Nobelpreis – eine scheinbar schwierige Wahl für die deutsche Presse

Thomas Sargent und Christopher Sims sind würdige Träger dieses Preises

Thomas Fricke und Co. – wie sollte es anders sein – geißeln die diesjährige Wahl zum Wirtschaftsnobelpreis für Thomas Sargent und Christopher Sims, Olaf Storbeck schlägt in die gleiche Kerbe. Und ich kann es irgendwie auch verstehen: Sargent und Sims Arbeiten sind schwierig, und manche hören nur “Rationale Erwartungen”, “Gleichgewicht” und schließen: “deren Erfindungen sind Schuld an der Krise!” Das ist natürlich Unsinn.

Sargent und Sims werden zunächst mal für Ihre Beiträge zum Fortschritt des Fachs Makroökonomik geehrt und ich finde es gut, dass das Komitee nicht irgendwelchen unausgegorenen Krisenanalysen folgt, sondern sich dem wissenschaftlichen Fortschritt des Fachs verpflichtet fühlt. Doch darüber hinaus gehen die Arbeiten gerade vor dem Hintergrund der Krise in eine wichtige Richtung.

Denn lesen wir doch einmal die Begründung des Komitees, liebe Journalisten, also die wissenschaftliche Erklärung der Arbeiten, für die sie ausgezeichnet werden. Kennt Ihr die Überschrift?

Empirical Macroeconomics

Und was ist die Überschrift des kritischen Handelsblattartikels?

Ritterschlag für die Theoretiker des freien Marktes

Interessant. Die FTD ist keinen Deut besser; lieber nutzt sie den Nobelpreis für ihren Kreuzzug gegen die moderne VWL und den “Mainstream” und zitiert einen (scheinbar schlecht informierten, oder ebenfalls ideologischen) Ökonomen mit den Worten:

“Dass in einer solchen Krisenzeit der Nobelpreis an Theoretiker des Gleichgewichts verliehen wird, kann ich nicht verstehen”

Das bedeutet, dass die anti-VWL Haltung in Teilen der Presse schon dazu führt, dass die Journalisten noch nicht mal die Überschrift, geschweige denn die ersten 10 Zeilen der Begründung lesen!

Sonst wären sie nämlich auf Folgendes gestoßen:

One of the main tasks for macroeconomists is to explain how macroeconomic aggregates – such as GDP, investment, unemployment, and inflation – behave over time. … A primary aspect in this analysis is the role of the central bank and its ability to influence the economy. How effective can monetary policy be in stabilizing unwanted fluctuations in macroeconomic aggregates? How effective has it been historically? Similar questions can be raised about …fiscal policy. Thomas J. Sargent and Christopher A. Sims have developed empirical methods that can answer these kinds of questions. This year’s prize recognizes these methods and their successful application to the interplay between monetary and …fiscal policy and economic activity.

Und es stehen noch andere interessante Dinge darin:

In any empirical economic analysis based on observational data, it is difficult to disentangle cause and effect. This becomes especially cumbersome in macroeconomic policy analysis due to an important stumbling block: the key role of expectations. … Prior to the 1970s, expectations played, at best, a rudimentary role in the analysis of macroeconomic outcomes.

Das spektakuläre Scheitern des (vielleicht falsch verstandenen) Keynesianismus in den 70er Jahren zeigte, wie wichtig Erwartungen sind. Sargent baute darauf auf und versuchte, mit Erwartungen ausgestattete Modelle zu schätzen und zu verstehen, wie Erwartungen entstehen und wie sie die Wirkung von Fiskal- und Geldpolitik beeinflussen. Ein Beispiel ist Sargents Arbeit zu eben genau den 70er Jahren mit ihrer hohen Inflation. Er zeigt darin, warum eine Zentralbank, die eine falsche Konzeption von den Erwartungen der Menschen hat, höhere Inflation erzeugt, diese aber reduziert, wenn sie lernt, wie sich die Erwartungen der Menschen bilden.

