Draghi und die deutsche Presse

Eine kurze Reaktion auf die EZB-Entscheidung. Natürlich bin ich froh, dass Draghi sich als pragmatischer herausstellt als ich gedacht hätte und sich nicht scheut zu zeigen, was Trichet für einen Unsinn dieses Jahr mit zwei Zinserhöhungen fabriziert hat. Was mich aber wieder irritiert (um mal freundlich zu bleiben), ist die Reaktion der deutschen Presse.

Hier die die SZ:

Der neue Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, ignoriert Inflationsrisiken und senkt den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent.

Und die FAZ setzt natürlich noch einen drauf:

Paukenschlag zum Start des neuen EZB- Präsidenten Mario Draghi: Trotz hoher Inflation senkt die Notenbank die Zinsen im Euro-Raum.

Später zitieren sie noch das Institut der deutschen Wirtschaft (!) mit folgender Aussage:

Die EZB bewege sich mit der Zinssenkung trotz 3 Prozent Inflation „auf dünnem Eis“.

Oh boy…

Inflationsrisiken? Wo sollen die denn herkommen? Halb Europa muss sparen, seine Löhne senken, China steht vor einer Abkühlung, der Industrieindex sinkt, die Fed in den USA prognostiziert ihr eigenes Versagen, … Anders herum wird ein Schuh draus: wenn die EZB nicht langsam anfängt, die Verwerfungen in der Eurozone aggressiv abzufedern, wird sie sich durch Staatsrettungen, die dann unumgänglich werden, echte Inflationsrisiken aufhalsen.

Die FAZ (und scheinbar auch die SZ in einem anderen Artikel) entspricht in ihrem geldpolitischen Ansatz der Trichet-EZB: heutige Inflation als Maßstab zu nehmen für den geldpolitischen Kurs. Damit hat sich die EZB in den letzten 3 Jahren wie zu erwarten war bis auf die Knochen blamiert, was der FAZ entgangen zu sein scheint. Aber der FAZ ist es ja auch nicht peinlich, dass sie um ihre Skepsis zu stützen neben der Landesbank BW und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) scheinbar niemanden gefunden hat, der sich zitieren ließ – was niemanden überraschen sollte.

Eine der wichtigsten Regeln der Geldpolitik lautet: target the forecast! Mit anderen Worten, setze Deine Politik so, dass Du und/oder der Markt erwartet, dass Du Dein Ziel erreichst. Meines Wissens sind die Erwartungen bezüglich Inflation in den nächsten 10 Jahren weit unter dem EZB Ziel. Von der bedrohlichen Situation in Europa ganz zu schweigen. Ich hoffe, Draghi macht so weiter, ob die deutsche Presse das nun versteht, oder nicht …

Sichere Anleihen für Europa!

Manche europäische Staatsanleihe hätte ein Warnschild gebraucht, ESBies brauchen es nicht, by futureshape

Mark Schieritz und Gerald Braunberger haben kürzlich von einem Treffen mit Joachim Fels berichtet, seines Zeichens Chefvolkswirt der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley. Dabei ging es unter anderem um das Problem “sichere Anleihen”, und warum es sie in Europa seit der Krise kaum mehr gibt.

Was hat es damit auf sich? Und können wir solche auch in Europa kreieren, ohne Eurobonds auflegen zu müssen? Der Eintrag wird lang, aber er ist sehr wichtig. Haltet durch!

Sichere Anleihen sind kein Menschenrecht, und es hat sie auch nicht immer gegeben. Allerdings hat es Vorteile, wenn man welche hat:

  • sie eigenen sich in Krisen als hedge, sind daher für die Diversifikation von Portfolios wichtig. Diese Korrelationseigenschaften mit anderen assets machen US Treasuries unter anderem so wertvoll, nicht so sehr die von Eurobonds-Befürwortern oft beschworene Masse. Wenn Eurobonds unsicher ist, kann die Menge an Bonds so groß sein wie sie will, dann gibt es keinen Bonus.
  • die Zentralbanken können mit ihnen am einfachsten Geldpolitik betreiben, weil sie Geld gegen sichere Anleihen tauschen sollten.
  • die Regulierung von Banken, welche Art von Kapital sie vorhalten müssen, räumt sicheren Anleihen immer einen prominenten Platz ein, als benchmark. Und man will Banken dazu anhalten, gewisse (Liquiditäts-)Puffer zu halten, wofür sich sichere Anleihen bestens eignen.
  • für Transaktionen unter Banken werden oft ebenfalls sichere Anleihen verwendet, als collateral sind sie in Krisen fast unersetzlich.

