Nobelpreis – eine scheinbar schwierige Wahl für die deutsche Presse

Thomas Sargent und Christopher Sims sind würdige Träger dieses Preises

Thomas Fricke und Co. – wie sollte es anders sein – geißeln die diesjährige Wahl zum Wirtschaftsnobelpreis für Thomas Sargent und Christopher Sims, Olaf Storbeck schlägt in die gleiche Kerbe. Und ich kann es irgendwie auch verstehen: Sargent und Sims Arbeiten sind schwierig, und manche hören nur “Rationale Erwartungen”, “Gleichgewicht” und schließen: “deren Erfindungen sind Schuld an der Krise!” Das ist natürlich Unsinn.

Sargent und Sims werden zunächst mal für Ihre Beiträge zum Fortschritt des Fachs Makroökonomik geehrt und ich finde es gut, dass das Komitee nicht irgendwelchen unausgegorenen Krisenanalysen folgt, sondern sich dem wissenschaftlichen Fortschritt des Fachs verpflichtet fühlt. Doch darüber hinaus gehen die Arbeiten gerade vor dem Hintergrund der Krise in eine wichtige Richtung.

Denn lesen wir doch einmal die Begründung des Komitees, liebe Journalisten, also die wissenschaftliche Erklärung der Arbeiten, für die sie ausgezeichnet werden. Kennt Ihr die Überschrift?

Empirical Macroeconomics

Und was ist die Überschrift des kritischen Handelsblattartikels?

Ritterschlag für die Theoretiker des freien Marktes

Interessant. Die FTD ist keinen Deut besser; lieber nutzt sie den Nobelpreis für ihren Kreuzzug gegen die moderne VWL und den “Mainstream” und zitiert einen (scheinbar schlecht informierten, oder ebenfalls ideologischen) Ökonomen mit den Worten:

“Dass in einer solchen Krisenzeit der Nobelpreis an Theoretiker des Gleichgewichts verliehen wird, kann ich nicht verstehen”

Das bedeutet, dass die anti-VWL Haltung in Teilen der Presse schon dazu führt, dass die Journalisten noch nicht mal die Überschrift, geschweige denn die ersten 10 Zeilen der Begründung lesen!

Sonst wären sie nämlich auf Folgendes gestoßen:

One of the main tasks for macroeconomists is to explain how macroeconomic aggregates – such as GDP, investment, unemployment, and inflation – behave over time. … A primary aspect in this analysis is the role of the central bank and its ability to influence the economy. How effective can monetary policy be in stabilizing unwanted fluctuations in macroeconomic aggregates? How effective has it been historically? Similar questions can be raised about …fiscal policy. Thomas J. Sargent and Christopher A. Sims have developed empirical methods that can answer these kinds of questions. This year’s prize recognizes these methods and their successful application to the interplay between monetary and …fiscal policy and economic activity.

Und es stehen noch andere interessante Dinge darin:

In any empirical economic analysis based on observational data, it is difficult to disentangle cause and effect. This becomes especially cumbersome in macroeconomic policy analysis due to an important stumbling block: the key role of expectations. … Prior to the 1970s, expectations played, at best, a rudimentary role in the analysis of macroeconomic outcomes.

Das spektakuläre Scheitern des (vielleicht falsch verstandenen) Keynesianismus in den 70er Jahren zeigte, wie wichtig Erwartungen sind. Sargent baute darauf auf und versuchte, mit Erwartungen ausgestattete Modelle zu schätzen und zu verstehen, wie Erwartungen entstehen und wie sie die Wirkung von Fiskal- und Geldpolitik beeinflussen. Ein Beispiel ist Sargents Arbeit zu eben genau den 70er Jahren mit ihrer hohen Inflation. Er zeigt darin, warum eine Zentralbank, die eine falsche Konzeption von den Erwartungen der Menschen hat, höhere Inflation erzeugt, diese aber reduziert, wenn sie lernt, wie sich die Erwartungen der Menschen bilden.

Auch Sargents Proposition zur Wirkungslosigkeit von staatlichen Interventionen in die Makroökonomie sollte man als wissenschaftliche Herausforderung begreifen, die Schwächen anderer Modelle offen legt und ein Hindernis setzt, dass neue Modelle erst einmal umschiffen müssen. So funktioniert Wissenschaft eben. Keiner würde diese Proposition für bare Münze nehmen.

Aber sind die beiden nicht die Gralshüter der rationalen Erwartungen? Nope.

