Ich freue mich sehr, einen Gastbeitrag von Rüdiger Bachmann ankündigen zu dürfen, in dem er sich – nach seinem kürzlichen Beitrag auf Spiegel Online – hier auf Kantoos Economics erneut der Kritik an der modernen VWL stellt.
Von Rüdiger Bachmann
Oh boy, da ist ja wieder einmal ein Feuersturm auf mich herein geprasselt nach meinem Spiegel Online Artikel, der dann in der Ökonomenstimme leicht verändert nachgedruckt wurde. Die Resonanz war übrigens nicht nur negativ. Ich habe vor allem von Studenten der VWL einige Emails bekommen, die genau wie ich die moderne VWL anders erleben als sie nahezu einhellig von der deutschen Journalistik und Blogosphäre beschrieben wird (große Ausnahme: Kantoos), nämlich als in der Tat kritisches, plurales, dynamisches und offenes Wissenssystem. Und die es Leid sind, sich ständig rechtfertigen zu müssen ein Fach zu studieren, das Ihnen Spass macht, und nur darauf gewartet haben, dass einmal diejenigen, die das ohne Gefahr für ihr Einkommen tun können (beamtete Professoren), für das Fach einstehen. Insofern entspricht die veröffentlichte Meinung vielleicht nicht ganz dem wahren Meinungsbild. Nebenbemerkung: ich finde es schon seltsam, wenn nahezu die gesamte deutsche Journalistik gegen die universitäre VWL wettert – da fragt man sich schon, ob man da die Forderung nach Pluralität und Offenheit selbst immer so Ernst nimmt.
Was mich aber am meisten enttäuscht hat in dieser Debatte, ist der Mangel an Rezeptionsfähigkeit, und zwar vor allem bei denen, die es qua Amt und Qualifikation eigentlich besser können müssten: die Herrn Professoren. Konkret im Interview Reiner Eichenbergers mit dem schweizer Tagesanzeiger „Wer die Ökonomie versteht, kann die Welt verändern“, und in dem Ökonomenstimme Artikel Mathias Binswangers „Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal“.
Beginnen wir mit dem Interview Eichenberges, dessen Einlassungen in der FAZ zum Thema ich ansonsten sehr richtig und wichtig finde. Die Einleitungsfrage des Tagesanzeiger lautete:
Tagesanzeiger: Herr Eichenberger, was halten Sie von der These Ihres Kollegen Rüdiger Bachmann, dass nur über Wirtschaft diskutieren dürfe, wer sich in den wissenschaftlichen Diskurs einklinkt?“
Eichenberger: Einerseits ist es natürlich tatsächlich so, dass die Volkswirtschaft eine komplexe, nur für eine kleine Minderheit verständliche Wissenschaftsdisziplin darstellt.
Soweit so gut. Eichberger weiter:
Mit Bachmanns Homer-Vergleich bin ich allerdings nicht einverstanden. Ökonomie betrifft alle und ist für unser Leben relevant, im Gegensatz zu Homer. Deshalb ist klar, dass der Austausch über Ökonomie in einem offenen System stattfinden muss. Wenn nur die Expertenmeinung zählen würde, wäre das gefährlich und schrecklich.
Man kann vielleicht durchaus behaupten, dass Homer relevanter für unser Leben ist, als das meiste, was die VWL produziert (was im Übrigen überhaupt nicht per se gegen die VWL spricht). Was aber schlimmer ist: an keiner Stelle meines Artikels wurde gesagt, dass nur die Expertenmeinung zählen soll — außer, leider, der dummen Überschrift, die, das muss man wissen, wenn man für Zeitungen schreibt, nicht in der Verfügungsgewalt des Autors steckt; aber von Kollegen muss man eigentlich erwarten können, dass sie den ganzen Artikel lesen.
Was ist hier los? Ich denke, im Verhältnis VWL-Gesellschaft, im Verhältnis Fachökonomen-Nichtökonomen sind mindestens drei Ebenen zu unterscheiden, die bei Herrn Eichenberger ebenso wie in den meisten Kommentaren zu meinem Artikel durcheinandergingen.
1. Wer darf über wirtschaftliche Ziele, wer darf über wirtschaftliche Ergebnisse urteilen?
Ich dachte eigentlich, dass man von einem auf die demokratische Grundordnung verpflichteten deutschen Beamten nicht immer noch jedes Mal extra das Bekenntnis zu einer Selbstverständlichkeit verlangen muss: die Definition der wirtschaftlichen Ziele und die Kritik wirtschaftlicher Ergebnisse sind natürlich Sache des Elektorats, der Medien, etc. und kein Privileg von VWL-Professoren. VWL-Professoren sind (oder sollten es sein) vielleicht etwas geschulter darin, auf Zielkonflikte und Budgetrestriktionen, auf Konsequenzen aufmerksam zu machen, aber hier wird es sich immer um eine breite, gesellschaftliche Diskussion handeln (auch hier ist nicht alles schrankenlos: wenn es zum Beispiel um staatliche Eingriffe in das Eigentumsrecht Reicher geht – kommt man vielleicht mit nur Demokratie auch nicht weiter und wird sich stattdessen des Rechtsstaates bedienen müssen).
Jeder hat natürlich das Recht, gegen Ungleichheit und gegen tatsächliche oder wahrgenommene Gier der Finanzindustrie auf die Straße zu gehen, zu protestieren und politische Mehrheiten dagegen oder dafür zu organisieren. Ich will nicht verhehlen, dass einige VWL-Professoren, wenn sie zu oft in Talkshows gehen, ihre Rolle da anders sehen, aber: diese Ebene war jedenfalls nicht gemeint in meinen Artikel.
2. Rechtfertigung gegenüber dem Steuerzahler
VWL-Professoren werden vom Steuerzahler bezahlt, genauso übrigens wie Ägyptologen und Ingenieure, die Waffensysteme entwickeln. Daraus ergibt sich natürlich ein Rechtfertigungstatbestand der VWL gegenüber der Gesellschaft. Auch diese Ebene war in meinem Artikel gar nicht angesprochen. Nur eines vielleicht: ich denke, dass es gefährlich ist, von Wissenschaften immer gleich Anwendbarkeit zu verlangen. Genauso wie in der Ägyptologie muss es auch in der VWL (und gerade in der Uni-VWL) Grundlagenforschung geben dürfen, wo die wirtschaftspolitische Anwendbarkeit nicht immer im Vordergrund stehen muss.
3. Innerfachliche Kritik, das Verhältnis von Lehrenden und Studierenden.
Mir ging es ausschließlich um diesen dritten Aspekt. Anders als von Herrn Binswanger behauptet (“In dem Artikel sollte aufgezeigt werden, welch tolle Arbeit Ökonomen heute leisten und wie ungerechtfertigt Angriffe auf die Mainstreamökonomie seien.”) ging es mir nicht um eine pauschale Abkanzelung von Kritikern oder eine pauschale Apologetik der modernen VWL, und schon gar nicht darum, studentische Eigeninitiative zu kritisieren.
Denn einerseits habe ich klar gemacht, dass die zurückliegenden Entwicklungen uns viele Jahre an spannender und mühsamer Forschungsarbeit beschert haben, und dass wir vieles nicht wissen. Zweitens scheint es mir weniger die moderne VWL als vielmehr die sogenannten Heterodoxien zu sein, die es schon immer wissen und sich gegen Kritik von außen immunisieren. Man setze mal einen Österreicher neben einen Postkeynesianer! Und drittens ist Herr Binswangers Kritik, vorsichtig formuliert, sehr selektiv. Erst pickt er sich aus dem Journal of Political Economy ein zugegebenermaßen etwas komisches Beispiel mit dem Prostitutionsartikel, den wahrscheinlich mehr Mainstreamökonomen genauso ablehnen würden als nicht, dann suggeriert er dem Leser das sei charakteristisch für die moderne VWL. Zu guter Letzt behauptet er noch, dass ein Folgeartikel in den Papers and Proceedings des American Economic Review eine Spitzenpublikation darstellt (die Papers and Proceedings sind nicht das AER), die der erste Journal of Political Economy Beitrag erzeugt habe. Das ist schlicht bewusste Täuschung der nicht-fachlichen Öffentlichkeit und einfach unredlich.
Mein Artikel hatte vielmehr einen ganz klaren Hauptaddressaten: Studenten der VWL, und als solche waren sie angesprochen. Und als solche sind sie nun einmal aufgefordert die cutting edge Sprache ihres Faches zu lernen und zu sprechen, bevor sie im wissenschaftlichen Diskurs, der dann natürlich innovativ und kritisch sein darf, ja muss, mitreden wollen (genauso wie Studenten der Altphilologie erst einmal Griechisch lernen müssen, Herr Eichenberger).
Ich finde es bekümmernd und ein Armutszeugnis für die Debattenkultur, dass man auf diesen geradezu trivialen Sachverhalt überhaupt aufmerksam machen muss. Es gehört nun einmal notwendig zu einer jeden Wissenschaft in der aufgeklärten, abendländischen Tradition, dass sie eine gewisse Autonomie hat, dass sie ihre Erkenntnisziele, ihre Methoden, ihre Definition von Wissenschaftlichkeit selbst treffen darf. Und dass man erst einmal ein gewisses Wissen und Können mitbringen muss, um in diesem Diskurs legitimerweise mitreden zu dürfen (natürlich ist das nicht im Sinne eines faktischen Redeverbotes gemeint, sondern in einem legitimatorischen Sinne). Nur in totalitären, faschistischen Gesellschaften regieren die Politik und die Gesellschaft direkt in die Wissenschaft hinein.
In jedem anderen Bereich außer der VWL ist Autonomie auch weitgehend Konsens und eine Selbstverständlichkeit. Wir werden keinen demokratischen Diskurs darüber haben können, was die beste Krebstherapie ist, oder ob die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures oder die universale Transformationsgrammatik Noam Chomskys die Linguistik weiterbringt. Nur bei der VWL und ihren Methoden glaubt irgendwie jeder, mitreden zu können. Anders als bei der Linguistik mag es um mehr gehen (Nutzen des Mitredens ist höher), anders als bei der Humanmedizin glaubt jeder ein Verständnis von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen zu haben (Kosten des Mitredens sind niedriger), aber: wer mal arbeitslos war, hat dadurch nicht automatisch ein besseres Verständnis von Arbeitslosigkeit, und wer einen mittelständischen Betrieb führt, versteht deshalb nicht mehr von der Rolle der Investitionen für die Konjunktur, genauso wie ein Krebspatient wahrscheinlich auch nicht zu einem anderen geheilten Krebspatienten geht und dort Therapie sucht.
