Schaden hohe Nahrungsmittelpreise den Armen dieser Welt?

Im Rahmen der Diskussion um Spekulation und Nahrungsmittelpreise wurde eine Annahme immer diskussionslos hingenommen: höhere Preise schaden den Armen. In gewisser Weise hätte man an der Stelle immer skeptisch sein sollen. Denn waren es früher die Agrarsubventionen in der EU und den USA, die den Armen durch niedrige Preise schadeten, sind es jetzt die hohen Preise, die schaden…? Dani Rodrik hat sich an dieser Diskussion immer gestört:

High food prices benefit poor farmers who are net food sellers, and hurt poor food consumers in urban areas. Low food prices have the opposite effects. In each case, the net effect on poverty depends on the balance between these two effects. But you would hardly know it from reading what NGOs and international organizations have produced on the topic. …

In 2005, [an NGO] wrote:

US and Europe[‘s s]urplus production is sold on world markets at artificially low prices, making it impossible for farmers in developing countries to compete. As a consequence, over 900 millions of farmers are losing their livelihoods.

Three years later, following a substantial rise in food prices, [the same NGO's] view was that:

Higher food prices have pushed millions of people in developing countries further into hunger and poverty. There are now 967 million malnourished people in the world….

In other words, the news on the food prices front is always bad for the world’s poor, regardless of whether prices are rising or falling.

(Wer eine Antwort dieser NGO auf Danis Kritik lesen will, hier entlang.)

Nun hat sein Gastblogger Derek Headey empirisch nachgelegt, indem er mit anderen Methoden als den bisher verwendeten untersucht, wie sich die Ernährungsunsicherheit während der Nahrungsmittelpreiskrise 2007/08 entwickelt hat. Sein Fazit:

[E]ven if I make very conservative assumptions about food security trends in China and India, or if I predict changes with an econometric model (which irons out any outliers), then I still find that self-reported food insecurity went down by 63-87 million people, if not more. … In short, I find the exact opposite of the World Bank and USDA/FAO simulations, apparently because economic growth more-than-compensated for any adverse effects of higher food prices.

Seine Ergebnisse bedeuten natürlich nicht, dass nicht Menschen unter den hohen Preisen gelitten haben. Gerade in den (politisch wichtigen) urbanen Zentren leiden die Leute darunter und machen medienwirksam auf sich aufmerksam. Das millionenfache Leid auf dem Land allerdings, das durch niedrige Preise entstanden war, wird weniger gesehen.

Seine Schlussfolgerung ist entsprechend zurückhaltend:

So . . . new data, new doubts. Is it time for international agencies to seriously rethink their approach to measuring food insecurity?

Es ist wohl noch einiges an Forschung nötig. Ob die Hungerhilfeprojekte und-NGOs an einer ehrlichen Erforschung ein Interesse haben?

Eine Fleischsteuer für Europa?

Ja, liebe Freunde des gepflegten Holzfällersteaks, das hört Ihr nicht gerne. Es geht um die Tendenz steigender Rohstoffpreise, zu denen Nahrungsmittel nun mal auch im weiteren Sinne gehören.

Aber der Reihe nach. Tyler Cowen und Matthew Yglesias diskutieren die Tendenz steigender Preise und was dahinter steckt, Yglesias unterscheidet hierbei zwei Arten des Wachstums:

One is leap-ahead growth in which technologically advanced societies dream up even more advanced technology. The other is catch-up growth in which technologically backwards societies learn to use the advanced technology that already exists in the advanced countries.

Wenn dann die Ressourcenextraktion auch in weniger entwickelten Ländern schon auf dem neuesten Stand ist, sich aber gleichzeitig ein enormer catch-up Prozess vollzieht, so die These von Cowen, müsste dies steigende Preise zur Folge haben.

There is a long history of falling real resource prices, but is this simply reflecting the fact that the last three hundred years don’t offer many periods of catch-up growth?

Daraus leitet Yglesias folgende Prognose ab:

For rich countries, that’s inconvenient but we’ll deal. For China, it’s fine—the whole point is that incomes will be rising faster than prices. But for poor countries that aren’t growing rapidly, it’s potentially a disaster. This kind of trend is what’s driving the current instability in North Africa and will probably be a major story for years to come.

Was spricht zunächst einmal gegen diese These? Erstens sind gerade in Afrika, aber auch in Zentralasien einige Regionen noch wenig erkundet, bezogen auf Ressourcen (z.B. Afghanistan, oder Zentralafrika). Sollten es die politischen Bedingungen erlauben, könnte hier noch einiges an Potential schlummern. Das gilt auch und gerade für die Landwirtschaft. Zweitens werden die Technologien, die Ressourcen sparen, stetig weiter entwickelt, sei es wegen steigender Preise oder politischer Unsicherheit der Versorgung (z.B. Seltene Erden aus China). Beim Verbrauch von Lebensmitteln ist es mit der Sparsamkeit allerdings nicht weit her.