Sargent and Sims are actively pursuing new research aimed at further understanding expectations formation and its role in the economy. Sargent’s focus here is on exploring a class of mechanisms for expectations formation based on robust control, which captures the idea that the decisionmaker has an imperfect understanding of how the economy works. Similarly, Sims’s most recent work explores a parallel, new theory for expectations formation based on rational inattention, which captures agents’ limited capacity to process information.

Und nochmal:

Sargent’s name … became connected with rational expectations and new-classical invariance results. Sargent himself, however, has long moved past rational expectations models towards models that incorporate learning. What will people do when they don’t know the true model of the economy? How will they update their model of the economy based on observations? In these learning models the goal is to look for a self-confirming equilibrium. The interesting thing about a self-confirming equilibrium is that people’s expectations and learning can converge on a false model of the economy! Sargent has thus evolved in a very different direction than one might have imagined in 1976.

In der internationalen Presse scheint man das auch zu wissen:

However, Mr Sargent’s association with the rational expectations revolution and its extension to the efficient markets hypothesis, much demonised during the crisis, should not be misunderstood. Much of his work has focused on agents learning within models and less-than-fully-rational expectations. Much of the criticism of rational expectations is integrated into this work.

Wie würde Brad DeLong sagen (der übrigens, aus dem linken ökonomischen Spektrum kommend, die Wahl mehr als nur gutheißt, genau wie Krugman)? Why oh why can’t we have a better press corps…


PS: Es gibt durchaus interessante Kritik an Sargent und Sims, gerade an VARs und der Identifikation in letzteren. Der mikroökonometrisch geprägte Teil meines Gehirns ist sehr skeptisch, ob es gelingt, makroökonomische Schocks wirklich korrekt zu identifizieren. Aber Sims VARs waren ein großer Fortschritt, stellten sie doch eben jene Identifikation zumindest ins Zentrum des Interesses (aus der Nobelbegründung):

A number of alternative VAR identi…cation strategies have subsequently been proposed by Sims as well as by other researchers. Thus, by placing identi…fication at the center of attention in macroeconomics, Sims’s work made it a focal point of scienti…c discussion.

Ich glaube, bis das Problem der Identifikation gelöst ist, verlasse ich mich lieber auf historische Fallstudien über die Effekte von wirklich exogenen makroökonomischen Schocks. Aber irgendwann hätte auch ich gerne eine solidere empirische Basis, und dafür sind die Arbeiten von Sargent und Sims ein Meilenstein.

PPS: Einige halten das Papier “Some Unpleasant Monetarist Arithmetic“ für das wichtigste von Sargent. Gerade in der aktuellen Debatte um die Inflationsgefahr in den USA ein wichtiges Papier, an dem auch ich zu knabbern habe. Kurz gesagt geht es darum, dass die Zentralbank nur dann glaubwürdig die Inflation kontrollieren kann, wenn sie mit verantwortungsvoller Fiskalpolitik kombiniert wird. Sonst nicht.

PPPS: Olaf bezeichnet es als Blamage für die Ökonomen, dass Yunus mit seinen Mikrokrediten den Friedens- und nicht den Ökonomienobelpreis bekommen hat. Begründung: Yunus ist der Erfinder eines “sehr effektiven Werkzeugs im Kampf gegen Armut”. Meine Antwort: 1. oh really?, und 2. der Nobelpreis ist für eine Wissenschaft, und Yunus Beitrag dazu ist mager. Zumindest gab es die Theorien, die die Basis für Mikrokredite bilden, schon vorher (asymmetrische Info etc.) und wurden bereits mit einem Nobelpreis gewürdigt.

Update zum Blogguide

Viele positive Reaktionen gab es auf meinen kleinen Blogguide, Danke dafür. Es freut mich, dass Ihr ihn sinnvoll findet, um Euch im Netz etwas umzuschauen – und ihn an Bachelorstudenten zu richten war selbstverständlich nur eine Idee, er gilt für alle, die sich für VWL interessieren.

Drei Blogs, die ich vergessen habe:

  • Econbrowser von Hamilton und Chinn, interessant unter anderem wegen Beiträgen zum Zusammenhang zwischen Ölmarkt und Geldpolitik, wegen guter Gastbeiträge und interessanter Blicke auf die Makro.
  • Economix von der New York Times, eher US-fokussiert, und hat zudem mit David Leonhard ihren Pulitzerpresiträger verloren (wenn ich das richtig verstanden habe), aber dafür mit vielen interessanten Gastbeiträgen.
  • Greg Mankiw, der aus eher konservativer Perspektive die VWL kommentiert, mit einem besonderen Fokus auf Bachelorstudenten, die sein Buch lesen. Schreibt wenig selbst, hat dafür immer wieder schöne Links.

