Dirk Elsner über Blogs

Dirk ist mit meinem Eintrag “Europeans can’t blog?garnicht einverstanden. Sein Argument ist, dass gerade mein Beispiel doch zeigt, wie gut die Blogosphäre funktioniert. Es freut mich natürlich sehr, dass er dies so wahr nimmt. Allerdings ist ein Grund, dass ich eine Lücke gefüllt haben, die es in den USA so nicht gegeben hätte.

Denn weder gab es – vom Herdentrieb abgesehen – wirkliche Blogs von Journalisten (Wirtschaftswunder ist kein Blog, auch der Handelsblog war nicht genug Blog, und das Fazit kam erst später und könnte nach meinem Geschmack bloggier sein), noch waren Ökonomenportale wie Ökonomenstimme, oder Wirtschaftliche Freiheit richtige Blogs. Es fehlte die Interaktion und Vernetzung, es fehlte die Diskussion, es fehlten die Kommentare. Es waren zu sehr die Old School Methoden, einfach ins Netz gebracht. Nun bin ich kein Internet-Blog-Profi, aber Florian Semle ist einer, und seine Analyse war auch durchaus kritisch.

Das soll alles nicht heißen, dass ich frustriert wäre oder die Blogosphäre in Deutschland für schlecht halte. Ich freue mich über Zuwächse wie das Fazit oder den Wirtschaftsphilosophen, oder ganz neu: den INSM-Blog, und wir sind auf einem guten Weg, finde ich. Aber sie ist mit der in den USA – zumindest was die eher auf VWL ausgerichteten Blogs angeht – schlicht nicht vergleichbar. Und wenn man das Ganze jetzt noch auf Europa überträgt…?

Sorry, Dirk, aber wir haben noch einiges an Arbeit vor uns.

Der Sinn ökonomischer Modelle

Hier auf dem Blog und anderswo ist die moderne VWL wiederholt massiv kritisiert worden. Ich war immer in der etwas merkwürdigen Position, sie verteidigen zu müssen, obwohl ich ihr in Teilen selbst kritisch gegenüberstehe.

Ein neues Buch, “The Assumptions that Economists Make”, scheint meine Sicht zu teilen. Denn wie Justin Fox daraus zitiert:

If only they had stuck with the pragmatic claim of having a somewhat helpful model, useful in thinking about important aspects of the economy while missing others! Unfortunately, their rhetoric made politicians and the public think economists knew more than anyone could. It ultimately resulted in worse disillusionment with their approach than was deserved.

Genau das ist meine Sicht: Makromodelle beleuchten Teilaspekte und dürfen daher auch zum Beispiel Geld wegdefinieren wenn es dem Ziel dient, etwas zu erklären, einen ökonomischen Mechanismus zu beleuchten etc. Nur muss man die Modelle mit ausreichender Vorsicht genießen und unters Volk bringen. Meiner Erfahrung nach tun das auch die meisten Ökonomen, aber leider nicht alle.

PS: Da fällt mir ein, Gerald Braunberger hat einen schönen Beitrag zu Geldmengenaggregaten.

Europeans can’t blog?!

Well, the guys at Bruegel’s new blog know how to blog, that is for sure: make an eye-catching claim and try to outrage the blogosphere. But they are right, unfortunately, Europeans can’t blog. For those who are new to the topic, the inofficial introduction to the whole discussion was written by Ronny Patz.

Jérémie, Martin and Shahin basically give four reasons that are somewhat interconnected. First, the discussions of economics (and politics) take place in “printed” (this includes simple non-interactive publishing on the web) form more often than on the web. Second, there is no aggregator like Mark Thoma. Third, the language barrier does make a European discussion more difficult, and finally the culture of open discourse is underdeveloped in Europe.

Especially the last aspect is problematic because it is hardest to change but arguably the most important. As they phrase it,

European economists seem to prefer spreading knowledge rather than stirring debate.

I’d add that this is not limited to economists, but the diagnosis is correct. Part of it is rooted in a desire to teach unenlightened people “the truth”, a nasty European habit on all sides of the political spectrum. Writing essays or op-eds is the natural way to do that. The other part, however, is based on scepticism towards new forms of communication. Engaging with an audience on something as lowly as blogs requires two things: to overcome the sense of status that Europeans unfortunately possess much more than people (of a much higher status!) in the US; and to learn how to write and reply in blogs in a foreign language and for an international audience.

It is changing slowly, however. No other than Hans Werner Sinn, Germany’s most visible economist, took part in a discussion in the comment section of Herdentrieb, the economics blog of the weekly DIE ZEIT. You may think that this is not a big deal, but it certainly is a step in a new and welcome direction.

I think the main obstacle is that we don’t have blogging giants like Paul Krugman or Tyler Cowen. When you have a nucleus of bloggers with outstanding credentials, the rest will follow. If this nucleus is open to debate even the tiniest of bloggers, that is. Unfortunately, I don’t see many who could be up for the job. In my view, and given Germany’s increasing importance in Europe, Hans Werner Sinn would be an excellent candidate. Not sure he wants to become the Krugman of Europe, though.

As for the aggregator role, I think Bruegel is off to a good start, thanks for that! With a few improvements on the design, Bruegel’s blog could be the catalyst to a new development.

PS: Ryan Avent also comments. And while you are at it: do read the excellent Christmas piece in The Economist on how Martin Luther used new forms of communication during his time.

Wie eine berechtigte Kritik an Target-2 aussähe

Hans Werner Sinn ist weiter auf publizistischer Tour, um seine Thesen über Target-2 und den Kapitaltransfer ans Mittelmeer zu verteidigen. Nun ist er ein ganz erfahrener Teilnehmer öffentlicher Debatten, und wählt seine Worte so, dass er gehört wird: etwas übertrieben, etwas laut, etwas verdreht. Das ist legitim (wäre mein Blog so erfolgreich, wenn ich immer nur maßvoll wäre?), aber es bringt eben auch Probleme mit sich.

Denn man läuft Gefahr, dass sich die Diskussion in Details verabschiedet, und im Ausland nicht ganz ernst genommen wird. Dabei gäbe es durchaus eine berechtigte Kritik an der Politik der EZB und des Euroraums, die an Target-2 anknüpft und die auch international gehört werden würde. Ich möchte daher erstmal ein paar missverständliche Formulierungen der Debatte korrigieren, und dann zu einer wirklichen Diskussion überleiten, die am Kern der Sache anpackt: was sind die Ursachen solcher hohen Salden und können wir diese Ursachen jetzt bekämpfen und in Zukunft vermeiden? Der Eintrag ist lang, sehr lang sogar. Aber darunter geht es leider nicht. Haltet durch.