Auch Sargents Proposition zur Wirkungslosigkeit von staatlichen Interventionen in die Makroökonomie sollte man als wissenschaftliche Herausforderung begreifen, die Schwächen anderer Modelle offen legt und ein Hindernis setzt, dass neue Modelle erst einmal umschiffen müssen. So funktioniert Wissenschaft eben. Keiner würde diese Proposition für bare Münze nehmen.

Aber sind die beiden nicht die Gralshüter der rationalen Erwartungen? Nope.

Sargent and Sims are actively pursuing new research aimed at further understanding expectations formation and its role in the economy. Sargent’s focus here is on exploring a class of mechanisms for expectations formation based on robust control, which captures the idea that the decisionmaker has an imperfect understanding of how the economy works. Similarly, Sims’s most recent work explores a parallel, new theory for expectations formation based on rational inattention, which captures agents’ limited capacity to process information.

Und nochmal:

Sargent’s name … became connected with rational expectations and new-classical invariance results. Sargent himself, however, has long moved past rational expectations models towards models that incorporate learning. What will people do when they don’t know the true model of the economy? How will they update their model of the economy based on observations? In these learning models the goal is to look for a self-confirming equilibrium. The interesting thing about a self-confirming equilibrium is that people’s expectations and learning can converge on a false model of the economy! Sargent has thus evolved in a very different direction than one might have imagined in 1976.

In der internationalen Presse scheint man das auch zu wissen:

However, Mr Sargent’s association with the rational expectations revolution and its extension to the efficient markets hypothesis, much demonised during the crisis, should not be misunderstood. Much of his work has focused on agents learning within models and less-than-fully-rational expectations. Much of the criticism of rational expectations is integrated into this work.

Wie würde Brad DeLong sagen (der übrigens, aus dem linken ökonomischen Spektrum kommend, die Wahl mehr als nur gutheißt, genau wie Krugman)? Why oh why can’t we have a better press corps…


PS: Es gibt durchaus interessante Kritik an Sargent und Sims, gerade an VARs und der Identifikation in letzteren. Der mikroökonometrisch geprägte Teil meines Gehirns ist sehr skeptisch, ob es gelingt, makroökonomische Schocks wirklich korrekt zu identifizieren. Aber Sims VARs waren ein großer Fortschritt, stellten sie doch eben jene Identifikation zumindest ins Zentrum des Interesses (aus der Nobelbegründung):

A number of alternative VAR identi…cation strategies have subsequently been proposed by Sims as well as by other researchers. Thus, by placing identi…fication at the center of attention in macroeconomics, Sims’s work made it a focal point of scienti…c discussion.

Ich glaube, bis das Problem der Identifikation gelöst ist, verlasse ich mich lieber auf historische Fallstudien über die Effekte von wirklich exogenen makroökonomischen Schocks. Aber irgendwann hätte auch ich gerne eine solidere empirische Basis, und dafür sind die Arbeiten von Sargent und Sims ein Meilenstein.

PPS: Einige halten das Papier “Some Unpleasant Monetarist Arithmetic“ für das wichtigste von Sargent. Gerade in der aktuellen Debatte um die Inflationsgefahr in den USA ein wichtiges Papier, an dem auch ich zu knabbern habe. Kurz gesagt geht es darum, dass die Zentralbank nur dann glaubwürdig die Inflation kontrollieren kann, wenn sie mit verantwortungsvoller Fiskalpolitik kombiniert wird. Sonst nicht.

PPPS: Olaf bezeichnet es als Blamage für die Ökonomen, dass Yunus mit seinen Mikrokrediten den Friedens- und nicht den Ökonomienobelpreis bekommen hat. Begründung: Yunus ist der Erfinder eines “sehr effektiven Werkzeugs im Kampf gegen Armut”. Meine Antwort: 1. oh really?, und 2. der Nobelpreis ist für eine Wissenschaft, und Yunus Beitrag dazu ist mager. Zumindest gab es die Theorien, die die Basis für Mikrokredite bilden, schon vorher (asymmetrische Info etc.) und wurden bereits mit einem Nobelpreis gewürdigt.

Wer macht sich in Deutschland um Makro verdient?

