Schaden hohe Nahrungsmittelpreise den Armen dieser Welt?

Im Rahmen der Diskussion um Spekulation und Nahrungsmittelpreise wurde eine Annahme immer diskussionslos hingenommen: höhere Preise schaden den Armen. In gewisser Weise hätte man an der Stelle immer skeptisch sein sollen. Denn waren es früher die Agrarsubventionen in der EU und den USA, die den Armen durch niedrige Preise schadeten, sind es jetzt die hohen Preise, die schaden…? Dani Rodrik hat sich an dieser Diskussion immer gestört:

High food prices benefit poor farmers who are net food sellers, and hurt poor food consumers in urban areas. Low food prices have the opposite effects. In each case, the net effect on poverty depends on the balance between these two effects. But you would hardly know it from reading what NGOs and international organizations have produced on the topic. …

In 2005, [an NGO] wrote:

US and Europe[‘s s]urplus production is sold on world markets at artificially low prices, making it impossible for farmers in developing countries to compete. As a consequence, over 900 millions of farmers are losing their livelihoods.

Three years later, following a substantial rise in food prices, [the same NGO's] view was that:

Higher food prices have pushed millions of people in developing countries further into hunger and poverty. There are now 967 million malnourished people in the world….

In other words, the news on the food prices front is always bad for the world’s poor, regardless of whether prices are rising or falling.

(Wer eine Antwort dieser NGO auf Danis Kritik lesen will, hier entlang.)

Nun hat sein Gastblogger Derek Headey empirisch nachgelegt, indem er mit anderen Methoden als den bisher verwendeten untersucht, wie sich die Ernährungsunsicherheit während der Nahrungsmittelpreiskrise 2007/08 entwickelt hat. Sein Fazit:

[E]ven if I make very conservative assumptions about food security trends in China and India, or if I predict changes with an econometric model (which irons out any outliers), then I still find that self-reported food insecurity went down by 63-87 million people, if not more. … In short, I find the exact opposite of the World Bank and USDA/FAO simulations, apparently because economic growth more-than-compensated for any adverse effects of higher food prices.

Seine Ergebnisse bedeuten natürlich nicht, dass nicht Menschen unter den hohen Preisen gelitten haben. Gerade in den (politisch wichtigen) urbanen Zentren leiden die Leute darunter und machen medienwirksam auf sich aufmerksam. Das millionenfache Leid auf dem Land allerdings, das durch niedrige Preise entstanden war, wird weniger gesehen.

Seine Schlussfolgerung ist entsprechend zurückhaltend:

So . . . new data, new doubts. Is it time for international agencies to seriously rethink their approach to measuring food insecurity?

Es ist wohl noch einiges an Forschung nötig. Ob die Hungerhilfeprojekte und-NGOs an einer ehrlichen Erforschung ein Interesse haben?

Eine Fleischsteuer für Europa?

Ja, liebe Freunde des gepflegten Holzfällersteaks, das hört Ihr nicht gerne. Es geht um die Tendenz steigender Rohstoffpreise, zu denen Nahrungsmittel nun mal auch im weiteren Sinne gehören.

Aber der Reihe nach. Tyler Cowen und Matthew Yglesias diskutieren die Tendenz steigender Preise und was dahinter steckt, Yglesias unterscheidet hierbei zwei Arten des Wachstums:

One is leap-ahead growth in which technologically advanced societies dream up even more advanced technology. The other is catch-up growth in which technologically backwards societies learn to use the advanced technology that already exists in the advanced countries.

Wenn dann die Ressourcenextraktion auch in weniger entwickelten Ländern schon auf dem neuesten Stand ist, sich aber gleichzeitig ein enormer catch-up Prozess vollzieht, so die These von Cowen, müsste dies steigende Preise zur Folge haben.

There is a long history of falling real resource prices, but is this simply reflecting the fact that the last three hundred years don’t offer many periods of catch-up growth?

Daraus leitet Yglesias folgende Prognose ab:

For rich countries, that’s inconvenient but we’ll deal. For China, it’s fine—the whole point is that incomes will be rising faster than prices. But for poor countries that aren’t growing rapidly, it’s potentially a disaster. This kind of trend is what’s driving the current instability in North Africa and will probably be a major story for years to come.

Was spricht zunächst einmal gegen diese These? Erstens sind gerade in Afrika, aber auch in Zentralasien einige Regionen noch wenig erkundet, bezogen auf Ressourcen (z.B. Afghanistan, oder Zentralafrika). Sollten es die politischen Bedingungen erlauben, könnte hier noch einiges an Potential schlummern. Das gilt auch und gerade für die Landwirtschaft. Zweitens werden die Technologien, die Ressourcen sparen, stetig weiter entwickelt, sei es wegen steigender Preise oder politischer Unsicherheit der Versorgung (z.B. Seltene Erden aus China). Beim Verbrauch von Lebensmitteln ist es mit der Sparsamkeit allerdings nicht weit her.

