Wohlfahrtsstaaten und die Krise Europas

Ist die soziale Hängematte für die Verschuldung verantwortlich? by michael pollak

Viele haben mich, nach meiner schockierten Antwort auf Rainer Hank, gefragt was ich denn von seinem Nachfolgeeintrag halte. Um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ich würde Rainer in meinem Ärger nicht genau lesen, erstmal eine kurze Zusammenfassung seines Eintrags so wie ich ihn verstehe (was diesmal einfacher ist, denn in seinem letzten Eintrag war er mit seinem Wicksellzitat sehr suggestiv, was andere anders verstanden haben mögen).

Er zeichnet die Entwicklung der Staatsausgaben über die letzten 150 Jahre nach und stellt fest, dass einerseits die Ausgaben gestiegen sind, andererseits es aber auch große Unterschiede zwischen den Staaten (USA vs. Deutschland, z.B.) gibt. Schulden wiederum seien ein bequemer Weg, dieses Wachstum des (Wohlfahrts)Staates zu ermöglichen. Rainer deutet eine polit-ökonomische Erklärung dafür an: der Wettbewerb um „soziale Nettigkeiten“ führt zu mehr Ausgaben.

Weiter nimmt er sich Paul Krugman und Co. vor, die meinen, die Krise des Euro hätte nichts mit dem Wohlfahrtsstaat zu tun. Rainer schreibt, dass die Fehlkonstruktion Euro ein Gutes hätte: sie würde Staaten zwingen, ihre Verschuldung niedrig zu halten, damit sie nicht Opfer von selbst erfüllenden Insolvenzen werden können. Im Gegensatz zu anderen Staaten würde also der Euro die Risiken früher entlarven. Zu guter Letzt nimmt er sich die Kritik vor, die Eurokrise sei finanzkrisenbedingt, was er für unplausibel hält: der Beitrag der Finanzkrise zur deutschen Staatsverschuldung betrüge nur 1%, und überhaupt sei der Wohlfahrtsstaat an der Finanzkrise in den USA mit Schuld.

Ich könnte viele Punkt aufgreifen, muss mich aber beschränken und fange von hinten an:

  • Die Finanzkrise in den USA auf den Wohlfahrtsstaat zurück zu führen, halte ich für einen schlechten Scherz, mit dem sich die Republikaner in den USA regelmäßig blamieren. Der Subprime Sektor war so klein, dass selbst der Komplettausfall aller Kredite dort nicht mehr als einen Kratzer hinterlassen hätte. Peanuts, hätte die Deutsche Bank gesagt. Die Dynamik aber, die dies im Bankensektor wegen Fehlregulierung erzeugt hat, sowie eine unzureichenden Reaktion der Zentralbank, sind die wirklichen Gründe. Wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt, wie Rainer, sollte man vorher Gary Gortons, Markus Brunnermeiers oder Ricardo Caballeros Arbeiten gelesen haben, nicht nur Fault Lines. Und dann lässt man das Fenster eher zu.
  • Womit er Recht hat, ist, dass die Konstruktion des Euro nur ein sehr niedriges Schuldenniveau zulässt, und ich bin mir auch nicht sicher, ob das nicht vielleicht sein Gutes hat. Denn ich war immer ein Verschuldungsskeptiker und kann die Argumente von links gegen die Schuldenbremse nicht ganz nachvollziehen. Aber dem werde ich mich in Zukunft nochmal länger widmen.
  • Die polit-ökonomische Erklärung für Verschuldung ist sicher ein wichtiger Teil, und die Forschung darüber füllt ganze Bibliotheken, allerdings gilt sie nicht exklusiv für den Wohlfahrtsstaat. Sie gilt auch und gerade für Partikularinteressen, die mit dem Wohlfahrtsstaat nichts zu tun haben: Steuerentlastungen für Parteispender (Hotellobby), butterweiche Regulierung der Energiekonzerne, CO2-Zertifikatgeschenke, eine lasche Politik der Pharmaindustrie gegenüber etc. Wo ist die Kritik daran?
  • Womit wir zum Wohlfahrtsstaat kommen. Hier hat Rainer in Teilen Recht: der Wohlfahrtsstaat ist eine Verschuldungsgefahr für jedes Land. Einmal lieb gewonnene Programme sind schwer wieder zu kippen, weil man eine kleine Gruppe schafft, die großes Interesse hat, das Programm zu behalten, wobei sich die Kosten in homöopathischen Dosen auf alle verteilen. Das ist das Problem fast aller Staatsausgaben (Agrarsubventionen z.B.), bei manchen lässt es sich nicht vermeiden (Regulierung von Firmen aus dem Energiesektor, der Pharma, etc.). Mit dem Wohlfahrtsstaat kommen noch viele hinzu.