Und es ist ja auch nicht so, dass es keine Alternativangebote gäbe: genauso wie es homöopathische Krebstherapien gibt, können sich ja auch von der VWL enttäuschte Studenten der Philosophie, der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Anthropologie, der Rechtswissenschaft, der Theologie oder der Blogosphäre zuwenden. Schade, sage ich, aber da passt der Match dann einfach nicht.
Die VWL macht ein sehr spezifisches Wissensangebot, und das unterscheidet sie etwa von der Philosophie und auch von vielen anderen Sozialwissenschaften (auch da liest mich Herr Eichenberger bewusst oder unbewusst falsch): ihre Welterklärung ist eng, genau, partiell, oft quantitativ, detailliert. An großen, aber unbeantwortbaren Fragen wird in der VWL selten gearbeitet. Das ist nichts für Leute mit einer philosophischen Ader (bevor der politisch korrekte Entrüstungssturm wieder losgeht: das ist kein Plädoyer gegen Interdisziplinarität und wissenschaftstheoretische Reflexion: aber mein Mainzer Philosophieprofessor hat mir mal gesagt, dass Interdisziplinarität ohne starke Disziplinarität Geschwätz ist; und wenn man immer nur reflektiert, kommt man halt zu nix anderem mehr). Dass man aber Studienanfängern zubilligen soll, die Inhalte und Methoden Ihres Faches zu bestimmen, naja, das hört sich genauso lächerlich an, wie es klingt.
Das gleiche gilt übrigens auch für die Gesellschaft (siehe Ebene zwei): die VWL macht als Wissenschaft ein spezifisches, komplexes und plurales, aber eben nicht beliebiges und nicht beliebig dehnbares Gesamtangebot an die Gesellschaft im allgemeinen und an die Wirtschaftspolitik im besonderen – das die Gesellschaft auch als Ganzes ablehnen kann, aber eben nur im Gesamtpaket. Auch die Gesellschaft kann sich natürlich an die Philosophie, die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Psychologie, die Anthropologie, die Rechtswissenschaft, die Theologie oder die Blogosphäre und die sogenannten Heterodoxien, die es immer schon besser wissen, wenden bei der Suche nach Antworten auf wirtschaftliche Fragen und Probleme. Ob das sinnvoll ist, lasse ich mal dahingestellt.
Es ist unsere Aufgabe als VWL-Professoren, im Wettbewerb der Ideen dafür zu werben, dass wir das beste Gesamtangebot haben (und da haben wir Nachholbedarf). Aber solange die VWL als Wissenschaft institutionalisiert existiert, hat sie dieselben Rechte wie alle anderen Disziplinen auch: sie ist weitgehend autonom, organisiert sich selbst und Partizipation ist nicht demokratisch. Sorry.


Lieber Herr Bachmann,
so sehr ich Ihre Sichtweise auf die VWL im Kern teile, so sehr wundere ich mich dann doch über Ihre Argumentation. Da Sie ja selbst bloggen und Artikel schreiben, stimmen Sie mir doch sicher in folgenden Annahmen zu:
1. Argumentativ hochwertige Debatten führen zu Erkenntnisfortschritten.
2. Polemik führt zwar zu leidenschaftlichen und unterhaltsamen, aber nicht zu argumentativ hochwertigen Debatten.
Anhand dieser Annahmen lassen sich mindestens drei Schlussfolgerungen ableiten, die für die Bewertung als auch für den Stil der Debatte erhellend sind.
1. Die Debatte ist ein konstruktivstes Mittel der Wissenschaft. Die Debatte korrigiert erstens Fehler und zweitens unterzieht sie Argumenten einem harten Test. Argumente, Modelle, Hypothesen, die diese Debatten überleben, sind dann robuster. Es wäre doch dann naheliegend, schon im Grundstudium, aber spätestens im Hauptstudium, Module einzuführen, in denen sich auch die ökonomischen Methoden einer Debatte stellen. Wenn die ökonomische „Mainstream“- Methodik überlegen ist, dann wird sie sich auch gegenüber ihren Kritikern durchsetzen. Im Ergebnis führt das zu konstruktiven individuellen Lernfortschritten der Studenten.
2. Auch der „Mainstream“-Forschung kann es zumindest nicht schaden, sich selbst immer wieder harten fundamentalen Debatten zu stellen. Heterodoxien sind nämlich nur langweilig, wenn sie zum Selbstzweck werden. Sonst sind sie eine harte, anstrengende, ja manchmal nervige Übung, an deren Ende aber einem selbst deutlich werden kann, ob und inwiefern man selbst gewisse ideologische Grundüberzeugungen hat, die unbewusst in die eigenen Arbeiten eingehen könnten (vielleicht für Professoren nicht so relevant, für Studenten allerdings schon). Auch das ein wichtiger Erkenntnisfortschritt. Ein Modul Ideengeschichte oder eine Geschichte des ökonomischen Denkens kann da helfen zumal sie auch noch die oft zu pauschale Kritik konstruktiv kanalisieren kann.
3. Etwas Ähnliches haben Sie –so erschien es mir zumindest – versucht. Aber Debatten drehen sich nur um die Sache, wenn man sie sachlich führt und damit natürlich auf Aufmerksamkeit verzichtet. Wenn Sie dann im Spiegel die in Ihren Augen unqualifizierte Berichterstattung schimpfen und nicht nur die betreffenden Journalisten, sondern auch noch VWL-Studenten und Professoren persönlich in einer Zeitschrift mit sehr hoher Auflage angreifen anstatt den Versuch zu machen sie für Ihre Sichtweise zu gewinnen, dann haben Sie vier elementare Regeln des Debattierens ignoriert: Erstens, wer etwas sagt, muss sein Publikum kennen, sonst kommt es zu Missverständnissen. Ich wage mal die kühne Behauptung, dass die meisten Spiegelleser Nichtökonomen sind. Warum veröffentlichen Sie im Spiegel einen Artikel, der sich hauptsächlich an VWL-Studenten richtet? Zweitens, wer persönlich wird, wird selbst persönlich angegriffen. Drittens, wer Argumente polemisch illustriert, wird mit Polemik widerlegt (nichts anderes hat Herr Binswanger getan). Viertens, das Argumentationsziel bestimmt die Art des Argumentierens. Wenn Sie eine sachliche Debatte führen und nicht unfair angegangen werden wollen, sollten Sie eine Debatte nicht ad hominem führen. Das suggeriert nur, dass Ihre Argumente für sich genommen inhaltlich zu schwach sind ((Hierzu Schopenhauer, Trick 38 http://phaenomen-verlag.de/uploads/mediapool/user_uploads/downloadneu/Recht_behalten.pdf )
Wollten Sie „nur“ auf Ihren Standpunkt aufmerksam machen und ihre „Leute“ mobilisieren, dann haben Sie freilich alles richtig gemacht, Sie sollten sich dann aber nicht über polemische Gegenreaktionen aufregen.
Mit besten Grüßen
DLÜX
Sehr geehrter Herr Bachmann,
“da ist ja wieder einmal ein Feuersturm auf mich herein geprasselt”. Ganz recht, wer starke Thesen vertritt, muss auch mit viel Kritik rechnen. Die meisten Volkswirte wagen sich nicht aus der Deckung. Sie tun das, was ich übrigens sehr löblich finde, sind dann allerdings recht ungeschützt, wohl auch weil sie ein guter Fachwissenschaftler sind (wie es mir nach einem Blick auf Ihre Homepage scheint), doch die grundlegenden Debatten eigentlich nicht mögen, was sie nun in einer grundlegenden Debatte verteidigen wollen. Vielleicht wären Sie erfolgreicher im Werben für die moderne VWL, wenn Sie direkt Ihre fachlichen Erkenntnisse vertreten und deren Überlegenheit über Alternativen zeigen würden. Ein Debattenverbot für VWL-Studenten ist jedenfalls weder hilfreich noch gerechtfertigt. Die Behauptung, dass in keinem anderen Fach die Studenten über Inhalte und Methoden mitreden dürften, ist im Übrigen falsch. Ja, Wissenschaft ist nicht demokratisch, aber sie ist auch nicht rein autoritär, sondern die besseren Argumente sollen entscheiden. Wir Professoren sollten in der Regel bessere Argumente haben als Studienanfänger, aber dann müssen wir diese auch bringen und uns nicht einfach auf unsere Titel und längere Erfahrung berufen. Wenn der Mathematikprofessor einen Rechenfehler macht, kann ihn ein Erstsemester durchaus korrigieren; auch ein Griechischstudent kann ein einzelnes Wort wissen, welches seinem Professor entfallen ist etc. Vor allem haben Sie selbst zugegeben, dass wir “es” bei den ganz großen Problemen, z. B. wie die aktuelle Krise zu erklären und zu lösen ist, selbst nicht so genau wissen. Das ist nicht ehrenrührig, auch die Mediziner können Krebs noch nicht heilen oder die Physiker ihre gesuchte Theorie von allem präsentieren, doch wir sollten uns dann an anderer Stelle nicht als total überlegen hinstellen und anderen den Mund verbieten. VWL ist wichtig, spannend und schwierig, und zwar für alle Beteiligten, für Politiker, Studenten und Professoren.
Weiterhin frohes Diskutieren und Erkennen wünscht Ihnen
Wirtschaftsphilosoph
Lieber Wirtschaftsphilosoph -
eigentlich faende ich es ja besser, wenn wenigstens Lebenszeitprofessoren (ein solcher scheinen Sie ja zu sein ihren zahlreichen Aeusserungen nach zu urteilen), den Mumm haetten, mit ihrer wahren Identitaet hinter ihren Argumenten zu stehen. Ich weiss, in einer idealen Kommunikationswelt sollte nur die Kraft des Arguments zaehlen. Irgendwie gibt es diese psychologische Friktion bei mir, die dann doch etwas abzieht von der Kraft eines Argumentes, wenn man keine Person dahintersieht. Aber naja.
„da ist ja wieder einmal ein Feuersturm auf mich herein geprasselt“. Ganz recht, wer starke Thesen vertritt, muss auch mit viel Kritik rechnen.
Der Feuersturm war auch im Modus der (metaphorischen) Feststellung, nicht der Beschwerde geschrieben.
“Ein Debattenverbot für VWL-Studenten ist jedenfalls weder hilfreich noch gerechtfertigt.” Keiner hat ein Debattenverbot für VWL-Studenten gefordert. Erinnern wir uns einfach noch mal daran, worum es ging. Im SPON gab es einen Artikel, der von einem Versagen der Uni-Oekonomen sprach, sich darueber beschwerte, dass den Studenten keine Krise beigebracht werde und stattdessen nur nutzloses Zeug (das was ich als Sprache der VWL bezeichne). Darauf habe ich geantwortet (DLUEX, warum soll ich im UNI-Spiegel nicht etwas an VWL Studenten schreiben), dass man besser erst einmal diese Sprache lernt, versteht, was die VWL macht (das ist naemlich kein Hochamt fuer den Kapitalismus und den Markt) und dann kritisiert. Ich kann immer noch nicht sehen, wie man daraus ein Debattenverbot ableiten kann.