Insofern hat Yglesias wohl Recht: gerade bei Nahrungsmitteln sind viele Länder Afrikas derart verwundbar, dass schon kleinere Preissteigerungen zu dramatischen Situationen führen können. Und diese Preissteigerungen werden wir wohl erleben, unabhängig von Spekulanten.

Was also könnte man tun, zum Beispiel hier in Europa? Wie wäre es, den Fleischkonsum einzuschränken? Neben den ethischen Gesichtspunkten (Vegetarier bin ich allerdings selbst nicht), und Problemen des Klimawandels, spricht auch ökonomisch einiges dafür.

Bezüglich Nahrungsmittelpreisen haben wir es mit einer Externalität zu tun: unser Fleischkonsum erhöht den Marktpreis für z.B. Weizen und Mais, und macht es für arme Stadtbewohner in Afrika schwieriger, sich zu ernähren. In der reinen Theorie führt dies zwar nicht zu Effizienzproblemen, denn da wir bereit sind, mehr zu zahlen, kommen die Nahrungsmittel dort an, wo sie “den größten Nutzen stiften”. Man merkt schon, wie absurd das ist.

Um dieser Externalität entgegen zu wirken könnte man den Fleischkonsum Pigou-besteuern. Und was spräche eigentlich dagegen? Fleisch ist ab einer kleinen Menge bestenfalls unschädlich, vermutlich aber eher schädlich für den Konsumenten selbst. Es wäre also schon vor diesem Hintergrund zu begrüßen, ähnlich wie bei Tabaksteuern. Wichtiger aber ist, dass eine derartige Steuer den Fleischhunger der Europäer reduzieren würde – also auch die Nachfrage der Fleischindustrie nach Inputs, zu denen auch das gehört, was andere als Grundnahrungsmittel verwenden. Und wenn nicht direkt, so doch indirekt auf Grund der Anbauflächen. Noch besser wäre es, gleichzeitig die Auflagen für den Tierschutz für in Europa verkauftes Fleisch zu erhöhen, was vermutlich ebenfalls steigende Fleischpreise zur Folge hätte und das peinliche Missverhältnis zwischen zivilisatorischem Anspruch und Wirklichkeit etwas korrigieren würde.

Ist das auch nur entfernt realistisch? Ich denke, steigende Nahrungsmittelpreise und die Folgen in den ärmsten Ländern dieser Welt werden auch in Europa zunehmend wahrgenommen werden. Leider wird es aber viele geben, die hauptsächlich Spekulanten am Werk sehen, was kurzfristig einen Anteil haben mag, und dort den Hebel ansetzen wollen – und dabei die wirkliche Probleme aus den Augen verlieren. In meinen Augen erweist man damit den Ärmsten der Welt, um das wohlige Gefühl des ausgelebten Spekulantenhasses willen, einen Bärendienst.

PS: Zu pekuniären Externalitäten empfehle ich einen anderen Eintrag von Tyler Cowen:

The distinction between pecuniary and non-pecuniary externalities is useful, and hard to do without, but its foundations are shaky.  In practical terms the weakness of the foundations matters most when we are doing health care economics or analyzing food subsidies (or comparable forms of aid) in poor countries.  The richer and healthier the people are, the more likely the distinction can be invoked without much trouble.

Microfinance oder der Tod?

Das größte Problem an Entwicklungspolitik ist für mich, dass sie mit H&M mehr zu tun hat als mit VWL. Damit meine ich die sich abwechselnden Moden und die Militanz, mit der diese in den Markt (also hier: die Entwicklungsländer) gedrückt werden. Immer ist die Patentlösung schon gefunden. Die Milleniumsdörfer sind dafür ein Beispiel. Das beste, weil aktuellste, aber ist Microfinance.

Die Idee ist ökonomisch interssant: ein ansonsten nur schlecht funktionierender Markt (kleine Geldbeträge, kaum Einklagemöglichkeit bei Vertragsbruch, keine Sicherheiten) kann über soziale Sanktionen (wie Gruppenkredite) oder andere institutionelle Innovationen (zukünftiger Ausschluss vom Markt, steigende Kreditvolumen, Zugang zu Sparkonten) soweit funktionieren, dass die Mikrobanken zumindest eine schwarze Null schreiben. Und man so den Ärmsten den Zugang zu Krediten (und Sparmöglichkeiten) ermöglichen kann. Denn den Konsum über die Zeit stabiler zu gestalten (consumption smoothing) oder wichtige Investitionen zu tätigen, ist für viele der Armen auf der Welt existentiell.

