Wo ist die Inflation, liebe FAZ, SZ, FTD, Spiegel usw. usf.?

Wie oft habe ich in der deutschen Presse den „Ben wirft die Druckerpresse an“-Unsinn lesen müssen jedes Mal wenn die Fed versuchte, sich gegen Disflation zu stemmen. Und wie oft haben ökonomische „Experten“ und Journalisten von Inflationsgefahren schwadronieren dürfen, bar jedes empirisch belastbaren Befundes oder historischer Erfahrung.

Nun hat die Cleveland Fed die neusten Inflationsschätzungen für die USA heraus gebracht – und das Ergebnis ist, ohne Übertreibung, eine Katastrophe:

Die Inflationerwartungen für die nächsten 10 Jahre (in Worten: zehn Jahre!) liegen bei depressiven 1.37% p.a. Und das in einer Zeit, wo Überschuldung und Rekordarbeitslosigkeit die US-Wirtschaft lähmen.

Die Fed müsste jetzt, spätestens, einen Boden unter die Inflation ziehen und sagen: unter 2% Inflation lassen wir nicht zu, minimal level target. Und wir kaufen so lange alles auf, bis die Indikatoren das anzeigen. Das, übrigens, wäre moderne VWL a la Woodford, Svensson, sogar Mankiw etc., etwas, das die deutsche Presse mit Vorliebe in Grund und Boden verdammt.

Daher, liebe Journalisten, hört auf, Euch mit diesem Inflationsunsinn lächerlich zu machen.

PS: Ihr findet, ich bin zu hart? Gut, aber seid nachsichtig. Ich musste mir auch die ganze Zeit diesen Unsinn anhören, das war härter…

Update: Jonas Dovern bloggtzum gleichen Thema, mit schönem Graphen. Schaut mal rein. Zudem twitter Lost Generation, dass The Billion Prices Project ebenfalls Deflation anzeigt – auch wenn das keine Erwartungen sind sondern Echtzeitschätzungen.

 

 

Mindestlöhne in der Krise

Wenn es um eine schwere Rezession geht, könnten die Meinungen zu Löhnen kaum unterschiedlicher sein. Für manche sind rigide Löhne die Ursache des Problems, für andere Teil der Lösung. Krugman hat dies kürzlich diskutiert im Zusammenhang mit der zero lower bound, der Nullzinsgrenze, an der eine Zentralbank festhängen kann (auch wenn sie nach Meinung der ökonomischen Lehrbücher selbst an der Nullzinsgrenze noch viele Optionen hat). Dies aber ist ein Thema für einen gesonderten Eintrag.

Ein weiterer Aspekt sind gesetzliche Mindestlöhne. Warum sollten sie in der Krise ein Problem sein? Weil in den USA mit 14 Millionen Arbeitslosen die Leute mittlerweile umsonst arbeiten. Warum sollten Leute umsonst arbeiten wollen? Ryan Avent schreibt:

When long spells of unemployment are common, temporary unpaid work provides a means to maintain and improve skills while building contacts. Given stiff competition for new positions, unpaid labour allows a worker to signal his or her fitness for the job relative to applicants.

Der Mindestlohn ist hier ein Problem, denn Leute unterhalb des Mindestlohns zu bezahlen ist illegal. Ihnen gar nichts zu zahlen dagegen nicht.  Das bedeutet, nur diejenigen, die wirklich für lau arbeiten, bekommen einen Job obwohl bei geringer Bezahlung unterhalb des Mindestlohns vermutlich mehr Leute zu arbeiten bereit wären.

Es gäbe zwei sehr ähnliche Möglichkeiten, mit diesem Problem umzugehen. Ryan Avent schlägt vor:

Still, if you could get rid of the minimum wage and instead adopt a policy in which the government simply subsidises the incomes of sub-minimum wage workers up to the minimum wage level, you’d unambiguously increase employment without forcing anyone to take home less pay.

Eine andere, ähnliche Möglichkeit wäre, in einer solchen Situation eine Art Kurzarbeit für den Niedriglohnsektor einzuführen: den gesetzlichen Mindestlohn kurzfristig aussetzen, die Arbeitszeit reduzieren und aus Steuermitteln die Löhne aufstocken.

Bin ich hier der kalt-zynische Ökonom? Mitnichten. Die Schwere der Rezession abzumildern wäre Aufgabe einer fähigen Zentralbank, dann würde es vermutlich gar nicht zu solch extremen Situationen kommen. Da aber der Aufschrei über das Versagen der Zentralbank so gering ist, muss man wohl oder übel aus der Situation das Beste machen. Und in den USA scheint der Mindestlohn dem zum Teil im Weg zu stehen.

PS: Wer mehr darüber lesen will, findet die Story dahinter in diesem Artikel: Fortune – Unpaid jobs: The new normal?

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