Bisher war es in Europa so, dass nationale Staatsanleihen bei der Regulierung als risikolos galten und auch von der EZB zu sehr großzügigen Konditionen entgegen genommen wurden – ein wichtiger Grund, warum die Unterschiede zwischen den Renditen für Staatsanleihen in der Eurozone so gering waren. Und griechische Banken halten unter anderem deshalb so viele griechische Bonds.

Nun hat sich heraus gestellt, dass dies Unsinn ist: Staatsanleihen in einer Währungsunion sind nicht risikolos, ihre bisherige Behandlung sowohl regulatorisch als auch geldpolitisch falsch und gefährlich. Die Folge ist, dass sich Staatspleiten und Bankenkrisen gegenseitig verstärken – neben der politisch selbst verschuldeten Ansteckungsgefahr (wen retten sie, wen nicht?) liegt hier der Kern der contagion: geraten Staaten in Schieflage, stecken sie ihre Banken an, was wiederum Staat und Wirtschaft in dem Land ansteckt, was wieder Banken ansteckt usw. Was also tun?

Eine Gruppe europäischer Ökonomen um den deutschen Princeton-Professor Markus Brunnermeier hat sich eine Lösung ausgedacht, die zu einem wichtigen Baustein der zukünftigen Eurozone werden sollte.1 Kurz gesagt benutzt man pooling, tranching und ein credit enhancement um aus den europäischen Anleihen sichere Anleihen zu machen, und ändert EZB Prozeduren und Bankenregulierung entsprechend.

  • Pooling bedeutet, dass man Staatsanleihen aller Länder der Eurozone in einem festen Verhältnis in einen Topf packt. Dieser Topf ist dann ein neuer Fonds.
  • An diesem Fonds können Investoren nun zwei verschiedene Anteile kaufen (durch tranching): einmal die junior tranche, die zwar höhere Renditen erbringt, aber dafür auch die erste ist, die bei Verlusten auf die Staatsanleihen weniger bekommt. Sie ist eine risikoreiche Anlage. Erst wenn die junior tranche bei einem Ausfall von einigen Staatsanleihen vollständig weg ist, weil die Verluste so hoch waren, trifft es die senior tranches, die zweite Art von Anteil, die man an diesem Fonds kaufen kann. Diese senior tranches, oder ESBies, werfen zwar weniger ab, sind aber dafür auch sehr sicher.
  • Das credit enhancement bedeutet, dass die europäischen Staaten noch zwischen junior und senior tranche einen Puffer einbauen, in Form von hinterlegten assets wie Gold. Das bedeutet, dass nach der junior tranche erst noch diese Reserven geleert werden bevor die Halter der senior tranche angetastet werden.

Ich will nicht das ganze Q&A wiedergeben, das die Autoren veröffentlicht haben (ist sehr interessant zu lesen!), aber auf zwei Aspekts sollte ich eingehen.

Das eine ist die Frage, ob das nicht genau die strukturierten Finanzpapiere sind, die den US Finanzsektor 2008 in die Krise geführt haben. Die Antwort ist klar: nein, sind sie nicht! Natürlich sind es strukturierte Papiere, die aber im Gegensatz zu den Krisenpapieren 1. leicht zu durchschauen sind, deren assets 2. auch frei handelbar sind und insofern einen eigenen Marktpreis haben, die 3. nicht von einem profitorientierten Unternehmen herausgegeben werden und nicht von Ratingagenturen abhängen, und die 4. sehr konservativ strukturiert werden würden, unter anderem weil die Korrlelation zwischen Ausfällen recht hoch ist.

Das zweite ist, dass dieser Fonds nur bis zu einer Maximalgrenze von z.B. 60% (oder weniger) des Eurozonen BIP Staatsanleihen kaufen darf. Dadurch haben die (meisten) Staaten für ihre Anleihen weiterhin Marktsignale bezüglich ihrer Verschuldung, und der Fonds wird nicht gezwungen, zur Finanzierung von Rettungsaktionen beizutragen.

Wenn man nun diese sicheren Anleihen, ESBies, erschaffen hat, sollte man noch die Regeln der EZB und die Regulierung der Banken ändern. Dann hätte man den Finanzsektor von seinem jeweiligen Nationalstaat isoliert (in diese Richtung, nicht in die andere), etwas auf das ich im letzten Eintrag angespielt habe. Die EZB akzeptiert dann praktisch nur noch ESBies als Sicherheiten, und die Bankenregulierung betrachtet nur ESBies als wirklich sicheren benchmark. Die Einzelanleihen der Staaten werden wie andere Papiere behandelt, mit angemessenen Risikobewertungen und entsprechenden Abschlägen. Sie sind dann investments wie andere assets auch, aber nicht mehr der sichere benchmark. Dies wird gerade wieder aktuell.