Kontokorrentkredit und Druckerpresse

Das sind zwei von Sinns Wortschöpfungen, die mich am meisten ärgern. Ein Kontokorrentkredit ist ein einfacher, unbesicherter Überziehungskredit. Die EZB und ihre Notenbanken aber funktionieren als Pfandbanken und da gibt es einen Kontokorrentkredit nicht, von ELAs einmal abgesehen. Banken können nur Sicherheiten gegen Zentralbankgeld tauschen, vereinfacht gesprochen. Und die Risikoabschläge auf diese Sicherheiten werden meines Wissens auf den Marktpreis abzüglich eines saftigen haircuts vorgenommen. Ob die Leser verstehen, dass “die Druckerpresse” in Wahrheit nicht so funktioniert wie in Weimar, wo sie Staatsdefizite finanzierte, sondern als Pfandbank? Ich bezweifele es.

Kurzum: das Risiko der EZB erhöht sich, ja, aber keineswegs so wie Sinn dies mit solchen Worten suggeriert. Das sieht auch die Bundesbank (BuBa) so. Und ich bin mir sicher, Sinn ist sich der Wirkung seiner Worte vollauf bewusst, auch wenn er sich bisweilen erstaunt zeigt.

Target “Kredite”

Dieser Ausdruck ist mindestens missverständlich und wird im Ausland teilweise heftig kritisiert. Denn Sinn nutzt es für folgende Behauptung:

Letztlich ist der Target-Kredit ein Staatskredit Deutschlands an die Krisenländer

Richtig ist, dass die Ansprüche der BuBa im Ausland target credit genannt werden, aber die Übersetzung “Kredite” trifft es nicht (es sind keine loans). Es sind zinszahlende Guthaben der BuBa beim Eurosystem/ECB, und keine Kredite an Griechenland oder sonst wen [Update: André Kühnlenz macht mich darauf aufmerksam (s. Kommentare), dass diese Zinsen keinen Zusatzgewinn für die BuBa bedeuten, sondern über das ganze Eurosystem nach Kapitalschlüssel verteilt werden.] Und den Ausfall der Forderungen trägt auch nicht der deutsche Steuerzahler, sondern das Eurosystem als Ganzes, anders als das Wort “Kredit” suggeriert. Mit dem Wort “Guthaben” hört sich das ganze schon gleich etwas anders, und vor allem: richtiger, an.

500 Mrd. Euro

Die Höhe der Buba Target-2 Guthaben beim Eurosystem haben genau gar nichts mit dem Risiko für den deutschen Steuerzahler zu tun. Ich verstehe auch nicht, warum diese Zahl von Zeitungen ständig wiederholt wird (FAZ: “465 Milliarden Euro Risiken”) – in vollem Bewusstsein, dass der Leser das nicht bzw. missversteht.

Angenommen, die hinterlegten Sicherheiten bei den nationalen Notenbanken am Mittelmeer sind weniger wert als sie abzüglich haircut bei der EZB in den Büchern stehen und die Bank, die diese hinterlegt hat, geht pleite (merkwürdig, selbst die Schrottbank HRE hat man nicht pleite gehen lassen, warum wird auf einmal mit dieser Möglichkeit gerechnet, als sei es wahrscheinlich?). Dann wird Deutschland knapp 1/3 dieser Verluste tragen. Mit der Höhe der Target-2 Guthaben hat das aber nichts zu tun. Die Risiken der EZB stecken allein darin, welche Sicherheiten sie zu welchen Konditionen aufgenommen hat. Zugegeben gibt es darüber wenige Informationen oder Daten, besonders bei den ELAs.

Zusammenbruch des Euro

Aber wenn der Euro zusammenbricht… Da ein Zusammenbruch des Euro ohnehin Unsinn ist, gehe ich davon aus, dass die meisten einen Austritt Griechenlands, Portugals und maximal noch Irlands meinen. In Ordnung, was dann?

Die EZB hat Sicherheiten, die vermutlich in eine andere Währung umgeschrieben werden, und das Eurosystem macht vermutlich Verluste. (Ich blende einmal den sehr unwahrscheinlichen Fall aus, dass die griechische Zentralbank mit den Sicherheiten in die Karibik durchbrennt.) Nun stehen den auf deutschen Konten gutgeschriebenen Geldern keine ausreichenden Sicherheiten bei der EZB mehr gegenüber. Die EZB geht dann natürlich nicht pleite, und es kommt auch nicht zu Inflation, aber sie macht Verluste. Das allein heißt aber noch nichts. Denn was ist das Gegenszenario, das counterfactual? Dazu müssen wir uns zunächst mit der Ursache der großen Salden beschäftigen.

Finanzierung einer Leistungsbilanz

Wie Willem Buiter schon früh ausgeführt hat, ist es möglich, dass Target-2 eine Leistungsbilanz finanziert, aber genauso kann es Kapitalflucht kompensieren. Der Unterschied ist nicht akademisch, sondern wichtig (bitte lest es ganz, ich weiß, es ist ein langes und schweres Zitat):

The broader point is that the focus on current-account imbalances within Europe has distracted from the more dramatic evolution on the capital account. … [A]n offsetting and more significant development has been a reversal of capital flows within Europe. Germany, though still enjoying a current-account surplus with the world (and with other European economies), has become a net recipient of capital from the world, especially from the financially-distressed economies in Europe. Absent filling this gap via TARGET, the adjustment would have been considerably more wrenching, with potentially widespread bank failures.

The change in Bundesbank’s TARGET claims has had a strong negative correlation with the capital flows to the countries under stress. In contrast, there is little relationship between the change in TARGET claims and the current-account balance with these countries. In other words, the TARGET mechanism has apparently balanced the flows on the capital account. Only this time around, the size of the TARGET financing is much larger and potentially more persistent. German investment positions in the rest of Europe are being unwound but private funds are not easily available to finance these payments. As such, banks in stressed economies are turning to their central banks, who in turn obtain liquidity through the system of interconnected European national central banks. In contrast, German banks enjoy greater liquidity, which they are unwilling to use either for direct financing of trade or in the interbank market presumably because of a heightened perception of credit risks. This excess liquidity is being channelled back into the Eurosystem through the Bundesbank, which is, therefore, a large creditor.

The TARGET imbalances are thus a symptom of differential liquidity and funding conditions across the Eurozone banking system. The Eurozone has used the TARGET mechanism to deal with the major shift in the direction of capital flows. This has been an important achievement. However, the TARGET system is intended to deal with liquidity needs and is, therefore, expected to be in balance except over short periods. The return to balance on this occasion will likely be longer and will require adjustments that go beyond traditional demand management policies to reduce current-account deficits. At stake here is the entire financial architecture of the Eurozone.