Insofern hat Yglesias wohl Recht: gerade bei Nahrungsmitteln sind viele Länder Afrikas derart verwundbar, dass schon kleinere Preissteigerungen zu dramatischen Situationen führen können. Und diese Preissteigerungen werden wir wohl erleben, unabhängig von Spekulanten.

Was also könnte man tun, zum Beispiel hier in Europa? Wie wäre es, den Fleischkonsum einzuschränken? Neben den ethischen Gesichtspunkten (Vegetarier bin ich allerdings selbst nicht), und Problemen des Klimawandels, spricht auch ökonomisch einiges dafür.

Bezüglich Nahrungsmittelpreisen haben wir es mit einer Externalität zu tun: unser Fleischkonsum erhöht den Marktpreis für z.B. Weizen und Mais, und macht es für arme Stadtbewohner in Afrika schwieriger, sich zu ernähren. In der reinen Theorie führt dies zwar nicht zu Effizienzproblemen, denn da wir bereit sind, mehr zu zahlen, kommen die Nahrungsmittel dort an, wo sie “den größten Nutzen stiften”. Man merkt schon, wie absurd das ist.

Um dieser Externalität entgegen zu wirken könnte man den Fleischkonsum Pigou-besteuern. Und was spräche eigentlich dagegen? Fleisch ist ab einer kleinen Menge bestenfalls unschädlich, vermutlich aber eher schädlich für den Konsumenten selbst. Es wäre also schon vor diesem Hintergrund zu begrüßen, ähnlich wie bei Tabaksteuern. Wichtiger aber ist, dass eine derartige Steuer den Fleischhunger der Europäer reduzieren würde – also auch die Nachfrage der Fleischindustrie nach Inputs, zu denen auch das gehört, was andere als Grundnahrungsmittel verwenden. Und wenn nicht direkt, so doch indirekt auf Grund der Anbauflächen. Noch besser wäre es, gleichzeitig die Auflagen für den Tierschutz für in Europa verkauftes Fleisch zu erhöhen, was vermutlich ebenfalls steigende Fleischpreise zur Folge hätte und das peinliche Missverhältnis zwischen zivilisatorischem Anspruch und Wirklichkeit etwas korrigieren würde.

Ist das auch nur entfernt realistisch? Ich denke, steigende Nahrungsmittelpreise und die Folgen in den ärmsten Ländern dieser Welt werden auch in Europa zunehmend wahrgenommen werden. Leider wird es aber viele geben, die hauptsächlich Spekulanten am Werk sehen, was kurzfristig einen Anteil haben mag, und dort den Hebel ansetzen wollen – und dabei die wirkliche Probleme aus den Augen verlieren. In meinen Augen erweist man damit den Ärmsten der Welt, um das wohlige Gefühl des ausgelebten Spekulantenhasses willen, einen Bärendienst.

PS: Zu pekuniären Externalitäten empfehle ich einen anderen Eintrag von Tyler Cowen:

The distinction between pecuniary and non-pecuniary externalities is useful, and hard to do without, but its foundations are shaky.  In practical terms the weakness of the foundations matters most when we are doing health care economics or analyzing food subsidies (or comparable forms of aid) in poor countries.  The richer and healthier the people are, the more likely the distinction can be invoked without much trouble.

Ölpreis: Knappheit oder Spekulation?

Ein kleiner Nachtrag zum letzten Eintrag, in dem ich diskutiert hatte, ob nun Spot- oder Futurespreis für den Ölpreis entscheidend sind. Eine zur Beurteilung von Öl-Spekulation etwas relevantere Frage ist, warum die Preise von Öl steigen: wird Öl einfach knapp, und wird daher dauerhaft teuer bleiben? Oder sorgt billiges Geld und irrationales Marktverhalten für immer neue Höhen?

Es gibt ein paar Indizien, dass ersteres einen großen Anteil hat. Ryan Avent diskutiert den World Economic Outlook des IWF, in dem es heißt:

The persistent increase in oil prices over the past decade suggests that global oil markets have entered a period of increased scarcity. Given the expected rapid growth in oil demand in emerging market economies and a downshift in the trend growth of oil supply, a return to abundance is unlikely in the near term.

Neben der steigenden Nachfrage, die ja allgemein bekannt ist, hat mich dieser Graph doch etwas überrascht:

Bis 2014 wird offenbar die Produktionskapazität nicht mehr nennenswert wachsen. Und bei einem derart preisunelastischen Gut wie Öl sollte dies zu massiven Preisausschlägen nach oben führen, wie wir sie schon jetzt beobachten können. Ein Teil dessen wird wohl sein, dass Spekulanten diese Preisentwicklung vorweg nehmen (und Produktionskapazität in die Zukunft verschieben, oder Öl lagern), aber wäre diese Spekulation schädlich?

In dem Fall nicht, denn hier nimmt Spekulation eine zukünftige Preisentwicklung vorweg und sorgt für Verschiebungen von Angebot in eine Zeit, in der Öl knapp und teuer ist, und sorgt durch das frühzeitige Signal gleichzeitig dafür, dass die Nachfrager in Vermeidungstechnologien investieren können, bzw. ihre Produktionspläne anpassen. Das würde dazu beitragen, die Volatilität zu begrenzen.