Die empirischen Untersuchungen zu dem Thema sind vermutlich mittlerweile so umfangreich, dass man sie kaum zusammenfassen kann. Oder, wie Armendariz und Murdoch in ihrem Buch The Economics of Microfinance schreiben:

There is no study yet that has achieved wide consensus as to its reliability.

Das alleine lässt einen beim “Allheilmittel Microfinance” stutzig werden. Banerjee, Duflo, Glennerster, und Kinnan (2010) haben in einem ersten randomisierten Experiment gezeigt, dass eine Gruppe profitiert: diejenigen, die sich eher selbständig machen. Alles in allem können sie aber keine Effekte auf Gesundheit, Ausbildung oder den Einfluss von Frauen finden. Und das ist ein gut ausgerolltes Programm mit einer vermutlich verantwortungsbewussten NGO.

Aber nun bekommt die Microfinancemode echte Kratzer (via Aid Watch):

India’s rapidly growing private microcredit industry faces imminent collapse as almost all borrowers in one of India’s largest states have stopped repaying their loans, egged on [angestachelt] by politicians who accuse the industry of earning outsize profits on the backs of the poor. Responding to public anger over abuses in the microcredit industry — and growing reports of suicides among people unable to pay mounting debts — legislators in the state of Andhra Pradesh last month passed a stringent new law restricting how the companies can lend and collect money.

Fairerweise muss man sagen, dass die Berichte sehr gemischt sind. Fakt ist nur, dass es Probleme gab und die Politik mit eben jenem Gesetz reagiert hat (das aber dann von einem Gericht zumindest befristet wieder gekippt wurde). Aber was ist der Ursprung des Problems? Ist Mircofinance nur in der Theorie eine gute Sache? Eine gute Quelle für ein sehr komplexes Thema ist The Economic Times aus Indien (via David Roodman).

Die Quintessenz ist: immer mehr Leute drängten in die Microfinance Industrie in Indien: Banken gaben immer mehr Kredite an Microfinance Institutionen (MFI), diese wollten wachsen, es wurde mehr und mehr zum Geschäft, und man lieh auch an solche, die es sich eigentlich nicht leisten können. Subprime, alles irgendwie bekannt.

Zudem kam es natürlich zu härterer Konkurrenz unter MFIs. Konkurrenz ist gut? Leider nicht immer. Denn eine der Grundvoraussetzungen, warum auch ohne formale Verträge die Absprachen eingehalten werden, sind eben die oben diskutierten sozialen Sanktionen und Institutionen. Hohe Mobilität (geographisch und zwischen verschiedenen MFIs) unterminitert diese informellen Institutionen. Das bedeutet, eine scheinbar positive Politik (Erhöhung von Mobilität und Konkurrenz) in einem Bereich hat schwerwiegende negative Folgen in einem anderen. Etwas, dass Entwicklungsökonomen wie Dani Rodrik, Ricardo Hausman oder Mark Rosenzweig second best interactions nennen und vor denen sie warnen, ohne dass es irgendwo anzukommen scheint. Aus The Economic Times:

In Warangal district, employees of a large MFI say that, earlier, women had to be cajoled [überredet werden] into taking loans. They would borrow nervously and repay fastidiously [penibel], out of not wanting to be locked out of a source of credit that lent quickly and without collateral. Increasingly, the employees add, some women are getting blasé [gleichgültig] about borrowing. “When we warn women against defaulting, some of them retort, ‘we will borrow from someone else’.” Instances have been reported of women negotiating loans by pitting MFIs against each other.

Zudem werden die sozialen Sanktionen öfter und härter umgesetzt, je weniger kreditwürdig die Menschen sind, an die verliehen wird:

At the lower reaches in the villages, as MFIs lend to households without regular cash flows, communities are changing in a different way. … “Five years ago, SHG [self-help groups, als die Gruppen, in denen Kredite vergeben werden] members used to beat up husbands who beat their wives. Now, they are beating up women who fail to repay.”

Und wenn dann noch eine lokale Wirtschaftskrise hinzu kommt, sieht es für viele sehr, sehr düster aus.

Was bedeutet das für Microfinance? Es ist schwierig, ein abschließendes Urteil zu fällen, aber die Entwicklungspolitik sollte hellhörig werden. Ich denke, es ist wichtig zu verstehen, warum Microfinance funktioniert und welche Faktoren diesen Erfolg gefährden. Auch wenn der Erfolg laut empirischen Befunden bisher nicht groß zu sein scheint, ist die Folge von zu großer Konkurrenz und Expansion vermutlich derart zerstörerisch, dass man es von staatlicher Seite (Bankenregulierung, Microfinanceregulierung) verhindern sollte, will man Microfinance nicht ganz einstellen.

