Der Wirtschaftsphilosoph ist nicht allzu glücklich mit meinem letzten Eintrag zu political economy. Er gibt mich wie folgt wieder:
Kantoos scheint das zumindest für den Bereich der politischen Ökonomie anders zu sehen und hält den modernen ökonomischen Zugang für grundsätzlich überlegen gegenüber dem politologischen …
Das stimmt nicht. Ich hatte auf folgendes hinweisen wollen: politikwissenschaftliche Methodik hat sich nicht unbedingt in die Richtung weiter entwickelt, dass man damit die Wirtschaft besser verstehen kann. Daher ist das, was Politikwissenschaftler “political economy” nennen, in meinen Augen mit Vorsicht zu genießen und zum Verstehen der Wirtschaft vermutlich nicht sonderlich hilfreich. Die VWL dagegen hat Methoden entwickelt (“the strict mathematical treatment of human behaviour as rational utility maximization, and the empirical methods for dealing with ‘dirty data’, that is, non-experimental data”, wie ich schrieb), mit denen man auch ein paar (!) Fragen der Politikwissenschaft beantworten kann.
Sind wir deshalb die besseren Politologen? Das habe ich weder geschrieben noch gemeint. Wir können einen Beitrag leisten, ja, und das ist keine Selbstüberschätzung, die der WPh mir vorwirft. Ich habe aber meine Zweifel, ob die Politikwissenschaft diesen Beitrag umgekehrt in der VWL leisten kann.
Ich möchte nicht als ignoranter VWLer missverstanden werden: die Wirtschaftsgeschichte, zum Beispiel, kann einen großen Beitrag leisten und hätte ihn leisten können, wenn man auf sie gehört hätte. Allerdings kommen bei der Wirtschaftsgeschichte zwei Dinge zusammen. Erstens der geschichtswissenschaftlicher Ansatz, eine andere Zeit zu analysieren, das institutionelle Umfeld in der Vergangenheit zu verstehen usw. Zweitens aber ein Verständnis für die Wirtschaft, das ganz klar auf den Erkenntnissen der VWL bis heute aufbaut, und damit auf ihrer modernen Methodik. Das ist für mich eine sinnvolle Kombination. Ohne das tiefere Verständnis der Wirtschaft kann man keine für die Wirtschaft relevante Wissenschaft betreiben, und genau hier scheitern viele.
Das wäre übrigens auch der wichtigste Kritikpunkt an der political economy von Seiten der VWLer: dass sie zwar schöne Modelle bauen können, und auch gute empirische Arbeiten schreiben, dass sie aber kein tieferes Verständnis der Politik haben. Daher sind rein VWL-lastige political economists vermutlich auch keine guten Politologen, sondern solche sind es, die beides kombinieren können, wie die von mir erwähnten Heinmüller oder Snyder.
Vielleicht bin ich der Politikwissenschaft gegenüber aber auch zu hart, denn eine Art fallstudienbasierte “vergleichende VWL” zum Beispiel, wie sie der Kommentator DLüx im letzten Eintrag vorschlug, hat natürlich ihr Gutes und gehört eigentlich nicht mehr (!) in den methodologischen Standard-VWL-Baukasten, wohl aber immer noch zur Politikwissenschaft. Aber auch hier gilt, dass man die Wirtschaft auch wirklich verstehen muss, wofür die moderne VWL eine wichtige Voraussetzung ist. Dani Rodrik ist hier sicher ein Paradebeispiel.
Die Methodik der VWL hat sicher ein paar Dinge abgeworfen, die man nicht hätte abwerfen sollen. Und vielleicht sind es Historiker und Politikwissenschaftler, die uns daran erinnern. Aber ich bleibe dabei: ohne ein tieferes Verständnis der VWL und Wirtschaft sind solche Methoden nicht hilfreich.
PS: Zu guter Letzte noch ein Punkt, ein WPh Smackdown, wenn man so will. Ich finde nicht, dass man “die Krise” immer wieder als Kronzeugen hervor holen sollte. Die Finanzkrise in den USA 2007 ff. ist sicher ein Problem für die VWL, aber es ist bei weitem nicht so groß, wie es in den meisten Diskussionen gemacht wird. Wie Reiner Eichenberger es völlig richtig im Fazit Blog beschrieben hat:
Drittens beruhen die meisten Fehler von Ökonomen nicht auf der übertriebenen Anwendung ökonomischen Denkens, sondern gerade auf seiner Vernachlässigung. … Wenn Ökonomen etwas vorzuwerfen ist, dann dass sie ihren eigenen Ansatz zuweilen zu wenig konsequent zu Ende denken.
Und da die Presse in Deutschland sehr dazu neigt, die Krise zur Krise der VWL zu machen, und sich auch nicht zu schade ist, dafür eine Nobelpreisvergabe inhaltlich zu verdrehen, sollten Blogger diese anmaßende Übertreibung seitens der Presse nicht noch unterstützen.
Zudem ist doch fraglich, was hier “die Krise” ist. Die Eurokrise, so könnte man argumentieren, scheint nämlich ein vollständiger Sieg der VWL (wenn auch ein ziemlich bitterer) zu sein – auch über die Politologen, die im Euro die Vollendung der europäischen Einigung sahen, und alle sonstigen “Ökonomen”, die den Euro für ökonomisch sinnvoll hielten.
Ich habe das Gefühl, man muss bald ein Godwin’s Law für die VWL auflegen: jede Diskussion über die VWL wird irgendwann darauf hinauslaufen, dass jemand “die Krise” als Kronzeugen aufruft. Undifferenziert ist das aber wenig sinnvoll, und ich denke sogar eher schädlich (auch wenn der WPh sicher zur differenzierteren Sorte gehört).










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