Futurespreis und Spotmarkt, Öl-Edition

Spekulation ist ein kompliziertes Thema, das zeigten auch die Diskussionen mit Querschuss (Querschuss trifft daneben & Querschuss antwortet).

Das fängt schon beim Unterschied zwischen Futures- und Spotmarkt an. Auf dem Futuresmarkt werden, einfach gesagt, Verträge gehandelt die festhalten, zu welchem Zeitpunkt und welchem Preis der Käufer eines Futures einem Verkäufer eine bestimmte Ware abnimmt. Es ist also ein Kaufvertrag, dessen Erfüllungszeitpunkt in der Zukunft liegt, einfach gesprochen.

Da es bei Futures um bestimmte, standardisierte Güter geht, wie Rohöl, wird auf dem Futuresmarkt also der zukünftige Preis dieses Gutes gehandelt. Die allermeisten dieser Verträge werden aber physisch garnicht erfüllt (viele sind dafür auch gar nicht gedacht), sondern sie werden finanziell erfüllt. Haben diese Futuresmärkte also einen Einfluss auf den (Spot-)Preis von Öl?

Zunächst beobachten die Ölhändler und -produzenten natürlich den Futurespreis und werden ihr Kauf- und Verkaufverhalten daran ausrichten: wenn steigende Preise angezeigt werden also eher schnell noch kaufen bzw. langsamer verkaufen. Beides ist aber Lagerung/Entlagerung, also hat der Futurespreis eigentlich erst dann einen Einfluss auf den Spotpreis, wenn er das Lagerverhalten der Akteure beeinflusst.

Ist Öl hier ein Sonderfall? Scheinbar ja, schreibt JD von Peak Oil Debunked:

Most crude oil is traded based on long-term contracts, and the prices in those contracts are set by a system known as “formula pricing”. In this system, the price of delivered crude is set by adding a premium to, or subtracting a discount from, certain benchmark or marker crudes, namely: West Texas Intermediate (WTI), Brent and Dubai-Oman. … Originally, the benchmark prices were spot prices, but over time problems began to arise due to the depletion of the benchmark crudes.

Das Problem mit dem Spotmarkt war seine geringe Liquidität, da der Großteil des Öls in Langzeitverträgen gehandelt wird. Dies wiederum öffnet unlauteren Spekulationsmethoden die Tür:

The rapidly declining size of spot markets for the benchmark crudes led to chronic problems with speculators cornering those markets with a technique called the “squeeze”.

Cornering the market ist eine Marktmanipulation, in der man so lange ein bestimmtes, begrenztes Gut aufkauft, bis man den Preis mitbestimmen kann und andere zwingt, zu hohen Preisen zu kaufen. Wenn man also eine große (long) Position aufgebaut hat, andere short sind und diese Position erfüllen müssen, kann man den Preis in die Höhe treiben. Der Spotmarkt erweist sich dann nicht mehr als zuverlässiger Signalgeber.

Was haben die Ölhändler also gemacht?

The declining liquidity of the physical base of the reference crude oil and the narrowness of the spot market have caused many oil-exporting and oil-consuming countries to look for an alternative market to derive the price of the reference crude. The alternative was found in the futures market.

Viele nehmen seither also einen gewichteten Futurespreisdurchschnitt als Referenzgröße. Hier hat der Futuresmarkt also einen direkten Preiseinfluss, unabhängig davon, was auf dem Spotmarkt passiert. Dennoch sind die beiden, Futures- und  Spotmarkt, natürlich eng verbunden: ein Future, der ausläuft, sich also seinem Endzeitpunkt nähert, wird mit dem Spotpreis konvergieren.

Interessanterweise setzt man aber auf den Futuresmarkt um den negativen Einfluss von Spekulanten zu begrenzen. Dabei ist doch gerade der Futuresmarkt das Ziel spekulationskritischer Meinungen. Was lehrt uns das? Das Thema Spekulanten ist kompliziert, und einfache Antworten, egal von welcher Seite, vermutlich falsch.

HT: Naked Capitalism

Querschuss antwortet

Querschuss schreibt erneut über die Spekulation an Rohstoffmärkten und warum die Geldpolitik schuld ist, nachdem ich ihn vor kurzem kritisiert hatte (siehe auch seine Kommentare zu meinem Eintrag). Zunächst einmal vielen Dank an Steffen (=Querschuss) für die interessante Diskussion.

Inhaltlich geht er in einem kurzen Absatz auf China und andere überhitzende Länder ein, die auf ihrem Wechselkurs bestehen, was ich für einen ganz entscheidenden Teil des Problems halte, hält aber an seiner Grundthese fest:

Die durchaus verbreiteten Versuche, auch einiger Blogger, solche für die gesamte Stabilität der Welt gefährliche Preisentwicklungen nicht auch der Geldpolitik der Notenbanken zuzuschreiben sind schwer nachvollziehbar, da sie ganz offensichtliche Zusammenhänge ignorieren.