Und auch wenn es kein Blog ist, hätte ich die Ökonomie-Sparte des Handelsblatts empfehlen sollen. Dort machen Olaf Storbeck (der bekanntermaßen einen eigenen Blog auf Englisch betreibt) und Kollegen einen sehr guten Job die neuesten Trends in der VWL-Forschung (und BWL-Forschung, aber wen interessiert das?) einem breiten Publikum näher zu bringen. Aber ich dachte ohnehin, dass jeder VWL-Student in Deutschland diese Sektion liest…

Darf ich darauf verlinken?

Olaf Storbeck hat einen Bericht über VWL Blogs veröffentlicht, in dem er schreibt:

Nicht nur die Quantität, auch die Qualität der Blogs hat zugenommen. Ein Beispiel dafür ist das von einem anonymen deutschen Wissenschaftler im Herbst 2010 gestartete Blog “Kantoos Economic”, das auf hohem Niveau makroökonomische Fragen diskutiert. Vor wenigen Tagen erst hat Paul Krugman ausführlich auf einen Kantoos-Beitrag geantwortet.

Das Lob freut mich natürlich, Danke Olaf – auch wenn der Beitrag, auf den Krugman geantwortet hat, nicht von mir stammte, sondern von meinem exzellenten Gastblogger Henry Kaspar und der Blog natürlich “Kantoos EconomicS” heißt. *Pedanteriemodus aus*

Ich wollte demnächst auch mal einen Beitrag über VWL-Blogs schreiben, allerdings weniger auf Deutschland bezogen. Mal schauen, wann ich dazu komme.

Handelsblattranking in VWL? Ach so…

Das Handelsblattranking für VWL ist raus, und so richtig mitbekommen hat es keiner, so ist zumindest mein Eindruck. Ist das ein schlechtes Zeichen für das Ranking? Im Gegenteil. Ich denke es zeigt, wie akzeptiert das Ranking in Deutschland mittlerweile zu sein scheint – und diesmal ist es auch nur ein Update.

Kritik am Ranking gibt es viel, und Olaf Storbeck hat diese in seinem Beitrag zum Thema in Teilen sofort aufgenommen.

My 2 Cents: Ich finde es richtig, dass das Handelsblatt ein für den deutschen VWL-Standort akzeptables Ranking macht, denn dafür ist es schließlich gemacht – auch wenn es den internationalen Standards nicht immer gerecht wird, wie Olaf korrekterweise beschreibt. Dafür kann man das Ranking anpassen, was ich gut finde (z.B. auf A und A+ klicken, um ein anderes Bild zu bekommen).

Ein Ranking basierend auf Journalpublikationen ist verzerrend, natürlich, aber das ist jede halbwegs objektive Evaluation von Forschung. Und dass es eine Evaluation geben muss, finde ich ist so lange richtig, so lange der Steuerzahler dafür aufkommt. Eine bessere Alternative kenne ich nicht.

In der Journalliste zum Ranking finden sich einige Merkwürdigkeiten, die ich schon einmal angeschnitten habe.

  • Dass Science und Nature so weit oben stehen, würden wohl die wenigsten Ökonomen international teilen (außer vielleicht deutsche Verhaltensökonomen, die darin publizieren). Eine Einstufung in die A Kategorie hätte es auch getan.
  • Wie politikwissenschaftliche Journals ausgewählt werden, ist mir ein komplettes Rätsel. Das American Journal of Political Science schafft es überhaupt nicht in die Liste, dafür aber das Political Science Quarterly und das Swiss Political Science Review? Klär mich auf, Olaf!
  • Dass das European Economic Review auf einer Stufe mit dem Journal of the European Economic Association steht, verwundert mich ebenfalls, ist doch das JEEA der Nachfolger des alten EER und das neue EER kein sonderlich gutes Journal mehr, so weit ich es mitbekommen habe. Aber hier liegt eine Methodik zu Grunde, und wenn die sagt, es soll so sein…

Der letzte Punkt bringt mich zu einem weiteren Problem: ein Journalranking immer rückwärts gewandt, denn es wird der Einfluss eines Journals auf das Fach in der Vergangenheit bewertet. Dadurch haben es neue Journals wie das Quarterly Journal of Political Science oder die American Economic Journals schwer, in einem solchen Ranking einen Platz einzunehmen, der ihrem (von der Zunft vermuteten) zukünftigen Gewicht entspricht. Aber wie sollte man das auch objektiv bewerten?!