Auch die Skandinavier haben ihre Krise erlebt, und mussten ihren Wohlfahrtsstaat einer Überholung unterziehen. Aber ihr Beispiel zeigt, und hier widerpreche ich Rainer vehement, dass es möglich ist, einen effizienten Wohlfahrtsstaat zu gestalten, der nicht in einer Verschuldungsspirale endet. Denn es ist nicht die Größe des Staatssektors, die verantwortlich ist für Wachstumsunterschiede (China?) oder Verschuldung, sondern der effiziente Umgang damit. Die USA, z.B. haben mit ihrer niedrigen Staatsquote auch durchaus Schuldenprobleme.

Ich hatte dies in meiner Kritik am „linken“ ökonomischen Denken in Deutschland schon einmal angesprochen: man muss die VWL clever nutzen, cleverer als Marktliberale a la Rainer, wenn man eine linke Politik durchhalten will. Wenn man sich anschaut (ich hoffe, ich erinnere mich richtig), wie Schweden seinen Wohlfahrtsstaat gestaltet (nur noch Privatschulen und Gutscheine, oder eine Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch) oder wie die Niederlande mit Arbeitslosen oder krank Geschriebenen umgehen (Linke in Deutschland würden das Arbeitszwang nennen), versteht man vielleicht, was ich meine.

Die Verschuldungskrise Europas hat mehr mit den Schwierigkeiten einer Währungsunion, den kurzfristigen Kapitalflüssen und der Fehlregulierung des Bankensektors zu tun, als mit dem Wohlfahrtsstaat. Gleichzeitig muss man sich ehrlich fragen, ob eine Gruppe in einem demokratischen System andere ausnimmt.

Demokratie ist eben mehr als das Recht zu wählen. Sie erfordert Institutionen der Kontrolle, vernünftige Parteien und kritische Medien, sowie ein interessiertes und kompromissfähiges Volk. Die Amerikaner zeigen gerade, wie dysfunktional selbst eine alte Demokratie irgendwann werden kann, wenn sich die Gesellschaft polarisiert oder Medien wie Fox News mit ihren „Analysen“ viele Leute desinformieren.

Die Griechen als Ganzes aber kann man nicht so angreifen, wie es Rainer in seinem ersten Beitrag getan hat. Die FT schreibt zum Beispiel:

Greece and Switzerland have opened talks on a deal that would allow Athens to recoup taxes on some of the billions of euros its citizens have deposited in offshore banks.

Kein Staat kann überleben, wenn die Steuerbehörden von Politikern dazu angehalten werden, keine Steuern einzutreiben:

“This wasn’t all due to misreporting,” he says. “In 2009, tax collection disintegrated, because it was an election year.”

“What?”

He smiles.

“The first thing a government does in an election year is to pull the tax collectors off the streets.”

“You’re kidding.”

Now he’s laughing at me. I’m clearly naïve.

… oder wenn die Reichen ihre Schäfchen ins Trockene bringen können, bevor die zurück Gebliebenen die Scherben aufkehren müssen.

Was das mit dem Wohlfahrtsstaat zu tun haben soll, bleibt wohl Rainers Geheimnis.

Der Baker-Plan, der Brady-Plan, und Europa?

Nach meinem letzten Eintrag zu „Umschuldung light“ sehe ich, dass Mark Schieritz bei der Zeit einen weiteren Eintrag zum Thema veröffentlicht hat. In dem ist er unter anderem (wie Fabian Lindner in den Kommentaren auch) skeptisch bezüglich des Brady-Plans. Daher sollte ich kurz darlegen, wie ich Baker- und Brady-Plan verstehe.

Der Baker-Plan (Was war der Baker-Plan? Was ist der Baker-Plan?)