Wenn man also die Target-2 Salden betrachtet, muss man analysieren, warum sie entstehen. Die Kapitalflucht und damit die Banken sind der Treiber, nicht die Leistungsbilanz (was den anpassungsunwilligen Griechen suggerieren würde). Und das counterfactual heißt nicht: Deutschland kommt billiger weg. Es heißt: ein partieller Zusammenbruch des europäischen Finanzsystems.

Wo ist das counterfactual ?

Was mich am meisten stört an dieser ganzen Debatte ist, dass anscheinend niemand in der Lage ist, ein vollständiges (!) counterfactual zu präsentieren, inklusive Sinn. Denn was passiert oder wäre passiert, wenn Target-2 nicht existierte / mit Sicherheiten extra besichert werden müsste / mit Strafzinsen belegt würde? Mein Gastblogger Henry Kaspar hat dies schon im Juni letzten Jahres bemängelt, geändert hat sich nichts. Vielleicht aus gutem Grund. Denn dann müsste man die Geschichte wirklich zu Ende denken.

Ohne Target-2 (und die anderen Vorschläge gehen auch in diese Richtung, machen sie Target-2 doch ungleich teurer), wären die Banken der Peripherie im Handumdrehen insolvent. Das hätte Folgen für diese Länder, aber vor allem für diejenigen, die dort investiert hatten: deutsche Banken und andere Investoren.

Will ich damit etwa sagen, dass die Deutschen die größten Profiteure von Target-2 sind? “Die Deutschen” ist so falsch wie “die Griechen”: die Risiken, die der europäische Steuerzahler via EZB auf sich genommen hat, hat er vorher den Investoren abgenommen. Ein Teil davon ist gerechtfertigt, die Zentralbank muss die Liquidität des Bankensektors sicher stellen – nichts wäre ökonomisch sinnloser als eine reine Liquiditätskrise. Ein Teil davon aber ist der fragwürdigen Solvenz der Banken im Süden geschuldet. Davon profitieren alle Investoren, u.a. deutsche. Wer Interesse hat, sollte dazu auch den Beitrag von Philip Plickert beim Fazit lesen.

Zu Guter Letzt profitiert Deutschland durch große Kapitalzuflüsse und die dadurch entstehenden Niedrigzinsen, die es ohne Target-2 so nicht gegeben hätte, weil das Kapital in der Peripherie sich an den dann notgedrungen entstehenden privaten Umschuldungen hätte beteiligen müssen, und die Länder vermutlich ihre Grenzen hätten dicht machen müssen.

Das ist alles spekulativ, das ist mir klar, allerdings ist die ganze Diskussion ohne ein vollständiges counterfactual  sinnlos.

Eine berechtigte Kritik

Wie sähe also eine berechtigte Kritik an Target-2 aus? In meinen Augen ist Target-2 ein integraler Bestandteil einer Währungsunion. Ohne solch einen Mechanismus gäbe es schlicht verschiedene Länder, die sich eine Währung teilen, auf die sie keinen Einfluss haben (einem Goldstandard vergleichbar). Ohne die Möglichkeit von Katpialverkehrskontrollen ist dies aber in meinen Augen ein Himmelfahrtskommando.

Wenn man also die großen Target-2 Salden kritisiert, dann doch so:

  • Wenn man diese Salden verhindern will, muss man vor allem die Ursachen bekämpfen. Die Target-2 Salden sind ein Symptom, nicht mehr.
  • Es waren und sind vor allem Banken, die mit LTROs und ELAs über Wasser gehalten werden, weil die Politik nicht den Mut hat, sie zwangsweise zu rekapitalisieren oder abzuwickeln, notfalls mit europäischem Steuergeld. Das wäre zumindest ehrlich. So aber trägt die EZB einen Teil der Last, die Banken darüber zu rekapitalisieren, dass sie ihnen Gewinne erlaubt. Eine solche Subventionierung durch die Hintertür kann und darf nicht sein.
  • Denn so ermöglicht man Investoren, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, und die Risiken beim Steuerzahler abzuladen. Der EZB als Hüterin der Stabilität sind dann die Hände gebunden, denn sie muss handeln.
  • Die Target-2 Salden zeigen vor allem, wie unvorbereitet Europa in diese Währungsunion geschlittert ist, unter anderem weil die meisten Ökonomen in Europa, Sinn inklusive, die Risiken völlig falsch eingeschätzt haben, und dachten, Maastricht würde reichen – gegen den ausdrücklichen Rat der meisten Ökonomen in den USA oder auch in UK, und gegen jede historische Erfahrung.
  • Wenn man Target-2 als Symptom interpretiert, und das sollte man, lässt das nur einen Schluss zu: die Makroökonomie (!) in Europa muss dringend reformiert und verbessert werden.
  • Wie gelingt es, Lohnerhöhungen nur noch dann zu ermöglichen, wenn sie durch Produktivitätsfortschritte im tradables sector gerechtfertigt sind?
  • Wie gelingt es, regionale Inflation einzudämmen, wenn sie nicht gerechtfertigt ist, aber dennoch entsteht? Zum Beispiel indem man einen kreditfinanzierten Boom begrenzt, und sei es durch die Erschwerung des Kreditzugangs oder gar durch die Aussetzung von Baugenehmigungen oder prohibitive Grunderwerbssteuern.
  • Wie gelingt eine Schuldenbremse, die Boomländern mit zu hoher und nicht gerechtfertigter Inflation hohe Budgetüberschusse verordnet, und nicht nur solche, die eine deutsche Schuldenbremse vorschreibt?
  • Wie können wir zur regionalen Konjunkturunterstützung einen europäischen Fiskalfonds auflegen?
  • Ist ein 2% Inflationsziel in einer solch ungleichmäßigen (=suboptimalen) Währungsunion optimal? Wäre nicht eine höhere Rate, zum Beispiel 3%, fokussiert auf Kerninflation, das bessere Ziel?

Wer Target-2 isoliert kritisiert, verkennt die wahren Ursachen und die Lösungen für die Zukunft. Es ist an der Zeit, dass sich die Diskussion auf diese konzentriert. Dann würde vielleicht auch die deutsche Politik aufwachen und merken, dass die Schuldenkrise nur zum Teil eine Schuldenkrise ist, und zum weitaus größten Teil eine Krise des makroökonomischen Designs Europas. Wenn die Target-2 Debatte dazu führt, können wir Hans Werner Sinn nur dankbar sein. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg…

PS: Wer Jens Weidmanns Beitrag in der FAZ noch nicht gelesen hat: absolute Pflichtlektüre! Und seine Argumente decken sich, mit der gebotenen Vorsicht eines Zentralbankers formuliert, auch mit meinen oben.