Diese “offensichtlichen Zusammenhänge”, die die Lockerheit der Geldpolitik beweisen, oder zumindest zeigen sollen, sind für ihn:

  • Sehr niedrige Zinsen der Zentralbanken, plus eine aufgeblähte monetäre Basis (schreibt er in einem Kommentar hier auf Kantoos Economics)
  • (nach seinen eigenen Berechnungen) niedrige Realzinsen

Zudem scheint für ihn außer Frage zu stehen, dass (schädliche) Spekulation der Kern des Preisproblems ist. Gehen wir also vom offensichtlichen zum weniger offensichtlichen vor.

Der Leitzins der Zentralbank (ein nominaler Zins) ist ein denkbar schlechter Indikator für den Stand der Geldpolitik, und ich denke, das weiß Steffen auch. Zum Beispiel waren die Zinsen während der Immobilienboomphase teilweise recht hoch, doch war die Politik vermutlich zu locker. In schweren Krisenzeiten waren die Zinsen teilweise Recht niedrig, was bedeutet, dass sie wohl zu strikt waren. Während der deutschen Hyperinflation allerdings waren sie nicht niedrig, war also die Geldpolitik damals nicht locker? In Summe: man sollte nie den Leitzins als Maß für den Stand der Geldpolitik heranziehen. Wird oft gemacht, erschreckend oft, ist aber Unsinn und steht in Bachelorlehrbüchern auch unter “Häufige Fehler”.

Die monetäre Basis ist ein vielleicht noch schlechterer Indikator, denn gerade wenn die Geldpolitik zu restriktiv ist horten die Banken Geld. Wenn dann also der Geldschöpfungsprozess gestört ist, kann die Zentralbank mit sehr hoher Menge Zentralbankgeld also wenig Geld schaffen.

Und so fokussiert sich Steffen, der das alles vermutlich weiß, auf Realzinsen. Und hier wird es komplizierter, denn

  • … Realzinsen sind ebenfalls nicht der beste Indikator für Geldpolitik, und
  • … die Berechnung von Realzinsen ist alles andere als einfach.

Warum sind Realzinsen auch ein schlechter Indikator? Ich habe es schon in anderen Einträgen angedeutet, die Realzinsen bestehen nicht nur statisch aus Inflation und Nominalzinsen, sondern auch und gerade aus Erwartungen. Mit anderen Worten, wenn man sagt, eine expansivere Geldpolitik senke ceteris paribus die Realzinsen, dann ist das eigentlich Unsinn, denn dieses “ceteris paribus” kann es nie geben. Der Grund ist, dass ein Signal der Zentralbank (was Zinssetzungen unter anderem sind) auch die Erwartungen der künftigen wirtschaftlichen Erwartung verändern, was Angebot und Nachfrage nach Kapital beeinflussen muss, sollte und wird. Wie also verhalten sich Realzinsen, je nach Geldpolitik? Die Antwort: keiner weiß es, es kann überall hin gehen, je nach Situation.

Die Berechnung von Realzinsen, wenn man sie denn als Maß heranziehen möchte, ist garnicht einfach. Steffens einfachsten Weg, Leitzins minus CPI, habe ich noch nie gesehen, und scheint mir auch ehrlich gesagt merkwürdig: Leitzinsen sind keine vom Markt gegebene Nominalrendite, und der CPI ist ein rückwärtsgewandter Inflationsindex. Beides ist für Realzinsen unbrauchbar, denn diese bestehen aus Nominalrendite minus erwarteter Inflation. Auf die Probleme, mit CPI die Inflation zu messen, will ich gar nicht eingehen. Sein Hauptweg, Rendite von Kurzläufern minus CPI, ist natürlich besser, hat aber immer noch das Problem, dass der CPI keine erwartete Inflation ist. Wie wäre es mit den Renditen der TIPS, also der inflationsindexierten Bonds in den USA?1

Hier sieht das Ganze doch schon weniger dramatisch aus, oder? Gerade nach der Ankündigung von QE2 sind die Realzinsen zwar erst gefallen, dann aber wieder gestiegen. Übrigens, wenn man die Realzinsen als Indikator für Geldpolitik verwenden möchte, dann machte die Fed im Spätsommer/Herbst des Jahres 2008 die kontraktivste Geldpolitik seit sehr, sehr langer Zeit. Aber ich halte die Realzinsen für sehr irreführend und rate davon ab, sie als alleinigen Indikator für Geldpolitik zu verwenden.