Die Schuldenkrise der 80er Jahre war schon einige Zeit im Gange, da trat der Baker-Plan 1985 in Kraft. Bisher hatte man sich mit Notkrediten von Banken und IMF durchgemogelt, sowie mit Anpassungsprogrammen der Länder in der Hoffnung auf schnelles Wachstum. Vor allem aber wollte man eine Bankenkrise verhindern – durch Vermeidung eines offiziellen Staatsbankrotts. Der Baker-Plan setzte diese Politik fort, allerdings sehr viel konkreter als bisher:

  • Banken wurden dazu verdonnert, 20 Milliarden Dollar über drei Jahre zur Verfügung zu stellen. Das entsprach 2.5% des bisherigen Kreditvolumens.
  • Die Laufzeiten existierender Anleihen wurden wiederholt um 18-24 Monate verlängert, die Zinszahlungen blieben bestehen, dank des frischen Geldes der Banken. So konnten die Banken die Anleihen mit vollem Wert in den Büchern stehen lassen.
  • Entwicklungsbanken wurden von den Industrieländern mit mehr Geld ausgestattet, um Kredite für Investitionen zur Verfügung zu stellen. Dies waren ebenfalls ca. 20 Milliarden Dollar über drei Jahre und sollten das Wachstum unterstützen.
  • Das Land selbst musste sich einem massiven IMF Programm unterziehen, was Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung anging. Allerdings machte der Baker-Plan deutlich, dass es um Wachstum in diesen Ländern ging, nicht nur um (kurzfristig) kontraktive Sparprogramme.

Hinter den Kulissen wurden die Banken allerdings gewarnt, dass sie sich auf einen letztendlichen Schuldenschnitt vorbereiten sollten. Zudem versuchte man ab 1987 mit Exit Bonds und ähnlichem einen freiwilligen Umtausch von bisherigen Anleihen in neue mit geringerem Nennwert, dafür höherer Rückzahlungswahrscheinlichkeit (unter anderem durch Sicherheiten in Form von US-Staatsanleihen) zu erreichen, was allerdings nur selten funktionierte.

Die Banken waren 1988 dann mehr oder weniger aus dem Schneider – allerdings nicht, weil sie wie in Europa den Politikern, Ökonomen und Journalisten so lange Angst gemacht hatten, dass sie voll ausbezahlt wurden. Der Grund war, dass sie über Jahre Zeit hatten aus Gewinnen (!) Kapitalpuffer zu bilden, wie das in einer Marktwirtschaft üblich ist. 1988 dann war die Schuldenkrise laut Aussage der Regulierungsbehörden vor dem Kongress keine unmittelbare Gefahr mehr für das Bankensystem.

Die Politik und Öffentlichkeit in den betroffenen Ländern allerdings war der Anpassungsprogramme, der Inflation und der Schulden müde und wollte den Schnitt. Es war Zeit für einen neuen Plan.

Der Brady-Plan (Was war der Brady-Plan? Was ist der Brady-Plan?)

Der neue Finanzminister Nicholas Brady baute auf freiwillige Reduktion der Forderungen durch den Tausch alter gegen neue Anleihen mit langer Laufzeit und geringerem Nennwert oder Zinsen. Wichtiger aber war, dass die neuen Anleihen (mit Hilfe der internationalen Geber) voll garantiert waren, und durch Regeln zur Rechnungslegung über ihrem eigentlichen ökonomischen Wert in den Büchern verbleiben konnten. Im Gegenzug gab es von den betroffenen Ländern weitere Reformen.

Zudem wurden die Schulden nun leichter handelbar, was es Banken erleichterte, ihre Risikoposition anzupassen – allerdings wurden die Schulden auch vorher schon gehandelt und so war dies nur ein Teilaspekt des Brady-Plans und nicht sein Kern. Hier liegt aber der größte Unterschied zur europäischen Krise: die Brady-Verhandlungen fanden mit wenigen (im Falle Mexikos ca. 500) Banken statt, die Kredite vergeben hatten. Durch politischen Druck, und leichtere Koordination war es möglich, den Austausch „freiwillig“ zu gestalten, ohne dass ein einzelner Akteur die Verhandlungen aufhalten konnte – oder als Trittbrettfahrer seine Kredite behielt in der Hoffnung, voll ausbezahlt zu werden.

Für Europa müsste man also – da es (noch) keine Collective Action Clauses (CACs) gibt – die neuen Anleihen derart attraktiv machen, dass sie wirklich freiwillig getauscht werden. Zum Beispiel dadurch, dass nur noch die neuen Anleihen als Sicherheiten bei der EZB akzeptiert werden, und/oder die neuen durch die EU garantiert werden. Zudem sollte man den Markt im Unklaren lassen, ob man die verbleibenden alten Anleihen voll auszuzahlen gedenkt, oder irgendwann die Zahlung schlicht einstellt.