Ich würde das Ranking als einen politisch sinnvollen Beitrag zur Entwicklung der VWL in Deutschland erachten, den die Universitäten bei ihren Einstellungsentscheidungen hoffentlich nicht verwenden, denn dafür ist er zu ungenau und setzt falsche Anreize für junge Forscher. Für Studenten der VWL ist es aber sicher ein wichtiger Indikator, an welchen deutschsprachigen Unis VWL nach internationalen Standards gemacht wird. Dass man durch ein Ranking solchen journalistischen Unsinn wie “Starökonom” u.ä. befördert, ist sicher nicht hilfreich, aber wohl ein Kollateralschaden eines solchen Rankings.

Im Endeffekt meine ich überwiegt der positive Effekt des Rankings auf die Konkurrenz in Deutschlands VWL. Was meint Ihr?

Sinnlose Schätzungen des Multiplikators?

Olaf Storbeck, Blogger und Journalist beim Handelsblatt, hat kürzlich eine Liste der meist gelesenen Einträge seines Blog veröffentlicht und erster in dieser Liste ist ein Eintrag über die neueste wissenschaftliche Evidenz zum Multiplikator von Fiskalpolitik. Es ist eine schöne und gut lesbare Zusammenfassung, allerdings habe ich drei Probleme:

  • Niemand scheint zu wissen, wie man den fiscal multiplier eigentlich definiert.
  • Empirische Makrostudien habe große Probleme mit der Identifikation wirklich kausaler Effekte.
  • Was Mikrostudien uns über den Effekt von expansiver Fiskalpolitik sagen, ist mir nicht klar.

Wenn Euch ersteres merkwürdig vorkommt, seid Ihr in guter Gesellschaft. Wie viele andere war auch ich von einem Eintrag von Scott Sumner zu diesem Thema einigermaßen überrascht. Und doch hat er Recht. Bei den anderen beiden Punkten wundert mich, dass diese Studien nicht genau deshalb massiv kritisiert werden, obwohl jeder den Grund kennt.

Was soll der Multiplikator eigentlich messen? In meinem Verständnis soll er in einer Situation mangelnder gesamtwirtschaftlicher Nachfrage (aggregate demand, AD) messen in wie weit Fiskalpolitik eben jene AD erhöhen kann. Anstatt AD können wir auch einfach die nominalen Gesamtausgaben (= nominales BIP, NBIP) schreiben. Und was messen die empirischen Studien? Von Barros Weltkriegsschätzung bis zu dem von Olaf diskutierten Mafiapapier: Auswirkungen auf reale Größen. Hmm… Komisch. Höhere Nachfrage sollte ein höheres reales BIP zur Folge haben, natürlich. Das aber hängt von der Auslastung ab! Die Fähigkeit von Staatsausgaben AD zu beeinflussen sollte unabhängig sein von der Frage, ob eine Erhöhung von AD das reale BIP erhöht, wie Scott richtig schreibt. Für mich ist das auch alles nicht konsistent.

Nun aber zu zweiterem Punkt. Olaf führt als theoretisches Problem Ricardian equivalence an. Dies ist das Problem des klassischen Multiplikators und nicht das auf was ich abziele, dennoch ein paar Worte hierzu. Die Ricardian equivalence Fraktion ist bezüglich Fiskalpolitik (als Bekämpfung von AD Schwäche!) argumentativ etwas schwach auf der Brust. Schon das simple Rechenbeispiel von Paul Krugman deutet dies an:

If the government introduces a new program that will spend $100 billion a year forever, then taxes must ultimately go up by the present-value equivalent of $100 billion forever.

Wenn Menschen dann ewig leben, perfekte Vorausschau haben etc. werden sie ihre Ausgaben um genau diese 100 Mrd. $ reduzieren, Effekt = Null. Aber wenn die Regierungsausgaben nur temporär sind?

[I]t will increase spending by $100 billion per year for only 1 or 2 years, not forever. This clearly implies a lower future tax burden than $100 billion a year forever, and therefore implies a fall in consumer spending of less than $100 billion per year.