Zu guter Letzt kommen wir zum Spekulationsteil seiner Argumentation. Wenn man trotz allem glaubt, die Zentralbankpolitik sei expansiv, was sie in meinen Augen ganz und garnicht ist, gerade in Europa, dann muss man noch zeigen, dass Spekulation Kern der Preisspirale ist. Und zwar eine Spekulation, die sich nicht auf Fundamentaldaten stützt (wie zukünftige Nachfrageentwicklung oder ähnliches, denn dann wäre sie nicht schädlich), sondern reine Zockerei ist, weil man nicht weiß wohin mit dem Geld. Steffen schreibt:

Hedgefonds tummeln sich wie auch viele Indexfonds  auf den Terminmärkten und treiben dort mit einem kräftigen Hebel auf ihren Einsatz Preise diverser Anlageklassen, darunter auch Agrarrohstoffe. Ein klassisches Horten von Agrarrohstoffen um die Preise anzutreiben ist heute nicht zwingend nötig, diese Funktion übernimmt der Terminmarkt, der den Handel als reines “Geld”-Geschäft attraktiv macht. Die Funktion von Terminkontrakten als Absicherung für Produzenten ist deutlich in den Hintergrund getreten. Indexfonds sind fast dauerhaft auf der Long-Seite und rollen ihre Positionen in die nächsten Kontrakte. Der Terminmarkt löst eine Arbitrage zum Spotmarkt aus …

Ein klassisches Horten von Agrarrohstoffen um die Preise anzutreiben ist heute nicht zwingend nötig?! Wenn jemand einen Future kauft, dann hat er nur etwas davon, wenn sich der Preis am Spotmarkt tatsächlich in die gewünschte Richtung verändert (nach oben). Spekulation ist keine Gelddruckmaschine. Dieser Spotpreis ergibt sich aus dem Handel mit echtem Weizen, keinen Papieren. Das bedeutet, der Preis entwickelt sich nur in die gewünschte Richtung, wenn dort die Nachfrage nach echtem Weizen hoch ist.

Wenn es also Spekulation sein soll, dann muss jemand Weizen einlagern, um ihn später zu verkaufen. Weizen essen ist keine Spekulation. Es mag sein, dass derjenige das deshalb tut, weil der Futurespreis für einen noch weiter in der Zukunft liegenden Zeitpunkt so ist, dass sich das lohnt, somit der Futurespreis die Lagerhaltung treibt. Aber Lagerhaltung ist eine notwendige Bedingung, ohne geht es nicht. Hier musst Du, Steffen, Dein Argument nochmal klarer machen, wie Spekulation die Preise treibt, wenn es keine Hortung gibt. Ich sehe da keine Möglichkeit.


1 Daten vom US Department of Treasury: “These rates are commonly referred to as “Real Constant Maturity Treasury” rates, or R-CMTs. Real yields on Treasury Inflation Protected Securities (TIPS) at “constant maturity” are interpolated by the U.S. Treasury from Treasury’s daily real yield curve. These real market yields are calculated from composites of secondary market quotations obtained by the Federal Reserve Bank of New York. The real yield values are read from the real yield curve at fixed maturities, currently 5, 7, 10, 20, and 30 years. This method provides a real yield for a 10 year maturity, for example, even if no outstanding security has exactly 10 years remaining to maturity.”

Querschuss trifft daneben

Der Blog Querschuesse enthält in jedem seiner Eintrage oft so viel Informationen und Zahlenmaterial, dass man sich gelegentlich zu dem Teil durchkämpfen muss, wo Querschuss seine Meinung deutlich macht. Dennoch ist er eine Fundgrube an Material. So auch diesmal, wo er den FAO Preisindex abbildet. Doch dann schreibt er:

Die Notenbanken handeln weiter unverantwortlich, so auch heute wieder die EZB auf ihrer Ratssitzung, als sie den Leitzinssatz unverändert auf dem Rekordtief von 1% beließ. Angesichts der Rohstoffhausse und dem aggressiven Anstieg in bestimmten weiteren Assetklassen, sind die Leitzinsen von 0-0,25% in den USA, von 0-0,1% in Japan, von 0,25% in der Schweiz und von 0,5% in Großbritannien unverantwortlich und Treibsätze für weitere auch spekulativ getriebene Preisanstiege.

Billiges Geld auf dem Markt treibt die Preise hoch. Ach Querschuss, wenn es doch so einfach wäre.

1. Geldpolitik muss für makroökonomische Stabilität sorgen

Meiner Ansicht von Geldpolitik und ihren Aufgaben liegt zu Grunde, dass sie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisieren sollte, denn das ist eine notwendige Bedingung für makroökonomische Stabilität. Das hat weder die EZB noch die Fed getan, daher sind wir in der Krise, in der wir stecken. Dass die EZB die Geldpolitik gerade de facto restriktiver gemacht hat, entsetzt mich.

Querschuss aber scheint zu unterstellen, dass die EZB ihre Politik unverändert gelassen hat, aber das ist natürlich falsch. Denn das Setzen eines kurzfristigen Zinses hat kaum Auswirkungen, wie wir spätestens seit Woodford wissen. Wichtig ist allein die Aussicht auf zukünftige Geldpolitik. Und gemessen an den Reaktionen an den Devisenmärkten war die bloße Ankündigung Trichets ein Anziehen der Geldpolitik, völlig ohne Frage. Gemessen an der Nachfragesituation in Europa aber ist das eine Katastrophe.

Zudem scheint mir eher, dass schlechte Aussichten spekulatives Geld in commodities treiben. Wenn Geldpolitik angemessen expansiv wäre (wie z.B. in Schweden, mit Rekordwachstum), würde mehr investiert und weniger Geld gehortet, das sich dann sinnlose Anlageformen sucht.

