Dirk Elsner über Blogs

Dirk ist mit meinem Eintrag “Europeans can’t blog?garnicht einverstanden. Sein Argument ist, dass gerade mein Beispiel doch zeigt, wie gut die Blogosphäre funktioniert. Es freut mich natürlich sehr, dass er dies so wahr nimmt. Allerdings ist ein Grund, dass ich eine Lücke gefüllt haben, die es in den USA so nicht gegeben hätte.

Denn weder gab es – vom Herdentrieb abgesehen – wirkliche Blogs von Journalisten (Wirtschaftswunder ist kein Blog, auch der Handelsblog war nicht genug Blog, und das Fazit kam erst später und könnte nach meinem Geschmack bloggier sein), noch waren Ökonomenportale wie Ökonomenstimme, oder Wirtschaftliche Freiheit richtige Blogs. Es fehlte die Interaktion und Vernetzung, es fehlte die Diskussion, es fehlten die Kommentare. Es waren zu sehr die Old School Methoden, einfach ins Netz gebracht. Nun bin ich kein Internet-Blog-Profi, aber Florian Semle ist einer, und seine Analyse war auch durchaus kritisch.

Das soll alles nicht heißen, dass ich frustriert wäre oder die Blogosphäre in Deutschland für schlecht halte. Ich freue mich über Zuwächse wie das Fazit oder den Wirtschaftsphilosophen, oder ganz neu: den INSM-Blog, und wir sind auf einem guten Weg, finde ich. Aber sie ist mit der in den USA – zumindest was die eher auf VWL ausgerichteten Blogs angeht – schlicht nicht vergleichbar. Und wenn man das Ganze jetzt noch auf Europa überträgt…?

Sorry, Dirk, aber wir haben noch einiges an Arbeit vor uns.

Wer macht sich in Deutschland um Makro verdient?

Johannes Becker, Ökonom und Blogger an der Universität Münster, ist (ähnlich wie ich) verärgert über die Polemik des Herdentrieb und der FTD. Sein Beitrag ist sehr lesenswert, nur an einer Stelle musste ich doch stutzen:

Der Herdentrieb hat sich um die Erweiterung der wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland auf makroökonomische Themen verdient gemacht.

Hier habe ich meine Zweifel. Auf der einen Seite stimmt es, dass der Herdentrieb makroökonomische Themen forciert hat. Hat dies aber die “wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland” voran gebracht? Oder war es nicht vielmehr so, dass sich dort Gleichgesinnte (Autoren und Leser) zusammen gefunden haben, und sich gegenseitig in ihren Ansichten bestärkt haben – eine Gefahr, die bei allen Blogs besteht? Eine Stimme wie die von Henry Kaspar war dort immer ziemlich einsam.

Zudem sind die Ansichten, die auf Herdentrieb vertreten werden und wurden, nicht immer das, was ich als intelligente, moderne Nachfrageorientierung à la Krugman, DeLong oder Thoma bezeichnen würde, von Scott Sumner ganz zu schweigen. Mit anderen Worten könnte die Nachfrageorientierung (und Polemik) des Herdentrieb die andere Seite noch eher in ihrer Ablehnung bekräftigen. Das Resultat wäre mehr Polarisierung und die Ablehnung von Nachfrageorientierung ganz allgemein. Ein Bärendienst.

Für die deutsche Debatte am wohltuendsten wäre tatsächlich ein Scott Sumner, denn er ist laut eigener Aussage ein rechts-lastiger, libertärer, in Chicago bei Lucas ausgebildeter Ökonom mit ausgeprägter, aus 20 Jahre Studium der Großen Depression gezogener Nachfrageorientierung. Ein nachfrageorientierter Hans-Werner Sinn, wenn man so will. Aber den sehe ich weit und breit nicht. Oder aber einen Journalisten wie Ryan Avent beim Economist, dem Herzblatt aller liberalen Ökonomen, der ebenfalls eine moderne, angemessene Nachfrageorientierung vertritt. Auch den sehe ich weit und breit nicht.

So bleibt es wohl in Deutschland beim antiquierten, ja fast bornierten Kampf Neoklassiker gegen Keynesianer, zwischen dessen Fronten die moderne VWL mit ihren Einsichten zerrieben wird. Traurig.

HT: Johannes Becker, dessen lesenswerten Blog ich schon viel früher mal hätte zitieren sollen.

PS: Markus Brunnermeier, deutscher Ökonom in Princeton, schreibt ebenfalls, dass eine entscheidende Lücke des deutschen Aufrufs die Ausblendung der Banken ist (via FTD):

„Das große Problem in Europa ist, dass bei einer Umstrukturierung eines Landes Banken in anderen Euro-Staaten in Schwierigkeiten geraten können“, sagte Princeton-Ökonom Brunnermeier. Europäische Banken müssten zuerst so weit stabilisiert werden, dass bei einem Zahlungsausfall keine systemischen Risiken entstünden. Der Bankensektor werde in der Stellungnahme der Plenums-Ökonomen kaum berücksichtigt, kritisierte Brunnermeier. „Banken zu helfen, ist politisch aber noch schwerer durchsetzbar als Staaten zu helfen. Bei den Banken liegt aber das Grundproblem“, so Brunnermeier.

Die Polemiker sind los. Leider.

Nach meinem eigenen, kritischen Eintrag zum Aufruf der 189 Ökonomen, sehe ich nun, dass Mark Schieritz und Thomas Fricke von ZEIT und FTD ihrem inneren Polemiker nicht widerstehen können. Und das finde ich schade denn genau diese Grabenkämpfe sind es, wie ich schon oft geschrieben habe, die Deutschland weitgehend von der modernen VWL abschotten.