Damit macht es sich zwar auch Krugman zu einfach, aber das ist vielleicht ein Thema für einen gesonderten Eintrag.

Was mir viel wichtiger ist als Ricardian equivalence, ist Geldpolitik. Woodford schreibt beispielsweise in seinem Papier “Simple Analytics of the Government Expenditure Multiplier”:

[T]he multiplier is 1 in the case that the monetary authority maintains a constant path for real interest rates despite the increase in government spending. The multiplier can be considerably smaller, however, if the monetary authority raises real interest rates in response to increases in inflation or real activity resulting from the fiscal stimulus.

Völlig richtig, und warum zur Hölle sollte eine Zentralbank das nicht tun, und statt dessen die Geldpolitik konstant lassen? Moment, was heißt überhaupt “konstant” im Bezug auf Geldpolitik? Auf jeden Fall nicht, was man denkt.

Für manche ist “konstant” ein gleichbleibender (nominaler) Zinssatz. Das ist aber unplausibel, da der Zinssatz nur Mittel zum Zweck ist. Eine zinssetzende Zentralbank hat ein Ziel (etwa Inflation), und wenn sie durch gestiegene Staatsausgaben droht von diesem Ziel (nach oben) abzuweichen, weil sie die Zinsen gleich lässt, macht sie dann eben doch andere, expansivere Geldpolitik als vorher, wo sie ihr Ziel noch erreichte. Gleiches gilt für Geldmenge als Ziel, oder ein Kombination aus allem. Eine Geldpolitik kann also eigentlich nur als konstant bezeichnet werden, wenn sie zu jeder Zeit so gesetzt ist, dass erwartet wird, dass sie ihr Ziel erreicht.

Wenn eine Zentralbank nun strikt AD selbst als Ziel ausgibt, wie es Scott vorschwebt, und die Zentralbank in der Lage ist, die Erwartungen bezüglich zukünftigen ADs beliebig zu beeinflussen – und ich habe zumindest bisher nichts theoretisch oder empirisch Überzeugendes gefunden, was das Gegenteil beweisen würde – dann ist der Multiplikator genau Null. Der Grund ist, dass die Zentralbank ohnehin schon ihr präferiertes Level an AD anpeilt, und jede Änderung durch Staatsausgaben umgehend und vollständig kompensiert. Die Nullzinsgrenze ist das einzige, wo eine solche Zentralbank in Probleme kommen könnte, allerdings sind diese Probleme weder theoretisch überzeugend noch empirisch belegbar, die Indizien sprechen eher für das Gegenteil.

Was tun nun die meisten empirischen Studien zum fiskalischen Multiplikator (abseits der Frage, warum sie reale Größen verwenden)? Sie nehmen den Zinssatz, Geldmenge und ähnliches als Indiz “konstanter” Geldpolitik (falls Ihr Gegenbeispiele habt, immer her damit). Das ist nicht sehr sinnvoll, insofern bin ich freundlich ausgedrückt sehr skeptisch bezüglich solcher Studien.

Die Identifikation von geldpolitischen Schocks, die man für eine glaubwürdige, kausale Untersuchung von den Effekten von Geld- und Fiskalpolitik benötigt, ist einfach extrem schwierig und eine wirkliche Kausalitätsrevolution wie die in der Mikroökonometrie hat die Makro noch vor sich. Der Charme des Mafiapapiers liegt darin, zumindest eine exogene Variation in Fiskalpolitik gefunden zu haben, das ist ein erster, guter Schritt.

Was allerdings geldpolitische Identifikation angeht, müssen wir uns wohl auf historische Fallstudien verlassen, deren Interpretationsspielraum entsprechend ist. Oder auf Papiere, die zumindest Fortschritte in die Richtung einer wirklichen Identifikation machen, wie Romer & Romer (2004) “A New Measure of Monetary Shocks: Derivation and Implications”. Dieses Papier findet übrigens sehr starke und relativ schnell wirkende Effekte von Geldpolitik, im Gegensatz zu früheren Studien mit unzureichendem empirischen Design, I wonder why… So viel zu der großen Zeitverzögerung, mit der Geldpolitik angeblich wirkt, auch so ein Märchen, das nicht tot zu kriegen ist. Zudem gibt es bei ihnen kein price puzzle. Identification matters! (HT: Scott Sumner’s Kommentator David Landry)

Und Mikrostudien? Bei denen weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, was sie mir sagen sollen. Wenn man sie auf eine staatliche Ebene bringen will, müsste man annehmen, dass man aus den regionalen Multiplikatoren einen landesweiten machen kann. Das aber ist offensichtlich etwas schwierig. Denn die geldpolitische Antwort, die im Mafiapapier ganz frech als “konstant” angenommen wurde (was landesweit bei einer reinen Umverteilung von Staatsausgaben noch stimmen mag, aber eben nicht für die einzelne Region!), kann unmöglich ignoriert werden.

