Hans Werner Sinn ist weiter auf publizistischer Tour, um seine Thesen über Target-2 und den Kapitaltransfer ans Mittelmeer zu verteidigen. Nun ist er ein ganz erfahrener Teilnehmer öffentlicher Debatten, und wählt seine Worte so, dass er gehört wird: etwas übertrieben, etwas laut, etwas verdreht. Das ist legitim (wäre mein Blog so erfolgreich, wenn ich immer nur maßvoll wäre?), aber es bringt eben auch Probleme mit sich.
Denn man läuft Gefahr, dass sich die Diskussion in Details verabschiedet, und im Ausland nicht ganz ernst genommen wird. Dabei gäbe es durchaus eine berechtigte Kritik an der Politik der EZB und des Euroraums, die an Target-2 anknüpft und die auch international gehört werden würde. Ich möchte daher erstmal ein paar missverständliche Formulierungen der Debatte korrigieren, und dann zu einer wirklichen Diskussion überleiten, die am Kern der Sache anpackt: was sind die Ursachen solcher hohen Salden und können wir diese Ursachen jetzt bekämpfen und in Zukunft vermeiden? Der Eintrag ist lang, sehr lang sogar. Aber darunter geht es leider nicht. Haltet durch.
Kontokorrentkredit und Druckerpresse
Das sind zwei von Sinns Wortschöpfungen, die mich am meisten ärgern. Ein Kontokorrentkredit ist ein einfacher, unbesicherter Überziehungskredit. Die EZB und ihre Notenbanken aber funktionieren als Pfandbanken und da gibt es einen Kontokorrentkredit nicht, von ELAs einmal abgesehen. Banken können nur Sicherheiten gegen Zentralbankgeld tauschen, vereinfacht gesprochen. Und die Risikoabschläge auf diese Sicherheiten werden meines Wissens auf den Marktpreis abzüglich eines saftigen haircuts vorgenommen. Ob die Leser verstehen, dass “die Druckerpresse” in Wahrheit nicht so funktioniert wie in Weimar, wo sie Staatsdefizite finanzierte, sondern als Pfandbank? Ich bezweifele es.
Kurzum: das Risiko der EZB erhöht sich, ja, aber keineswegs so wie Sinn dies mit solchen Worten suggeriert. Das sieht auch die Bundesbank (BuBa) so. Und ich bin mir sicher, Sinn ist sich der Wirkung seiner Worte vollauf bewusst, auch wenn er sich bisweilen erstaunt zeigt.
Target “Kredite”
Dieser Ausdruck ist mindestens missverständlich und wird im Ausland teilweise heftig kritisiert. Denn Sinn nutzt es für folgende Behauptung:
Letztlich ist der Target-Kredit ein Staatskredit Deutschlands an die Krisenländer
Richtig ist, dass die Ansprüche der BuBa im Ausland target credit genannt werden, aber die Übersetzung “Kredite” trifft es nicht (es sind keine loans). Es sind zinszahlende Guthaben der BuBa beim Eurosystem/ECB, und keine Kredite an Griechenland oder sonst wen [Update: André Kühnlenz macht mich darauf aufmerksam (s. Kommentare), dass diese Zinsen keinen Zusatzgewinn für die BuBa bedeuten, sondern über das ganze Eurosystem nach Kapitalschlüssel verteilt werden.] Und den Ausfall der Forderungen trägt auch nicht der deutsche Steuerzahler, sondern das Eurosystem als Ganzes, anders als das Wort “Kredit” suggeriert. Mit dem Wort “Guthaben” hört sich das ganze schon gleich etwas anders, und vor allem: richtiger, an.
500 Mrd. Euro
Die Höhe der Buba Target-2 Guthaben beim Eurosystem haben genau gar nichts mit dem Risiko für den deutschen Steuerzahler zu tun. Ich verstehe auch nicht, warum diese Zahl von Zeitungen ständig wiederholt wird (FAZ: “465 Milliarden Euro Risiken”) – in vollem Bewusstsein, dass der Leser das nicht bzw. missversteht.
Angenommen, die hinterlegten Sicherheiten bei den nationalen Notenbanken am Mittelmeer sind weniger wert als sie abzüglich haircut bei der EZB in den Büchern stehen und die Bank, die diese hinterlegt hat, geht pleite (merkwürdig, selbst die Schrottbank HRE hat man nicht pleite gehen lassen, warum wird auf einmal mit dieser Möglichkeit gerechnet, als sei es wahrscheinlich?). Dann wird Deutschland knapp 1/3 dieser Verluste tragen. Mit der Höhe der Target-2 Guthaben hat das aber nichts zu tun. Die Risiken der EZB stecken allein darin, welche Sicherheiten sie zu welchen Konditionen aufgenommen hat. Zugegeben gibt es darüber wenige Informationen oder Daten, besonders bei den ELAs.
Zusammenbruch des Euro
Aber wenn der Euro zusammenbricht… Da ein Zusammenbruch des Euro ohnehin Unsinn ist, gehe ich davon aus, dass die meisten einen Austritt Griechenlands, Portugals und maximal noch Irlands meinen. In Ordnung, was dann?