Mark rechnet vor, warum eine Behauptung in dem Aufruf nicht der gängigen Rechenart entspricht, und daher vermutlich selbst polemisch ist. Fair enough. Aber seine Schlussfolgerung ist:

Womit sich dieser Aufruf disqualifiziert hat.

Bitte? Als wäre diese Zahl der Kerninhalt des Aufrufs. Ich bin selbst kritisch (wenn auch aus anderen Gründen), will hier also nicht den Aufruf verteidigen. Aber Marks “Schlussfolgerung” klingt eher nach jemandem, der sich mit den Argumenten nicht auseinandersetzen will, sondern eine Schwachstelle sucht und damit alles zu Unsinn erklärt. So muss man leider auch sein “Update” lesen, wo er Thomas’ Polemik zitiert und sich daran erfreut. Eigentlich untypisch für ihn.

Beißende Polemik ist bekanntermaßen nicht untypisch für Thomas Fricke von der FTD, der in seinem Beitrag den Aufruf der Ökonomen nicht weiter diskutiert, sondern statt dessen einen Aufruf der selben Ökonomen von 2005 auseinander nimmt, nach dem Motto: damals habt ihr etwas falsches gesagt, habt die Finanzkrise nicht kommen sehen, ergo seid ihr auch heute unqualifiziert. Argumentativ nicht so richtig stark.

Thomas schreibt zum Beispiel:

Da polterten die Professoren mit Verweis auf angebliche Wissenschaftlichkeit, dass Nachfragepolitik ja des Teufels sei. Eine Aussage, die spätestens seit der Finanzkrise, gemessen am heutigen Konsens unter international führenden Ökonomen und nach diversen erfolgreichen Konjunkturprogrammen von Frau Merkel ziemlich peinlich klingt.

Vielleicht haben die Professoren nicht allgemein von Nachfragepolitik gesprochen, sondern eher von Deutschland in der Situation 2005? Zudem meinten sie wohl nicht, dass Nachfragepolitik im Allgemeinen des Teufels ist, sondern fiskalische Nachfragepolitik, und damit, Herr Fricke, befanden sich diese Ökonomen durchaus im Konsens “international führender Ökonomen”, denn alle Makromodelle räumten der fiskalischen Nachfragepolitik bestenfalls eine Nebenrolle ein und legten den Fokus auf monetäre Nachfragepolitik. Ob zu Recht, ist eine andere Frage. Ich meine: ja, wenn man fähige Zentralbanken hätte. Haben wir nur leider nicht.

Er schreibt weiter:

Da hieß es noch großspurig, dass Deutschland ohne (weitere) “drastische und schmerzhafte Reformen” nicht aus der Krise kommen werde. Was ebenso Quatsch ist, da es seitdem eigentlich keine besonders drastischen Reformschübe mehr gab, die den Anspruch hätten erfüllen können – und die Krise jetzt trotzdem längst vorüber ist und es immer neue Tiefstände bei der Arbeitslosigkeit gibt (komisch, was?).

Die Tiefstände der Arbeitslosigkeit haben wohl viele Väter, unter anderem Schröders drastische und schmerzhafte Agenda 2010, die 2005 sicher noch nicht als gefestigt angesehen werden konnte (vielleicht deshalb der Aufruf?). Und die seit 2005 weiter laufende Lohnzurückhaltung würde ich durchaus als “schmerzhaft” bezeichnen, wenn auch nicht als “Reform”. Ein Grund des Aufschwungs wird sie aber sein.

Das wichtigste aber ist das: Wie ich in diesem Eintrag ausgeführt habe, liegt die Stärke Deutschlands nach der großen Krise vor allem darin, dass die EZB unfreiwillig eine Geldpolitik betrieben hat, welche die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Deutschland auf Kurs gehalten hat. Das hat keine andere Zentralbank während der Krise getan, weder in UK, noch in den USA, auch nicht in Schweden. Zudem wird erwartet, dass die EZB in Zukunft eine zu lockere Geldpolitik für Deutschland wird machen müssen. Und Erwartungen zukünftiger Geldpolitik sind der Haupttransmissionsweg der Geldpolitik. Kombiniert man dies mit (upward) sticky wages, kommt ein veritabler Aufschwung dabei heraus. Das alles konnte 2005 niemand vorhersehen, daher finde ich es etwas schwach, den Ökonomen von 2005 diese außerordentlichen Entwicklungen bis heute vorzuhalten. Und das counterfactual ohne Finanz- und Eurokrise kennt kein Mensch, weder Thomas noch “international führende Ökonomen”.

Thomas sieht allgemein immer wieder den “internationalen Konsens” auf seiner Seite:

Damals behaupteten die Professoren auch noch, dass es falsch sei zu sagen, in einer Stagnation dürfe man sich nicht kaputtsparen – was mittlerweile (und international schon damals) ebenfalls zum wissenschaftlichen Konsens international zählt.

Darüber herrscht nun wirklich kein Konsens, noch nicht mal in einer Nachfragekrise wie der momentanen. Schon gar nicht über die Situation, in der sich Deutschland 2005 befand, denn es ist fraglich, ob das ein Nachfrageproblem war.

Mir fehlt langsam die Lust, noch weiter zu machen, auch wenn Thomas’ Polemik noch weitergeht und den Gipfel an der Stelle erreicht, die Mark als “köstlich” bezeichnet. Seufz.