Die Kausalkette: “mehr Geld” von der ZB → höhere commodity Preise ist viel zu einfach. Sorry, Querschuss.

2. Spekulation muss nicht Teil des ganzen sein

Spekulation wirkt nur dann auf den Preis, wenn das Handeln von Futureskontrakten auch physische Reaktionen nach sich zieht. Der Spotpreis (damit ist der englisch spot gemeint, nicht der deutsche “Schpott”) kann von Spekulation nur dann beeinflusst werden, wenn Ernte- und Lagerentscheidungen von Spekulation beeinflusst werden. Wie Krugman schön schreibt (Sanders und Irwin’s Papier über Indexfonds im Nahrungsmittelmarkt zitierend):

Index fund buying is no more “new demand” than the corresponding selling is “new supply.”

Und wenn es zu physischem Horten kommt, wie in China zu sehen bei Baumwolle und Eisen? Ist dann nicht Helicopter-Ben schuld? Krugman dazu:

Well, to the extent that emerging markets are insisting on a fixed exchange rate against the dollar in the face of obvious overvaluation, that contributes to the boom and hence to demand. But I don’t think it’s reasonable to demand that the Fed stop fighting US unemployment in order to keep Chinese currency manipulation from leading to cotton hoarding by Chinese farmers.

Gleiches gilt natürlich für die EZB. Bei Nahrungsmitteln sieht es eher weniger nach Hortung aus, oder weisst Du da mehr, Querschuss? Diese Information aber ist wichtig um zu bewerten, ob Spekulation überhaupt Teil des ganzen ist. Wenn sie es ist, und Geldpolitik das Ziel Deines Ärgers bleiben soll, dann fokussiere Dich auf China, nicht die USA oder Europa.

3. Selbst wenn es Spekulation ist, ist das nicht unbedingt schlecht

Oh ha! sagen wohl manche hier, die Spekulation für ein grundsätzliches Übel halten, aber es stimmt: Spekulation kann durchaus zukünftige Marktentwicklungen vorweg nehmen. Dann ist Spekulation der Überbringer einer schlechten Botschaft, dem manche in Ermangelung besseren Verständnisses den Kopf abschlagen.

Spekulation, in dieser Sichtweise, schwächt sogar die Schwankungen ab indem es frühzeitig Signale sendet und die Produktion so verschiebt, dass sie steigende Nachfrage in Zukunft besser befriedigen kann. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung, zweistelligem Wachstum in China, und gutem Wachstum in Indien, Brasilien etc., Erholung in den USA, was alles mit steigendem Energie- und Nahrungskonsum (Fleisch!) einhergeht, weiterer Überfischung der Meere, Klimawandel etc. ist bei Nahrungsmitteln und Energie ein steigendes Preisniveau zu erwarten. Und das nehmen Spekulanten vorweg, zum Wohle der zukünftigen Nahrungsmittel- und Energiekonsumenten. Das ist zumindest eine Sichtweise von Spekulation.

Bin ich der typische, zynische Ökonom? Ganz und gar nicht, meine Sorgen gelten ebenfalls den Menschen, die sich kaum ernähren können. Aber wer Geldpolitik und Spekulanten für die Nahrungsmittelpreise verantwortlich macht, erweist den Hungernden auf der Welt seinerseits einen Bärendienst, denn dort liegt das Problem nicht! Das Problem liegt im Klimawandel, den investitionsfeindlichen Bedinungen in manchen Entwicklungsländern, der skandalösen Überfischung der Meere (auch der Nord- und Ostsee, unserer Hausteiche! Ohne Worte.) und des verantwortungslosen Fleischkonsums in den USA, Lateinamerika und Europa. Zu letzteren beiden Aspekten habe ich bereits angefangen, sehr kritische Einträge zu schreiben.

Also, lieber Querschuss, ich sage nicht, dass das, was ich hier schreibe, der Weisheit letzter Sch(l)uss, ist. Aber Deine einseitige Darstellung konnte man so einfach nicht stehen lassen.

PS: Wer meint, die Landwirtschaftssubventionen der EU seien ebenfalls Schuld, ist leider auf dem Holzweg: der Sinn dieser Subventionen ist es, mehr Produktion zu schaffen als sonst marktgerecht wäre. Dies führt zu Abwärtsdruck bei den Weltmarktpreisen. Ohne EU-Subventionen wäre der Marktpreis für Nahrungsmittel noch höher.

Was ist für Mark Schieritz “monetary”?

Da schreibt Mark Schieritz im Herdentrieb einen schönen Beitrag über Geldmenge, Rohstoffspekulation und Inflation, zeigt einen interessanten Graphen – und endet dann mit dem Satz:

Merke: Inflation is never and nowhere a monetary phenomenon!