” Wenn der Mathematikprofessor einen Rechenfehler macht, kann ihn ein Erstsemester durchaus korrigieren; auch ein Griechischstudent kann ein einzelnes Wort wissen, welches seinem Professor entfallen ist etc.” Das ist nun ein kategorialer Fehler erster Guete. Wie man einen Rechenfehler mit den Methoden eines Faches vergleichen kann – verstehe ich nicht.
“doch wir sollten uns dann an anderer Stelle nicht als total überlegen hinstellen und anderen den Mund verbieten.” Wie gesagt: tut keiner.
“VWL ist wichtig, spannend und schwierig, und zwar für alle Beteiligten, für Politiker, Studenten und Professoren.” Amen to that!
Und noch ein Wort zu den Privatdozenten. Ja, das war polemisch. Ich sehe auch, warum sich Privatdozenten persoenlich verletzt gefuehlt haben koennten. Dennoch: gerade in einem journalistischen Artikel darf man doch auch mal polemisch sein (gibt es da vielleicht einen Unterschied zwischen Deutschland und den USA?), wenn man nicht nur Polemik macht (das war bei Herrn Binswanger irgendwie der Fall). Diese feinen Unterschiede gehoeren eben auch zur Rezeptionsfaehigkeit. Naja. Also, zu den Privatdozenten: Sie Herr Wirtschaftsphilosoph schreiben auf Ihrem Blog, dass diese Damen und Herrn diese Laufbahn freiwillig waehlen und deshalb nicht ausgebeutet seien. Bitte – so neoklassisch bin ja nicht mal ich, dass ich daran nichts auszusetzen haette. Ein System, das bewusst wissenschaftlichen Nachwuchs produziert (auch jetzt wieder mit den JPs, deren zukuenftige Arbeitslosigkeit Sie ja fast zu amuesieren scheint), von dem man genau weiss, dass er zum Grossteil nicht in der Wissenschaft (dann spaeter aufgrund des Alters auch nicht mehr sonstwo) anstellbar ist, den man aber braucht, um die Lehre fuer den Studentenberg zu ueberbruecken – wenn man das nicht unmoralisch findet, dann weiss ich auch nicht mehr, was unmoralisch ist…
@ Bachmann
Mit meiner wahren Identität stehe ich schon hinter meinen Argumenten, es steht nur nicht mein normaler Name darunter oder auch darüber, wofür es Gründe gibt, siehe z. B. http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.com/2011/06/18/pseudonym/
“Keiner hat ein Debattenverbot für VWL-Studenten gefordert.” “Ich kann immer noch nicht sehen, wie man daraus ein Debattenverbot ableiten kann.” Im Beitrag steht: “Und als solche sind sie [Studenten der VWL] nun einmal aufgefordert die cutting edge Sprache ihres Faches zu lernen und zu sprechen, bevor sie im wissenschaftlichen Diskurs, der dann natürlich innovativ und kritisch sein darf, ja muss, mitreden wollen”. Ein Streit über Worte ist oft unfruchtbar, doch selbst wenn man es nicht Debattenverbot nennt, bleibt es eine Aufforderung, nicht mitzureden (bevor man die Sprache beherrscht, was noch nicht der Fall ist, also als VWL-Studenten bitte nicht mitdiskutieren, sondern zuhören und schweigend lernen). Dadurch, dass die Aufforderung begründet wird, verschwindet sie nicht. Es wird diese Aufforderung nur nicht kritisieren, wer die Begründung akzeptiert, was ich jedoch nicht tue.
“Das ist nun ein kategorialer Fehler erster Guete. Wie man einen Rechenfehler mit den Methoden eines Faches vergleichen kann – verstehe ich nicht.” Im Beitrag geht es um den “wissenschaftlichen Diskurs”, nicht allein die “Methoden eines Faches”. Zum Diskurs gehören auch Rechnen und Fehler dabei. Also ist es kein kategorialer Fehler, sondern schlimmstenfalls ein suboptimales Beispiel. Nehmen wir ein anderes, den angeführten Homer. Wer gar kein Griechisch kann, kann Homer nicht im Original lesen, aber trotzdem diskutieren, ob es ihn überhaupt gegeben hat. Studenten könnten trotz ihrer lückenhaften Griechischkenntnisse auch lieber Geschichte von Herodot als Geschichten von Homer lesen und darüber diskutieren wollen etc.
“Ein System, das bewusst wissenschaftlichen Nachwuchs produziert (auch jetzt wieder mit den JPs, deren zukuenftige Arbeitslosigkeit Sie ja fast zu amuesieren scheint), von dem man genau weiss, dass er zum Grossteil nicht in der Wissenschaft (dann spaeter aufgrund des Alters auch nicht mehr sonstwo) anstellbar ist, den man aber braucht, um die Lehre fuer den Studentenberg zu ueberbruecken – wenn man das nicht unmoralisch findet, dann weiss ich auch nicht mehr, was unmoralisch ist…” Dass Juniorprofessoren ganz ohne Titel arbeitslos werden können, amüsiert mich nicht, sondern soll nur zeigen, dass die geplante und nur vom Bundesverfassungsgericht verhinderte Abschaffung der Habilitation und Privatdozentur gar nicht so sozial ist, wie manche tun (wie auch die Befristungsbeschränkungen den Betroffenen eher schaden als nutzen). Dass es etwas mehr potentielle Professoren gibt, als dann tatsächlich eingestellt werden, finde ich insgesamt übrigens gut, damit es überhaupt Auswahl bei der Bestenauslese gibt. Die höchstqualifizierten Wissenschaftler brauchen dann natürlich Alternativen zur Professur, die es aber für Wirtschaftswissenschaftler auch gibt. Dass man den Grossteil des Nachwuchses nur billig verheizen würde, trifft für dieses Fach in Deutschland sicher nicht zu (für Philosophie oder auch in den USA mag das anders sein).
Ich teil meinen Kommentar mal in zwei auf. Sorry Kantoos, wenn du das hier zu viel findest…
Es ist vielleicht für beide Seiten der Debatte schwer nachzuvollziehen, aber es gibt irgendwo noch Leute wie mich, die einerseits keinen Bock auf Ökonomiebashing haben, sich andererseits aber anhören, was Leute wie die Postautisten zu sagen haben und verstehen können, woher deren Ärger kommt, ohne deshalb alles toll finden zu müssen, was sie sagen.
Insofern bin ich prinzipiell froh, wenn jemand wie Herr Bachmann sich mit der Kritik zumindest beschäftigt – aber das Gefühl, dass er den Gegenstand seiner Kritik ernst nimmt, hat man dabei nicht. So findet sich in seinem Artikel folgender Absatz:
“Zum anderen ist Krise schwierig, weil sie schwierig, komplex und selten ist und sich moderne Ökonomen nicht mit einfachen monokausalen Erklärungen – „Die Zentralbank hat die Zinsen zu niedrig gesetzt“ (die österreichische Heterodoxie); „Der Staat hat nicht genug reguliert“ (die ordoliberale Heterodoxie); „Die Finanzkapitalisten sind böse“ (die postautistische Heterodoxie); „Die Menschen sind alle dumm und irrational“ (die psychologische Kritik an der Ökonomik); oder „Der Staat ist an allem Schuld und hat sich zuviel eingemischt“ (die marktradikale Ideologie) – zufrieden geben, wiewohl sicherlich alle diese Ideen eine Rolle für das Verständnis der Krise spielen dürften.”
Das soll wohl das Gefühl vermitteln, Bachmann als “moderner Ökonom” erwäge ja alle Alternativen – aber, hey, die sind ja alle dermaßen dämlich, dass man mit der Erwägerei nicht mehr als 20 Sekunden verplämpern sollte, schließlich sind Analysen wie “die Finanzkapitalisten sind böse” ziemlich albern (ich wäre an einer Quelle interessiert, die mir zeigt, dass sich die Ökonomie der Postautisten sinnvoll darauf reduzieren lässt).
Auch stößt es ein wenig sauer auf, wenn Herr Bachmann als Verteidiger der modernen VWL in seinem Beitrag auf Ökonomenstimme erst von “unterdrückten Privatdozenten, die außerhalb des bösen Mainstream forschen und publizieren und deshalb ob des neoklassischen Kartells an den Unis niemals einen Lehrstuhl erhalten würden” und damit ein Bild der Lächerlichkeit zeichnet und dann in den Kommentardiskussionen beim Binswanger-Artikel darauf beruft, Bachmanns eigener Artikel kritisiere “zwischen den Zeilen” sogar “das deutsche System der Ausbeutung des wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professorenebene” und Leute wie Binswanger seien zu dumm, um Ironie zu verstehen. Zu einer wissenschaftlichen Debattenkultur trägt so etwas nicht bei und den Eindruck von einem “kritischen, pluralen, dynamischen und offenen Wissenssystem” vermittelt es nicht.
Nun geht Bachmanns Lehrgang in Debattenkultur auf diesem Blog weiter. Zunächst wird das Bild von armen VWLern gezeichnet, die “sich ständig rechtfertigen … müssen ein Fach zu studieren, das Ihnen Spass macht” und die deshalb Bachmann danken müssen. Sorry: Ich bin zwar in einer ähnlichen Position wie diese Studenten, aber dass man als “moderner VWLer” als arrogant wahrgenommen wird, dafür muss ich mich nicht bei Bachmann bedanken, das war vorher schon so. Dass den VWLern die VWL Spaß macht, ist in der Sache im übrigen kein Argument; und dass sie sich ständig rechtfertigen müssen, halte ich für eine aus der Luft gegriffene Behauptung. Den meisten VWLern, die ich kenne, ist diese Kritik relativ egal. Zu behaupten, dass das Einkommen eines VWLers, der für sein Fach einsteht, gefährdet ist, wirkt schon fast albern. Und dann verlangt Rüdiger Bachmann Rezeptionsfähigkeit?
Kurzum, während inhaltlich vieles von dem, was Bachmann schreibt, sinnvoll und richtig sein mag, wundert es mich kein Stück, wenn es bei vielen als “pauschale Abkanzelung von Kritikern oder eine pauschale Apologetik der modernen VWL” angekommen ist. Die Überschrift über dem Spiegel-Artikel mag vom Redakteur gewählt worden sein, aber völlig ohne Zusammenhang mit dem Artikelinhalt und Bachmanns Schreibstil auch im Weiteren ist sie nicht.