Wenn die deutschen Zeitungen und Ökonomen sich in Polemik ergehen wollen, von mir aus. Weiter bringt uns das alles nicht. Oder muss man Leuten wir Schieritz und Fricke auch mal etwas Polemik gönnen für die Kämpfe, die sie wohl seit Jahren mit dogmatischen Ökonomen in Deutschland führen müssen?

Der Mythos der Wettbewerbsfähigkeit

In der Presse und öffentlichen Debatten hat sich ein merkantilistischer Ton eingeschlichen, der den Wettbewerb zwischen Unternehmen auf Länder überträgt: wir müssen wettbewerbsfähig gegenüber China sein, wir müssen mehr exportieren als importieren, nicht alle in Europa können Löhne senken, weil Wettbewerb ist ja ein Nullsummenspiel, usw.

Leider ist dies alles ökonomischer Unsinn, und ich war sehr froh, in der Süddeutschen Zeitung einen deutlichen Kommentar in diese Richtung von Moritz Koch zu finden (für den unwahrscheinlichen Fall, dass Moritz dies hier liest: Danke dafür!).

Ganz im Gegensatz zu Mark Schieritz, der nach seinem letzten sehr merkwürdigen Satz über Geldpolitik und Inflation jetzt im Herdentrieb noch einen drauf setzt:

Der gesamte Pakt basiert auf der Philosophie, Wettbewerbsfähigkeit sei ein genuines Ziel der Wirtschaftspolitik, was schon deshalb nicht sein kann, weil nicht alle zugleich wettbewerbsfähiger werden können. Wettbewerbsfähigkeit ist ein relativer Begriff und wenn jeder die Löhne um zehn Prozent kürzt, hat niemand etwas gewonnen.

Oh boy…

Zunächst mal muss in jedem Land (eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage vorausgesetzt) die Lohnstruktur “wettbewerbsfähig” in dem Sinne sein, dass der Arbeitsmarkt geräumt ist. Denn auch der Arbeitsmarkt ist ein Markt, auch wenn das einige gerne vergessen. Ist ja auch eine unbequeme Wahrheit. Niedriger als markträumend sollte es natürlich nicht sein. Dennoch bedeutet markträumend für mich “wettbewerbsfähig” – und hat mit dem Ausland zunächst mal nichts zu tun. In welche Richtung sich dann der Außenhandel bewegt, ist viel mehr eine Frage der Sparneigung der Bevölkerung und der Investitionsmöglichkeiten in den verschiedenen Ländern.

Wenn nun Deutschland in Europa wettbewerbsfähiger als andere in diesem Sinne ist, dann bedeutet dies, dass auch andere Länder ihre Löhne auf ein wettbewerbliches Maß bringen müssen. Das ist nicht schön, und nicht populär, aber leider wahr. Das ist übrigens kein “race-to-the-bottom”, wie oft zu hören ist. Denn obwohl Deutschland angeblich ja unterwegs dahin ist, zum “bottom”, zeigt sich, dass bei markträumenden Löhnen der Senkungsspielraum der Firmen sehr begrenzt ist. Die Arbeitnehmer fordern zu Recht angemessene Lohnerhöhungen. Ein markträumender Lohn, mit starken aber vernünftigen Gewerkschaften wie in Deutschland, ist die ideale Voraussetzung für Wohlstand und soziale Gerechtigkeit in einem Land.

Wettbewerb ist dann auch keineswegs ein Nullsummenspiel: alle Länder Europas könnten “wettbewerbsfähig” in meinem Sinne sein, und würden sich dadurch alle höheren Wachstums, niedrigerer Arbeitslosigkeit und in Zukunft vermutlich auch höheren Wohlstands erfreuen. Eine Politik, die Wettbewerbsfähigkeit verhindern will, ist zutiefst unsozial und definitiv nicht “links”, unabhängig davon, was selbsternannte Linke behaupten.

Und wenn man vermeiden will, dass Menschen wenig verdienen, dann muss man dafür sorgen, dass eine skandalöse Integrations- und Bildungspolitik wie sie in Deutschland betrieben wurde und teilweise noch wird beendet wird. Denn der Aufbau von Humankapital ist der beste Weg, höhere Löhne zu gewährleisten, das zeigen uns die Skandinavier jedes Jahr aufs Neue. Hohe Mindestlöhne, höhere Löhne im Allgemeinen und ähnliches ist immer nur der ungeeignete Versuch, Symptome zu bekämpfen, deren tiefere Wurzeln anzupacken der Politik zu schwierig erscheint, und man daher Ablenkungskämpfe inszeniert, auf die leider insbesondere die Linken in Deutschland hereinfallen. Und Analysen wie Marks sind weiteres Wasser auf diese Mühlen. Einfach traurig sowas.

Dass die Länder der europäischen Peripherie dadurch in eine debt-deflation geraten können, bestreite ich übrigens keineswegs. Die Lösung ist aber nicht Wettbewerbsfähigkeit zu verhindern, sondern zu entschulden. Und eine angemessene Geldpolitik für die Eurozone zu fordern, gepaart mir einem radikalen Umgang mit Banken. Das wäre eine wirklich linke ökonomische Agenda.

PS: Dem könnte vielleicht auch Wolfgang Münchau zustimmen, der in der FT zurecht beschreibt, dass Pläne für eine europäische Wirtschaftsregierung die aktuellen Probleme kaum werden lösen können. Allerdings hat Wettbewerbsfähigkeit (so wie ich sie verstehe) nichts mit deutschem Hegemonialverhalten zu tun, wie er behauptet, sondern ist die Grundvoraussetzung für ein prosperierendes Europa, das sich seine Geldpolitik teilt.