PPS: Mark Schieritz und Olaf Storbeck haben sich auch kürzlich geäußert.

[Update: Tja, das kommt davon, wenn man den Handelsblog nicht genau liest... oder irgendeinen Blog im Moment, really. So habe ich den Beitrag von Philipp König im Handelsblatt verpasst, der nicht nur sehr lesenswert ist, sondern so ungefähr der ersten Hälfte meines Eintrags hier entspricht.]

The liquidity trap, monetary policy, and inflation expectations (help needed)

By Henry Kaspar

One joy of blogging is that it provides an opportunity to present thoughts to a diverse, expert audience, and to see to whether the thoughts survive scrutiny. This post is different: I will ask readers for help with a puzzle that continues to bug me. The puzzle relates to the effectiveness of monetary policy in the liquidity trap.

There are two views on this issue, let’s call them the “traditional” and the “modern” view.

  • The traditional view claims that in the liquidity trap monetary policy is powerless. If individuals want to hoard money rather than spend it, injecting more money won’t stimulate domestic demand. The most prominent proponent of the traditional view is of course Keynes. Among contemporary economists, this piece by Willem Buiter reads fairly traditional.
  • The modern view has been developed by economists like Paul Krugman and Michael Woodford. It claims monetary policy can overcome the liquidity trap by creating inflation expectations that drive down real interest rates. If folks fear inflation would erode the real value of their cash holdings, this creates an incentive to stop hoarding. NGDP targeting builds on this, in essence it is a policy rule obliging the central bank to target higher inflation during depressions.

My trouble with the modern view is: how can the central bank create inflation expectations when the economy is stuck in the liquidity trap? 

True, the central bank can flood banks with base money. It has no means, however, to ensure that banks pass the impulse on to households and corporations through credit creation – which won’t happen as there is no demand. And even when the central bank circumvents the banking system and targets directly the real economy through asset purchases (QE), chances are that households and corporations will either hold the receipt of these purchases as cash, or deposit the receipts with banks, who in turn deposit them with the central bank. I.e., whatever liquidity is injected comes straight back to the originator. With no means of reflating the real economy, however, the central bank cannot stimulate demand. And with no means to stimulate demand, it cannot create a shortage of goods and therefore inflation.
[P.S.: for the latter the central bank would need to buy goods rather than assets, i.e., conduct fiscal policy].

If the central bank cannot create inflation, and markets understand this, how could the central bank create inflation expectations? To use a game theoretic term, announcing a higher inflation target to combat the liquidity trap looks like a non-credible threat.

In short, I suspect the modern argument has a whiff of circularity: it assumes that (folks believe) monetary policy can overcome the liquidity trap, and from there derives that monetary policy can overcome the liquidity trap.

I know of three counter-arguments, but neither leaves me fully convinced:

1. At some point the liquidity trap will end by itself, and the central bank will regain traction. If the central bank promises higher inflation for then, this would reduce real rates already now, and thus help the economy out of depression.  This link looks plausible but weak. Consider an economy like the U.S. that goes through a protracted balance sheet recession: credit constrained borrowers pay down excessive debts, transferring funds to creditors who have a higher propensity to save. Until debt is paid down to sustainable levels, private sector demand will be depressed – a process that can take years. The central bank could therefore promise higher inflation only for years down the road, changing savers’ calculus at best for very long-term investments – which, in turn, would arguably trigger a minimal increase in demand only, insufficient to eliminate the excess in desired savings. Cash hoarding would remain prevalent.
[P.S.: this concern is independent from the question of whether announcing a higher long-term inflation target would be time consistent and therefore credible]

2. The central bank could tie its currency to a foreign currency at a depreciated – and therefore inflationary – exchange rate. This is the Svensson mechanism. Essentially the central bank, unable do anchor inflation expectations itself,  would temporarily adopt a foreign anchor. I see how this could work for a small, open economy – but not for large, relatively closed economies like the U.S. or the euro area. The required devaluation would be huge, and the countries whose currencies were supposed to appreciate against the dollar or the euro would not allow this to happen.   

3. QE works not only through inflation expectations but also other channels, such as portfolio reallocation. I have no problem with the substance of this argument; one may label this Bernanke-QE as opposed to Woodford-QE. Yes, Bernanke-QE can work.  But it is a different matter altogether: portfolio reallocation aims at reducing longer-term interest rates, and an economy with positive nominal longer-term rates is not truly in a liquidity trap.

Our commentator Alex F. once noted that macroeconomists can be divided into mechanics and metaphysicists (similarly Nick Rowe). Metaphysicists trust the power of expectations, mechanics need a physical transmission channel. He is right. I am a mechanic. I won’t believe into the success of a policy as long as I fail to understand how it works. And if there are more folks like me out there, fighting the liquidity trap through inflation targeting is doomed.

But I sense I am missing something obvious. Who can help?

Assetblasen, Boom-Bust-Zyklen, und Patrick Bernaus Geldschwemme (wonkish)

Von Henry Kaspar

Patrick Bernau von der FAS (und Fazit) schrieb Anfang Dezember einen vielbeachteten Blog-Artikel zur angeblichen „Geldschwemme“. Bernau setzte sich darin kritisch mit geldpolitischen Aktionen wie Quantitative Easing der Fed oder Staatsanleihenkäufe der EZB auseinander, und warnte vor latenten Inflationsgefahren – eine durchaus verbreitete Ansicht unter konservativen Ökonomen. 

Nun versprach ich schon vor einiger Zeit, Bernaus Thesen genauer unter die Lupe zu nehmen. Dieser Artikel ist die Einlösung meines Versprechens. Mein „Fazit“ vorab: ich sympathisiere durchaus in Teilen mit Bernau; insbesondere damit dass die Fed-Geldpolitik vor der Krise zu lose war und für die Krise mitverantwortlich ist, und dass Zentralbanken die Entwicklung von Geld und Kredit in Auge behalten sollen. Aber Bernaus Schlussfolgerung ist unzutreffend. Es gibt hier und heute keinen inflationären Geldüberhang. Richtig ist das Gegenteil: die vor der Krise geschaffene überschüssige Geldmenge wirkt heute deflationär.