2. Teil der Antwort
“Zwischen den Zeilen” und wenn man den Stil wegpellt, ist vieles von dem, was er schreibt, sinnvoll und richtig. Vielleicht dazu nur ein paar Anmerkungen dazu. Das Fach wird doch teilweise idealisiert. Erstens: Zwar ist die VWL als Wissenschaft autonom, andererseits sollte man bei der Diskussion ihrer Stellung ihren gesellschaftlichen Kontext aber nicht ausblenden. Damit meine ich nicht, dass Menschen vom Gegenstand der VWL betroffen sind (was Bachmann diskutiert), sondern dass einerseits die “Welterklärung” der VWL “eng, genau, partiell, oft quantitativ, detailliert” sein mag, andererseits ihre Professoren als Experten für Welterklärung durch die Medien geistern, und das mit Absicht (wenn auch nicht unbedingt Bachmann selbst, sondern Leute wie Straubhaar). Auch diese Leute sind VWL und sie ausblenden geht nicht. Welcher Journalist soll in der Lage sein, sinnvolle und belegte Aussagen von ideologischen Behauptungen auseinanderzuhalten?
Zweitens gehört zu diesem gesellschaftlichen Kontext, dass eben nur (gesellschaftlich anerkannte, das heißt per Professur markierte) Volkswirte sich mit deutlicher Wahrnehmbarkeit und wissenschaftlicher Anerkennung zu volkswirtschaftlichen Fragen äußern können. Dazu nur zu sagen, erstens ist ja die VWL offen und dynamisch, zweitens kann sich die Gesellschaft ja eine andere Wissenschaft suchen, die ihr was zur Wirtschaft erzählt, “hört sich genauso lächerlich an, wie es klingt” – insbesondere, wenn die “Heterodoxen” dann als außerhalb der VWL stehend dargestellt werden (so stellen sie sich selbst natürlich oft genug dar, aber auch da finde ich es merkwürdig).
Drittens wäre es verfehlt, auf Microfoundations bei der Betrachtung der VWL als Disziplin komplett zu verzichten. Natürlich kann sich ein Rüdiger Bachmann als selbstloser Verteidiger der VWL darstellen, so ganz “ohne Gefahr für [sein] Einkommen”. Aber auch ein moderner Volkswirt hat ein Interesse daran, dass es (gemessen an gesellschaftlichem Ansehen) einigermaßen etwas wert ist, moderner Volkswirt zu sein. Und das ist der Punkt, wo man sich selbstkritisch überlegen muss, wann eine wissenschaftliche Disziplin in der Lage ist, Kritik zu verarbeiten und wann nicht. Kriterien wie größerer Erklärungs- oder Vorhersagegehalt funktionieren in der Physik ganz gut – in der VWL würd ich sagen: Geht so. In David Romers Buch Advanced Macroeconomics zum Beispiel wird das am Punkt Ökonometrie vs. Kalibrierung auch diskutiert. Aber es gibt durchaus Kapitel in der Geschichte der VWL, die lieber überblättert werden – die Kapitalkontroverse der 60er war ein Bereich, an dem es, im Nachhinein betrachtet, die Mainstream-VWL geschafft, “sich gegen Kritik von außen zu immunisieren”.
“[...] genauso wie es homöopathische Krebstherapien gibt, können sich ja auch von der VWL enttäuschte Studenten [...] der Blogosphäre zuwenden.”
:D
*thumsup*
Hallo Hr. Bachmann,
ich habe mir Ihren Artikel auf Spiegel sowie Ihre Kommentar hier gelesen und Sie gehen es sehr differenziert an. Ich glaube darin zu erkennen, dass nicht nur Sie von den Kritikern des VWL falsch verstanden werden, sondern auch Sie die Kritiker missverstehen. Ich selbst kenne mich nur sehr wenig in diesem Thema aus, aber ich glaube es geht vielen Kritikern um etwas Grundsätzliches. Das es in der VWL auch innerfachlich sehr wahrscheinlich pluralistisch und heterogen zugeht, kann ich mir als (hoffentlich) logisch denkender Mensch vorstellen.
Auch will ich der VWL den wissenschaftlichen Status nicht aberkennen, denn wie Sie richtig schreiben müsste man sonst alle Sozialwissenschaften (Psychologie, Theologie Philosphie, usw.) als nichtig erklären. Was jedoch gar nicht geht, und das haben Sie teilweise in Ihrem Spiegel Artikel auch noch gemacht, aber hier in diesem Gastkommentar nun doch differenziert, nämlich Sozial- mit Naturwissenschaften zu vergleichen.
Ersteres sind nämlich Wissenschaften, die eher zwischenmenschliche Aspekte beschreiben und auch nur für diese gelten. Politik, Wirtschaft, Religion, usw. sind von Menschen geschaffene Dinge und nicht etwas, dass schon von Haus aus existiert. Diese “Überbauten” sind natürlich zum Grossteil wegen der menschlichen Bedürfnisse entstanden, dennoch sind sie nur theoretische Gebilde, die wir uns für unser Zusammenleben ausgedacht haben.
Letzteres ist da ein wenig anders. Nehmen wir als Beispiel ruhig den berühtem Apfel, welcher vom Baum gefallen ist. Wir nennen dieses Phänomen Schwerkraft und auch wenn sich die Physiker heutzutage mehr denn je wieder streiten was denn nun genau diese “Schwerkraft” bewirkt und die sich daraus ergebenden Konsequenzen, wie Anziehungskraft, Fallbeschleunigung, etc… Sie basieren auf naturwissenschaftlichen Beobachtungen, die immer gelten, ob wir Menschen nun da sind oder eben nicht.
So nun zu dem, was ich damit eigentlich ausdrücken möchte. Man hat bei vielen Ökonomen, die zum grossen Teil Ihre Meinung in den Mainstreammedien verbreiten, das Gefühl, dass Sie glauben VWL gehöre zum Letztgenannten. Womit ich Sie nicht meine, denn das differenzieren Sie ja hier genau. Sie machen in meinen Augen aber einen anderen Fehler, den ich auch oft in typischen VWL Artikeln lese. Sie schreiben es können nur die mitreden, welche eine gewisse Basiskompetenz im Bereich VWL vorweisen. Sie gehen somit auch davon aus, dass diese Basisannahmen korrekt sind und somit darauf jedwede weitere Diskussionen/Argumentationen aufbauen sollten.
Und genau da setzt meine Kritik an. Hier läuft man schnell in die Gefahr eines eigenen Weltbildes, was in sich selbst absolut schlüssig und sinnvoll klingt, weil man ja alles auf bestimmte Basisannahmen stützt die unverrückbar sind, nur solche Basisannahmen sind in Sozialwissenschaften in den meisten Fällen unbrauchbar und da ist dann Interdisziplinarität zwingende Voraussetzung und kein Übel um solche Irrwege aufzuzeigen.
Das Beispiel ist jetzt nicht perfekt, aber vielleicht wird so ersichtlich was ich meine. Vor gerade mal knapp 500 Jahren hat der Grossteil der Menschen noch geglaubt, dass die Erde flach sei und sich die Sonne um die Erde dreht. Das hat der Klerus damals in seinem heliozentrischen Weltbild nunmal so vorgegeben und da Sie viel Einfluss und Macht hatten, war das die gängige Meinung beim Grossteil der Bevölkerung. Auf dieser Ideologie hat man dann immer mehr aufgebaut und so klang dann auch alles in sich schlüssig.
Wie wir heute wissen ein riesiger Irrglaube, der damals aber kaum in Frage gestellt wurde. Genau diese Gefahr sehe ich bei VWL und bei Sozialwissenschaften im Allgemeinen. Sie gehen von bestimmten Grundannahmen als gegeben aus und bauen darauf ihr komplexes Weltbild auf, was dann für sich natürlich schlüssig klingt. Stellt sich aber heraus, dass eine oder mehrere der Grundannahmen komplett falsch sind, dann bricht das ganze Konstrukt zusammen. Um das zu erkennen, braucht es aber entweder jemand aus dieser Zunft der so eine Selbstreflexion betreiben kann, dass er auch die Grundannahmen (da diese eben nicht wie in der Naturwissenschaft vorgegeben und für jeden zu beobachten und nachzuvollziehen sind) in Frage stellt, weil diese eben von Menschen aufgestellt wurden oder eben jemand Externes aus einem komplett anderen Bereich, der einfach anhand von Logik und Rationalität erkennen kann ob etwas nicht plausibel erscheint.
Da sehe ich beim Letzten auch eher die Chance, denn nur ein Aussenstehender, der nicht schon in der “VWL-Blase” drin ist, also vorab durch das Studium und die Grundannahmen indoktriniert und somit von vornherein Scheuklappen auf hat, die solche eine Selbstreflexion kaum oder gar nicht mehr zulassen. Damit möchte ich aufzeigen, dass Ihre Kritik an der Debattenkultur zur VWL-Kritik dies nicht berücksichtigt. Hier dürfen Sie nicht anderen den “fehlenden Blick über den Tellerrand” vorwerfen, denn Sie machen eigentlich das Gleiche. Entweder für oder komplett gg VWL und wer mitreden will, muss dann aber unsere Basiskenntnisse vorweisen. Nur blöd, wenn sich rausstellt, dass diese an sich schon falsch sind.
Mit freundlichen Grüßen
Umdenker
@ Umdenker
>Stellt sich aber heraus, dass eine oder mehrere der Grundannahmen komplett falsch sind, dann bricht das ganze Konstrukt zusammen. Um das zu erkennen, braucht es aber entweder jemand aus dieser Zunft der so eine Selbstreflexion betreiben kann, dass er auch die Grundannahmen (da diese eben nicht wie in der Naturwissenschaft vorgegeben und für jeden zu beobachten und nachzuvollziehen sind) in Frage stellt, weil diese eben von Menschen aufgestellt wurden oder eben jemand Externes aus einem komplett anderen Bereich, der einfach anhand von Logik und Rationalität erkennen kann ob etwas nicht plausibel erscheint.>
Wenn die Grundannahmen falsch sind, muss das Ganze nicht zusammenbrechen. Es kann durchaus sein, dass auf der Basis falscher Grundannahmen falsch modelliert wird – und man damit zu Ergebnissen kommt, die in einem akzeptablen Maß realitätsbezogen sind (analog: minus x minus = plus). Es kann desweiteren sein, dass auf der Basis dieses Wissenschaftsverständnisses verfeinert falsch modelliert wird, um zu realitätsbezogeneren Ergebnissen zu kommen.
Da hilft es auch nicht, dass ein Externer anhand von Logik und Rationalität etwas erkennen oder auf Plausibilität prüfen kann.
Wie weiß man, dass man derart eine Wissenschaft des Irrtums – oder – auf der Basis annähernd richtiger Annahmen annähernd richtig modellierend eine annähernd realitätskonform gültige betreibt?
Man weiß es nicht, weil man keine Kriterien hat, um es zu erkennen.