Was ist für Mark Schieritz “monetary”?

Da schreibt Mark Schieritz im Herdentrieb einen schönen Beitrag über Geldmenge, Rohstoffspekulation und Inflation, zeigt einen interessanten Graphen – und endet dann mit dem Satz:

Merke: Inflation is never and nowhere a monetary phenomenon!

Bitte was?! Erstmal finde ich Sätze mit “merke” grundsätzlich nervig, und bei einem derart komplexen Thema erst Recht deplaziert. Aber auch inhaltlich: ist das sein Ernst? Dieses statement ist so falsch, dass ich mich frage, ob ich den Witz einfach nicht verstehe, Friedman hier einfach umzudrehen…

Inflation ist ein kompliziertes Thema, und auch auf die Gefahr skandalöser Vereinfachung unterscheide ich mal zwei Arten von “Inflation”:

  • Steigende Preise von Gütern wie Energie, Nahrungsmittel auf Grund hoher weltweiter Nachfrage oder ähnlichem
  • Steigendes allgemeines Preisniveau (damit meine ich, Löhne und Preise querbeet)

Ersteres ist nicht wirklich “Inflation” im makroökonomisch relevanten Sinne: wenn die Nachfrage nach Energie und anderen Grundstoffen steigt, weil sich 2,5 Mrd. Menschen in Ländern befinden, die zweistellig wachsen, dann sind dies neue Gleichgewichtspreise, keine Inflation. Und inwiefern Spekulation dahinter steckt, da bin ich mit Mark fast einer Meinung: erst wenn physisch Güter gelagert werden (in Tanks, Lagern oder im Boden), dann kann man von Spekulation sprechen, nicht aber beim reinen Handel mit Papieren. Und selbst wenn es Spekulation ist, ist das nicht per se etwas schlechtes. Aber das ist ein Thema für einen anderen Eintrag.

Zweiteres allerdings ist Inflation, hat aber, wie Mark richtig schreibt, mit Zentralbank-Geldmenge oder ähnlichem kurz- und mittelfristig nicht so viel zu tun: in einer Krise kann sich die Zentralbankgeldmenge ver-x-fachen, ohne Einfluss auf die Inflation zu nehmen, schließlich hat Geldschöpfung und Umlaufgeschwindigkeit auch ihren Beitrag zu leisten. Sein Graph beleuchtet den Geldschöpfungsaspekt ganz anschaulich.

Wie kommt es dann zu Inflation? Eine Sichtweise ist, dass es immer dann zu Inflation kommt, wenn sich die Wirtschaft an ihrem Maximum bewegt: dann kommt es zu Lohnerhöhungen, steigenden (Knappheits)Preisen und ähnlichem. Und da ist sicher etwas dran, gerade in relativ stabilen Verhältnissen, in denen wir in Europa und den USA in den letzten 25 Jahren gelebt haben, inflationsmäßig. Allerdings ist dies weder notwendig noch hinreichend um Inflation zu generieren.

Warum ist es nicht notwendig? Weil die Zentralbank ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat; und insofern ist Inflation natürlich immer ein “monetary phenomenon“, wenn man “monetary (policy)” angemessen weit definiert (was man unbedingt tun sollte!). Ein Beispiel: sollte sich die Zentralbank entscheiden, ihr Inflationsziel von 2% auf 4% zu erhöhen, dauerhaft!, und dies mit allerlei geldpolitischen Maßnahmen untermauern, dann wird die Inflation anziehen, das ist sicher. Ob die Wirtschaft sich dabei in einer Talsohle befindet, oder nicht. Dankenswerterweise hat Franklin Roosevelt dies 1933 ausprobiert, so dass wir es untersuchen können: er hat gesagt, dass er das Preisniveau wieder auf Vorkrisenniveau heben will und hat diese Politik entsprechend untermauert mit dem de facto Aussetzen des Goldstandards – und das mitten in der schwersten Wirtschaftskrise der jüngeren Geschichte. Das Resultat: Inflation! Trotz der massivsten Unterauslastung der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Zugegeben, das ist ein Extremfall.

Ist es denn zumindest hinreichend? Nein. Denn trotz einer voll ausgelasteten Wirtschaft kann die Inflation durch Maßnahmen der Zentralbank im Zaum gehalten werden. Wenn die Zentralbank eine Art Preislevelziel-Strategie verfolgt, und jeder Ausschlag nach oben mit Ausschlägen nach unten korrigiert wird, dann wird auch im Falle einer Vollauslastung keine übermäßige Inflation zu erwarten sein. Lohn-Preis-Spiralen können und sollten verhindert werden. Natürlich ist die Glaubwürdigkeit der Zentralbank ein Kernelement in diesem Argument. Allerdings haben die Zentralbanken in den USA und Europa ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit erreicht, wenn auch in den USA auf schmerzhaftem Weg, das ausreichen sollte, die Inflation im Zaum zu halten. Die kurze inflationäre Phase vor 2008 scheint vielleicht dagegen zu sprechen, allerdings ist auch hier klar: ohne Geldpolitik (weit definiert) kann es keine kontinuierliche Inflation geben.

Mein Punkt ist der: eine ausreichend weit definierte Konzeption von Geldpolitik ist der Schlüssel zur Inflationsfrage. Denn eine solch weit definierte Geldpolitik ist notwendig und hinreichend für Inflation. Und in diesem Sinne ist Inflation der zweiten Ausprägung immer und überall ein montäres Phänomen. Von langfristiger Inflation ganz zu schweigen, aber darüber gibt es auch eigentlich keine zwei Meinungen.