Der Brady-Plan war der lange vorbereitete und nötige Schuldenschnitt, der die Schuldenkrise beendete. Wenn es Kritik gab, dann erstens an den sehr einseitigen IMF-Programmen gemäß des mittlerweile diskreditierten Washington Consensus1, die nicht immer zielführend und effektiv waren. Zweitens daran, dass der Schuldenerlass zu gering war, und zudem noch durch öffentliche Garantien gefördert werden mussten, die Banken also zu geringe Abschläge hinnehmen musste – für europäische Ohren ist das ein Luxusproblem. Dass Banken das anders sahen, ist weder verwunderlich noch in irgendeiner Weise interessant. Woher Mark „die Literatur“ nimmt, die den Brady-Plan aus heutiger Sicht kritisch sieht, weiß ich nicht.

Warum erst Baker, dann Brady?

In den Worten von Buchheit und Gulati:

The debt management technique adopted by Secretary Baker and his official sector colleagues in 1982 therefore had the effect of grabbing the commercial bank creditors by their noses and holding them in place as the lenders of record until a more durable solution to the problem could be implemented.

Der Kontrast zu Europa könnte nicht größer sein, wie sie in drastischen Worten schreiben:

Contrast this to the debt management technique being used in Europe in 2010-2011.  This time around, the official sector players are not holding the original lenders by the nose; the official sector is actually buying out the original lenders in full and on time as each existing bond matures and is paid by drawing down an official sector credit lines.  The difference is this — if the sword of a debt restructuring must eventually fall in order to render Greece’s debt stock manageable (something that most economists view as inevitable), that sword will fall principally on the neck of the official sector lenders.  The original creditors will have swapped places in the tumbrel [auf dem Henkerswagen] with official lenders quite literally in the shadow of the guillotine.

Genau deshalb wollte ich für das Frühjahr 2010 eine Art Baker-Plan, um die Privatgläubiger erstmal im Boot zu halten. Nur in deutschen Zeitungen war davon nichts zu lesen, so weit ich es verfolgen konnte. Das wäre ein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaftsjournaille, das muss ich so hart sagen. Wer meint, im Nachhinein ist man immer schlauer, hat Recht. Und doch erinnere ich mich genau an damals, wie ausgerechnet John Cochrane (Chicago) mir damals aus der Seele sprach, obwohl er mir sonst zu libertär ist (der ganze Artikel von ihm ist sehr lesenswert):

We’re told a Greek default would imperil the euro. The opposite is true. Allowing Greece to default, or to renegotiate with bondholders, would be the best way to save the euro. … We’re told that a Greek default will lead to „contagion.“ The only thing an investor learns about Portuguese, Spanish, and Italian finances from a Greek default is whether the EU will or won’t bail them out too. Any „contagion“ here is entirely self-inflicted. … In all the talk of restructuring euro finances, nobody is talking … of managing the crisis by forcing short-term debtholders to accept new long-term debt rather than cash.

Aber gut, nun hängen wir (dank unserer Ökonomen, Politiker und Journalisten) als Steuerzahler mit drin und werden zahlen müssen. Aber es ist höchste Zeit, die verbleibenden privaten Geldgeber im Boot zu halten, und wenn es erstmal durch Umschuldung light geschieht. Eine Art Brady-Plan wird ohnehin kommen. Es sei denn, man will wie Mark lieber alle privaten Gläubiger voll ausbezahlen und die europäischen Steuerzahler die ganze Last schultern lassen. Warum man das wollen sollte, werde ich in diesem Leben nicht mehr verstehen.


1 Dani Rodrik ist einer der prominentesten Kritiker des Washington Consensus und steht mit seinem Wachstumspolitikkonzept auf der genau anderen Seite.

Quellen: Dealing with the Debt Crisis (World Bank Symposium); „GREEK DEBT — THE ENDGAME SCENARIOS“ von Lee C. Buchheit & G. Mitu Gulati; Eichengreen „The Full Brady“ (Project Syndicate); EMTA „The Brady Plan“; The Cato Journal „THE BRADY PLAN AND MARKET-BASED SOLUTIONS TO DEBT CRISES“; .    VWL-Blog

Warum Schulden zählen / Why Debt Matters

For an English version of this post, please click here.

Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar

Mein Gastgeber Kantoos und ich diskutieren seit einiger Zeit – teils im Blog, teils per email – ob die Wirtschaftspolitik nur auf das Niveau der gesamtwirtschaftliche Nachfrage achten soll oder auch ihre Struktur, u.a. um Risiken wie Überschuldung privater Haushalte im Auge zu behalten (Kantoos‘ Position ist u.a. hier oder hier skizziert; meine hier). Dieser Artikel zeigt anhand der Entwicklung der U.S. Volkswirtschaft in den vergangenen 40 Jahren warum eine ausgeglichene Nachfragestruktur unabdingbar für stabiles und krisenfreies Wachstum ist.

In den 2000er Jahren explodierten die Schulden amerikanischer Haushalte: zwischen 2000 und 2007 wuchs ihre Schuldenquote – also Schulden relativ zum verfügbaren Einkommen – von 96 auf 135 Prozent. Ein gewisses Trendwachstum der Schuldenquote nicht ungewöhnlich, sofern den Schulden höhere Vermögenswerte gegenüberstehen (ein Prozess der oft „financial deepening“ genannt wird). Aber um das Jahr 2000 beschleunigte sich dieser Prozess plötzlich um das Fünffache. Nimmt man den Trend 1970-99 als Norm – eine Erhöhung der Schuldenquote von rund einem Prozent pro Jahr – waren amerikanische Haushalte Ende 2007 um 30 Prozent überschuldet (P.S.: alle Zahlen hier und im folgenden kommen von den Flow of Fund Statistics der Federal Reserve).

Was war passiert? In den späten 1990er Jahren hörten Amerikas Haushalte auf zu sparen. 1970-99 legten sie durchschnittlich knapp 3 Prozent ihres verfügbaren Einkommens zur Seite. 2005 sparten sie 2005 minus 3 Prozent: sie gaben mehr aus als sie verdienten. Der Einbruch der Haushaltsersparnis beschert den USA ein Rekord-Leistungsbilanzdefizit von mehr als 8 Prozent des Sozialprodukts 2006 – effektiv verschuldeten sich amerikanische Haushalte im Ausland (organisiert etwa durch den Verkauf verbriefter Hypothekendarlehen an ausländische Banken).

Verwies vor der Krise jemand auf diese Schuldenexplosion erhielt meist als Antwort das Nettovermögen amerikanischer Haushalte – also Bruttovermögen minus Schulden – sei so hoch wie nie zuvor, dank gestiegener Hauspreise. Die Schulden seien also voll und ganz gedeckt. Offenbar verleitete genau dieser Zusammenhang die Haushalte das Sparen aufzugeben: sie wurden ja ganz von allein immer reicher. Ein Zweitwagen kostete nicht mehr als den Gang zur Hausbank, um das Eigenheim mit einer weiteren Hypothek zu belasten.

Der Wohlstand war trügerisch. Ab 2006 zeigte sich dass die hohen Hauspreise nicht von Dauer waren, ähnlich wie zuvor schon die exorbitanten Aktienkurse Ende der 1990er Jahre im Zuges des dot.com-Booms. Die Assetblasen platzen, die Vermögenswerte fielen – aber die Schulden blieben. Als Ergebnis stand „Household Leverage“ – die Schulden der Haushalte relativ zu ihrem Bruttovermögen – 2009 mehr als 60 Prozent über der historischen Norm.

Ich habe wenig Zweifel dass die Finanzkrise hier – in der Überschuldung amerikanischer Haushalte – ihre eigentliche Ursache hat. Die Implosion des U.S. (und zum Teil auch europäischen) Finanzsystems war die unvermeidbare Folge sobald U.S. Haushalte – die immerhin rund 20 Prozent der weltweiten Sozialprodukts absorbieren – Schwierigkeiten bekamen ihre aus dem Ruder gelaufenen Schulden zu bedienen. Ebenso klar ist mir dass die Greenspan-Fed die Hauptschuld an der Krise trifft. Sie verlor nicht nur finanzielle Ungleichgewichte völlig aus den Augen, sondern züchtete auch noch jene Assetblasen, welche die Haushalte zum Schuldenaufbau provozierten.