Für die Entwicklungspolitik (und leider auch Teile der Entwicklungs-ökonomik) bedeutet dies einmal mehr, dass es das Patentrezept, den Königsweg, die silver bullet nicht gibt! Und nie geben wird. Und dass man diese Lektion nicht schnell genug lernen kann, will man verhindern, dass sich verzweifelte Bauern oder Slumbewohner in den ärmsten Teilen dieser Welt diese silver bullets später in den Kopf jagen.

Update: eine Gruppe von hochrangigen US-Professoren hat in der FT einen Kommentar zum Thema veröffentlicht (nur nach Registrierung zu sehen). Ich finde ihn nicht gut, denn wo bitte waren die second best interactions? Wo eine wirklich ökonomische Analyse dessen, was passiert? Statt dessen Apelle. Was meint Ihr?

Klimaschutz? Familienplanung!

Via Chris Blattman bin ich auf eine Untersuchung aufmerksam geworden, in der die klimatischen Folgen von Entwicklungspolitik durchleuchtet und mit herkömmlichen Maßnahmen (Solarzellen, Wärmeisolierung…) verglichen werden. Genauer geht es um entwicklungspolitische Projekte zur Familienplanung. Und siehe da, jeder Euro, der in Familienplanung und Ausbildung von Mädchen in Entwicklungsländern gesteckt wird, hat einen mehr als 7 mal so hohen Effekt für das Klima als der gleiche Euro in Solarzellen.

Diese Berechnung stammt von Owen Barder, basierend auf dem Papier des Center for Global Development:

The logic, of course, is that if there are fewer people on the planet, then we will generate fewer greenhouse gas emissions.  Population policies are important because there are many people in developing countries who want smaller families, but don’t have access to the family planning services they need to achieve this.  Education is important because educated girls want (and are more able to insist on) smaller families.  That’s why these interventions are important and cost effective, both individually and especially when done together.

Verglichen werden die Zahlen mit einer McKinsey Studie zu den Kosten anderer Klimaschutzmaßnahmen. Nun müssen weder die Zahlen der CGD-Studie, noch die von McKinsey verlässlich sein. Aber die Methoden der CGD-Studie sind zumindest nachvollziehbar. Bei der Familienplanung sind Projekte einer Stiftung die Datenbasis, also wie viel eine geringere Geburtenrate gekostet hat. Das ist nicht unproblematisch (Stichwort: external validity), aber vertretbar. Bei der Mädchenbildung nehmen sie die Durchschnittsausgaben für Bildung in den einzelnen Ländern als Basis. In einem Modell berechnen sie zudem eine Art Interaktionseffekt, also den Wert kombinierter Familienplanung mit Mädchenbildung:

However, our results  strongly  indicate  that  these  two options  are complementary  rather  than competitive.   The econometric  result  for  secondary  education  in  Table  4 presents important  evidence  in  this  context:   Family  planning  programs  are more  productive  in societies  with  higher  female  education  rates, so the cost per birth  averted  is  lower.

Es ist schon beeindruckend, wie sich die Sicht auf die Dinge ändern kann, wenn man Ideologie beseite schiebt und nur auf die Zahlen schaut. Über den positiven Effekt für die Entwicklung der Länder und das Schicksal dieser Frauen haben wir noch garnicht gesprochen. Da will man garnicht darüber nachdenken, dass Deutschland, in 2011 allein, ca. 13,5 Mrd. Euro (!) für die Förderung erneuerbarer Energien zahlt.

PS: Daher musste ich auch etwas schmunzeln bei diesem Satz:

We should make informed choices to reduce carbon emissions in the most cost-effective and sustainable way we can with the resources available, to secure the biggest and broadest benefits.

Als wäre es jemals darum gegangen. Die Leute möchten vor allem ihr Gewissen beruhigen, auch wenn es dem Klima nicht viel, manchmal sogar überhaupt nichts bringt. In der Klimapolitik spielen die Grenzkosten der Vermeidung von CO2 fast nie eine Rolle. Oder würden wir sonst Häuser mit Solarzellen bestücken, anstatt Kohlekraftwerke in Indien zu sanieren? In Zukunft werde ich mich mal mit Björn Lomborg beschäftigen. Ich selbst habe immer gedacht, er sei schlicht ein Provokateur, der den Klimawandel leugnet. Aber nach diesem Artikel sehe ich das etwas anders.

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