Wie also sollte man Marks statement nun verstehen? Dass er “monetary” als “Zentralbankgeldmenge beeinflussen” übersetzt? Kämpft er also gegen eine uralt-monetaristische Denke? Ich vertraue Mark, dass das keine Windmühlen sind, gegen die er da kämpft. Und das wäre traurig. Für Deutschland, nicht für Mark. Allerdings weiß ich nicht, ob (falsche) Pauschalstatements wie Marks förderlich sind, diesen Unsinn zu beenden. Mir scheint, sie befeuern ihn noch.

PS: Marks Kritik an Steingarts Artikel teile ich, bis auf den Teil, wo Steingart anmahnt, dass die Verursacher der Krise nicht gerettet werden sollten, also Banken und andere. Gerade bezüglich der Lehmanpleite, wo sich ja die Ansicht verbreitet hat, die Nicht-Rettung sei in Fehler gewesen, ist Steingarts Hinweis wohltuend.

Versuch eines Kompromisses

Die Diskussionen zwischen Henry Kaspar auf der einen, und Fabian Lindner (Herdentrieb) und Eclair (Kommentator) auf der anderen (hier und im Herdentrieb) war alles in allem interessant und wichtig. Für international geprägte Ökonomen wie HK und mich ist es manchmal schwierig zu verstehen, was andere meinen, die eine andere Terminologie verwenden, wir bitten um Nachsicht. Wissenschaft braucht eben zu einem gewissen Teil eine gemeinsame Sprache – das wird mir dank dieser Diskussion wieder klar.

Da ich mich urlaubsbedingt bisher zurück gehalten habe, werde ich nun versuchen, einen (auch terminologischen) Kompromiss vorzuschlagen. Mal schauen, ob mir das gelingt.

1. Periodendenken

Eclair und Lindner (E/L) betrachten die Wirtschaft gerne in Perioden, an deren Anfang etwas feststeht oder eben nicht. Für HK und mich ist dies wohl eher ein mittelmäßiges Hilfskonstrukt, das gerade für die ökonomische Intuition weniger wichtig ist. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: es ist schädlich, denn es vernebelt den Blick fürs Wesentliche.

Eclair antwortet mit Keynes (siehe auch 5. unten):

The ex-ante saver has no cash, but it is cash which the ex-ante investor requires. […] Surely nothing is more certain than that the credit or ‘finance’ required by ex-ante investment is not mainly supplied by ex-ante saving. (Keynes, zitiert via Eclair)

Keynes’ Art der Beschreibung und Erklärung des Problems finde ich verwirrend und vom Wesentlichen ablenkend, aber gut, jede Jeck is anders. Was Keynes meint, bzw. eher: was Sinn macht, ist, dass in einer Situation, in der es unterausgelastete Kapazitäten gibt, eine Ausweitung der Geldmenge (sofern sie permanent ist) dauerhaft das Preisniveau anhebt, die Erwartungen zukünftiger Nachfrage steigert, damit auch Realzinsen senkt und einiges mehr, und daher bei sticky wages und prices zu einer höheren Auslastung führt. Das bestreitet niemand, HK nicht, ich nicht, und es war vor Keynes auch schon bekannt. Seine Schlussfolgerung zeigt denn auch, was er meint:

The investment market can become congested through shortage of cash. It can never become congested through shortage of saving. This is the most fundamental of my conclusions within this field. (dito)

Mir fehlt zwar weiterhin, dass es nicht nur eine shortness of cash ist, sondern auch eine Frage der Zukunftsaussichten, der Realzinsen und vieles mehr, aber es geht um Geld, soviel steht fest. Die Perioden hätte es dafür nicht gebraucht: wenn Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit nicht zur Menge der Güter und Dienstleistungen sowie zu Preisen und Löhnen passen, dann kommt es zu Unterauslastung und Arbeitslosigkeit. Wenn zum Beispiel durch Zentralbankintervention die Aussicht auf das zukünftige nominale BIP oder die Inflation steigt, dann wird mehr Geld “enthortet” und die Kapazitäten sind wieder höher ausgelastet. Oder, um in Keynes’ Beispiel zu bleiben: sowohl das Angebot an Krediten, als auch die Nachfrage (!) wird sich erhöhen, weil sich Zinsen verändert haben, aber auch weil sich die Zukunftsaussichten verbessert haben.

2. Geld ≠ Ersparnis

Eine Unterscheidung, die man nicht genug betonen kann, ist die zwischen Geld und Ersparnis (daher benutze ich nie den Ausdruck “Geld-Ersparnis”, das finde ich schlicht zu verwirrend). Ich weiß, das alle Diskutanten diesen Unterschied verstehen, aber wir schreiben ja nicht nur für uns.

Im Nachhinein ist es die Ersparnis, die die Investitionen deckt, das ist fast trivial: alle Produktion, die nicht konsumiert wurde, wurde gespart. Ersparnis ist da das residual. Warum kam es dann zum Streit? Ganz einfach: HK zeigt, warum Investition ohne Ersparnis nicht geht, denn irgendjemand muss das Investitionsgut ja hergestellt und nicht konsumiert haben! E/L wiederum sagen, dass das ex post natürlich der Fall ist, aber ex ante eben nicht: bei sticky prices und wages, und Unterauslastung der Kapazitäten kann auch eine reine Geldschöpfung für eine Investition sorgen, da zuerst die Investition aus der Geldschöpfung entstanden ist, aber während sie entstand natürlich auch die Ersparnis geschaffen hat, die sie im Nachhinein finanzierte.

