War die Eurokrise unvermeidbar? Sogar einkalkuliert?

Es ist immer interessant, eine nicht-europäische Perspektive auf die Eurokrise zu lesen, denn vielleicht verstellt einem die europäische Brille den Blick. Schauen wir also, was Kevin Drum, Ryan Avent und Matthew Yglesias zu sagen haben.

Buying time is expensive schreibt Ryan Avent:

It seems clear that Greece is insolvent, and Ireland probably is too. Portugal is more of a bordernline case, but it’s becoming less do by the day. Angela Merkel is demanding austerity in exchange for a bail-out; well, the government just revised down expectations for the economy this year. … Austerity will likely slow the economy further, reducing Portugal’s ability to pay its debts. And remember, the European Central Bank is about to raise interest rates.

There are several big problems to handle here, but one big one is obvious—Greece, Ireland, and Portugal are probably all busted. They simply can’t meet their obligations. Their debt will almost certainly need to be restructured. The euro zone isn’t excited about doing this now, partially because it’s worried about its banks and partially because it’s hoping it won’t come to that. But default looks inevitable.

Kevin Drum bläst ins gleiche Horn:

Europe’s Problem

… It’s easy to say this from a distance, but Merkel and other European leaders have their heads in the sand. They don’t want Greece, Ireland, or Portugal to default because that would mean big losses for banks in their own countries, which would then have to be bailed out. But they also don’t want to directly bail out the insolvent countries, because voters wouldn’t like that much. So they’re kicking the can down the road [=schieben das Problem vor sich her] with half measures and hoping that somehow things turn up. It’s a recipe for stagnation at best and disaster at worst.

Matthew Yglesias geht noch weiter, er hält die heutige Situation für einkalkuliert, ja fast gewollt:

European Monetary Union (Unfortunately) Working As Planned

… The scary thing is that this is more or less European monetary union working as planned. The introduction of a single currency has de facto committed the nations of Europe to a level of fiscal union that’s politically unacceptable. But total collapse of the European banking system is also politically unacceptable. So they’ll keep kicking the can down the road with half measures until ultimately they wind up much further down the road to fiscal union than anyone deems conceivable. …

But this is basically the plan. Achieve political union by unleashing a doomsday device in the form of monetary union and assume that over time people can be dragged into making it work. The politicians in the UK and Sweden who kept their countries out of this deserve enormous credit.

Das Scheitern des Euro treibt die Staaten zu größerer Kooperation und einer Fiskalunion, die ohne eine solche Krise unvorstellbar wäre. Soweit kann ich noch folgen – auch wenn dies nicht das einzig mögliche Szenario war und fraglich ist (s.u.), ob dies die Probleme des Euro löst (wie Matthew wohl meint). Aber ob das gewollt war, da habe ich doch meine Zweifel. Dass es denjenigen politisch gelegen kommt, die eine stärkere Integration Europas wünschen, das könnte ich noch verstehen, auch wenn selbst diesen der Preis zu hoch sein dürfte.

Ich denke man hat die Risiken einer Währungsunion schlicht unterschätzt und die Warnungen skeptischer Ökonomen unter dem Hinweis auf die Integrationsfähigkeit Europas abgewiesen. Ob das ökonomisch naiv war? Wie ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe, erschweren drei Aspekte den Erfolg des Euro unnötig:

1. Die kontraktive Politik der EZB seit 2008

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage Europas ist 2008 eingebrochen wie seit 80 Jahren nicht und liegt immer noch weit unter ihrem Trendpfad. Das ist nichts anderes als ultra-kontraktive Geldpolitik. Die Anpassung an einen neuen Trendpfad wiederum ist schmerzhaft und unnötig. Niemand weiß, wie die Krise verlaufen wäre, hätte die EZB für makroökonomische Stabilität gesorgt, aber ich denke: nicht annähernd so schlimm. Ich weiß, es gibt Skepsis, ob die EZB von ihrem reinen Preisstabilitätsmandat hätte abweichen dürfen, und vieles mehr. Fakt ist: eine expansivere EZB hätte einiges abfedern können, und das vermutlich ohne übermäßig hohe Kerninflation zu erzeugen, zumindest mittelfristig.

2. Ein zu niedriges Inflationsziel

Eine sehr unebene (=suboptimale) Währungsunion wird immer wieder durch Phasen der Anpassung gehen. Nicht überall gleichzeitig, aber in einigen Ländern und Regionen. Deutschland, der ehemals kranke Mann Europas, hat dies von 1998-2006 durchmachen müssen, jetzt sind andere dran. Nominale Rigiditäten in Löhnen und Preisen erschweren eine solche Anpassung.

Ein höheres Inflationsziel erleichtert diese Phasen der Anpassung, da Nullrunden schneller zu fallenden Reallöhnen und damit höherer Wettbewerbsfähigkeit (=markträumenden Löhnen) führen. Ein höheres Inflationsziel (oder besser noch: ein nominales Einkommensziel wie NBIP) wäre der Preis gewesen, den man für eine stabilere Währungsunion hätte zahlen müssen.

3. Die übertriebene Wichtigkeit der Banken

Als die USA und Großbritannien auf Grund ihrer Banken 2008 in einen Abwärtsstrudel gerieten, haben wohl einige Europäer ihre Schadenfreude nicht leugnen können. Zu dumm nur, dass uns jetzt ebenfalls die Banken um die Ohren flögen, wenn wir das Problem nicht vor uns her schieben würden und die Banken sich in der Zwischenzeit nicht auf Kosten des Steuerzahlers gesund stoßen dürften.

Statt als Bestätigung europäischer Überlegenheit hätte man die Beispiele aus dem Ausland als dringende Warnung sehen und ein europäisches Bankeninsolvenzrecht schaffen sollen, damit man zielgerichtet, schnell und radikal auch gegen taumelnde, europaweit operierende Großbanken vorgehen kann. Dann hätte man schon Anfang 2010 andere Optionen gehabt und den Griechen mit einem Schuldenschnitt wirklich helfen können. Zudem hätten die Iren ihre Banken dann hoffentlich nicht gerettet.

Ob eine Fiskalunion, ein Pakt für Wettbewerb oder Steuerharmonisierungen an diesen Problemen irgendetwas ändern, da habe ich doch erhebliche Zweifel. Und so lange wir uns über die wirklichen Probleme des Euro im Unklaren sind, wird aus dem Euro auch kein Erfolg mehr werden. Was meint Ihr?

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