Nobelpreis – eine scheinbar schwierige Wahl für die deutsche Presse

Thomas Sargent und Christopher Sims sind würdige Träger dieses Preises

Thomas Fricke und Co. – wie sollte es anders sein – geißeln die diesjährige Wahl zum Wirtschaftsnobelpreis für Thomas Sargent und Christopher Sims, Olaf Storbeck schlägt in die gleiche Kerbe. Und ich kann es irgendwie auch verstehen: Sargent und Sims Arbeiten sind schwierig, und manche hören nur “Rationale Erwartungen”, “Gleichgewicht” und schließen: “deren Erfindungen sind Schuld an der Krise!” Das ist natürlich Unsinn.

Sargent und Sims werden zunächst mal für Ihre Beiträge zum Fortschritt des Fachs Makroökonomik geehrt und ich finde es gut, dass das Komitee nicht irgendwelchen unausgegorenen Krisenanalysen folgt, sondern sich dem wissenschaftlichen Fortschritt des Fachs verpflichtet fühlt. Doch darüber hinaus gehen die Arbeiten gerade vor dem Hintergrund der Krise in eine wichtige Richtung.

Denn lesen wir doch einmal die Begründung des Komitees, liebe Journalisten, also die wissenschaftliche Erklärung der Arbeiten, für die sie ausgezeichnet werden. Kennt Ihr die Überschrift?

Empirical Macroeconomics

Und was ist die Überschrift des kritischen Handelsblattartikels?

Ritterschlag für die Theoretiker des freien Marktes

Interessant. Die FTD ist keinen Deut besser; lieber nutzt sie den Nobelpreis für ihren Kreuzzug gegen die moderne VWL und den “Mainstream” und zitiert einen (scheinbar schlecht informierten, oder ebenfalls ideologischen) Ökonomen mit den Worten:

“Dass in einer solchen Krisenzeit der Nobelpreis an Theoretiker des Gleichgewichts verliehen wird, kann ich nicht verstehen”

Das bedeutet, dass die anti-VWL Haltung in Teilen der Presse schon dazu führt, dass die Journalisten noch nicht mal die Überschrift, geschweige denn die ersten 10 Zeilen der Begründung lesen!

Sonst wären sie nämlich auf Folgendes gestoßen:

One of the main tasks for macroeconomists is to explain how macroeconomic aggregates – such as GDP, investment, unemployment, and inflation – behave over time. … A primary aspect in this analysis is the role of the central bank and its ability to influence the economy. How effective can monetary policy be in stabilizing unwanted fluctuations in macroeconomic aggregates? How effective has it been historically? Similar questions can be raised about …fiscal policy. Thomas J. Sargent and Christopher A. Sims have developed empirical methods that can answer these kinds of questions. This year’s prize recognizes these methods and their successful application to the interplay between monetary and …fiscal policy and economic activity.

Und es stehen noch andere interessante Dinge darin:

In any empirical economic analysis based on observational data, it is difficult to disentangle cause and effect. This becomes especially cumbersome in macroeconomic policy analysis due to an important stumbling block: the key role of expectations. … Prior to the 1970s, expectations played, at best, a rudimentary role in the analysis of macroeconomic outcomes.

Das spektakuläre Scheitern des (vielleicht falsch verstandenen) Keynesianismus in den 70er Jahren zeigte, wie wichtig Erwartungen sind. Sargent baute darauf auf und versuchte, mit Erwartungen ausgestattete Modelle zu schätzen und zu verstehen, wie Erwartungen entstehen und wie sie die Wirkung von Fiskal- und Geldpolitik beeinflussen. Ein Beispiel ist Sargents Arbeit zu eben genau den 70er Jahren mit ihrer hohen Inflation. Er zeigt darin, warum eine Zentralbank, die eine falsche Konzeption von den Erwartungen der Menschen hat, höhere Inflation erzeugt, diese aber reduziert, wenn sie lernt, wie sich die Erwartungen der Menschen bilden.