Dieser Vorschlag ist keine silver bullet für alle Probleme der Eurozone. Er löst aber das Problem der sicheren Anleihen in Europa – insbesondere das Problem der Bankenregulierung und der EZB Politik bezüglich sicherer Anleihen – auf elegante und politisch realistische Art und Weise. Damit macht er die Eurozone auch abseits von politisch gefährlichen Eurobonds oder einer Fiskalunion funtionstüchtiger. Und einen kleinen Beitrag kann er auch akut leisten.

Soweit ich es überblicken kann, sollten sich Mark, Gerald, und die deutsche Politik voll hinter diesen Vorschlag stellen. Die SZ macht schon mal den Anfang.


1 Thorsten Beck, Harald Uhlig und Wolf Wagner haben kürzlich einen ganz ähnlichen Vorschlag vorgelegt, der allerdings nicht ganz so weit geht wie der von Markus Brunnermeier und Co.

Die besten Artikel zu Guttenberg

Eigentlich wollte ich mich garnicht zu Guttenberg äußern, aber da ich damit schon vor kurzem gebrochen habe, mache ich einfach weiter.

Erst mit der Zeit ist mir aufgefallen, was für ein gefundenes Fressen die Plagiataffäre um Guttenberg für die deutschen Feuilletons (und Kommentatoren ganz allgemein) ist. Genau wie die Ballack-Frage in der Nationalmannschaft der Traum eines jeden Sportjournalisten ist, freuen sich die Feuilletonisten darüber, wie viele Facetten diese Affäre bietet, die sich entsprechend diskutieren lassen und wie sehr es ihre Leserschaft bewegt. Und in der Tat, die Autoren laufen zur Hochform auf.

Hier eine (unvollständige) Übersicht der in meinen Augen lesenswertesten Artikel zu Guttenberg im weiteren Sinne. Viel Spaß bei der Sonntagslektüre.

Der Herr des Verfahrens von Gustav Seibt (SZ)

Die Regeln des Staates stehen uns, seinen eigentlichen Inhabern, zur freien Verfügung, unser Geschwätz von gestern braucht uns im Zweifelsfall nicht zu kümmern, sofern die Notwendigkeit einer höheren Staatsräson neue Richtlinien erzwingt. … Durchgehend in dieser fatalen Tradition ist die Entformalisierung der Staatsräson, mit der auch Grundregeln des Anstands zur Disposition gestellt werden. Prinzipien müssen, so hatte es der darin immerhin ehrliche Metternich gesagt, drehbare Geschütze sein. … Wer meinte, dass der Konservative, dieser Zweitgeborene der Revolution, ein Vertreter von festen Grundsätzen sei, hat also zu kurz gedacht. …

Und es ist schon toll, dass wir nun, zehn Jahre nach Casimir, Kanther und Kohl, schon wieder ein Virtuosenstück dieser gummiartig beweglichen und zugleich wetterfest tannenhaften aristokratischen Prinzipienstärke anstaunen dürfen.

Entlassen von Berthold Kohler (FAZ)

In dieser Affäre stand – eine Dissertation ist ohne fremde Hilfe anzufertigen – kein anderer zur Verfügung, der schlechter Zuarbeit beschuldigt, in den Ruhestand geschickt oder suspendiert werden konnte. Um sein Amt zu retten, hat Guttenberg diesmal seinen eigenen Doktor entlassen. … Aber auch diese beschauliche Welt, [in der Werte wie Redlichkeit, Verlässlichkeit und überhaupt der „gesunde Menschenverstand“ eine zentrale Rolle spielen], braucht einen, der sich um die kleinen Leute und die großen Fragen kümmert und alles zum Guten richtet, bis nach Afghanistan. Das wird seit langem niemandem mehr so sehr zugetraut wie Guttenberg. … Wohl wahr: Ein Monarch braucht keinen Doktortitel. Auch den bunten Blättern reicht das Adelsprädikat.