Also ich finde das alles etwas haarspalterisch, und auch nicht wirklich substantiell: bei Unterauslastung kann eine expansive Geldpolitik (oder sonstwie Ausweitung der Geldmenge, was Geldschöpfung ja ist, oder auch eine Steigerung der Umlaufgeschwindigkeit) bei sticky prices und wages zu Erhöhung des BIP führen. Das ist klar. Und der Weg, den dies nimmt, finde ich zweitrangig.

Nun aber zu einer wichtigen Frage: ist Unterauslastung dafür die Voraussetzung?

3. Unterauslastung

Eclair hat auf Herdentrieb einige Gründe aufgezählt, warum es zu struktureller Unterauslastung einer Volkswirtschaft kommen kann. Ich finde alle Gründe sind es wert, diskutiert zu werden, auch wenn er (bezeichnenderweise?) einen Grund vergessen hat: die Gewerkschaften haben auch kein Interesse an markträumenden Löhnen, sogar noch weniger als die Unternehmen, da bei letzteren eher ein Koordinationsproblem besteht. Geschenkt.

Generell finde ich die Dichotomie der Auslastung: Ja/Nein zu einfach. Die Auslastung einer Wirtschaft ist ein Prozess, der in Graustufen verläuft: Arbeitszeitkonten, Notreserven an Kapazität, Leiharbeit, Ruheständler, Umorganisationen, und vieles mehr lassen einiges an Spielraum. Insofern habe ich eine gewisse Sympathie für diejenigen, die von einer generellen “Unterauslastung” ausgehen. Allerdings, und das ist wichtig, muss das sticky prices und wages Argument gelten, sonst wird die E/L Argumentation schwierig. Und je näher man der Auslastungsgrenze kommt, desto schwieriger wird diese Annahme zu halten sein.

Und selbst wenn sie zu halten ist, was folgt daraus? Kann man makroökonomisch (durch Geld- oder Fiskalpolitik) diese Unterauslastung schließen? Bei gegebenen Erwartungen vielleicht, etwa durch eine überraschend expansive Geldpolitik. Aber es wird nicht auf Dauer funktionieren, da die Erwartungen der Menschen nicht konstant sind. Damit kommen wir zum nächsten Punkt.

4. Rationale Erwartungen

Eclair kritisierte in einem Kommentar die rationalen Erwartungen, die Unsicherheit aus den Modellen genommen hätten. Nun bin ich nicht sicher, ob Eclair versteht, was rationale Erwartungen in unserem Kontext hier wirklich meinen, aber ich bin mir sicher, dass es viele, die über VWL schreiben und sich beschweren, eben nicht wissen.

Rationale Erwartungen in der Makro sollten eigentlich “konsistente Erwartungen” heißen. Denn es geht im Grunde darum, dass man nicht ein Modell bauen kann, in dem aus X Y folgt, man aber das Modell mit Menschen bevölkert, die glauben, aus X folge Z. Die Akteure innerhalb eines Modells können also von der Politik nicht systematisch und permanent ausgetrickst werden.

Der Keynesianismus erlebte in der Inflation der 70er Jahre sein diesbezügliches Waterloo, und das würde auch blühen, würde man versuchen, die strukturelle Unterauslastung makroökonomisch zu schließen (z.B. durch expansivere Geld- oder Fiskalpolitik): das funktioniert genau ein Mal (wenn überhaupt), danach hat man nur eine höhere Inflation bei wieder hergestellter, struktureller Unterauslastung.

Wie HK habe auch ich den Eindruck, dass Leute, die Makro im Allgemeinen und Keynes im Besonderen missverstehen (wie Robert von Heusinger), grundsätzlich der Meinung sind, dass makroökonomische Politik eine strukturelle Unterauslastung dauerhaft schließen kann. Das aber ist falsch. Kurzfristig mag das funktionieren, langfristig aber nicht. Der Nobelpreis an Lucas für seine Arbeiten zu rationalen Erwartungen wurde nicht von einer verschworenen, radikal-liberalen Ökonomenszene vergeben, sondern von der Einsicht, dass konsistente Erwartungen ein zentraler Bestandteil einer makroökonomischen Theorie sein müssen. Mit Unsicherheit, wie Eclair meint, hat das eher weniger zu tun.

5. Ökonomen-Exegese

Viele, gerade auf keynesianischer Seite, argumentieren gerne damit, was “der Meister” gesagt oder geschrieben hat. Ich finde dies per se nahezu irrelevant, genau wie HK. Keynes war ein sehr guter Ökonom, wie es Fisher, Friedman und andere auch waren. Er war und ist kein Gott, dessen Botschaft wir empfangen und interpretieren sollen. Wer Keynes bis zum Abwinken kennt, aber Friedman, Lucas etc. nur insoweit kennt als man braucht um sie oberflächlich zu kritisieren, kann nie ein guter Ökonom werden. Von den modernen Makroökonomen wie Woodford und Svensson ganz zu schweigen. Umgekehrt gilt dies natürlich genauso.