Das Thema ist komplex, deshalb ist es wichtig in Schritten vorzugehen. Zunächst gilt es festzulegen mit welchen Thesen ich mich auseinandersetze. Es gibt bessere und schlechtere Argumente in der geldpoltischen Debatte. Ein schlechtes Argument ist dass Quantitative Easing (QE) der Fed oder Staatsanleihenkäufe der EZB per se „lose Geldpolitik“ seien und damit inflationär. Richtig ist, dass QE/Anleihekäufe die Zentralbankgeldmenge aufblähen – aber für Inflation ist das irrelevant. Wenn die Zentralbank Geld schöpft, aber das Geld sofort zur Zentralbank zurückehrt in Form von Zentralbankeinlagen der Geschäftsbanken, ist nichts von dem Geld in der Realwirtschaft angekommen—und kann damit weder Güter- noch Assetpreisinflation auslösen. „Realwirtschaftliches Geld“ entsteht erst durch den Kreditschöpfungsprozess der Geschäftsbanken. Dies wird durch breite Geldmengenaggregate wie M3 erfasst. Und wie die Graphik unten links zeigt, ist M3 in der Eurozone z.B. seit 2009 sehr langsam gewachsen.

Was heißt: die Geldpolitik von Fed und EZB ist – QE und Anleihenkäufe hin oder her - de facto restriktiv, weit restriktiver als vor 2009. Mir scheint dies unbestreitbar. Es wird auch bestätigt von alternativen geldpolitische Maßen, wie Taylor-Zinsen oder Kantoos‘ NGDP.

Ein subtileres Argument ist, dass des „Geldüberhangs“. Danach bestimmt weniger das aktuelle Geldmengenwachstum Güter- und Assetpreisinflation, sondern Geldmengenwachstum über einen längeren Zeitraum. In den Augen differenzierter argumentierender Geldkonservativer war die Geldpolitik insbesondere der Fed vor der Krise zu lose – eine Ansicht die ich teile - und dies, so geht das Argument weiter, habe Nachwirkungen bis auf den heutigen Tag. Es gebe immer noch „zu viel Geld“ in der Welt, und dieses „Zuviel“ an Geld könne jederzeit wieder Asset- und Güterpreisinflation auslösen. QE und Staatsanleihenkäufe würden verhindern, dass der Geldüberhang schnell genug abgebaut werde. In Bernaus eigenen Worten:

In Amerika hat Alan Greenspan über Jahre hinweg zu viel Geld verteilt. Er bekam immer größere Blasen – bis zur Immobilienblase und der Finanzkrise. Großbritannien ging es nicht besser. Die Eurozone war ebenfalls nicht immun. Sie hatte von ihrem Geld nicht nur eine Immobilienblase in Irland und Spanien …. Genau das macht mir große Sorgen. Denn das Geld ist jetzt noch nicht weg, es ist nur woanders. Und schickt sich dort an, die nächsten Blasen zu befüllen.

Stimmt das? 

Ich habe zwei Einwände. Der erste, etwas oberflächliche Einwand ist empirisch. Sollte es in der Eurozone jemals einen Geldüberhang gegeben haben so ist der inzwischen wohl abgebaut. Die Graphik oben rechts nimmt als Norm das durchschnittliche Geldmengenwachstum der pre-Boom Jahre 1999-2004. Sie zeigt: die geldpolitische Expansion der Jahre 2005-08 ist durch das niedrige Wachstum 2009-11 „ausgeglichen“. [P.S.: das Ergebnis lässt sich freilich manipulieren durch Wahl eines niedrigen M3-Referenzwachstums - dies kann jeden beliebigen „Geldüberhang“ kreieren.]

Mein zweiter – und wichtigerer – Einwand ist ökonomischer Natur. Um ihn herauszuarbeiten ist es erforderlich, den Zusammenhang zwischen Geld, Verschuldung und Assetpreisen präzise durchzudeklinieren. Im Folgenden skizziere ich deshalb anhand von Sektorbilanzen die Kerncharakteristiken einer Volkswirtschaft, die einen Boom-Bust Assetzyklus durchläuft – so wie die USA und Teile Europas in den vergangenen 5-10 Jahren. Ich fürchte die Argumentation wird ein wenig technisch, aber ich würde mich freuen wenn der Leser durchhalten würde – ein klares Verständnis der Punkte, um die es hier geht, scheint mir unabdingbar um die geldpolitischen Implikationen der Finanzkrise zu verstehen. Ich verspreche das Folgende so einfach wie möglich zu halten.

Fassen wir die Volkswirtschaft also in drei Sektoren zusammen: Banken, Hausbesitzer, und Rest der Volkswirtschaft. Ihre stilisierten sehen Bilanzen wie folgt aus  [P.S.: „A“ sind Assets oder Aktiva, „L“ Liabilities oder Passiva] :

(i)  Banken. Die Banken vergeben Kredite, finanziert zum Teil durch Depositeneinlagen (=Geld) und zum Teil durch Eigenkapital. Die Zentralbank ist Teil des Bankensystems

[P.S.: das Verhalten der Zentralbank ist nicht explizit modelliert, aber implizit ist dass es ihr nicht gelingt die Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage vollständig auszugleichen - weder das Überschiessen im Boom noch den Einbruch nach dem Bust].

(ii)  Hausbesitzer („Home owners“). Hausbesitzer leihen sich Geld von den Banken um es für Konsumgüter auszugeben. Den Kredit besichern sie mit dem Wert ihrer Häuser.

(iii)  der Rest der Volkswirtschaft („Rest of the economy“). Der Rest der Volkswirtschaft produziert Konsumgüter und verkauft sie an die Hausbesitzer. Den Erlös deponiert er mit dem Bankensystem. Dem Rest der Volkswirtschaft gehören auch die Banken. Es ist der einzige Sektor mit (in der Ausgangslage) positivem Nettovermögen.

Auf die USA bezogen ist (i) das U.S. Bankensystem, (ii) U.S. Haushalte, und (iii) der Rest der Welt. In Europa ist (i) das europäische Bankensystem, (ii) sind (z.B.) spanische Haushalte, und (iii) ist die deutsche Volkswirtschaft.

Nun zum Boom-Bust Zyklus. 

In Schritt 1 steigen die Hauspreise, z.B. als Reaktion auf günstige Finanzierungsbedingungen. Die Bilanz der Hausbesitzer verändert sich wie folgt:

Die Häuser sind mehr wert, und die Hausbesitzer haben jetzt ein positives Nettovermögen. Den höheren Wert ihrer Häuser können sie beleihen, d.h. sie nehmen bei der Bank einen weiteren Hypothekenkredit auf, und kaufen damit mehr Konsumgüter vom Rest der Volkswirtschaft. Der „Rest“ wiederum deponiert den Erlös mit den Banken. Dies ist Schritt 2. Ergebnis:

Einige wichtige Dinge sind passiert:

  • die Nachfrage nach Konsumgütern ist gestiegen, d.h. die Volkswirtschaft boomt;
  • die Hausbesitzer sind höher verschuldet;
  • das Bankensystem hat Geld geschöpft und die Geldmenge ist gewachsen. Zugleich sind die Bankeinlagen gewachsen relativ zum Bankenkapital, d.h. die Banken sind stärker gehebelt. Dies macht sie profitabler, aber auch anfälliger für Schocks.
  • Der Rest der Volkswirtschaft hat ein höheres Nettovermögen - zumindest auf dem Papier.