Die EZB hat Sicherheiten, die vermutlich in eine andere Währung umgeschrieben werden, und das Eurosystem macht vermutlich Verluste. (Ich blende einmal den sehr unwahrscheinlichen Fall aus, dass die griechische Zentralbank mit den Sicherheiten in die Karibik durchbrennt.) Nun stehen den auf deutschen Konten gutgeschriebenen Geldern keine ausreichenden Sicherheiten bei der EZB mehr gegenüber. Die EZB geht dann natürlich nicht pleite, und es kommt auch nicht zu Inflation, aber sie macht Verluste. Das allein heißt aber noch nichts. Denn was ist das Gegenszenario, das counterfactual? Dazu müssen wir uns zunächst mit der Ursache der großen Salden beschäftigen.
Finanzierung einer Leistungsbilanz
Wie Willem Buiter schon früh ausgeführt hat, ist es möglich, dass Target-2 eine Leistungsbilanz finanziert, aber genauso kann es Kapitalflucht kompensieren. Der Unterschied ist nicht akademisch, sondern wichtig (bitte lest es ganz, ich weiß, es ist ein langes und schweres Zitat):
The broader point is that the focus on current-account imbalances within Europe has distracted from the more dramatic evolution on the capital account. … [A]n offsetting and more significant development has been a reversal of capital flows within Europe. Germany, though still enjoying a current-account surplus with the world (and with other European economies), has become a net recipient of capital from the world, especially from the financially-distressed economies in Europe. Absent filling this gap via TARGET, the adjustment would have been considerably more wrenching, with potentially widespread bank failures.
The change in Bundesbank’s TARGET claims has had a strong negative correlation with the capital flows to the countries under stress. In contrast, there is little relationship between the change in TARGET claims and the current-account balance with these countries. In other words, the TARGET mechanism has apparently balanced the flows on the capital account. Only this time around, the size of the TARGET financing is much larger and potentially more persistent. German investment positions in the rest of Europe are being unwound but private funds are not easily available to finance these payments. As such, banks in stressed economies are turning to their central banks, who in turn obtain liquidity through the system of interconnected European national central banks. In contrast, German banks enjoy greater liquidity, which they are unwilling to use either for direct financing of trade or in the interbank market presumably because of a heightened perception of credit risks. This excess liquidity is being channelled back into the Eurosystem through the Bundesbank, which is, therefore, a large creditor.
The TARGET imbalances are thus a symptom of differential liquidity and funding conditions across the Eurozone banking system. The Eurozone has used the TARGET mechanism to deal with the major shift in the direction of capital flows. This has been an important achievement. However, the TARGET system is intended to deal with liquidity needs and is, therefore, expected to be in balance except over short periods. The return to balance on this occasion will likely be longer and will require adjustments that go beyond traditional demand management policies to reduce current-account deficits. At stake here is the entire financial architecture of the Eurozone.
Wenn man also die Target-2 Salden betrachtet, muss man analysieren, warum sie entstehen. Die Kapitalflucht und damit die Banken sind der Treiber, nicht die Leistungsbilanz (was den anpassungsunwilligen Griechen suggerieren würde). Und das counterfactual heißt nicht: Deutschland kommt billiger weg. Es heißt: ein partieller Zusammenbruch des europäischen Finanzsystems.
Wo ist das counterfactual ?
Was mich am meisten stört an dieser ganzen Debatte ist, dass anscheinend niemand in der Lage ist, ein vollständiges (!) counterfactual zu präsentieren, inklusive Sinn. Denn was passiert oder wäre passiert, wenn Target-2 nicht existierte / mit Sicherheiten extra besichert werden müsste / mit Strafzinsen belegt würde? Mein Gastblogger Henry Kaspar hat dies schon im Juni letzten Jahres bemängelt, geändert hat sich nichts. Vielleicht aus gutem Grund. Denn dann müsste man die Geschichte wirklich zu Ende denken.
Ohne Target-2 (und die anderen Vorschläge gehen auch in diese Richtung, machen sie Target-2 doch ungleich teurer), wären die Banken der Peripherie im Handumdrehen insolvent. Das hätte Folgen für diese Länder, aber vor allem für diejenigen, die dort investiert hatten: deutsche Banken und andere Investoren.
Will ich damit etwa sagen, dass die Deutschen die größten Profiteure von Target-2 sind? “Die Deutschen” ist so falsch wie “die Griechen”: die Risiken, die der europäische Steuerzahler via EZB auf sich genommen hat, hat er vorher den Investoren abgenommen. Ein Teil davon ist gerechtfertigt, die Zentralbank muss die Liquidität des Bankensektors sicher stellen – nichts wäre ökonomisch sinnloser als eine reine Liquiditätskrise. Ein Teil davon aber ist der fragwürdigen Solvenz der Banken im Süden geschuldet. Davon profitieren alle Investoren, u.a. deutsche. Wer Interesse hat, sollte dazu auch den Beitrag von Philip Plickert beim Fazit lesen.