Bei mir lautet die Maxime: das Argument, und nur das Argument, zählt. Und ob Keynes das alles so unterstützt hätte, nach all den Erfahrungen der letzten 80 Jahre? When the facts change, what do you do, Sir? Schon früher waren es seine Jünger (Richard Kahn, oder auch Joan “die deutsche Hyperinflation kann nicht durch lockere Geldpolitik ausgelöst worden sein, weil die Zinsen hoch waren” Robinson), die viel extremer waren als er selbst. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass Keynes unter dem Eindruck einer der schwersten Wirtschaftskrisen aller Zeiten stand, zudem sich in einer Goldstandardwelt bewegte, in der die langfristige Inflation Null war (ein völlig unterschätzter Aspekt, Stichwort: Fisher-Effekt), und vor der Krise durchaus dem Mainstream angehörte. Schockhafte Erlebnisse können jeden zu Schlussfolgerungen und Theorien leiten, die einem im Nachhinein merkwürdig erscheinen, auch Genies. Also lasst uns die ganze Exegese mal beenden.

6. Moderne Makro

Durch die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre und Keynes Wirken hat sich die Makro verändert. Und seine Lehren und Ideen wurden von einer Vielzahl von Ökonomen verarbeitet und analysiert, die einzeln schlauer sind, als wir vier (E, L, HK und ich) in der Summe. Jemand wie Woodford z.B. verkörpert für mich den modernen Makroökonomen, der zu den Ideen von Keynes und anderen auch seine Betonung einer zukunftsgerichteten Geldpolitik stellt und damit fehlende Teile einfügt. Keynes Theorien und auch den Theorien seiner Nachfolger fehlte eben viel – was nicht wirklich überraschend ist.

Ich selbst bin ein zutiefst sozial eingestellter Mensch, dem das VWL-Studium und Promotion in dieser Hinsicht nicht viel anhaben konnte. Zumindest glaube und hoffe ich das. Und ich entdecke, sofern ich ohne Scheuklappen an die moderne VWL herantrete, vieles, was Sinn macht und sich zudem für eine “Linke Agenda” nutzen ließe. Dafür muss man sich nicht in “alternative Paradigmen” zurückziehen. Wer, noch bevor er gelesen und verstanden hat, die Forscher in Neukeynesianer, Neoklassiker, Postkeynesianer oder was auch immer einteilt, wird beim wirklichen Verständnis der VWL scheitern.

Fazit

Ob mir wirklich ein Kompromiss gelungen ist? Ich bezweifele es. Leute, die schon jahrelang glauben, was sie glauben, sind schwer zu erreichen. Aber ich denke, so weit liegen HK und ich auf der einen, sowie E/L (und engima?) auf der anderen nicht auseinander. Und in der modernen VWL kommt dies alles inhaltlich, wenn auch nicht in der Terminologie von E/L, sehr prominent vor (Eggertson, Krugman, Woodford, Koo, Rajan etc.). Und genau um die moderne VWL soll es in diesem Blog gehen, denn sie ist voller Perlen an Erkenntnis, die in Deutschland im Kampfgetöse zwischen “Keynesianern” und “Neoklassikern” überhört und übersehen werden.

Update: “It seems to me that economics is a branch of logic: a way of thinking…. One can make some quite worthwhile progress merely by using axioms and maxims. But one cannot get very far except by devising new and improved models.” Na, Eclair, wer hat’s gesagt? Der Spaß musste sein…

Was würde Fisher auf die PIGS setzen? Eine Antwort auf Mark Schieritz

Mark Schieritz hat im Herdentrieb einen sehr ausgewogenen Eintrag zu haircuts geschrieben. Er plädiert für eine pragmatische Lösung: den Ländern helfen, hoffen, dass es gut geht, und wenn nicht, die Sparer besteuern und die EZB rekapitalisieren. Damit nennt er zumindest Ross und Reiter, was ihn positiv von vielen anderen abhebt. Trotzdem habe ich damit so meine Probleme.

Abgesehen davon, dass “die Sparer besteuern” jeder Erfahrung der deutschen Politik widerspricht (es wird nicht die reichen Rentner mit Kapitallebensversicherungen treffen, sondern den Sozialstaat), und die Verluste für die EZB beträchtlich werden können (siehe meinen Kommentar zu Mark hier), frage ich mich, wie ein Szenario zu Stande kommt, das Griechenland, Irland und Portugal Schuldentragfähigkeit bescheinigt und dem eine positive Wahrscheinlichkeit zugeordnet wird. Und ich würde meine Skepsis noch um Spanien erweitern.

Meine Skepsis hätte wohl auch Irving Fisher geteilt, der Erfinder der debt-deflation. Leider ist er tot, daher bleibt das nur eine Vermutung, aber Barry Eichengreen hat in Fishers Tradition beschrieben, was diesen Ländern blüht.

Normalerweise müssen Länder mit Überschuldungsproblemen die Geldpolitik einsetzen, um zumindest die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf Kurs zu halten. Das führt neben höherer Inflation auch zur Abwertung der Währung. Und so lange die Verschuldung des Staates, der Banken und der Haushalte in heimischer Währung notiert, reduziert dies auch die Überschuldung. Zudem erleichtert es die Anpassung von Löhnen und Preisen, damit man sich wieder markträumenden Werten annähern kann – das würde auch ohne Außenhandel gelten! Daher stört mich der ständige Fokus auf “internationale” Wettbewerbsfähigkeit. Jeder Lohn muss wettbewerbsfähig in dem Sinne sein, dass es in dem Land, der Region oder wo auch immer ein markträumender Preis ist. Aber das nur nebenbei.

Was geschieht, wenn einem Land die Geldpolitik nicht zur Verfügung steht? Es muss die Effekte von Geldpolitik simulieren: Löhne, Gehälter, Pensionen, Staatsausgaben und Preise kürzen. Allein dies zu schaffen gilt als Gelinde gesagt ambitioniert. Dennoch:

The crisis countries have, in fact, shown remarkable resolve in implementing painful cuts. But one economic variable has not adjusted with the others: public and private debt.