Johannes Becker, Ökonom und Blogger an der Universität Münster, ist (ähnlich wie ich) verärgert über die Polemik des Herdentrieb und der FTD. Sein Beitrag ist sehr lesenswert, nur an einer Stelle musste ich doch stutzen:

Der Herdentrieb hat sich um die Erweiterung der wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland auf makroökonomische Themen verdient gemacht.

Hier habe ich meine Zweifel. Auf der einen Seite stimmt es, dass der Herdentrieb makroökonomische Themen forciert hat. Hat dies aber die “wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland” voran gebracht? Oder war es nicht vielmehr so, dass sich dort Gleichgesinnte (Autoren und Leser) zusammen gefunden haben, und sich gegenseitig in ihren Ansichten bestärkt haben – eine Gefahr, die bei allen Blogs besteht? Eine Stimme wie die von Henry Kaspar war dort immer ziemlich einsam.

Zudem sind die Ansichten, die auf Herdentrieb vertreten werden und wurden, nicht immer das, was ich als intelligente, moderne Nachfrageorientierung à la Krugman, DeLong oder Thoma bezeichnen würde, von Scott Sumner ganz zu schweigen. Mit anderen Worten könnte die Nachfrageorientierung (und Polemik) des Herdentrieb die andere Seite noch eher in ihrer Ablehnung bekräftigen. Das Resultat wäre mehr Polarisierung und die Ablehnung von Nachfrageorientierung ganz allgemein. Ein Bärendienst.

Für die deutsche Debatte am wohltuendsten wäre tatsächlich ein Scott Sumner, denn er ist laut eigener Aussage ein rechts-lastiger, libertärer, in Chicago bei Lucas ausgebildeter Ökonom mit ausgeprägter, aus 20 Jahre Studium der Großen Depression gezogener Nachfrageorientierung. Ein nachfrageorientierter Hans-Werner Sinn, wenn man so will. Aber den sehe ich weit und breit nicht. Oder aber einen Journalisten wie Ryan Avent beim Economist, dem Herzblatt aller liberalen Ökonomen, der ebenfalls eine moderne, angemessene Nachfrageorientierung vertritt. Auch den sehe ich weit und breit nicht.

So bleibt es wohl in Deutschland beim antiquierten, ja fast bornierten Kampf Neoklassiker gegen Keynesianer, zwischen dessen Fronten die moderne VWL mit ihren Einsichten zerrieben wird. Traurig.

HT: Johannes Becker, dessen lesenswerten Blog ich schon viel früher mal hätte zitieren sollen.

PS: Markus Brunnermeier, deutscher Ökonom in Princeton, schreibt ebenfalls, dass eine entscheidende Lücke des deutschen Aufrufs die Ausblendung der Banken ist (via FTD):

„Das große Problem in Europa ist, dass bei einer Umstrukturierung eines Landes Banken in anderen Euro-Staaten in Schwierigkeiten geraten können“, sagte Princeton-Ökonom Brunnermeier. Europäische Banken müssten zuerst so weit stabilisiert werden, dass bei einem Zahlungsausfall keine systemischen Risiken entstünden. Der Bankensektor werde in der Stellungnahme der Plenums-Ökonomen kaum berücksichtigt, kritisierte Brunnermeier. „Banken zu helfen, ist politisch aber noch schwerer durchsetzbar als Staaten zu helfen. Bei den Banken liegt aber das Grundproblem“, so Brunnermeier.

Die Polemiker sind los. Leider.

Nach meinem eigenen, kritischen Eintrag zum Aufruf der 189 Ökonomen, sehe ich nun, dass Mark Schieritz und Thomas Fricke von ZEIT und FTD ihrem inneren Polemiker nicht widerstehen können. Und das finde ich schade denn genau diese Grabenkämpfe sind es, wie ich schon oft geschrieben habe, die Deutschland weitgehend von der modernen VWL abschotten.

Mark rechnet vor, warum eine Behauptung in dem Aufruf nicht der gängigen Rechenart entspricht, und daher vermutlich selbst polemisch ist. Fair enough. Aber seine Schlussfolgerung ist:

Womit sich dieser Aufruf disqualifiziert hat.