Zu Guter Letzt profitiert Deutschland durch große Kapitalzuflüsse und die dadurch entstehenden Niedrigzinsen, die es ohne Target-2 so nicht gegeben hätte, weil das Kapital in der Peripherie sich an den dann notgedrungen entstehenden privaten Umschuldungen hätte beteiligen müssen, und die Länder vermutlich ihre Grenzen hätten dicht machen müssen.
Das ist alles spekulativ, das ist mir klar, allerdings ist die ganze Diskussion ohne ein vollständiges counterfactual sinnlos.
Eine berechtigte Kritik
Wie sähe also eine berechtigte Kritik an Target-2 aus? In meinen Augen ist Target-2 ein integraler Bestandteil einer Währungsunion. Ohne solch einen Mechanismus gäbe es schlicht verschiedene Länder, die sich eine Währung teilen, auf die sie keinen Einfluss haben (einem Goldstandard vergleichbar). Ohne die Möglichkeit von Katpialverkehrskontrollen ist dies aber in meinen Augen ein Himmelfahrtskommando.
Wenn man also die großen Target-2 Salden kritisiert, dann doch so:
- Wenn man diese Salden verhindern will, muss man vor allem die Ursachen bekämpfen. Die Target-2 Salden sind ein Symptom, nicht mehr.
- Es waren und sind vor allem Banken, die mit LTROs und ELAs über Wasser gehalten werden, weil die Politik nicht den Mut hat, sie zwangsweise zu rekapitalisieren oder abzuwickeln, notfalls mit europäischem Steuergeld. Das wäre zumindest ehrlich. So aber trägt die EZB einen Teil der Last, die Banken darüber zu rekapitalisieren, dass sie ihnen Gewinne erlaubt. Eine solche Subventionierung durch die Hintertür kann und darf nicht sein.
- Denn so ermöglicht man Investoren, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, und die Risiken beim Steuerzahler abzuladen. Der EZB als Hüterin der Stabilität sind dann die Hände gebunden, denn sie muss handeln.
- Die Target-2 Salden zeigen vor allem, wie unvorbereitet Europa in diese Währungsunion geschlittert ist, unter anderem weil die meisten Ökonomen in Europa, Sinn inklusive, die Risiken völlig falsch eingeschätzt haben, und dachten, Maastricht würde reichen – gegen den ausdrücklichen Rat der meisten Ökonomen in den USA oder auch in UK, und gegen jede historische Erfahrung.
- Wenn man Target-2 als Symptom interpretiert, und das sollte man, lässt das nur einen Schluss zu: die Makroökonomie (!) in Europa muss dringend reformiert und verbessert werden.
- Wie gelingt es, Lohnerhöhungen nur noch dann zu ermöglichen, wenn sie durch Produktivitätsfortschritte im tradables sector gerechtfertigt sind?
- Wie gelingt es, regionale Inflation einzudämmen, wenn sie nicht gerechtfertigt ist, aber dennoch entsteht? Zum Beispiel indem man einen kreditfinanzierten Boom begrenzt, und sei es durch die Erschwerung des Kreditzugangs oder gar durch die Aussetzung von Baugenehmigungen oder prohibitive Grunderwerbssteuern.
- Wie gelingt eine Schuldenbremse, die Boomländern mit zu hoher und nicht gerechtfertigter Inflation hohe Budgetüberschusse verordnet, und nicht nur solche, die eine deutsche Schuldenbremse vorschreibt?
- Wie können wir zur regionalen Konjunkturunterstützung einen europäischen Fiskalfonds auflegen?
- Ist ein 2% Inflationsziel in einer solch ungleichmäßigen (=suboptimalen) Währungsunion optimal? Wäre nicht eine höhere Rate, zum Beispiel 3%, fokussiert auf Kerninflation, das bessere Ziel?
- Wie können wir den europäischen Finanzsektor von seinen jeweiligen Nationalstaaten abkoppeln, und uns damit dem von Sinn favorisierten amerikanischen Modell annähern?
Wer Target-2 isoliert kritisiert, verkennt die wahren Ursachen und die Lösungen für die Zukunft. Es ist an der Zeit, dass sich die Diskussion auf diese konzentriert. Dann würde vielleicht auch die deutsche Politik aufwachen und merken, dass die Schuldenkrise nur zum Teil eine Schuldenkrise ist, und zum weitaus größten Teil eine Krise des makroökonomischen Designs Europas. Wenn die Target-2 Debatte dazu führt, können wir Hans Werner Sinn nur dankbar sein. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg…
PS: Wer Jens Weidmanns Beitrag in der FAZ noch nicht gelesen hat: absolute Pflichtlektüre! Und seine Argumente decken sich, mit der gebotenen Vorsicht eines Zentralbankers formuliert, auch mit meinen oben.
PPS: Mark Schieritz und Olaf Storbeck haben sich auch kürzlich geäußert.
[Update: Tja, das kommt davon, wenn man den Handelsblog nicht genau liest... oder irgendeinen Blog im Moment, really. So habe ich den Beitrag von Philipp König im Handelsblatt verpasst, der nicht nur sehr lesenswert ist, sondern so ungefähr der ersten Hälfte meines Eintrags hier entspricht.]




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