Noch aber ist Deutschland eine Republik, und noch ist ein Plagiat Diebstahl geistigen Eigentums. Die Kanzlerin mag aus naheliegenden Gründen über Letzteres hinweggehen, wenigstens nach außen hin. Den Schaden im Kosmos der bürgerlichen Werte, den die Operation zur Rettung des gestrauchelten Bannerträgers nach sich zieht, kann aber auch Frau Merkel unmöglich übersehen.

Der leere Schein der Wissenschaft von Thomas Steinfeld (SZ)

Ein Wissenschaftler, der etwas zu sagen hat, hält daher die Zahl der Fußnoten so knapp wie gerade eben nötig. Anders ist es, wenn schon die Zahl der Fußnoten selbst als wissenschaftliche Errungenschaft gelten soll: Denn darin offenbart sich nicht nur eine Beflissenheit gegenüber dem Forschungsstand (oder dem Stand des akademischen und publizistischen Geredes), die einem selbständigen wissenschaftlichen Urteil nur schlecht ansteht, sondern auch eine beträchtliche Ignoranz gegenüber dem Zweck von Fußnoten. Anders gesagt: Im universitären Betrieb irgendwie mitmachen zu dürfen, aus ganz und gar nicht wissenschaftlichen Gründen – das ist der Sinn der zu einem eigenen, selbstbewusst auftretenden Ausdruck von Wissenschaftlichkeit verkommenen Protzerei mit den Quisquilien der akademischen Arbeit.

Gleiches gilt für den Umfang einer Dissertation: Das Volumen einer Dissertation dokumentiert nur, dass einer viel zu sagen hat, nicht dass er etwas zu sagen hat. Es beweist nichts, was eines Beweises würdig wäre.

Ein deutscher Superstar von Ulrich Schmid (NZZ)

Zwei Szenarien sind denkbar. Das erste: Die Dauerschelte der Elite erodiert den Widerstand des Volkes … der Baron muss gehen. Das zweite: Die Dauerschelte der Elite enerviert das Volk so sehr, dass es Guttenberg erst recht stützt. … Das erste Szenario wäre eine wahrhafte Läuterung, Beweis dafür, dass Anstand und bürgerliche Moral in der Politik noch etwas gelten. Das zweite legte nahe, dass dieses Land noch immer verführbar ist, dass gutes Aussehen und etwas Schneid genügen, um sich eine solide Anhängerschaft zu sichern. Von Guttenberg geht keine Gefahr aus, er vertritt demokratische Positionen … Doch die Unverfrorenheit, mit der hier ein Politiker jeglicher Moral entsagt, hat auch etwas Extremes. Das ist beunruhigend.

 

PS: Nur in der ZEIT habe ich außer einem enttäuschend schwachen Kommentar von Di Lorenzo nicht viel gefunden. Vielleicht aber ist nicht alles online verfügbar. Irgendwelche Vorschläge?

HT und Dank an Perlentaucher.de für die schönen Übersichten “Heute in den Feuilletons”.

Guttenbergs “Entschuldigung” und die polit-ökonomische Frage des Rücktritts

Eigentlich wollte ich mich nicht zu Guttenberg und seiner Promotion äußern. Aber sein Verhalten heute im Bundestag kann man so nicht stehen lassen.

Ich denke, für jeden im Wissenschaftsbetrieb ist eines völlig klar: die Art und Weise des Abschreibens zeigt ein vorsätzliches Plagiat, ohne jeden Zweifel. Wer Stellen nur leicht verfälscht und sie in einen flüssigen Text versucht einzubauen (sogar in der Einleitung!), der will nicht zitieren, der will unbemerkt kopieren. Und auch die Häufung von überflüssigen Füll- und Bindewörtern zeigt den krampfhaften Versuch, Dinge zu verknüpfen, die sich schwer verknüpfen lassen. Thomas Steinfeld von der SZ hat dies unnachahmlich analysiert und auseinander genommen:

Diese Versatzstücke aber müssen ineinandergefügt, zumindest zum Schein zu einem fortlaufenden Text montiert werden. Das aber geschieht mit Bindewörtern wie “demzufolge” oder “folglich”, mit Floskeln des Übergangs wie “ein weiterer Punkt:”, “Von Interesse ist zunächst die generelle Frage:” oder, ganz frech: “Szenenwechsel”.

Ob Guttenberg es selbst war oder sein ghostwriter, lässt sich wohl nie klären. Meine Vermutung ist eher: er selbst. Damit finde ich auch seine “Entschuldigung” von heute völlig wertlos. Seine Überforderung kann ich verstehen, aber eine wirkliche Entschuldigung ist keines seiner statements gewesen, so lange er den wichtigsten Punkt, den Vorsatz, leugnet.