Bitte? Als wäre diese Zahl der Kerninhalt des Aufrufs. Ich bin selbst kritisch (wenn auch aus anderen Gründen), will hier also nicht den Aufruf verteidigen. Aber Marks “Schlussfolgerung” klingt eher nach jemandem, der sich mit den Argumenten nicht auseinandersetzen will, sondern eine Schwachstelle sucht und damit alles zu Unsinn erklärt. So muss man leider auch sein “Update” lesen, wo er Thomas’ Polemik zitiert und sich daran erfreut. Eigentlich untypisch für ihn.

Beißende Polemik ist bekanntermaßen nicht untypisch für Thomas Fricke von der FTD, der in seinem Beitrag den Aufruf der Ökonomen nicht weiter diskutiert, sondern statt dessen einen Aufruf der selben Ökonomen von 2005 auseinander nimmt, nach dem Motto: damals habt ihr etwas falsches gesagt, habt die Finanzkrise nicht kommen sehen, ergo seid ihr auch heute unqualifiziert. Argumentativ nicht so richtig stark.

Thomas schreibt zum Beispiel:

Da polterten die Professoren mit Verweis auf angebliche Wissenschaftlichkeit, dass Nachfragepolitik ja des Teufels sei. Eine Aussage, die spätestens seit der Finanzkrise, gemessen am heutigen Konsens unter international führenden Ökonomen und nach diversen erfolgreichen Konjunkturprogrammen von Frau Merkel ziemlich peinlich klingt.

Vielleicht haben die Professoren nicht allgemein von Nachfragepolitik gesprochen, sondern eher von Deutschland in der Situation 2005? Zudem meinten sie wohl nicht, dass Nachfragepolitik im Allgemeinen des Teufels ist, sondern fiskalische Nachfragepolitik, und damit, Herr Fricke, befanden sich diese Ökonomen durchaus im Konsens “international führender Ökonomen”, denn alle Makromodelle räumten der fiskalischen Nachfragepolitik bestenfalls eine Nebenrolle ein und legten den Fokus auf monetäre Nachfragepolitik. Ob zu Recht, ist eine andere Frage. Ich meine: ja, wenn man fähige Zentralbanken hätte. Haben wir nur leider nicht.

Er schreibt weiter:

Da hieß es noch großspurig, dass Deutschland ohne (weitere) “drastische und schmerzhafte Reformen” nicht aus der Krise kommen werde. Was ebenso Quatsch ist, da es seitdem eigentlich keine besonders drastischen Reformschübe mehr gab, die den Anspruch hätten erfüllen können – und die Krise jetzt trotzdem längst vorüber ist und es immer neue Tiefstände bei der Arbeitslosigkeit gibt (komisch, was?).

Die Tiefstände der Arbeitslosigkeit haben wohl viele Väter, unter anderem Schröders drastische und schmerzhafte Agenda 2010, die 2005 sicher noch nicht als gefestigt angesehen werden konnte (vielleicht deshalb der Aufruf?). Und die seit 2005 weiter laufende Lohnzurückhaltung würde ich durchaus als “schmerzhaft” bezeichnen, wenn auch nicht als “Reform”. Ein Grund des Aufschwungs wird sie aber sein.

Das wichtigste aber ist das: Wie ich in diesem Eintrag ausgeführt habe, liegt die Stärke Deutschlands nach der großen Krise vor allem darin, dass die EZB unfreiwillig eine Geldpolitik betrieben hat, welche die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Deutschland auf Kurs gehalten hat. Das hat keine andere Zentralbank während der Krise getan, weder in UK, noch in den USA, auch nicht in Schweden. Zudem wird erwartet, dass die EZB in Zukunft eine zu lockere Geldpolitik für Deutschland wird machen müssen. Und Erwartungen zukünftiger Geldpolitik sind der Haupttransmissionsweg der Geldpolitik. Kombiniert man dies mit (upward) sticky wages, kommt ein veritabler Aufschwung dabei heraus. Das alles konnte 2005 niemand vorhersehen, daher finde ich es etwas schwach, den Ökonomen von 2005 diese außerordentlichen Entwicklungen bis heute vorzuhalten. Und das counterfactual ohne Finanz- und Eurokrise kennt kein Mensch, weder Thomas noch “international führende Ökonomen”.