Wie ist das nun in einer Währungsunion? Hier mögen Mikrostudien hilfreich sein – sofern sie das Geldpolitikproblem auf der makroempirischen Seite gelöst haben! Dann könnte regionale, expansive Fiskalpolitik einen Multiplikator bezüglich AD haben und den Anpassungsprozess an niedrigere Preise und Löhne angenehmer gestalten – sofern sie diesen Prozess, so er denn nötig ist, nicht aufhält. Genau letztere Schlussfolgerung, den Anpassungsprozess aufhalten, könnte man aber aus diesen Mikrostudien ziehen wollen, auch wenn das falsch wäre.

Empirische Makro ist ein schwieriges Feld, und leider muss ich sagen: es überzeugt mich nicht. Ich würde bei den meisten Studien nicht mal nach dem Motto “es ist das Beste, was wir haben” verfahren wollen, denn eine schlechte statistische Analyse ist leider komplett nutzlos. Ordentliche Theorie und historische Fallstudien müssen wohl bis auf weiteres reichen.

Milton Friedman und die Krise

Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar

Zu den Ritualen nach Finanzkrisen gehört die Suche nach Sündenböcken. Nach dem “Gründerkrach” von 1873 etwa machten weite Teile der Berliner Presse den Manchester-Liberalismus für die Wirtschaftskrise verantwortlich, insbesondere den verderblichen Einfluss der Lehren eines gewissen Adam Smith. Populär wurde damals eine Artikelserie in der Familienzeitschrift „Gartenlaube“, in der ein Otto Glagau gegen Börse, Juden, liberale Politiker, und den moralisch-geistigen Untergang Deutschlands wetterte.

Olaf Storbeck, ein Wirtschaftsjournalist des Handelsblatts, hebt sich von solchen Tönen natürlich ab mit seinem differenzierten und sorgfältig argumentierenden Buch „Die Jahrhundertkrise“. Aber einen Sündenbock identifiziert Storbeck dann doch: Milton Friedman. Die Finanzkrise, so Storbeck, sei „Miltons Krise“. Im Wortlaut (entnommen dem Vorabdruck des Buches):

Friedman war der Hohepriester des Marktfundamentalismus. Die Überzeugung, der freie Markt sei das Beste und jede Form des Staatseingriffs des Teufels, führte letztendlich ins Desaster. Friedman predigte … den blinden Glauben an die Stabilität und Selbstheilungskraft des ungezügelten Kapitalismus…. Für Friedmans Geschmack hatten selbst in den Vereinigten Staaten die Marktkräfte zu wenig Freiraum. … Der Markt sei nicht nur meist, sondern immer die beste Lösung, so sein Credo. …  Jede Form von staatlicher Regulierung sei schlecht.

Aber: was für Gütermärkte meist zutreffen mag, muss deshalb nicht unbedingt auch für Finanzmärkte gültig sein. Dass sich beide in vielerlei Hinsicht unterscheiden, davon sind auch liberale Ökonomen wie Jagdish Bhagwati von der New Yorker Columbia University überzeugt. »Der Finanzmarkt und der Gütermarkt, das sind zwei Paar Schuhe«, betont Bhagwati.

Was Storbeck – vermutlich unbewusst – unterschlägt: gerade Milton Friedman wusste von der Verschiedenheit von Güter- und Finanzmärkten. Mehr noch: sein wissenschaftliches Lebenswerk ist ohne diese Unterscheidung undenkbar.

Einen Schritt zurück. In meinen Augen ist es hilfreich zwei Komponenten des friedmanschen Werks zu unterscheiden, die sich nicht notwendig gegenseitig bedingen. Da sind:

(i) Milton Friedman der libertäre Ideologe, und
(ii) Milton Friedman der Makroökonom

(die Unterscheidung hilft übrigens auch bei Friedrich August Hayek).