Bitte was?! Erstmal finde ich Sätze mit “merke” grundsätzlich nervig, und bei einem derart komplexen Thema erst Recht deplaziert. Aber auch inhaltlich: ist das sein Ernst? Dieses statement ist so falsch, dass ich mich frage, ob ich den Witz einfach nicht verstehe, Friedman hier einfach umzudrehen…

Inflation ist ein kompliziertes Thema, und auch auf die Gefahr skandalöser Vereinfachung unterscheide ich mal zwei Arten von “Inflation”:

  • Steigende Preise von Gütern wie Energie, Nahrungsmittel auf Grund hoher weltweiter Nachfrage oder ähnlichem
  • Steigendes allgemeines Preisniveau (damit meine ich, Löhne und Preise querbeet)

Ersteres ist nicht wirklich “Inflation” im makroökonomisch relevanten Sinne: wenn die Nachfrage nach Energie und anderen Grundstoffen steigt, weil sich 2,5 Mrd. Menschen in Ländern befinden, die zweistellig wachsen, dann sind dies neue Gleichgewichtspreise, keine Inflation. Und inwiefern Spekulation dahinter steckt, da bin ich mit Mark fast einer Meinung: erst wenn physisch Güter gelagert werden (in Tanks, Lagern oder im Boden), dann kann man von Spekulation sprechen, nicht aber beim reinen Handel mit Papieren. Und selbst wenn es Spekulation ist, ist das nicht per se etwas schlechtes. Aber das ist ein Thema für einen anderen Eintrag.

Zweiteres allerdings ist Inflation, hat aber, wie Mark richtig schreibt, mit Zentralbank-Geldmenge oder ähnlichem kurz- und mittelfristig nicht so viel zu tun: in einer Krise kann sich die Zentralbankgeldmenge ver-x-fachen, ohne Einfluss auf die Inflation zu nehmen, schließlich hat Geldschöpfung und Umlaufgeschwindigkeit auch ihren Beitrag zu leisten. Sein Graph beleuchtet den Geldschöpfungsaspekt ganz anschaulich.

Wie kommt es dann zu Inflation? Eine Sichtweise ist, dass es immer dann zu Inflation kommt, wenn sich die Wirtschaft an ihrem Maximum bewegt: dann kommt es zu Lohnerhöhungen, steigenden (Knappheits)Preisen und ähnlichem. Und da ist sicher etwas dran, gerade in relativ stabilen Verhältnissen, in denen wir in Europa und den USA in den letzten 25 Jahren gelebt haben, inflationsmäßig. Allerdings ist dies weder notwendig noch hinreichend um Inflation zu generieren.

Warum ist es nicht notwendig? Weil die Zentralbank ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat; und insofern ist Inflation natürlich immer ein “monetary phenomenon“, wenn man “monetary (policy)” angemessen weit definiert (was man unbedingt tun sollte!). Ein Beispiel: sollte sich die Zentralbank entscheiden, ihr Inflationsziel von 2% auf 4% zu erhöhen, dauerhaft!, und dies mit allerlei geldpolitischen Maßnahmen untermauern, dann wird die Inflation anziehen, das ist sicher. Ob die Wirtschaft sich dabei in einer Talsohle befindet, oder nicht. Dankenswerterweise hat Franklin Roosevelt dies 1933 ausprobiert, so dass wir es untersuchen können: er hat gesagt, dass er das Preisniveau wieder auf Vorkrisenniveau heben will und hat diese Politik entsprechend untermauert mit dem de facto Aussetzen des Goldstandards – und das mitten in der schwersten Wirtschaftskrise der jüngeren Geschichte. Das Resultat: Inflation! Trotz der massivsten Unterauslastung der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Zugegeben, das ist ein Extremfall.

Ist es denn zumindest hinreichend? Nein. Denn trotz einer voll ausgelasteten Wirtschaft kann die Inflation durch Maßnahmen der Zentralbank im Zaum gehalten werden. Wenn die Zentralbank eine Art Preislevelziel-Strategie verfolgt, und jeder Ausschlag nach oben mit Ausschlägen nach unten korrigiert wird, dann wird auch im Falle einer Vollauslastung keine übermäßige Inflation zu erwarten sein. Lohn-Preis-Spiralen können und sollten verhindert werden. Natürlich ist die Glaubwürdigkeit der Zentralbank ein Kernelement in diesem Argument. Allerdings haben die Zentralbanken in den USA und Europa ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit erreicht, wenn auch in den USA auf schmerzhaftem Weg, das ausreichen sollte, die Inflation im Zaum zu halten. Die kurze inflationäre Phase vor 2008 scheint vielleicht dagegen zu sprechen, allerdings ist auch hier klar: ohne Geldpolitik (weit definiert) kann es keine kontinuierliche Inflation geben.

Mein Punkt ist der: eine ausreichend weit definierte Konzeption von Geldpolitik ist der Schlüssel zur Inflationsfrage. Denn eine solch weit definierte Geldpolitik ist notwendig und hinreichend für Inflation. Und in diesem Sinne ist Inflation der zweiten Ausprägung immer und überall ein montäres Phänomen. Von langfristiger Inflation ganz zu schweigen, aber darüber gibt es auch eigentlich keine zwei Meinungen.