Thomas sieht allgemein immer wieder den “internationalen Konsens” auf seiner Seite:

Damals behaupteten die Professoren auch noch, dass es falsch sei zu sagen, in einer Stagnation dürfe man sich nicht kaputtsparen – was mittlerweile (und international schon damals) ebenfalls zum wissenschaftlichen Konsens international zählt.

Darüber herrscht nun wirklich kein Konsens, noch nicht mal in einer Nachfragekrise wie der momentanen. Schon gar nicht über die Situation, in der sich Deutschland 2005 befand, denn es ist fraglich, ob das ein Nachfrageproblem war.

Mir fehlt langsam die Lust, noch weiter zu machen, auch wenn Thomas’ Polemik noch weitergeht und den Gipfel an der Stelle erreicht, die Mark als “köstlich” bezeichnet. Seufz.

Wenn die deutschen Zeitungen und Ökonomen sich in Polemik ergehen wollen, von mir aus. Weiter bringt uns das alles nicht. Oder muss man Leuten wir Schieritz und Fricke auch mal etwas Polemik gönnen für die Kämpfe, die sie wohl seit Jahren mit dogmatischen Ökonomen in Deutschland führen müssen?

Thomas Fricke antwortet Henry Kaspar

(siehe auch das Update weiter unten)

Nachdem mein Gastblogger Henry Kaspar die Aussagen von Thomas Fricke in Zweifel zog, antwortet Fricke selbst per email. Vielen Dank dafür!

Erstmal ein paar Blumen zurück. HK gehört sicher zu den akribischsten und auch Ernst zu nehmendsten Kritikern, die ich habe. Trotzdem kann ich seine Kritik hier nicht nachvollziehen.

Es gibt schon recht eindeutige Hinweise auf einen überdurchschnittlich herben Exportverlust der Deutschen nach der EWS-Krise. Eine der annäherungsweise besten Indikatoren für das relative Abschneiden beim Export ist die – in der Kolumne auch zitierte – Export performance, wie sie von der OECD berechnet wird (und bei der die Entwicklung der Exporte in Relation dazu gestellt wird, wie stark die gewichtete Importnachfrage der Handelspartner ist – liegt das Exportplus drüber, hat es Marktanteilsgewinne gegeben, wenn nicht, Verluste). Diese Export performance verringert sich für Deutschland nach der EWS-Krise drastisch (vorher auch, da dürfte die Binnen-Umorientierung deutscher Ausfuhren im Einheitsboom eine Rolle gespielt haben), während sie sich für Abwertungsländer wie Spanien drastisch verbessert. Zufall? Und: diese Verschlechterung hört für Deutschland 2006 auf, danach gibt es eine Stabilisierung, anders als es Henry Kaspar beschreibt. Die absoluten Anteile am EU-Import sind hier auch nicht der richtige Indikator, schon weil sich der Aufwertungseffekt natürlich auch auf Drittmärkten bemerkbar macht.

Ich frage mich auch, was HK damit zeigen will. Dass Deutschlands Exporte auf eine 25prozentige Aufwertung der eigenen Währung überhaupt nicht reagieren? Keine Anteilsverluste bei einer 25prozentigen Verschiebung der relativen Preise? Das klingt mir zu märchenhaft, da müssten wir über Preise und Märkte doch ganz neu denken, bei allem, was man über die solide qualitative Aufstellung deutscher Exporteure sagen kann.

Was die deutsche Finanzpolitik 2006 angeht: nach vielen Jahren Erfahrung im Umgang mit diesen strukturellen Defizitzahlen muss man einfach zu dem Ergebnis kommen, dass dies ein theoretisch sehr guter, in der Praxis in bestimmten Momenten aber doch ziemlich tückischer Indikator ist, der stark von Annahmen und Revisionen zum Produktionspotenzial einer Wirtschaft abhängt (und wie oft diese revidiert und korrigiert werden, ist ja bekannt). Deswegen würde ich diese Zahlen nie mehr ohne Plausibilitätscheck nutzen. Und dieser Check sagt für 2006 einfach mit einer ziemlich großen empirischen Evidenz, dass es keine ausgeprägt diskretionär restriktive Politik in Deutschland gegeben hat – ebenso wenig wie es eine ausgeprägt expansive Politik gegeben hat (wie es die Spiegel-Kollegen einfach mal behaupten, was ja der ursprüngliche Anlass meines Beitrags war). Insofern passen beide Aussagen schon zusammen.