Seitenbemerkung: sofern die Hausbesitzer mit dem zusätzlichen Kredit nicht nur Konsumgüter kaufen, sondern auch weitere Häuser, bekommen die Hauspreise erneut einen Schub, und der Hauspreis-Kredit-Zyklus geht in die nächste Runde. Dies ist das Bernanke-Gertler Finanzakzelerator-Modell.

Nun zum dritten Schritt: der Hauspreisboom erweist sich als Blase, und bricht zusammen.  Die Schulden der Hausbesitzer übersteigen jetzt den Wert ihrer Häuser – es gibt einen „Schuldenüberhang“:

Was passiert nun? Es gibt zwei Varianten; in der Realität geschieht meist eine Mischung aus beiden.

1. Die erste Variante ist eine Finanzkrise. Die überschuldeten Hausbesitzer melden Insolvenz an. Die Banken schreiben die Kredite ab und kassieren im Gegenzug das Kollateral, also die Häuser, deren Wert die ausstehenden Kredite aber nicht mehr abdeckt: die Banken müssen den Verlust aus ihrem Kapital bestreiten. Der Schuldenüberhang der Hausbesitzer ist damit abgebaut, aber das Kapital der Banken ist weg, d.h. sie stehen nun selbst am Rande der Insolvenz:

Eine Finanzkrise ist offensichtlich deflationär. Zum einen ist der nachfragestimulierende Finanzakzelerator gestoppt, ohne Möglichkeit ihn wiederzubeleben (die einstigen Hausbesitzer haben ja gar keinen Vermögensgegenstand mehr, den sie beleihen könnten). Zum anderen zwingt die Kapitalknappheit die Banken, die Kreditvergabe einzuschränken.

Zugleich aber gibt es mehr Geld in der Volkswirtschaft als vor dem Boom-Bust-Zyklus (vergleiche „Step 4“ mit der „Starting Position“). Gehalten wird es vom Rest der Volkswirtschaft, der nach dem Boom-Bust Zyklus nur noch Bankeinlagen (=Geld) hat, während er vor dem Zyklus eine Mischung aus Bankeinlagen und Bankkapital besaß. Es ist genau dieses zu viel an Geld, und zu wenig an Bankkapital, welches den Kern der Krise ausmacht und Deflationsdruck ausübt - und nicht etwa Inflationsdruck, wie Bernau sich das vorstellt. Denn ohne hinreichend Bankkapital gibt es keine Kreditvergabe, ohne Kreditvergabe keine gesamtwirtschaftliche Nachfrage, und ohne Nachfrage keine Inflation.

[P.S.: beenden würde die Kreditklemme die Rekapitalisierung des Bankensystems - d.h. der "Rest der Volkswirtschaft" wandelt einen Teil seiner Bankeinlagen um in Bankkapital. Verschliesst sich der "Rest" dieser Lösung - etwa weil er, gebrannt von der Krise, riskante Investitionen scheut - und sucht stattdessen weniger riskante Anlagen, bleibt die Volkswirtschaft einerseits geschwächt durch ein unterkapitalisiertes Bankensystem; andererseits kann die Suche nach sicheren Anlagen die Preise von Staatsanleihen etc. in die Höhe treiben. Die Konstellation - deflationärer Nachfrageeinbruch, niedrige Zinsen und hohe Anleihenkurse - entspricht der keynes'schen Liquiditätsfalle. Ein Ausweg, zumindest für leistungsfähige Staaten, ist Staatsanleihen auszugeben und damit die Banken zu rekapitalisieren.]

2. Die andere Variante ist Richard Koos „Balance Sheet Rezession“. Hausbesitzer tragen ihre Schulden schrittweise ab, indem sie ihr Arbeitseinkommen (bislang der Einfachheit halber weggelassen) für Schuldentilgung verwenden. Während sie Schulden abtragen verzichten sie – notgedrungen – auf Konsum. Auch eine Balance Sheet Rezession ist deflationär, und erneut hängt dies mit dem Geldüberhang zusammen: das überschüssige Geld ist die Kehrseite exzessiver Schulden, und der Schuldenüberhang drückt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Ein Zusammenhang der seit mindestens Irving Fisher (1933) bekannt ist.

Wie man es auch dreht und wendet: der Geldüberhang wirkt nach dem Platzen der Assetblase deflationär, nicht inflationär.

Bernaus Fehlkonzeption scheint mir „Geld“ als exogene Größe zu betrachten, anstatt als endogenes Ergebnis des Kreditschöpfungsprozesses. Richtig ist: neu geschöpftes Geschäftsbankengeld wirkt inflationär, weil es mit der Ausweitung von Kredit einhergeht, und damit mit stärkerer Nachfrage nach Gütern oder Assets. Aber in der Vergangenheit geschöpftes Geld kann inflationär oder deflationär wirken, je nachdem wie sich die Kredite entwickelt haben welche im Zuge der Geldschöpfung vergeben wurden, und die Preise der Assets welche die Kredite besichern. Von einem inflationären Geldüberhang zu sprechen macht keinen Sinn wenn ein Platzen der Assetpreisblase die wechselseitige Expansion von Geld- und Kreditschöpfung und Assetpreisen unterbricht, und einen Schuldenberg zurücklässt der von den Assetpreisen nicht mehr gedeckt ist.

Diese konzeptionelle Differenz zieht auch eine etwas andere wirtschaftspolitische Schlussfolgerung nach sich. Die ist nicht, dass zu viel Geld Assetblasen erzeuge, und Assetblasen per se gefährlich seien. Ein Schuh wird so draus: Assetblasen provozieren exzessive Geld- und Kreditschöpfung, damit Überschuldung, Finanzkrise und Depression – und deswegen sind sie so gefährlich.

Zur Debattenkultur in der VWL-Kritik

Ich freue mich sehr, einen Gastbeitrag von Rüdiger Bachmann ankündigen zu dürfen, in dem er sich – nach seinem kürzlichen Beitrag auf Spiegel Online hier auf Kantoos Economics erneut der Kritik an der modernen VWL stellt.