Solange die Ergebnisse, auf die Realität bezogen, akzeptabel sind, wird die Reflexion des Wissenschaftsinsiders sich auf die Modellierung beziehen statt die Grundannahmen infrage zu stellen. Denn an der Modellierung zu arbeiten ist nicht so risikoreich mit Blick auf den zu erwartenden Realitätsbezug der damit zu erzielenden Ergebnisse, wie die Grundannahmen infrage zu stellen und daraufhin ganz anders modellieren zu müssen.
Der Schlüssel ist „akzeptabel“ oder Brauchbarkeit.
Diese bemisst sich an einem Verständnis lebensweltlicher Verhältnisse, d. h. wir (Wissenschaft und Adressaten der Wissenschaft) „entscheiden“, ob es wie gehabt weiter gehen kann oder die Grundannahmen ersetzt werden (sollten).
Es ist kein Zufall, dass in einer Krise wie wir sie jetzt haben, die Brauchbarkeit der Ökonomie vermehrt und entschiedener infrage gestellt wird.
Man wird sehen, ob die bestehenden Grundannahmen über Bord geworfen werden oder auf deren Basis neu modelliert wird – oder ein wenig von beidem geschieht.
Ich weiß, dass dies – den realen Wissenschaftsbetrieb betreffend – eine abstrakte Betrachtung ist, hoffe aber, dass sie zum Nachdenken anregt.
” [...] wer mitreden will, muss dann aber unsere Basiskenntnisse vorweisen. Nur blöd, wenn sich rausstellt, dass diese an sich schon falsch sind.”
Warum? Die Qunitessenz ist doch gerade, dass man das Vokabular der VWL erst beherrschen muss um differenziert über diese Grundannahmen urteilen zu können (und nicht im Stile eines Handelsblattartikels). Wenn diese sich dann als falsch herausstellen ist man von Herrn Bachmann, laut eigener Aussage, gerne dazu aufgerufen seinen Beitrag zu leisten.
Das was Sie kritisieren ist übrigens gerade ein Argument für die starke Formalisierung der VWL (nach Vorbild der Naturwissenschaften). Die Basisannahmen, wie Sie sie nennen, müssen in diesem Ansatz schonungslos offenbart werden um ein Ergebnis herleiten zu können. Sie können nicht in ermüdendem Prosa versteckt werden sondern in ca. 30 Seiten knackig präsentiert werden.
Obwohl ich damit nicht unbedingt zum Weltfriede beitrage, kann ich mich trotzdem des Eindrucks nicht erwehren, dass ihre Argumentation, lieber Umdenker, auf dem Niveau eines Philosophiekurses der 10. Klasse ist. Das bisschen Wissenschaftstheorie und Einführung in die Methodik der VWL ist Econ101.
@ phuenerm
Umdenker hat einen freundlichen Kommentar geschrieben, da ist es nicht noetig, ihm ueberheblich ein niedriges Niveau vorzuhalten. Und ja, das darst Du als Gelbe Karte verstehen, unbenommen Deinem misslungen-selbstironischen Hinweis zum Weltfrieden, denn damit hat es nichts zu tun.
Du reagierst überzogen. Aber okay, ich kann verstehen, dass du um die Diskussionskultur auf deinem Blog besorgt bist.
Mein Hinweis war nicht selbstironisch sondern sollte mein Bedauern zum Ausdruck bringen soetwas überhaupt anbringen zu müssen. Ironie ist sowieso ein zweischneidiges Schwert in der schriftlichen Korrespondenz. Das ist ja hinlänglich bekannt.
Mein Punkt ist folgender: eine Debatte wie diese, die ich als sehr interessant und fruchtbar erachte, muss einigermaßen eng abgesteckt sein um ausreichend zielgerichtet zu sein. Ein Einwand bezüglich des Irrglaubens, die Erde sei eine Scheibe (der laut Wikipedia übrigens eine Wissenschaftslegende ist) als Beispiel für eine Wissenschaft, die von einer Dogmatik ersetzt wurde, ist da nicht sachdienlich, weil nicht auf dem Niveau der Debatte.
@ phue
Du hast Recht, ich achte auf die Kultur hier. Sorry, wenn ich jetzt zu hart war.
Du magst es bedauern, dass man das ein oder andere noch sagen muss, aber wir befinden uns auf einem Blog nicht in einem Methodenseminar. Umdenker hatte seinen Kommentar aureichend defensiv eingeleitet, da muss man nicht ueberheblich werden. Ganz einfach.
Das Versagen der VWL liegt doch vor allem darin, dass gesichertes Wissen in der Zunft verdrängt/vergessen(?) und der breiten Öffentlichkeit nie vermittelt wurde.
Warum war Scott Sumner 2008 auf sich allein gestellt? Warum weiß die breite Öffentlichkeit inklusive Politikern und Journalisten nichts über aggregate demand, Geldpolitik und Arbeitslosigkeit? Warum die Inflationsphobie? Warum versteht fast niemand den Unterschied zwischen horten und sparen? Warum ist eines der am leichtesten zu lösenden Probleme (aggregate demand stimulieren) so schwierig? Warum kann die EZB 2011 den Leitzins heben, ohne dass ein Aufschrei durch die gesamte Ökonomenzunft geht?(Krugman, Sumner, Kantoos u.a. sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen.) Und wie kann es angehen, dass ein führender Vertreter der Zunft wie Krugman sogar von einer “dark age of macroeconomics” spricht, wenn doch alles in Ordnung ist?
Der Punkt ist doch: was 2008 begann, hätte nie passieren dürfen! Und wenn man sich das immense Elend hoher Arbeitslosigkeit vergegenwärtigt, sollte man dann nicht -wie Kantoos es getan hat- hart mit den eigenen Leute ins Gericht gehen statt sie auch noch zu verteidigen? Die VWL hat sich dümmer verhalten als sie ist. Und das ist viel schlimmer als Unwissen.
Die Debatte (Ökonomenstimme, Eichenberger im Tagesanzeiger, Wirtschaftsphilosoph, Wirtschaftswurm) über den SPON-Artikel von Rüdiger Bachmann geht vielleicht manchmal an der Sache vorbei, ist aber allemal anregend.
Unabhängig davon, ob Bachmann ursprünglich VWL-Studenten ansprechen wollte oder nicht (wobei ohnehin Argumente gegen das Krisenverständnisverlangen der VWL-Erstsemester für VWL-Laien ganz automatisch und erst Recht gelten!), haben wir jedenfalls jetzt in seinem obigen Blog-Beitrag einen Satz, an dem wir uns kritisch abarbeiten können:
“… die VWL macht als Wissenschaft ein spezifisches, komplexes und plurales, aber eben nicht beliebiges und nicht beliebig dehnbares Gesamtangebot an die Gesellschaft im allgemeinen und an die Wirtschaftspolitik im besonderen – das die Gesellschaft auch als Ganzes ablehnen kann, aber eben nur im Gesamtpaket”.
Wenn man den Satz deskriptiv dahin gehend verstehen will, dass die Wirtschaftswissenschaft ein autonomes Subsystem des Systems Wissenschaft ist, das nicht einfach frei mit seiner Umwelt (im Luhmannschen Sinne) kommunizieren kann (bzw. das sich durch Kommunikationsversuche Außenstehender kaum beeinflussen lässt), dann dürfte Bachmann Recht haben.
Im normativen Sinne dagegen kann ein kritischer Laie eine solche Positionierung nicht akzeptieren; ich denke, dass man auch von außen die VWL substantiiert kritisieren kann (wenngleich mit dem Risiko, dass es einschlägige wissenschaftliche Arbeiten gibt, die man lediglich nicht kennt, weil man die Wissenschaftsentwicklung bestenfalls sporadisch und dann meist noch aus 2. oder 3. Hand verfolgt).
Beispiele:
Auf einer entsprechend hohen Abstraktionsebene ist die Erklärung der Wirtschaftskrise eigentlich ganz einfach: sie ist eine Folge von Ungleichgewichten.
Die einen haben das Geld als Eigentum, den anderen, die es ausgeben (sollen, müssten), haben es teilweise nur als Kredit (US-Häuslebauer, Griechen, Portugiesen). Das Problem ist also die Ansammlung des “Eigengeldes” bei
- den Chinesen (Japanern, Saudis, Deutschen …)
- den Pensionsfonds
- den (mehr oder weniger) Reichen.
Die Frage ist also, warum die Chinesen (Deutschen, Saudis …) Geld sammeln, anstatt die von ihnen gelieferten Waren gegen Waren der Belieferten einzutauschen (Waren für Waren zu fordern). Lässt sich das möglicher Weise doch wieder auf den Geldüberhang der Reichen zurückführen? Und wenn ja, wie kommt man dieser anscheinend systemimmanenten Tendenz zu Ungleichgewichten bei?
Forscht die Volkswirtschaftslehre überhaupt auf dieser Ebene, oder setzt sie erst auf tieferen, eher “technischen” Ebenen an? Hat sie sich durch die (m. W.) Ausblendung/Ausgrenzung der Unterkonsumtionstheorie nicht bereits a priori als ein strukturell den Interessen der Kapitalbesitzer verpflichtetes Denksystem konstituiert?
Darüber hinaus kann Wirtschaftswissenschaft in ihren Praxisempfehlungen manchmal auch derart schlicht sein, dass sogar Laien deren Schwächen durchschauen können (und sie auch durchschauen müssen, weil es ja um unser wirtschaftliches Wohlergehen geht).
So ist z. B. das mutmaßlich für die Einführung der Riester-Rente wichtige Gutachten “Grundlegende Reform der gesetzlichen Rentenversicherung” (http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/Publikationen/Dokumentationen/Rentenreform1,property=pdf,bereich=bmwi,sprache=de,rwb=true.pdf) des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft vom 20./21. Februar 1998 zwar mit hübschen Berechnungen garniert.
In der Klassifizierung von Reiner Eichenberger (http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Wer-die-Oekonomie-versteht-kann-die-Welt-veraendern/story/21441322) müsste man solche Gutachten trotzdem wohl als niedrigabstrakten Text einordnen, zu welchem auch Laien noch Zugang haben.
Und da erweist es sich dann, dass das ganze großartige Rechenwerk auf extrem fragwürdigen Annahmen bzw. Behauptungen beruht:
- der beliebigen Substituierbarkeit von Human- durch Realkapital und
- der Annahme, dass man sozusagen nur ‘oben Geld reintun muss (“sparen”) und flugs fliegen unten produktive Investitionen raus’. (“Nicht eine Überschwemmung des Kapitalmarktes, sondern eine Erhöhung der privaten Sparquote in die Richtung eines Niveaus, das Deutschland ein stürmisches wirtschaftliches Wachstum, Vollbeschäftigung und sozialen Frieden gebracht hat, ist die Konsequenz der vom Beirat empfohlenen Reform”.) (Angesichts der durch konsumtive statt investive Mittelverwendung gekennzeichneten Entwicklung vor der Finanzkrise hat übrigens der spiritus rector dieses Gutachtens, Prof. Hans-Werner Sinn, bezüglich der AUSLANDSinvestitionen diese Annahme sogar selber bereits aufgegeben.)