Wie kommt es dann zum Rückgang des strukturellen Staatsdefizite 2006? Eine Vermutung: es gab mit dem Aufschwung ab 2005 einen Trendbruch, den die gängigen Schätzungen zum Produktionspotenzial nicht richtig abbilden können. Dies könnte beim Übergang in das neue Wachstumsregime ziemlich große Verzerrungen der Zahlen zu Potenzial, Konjunktur- und Strukturkomponente mit sich gebracht haben, weil die enorme konjunkturelle Verbesserung der Staatsfinanzen nur teilweise als solche angerechnet wird, obwohl sie es womöglich komplett war. Die OECD kommt in ihren Schätzungen z.B. zu dem Ergebnis, dass der Output gap von 2005, als er noch bei minus 2 Prozent des BIP lag, auf 2006 mal eben in einem Jahr komplett geschlossen und sogar positiv wurde (bei voller Anrechnung hätte der Swing noch enormer sein müssen) – nach Jahren extremer Flaute und nur einem Jahr Aufschwung? Das ist nicht sonderlich plausibel. Die Zahlen muss man einfach mit Vorsicht nehmen. Wie gesagt, nur eine Vermutung.

Besten Gruß,

Thomas Fricke

Update: Da darf die Antwort von Henry Kaspar natürlich nicht fehlen:

Ich freue mich natürlich, dass Thomas Fricke den Ball aufgenomen hat. Das ist ja Sinn und Zweck öffentlicher Debatte – Argumente prufen, und herausfinden wo Differenzen auf unterschiedliche Wahrnehmung der Fakten zurückzuführen sind, und wo auf eine andere ökonomische Bewertung. Zu Frickes Punkten im Einzelnen:

1. Exportverlust:

Ich behaupte NICHT dass die reale Aufwertung im Zuge der EWS-Krise keine Auswirkung auf Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit gehabt hätte. Das wäre, wie Fricke korrekt schreibt, absurd, und ist auch von den Daten nicht gedeckt. Die Direction-of-Trade Statistics zeigen 1990-97 (oder sogar 1990-2000) einen Trendverlust an Exportanteil, während der Verlust des Kapitalkostenvorteils erst 1995-97 stattfindet.

Allerdings war die reale Aufwertung ein temporäres Phänomen, mit dem Höhepunkt Anfang 1995. 1997 war Deutschlands real effective exchange rate schon wieder auf dem Niveau von 1992 (und war damit schwerlich verantwortlich dafür, dass Deutschland 1998 überbewertet in den Euro ging).

Der Verlust an Marktanteil hingegen war permanent – ebenso wie der Verlust an Kapitalkostenvorteil.

In meinen Augen legen die Daten nahe (i) den Verlust an Exportanteil in der ersten Hälfte der 1990er Jahre – rund 4 Prozentpunkte – auf reale Aufwertung zurückzuführen, welche sowohl die EWS-Krise als auch die ostdeutsche Lohnaufholjagd abbildet; und (ii) den massiven Verlust um 1997 (6 Prozentpunkte) auf den Verlust das Kapitalkostenvorteils. Zu dem Zeitpunkt war die EWS-Krise lange Geschichte.

Nicht nachvollziehen kann ich Frickes Einwände gegen das Maß, also Importe aus Deutschland in Prozent der Importe aus der Euro-Zone. Dies ist schlicht die sauberste Methode um Deutschlands relative Wettbewerbsfähigkeit innnerhalb der Eurozone zu ermitteln, und schützt davor (i) konjunkturell bedingte Exporteinbrüche – wie 1993 – mit Verlust an Marktanteil zu verwechseln, und (ii) Schwankungen des Außenwertes des Euros mit Veränderung der Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Euro-Zone durcheinanderzuwerfen.

