Gerald Braunberger hat in seinem Blogeintrag, den ich kürzlich diskutiert habe, noch einen Absatz, den wir separat behandeln sollten:
[Der Export expansiver Geldpolitik in Schwellenländer] führt zu einer interessanten Konsequenz für die Geldpolitik: Wenn der Export expansiver Geldpolitik in den Industrienationen durch höhere Rohstoff- und Energiepreise reimportiert wird, hängt das vor allem in Amerika geschätzte Konzept der Kerninflation (das Effekte aus Rohstoff- und Energiepreisänderungen herausrechnet, weil das angeblich Daten seien, auf die nationale Geldpolitik keinen Einfluss hat) in der Luft. Zumindest früher kannten Ökonomen noch das Konzept importierter Inflation.
Ich will nicht näher darauf eingehen, dass zu einem “Export” auch immer ein “Import” gehört – dieser Teil wird gerne unter den Tisch fallen gelassen. Ich konzentriere ich mich heute auf Geralds Behauptung zur Kerninflation, denn diese hängt natürlich nicht “in der Luft”.
Die Überlegenheit der Kerninflation basiert nicht allein darauf, dass man Energie- und Rohstoffpreise nicht per Geldpolitik beeinflussen kann und deshalb ignorieren sollte. Sie basiert vor allem auf dem Argument, dass Geldpolitik die makroökonomisch relevanten Preise betrachten sollte, und dazu gehören Energie- und Rohstoffpreise eher nicht. Aber um das zu verstehen muss man ein Modell im Kopf haben, warum man überhaupt Geldpolitik betreibt, was in Deutschland leider oft fehlt.
Geldpolitik soll makroökonomische Stabilität gewährleisten. Punkt. Die Frage, wie man eben diese Stabilität erreicht, füllt Bibliotheken. Ein wichtiger Baustein aber, und da sind sich fast alle einig, ist die nominale Wirtschaft stabil zu halten, damit sich Preise und Löhne nicht ständig an neue Levels anpassen müssen, und nominale Verträge im Vertrauen auf eben diese Stabilität geschlossen werden können. Nur was heißt “nominale Wirtschaft”?
Mein präferiertes Ziel wäre die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, denn sie ist ein pragmatischer Weg, die Größe in der Wirtschaft stabil zu halten, auf dessen Basis das meiste Nominale aufbaut. Aber bleiben wir für heute bei den Preisen, und akzeptieren, dass sie auch ein Weg sind, die “nominale Wirtschaft” zu stabilisieren.
Welchen Preisindex sollte die Zentralbank anpeilen? Es ist keineswegs offensichtlich, dass dies der Konsumentenpreisindex CPI sein sollte, auch wenn das in Deutschland als selbstverständlich erachtet wird. Denn wir sollten den Preisindex wählen, der ein Höchstmaß an makroökonomischer Stabilität erzeugt. Einen “Stabilitätsindex”. Diesen haben Greg Mankiw und Ricardo Reis in einem theoretischen Papier zu ermitteln versucht.
Jeder Preis hat vor allem drei Eigenschaften in diesem Papier: 1. wie flexibel er ist, 2. wie sehr er sich mit dem Wirtschaftskreilauf bewegt, also uns Information darüber liefert, wo sich die nominale Wirtschaft gerade befindet, die wir stabilisieren wollen, und 3. wie genau das Signal in 2. ist, wie viel noise also in dem Preis als Signal steckt. Dann untersuchen sie, wie ein Preisindex beschaffen sein sollte, der ein Höchstmaß an makroökonomischer Stabilität garantiert.
Das in meinen Augen wenig überraschende Ergebnis: ein stabilitätsorientierter Preisindex sollte ein großes Gewicht auf solche Preise legen, die A) wenig flexibel sind, die sich B) prozyklisch verhalten, d.h. sich synchron mit dem Konjunkturzyklus entwickeln, und die C) ein recht präzises Signal darstellen.
Energie- und Rohstoffpresie erfüllen meist weder A) noch C), auch wenn sie in den Spezifikationen der Autoren gelegentlich ein positives Gewicht im Index bekommen. Man kann sogar argumentieren, dass sie noch nicht mal B) erfüllen, da ein Rohstoffboom in anderen Teilen der Welt sich negativ auf die Konjunktur eines ohnehin etwas schwächelnden Wirtschaftsraums auswirken kann, siehe Europa anno 2011.
Ob die Geldpolitik diese Preise beeinflussen kann, spielt für dieses Argument keine Rolle. Es bezieht seine Bedeutung einzig aus der Tatsache, dass diese Preise wenig darüber aussagen, ob zum Beispiel in Österrreich gerade Rezession herrscht oder nicht. Selbst für die USA war das Signal 2011 ein schwaches und unzuverlässiges, von Europa ganz zu schweigen.
Einen Preis aber gibt es, der in allen Spezifikationen von Markiw und Reis ein hohes Gewicht bekommt: Löhne. Und es gibt sogar Stimmen, die ein Lohnziel für die Zentralbank befürworten, statt eines Inflationsziels. Im Prinzip ist ein Lohnindex die ultimative Kerninflation. Und für die makroökonomische Stabilität geben Löhne wichtige Signale: sie sind wenig flexibel und daher eine primäre Quelle der Instabilität, sie geben ein recht klares Signal, wo sich die Wirtschaft gerade befindet, und sie werden für gewöhnlich nicht von Schocks außerhalb der betrachteten Wirtschaft beeinflusst, wie zum Beispiel Energiepreise.
Zudem sind Löhne der wohl wichtigste Indikator beim Abschließen nominaler Kontrakte. Denn für meine Fähigkeit, diese zu erfüllen, zählt nicht, ob andere Preise gestiegen sind (was mein Budget vielleicht noch zusätzlich schmälert), sondern ob mein nominales Lohnniveau gestiegen ist. Wenn die Zentralbank dieses verankert, trägt sie auch hier zur Stabilität bei.
Kerninflation ist kein ganz einfaches Konzept, und es gibt noch viele andere Missverständnisse rund um sie. Aber sie ist ein wichtiges Konzept, und der deutsche Glaube an Geldmengen und headline Inflation ist gelinde gesagt nicht offensichtlich und, ehrlicher ausgedrückt, schädigend für Deutschland und vor allem Europa.




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