Auch Sargents Proposition zur Wirkungslosigkeit von staatlichen Interventionen in die Makroökonomie sollte man als wissenschaftliche Herausforderung begreifen, die Schwächen anderer Modelle offen legt und ein Hindernis setzt, dass neue Modelle erst einmal umschiffen müssen. So funktioniert Wissenschaft eben. Keiner würde diese Proposition für bare Münze nehmen.

Aber sind die beiden nicht die Gralshüter der rationalen Erwartungen? Nope.

Sargent and Sims are actively pursuing new research aimed at further understanding expectations formation and its role in the economy. Sargent’s focus here is on exploring a class of mechanisms for expectations formation based on robust control, which captures the idea that the decisionmaker has an imperfect understanding of how the economy works. Similarly, Sims’s most recent work explores a parallel, new theory for expectations formation based on rational inattention, which captures agents’ limited capacity to process information.

Und nochmal:

Sargent’s name … became connected with rational expectations and new-classical invariance results. Sargent himself, however, has long moved past rational expectations models towards models that incorporate learning. What will people do when they don’t know the true model of the economy? How will they update their model of the economy based on observations? In these learning models the goal is to look for a self-confirming equilibrium. The interesting thing about a self-confirming equilibrium is that people’s expectations and learning can converge on a false model of the economy! Sargent has thus evolved in a very different direction than one might have imagined in 1976.

In der internationalen Presse scheint man das auch zu wissen:

However, Mr Sargent’s association with the rational expectations revolution and its extension to the efficient markets hypothesis, much demonised during the crisis, should not be misunderstood. Much of his work has focused on agents learning within models and less-than-fully-rational expectations. Much of the criticism of rational expectations is integrated into this work.

Wie würde Brad DeLong sagen (der übrigens, aus dem linken ökonomischen Spektrum kommend, die Wahl mehr als nur gutheißt, genau wie Krugman)? Why oh why can’t we have a better press corps…


PS: Es gibt durchaus interessante Kritik an Sargent und Sims, gerade an VARs und der Identifikation in letzteren. Der mikroökonometrisch geprägte Teil meines Gehirns ist sehr skeptisch, ob es gelingt, makroökonomische Schocks wirklich korrekt zu identifizieren. Aber Sims VARs waren ein großer Fortschritt, stellten sie doch eben jene Identifikation zumindest ins Zentrum des Interesses (aus der Nobelbegründung):

A number of alternative VAR identi…cation strategies have subsequently been proposed by Sims as well as by other researchers. Thus, by placing identi…fication at the center of attention in macroeconomics, Sims’s work made it a focal point of scienti…c discussion.

Ich glaube, bis das Problem der Identifikation gelöst ist, verlasse ich mich lieber auf historische Fallstudien über die Effekte von wirklich exogenen makroökonomischen Schocks. Aber irgendwann hätte auch ich gerne eine solidere empirische Basis, und dafür sind die Arbeiten von Sargent und Sims ein Meilenstein.

PPS: Einige halten das Papier “Some Unpleasant Monetarist Arithmetic“ für das wichtigste von Sargent. Gerade in der aktuellen Debatte um die Inflationsgefahr in den USA ein wichtiges Papier, an dem auch ich zu knabbern habe. Kurz gesagt geht es darum, dass die Zentralbank nur dann glaubwürdig die Inflation kontrollieren kann, wenn sie mit verantwortungsvoller Fiskalpolitik kombiniert wird. Sonst nicht.

PPPS: Olaf bezeichnet es als Blamage für die Ökonomen, dass Yunus mit seinen Mikrokrediten den Friedens- und nicht den Ökonomienobelpreis bekommen hat. Begründung: Yunus ist der Erfinder eines “sehr effektiven Werkzeugs im Kampf gegen Armut”. Meine Antwort: 1. oh really?, und 2. der Nobelpreis ist für eine Wissenschaft, und Yunus Beitrag dazu ist mager. Zumindest gab es die Theorien, die die Basis für Mikrokredite bilden, schon vorher (asymmetrische Info etc.) und wurden bereits mit einem Nobelpreis gewürdigt.