Von Rüdiger Bachmann

Oh boy, da ist ja wieder einmal ein Feuersturm auf mich herein geprasselt nach meinem Spiegel Online Artikel, der dann in der Ökonomenstimme leicht verändert nachgedruckt wurde. Die Resonanz war übrigens nicht nur negativ. Ich habe vor allem von Studenten der VWL einige Emails bekommen, die genau wie ich die moderne VWL anders erleben als sie nahezu einhellig von der deutschen Journalistik und Blogosphäre beschrieben wird (große Ausnahme: Kantoos), nämlich als in der Tat kritisches, plurales, dynamisches und offenes Wissenssystem. Und die es Leid sind, sich ständig rechtfertigen zu müssen ein Fach zu studieren, das Ihnen Spass macht, und nur darauf gewartet haben, dass einmal diejenigen, die das ohne Gefahr für ihr Einkommen tun können (beamtete Professoren), für das Fach einstehen. Insofern entspricht die veröffentlichte Meinung vielleicht nicht ganz dem wahren Meinungsbild. Nebenbemerkung: ich finde es schon seltsam, wenn nahezu die gesamte deutsche Journalistik gegen die universitäre VWL wettert – da fragt man sich schon, ob man da die Forderung nach Pluralität und Offenheit selbst immer so Ernst nimmt.

Was mich aber am meisten enttäuscht hat in dieser Debatte, ist der Mangel an Rezeptionsfähigkeit, und zwar vor allem bei denen, die es qua Amt und Qualifikation eigentlich besser können müssten: die Herrn Professoren. Konkret im Interview Reiner Eichenbergers mit dem schweizer Tagesanzeiger „Wer die Ökonomie versteht, kann die Welt verändern“, und in dem Ökonomenstimme Artikel Mathias Binswangers „Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal“.

Beginnen wir mit dem Interview Eichenberges, dessen Einlassungen in der FAZ zum Thema ich ansonsten sehr richtig und wichtig finde. Die Einleitungsfrage des Tagesanzeiger lautete:

Tagesanzeiger: Herr Eichenberger, was halten Sie von der These Ihres Kollegen Rüdiger Bachmann, dass nur über Wirtschaft diskutieren dürfe, wer sich in den wissenschaftlichen Diskurs einklinkt?“

Eichenberger: Einerseits ist es natürlich tatsächlich so, dass die Volkswirtschaft eine komplexe, nur für eine kleine Minderheit verständliche Wissenschaftsdisziplin darstellt.

Soweit so gut. Eichberger weiter:

Mit Bachmanns Homer-Vergleich bin ich allerdings nicht einverstanden. Ökonomie betrifft alle und ist für unser Leben relevant, im Gegensatz zu Homer. Deshalb ist klar, dass der Austausch über Ökonomie in einem offenen System stattfinden muss. Wenn nur die Expertenmeinung zählen würde, wäre das gefährlich und schrecklich.

Man kann vielleicht durchaus behaupten, dass Homer relevanter für unser Leben ist, als das meiste, was die VWL produziert (was im Übrigen überhaupt nicht per se gegen die VWL spricht). Was aber schlimmer ist: an keiner Stelle meines Artikels wurde gesagt, dass nur die Expertenmeinung zählen soll — außer, leider, der dummen Überschrift, die, das muss man wissen, wenn man für Zeitungen schreibt, nicht in der Verfügungsgewalt des Autors steckt; aber von Kollegen muss man eigentlich erwarten können, dass sie den ganzen Artikel lesen.

Was ist hier los? Ich denke, im Verhältnis VWL-Gesellschaft, im Verhältnis Fachökonomen-Nichtökonomen sind mindestens drei Ebenen zu unterscheiden, die bei Herrn Eichenberger ebenso wie in den meisten Kommentaren zu meinem Artikel durcheinandergingen.

      1. Wer darf über wirtschaftliche Ziele, wer darf über wirtschaftliche Ergebnisse urteilen?

Ich dachte eigentlich, dass man von einem auf die demokratische Grundordnung verpflichteten deutschen Beamten nicht immer noch jedes Mal extra das Bekenntnis zu einer Selbstverständlichkeit verlangen muss: die Definition der wirtschaftlichen Ziele und die Kritik wirtschaftlicher Ergebnisse sind natürlich Sache des Elektorats, der Medien, etc. und kein Privileg von VWL-Professoren. VWL-Professoren sind (oder sollten es sein) vielleicht etwas geschulter darin, auf Zielkonflikte und Budgetrestriktionen, auf Konsequenzen aufmerksam zu machen, aber hier wird es sich immer um eine breite, gesellschaftliche Diskussion handeln (auch hier ist nicht alles schrankenlos: wenn es zum Beispiel um staatliche Eingriffe in das Eigentumsrecht Reicher geht – kommt man vielleicht mit nur Demokratie auch nicht weiter und wird sich stattdessen des Rechtsstaates bedienen müssen).

Jeder hat natürlich das Recht, gegen Ungleichheit und gegen tatsächliche oder wahrgenommene Gier der Finanzindustrie auf die Straße zu gehen, zu protestieren und politische Mehrheiten dagegen oder dafür zu organisieren. Ich will nicht verhehlen, dass einige VWL-Professoren, wenn sie zu oft in Talkshows gehen, ihre Rolle da anders sehen, aber: diese Ebene war jedenfalls nicht gemeint in meinen Artikel.

     2. Rechtfertigung gegenüber dem Steuerzahler

VWL-Professoren werden vom Steuerzahler bezahlt, genauso übrigens wie Ägyptologen und Ingenieure, die Waffensysteme entwickeln. Daraus ergibt sich natürlich ein Rechtfertigungstatbestand der VWL gegenüber der Gesellschaft. Auch diese Ebene war in meinem Artikel gar nicht angesprochen. Nur eines vielleicht: ich denke, dass es gefährlich ist, von Wissenschaften immer gleich Anwendbarkeit zu verlangen. Genauso wie in der Ägyptologie muss es auch in der VWL (und gerade in der Uni-VWL) Grundlagenforschung geben dürfen, wo die wirtschaftspolitische Anwendbarkeit nicht immer im Vordergrund stehen muss.

     3. Innerfachliche Kritik, das Verhältnis von Lehrenden und Studierenden.

Mir ging es ausschließlich um diesen dritten Aspekt. Anders als von Herrn Binswanger behauptet (“In dem Artikel sollte aufgezeigt werden, welch tolle Arbeit Ökonomen heute leisten und wie ungerechtfertigt Angriffe auf die Mainstreamökonomie seien.”) ging es mir nicht um eine pauschale Abkanzelung von Kritikern oder eine pauschale Apologetik der modernen VWL, und schon gar nicht darum, studentische Eigeninitiative zu kritisieren.