Wer ist nun dieser Guttenberg? Als nicht in Deutschland lebender habe ich mit einiger Verwunderung den Aufstieg dieses Politikers verfolgt, allerdings nur sporadisch. Das was ich gesehen und gelesen habe war für mich aber wenig überzeugend, sondern schlicht die Äußerungen eines um große Gesten des “Verantwortung übernehmens” und des “klar ansprechens” bedachten Opportunisten. Ein Politiker, der eine Marktlücke gefunden hat und in seiner Person die Sehnsüchte der Menschen vereint. Clever, mehr nicht.

Immer wieder wurde mir vorgehalten, dass ich ihm da unrecht tue. Aber seine Äußerungen heute im Bundestag bestätigten dies voll und ganz. Und dass er aus freien Stücken seine halbgare Entschuldigung heute vorgebracht hat, wie er tut, glaubt wohl kein Mensch. Die Steigerung seiner Schuldeingeständnisse von “abstrus” bis “gravierende Fehler” zeugen ebenfalls nicht davon.

Die polit-ökonomische Frage, die ich mir bei geforderten Rücktritten immer stelle, ist: warum befördert und fordert der Politikbetrieb (und die Öffentlichkeit) immer eine derart harte Auslese? Warum wird in einem Land, dem es an GEZ-Prellern, Schwarzfahrern und Steuerhinterziehern nicht mangelt, jeder Politiker auch für kleine Verfehlungen zum Rücktritt getrieben (Guttenbergs Verfehlung halte ich für relativ groß)? Trifft man damit wirklich die richtige Auslese, ist dies also polit-ökonomisch ein optimales Verhalten?

Ich hatte diesbezüglich immer meine Zweifel. Denn eine Verfehlung ist noch kein ausreichendes signal über die Kompetenz und Fähigkeit als Politiker. Manchmal muss man vielleicht sogar sagen: im Gegenteil. Denn Politik ist bisweilen wohl ein schmutziges Geschäft, auch wenn ich über keine Insiderkenntnisse verfüge. Bleibt uns als Ökonomen also nur die Erkenntnis, dass der Medienzirkus nach Storys und Opfern sucht, nach Skandalen?

Falls Ihr dazu polit-ökonomische Arbeiten kennt, würde ich mich über einen Link in den Kommentaren freuen.

PS: Was Steinfeld noch schreibt, ist eine Kritik am Wissenschaftsbetrieb im Allgemeinen, die mir auch zu denken gab:

Und wenn man Peter Häberle, dem Doktorvater des Verteidigungsministers, nicht vorwerfen kann, all die Werke nicht zu kennen, die sein Kandidat benutzte, … so wird ihm doch vorzuhalten sein, kein Augenmerk gehabt zu haben für den Duktus von Gegenstand, Urteil und Schluss, für die Entwicklung der Argumente und für die leeren Floskeln mehr oder minder willkürlich aneinandergereihter Passagen. Oder sollte es so sein, dass der bloße Schein von Wissenschaft, die leere Suggestion akademischer Arbeit nicht nur in dieser Dissertation den Stand der akademischen Arbeit markiert? Sollten der vom Kitt der Füllwörter hervorgebrachte Schein argumentativer Konsistenz, die Suggestion von Plausibilität, also der Anschein von Wissenschaft an vielen Institutionen, an vielen Universitäten so selbstverständlich sein, dass sie nicht mehr auffallen?

Der ganze Artikel ist sehr lesenswert.

PPS: Weitere gute Artikel zum Thema stammen aus der FAZ und dem Verfassungsblog.

HT: Stefan Beyer

Der Mythos der Wettbewerbsfähigkeit

In der Presse und öffentlichen Debatten hat sich ein merkantilistischer Ton eingeschlichen, der den Wettbewerb zwischen Unternehmen auf Länder überträgt: wir müssen wettbewerbsfähig gegenüber China sein, wir müssen mehr exportieren als importieren, nicht alle in Europa können Löhne senken, weil Wettbewerb ist ja ein Nullsummenspiel, usw.

Leider ist dies alles ökonomischer Unsinn, und ich war sehr froh, in der Süddeutschen Zeitung einen deutlichen Kommentar in diese Richtung von Moritz Koch zu finden (für den unwahrscheinlichen Fall, dass Moritz dies hier liest: Danke dafür!).