Am Beispiel der Rentenfinanzierung zeigt sich also, dass man als Wirtschaftssubjekt nicht unbedingt gut beraten ist, wenn man den VWL-Mainstream als “Gesamtpaket” für praktische Lösungsvorschläge unkritisch akzeptiert.
Lieber Herr Bachmann,
und WARUM wird die Identität von Staatsschulden und privaten Geldvermögen nicht durch die deutsche VWLer Zunft der partialsatz-verwirrten “schwäbischen Hausfrauen Politik” nahe gebracht?
Warum brennt Europa unter “deutschsprachiger” Aufsicht und mit exportiertem deutschen Brandbeschleuniger ab? Wie ist es möglich, dass noch keine breite Diskussion über Wege zum Stop der deutschen Exportüberschüsse in Gang ist?
mehr türkische VWLer bitte – gugst Du hier:
http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:die-top-oekonomen-kemal-dervis-weg-mit-den-deutschen-exportueberschuessen/60157080.html
Zitat Nida-Rümelin:
„ … Dieses Dictum [Böckenförde-Dictum] besagt, dass der demokratische Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. In Anlehnung an diese Äußerung von Böckenförde formuliere ich die These meines Buches: Der ökonomische Markt lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht nur nicht garantieren kann, sondern die er selbst gefährden kann. Und zwar immer dann gefährdet, wenn er selbst zum einzigen Prinzip des Handelns wird und diese Voraussetzungen einer erfolgreichen ökonomischen Praxis dadurch zerstört.“
Ich schlage vor Nida-Rümelins “selbst gefährden kann” durch “täglich und nachweislich Infrage stellt” zu ersetzen!
Liebe Leute, lasst die Kirche im Dorf! Die „Finanzindustrie“ und die Politik reklamieren im wesentlich Übereinstimmung mit der herrrschenden Ökonomielehre und den Ökonomen. Und? Was ist in den letzten 20 Jahren passiert? Sry ich kann ich kann das alles nicht ernst nehmen, selbst bei besten Willen nicht!
Der Kritik von Mathias Binswanger an der pseudowissenschaftlichen Prostitutions-Motivations-Erforschung durch Ökonomen darf man wohl die ebenso abstruse Ökonomische Suizid-Motivations-Begründung nach konfessionellen Kriterien an die Seite stellen.
Vgl. dazu Werner Mussler im Fazit-Blog vom 20.01.12 über “Die Ökonomik des Suizids”.
@RB: Wenn Sie glauben etwas den SPON-Lesern sagen zu wollen, veröffentlichen Sie es da, aber wundern sie sich nicht, wenn sich dann nicht nur Fachleute kritisch zu ihrer Position äußern, in der Sie ganze Personenguppen pauschal persönlich angreifen. Wenn Sie gerne polemisch sind, seien Sie es, aber beschweren sie sich dann nicht über polemische Antworten. Wenn Sie sich gerne über Privatdozenten ironisch und sarkastisch äußern wollen, um danach die unmoralischen Zustände im Umgang mit ihnen anzuprangern, tun Sie das, aber es wird Ihre Glaubwürdigkeit nicht erhöhen. Alles das macht die Debattenkultur, die sie bedauern, nicht besser, aber dafür unterhaltsamer.
@cancrade
>Werner Mussler im Fazit-Blog vom 20.01.12 über „Die Ökonomik des Suizids“.
“Suizidalökonomie” ist neben “Guthabenkrise” und “Nachfrageschulden”(früher Geld-Guthaben) eine meiner berüchtigtsten Worterfindungen. Mit ökonomischen Selbstmord kennt man sich nun wirklich gut aus – nur die überlebenswichtigen Sachen kommen nicht in die Diskussion. :-(
Wie wollen wir sparen?
http://www.global-change-2009.com/blog/wie-wollen-wir-sparen-ein-aufruf-zur-gesellschaftlichen-diskussion/2012/01/
Schade, dass Bachmann nur Sprechblasen produziert. Selten einen so inhaltslosen Blog-Beitrag gefunden. Kulminationspunkt ist wohl die Stilblüte “das hört sich genauso lächerlich an, wie es klingt”. Da hatte ich gleich zwei Gründe in einem Satz, lauthals zu lachen!
Solange Rüdiger Bachmann mit seiner Mahnung, erst einmal die Sprache der VWL zu lernen, angehende Wissenschaftler anspricht, erhält er meine Zustimmung. Wissenschaft lebt von gelungener Kommunikation, die gelingt nur durch gemeinsame Sprache.
Aber VWL hat enorme Bedeutung über den wissenschaftlichen Betrieb hinaus, vor Allem im politischen Bereich. Hier kann man nicht von den Diskutanten verlangen, dass sie alle Feinheiten des VWL-Slangs beherrschen.
Das ist weder notwendig noch wünschenswert. Ich stimme nicht überein mit der Meinung (denn so habe ich RB in der Ökonomenstimme verstanden), dass grundsätzlich alles in der Wirtschaftskrisen beschreibenden VWL hochkompliziert und erst mit Fachsprache verständlich sei. Es ist nicht nötig, jedes Thema in der größtmöglichen wissenschaftlichen Auflösung zu diskutieren, um zum politisch richtigen – i.e. dem Wohl der Allgemeinheit dienenden – Schluss zu kommen. Es gibt genügend Fragen in dieser Debatte, zu deren Beantwortung der gesunde Menschenverstand ausreicht. Dazu gehören politisch höchst bedeutsame.
Zuletzt noch ein Kommentar zu folgender Behauptung aus RBs Artikel in der Ökonomenstimme: “Die VWL der Zukunft wird mehr und komplexere Mathematik brauchen, nicht weniger.” Ich habe schon einiges an VWL-Unsinn gesehen und gehört, der hinter (manchmal sogar interessanter) Mathematik versteckt wurde. Komplexe Phänomene entziehen sich quantitativer Beschreibung. Mathematik kann hier i.A. nicht zur Klarheit des Arguments beitragen. Warum ansonsten nicht auch die Politologie mathematisieren?
“Warum ansonsten nicht auch die Politologie mathematisieren?”
:) Tun wir doch…
Nein, im Ernst, ich stimme Rudiger da zu: die Komplexitat der Materie erfordert in Zukunft noch mehr Mathematik. Denn ich weiss nicht ganz, wie Du, mitch, zu mehr Erkenntnis gelangen willst, wenn nicht daruber?! Die Methoden der Intuition und der verbalen Auseinandersetzung wurden vor 100 Jahren erschopft, und vieles davon stellte sich nachher als wenig sinnvoll heraus, weil es mit verbalem Ausdruck nicht mehr zu packen war.
Um ein Beispiel zu bringen: die Klimaforschung weiss in ungefahr so wenig wie die VWL, denn das Klima ist wohl ziemlich komplex. Die verlassen sich aber nicht auf Wetterfrosche, sondern schmeissen die groessten Rechner der Welt an, um sich dem Problem zu nahern. Warum sollte das nicht auch die VWL tun?
Bei “Mathematik” bin ich bei Kantoos und Bachmann. Formalisierung hat zwei wichtige wissenschaftliche Funktionen:
- sie zwingt alle Annahmen offenzulegen, und Ergebnisse logisch koaherent abzuleiten
- sie ist die Voraussetzung fuer empirische Ueberpruefung.
Davon bleibt unbenommen dass Formalisierung in der Oekonomik Amok laufen kann, und dies gelegentlich auch tut. Und natuerlich koennen sich auch in formalisierten Modellen hinter scheinbar harmlosen Annahmen ungeahnt schwerwiegende Implikationen verstecken. Ein Beispiel ist die “fiscal theory of inflation”, die von Oekonomen wie Woodford und Sims gepusht wurde, bis ein deutscher Oekonom namens Dirk Niepelt zeigte dass alle Kernergebnisse dieser Theorie auf einer zunaechst unschuldig aussehenden aber hoechst zweifelhaften Annahme beruhten. Aber das scheint mir ein normaler Bestandteil des Wissenschaftsprozesses.
Mit mitch_connor ich allerdigns bei der Feststelllung dass das Interesse an der VWL nicht nur wissenschaftlich sondern auch – und vor allem – praktisch motiviert ist. Die Oeffentlichkeit erwartet zurecht von der WWL, Orientierung zu liefern bei der Frage wie Gesellschaften zu organisieren seien. Haette die VWL diesen Anspruch nicht aehnelte die Zahl steuerfinanzierter VWL-Lehrstuehele in der Tat jener der Aegyptologie oder Linguisitik. Die VWL aehnelt da eher der Medizin, und wie ein Medizinstudent erwarten kann dass er in den fruehen Semestern etwas lernt was ihm hilft den menschlichen Koerper zu verstehen, so kann ein VWL-Student mit Fug und Recht erwarten dass eretwas lernt was ihm hilft das Funktionieren moderner Volkswirtschaften zu verstehen.
Stattdessen lernt er im Grundstudium fast ausschliesslich Grundlagen der oekonomischen Modellierung. Dies hat natuerlich seine Berechtigung, ist aber dem Studneinanfaenger meist nicht klar, und man kann es dabei nicht belassen. Ich sympathisiere mit dem Zweitsemester, der nach ein paar Vorlesungen ueber quasi-konkave indirekte Nutzenfunktionen, bedingte Faktornachfrage und konvexe Produktionssets sich fragt womit er eigentlich seine Zeit verbringt. Ich war selbst mal so ein verlorener Zweitsemester (vor mehr als 20 Jahren), und es hat seine Zeit gedauert bis ich ein intuitives und logisch kohaerentes Verstaendnis entwickelte wie moderne, kapitalistische, monetaere Volkswirtschaften funktioneren (meiner Ansicht nach – sicher werden mir dies viele abstreiten). Das deutsche Diplomstudium hat dazu nicht sonderlich viel beigetragen. Die Tatsache das viele Journalisten eine extrem verkuerzte Sicht von Oekonomik haben liegt eben auch daran dass sie nicht mehr gelernt haben – und dies hat die Uni-VWL sich selbst zuzuschreiben.
@ HK
Henry, Du sollst nicht immer in Kommentaren meine zukuenftigen posts vorweg nehmen… :) Und das kohaerente Verstaendnis spricht Dir doch keiner ab.
Ich wuerde aber ein “auch” in Deine Argumentation setzen. Denn die Methoden sind wichtig, und werden fuer meinen Geschmack im Studium gleichzeitig zu viel und zu wenig gemacht.