Friedman der libertäre Ideologe ist der Milton Friedman von Capitalism and Freedom (1962) und Free to Choose (1980). Mit ihm rechnet Storbeck ab, und auch ich kann mit ihm nicht sonderlich viel anfangen. Friedman der Ideologe ist der wahrscheinlich bekanntere, aber sicher nicht der wichtigere Milton Friedman.

Friedman der Makroökonom ist der Friedman von Essays in Positive Economics (1953), Studies in the Quantity Theory of Money (1956), A Program for Monetary Stability (1960), A Monetary History of the United States (mit Anna Schwartz, 1963) oder The Role of Monetary Policy (1968). Zweifelsohne zählt er zu bedeutendsten Makroökonomen des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt seines Werkes stand die Frage, wie finanz- und realwirtschaftliche Implosionen wie die grosse Depression künftig verhindert werden könnten.

Ein Teil der friedmanschen Antwort ist bekannt: durch eine verstetigende Makropolitik. Daraus entstand der Geldmengen-Monetarismus, den insbesondere die Bundesbank jahrzehntelang und – in meinen Augen - erfolgreich praktizierte. Doch das ist nicht alles. Im folgenden zitiere ich aus einem Artikel Brad DeLongs – sicher kein Ökonom der marktradikaler Sympathien verdächtig wäre – der,  obwohl schon 12 Jahre alt, noch immer den besten mir bekannten Überblick gibt über Geschichte und Wirkung des Monetarismus.

The worry that control of the monetary base was insufficient to control the money stock was to be dealt with, in Friedman’s (1960) Program for Monetary Stability, by reforming the banking system to eliminate every possibility of fluctuations in the money multiplier. Shifts in the deposit-reserve and deposit-currency ratios would be eliminated by requiring 100% reserve banking. Shifts in the deposit-reserve ratio then become illegal. Banks can never be caught illiquid. And in the absence of any possibility that banks will be caught illiquid, there is no reason for there to be any shifts in the deposit-currency ratio either.

Shifts in the velocity of money in response to cyclical bursts of inflation and deflation that amplified fluctuations in the rate of growth of the money stock would be eliminated by the constant-nominal-money-growth rule. Without cyclical fluctuations in the money stock and in inflation, there would be no cause of cyclical fluctuations in the velocity of money. Thus banking system reform and Federal Reserve reform would eliminate the monetary causes of the business cycle.

This component of Classic Monetarism – the program for monetary stability–has not flourished over the past half century. The tide, instead, has flowed in the direction of the deregulation of the financial sector, not in the more intensive regulation that would be required to enforce 100% reserve banking and a strict separation between investments and transactions deposits.

Hier steht’s: Milton Friedman plädierte für strengere Regulierung – nicht Deregulierung - des Finanzsektors; aufbauend auf einer klaren Vorstellung von der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus durch ein inhärent instabiles Bankensystem. Die Finanz-Deregulierung der 1980er und 1990er Jahre folgte gerade nicht seinen Vorstellungen.

Warum ist von diesem Friedman heute so wenig die Rede? Laut Brad DeLong weil in den 70er Jahren eine Trivialisierung Friedmanscher Ideen einsetzte. Er nennt dies „Political Monetarism“:

But the multi-stranded complex of doctrines and ideas that was Classic Monetarism – with its institutional reform side, its analytical side, and its political-economy side – was not the Monetarism that became a powerful political doctrine in the 1970s. Political Monetarism was something different.

Political Monetarism argued not that velocity could be made stable if monetary shocks were avoided, but that velocity was stable. … Political Monetarism argued not that institutional reforms were needed to give the central bank the power to tightly control the money supply, but that the central bank did control shifts in the money supply…. All theories and doctrines are stripped down to a core that includes substantial proportions of misrepresentation and overstatement when the doctrines become political and policy weapons. And from today’s perspective it is clear that the stripping-down that created Political Monetarism was unfortunate.

Es ist diese Trivialisierung der Storbeck aufsitzt. Denn ein ernstgenommener Friedman taugt nicht zum Sündenbock, im Gegenteil, er hätte Schaden vermeiden können: hätte die Greenspan-Fed sich in den 2000er Jahren stärker bemüht die Geld- und Kreditentwicklung a la Friedman zu verstetigen wäre es zur US-Immobilienkrise möglicherweise nicht gekommen, oder zumindest nicht in diesem Ausmass – von Friedmans Vorstellungen zu Bankenregulierung ganz zu schweigen.