2. Fiskalpolitik

Ein Strukturbruch ist natürlich eine Möglichkeit (für jedes Jahr, nicht nur 2006). Wobei die Ökonomen bei OECD und IWF sowas freilich zu erfassen suchen, sie wenden nicht nur mechanisch Formeln an. Die Tatsache dass sie trotz dieser Bemühungen ein fallendes Strukturdefizit ausmachen scheint mir darauf hinzudeuten dass ihre Einschätzung des fiskalpolitischen Kurses 2006 eine andere ist als die Frickes – auf die Nullrunden im öffentlichen Dienst habe ich ja schon hingewiesen.

Wie dem auch sei, mir scheint es eine steife Behauptung zu sein, aus EINEM Jahr angeblicher fiskalischer Moderierung einen Trendbruch im Wirtschaftswachstum abzuleiten. Ich kenne keinen ökonomischen Analyserahmen, der dies hergeben würde. Mir scheint eine Erklärung weit plausibler, die bei der Wiederbelebung der privaten Investitionen ab 2006 ansetzt und den Gründen dafür.

Aber hier sind wir schon bei der Interpretation der Daten, nicht mehr bei ihrer korrekten Wiedergabe.

Besten Gruß,

Henry Kaspar

Facts matter!

Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar

Thomas Fricke gehört zweifellos zu den profiliertesten wirtschaftspolitischen Kommentatoren in Deutschland. Als Chefökonom der Financial Times Deutschland kämpft er seit 10 Jahren gegen neoklassische Pharisäer und Folkloreökonomen, was ihm im Lauf der Zeit eine erhebliche Fangemeinde beschert hat. Und im Wirtschaftswunder, eine an die FTD-angehängte und von Fricke betreute Internet-Seite, finden sich einige der interessantesten Beiträge zur wirtschaftspolitischen Debatte in deutscher Sprache.

Mit Einfluss kommt public scrutiny (der prüfende Blick der Öffentlichkeit). Nun sehe ich sehr viele Dinge anders als Fricke – aber vor der Interpretation der Fakten kommt ihre korrekte Wiedergabe. Und da enthalten die beiden letzten Stücke Frickes Zweifelhaftes.

Am 10. Dezember geht es um die EWs-Krise von 1992, aus der sich angeblich Lehren fuer die heutige Euro-Schuldenkrise ziehen lassen:

Für dieses Szenario bietet die Krise 1992/93 gruseligen Anschauungsunterricht. Erst musste im September 1992 die Lira abwerten, .. vier Tage später flogen britisches Pfund und Lira aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) …  Im November folgte die nächste Krise: Abwertung von spanischer Peseta und portugiesischem Escudo. Im Februar 1993 waren die Iren dran. … Natürlich gab es Gründe, die eine oder andere Euro-Währung abzuwerten. So wie es heute auch griechische Probleme gibt. Nur hat sich damals wie heute die Marktpanik irgendwann verselbstständigt. Mit der Folge, dass die D-Mark damals um gewichtet 25 Prozent teurer wurde und selbst Ende 1998 noch überbewertet im Euro aufging – was die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure entsprechend atemberaubend einbrechen ließ.

Die Fakten:

(Quelle: IWF, Direction of Trade Statistics)

Deutschlands Verlust an Export-Wettbewerbsfähigkeit passierte ganz überwiegend 1995-97, nicht 1992/93. Freilich kam es 1992/93 zu einem rezessionsbedingten Exportrückgang, aber der war nur wenig stärker als anderswo in Europa: Deutschlands Marktanteil fiel damals von 43 Prozent (1992) auf knapp 41 Prozent (1994). 1997 lag der Exportanteil dann unter 35 Prozent. Meine Erklärung – wie anderswo beschrieben – ist der Verlust des deutschen Kapitalkostenvorteils im Zuge der Euroeinführung.