Update zum Blogguide

Viele positive Reaktionen gab es auf meinen kleinen Blogguide, Danke dafür. Es freut mich, dass Ihr ihn sinnvoll findet, um Euch im Netz etwas umzuschauen – und ihn an Bachelorstudenten zu richten war selbstverständlich nur eine Idee, er gilt für alle, die sich für VWL interessieren.

Drei Blogs, die ich vergessen habe:

  • Econbrowser von Hamilton und Chinn, interessant unter anderem wegen Beiträgen zum Zusammenhang zwischen Ölmarkt und Geldpolitik, wegen guter Gastbeiträge und interessanter Blicke auf die Makro.
  • Economix von der New York Times, eher US-fokussiert, und hat zudem mit David Leonhard ihren Pulitzerpresiträger verloren (wenn ich das richtig verstanden habe), aber dafür mit vielen interessanten Gastbeiträgen.
  • Greg Mankiw, der aus eher konservativer Perspektive die VWL kommentiert, mit einem besonderen Fokus auf Bachelorstudenten, die sein Buch lesen. Schreibt wenig selbst, hat dafür immer wieder schöne Links.

Und auch wenn es kein Blog ist, hätte ich die Ökonomie-Sparte des Handelsblatts empfehlen sollen. Dort machen Olaf Storbeck (der bekanntermaßen einen eigenen Blog auf Englisch betreibt) und Kollegen einen sehr guten Job die neuesten Trends in der VWL-Forschung (und BWL-Forschung, aber wen interessiert das?) einem breiten Publikum näher zu bringen. Aber ich dachte ohnehin, dass jeder VWL-Student in Deutschland diese Sektion liest…

Handelsblattranking in VWL? Ach so…

Das Handelsblattranking für VWL ist raus, und so richtig mitbekommen hat es keiner, so ist zumindest mein Eindruck. Ist das ein schlechtes Zeichen für das Ranking? Im Gegenteil. Ich denke es zeigt, wie akzeptiert das Ranking in Deutschland mittlerweile zu sein scheint – und diesmal ist es auch nur ein Update.

Kritik am Ranking gibt es viel, und Olaf Storbeck hat diese in seinem Beitrag zum Thema in Teilen sofort aufgenommen.

My 2 Cents: Ich finde es richtig, dass das Handelsblatt ein für den deutschen VWL-Standort akzeptables Ranking macht, denn dafür ist es schließlich gemacht – auch wenn es den internationalen Standards nicht immer gerecht wird, wie Olaf korrekterweise beschreibt. Dafür kann man das Ranking anpassen, was ich gut finde (z.B. auf A und A+ klicken, um ein anderes Bild zu bekommen).

Ein Ranking basierend auf Journalpublikationen ist verzerrend, natürlich, aber das ist jede halbwegs objektive Evaluation von Forschung. Und dass es eine Evaluation geben muss, finde ich ist so lange richtig, so lange der Steuerzahler dafür aufkommt. Eine bessere Alternative kenne ich nicht.

In der Journalliste zum Ranking finden sich einige Merkwürdigkeiten, die ich schon einmal angeschnitten habe.

  • Dass Science und Nature so weit oben stehen, würden wohl die wenigsten Ökonomen international teilen (außer vielleicht deutsche Verhaltensökonomen, die darin publizieren). Eine Einstufung in die A Kategorie hätte es auch getan.
  • Wie politikwissenschaftliche Journals ausgewählt werden, ist mir ein komplettes Rätsel. Das American Journal of Political Science schafft es überhaupt nicht in die Liste, dafür aber das Political Science Quarterly und das Swiss Political Science Review? Klär mich auf, Olaf!
  • Dass das European Economic Review auf einer Stufe mit dem Journal of the European Economic Association steht, verwundert mich ebenfalls, ist doch das JEEA der Nachfolger des alten EER und das neue EER kein sonderlich gutes Journal mehr, so weit ich es mitbekommen habe. Aber hier liegt eine Methodik zu Grunde, und wenn die sagt, es soll so sein…

Der letzte Punkt bringt mich zu einem weiteren Problem: ein Journalranking immer rückwärts gewandt, denn es wird der Einfluss eines Journals auf das Fach in der Vergangenheit bewertet. Dadurch haben es neue Journals wie das Quarterly Journal of Political Science oder die American Economic Journals schwer, in einem solchen Ranking einen Platz einzunehmen, der ihrem (von der Zunft vermuteten) zukünftigen Gewicht entspricht. Aber wie sollte man das auch objektiv bewerten?!

