlichen Endpunkt für den Artikel angelangt - aber nachdem ich schon beim Schwafeln bin, noch zwei Anmerkungen.

1) Intellektuelles Versagen sehe ich eher bei der modernen monetären Ökonomik a la Lucas und Woodford, die sich u.a. dadurch auszeichnet dass sie Geld, Kredit und Finanzintermediation weitgehend wegdefiniert. Also all das was sich in der Krise als kritisch erwies, und dessen kritischer Charakter den Friedmans, Keynes und Hayeks wohlbekannt war. Willem Buiter hat dazu einen schönen, zornigen und wahren Artikel geschrieben. Ein Ausschnitt:

Most mainstream macroeconomic theoretical innovations since the 1970s (the New Classical rational expectations revolution associated with such names as Robert E. Lucas Jr., Edward Prescott, Thomas Sargent, Robert Barro etc, and the New Keynesian theorizing of Michael Woodford and many others) have turned out to be self-referential, inward-looking distractions at best. Research tended to be motivated by the internal logic, intellectual sunk capital and esthetic puzzles of established research programmes rather than by a powerful desire to understand how the economy works – let alone how the economy works during times of stress and financial instability. So the economics profession was caught unprepared when the crisis struck.

2) Keine Theorie kann einen wachen Geist ersetzen. Ob ein Ökonom die Krise antizipierte oder nicht hatte letztlich wenig mit dogmengeschichtlicher Prägung zu tun, und viel damit ob er offensichtliche Fehlentwicklungen ernst nahm: überbordendes US Leistungsbilanzdefizit, ausuferndes Leverage von Finanzunternehmen, Überschuldung privater Haushalte, Hauspreisblasen. Raghuram Rajan (immerhin von der Universität Chicago), Robert Shiller, Claudio Borio, William White, Ken Rogoff, John Taylor sind sicher nicht weniger marktfreundlich eingestellt als der ökonomische Mainstream, aber lagen vor der Krise in wesentlichen Punkten richtig. Umgekehrt lobten gerade viele keynesianische orientierte Ökonomen – z.B. Alan Blinder, oder unsere Freunde von Herdentrieb – die Geldpolitik Alan Greenspans über den grünen Klee. Nur setzte diese Politik die Welt in Brand.

Hätten diese Keynesianer Friedman ernstgenomen wäre ihnen der Fehler nicht passiert.

Kann die EZB pleite gehen?

Jein, eher nein. Aber fangen wir am Anfang an.

Als im Rahmen der Griechenlandkrise die EZB damit begann, Anleihen von Griechenland zu kaufen, wurde vielen mulmig. Denn was passiert, wenn diese Anleihen abgeschrieben werden müssen? Es gibt grob gesagt zwei Möglichkeiten: entweder die Mitgliedsstaaten des Euroraums rekapitalisieren die EZB aus den Staatshaushalten. Oder die EZB inflationiert sich aus diesem Problem heraus. Auch wenn Willem Buiter das ganze ausführlich und gut verständlich erklärt hat, will ich trotzdem versuchen auf meine Art zu erklären, wie beide Möglichkeiten funktionieren und die Bedeutung für die EZB diskutieren.

Die Bilanz der Zentralbank besteht aus Aktiva und Passiva wie jede andere Bilanz auch. Allerdings ist die Darstellung, die man normalerweise kennt, etwas verkürzt: dort gibt es nur die von der Zentralbank entgegen genommenen Wertpapiere auf der Aktivaseite, und die Verbindlichkeiten, also hauptsächlich das ausgegebene Zentralbankgeld und das Eigenkapital der Anteilseigners, auf der Passivseite. In diesem simplen Rahmen kann die Zentralbank pleite gehen, denn sollte z.B. die Hälfte ihrer Aktiva abgeschrieben werden, überstiegen die Verbindlichkeiten die Forderungen und die Bank wäre pleite.

Allerdings ist eines der größten Aktiva der Bank ihre Fähigkeit, durch das Ausgeben von nicht-verzinstem Geld gegen verzinste Wertpapiere Seignioragegewinne zu erzielen. Eine weitere Verbindlichkeit sind die von den Anteilseignern der Zentralbank erwarteten Gewinne, welche die Zentralbank jährlich abführen muss. Hier erkennt man schon, wie eine Zentralbank mit der Schieflage ihrer Bilanz umgehen kann: entweder der Staat verzichtet in der Zukunft auf einen Teil seiner Anteile am Gewinn, oder aber die Zentralbank erhöht ihre Gewinne.

Ersteres käme einer Rekapitalisierung durch die Staaten gleich, zweiteres einer Rekapitalisierung durch Inflation. Aber hier gibt es einen interessanten Aspekt, auf den Buiter hinweist. Denn auf den ersten Blick scheint die Möglichkeit der Zentralbank, Seignioragegewinne zu erzielen, unbegrenzt. Aber dem ist nicht so. Denn sollte die Zentralbank für höhere Inflationsraten sorgen, würde auch die Nachfrage nach Zentralbankgeld sinken, denn die nominalen Zinsen (in denen die Inflationsrate steckt) sind die Opportunitätskosten der Geldhaltung. Es ergibt sich eine Art Laffer-Kurve für Seignioragegewinne.

Was bedeutet dies nun für Europa? Die EZB hat Anleihen der PIGS zwar zu deutlichen Abschlägen gekauft, aber da die EZB effektiv die einzige ist, die überhaupt noch diese Anleihen kauft, und man daher vermuten muss, dass der Marktpreis noch viel niedriger läge, scheint das Risiko eines Kapitalverlustes der EZB relativ hoch. Dennoch sind die finanziellen Kapazitäten der Staaten und der EZB insgesamt hoch genug, um eine Pleite zu verhindern. Daniel Gros meint zudem, dass die EZB in Restrukturierungsverhandlungen einiges an Gewicht hätte und für sich eventuell mehr rausschlagen könnte. Genaues weiß man eben nicht.

Da der deutsche Steuerzahler aber, nachdem auch seine Anteile am Rettungsschirm einiges an Wert verloren haben werden, nicht mehr willens sein wird, dies alles zu bezahlen, könnte die EZB teilweise dazu gezwungen sein, die Seigniorageoption zu ziehen und sich via höhere Inflation selbst zu rekapitalisieren. Der kürzliche Anstieg der Inflationserwartungen zumindest deutet in diese Richtung. Vielleicht werden aber nach Spanien auch Italien und Belgien in Schwierigkeiten geraten, und dann könnten die Staatsbudgets von Deutschland, Frankreich und Holland die EZB vermutlich nicht mehr alleine rekapitalisieren. Dann könnte die Inflationsoption der letzte Ausweg sein.

Ob das so schlecht ist? Meiner Ansicht nach ist die Politik der EZB schon seit 2008/09 viel zu restriktiv, und eine Möglichkeit für eine Zentralbank, sich öffentlich zu mehr Inflation zu bekennen, ist es, mit frisch gedrucktem Geld Wertpapiere zu kaufen und diese öffentlich zu verbrennen. Es könnte sein, dass die EZB dies gerade unfreiwillig macht. Für Europa kann das, in einem gewissen Rahmen, nur gut sein.

Update: Der Anfang ist gemacht, die EZB hat ihr Eigenkapital auf Kosten der Staaten aufgestockt.

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