Dies führt zu einem generellen Punkt. Mich stört ungemein - ebenso wie meinen Gastgeber Kantoos - die Tendenz in der deutschen Debatte, Makroökonomen in „Böse“ und „Gute“ einzuteilen (im primitivsten Fall in „Neoklassiker“ und „Keynesianer“). Dahinter steht die Vorstellung dogmengeschichtliche Positionen seien zeitlose Wahrheiten (oder Unwahrheiten), die sich gegenseitig ausschlössen. Also: nur Keynes oder Friedman könne relevant sein, nie aber beide.

Das ist Unfug. Dogmengeschichtliche Positionen bilden sich stets in Auseinandersetzung mit den wirtschaftspolitischen Fragen einer bestimmten Zeit. Wie relevant eine Position für uns ist hängt deshalb zuallererst davon ab, wie stark unsere Probleme den damaligen ähneln. In der Finanzkrise erwiesen sich als hochrelevant z.B. Wicksells und Hayeks Thesen zum Zusammenhang zwischen Geldzinsen, Kreditzyklen und Wirtschaftskrisen, oder Irving Fishers Warnung vor Überschuldung in Verbindung mit Deflation. Ferner natürlich Keynes’ Analyse von Kapitalmarktversagen in der Liquiditätsfalle, Friedmans Betonung verstetigender Makropolitik, Meltzers Vorschlag die Liquiditätsfalle durch Manipulation längerfristiger Zinssätze zu umgehen (was den Kern des Quantitative Easing enthält), oder Tobins Untersuchung von Kapitalmarktungleichgewichten. Die Einsichten auch nur eines dieser Ökonomen zu ignorieren wäre töricht.

Umgekehrt ist kein Ökonom unbeschränkt relevant. Geschichte wiederholt sich nicht. Kein Keynes und kein Friedman kann einen Autokompass liefern wie die makroökonomische Probleme unserer Zeit zu bewältigen seien. Wer dies erwartet wird notwendig enttäuscht werden.

Hier wäre ich an einem natürlichen Endpunkt für den Artikel angelangt - aber nachdem ich schon beim Schwafeln bin, noch zwei Anmerkungen.

1) Intellektuelles Versagen sehe ich eher bei der modernen monetären Ökonomik a la Lucas und Woodford, die sich u.a. dadurch auszeichnet dass sie Geld, Kredit und Finanzintermediation weitgehend wegdefiniert. Also all das was sich in der Krise als kritisch erwies, und dessen kritischer Charakter den Friedmans, Keynes und Hayeks wohlbekannt war. Willem Buiter hat dazu einen schönen, zornigen und wahren Artikel geschrieben. Ein Ausschnitt:

Most mainstream macroeconomic theoretical innovations since the 1970s (the New Classical rational expectations revolution associated with such names as Robert E. Lucas Jr., Edward Prescott, Thomas Sargent, Robert Barro etc, and the New Keynesian theorizing of Michael Woodford and many others) have turned out to be self-referential, inward-looking distractions at best. Research tended to be motivated by the internal logic, intellectual sunk capital and esthetic puzzles of established research programmes rather than by a powerful desire to understand how the economy works – let alone how the economy works during times of stress and financial instability. So the economics profession was caught unprepared when the crisis struck.

2) Keine Theorie kann einen wachen Geist ersetzen. Ob ein Ökonom die Krise antizipierte oder nicht hatte letztlich wenig mit dogmengeschichtlicher Prägung zu tun, und viel damit ob er offensichtliche Fehlentwicklungen ernst nahm: überbordendes US Leistungsbilanzdefizit, ausuferndes Leverage von Finanzunternehmen, Überschuldung privater Haushalte, Hauspreisblasen. Raghuram Rajan (immerhin von der Universität Chicago), Robert Shiller, Claudio Borio, William White, Ken Rogoff, John Taylor sind sicher nicht weniger marktfreundlich eingestellt als der ökonomische Mainstream, aber lagen vor der Krise in wesentlichen Punkten richtig. Umgekehrt lobten gerade viele keynesianische orientierte Ökonomen – z.B. Alan Blinder, oder unsere Freunde von Herdentrieb – die Geldpolitik Alan Greenspans über den grünen Klee. Nur setzte diese Politik die Welt in Brand.

Hätten diese Keynesianer Friedman ernstgenomen wäre ihnen der Fehler nicht passiert.

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