[P.S.: ich sagte dergleichen lange vor der Krise, siehe hier einen Artikel aus dem Jahr 2004]

[P.P.S.: siehe hier für einen schönen Aufsatz, der den Zusammenhang zwischen Haushaltsüberschuldung und der Schärfe der Rezession auf der Ebene U.S.-amerikanischer Landkreise nachweist. Danke an Olaf Storbeck für den Hinweis]

Aber wichtiger als das Klären alter Schuldfragen ist was dies für die Wirtschaftspolitik heute bedeutet. Prominente amerikanische Blogger wie Scott Sumner – aber auch mein Gastgeber Kantoos – argumentieren die Federal Reserve müsse die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurück auf den Vorkrisentrend bringen, andernfalls versage sie. Aber: genau dieser Vorkrisentrend war unvereinbar mit stabilem Wachstum, denn er führte unausweichlich zu Überschuldung amerikanischer Haushalte, zu Überschuldung der U.S.-Volkswirtschaft insgesamt gegenüber dem Ausland, und damit direkt in die Krise.

Mit anderen Worten: vor der Krise war die heimische Nachfrage in den USA zu hoch (to be fair: Kantoos teilt letztere Einschätzung).

Ferner: der Nachfrageeinbruch in der Krise ist lediglich die Kehrseite der Erholung der Haushaltsparquote von ruinösen  minus 3 Prozent 2005 auf rund 4 Prozent heute. Wohlgemerkt: auch diese 4 Prozent liegen nur knapp über dem langfristigen Durchschnitt, und sind niedrig im internationalen Vergleich. Aber immerhin, die Normalisierung der Sparquote hat – zusammen mit Haushaltsbankrotten und dem Überwälzen von Schulden auf das Finanzsystem – die Verschuldung amerikanischer Haushalte 2010 auf 15 Prozent relativ zur historischen Norm abgebaut, nicht mehr 30 Prozent wie 2007. Stimmt mein Maß ist die Hälfte der Anpassung geschafft.

Was leider auch heisst: die andere Hälfte steht noch aus. Im Wesentlichen gibt es drei Optionen für die Bewältigung des verbleibenden Schuldenüberhangs:

  1. Mehr Haushaltsbankrotte, und damit die Re-Intensivierung der Finanzkrise;
  2. Inflation (eine Option nur deshalb weil die USA in Eigenwährung verschuldet ist – im Gegensatz zu den meisten Ländern der Welt);
  3. Eine längere Phase höherer Haushaltsersparnis, und damit geringerer heimischer Nachfrage (die nicht aufgefangen werden kann durch höhere Nachfrage anderswo in der US-Volkswirtschaft, nachdem jene insgesamt überschuldet ist).

Niemand will (1.). Für (2.) hätten Sumner oder Kantoos vielleicht eine gewisse Sympathie (sie plädieren für stetiges nominales Wirtschaftswachstum, dies kann man durch reales Wachstum ebenso erreichen wie durch Inflation) – aber der wirtschaftspolitische Konsens in den USA sieht anders aus, zumal weder die Fed noch die U.S. Treasury den Reservewährungsstatus des Dollar aufs Spiel setzen wollen.

Bleibt also (3.): mehr Haushaltsersparnis. Soll die U.S. Volkswirtschaft zu stabilem Wachstum zurückfinden führt an ihr kein Weg vorbei. In meinen Augen ist die Frage ist nicht ob die Bernanke-Fed diesen Anpassungsprozess zulassen soll – sie soll ihn zulassen. Die Frage ist lediglich wie sehr sie ihn abschwächen und verzögern soll. Das Dilemma: lässt die Fed dem Schuldenabbau freien Lauf verschärft sie die ohnehin schon schlimmste Rezession der Nachkriegszeit. Bremst sie aber zu stark oder stoppt gar die Anpassung verhindert sie die Rückkehr zu stabilem Wachstum.

Eine verwandten Punkt betont Raghuram Rajan häufig, seines Zeichens Finanzprofessor an der Universität Chicago und ein Ökonom, der vor der Krise ungewöhnliche Weitsicht bewies (der Punkt bringt Sumner auf die Palme, allerdings meiner Ansicht nach ohne ein überzeugendes Gegenargument): je länger die Nachfragestruktur verzerrt ist zugunsten heimischer Nachfrage, desto stärker passt sich die Angebotsstruktur der Volkswirtschaft an die Verzerrung an: Firmen die Exportgüter herstellen schliessen, und werden ersetzt von Firmen die heimische Konsumenten bedienen. Dies wiederum erschwert die Anpassung und macht sie noch kostspieliger. Rajan rät deshalb den Schuldenabbau des Privatsektors zu beschleunigen, und die sozialen Folgen abzuschwächen durch eine temporär expansive Fiskalpolitik.