Wie also sollte man Marks statement nun verstehen? Dass er “monetary” als “Zentralbankgeldmenge beeinflussen” übersetzt? Kämpft er also gegen eine uralt-monetaristische Denke? Ich vertraue Mark, dass das keine Windmühlen sind, gegen die er da kämpft. Und das wäre traurig. Für Deutschland, nicht für Mark. Allerdings weiß ich nicht, ob (falsche) Pauschalstatements wie Marks förderlich sind, diesen Unsinn zu beenden. Mir scheint, sie befeuern ihn noch.

PS: Marks Kritik an Steingarts Artikel teile ich, bis auf den Teil, wo Steingart anmahnt, dass die Verursacher der Krise nicht gerettet werden sollten, also Banken und andere. Gerade bezüglich der Lehmanpleite, wo sich ja die Ansicht verbreitet hat, die Nicht-Rettung sei in Fehler gewesen, ist Steingarts Hinweis wohltuend.

Brauchen wir ohne Moral Hazard Kolumbusse?

Warum setzt sich jemand in ein kleines Schiff und segelt mit einer Horde Matrosen in den fast sicheren Tod? Vermutlich, weil seine Risikoaversion sehr gering ist. Die Welt wiederum profitiert vermutlich von den Taten solcher Menschen, die Native Americans mögen mir für dieses Beispiel verzeihen.

Was hat dies mit der Finanzkrise zu tun? Hier haben Banken erhebliche Risikopositionen aufgebaut, unter anderem im Vertrauen darauf, dass sie gerettet werden, sollten sich die negativen Risiken materialisieren. Moral Hazard, alles bekannt. Wenn wir diesen Moral Hazard also unterbinden, müssen wir dann auf Kolumbusse (oder Kolumbi?) hoffen, damit jemand überhaupt noch die risikoreichen Unternehmungen macht? Diese Frage wirft Karl Smith von Modeled Behavior auf.

The gut reaction is that risk is bad and of course risk taking is unpleasant for most people. However, risk-taking is also the foundation for growth. Taking calculated risks is a social good and produces externalities.

Thus in the aggregate we should expect the problem society faces is not that people take too many risks but that they take too few. In such a case, subsidizing risk taking is exactly the right thing to do.

Diese Frage ist zu umfangreich, als dass man sie in einem Eintrag beantworten sollte. Das Risiko von subprime Krediten erzeugt vielleicht eine gewisse Sozialpolitik durch die Hintertür: erst subventioniert man Hauskredite und lässt dann die Finanzindustrie und die Anleger einen Teil der Kosten bezahlen. Und vor allem Wall Street einen Großteil der Prügel einstecken. Aber die Häuser sind gebaut, die Preise fallen und die Menschen können sie sich vielleicht daher in Zukunft eher leisten. Aber das ist nicht was Smith meint.

Auch griechischen Staatsanleihen scheinen mir nicht gerade positive Externalitäten zu erzeugen. Bei Krediten zur Unternehmensgründung könnte die Antwort anders ausfallen. Allerdings liegt auch hier die Betonung auf “calculated risks”. Zudem hat man Förderungen für Unternehmensgründungen, die mir zielgenauer scheinen als eine implizite Bankgarantie.

Mich überzeugt es nicht wirklich. Was meint Ihr?

Sind die Spekulaten schuld?

Spekulaten, Heuschrecken, Händler, seit Hunderten von Jahren sind sie den Menschen suspekt. Und wenn ein Land pleite geht, waren sie im Spiel, wenn Ölpreise steigen und vieles mehr. Ein plausibler Grund für die Skepsis: Spekulanten sind unter den wenigen, die von Krisen profitieren können.

Allerdings sollten wir uns etwas mehr damit beschäftigen. Felix Salmon von Reuters hat sich in einem Eintrag den Kampf “EZB gegen Spekulanten” vorgenommen:

It seems to me that blaming speculators for anything going on in Europe is lazy and unproven. There’s obviously credit risk in various European sovereign bond markets, and those markets are naturally going to trade at levels commensurate with that risk whether they’re full of speculators or not. So long as the ECB remains essentially the only buyer in the market, there will be tension about where the price should be. Real-money investors will tend to consider bonds overvalued and want to sell them at the ECB’s levels: that’s not speculation, that’s just the way that markets work. Yes, such sales put downward pressure on bond prices—as do purchases of protection by investors worried about what might happen in an event of default. …

Journalists should beware “speculator” terminology unless and until they have concrete evidence that what’s going on really is speculation rather than perfectly normal price discovery. So far, I don’t think that evidence exists.

Ich frage mich, ob die evidence, von der er spricht, jemals zu bekommen ist. Trotzdem sollte man bei Vorwürfen an Spekulanten immer vorsichtig sein, denn Menschen verwenden gerne scheinbar-plausible Erklärungen für Phänomene, die sie nicht verstehen können, oder für die sie einen Sündenbock benötigen. Es scheint mir auch, dass man self-fulfilling prophecies zu oft am Werk sieht. Damit ist nicht gesagt, dass es keine sich selbst verstärkenden Tendenzen in Märkten gibt. Aber das bedeutet weder, dass Ereignisse ohne solche Tendenzen nicht eingetreten wären, oder der Hauptgrund für eben diese Ereignisse sind. Was meint Ihr?

HT: Free Exchange

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