Ich würde das Ranking als einen politisch sinnvollen Beitrag zur Entwicklung der VWL in Deutschland erachten, den die Universitäten bei ihren Einstellungsentscheidungen hoffentlich nicht verwenden, denn dafür ist er zu ungenau und setzt falsche Anreize für junge Forscher. Für Studenten der VWL ist es aber sicher ein wichtiger Indikator, an welchen deutschsprachigen Unis VWL nach internationalen Standards gemacht wird. Dass man durch ein Ranking solchen journalistischen Unsinn wie “Starökonom” u.ä. befördert, ist sicher nicht hilfreich, aber wohl ein Kollateralschaden eines solchen Rankings.

Im Endeffekt meine ich überwiegt der positive Effekt des Rankings auf die Konkurrenz in Deutschlands VWL. Was meint Ihr?

Eichengreen im Handelsblatt

Großes Kompliment an das Handelsblatt und – ich nehme an – an Olaf Storbeck, denn sie haben einen Gastbeitrag von Barry Eichengreen (scheint nicht mehr online zu sein) über das Versagen Europas veröffentlicht. Absolute Pflichtlektüre!

Die Kernpunkte:

  • Irland ist pleite!
  • das jetzt beschlossene Spar- und Hilfspaket ein Ausdruck von Tagträumerei oder Verantwortungslosigkeit.
  • die politischen Implikationen, wenn ein Staat mehr als 10% seines BIP jährlich in Zinsen zahlen muss, er nennt es etwas polemisch: Reparationszahlungen, sollte gerade Deutschland (1. Weltkrieg) klar sein.
  • mit Abwertung wäre es nicht getan. Denn die Schulden wären immer noch in Euro notiert, und würden mit Abwertung (real = sinkende Löhne und Preise, nominal = Austritt aus dem Euro) immer größer.
  • die Schulden Irlands müssen sinken! Das bedeutet, Anleihenbesitzern von irischen Banken das geben, was sie auf Grund ihres unternehmerischen Risikos bekommen sollten: nichts.

Am Ende schreibt er, die deutschen und andere sollten ihre Banken retten, auch wenn das politisch weniger leicht zu verkaufen wäre, als Iren und Griechen zu retten. Ich sehe das nicht so: auch Banken können restrukturiert werden, sollten sie pleite gehen. Die Pleite der Lehman Brothers, die vielen den Kopf vernebelt, ist ein schlechtes Argument.

VWL-Bashing, 2. Teil

Nun geht es weiter mit Olaf Storbecks Essay über den Zustand der VWL, der erste Eintrag dazu war hier.

Storbeck beschreibt, von der einen oder anderen Polemik abgesehen, korrekt die Entwicklung der VWL seit den 60er Jahren — auch wenn er unerwähnt lässt, dass die neukeynesianischen Modelle durchaus versucht haben, eine Symbiose aus der berechtigten Kritik von Friedman und Lucas und alten Ideen der Makro zu finden. Geschenkt. Dann aber versteigt er sich zu dieser Aussage:

Führende Vertreter der etablierten Makroökonomie waren von ihren Ergebnissen so überzeugt, dass sie selbst im Winter 2008, als die Weltwirtschaft am Abgrund einer zweiten Großen Depression stand, von Konjunkturprogrammen abrieten. Wäre die Wirtschaftspolitik diesen Empfehlungen gefolgt, hätte dies beispiellose Not und Elend über die Industrieländer gebracht.