@ Kantoos
Ich dachte ich naehme meinen kuenftigen Post vorweg ;-)
Gruss,
HK
@ HK
:D Sehr schoen…
@Kantoos, HK
Naja, der Vergleich mit der Politololgie zeigt doch, dass irgendwann Schluss ist mit der Sinnhaftigkeit von Mathematisierung. (Noch deutlicher das Ganze, wenn man sich dieselbe Frage mit der Geschichtswissenschaft stellt.) Es ist ja auch nicht so, dass ohne Mathe keine neue VWL mehr geht. Die Methoden der verbalen Auseinandersetzung kriegen auch in der VWL immer wieder neuen Stoff, aus der jeweils aktuellen Entwicklung der Wirtschaft.
Die VWL ist der Geschichtswissenschaft viel näher als der Physik. Das hat, wie gesagt, mit der Komplexität der betrachteten Systeme zu tun. Selbst die Klimaforscher sind schon heillos überfordert mit der Komplexität des Klimas, das immer noch wenigstens nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Sobald aber Gruppen von Menschen im Spiel sind, wird es m.E. unmöglich, erfolgreich quantitative Voraussagen zu treffen. Soweit ich weiß, ist der durchschnittliche Wirtschaftsprofessor nicht (viel) besser als der durchschnittliche Taxifahrer, wenn es darum geht, die Zukunft der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vorherzusagen. Eine VWL, die wie Physik funktioniert (Voraussagen überprüft durch Empirie, die beliebig oft wiederholt werden kann), gibt es im Großen nicht.
Ich denke, bisher habe ich nicht viel Kontroverses gesagt, und zumindest mit dem Schluss werdet ihr vermutlich übereinstimmen. Die Frage, die ich mir dann stelle, ist: Soll sich die VWL konzentrieren auf die wenigen Bereiche, die einer mathematischen Behandlung zugänglich sind? (So wie die Klimaforscher, die ihre zweifelhaften Modelle en masse auf Supercomputern durchnudeln, mit noch zweifelhafterem Nutzen?) Oder sollte sie sich mehr darauf konzentrieren, in vielen Bereichen argumentativ überzeugende Handlungsanweisungen für die Politik zu entwickeln? Die 1. Option will ich ja nicht komplett eliminieren (Wissenschaft für die Wissenschaft habe auch ich gerne), der Fokus sollte aber auf der 2. liegen.
@ mitch
Natuerlich, die Politik und Geschichte zeigt, dass die Mathematisierung Grenzen hat, das sehe ich ja auch so. Und es stimmt schon, die verbale VWL bekommt neuen Stoff, aber sie basiert eben immer wieder auf der Verbalisierung moderner Erkenntnisse, die sich durch die Auseinandersetzung mit Modellen ergeben haben. Ich glaube, Du unterschaetzt diese Dimension. Daher sehe ich auch Deinen letzten Absatz anders: 1. informiert 2.! Der fehler, der in meinen Augen immer wieder gemacht wird, ist, 1. nicht als Werkzeug zu verstehen um im sozialen und institutionellen Kontext 2. zu machen, sondern 1. ohne viel Nachdenkens auf 2. anzuwenden. Diesen Fehler machen Oekonomen selbst uebrigens sehr selten (das Hinweisen auf diesen Fehler aber leider auch).
Die Menschen machen das ganze schwieriger, aber vielleicht nicht aus den Gruenden, die Dir vorschweben, sondern wegen der Faheigkeit von Menschen zur Reaktion. Dein Beispiel mit dem Taxifahrer passt genau, aber nicht so wie Du meinst. Die VWL sagt eigentlich, dass weder Taxifahrer noch VWL-Professor die Wirtschaft vorhersagen koennen sollten. Das liegt daran, dass sich sonst die Wirtschaft aendern wuerde, koennte man sie voraussagen. Das geschieht mit den Planeten oder was auch immer nicht. Daher: die Menschen machen die VWL mathematisch schwieriger, aber dafuer nicht unmoeglich zu modellieren, wie Du zu suggerieren scheinst.
PS: Es gibt Fragen, fuer deren Beantwortung reichen unsere VWL Kenntnisse bisher nicht aus. Diese sollte man nicht links liegen lassen, sondern in der Tat staerker mit “alten” Methoden angehen, als das die VWL getan hat. Siehe den “Fehler” oben. Dass sie in der Modellierung “wegdefiniert” werden, finde ich keinen zulaessigen Kritikpunkt, denn zur Modellierung war das oft noetig. Man muss nur darauf achten, dass man die Modelle mit Distanz betrachtet. Siehe wieder den “Fehler” oben.
Nachtrag:
http://econlog.econlib.org/archives/2012/01/the_economists.html
“not only are economists as a group not humble enough, what lay people are presented as economist’s policy recommendations are often the policy recommendations of the least humble economist.”
Ich wuerde sagen, dass ist eine Verzerrung. Als Gruppe sind sie eher “humble”, aber eben die lautesten nicht.
Das mit dem Taxifahrer stimmt auch ohne Fähigkeit zur Reaktion. Um das zu verdeutlichen, setze ich mal einen Physikprofessor neben den Taxifahrer, und frage die beiden nach der Konfiguration eines gerade in Gang gesetzten chaotischen Systems (Chaospendel, say) irgendwann in der Zukunft. Aus irgendeinem Grund ist die Position zu diesem Zeitpunkt in der Zukunft genau die Größe, die uns interessiert. Die beiden haben keine Möglichkeit, auf das Pendel einzuwirken – wiederum ist der Tip des Taxifahrers so gut wie der des Professors.
In der VWL sind die untersuchten Prozesse selbstverständlich noch viel komplizierter als ein Chaospendel. Chaotisches Verhalten der meisten Größen, die von Interesse sind, ist unbedingt zu erwarten.
Ein Fehler ist vermutlich von der VWL zu erwarten sie koenne aehnliches leisten wie die Physik, d.h. punktgenaue Vorhersagen treffen ueber die Entwicklung sozialer Groessen. Dies scheint mir ein unrealistischer Anspruch.
Dies heisst aber nicht dass es in der VWL nicht Sachen von empirischen Gehalt zu untersuchen gaebe – z.B.: wie aendert eine Aenderung der Einkommenssteuersaetze verfuegbares Einkommen, Steueraufkommen, Arbeitsmarktbeteilung, Konsum- und Sparverhalten? Bis zu welchem Grad gelingt es Zentralbanken langfristige Zinssaetze zu manipulieren, und wie reagiert die gesamtwirtschaftlcihe Nachfrage darauf?
Viele oekonomsiche Fragen sind auch inhaerent logischer Natur – in der Debatte zwischen Krugman/Delong auf der einen und Cochrane/Lucas auf der anderen um die Wirksamkeit fiskalischen Stimulus (in der Kantoos ein wenig zwischen die Fronten geriet) geht es im Wesentlichen darum wer logisch koaherent argumentiert, und allenfalls am Rand um empirische Fragen. Gerade bei sowas ist Formalisierung des Arguments extrem nuetzlich.
In der VWL sind die untersuchten Prozesse selbstverständlich noch viel komplizierter als ein Chaospendel. Chaotisches Verhalten der meisten Größen, die von Interesse sind, ist unbedingt zu erwarten.
Das erinnert mich stark an Asimov’s Foundation Triologie bzw Psychohistory. . Was übrigens, laut eigener Aussage Krugman, in die Arme der VWL getrieben hat:
Quelle
Ich hab das auch gelesen – also Asimov – ist schon ansprechend, auch wenn erst in der 3. Generation Erzählzeit die erste Frau auftaucht. Aber Phillip K. Dick oder W. S. Burroughs könnten wohl unfreuwillig mehr zum Verständniss der kaputten Finanzwirtschaft beitragen.
…so please don’t telll me to do the math(s)
warum geht “blockquotes /blockquotes” tag hier nicht?
so kann man sich doch nicht verständlich machen…
@ ug
Geht doch… :) Nein, ich weiß auch nicht, vielleicht geht es nicht. Im Nachhinein kann ich das aber bearbeiten, wie man jetzt sieht. Sicher, dass Du Dich nicht vertippt hast?
ne – ich hab mich nicht vertippt – und jetzt bringt mein feuerfuchs auch das Zitat.
so – danke für Dein gutes Blog….
und evtl noch on topic:
http://yanisvaroufakis.eu/2012/01/20/complexity-fetishism-the-euro-crisis-and-a-worthy-challenge-for-2012-part-b/#more-1608
zur Sicherheit ganz ohne html-tags / naced capitalism’s must read on the topic
@HK:
Da sind wir uns einig, man kann an die VWL nicht dieselben Ansprüche stellen wie an die Physik. Genau deswegen gibt es wenig Bedarf für “komplexere Mathematik” innerhalb der VWL. Die von dir genannten Beispiele (Einkommenssteuersaetze, etc.) brauchen natürlich etwas Mathematik, aber da ist es doch mit den Grundrechenarten und vielleicht ein klein wenig Statistik getan, oder? Inzwischen gibt es dagegen in der VWL Beispiele (Spieltheorie), wo es vor allem darum geht, die mathematischen Geschütze zur Parade auffahren zu lassen. (Wenn dabei interessante Mathematik herauskommt, gut, aber sonst…) Der Post von Rien Huizer oben beschreibt meines Eindrucks nach den zugrundeliegenden Mechanismus ganz gut. Ich meine, der Nutzen für das Verständnis der Volkswirtschaft ist gering bei solcher Forschung.
Mit Arbeitsangebot und Steuersaetzen habe ich mich zu Zeiten meiner Diss mal ausfuehrlicher befasst (mein Prof, Richard Blundell, war eine Koryphae auf dem Gebiet). Will man das “richtig” machen muss man:
– die Budgetbeschraenkung modellieren – hochgradig nicht-linear
– zeigen wie der Haushalt unter einer solchen Beschraenkung optimiert, um Hypothesen ueber sein Verhalten ableiten zu koennen
– ein Identifikations- und Schaetzverfahren entwickeln dass (i) sowohl die nicht-lineare Restriktion erfasst als auch mit dem Optimierungsverhalten konsistent ist und (ii) berucksichtigt dass man lediglich eine trunkierte Entscheidungsvariable beobachtet (Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, trunkiert bei 0)
– Messfehler im Datensatz mitberuecksichtigen und, soweit die Messfehler systematisch sind, modellieren; ferner Endogenitaet von Kovariaten korrigeren, und Nichtlinearitaeten zwischen Entscheidungsvariable und exogenen Charakteristiken zulassen
…….usw. usf..
In a nutshell, ein kompliziertes Geschaeft dass haufenweise Econometrica- Artikel produziert hat und dies vermutlich auch kuenftig tun wird.