Denn einerseits habe ich klar gemacht, dass die zurückliegenden Entwicklungen uns viele Jahre an spannender und mühsamer Forschungsarbeit beschert haben, und dass wir vieles nicht wissen. Zweitens scheint es mir weniger die moderne VWL als vielmehr die sogenannten Heterodoxien zu sein, die es schon immer wissen und sich gegen Kritik von außen immunisieren. Man setze mal einen Österreicher neben einen Postkeynesianer! Und drittens ist Herr Binswangers Kritik, vorsichtig formuliert, sehr selektiv. Erst pickt er sich aus dem Journal of Political Economy ein zugegebenermaßen etwas komisches Beispiel mit dem Prostitutionsartikel, den wahrscheinlich mehr Mainstreamökonomen genauso ablehnen würden als nicht, dann suggeriert er dem Leser das sei charakteristisch für die moderne VWL. Zu guter Letzt behauptet er noch, dass ein Folgeartikel in den Papers and Proceedings des American Economic Review eine Spitzenpublikation darstellt (die Papers and Proceedings sind nicht das AER), die der erste Journal of Political Economy Beitrag erzeugt habe. Das ist schlicht bewusste Täuschung der nicht-fachlichen Öffentlichkeit und einfach unredlich.

Mein Artikel hatte vielmehr einen ganz klaren Hauptaddressaten: Studenten der VWL, und als solche waren sie angesprochen. Und als solche sind sie nun einmal aufgefordert die cutting edge Sprache ihres Faches zu lernen und zu sprechen, bevor sie im wissenschaftlichen Diskurs, der dann natürlich innovativ und kritisch sein darf, ja muss, mitreden wollen (genauso wie Studenten der Altphilologie erst einmal Griechisch lernen müssen, Herr Eichenberger).

Ich finde es bekümmernd und ein Armutszeugnis für die Debattenkultur, dass man auf diesen geradezu trivialen Sachverhalt überhaupt aufmerksam machen muss. Es gehört nun einmal notwendig zu einer jeden Wissenschaft in der aufgeklärten, abendländischen Tradition, dass sie eine gewisse Autonomie hat, dass sie ihre Erkenntnisziele, ihre Methoden, ihre Definition von Wissenschaftlichkeit selbst treffen darf. Und dass man erst einmal ein gewisses Wissen und Können mitbringen muss, um in diesem Diskurs legitimerweise mitreden zu dürfen (natürlich ist das nicht im Sinne eines faktischen Redeverbotes gemeint, sondern in einem legitimatorischen Sinne). Nur in totalitären, faschistischen Gesellschaften regieren die Politik und die Gesellschaft direkt in die Wissenschaft hinein.

In jedem anderen Bereich außer der VWL ist Autonomie auch weitgehend Konsens und eine Selbstverständlichkeit. Wir werden keinen demokratischen Diskurs darüber haben können, was die beste Krebstherapie ist, oder ob die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures oder die universale Transformationsgrammatik Noam Chomskys die Linguistik weiterbringt. Nur bei der VWL und ihren Methoden glaubt irgendwie jeder, mitreden zu können. Anders als bei der Linguistik mag es um mehr gehen (Nutzen des Mitredens ist höher), anders als bei der Humanmedizin glaubt jeder ein Verständnis von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen zu haben (Kosten des Mitredens sind niedriger), aber: wer mal arbeitslos war, hat dadurch nicht automatisch ein besseres Verständnis von Arbeitslosigkeit, und wer einen mittelständischen Betrieb führt, versteht deshalb nicht mehr von der Rolle der Investitionen für die Konjunktur, genauso wie ein Krebspatient wahrscheinlich auch nicht zu einem anderen geheilten Krebspatienten geht und dort Therapie sucht.

Und es ist ja auch nicht so, dass es keine Alternativangebote gäbe: genauso wie es homöopathische Krebstherapien gibt, können sich ja auch von der VWL enttäuschte Studenten der Philosophie, der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Anthropologie, der Rechtswissenschaft, der Theologie oder der Blogosphäre zuwenden. Schade, sage ich, aber da passt der Match dann einfach nicht.

Die VWL macht ein sehr spezifisches Wissensangebot, und das unterscheidet sie etwa von der Philosophie und auch von vielen anderen Sozialwissenschaften (auch da liest mich Herr Eichenberger bewusst oder unbewusst falsch): ihre Welterklärung ist eng, genau, partiell, oft quantitativ, detailliert. An großen, aber unbeantwortbaren Fragen wird in der VWL selten gearbeitet. Das ist nichts für Leute mit einer philosophischen Ader (bevor der politisch korrekte Entrüstungssturm wieder losgeht: das ist kein Plädoyer gegen Interdisziplinarität und wissenschaftstheoretische Reflexion: aber mein Mainzer Philosophieprofessor hat mir mal gesagt, dass Interdisziplinarität ohne starke Disziplinarität Geschwätz ist; und wenn man immer nur reflektiert, kommt man halt zu nix anderem mehr). Dass man aber Studienanfängern zubilligen soll, die Inhalte und Methoden Ihres Faches zu bestimmen, naja, das hört sich genauso lächerlich an, wie es klingt.

Das gleiche gilt übrigens auch für die Gesellschaft (siehe Ebene zwei): die VWL macht als Wissenschaft ein spezifisches, komplexes und plurales, aber eben nicht beliebiges und nicht beliebig dehnbares Gesamtangebot an die Gesellschaft im allgemeinen und an die Wirtschaftspolitik im besonderen – das die Gesellschaft auch als Ganzes ablehnen kann, aber eben nur im Gesamtpaket. Auch die Gesellschaft kann sich natürlich an die Philosophie, die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Psychologie, die Anthropologie, die Rechtswissenschaft, die Theologie oder die Blogosphäre und die sogenannten Heterodoxien, die es immer schon besser wissen, wenden bei der Suche nach Antworten auf wirtschaftliche Fragen und Probleme. Ob das sinnvoll ist, lasse ich mal dahingestellt.

Es ist unsere Aufgabe als VWL-Professoren, im Wettbewerb der Ideen dafür zu werben, dass wir das beste Gesamtangebot haben (und da haben wir Nachholbedarf). Aber solange die VWL als Wissenschaft institutionalisiert existiert, hat sie dieselben Rechte wie alle anderen Disziplinen auch: sie ist weitgehend autonom, organisiert sich selbst und Partizipation ist nicht demokratisch. Sorry.

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