Was geschehen wäre, hätte die Welt auf die Meinung bestimmter Volkswirte gehört, weiß Gott allein. Und die lebhafte Diskussion innerhalb der VWL zeigt, dass die Vermutungen weit auseinander gehen. Warum Storbeck meint, er wüsste mehr, erschließt sich mir nicht. Aber eins ist auch klar: wie im Teil I beschrieben, gab es in der modernen Makro von Svensson, Woodford, Eggertson, Bernanke etc. einige Rezepte jenseits von K0njunkturprogrammen, die man hätte versuchen können. Mit vermutlich besserem Ergebnis. Stichwort: Levelziele, targeting the forecast etc. Die VWL gleicht aus, nun steht es schon 2:2.

Dann wird es komisch:

In mancher Hinsicht war die vermeintlich moderne Makroökonomie in den vergangenen 20 bis 30 Jahren methodisch auf das Niveau der 20er-Jahre zurückgefallen.

Methodisch auf das Niveau der 20er Jahre zurück gefallen?! Also wenn man einen Vorwurf der modernen Makro nicht machen kann, dann dass sie sich methodisch nicht weiter entwickelt hätte. Für einige Volkswirte wird anders herum ein Schuh daraus: dass wir vor Keynes in der Makro weiter waren, als wir es heute sind und durch den Keynesianismus eher von den wirklichen Problemen abgelenkt wurden und daher die Arbeiten von Svensson, Woodford etc. nicht in der Politik ankamen! Ich sage nicht, dass das so ist, aber Storbecks Vorwurf ist erstaunlich. Und falsch. 2:3 für die VWL.

Kurz vor dem Ende entwirft er die Zukunft der VWL, was einigermaßen ambitioniert ist. Allerdings umreißt er ganz gut die Herausforderungen, die die Krise mit sich gebracht hat (die Integration des Finanzmarktes in Makromodelle zum Beispiel), und die möglichen Symbiosen mit Randbereichen der VWL, wie der Verhaltensökonomik. Nur findet die Wandlung längst statt, Mainstreamökonomen (ich hasse dieses Wort) wie Oliver Hart und John Moore bauen Neue Erwartungstheorie (Prospect Theory) in Vertragsmodelle ein und vieles mehr. Ich gebe keinem einen Punkt, weil die VWL vermutlich etwas verspätet diese Herausforderungen angenommen hat, weiter 2:3.

So sehr ich bisher mit Storbecks Essay ins Gericht gegangen bin, so überraschend fand ich den Schluss. Hier kommt die wissenschaftliche Monokultur zur Sprache, die sich in der VWL etabliert habe:

In der Ökonomie gibt es einen fatalen Hang zur wissenschaftlichen Monokultur. Das war schon so, bevor die bislang tonangebende Forscherfraktion die Macht übernommen hat. So, wie seit den späten 70er-Jahren die marktgläubigen Volkswirte die Diskussionen dominieren, gaben in den 30 Jahren zuvor die Jünger von Keynes den Ton in der Profession an – mit inhaltlich anderen Vorzeichen, aber ähnlich negativen Folgen.

Hierin steckt die wohl schwerwiegendste Kritik, und mit der hat er in Teilen Recht. Es war bis vor kurzem noch schwierig, mit verhaltensökonomisch motivierten Modellen, oder mit europäischen Daten in die Topjournale zu kommen — und diese bestimmen einen nicht zu unterschätzenden Teil dessen, was die Wissenschaft bewegt. Trotzdem scheint auch hier ein Umdenken stattzufinden, hin zu mehr Pluralismus und mehr Offenheit.

Auf der anderen Seite ist das, was er “Monokultur” nennt, zum Teil ein Phänomen wissenschaftlichen Fortschritts. Thomas Kuhn hat die dazu passende Wissenschaftstheorie verfasst: während der Normalwissenschaft bewegen sich die Forscher innerhalb eines Paradigmas, was den Themenkreis zwar einschränkt, aber eine große Tiefe in der Forschung erlaubt. Diese Tiefe sei ohne Paradigma unmöglich. Erst, wenn diese Normalwissenschaft zu viele Probleme des bestehenden Paradigmas aufgedeckt hat, oder besondere Ereignisse (z.B. eine Krise, Stagflation etc.) das Paradigma zum Wanken bringen, komme die revolutionäre Phase, in der ein neues Paradigma entstehen kann.