Soll die U.S. Volkswirtschaft künftig stabil und krisenfrei wachsen muss die heimische Nachfrage schwächer sein als vor der Krise. Was bedeutet dies für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage – und auf die kommt es Sumner und Kantoos ja letztlich an? Die Antwort ist: it depends. Gelingt es den notwendigen Rückgang heimischer Nachfrage durch externe Nachfrage – also Exporte – zu ersetzen, kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurück auf ihren Vorkrisentrend; allerdings mit veränderter Nachfragestruktur. Leider hängt dies nicht nur von der Federal Reserve ab, sondern auch davon ob Amerikas Handelspartner einen schwächeren Dollar zulassen, allen voran China. Tun sie dies nicht wird die U.S. Volkswirtschaft notgedrungen auf eine Periode schwächeren Wachstums einstellen müssen.

English version of this post

Die politische Zukunft der Eurozone

Nach einer interessanten Emailkonversation mit Kevin O’Rourke, seines Zeichens Professor für Wirtschaftsgeschichte und Blogger bei The Irish Economy (Pflichtlektüre!), wird mir immer mulmiger wenn es um die politische Zukunft der Eurozone geht.

In der Peripherie wächst das Unbehagen über die „Knebelverträge“ und Anpassungsprogramme, in Teilen unter Federführung Deutschlands. In den Nicht-Krisenländern wiederum ist das Maß voll wenn es um weitere Hilfen geht. Die BILD Zeitung hat uns schon mal einen Vorgeschmack gegeben. Diese Situation ist der Traum eines jeden Populisten, hier wie dort.

In Irland, zum Beispiel, setzt sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass die Rettung irischer Banken ein großer Fehler war. Was stimmt, viele damals aber dank des Lehman-Märchens ablehnten – da hat die Bankenlobby ganze Arbeit geleistet, und leistet sie noch immer. Nun kommt aber noch hinzu, dass die Iren wissen, wen sie vor allem damit gerettet haben: ausländische Investoren. Und denen sollen wir jetzt noch Knebelzinsen zahlen? Ohne uns. Jeder mittelmäßige Feierabendpopulist könnte daraus politisch etwas machen.

In Griechenland formiert sich eine Bewegung der Nicht-Zahler:

Local residents, angry at losing their exemption from paying tolls for using a 500m stretch of motorway, raised a banner saying “Den Plirono” (“I won’t pay”). In the space of four months, Den Plirono has grown from a one-off protest to a nationwide anti-austerity movement.

Ein Teil dieses Ärgers wird auch auf diejenigen zurück fallen, die Griechenland zu diesen Maßnahmen gezwungen haben – assisstiert von denen, die sagen, diese Sparprogramme würden die griechische Wirtschaft endgültig abwürgen, obwohl diese Leute ein realistisches Alternativszenario bis heute schuldig bleiben.

In Deutschland wiederum sucht die FDP ein Thema, das so populär ist, dass es sogar Westerwelle kompensiert, und in Finnland bekommt eine populistische Partei offenbar regen Zulauf:

Mr Soini could be the new face of Europe. True Finns, the party he heads, is within striking distance of becoming Finland’s largest bloc in national elections on April 17 – using a potent mix of economic populism and anger at recent EU bail-outs.

Was wird also die Zukunft bringen? Ein polarisiertes Europa, wo die Steuerzahler der Länder gegeneinander in Stellung gebracht werden? Es steht zu befürchten.

Ich glaube nicht, dass daran die EU zerbricht, vielleicht der Euro. Aber das Europäische Projekt, eine Einigung von in Freundschaft verbundener Völker, wird um Jahre zurück geworfen. Vielleicht hatten die Euroskeptiker Recht: Freundschaft, sogar Familie, hört da auf, wo es ums Geld geht.

Hätte man nur von Anfang an auf diesen bailout-aber-ohne-Schuldenschnitte Mist  verzichtet, den IMF die Sache ordentlich machen lassen und für eine angemessene Geldpolitik und ein radikales Bankeninsolvenzrecht gekämpft…

HT: The Irish Economy

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