Ganz im Gegensatz zu Mark Schieritz, der nach seinem letzten sehr merkwürdigen Satz über Geldpolitik und Inflation jetzt im Herdentrieb noch einen drauf setzt:

Der gesamte Pakt basiert auf der Philosophie, Wettbewerbsfähigkeit sei ein genuines Ziel der Wirtschaftspolitik, was schon deshalb nicht sein kann, weil nicht alle zugleich wettbewerbsfähiger werden können. Wettbewerbsfähigkeit ist ein relativer Begriff und wenn jeder die Löhne um zehn Prozent kürzt, hat niemand etwas gewonnen.

Oh boy…

Zunächst mal muss in jedem Land (eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage vorausgesetzt) die Lohnstruktur “wettbewerbsfähig” in dem Sinne sein, dass der Arbeitsmarkt geräumt ist. Denn auch der Arbeitsmarkt ist ein Markt, auch wenn das einige gerne vergessen. Ist ja auch eine unbequeme Wahrheit. Niedriger als markträumend sollte es natürlich nicht sein. Dennoch bedeutet markträumend für mich “wettbewerbsfähig” – und hat mit dem Ausland zunächst mal nichts zu tun. In welche Richtung sich dann der Außenhandel bewegt, ist viel mehr eine Frage der Sparneigung der Bevölkerung und der Investitionsmöglichkeiten in den verschiedenen Ländern.

Wenn nun Deutschland in Europa wettbewerbsfähiger als andere in diesem Sinne ist, dann bedeutet dies, dass auch andere Länder ihre Löhne auf ein wettbewerbliches Maß bringen müssen. Das ist nicht schön, und nicht populär, aber leider wahr. Das ist übrigens kein “race-to-the-bottom”, wie oft zu hören ist. Denn obwohl Deutschland angeblich ja unterwegs dahin ist, zum “bottom”, zeigt sich, dass bei markträumenden Löhnen der Senkungsspielraum der Firmen sehr begrenzt ist. Die Arbeitnehmer fordern zu Recht angemessene Lohnerhöhungen. Ein markträumender Lohn, mit starken aber vernünftigen Gewerkschaften wie in Deutschland, ist die ideale Voraussetzung für Wohlstand und soziale Gerechtigkeit in einem Land.

Wettbewerb ist dann auch keineswegs ein Nullsummenspiel: alle Länder Europas könnten “wettbewerbsfähig” in meinem Sinne sein, und würden sich dadurch alle höheren Wachstums, niedrigerer Arbeitslosigkeit und in Zukunft vermutlich auch höheren Wohlstands erfreuen. Eine Politik, die Wettbewerbsfähigkeit verhindern will, ist zutiefst unsozial und definitiv nicht “links”, unabhängig davon, was selbsternannte Linke behaupten.

Und wenn man vermeiden will, dass Menschen wenig verdienen, dann muss man dafür sorgen, dass eine skandalöse Integrations- und Bildungspolitik wie sie in Deutschland betrieben wurde und teilweise noch wird beendet wird. Denn der Aufbau von Humankapital ist der beste Weg, höhere Löhne zu gewährleisten, das zeigen uns die Skandinavier jedes Jahr aufs Neue. Hohe Mindestlöhne, höhere Löhne im Allgemeinen und ähnliches ist immer nur der ungeeignete Versuch, Symptome zu bekämpfen, deren tiefere Wurzeln anzupacken der Politik zu schwierig erscheint, und man daher Ablenkungskämpfe inszeniert, auf die leider insbesondere die Linken in Deutschland hereinfallen. Und Analysen wie Marks sind weiteres Wasser auf diese Mühlen. Einfach traurig sowas.

Dass die Länder der europäischen Peripherie dadurch in eine debt-deflation geraten können, bestreite ich übrigens keineswegs. Die Lösung ist aber nicht Wettbewerbsfähigkeit zu verhindern, sondern zu entschulden. Und eine angemessene Geldpolitik für die Eurozone zu fordern, gepaart mir einem radikalen Umgang mit Banken. Das wäre eine wirklich linke ökonomische Agenda.

PS: Dem könnte vielleicht auch Wolfgang Münchau zustimmen, der in der FT zurecht beschreibt, dass Pläne für eine europäische Wirtschaftsregierung die aktuellen Probleme kaum werden lösen können. Allerdings hat Wettbewerbsfähigkeit (so wie ich sie verstehe) nichts mit deutschem Hegemonialverhalten zu tun, wie er behauptet, sondern ist die Grundvoraussetzung für ein prosperierendes Europa, das sich seine Geldpolitik teilt.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 741 other followers