Die Makro des 20. Jahrhunderts liefert ein Beispiel hierfür (nachzulesen in Woodfords Geschichte der Makro des 20. Jahrhunderts). Allerdings war das 20. Jahrhundert auch gesellschaftlich eine Zeit voll von Utopien und Ideologien, von Gut und Böse, von Revolutionen und Gegenrevolutionen. Ob also Thomas Kuhns Theorie heute noch Bestand hat? Gerade die internationale Vernetzung und Größe der wissenschaftlichen Gemeinschaft lässt auch eine große Tiefe ohne Paradigma zu — oder besser: mehrere Paradigmen. Und die Tendenz geht dorthin, denke ich.

Zu wünschen wäre der VWL vor allem, den ideologischen Kampf hinter sich zu lassen, der zwar innerhalb der Wissenschaft weniger stattfindet, dafür umso mehr in der öffentlichen Debatte. Befördert wird er aber gerade von polemischen Essays, die die VWL frontal und pauschal angreifen und mangels fundierten Wissens Vorurteile bedienen. Storbeck befördert also just den Prozess den er kritisiert. Trotzdem gebe ich einen Punkt an die VWL-Basher.

Am Ende steht es 3:3, und beide Seiten sollten ihre Positionen überdenken. Ich selbst stelle fest, dass es nicht einfach ist, sich mit Kritik an der VWL insgesamt auseinander zu setzen. Umso wichtiger, es mal zu versuchen.

VWL-Bashing, 1. Teil

Es gibt so viele Aufsätze, Essays und Interviews zur angeblichen Weltfremdheit, Ideenlosigkeit, zum Versagen und zum jämmerlichen Zustand der VWL, dass man nicht alle diskutieren kann. Ich habe mir den Essay von Olaf Storbeck im Handelsblatt ausgesucht, als ein typisches Beispiel. Es ist naheliegend, ein solches VWL-Bashing als das übliche Journalistengewäsch abzutun, als das Gerede von Leuten, die keine Ahnung haben, das AER nicht lesen können, aber meinen, Ökonomen belehren zu müssen, wie man VWL richtig macht.

Aber solche Ansichten sind weit verbreitet, vielleicht sogar aus nachvollziehbaren Gründen: die Menschen vertrauen das Funktionieren der Wirtschaft einer Profession wie der VWL an und erwarten, dass es nicht zu Krisen wie der momentanen kommt. Und wenn doch, finden Leute schnell Gehör, die der VWL ihre Fehler aufzeigen. Wenn Handwerker einem das Badezimmer versaut haben, lässt man sich auch von scheinbar plausiblen Erklärungen von Freunden oder “Experten” überzeugen, die den Handwerkern Versagen vorwerfen. Also werden VWLer sich der Kritik stellen müssen, auch wenn sie, wie der Beitrag aus dem Handelsblatt, als ökonomische Laubsägearbeit daherkommt. Also, los geht’s.

Zu Beginn zitiert Storbeck einen Professor in Bonn, der sagt:

“Wissen Sie, die ersten vier Semester im VWL-Studium brauchen wir fürs Brain-Washing der Studenten.” Der Mann sagte wirklich “Brain-Washing”, und er meinte es nicht etwa ironisch. Eher stolz.

Der Kommentar dieses Professors ist so dämlich, dass die VWL sich nicht wundern muss, wenn sie schlecht dasteht. Wer meint, er verpasst Studenten eine Gehirnwäsche wenn er ihnen die Einführung in die VWL gibt, sollte seine Berufsauffassung überdenken. Aber selten kommt eine solche Einstellung vermutlich nicht vor. Hier steht es wohl oder übel 1:0 für die VWL-Basher.

Die Mainstream-Makroökonomen leben in einer Scheinwelt, die mit der Wirklichkeit nur zufällige Parallelen besitzt.