Am 7. Dezember knöpft sich Fricke die Kollegen des SPIEGEL vor:

Die Geschichte wird gern erzählt: dass Deutschland und Frankreich den Pakt 2005 flexibler gemacht hätten, sei der Anfang vom Ende gewesen, habe “die Fundamente der Währungsunion beschädigt”, wie die Spiegel-Kollegen befinden. Ganz einfach: “Die Folgen waren entsprechend. Nachdem der Pakt entschärft war, häuften die Finanzminister der Euro-Länder im Rekordtempo neue Defizite auf.” Undsoweiter. Gut, böse, Drama. Toll. Kleiner Schönheitsfehler: die Behauptung in Sachen Defizitentwicklung ist so frei erfunden, dass man sich fragt, ob die Kollegen ihre gesamte (und legendäre) Dokumentations-Mannschaft in Tiefschlaf versetzt haben (das sind die, die eigentlich jede Sachaussage im Spiegel gegenchecken sollen).

Hier hat Fricke meiner Einschätzung nach Recht. Die Aufweichung der Stabilitätspakts—so bedauerlich sie war—hat wenig mit der Euro-Schuldenkrise zu tun.

Problematisch wird es allerdings zwei Absätze weiter unten:

Die Wahrheit könnte auch eine ganz andere sein: Deutsche und Franzosen setzten 2005 lediglich die ökonomische Erkenntnis um, dass es wenig sinnvoll ist, in schlechten Zeiten zu konsolidieren und Krisen damit nur zu verstärken. Das steckte nämlich im alten Pakt – eine stark prozyklische Verstärkung. Und das hatte Hans Eichel damals ja auch bitter lernen müssen. Jedes neue Sparpaket führte – unter anderem dazu – die wirtschaftliche Krise noch zu verlängern. Erst als 2006 die Lehre daraus gezogen wurde und in Deutschland dank flexiblerem Stabipakt zuerst dafür gesorgt werden konnte, den Aufschwung zu stützen und anschließend erst zu konsolidieren, gelang auch der Abbau des Staatsdefizits.

Die Fakten:

Dier Graphik zeigt das deutsche Fiskal-Strukturdefizit—also das Defizit, aus dem Konjunktureinflüsse herausgerechnet sind—geschätzt von IWF und OECD (Zahlen auf die Fricke selbst verweist). Deutlich zu sehen ist die prozyklische Eichelsche Steuerreform von 2000, und der Sparkurs ab 2003 (OECD) bzw. 2005 (IWF).

Allerdings: nach 2005 machte die Fiskalanpassung keine „Pause“. Im Gegenteil, 2006 und 2007 waren die Jahre des stärksten Sparens überhaupt. OECD und IWF sind sich da einig.

Fricke entgegnet (in einem Diskussionsbeitrag auf Wirtschaftswunder):

Ihre Aussage, dass 2006 in Deutschland angeblich stark konsolidiert wurde, ist doch empirisch und faktisch nicht haltbar. Es war erklärte Politik von Frau Merkel und Schwarz-Rot, nicht zu konsolidieren, sondern eher noch die Konjunktur zu stützen, es gab keine Steuererhöhungen, keine Abgabenerhöhungen, keine Sparpakete, keine sonstigen erkennbaren Dinge, die den ermittelten Rückgang des Strukturdefizits als Ausdruck einer diskretionären Konsolidierung deuten lassen. Wie Sie sicher wissen, haben diese Rechnungen ex post halt große Tücken.

Oder auch: die OECD- und IWF-Zahlen sind Mist.

Leute, die sich detaillierter damit befasst haben als ich, behaupten die Bundesregierung habe viele Sparmaßnahmen 2006 weiterlaufen lassen, insbesondere Nullrunden im öffentlichen Dienst—von „Konjunktur stützen“ könne also keine Rede sein. Und in meinen Augen haben sowohl das schwache Wachstum bis 2006 als auch der darauffolgende Aufschwung mehr mit externer Wettbewerbsfähigkeit und privatwirtschaftlichem Kapitalabfluss zu tun als mit Fiskalpolitik.

Aber wie dem auch sei—mir scheint die Beweislast liegt hier auf Seiten Frickes: wieso belegen Zahlen, auf die er selbst verweist, das exakte Gegenteil seiner These? Es besteht Erklärungsbedarf.

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