Und genau hier liegt das Problem.

This simple fact creates a fundamental contradiction for the internal devaluation strategy: the more that countries reduce wages and costs, the heavier their inherited debt loads become. And, as debt burdens become heavier, public spending must be cut further and taxes increased to service the government’s debt and that of its wards, like the banks. This, in turn, creates the need for more internal devaluation, further heightening the debt burden, and so on, in a vicious spiral downward into depression.

Das ist debt-deflation in Reinform. Und ohne Geldpolitik ist dem schwer zu entkommen. Es sei denn, man schuldet um:

… [I]nternal devaluation requires debt restructuring. To deny this is both unreasonable and illogical.

Ich teile seine Analyse, und daher ist für mich klar: ohne Umschuldung sind diese Länder nicht zu retten. Das werden diese Länder, und auch die Regierungen der anderen Länder, irgendwann so sehen.

Was die Risiken für den Rest Europas abgeht, vor denen Mark warnt: ich leugne sie nicht. Aber ist es nicht auch so, dass es sehr einflussreiche Gruppen gibt, die diese Angst erzeugen wollen? Nach der Pleite der Lehman Brothers scheint dies einfacher denn je. Dabei ist Umschuldung nicht so dramatisch, wenn ein paar Dinge beachtet werden:

This is not rocket science. It has been done before. But there are three prerequisites for success.

First, bondholders will need to be reassured that their new bonds are secure. Someone has to guarantee that they are adequately collateralized. … [T]he International Monetary Fund and the German government should fill that role.

Second, countries must move together. Otherwise, one country’s restructuring will heighten expectations that others will follow, giving rise to contagion.

Finally, banks that take losses as a result of these restructurings will need to have their balance sheets reinforced. … Where realistic debt-restructuring scenarios indicate capital shortfalls, across-the-board conversion of bank debt into equity will be necessary. And where this does not suffice, banks will need immediate capital injections by their governments.

Pragmatismus in der Politik ist etwas sehr Heilsames, wenn es um ideologisch aufgeladenen, ja: überladene, Themen geht (Homo-Ehe, Abtreibung, Drogenpolitik, Schulpolitik,…). Pragmagtismus kann aber auch ein Euphemismus für politische Mutlosigkeit sein, ganz nach dem Motto des Säulenheiligen der ZEIT (“Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen”), das bei mir seit jeher Kopfschütteln auslöst.

Marks pragmatisches Szenario halte ich für unrealistisch und die Folgen einer Umschuldung für weniger dramatisch. Es bedarf vor allem aber einer politischen Vision für eine zukünftige Eurozone, die ökonomisch fundiert und in Zukunft auch politisch tragfähig ist. Von dieser Art der politische Führung ist in Europa, auch in Deutschland, nicht viel zu sehen.

PS: Eichengreen ist fast noch Optimist, denn Rodrik hält selbst die interne Abwertung (also die Kürzung von Löhnen, Preisen etc.), die nötig wäre, für politisch unmöglich.

HT: The Money Demand

Taylor-Rule und der Boom des Bausektors

Beim Recherchieren der Lehman-Pleite stieß ich auf ein Papier von John Taylor, dem Begründer der Taylor-Rule. Auch wenn es immer unangenehm ist, wenn Leute sich selbst loben, so gab mir doch diese Graphik aus seinem Papier zu denken (auch wegen einer Diskussion, die ich mit Heinrich Kaspar auf Herdentrieb geführt habe):

Die Abweichungen von der Taylor-Regel in Europa resultieren daher, dass jedes Land seine eigene Inflationsrate und seinen eigenen Konjunkturzyklus hat, es aber nur eine Geldpolitik gibt. Eine Korrelation ist noch kein Beweis, aber durchaus ein Indiz, dass lockere Geldpolitik einen Boom auf dem Immobilienmarkt unterstützen kann. Das heißt aber nicht, dass man, wenn die Krise da ist, zu restriktive Geldpolitik machen sollte…

Aber ich habe noch drei Fragen:

1. In Griechenland war der Immobilienboom viel geringer als in Irland. Es hat wohl auch damit zu tun, wie die allgemeine Ausrichtung der Wirtschaftspolitik ist. In Griechenland scheint es eher in ausufernde Staatsverschuldung gemündet zu sein. Meine Frage ist daher: kann man diese “Exzesse” wirtschaftspolitisch bekämpfen? Oder ist die Versuchung geringer Zinsen zu groß, als dass die beiden anfälligsten Sektoren der Wirtschaft (Bau- und Staatssektor) widerstehen können? Wenn Europa in Zukunft Banken und Staaten pleite gehen lässt, ist das Disziplinierung genug?

2. Daran anlehnend: Deutschland hatte durch die eisenharte D-Mark lange Zeit sehr niedrige Zinsen, weil Deutschland als sicherer Hafen galt. Und bei uns kam es doch nicht zu Boomexzessen… Warum nicht? Weil die Inflationserwartungen zu niedrig waren, um im Immobiliensektor sein Heil zu suchen? Das hätte dann auch mit Lohnpolitik zu tun, denn diese trieb damals die Inflation unter anderem mit an.

3. Daran anknüpfend: bis Anfang in den 70er Jahren gab es sehr laxe Geldpolitik, auch in Deutschland (Bretton-Woods). Gab es damals Exzesse in Deutschland?

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