“Zufällige Parallelen” ist natürlich reine Polemik, die die Intention des VWL-Bashings offen zeigt. Aber auch sonst gibt dieser Satz wieder, was oft zu hören ist: die Annahmen der VWL seien so unrealistisch, dass es ja klar ist, dass nichts Vernünftiges dabei heraus kommen kann. Als wären Leute “rational”! Später geht er wieder auf die Annahmen ein, schmeißt aber Dinge in einen Topf, die nicht unbedingt zusammenhängen: was Fairness in Makromodellen ändern sollte, und warum “intuitiv klar” ist, dass Märkte nicht effizient sind (wer weiß das schon?), und vieles mehr lässt er im Vagen, in Behauptungen. Auch verschweigt er, dass die von ihm hoch gelobte Verhaltensökonomik bisher den Beweis schuldig geblieben ist, dass die Anomalien, die sie findet, weiter reichende ökonomische Konsequenzen haben, gerade in Makro.

Es gibt viele verschiedene Ansichten, wie VWL methodologisch betrieben werden sollte, und ob die Realitätsnähe von Annahmen wichtig ist oder nicht. Friedman schreibt in seinem Essay zu Positive Economics, dass man ein Modell nicht anhand seiner Annahmen bewerten kann, sondern nur anhand seiner Prognosefähigkeit. Auch wenn diese Sichtweise umstritten ist: dass die Erklärungsfähigkeit im Zweifel wichtiger ist als die Annahmen, ist denke ich nicht ganz falsch. Daher stellt sich bei der Bewertung eines Modells die Frage: ist eine bestimmte Annahme entscheidend für den Erklärungsgehalt des Modells? Ist der Teil der Annahme, der unrealistisch ist, entscheidend? Für die Antwort auf diese Frage muss man die Modelle sehr genau kennen, sie immer wieder mit Daten herausfordern. Und wissen die Leute wirklich, was hinter der Effizienzmarkthypothese (efficient market hypothesis (EMH)), oder rationalen (besser: konsistenten) Erwartungen steckt? Weiß es Olaf Storbeck? Alles in allem überzeugt mich die Kritik nicht: 1:1.

Weiter beschreibt er:

Die Methoden und Modelle, die in der Forschung üblich waren, haben den Blick auf viele Probleme, die zur zweiten Weltwirtschaftskrise geführt haben, verstellt. In ihnen gibt es keine Banken, keine Kredite, keinen irrationalen Überschwang – und ergo auch keine Bankenkrisen, keine Kreditklemmen, keine Spekulationsblasen.

Da ist sicherlich etwas wahres dran, obwohl Makroökonomen an den Spitzenunis der USA an diesen Dingen arbeiten. Dass dort eine Lücke bestand, ist wohl unbestritten. 2:1.

Als nächstes wirft er der VWL vor, “obskure Themen” erforscht zu haben,

… die Frage aber, wie Rezessionen entstehen und wie sie sich verhindern lassen…

habe man ignoriert. Die Große Moderation, wie die Phase genannt wird, in der die hohe Inflation der 70er Jahre beendet wurde und Jahrzehnte von makroökonomischer Stabilität einsetzten, hat in der Tat die Überzeugung wachsen lassen, die größten Probleme hätte man gelöst. Selbst für Japans Verlorene Dekade wurden von Ökonomen wie Fed-Chef Ben Bernanke (HT Scott Sumner) Lösungen aufgezeigt, die allerdings nicht zur Anwendung kamen. Mit einer Finanzkatastrophe wie 2008 hatte niemand mehr gerechnet. Das Problem war aber nicht, dass keiner wusste, wie man mit solchen Krisen umgeht, sondern dass die Lehren aus Großer Depression und Japans Verlorener Dekade ignoriert wurden, vor lauter Panik und alten Grabenkämpfen. Warum, ist mir nicht klar. Aber hier trifft das VWL-Bashing knapp daneben, denn es waren die besten Makroökonomen der Welt, welche die Lösungen kannten (Bernanke, Woodford, Svensson u.a.), weil sie sich in ihrer Forschung damit ausführlich auseinander gesetzt hatten. Zum Beispiel Svenssons “idiotensichere Wege aus der Liquiditätsfalle”. Trotzdem, keinen Punkt für beide. 2:1.

Bevor der Eintrag zu lang wird, machen wir Pause. Halbzeitstand: 2:1 für die VWL-Basher.

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