Die VWL ist in erster Linie eine mathematizistische Kunstlehre, die auf fragwürdigen Grundaufnahmen aufbaut. Eine grundlegende Analyse der ökonomischen Kategorien wäre der erste Fortschritt innerhalb der Volkswirtschaftslehre, die erkenntnistheoretisch spätestens seit Walras stagniert:
“Doch hier, wo die Grenzen des ökonomischen Denkens sich allzu sichtbar abzeichnen, setzt das Marxsche ein; es sind diese, auch von Jonas und Schumpeter ignorierten, von Amonn nur vage erkannten Grenzen, die schon 1844 den Marxschen Entschluß zur „Kritik“ dieses Denkens bedingen: es sollen seine unreflektierten, ökonomietheoretisch auch gar nicht reflektierbaren „Voraussetzungen“ analysiert werden, die scheinbar harmlosen „ökonomischen Quantitäten“ in ihrer „sinnlich übersinnlichen“, also widersprüchlichen Gestalt als „Massen“, „Volumina“ oder „Bestände“ eines X, des „Werts“.
Wo der Ökonom stehen bleibt, beginnt erst die Marxsche Analyse als Kritik dieser valoren Kategorien, die auf ihren prävaloren, „menschlichen“ oder „sozialen“ Inhalt reduziert und von diesem her rekonstruiert, in ihrer „Verkehrtheit“ und „Verrücktheit“ dialektisch „entwickelt“ werden sollen – ein Programm, das mit der akademischen „sukzessiven Approximation“ abstrakter Modelle oder anderer Kontrukte an die „Realität“ durchaus nichts gemein hat.” – Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik, Hans-Georg Backhaus, ça ira Verlag, 2011, 530 Seiten; S. 377.
Die VWL weiterhin ihr eigenes Süppchen kochen zu lassen – hier mit “wissenschaftlicher Autonomie” umschrieben – ist jedenfalls der falsche Weg!
Sorry aber sowas kann nur jemand schreiben der keinen blassen Schimmer von moderner volkswirtschaftliche Forschung hat – und sich auch nicht darum bemueht. Es ist wohl genau diese “Kritik”, die Fachleuten wie Bachmann so auf den Wecker geht.
@hkasper
Moderne VWL-Forschung, sie sagen es. Die Lehre sieht leider anders aus.
Wenn Das Studenten kritisieren ist das verständlich oder nicht?
Fehlt hier nicht noch Dennis Snower:
http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:oekonomie-in-der-kritik-wir-stehen-am-anfang-einer-revolution/60155490.html
und das New Economic Thinking
http://ineteconomics.org/
Und sogar schon in Europa angekommen:
Paradigm Lost: Rethinking Economics and Politics
Axica Conference Center, Berlin
April 12-15, 2012
http://ineteconomics.org/conference/berlin
nicht zu vergessen 30 ways to be an economist
http://ineteconomics.org/30-ways-be-economist
@hkaspar:
Ich behaupte ja nicht, dass es keinerlei Bemühungen in dieser Richtung gibt. Aber: Inwiefern wird die herrschende Lehrmeinung davon beeinflusst?
Ware, Wert, Geld – Reflektionen über diese ökomischen Hauptkategorien findet man nur bei Marx und bei den in seiner Tradition stehenden Ökonomen… Die überwiegende Teil der VWL sieht anscheinend nicht ein mal die Notwendigkeit, darüber zu reflektieren, was für mich das Hauptproblem darstellt.
Ein Blick in wirtschaftswissenschaftliche Fachzeitschriften scheint meine Einschätzung nur zu bestätigen.
Sie haben recht dass ueber Marx in der oekonomschen Theorie nur noch selten reflektiert wird – kein Wunder, ist seine Wertlehre doch seit spaetestens 1884 (Eugen Boehm-Bawerk, “Kapital und Kapitalzins”) erledigt.
Gruss,
HK
Marx’ Versuch einer ökonomischen Kategorialanalyse wurde gleich “miterledigt”…
“Dass die Begrifflichkeiten der Marxschen Theorie das theoretische Feld der herrschenden Wirtschaftswissenschaften epistemologisch transzendieren und überschreiten wurde hier nicht in Betracht gezogen. Vielmehr wurde das „Kapital“ unter dem Erkenntnisinteresse bürgerlicher Nationalökonomie gelesen, daran gemessen, entsprechend interpretiert und schließlich verworfen. Das spezifisch Marxsche Erkenntnisinteresse wurde so gar nicht erst zur Kenntnis genommen [...]
[...]Diesen Verkürzungen von Seiten der akademischen Nationalökonomie her steht das faszinierende Interesse einiger weniger Ökonomen entgegen, die zumindest ahnen, dass Marx sehr viel mehr betrieben hat, als gemeinhin in diesem Fach üblich ist: Nämlich eine Art erkenntnistheoretisch fundierter Grundlagenforschung, die ihresgleichen sucht in diesem Fachgebiet. Ihre eigene Sterilität sowie ihre latente Unfähigkeit, sinnvolle Beiträge zum Verständnis globaler Krisenphänomene bereitzustellen, ‘dieser bemitleidenswerte Zustand der akademischen Lehre ist weitgehend das Resultat ihrer Weigerung, auf die von Marx gestellten Fragen einzugehen’[5], so die englische Cambridge-Ökonomin Joan Robinson in eine ihrer letzten Wortmeldungen zur Marxschen Ökonomiekritik.” – Wertbegriff und ökonomische Theorie. Die Verkürzungen und Mißverständnisse der nationalökonomischen Marxlektüre, Hans-Peter Büttner, http://www.trend.infopartisan.net/trd1007/t231007.html (Oktober 2007).
Schade, dass Sie Marx lediglich auf seine Arbeitswertlehre reduzieren.
Das mit dem “Erledigen” ist halt so eine Sache. In der Cambridger Kapitalkontroverse wurde so ziemlich jede von der Neoklassik praktizierte Übertragung des Grenzproduktkalküls von der disaggregierten, technischen Ebene auf die aggregierte makroökonomische, (Preis-)Ebene unwiderbringlich zerlegt. Gestört hat das im Mainstream kaum jemanden. Gängige Makro-Lehrbücher postulieren die neoklassische Arbeitsmarkt- und Zinstheorie (Knappheitspreise der Produktionsfaktoren “Arbeit” und “Kapital”) heute ohne irgendeinen Hinweis darauf, dass deren Fundament seit einem halben Jahrhundert “erledigt” ist. Aber die Grenzproduktivitätstheorie ist halt auch einfach zu gut, lässt sich doch mittels ihrer gesamtgesellschaftliche Verteilungsfragen auf “natürliche” Faktoren zurückführen, ohne dass man sich über Dinge wie Machtverhältnisse, gesellschaftliche Gegensätze, Abhängigkeiten von historischen Gegebenheiten und gewachsene institutionelle Strukturen o.ä. den Kopf zerbrechen muss (sprich: über das, was Marx, aber auch durchaus die klassischen Ökonomen, interessiert hat).
Auch der Einschaetzung kann ich herzlich wenig abgewinnen. Die Cambridge-Kontroverse hat gezeigt dass es bei diskreten Technologien und heterogenen Kapitalguetern lokal die Moeglichkeit des Reswitching gibt – d.h. eine geringfuegige Erhoehung des Zins/Lohnverhaeltnis kann unter bestimmten Bedingungen eine geringfuegige Erhoehung des Kapital/Arbeitseinsatzverhaeltnisses nach sich ziehen (und nicht eine Absenkung, wie die Standard-Theorie voraussagt). Allerdings nur lokal (bei grossen Veraenderungen gilt das nicht mehr) und als Ausnahme von der Regel.
Letztlich handelt es sich um ein ganz gewoehnliches Aggregationsproblem, von denen es in der VWL mehr und schwerwiegendere gibt – z.B. die Aggregation zu einem repraesentativen Konsumenten.Ich bin immer wieder beeindruckt was fuer einen Elephanten selbsternannte Oekononmie-Kritiker aus dieser Maus machen, denn von “Fundament erledigt” etc. kann auch nicht entfernt die Rede sein.
@ hkaspar
Das kann man ja so sehen (Bliss hat damals schon gesagt, wegen des Giffen-Gutes wirft man doch auch nicht die Konsumtheorie über den Haufen), aber es ist eben genau ein Ausdruck des Pressens aller gesellschaftlichen Analyse in das neoklassische Weltbild, das “selbsternannte Ökonomie-Kritiker” an dieser Art von Wissenschaft stört.
Cohen und Harcourt haben das m.E. in ihrem Rückblick auf die CC-Kontroverse von 2003 schön auf den Punkt gebracht:
“While neoclassical economics envisions the lifetime utility-maximizing consumption decisions of individuals as the driving force of economic activity, with the allocation of given, scarce resources as the fundamental economic problem, the “English” Cantabrigians argue for a return to a classical political economy vision.There, profit-making decisions of capitalist firms are the driving force, with the fundamental economic problem being the allocation of surplus output to ensure reproduction and growth. Because individuals depend on the market for their livelihoods, social class (their position within the division of labor) becomes the fundamental unit of analysis.” (Das ist natürlich genau der Punkt bei Marx, den, wie Büttner in dem oben verlinkten Text herausarbeitet, Böhm-Bawerk übersehen oder ignoriert hat.) Ich würde behaupten, dass niemand etwa die wunderbare anthropologische Gesamtschau von Graeber (“Debt – The First 5.000 Years”) lesen und danach noch ernsthaft behaupten kann, die funktionale Verteilung der gesellschaftlichen Wertschöpfung auf die “Produktionsfaktoren” sei ein Ausdruck der jeweiligen Grenzproduktivitäten.
Zum Selbstverständnis der Ökonomen ein paar Worte von Rogoff, die ich für sehr bedenkenswert halte:
>Sie (die Ökonomen, D. T.) ignorieren den Faktor Macht, der aber von enormer Bedeutung ist. Die meisten Ökonomen versuchen, Probleme mit mathematischen Modellen zu lösen, und übersehen dabei die strategischen Aspekte wie Macht und demokratische Stabilität. Sie sind davon überzeugt, dass sie nur immer bessere Mathematiker mit immer komplexeren Modellen werden müssten, um alle Probleme zu lösen. Doch das ist einfach die falsche Richtung. Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft, nicht einfach eine Wissenschaft. Sie muss Faktoren wie Politik und Geschichte berücksichtigen, um wirklich brauchbare Lösungen zu finden.>
Das ist kein Plädoyer gegen Mathematik in der Ökonomie, sondern eines gegen die begrenzte Sichtweise von Ökonomen.
Ich glaube auch, dass deshalb insbesondere die Politik immer wieder große Schwierigkeiten hat, die Empfehlungen der Ökonomen als hilfreich für ihre Probleme anzusehen. Sie halten sie vielfach für einfach nicht brauchbar.
Das ganze Interview:
http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/kenneth-rogoff-oekonomen-ignorieren-den-faktor-macht/6098542-2.html
Um ehrlich zu sein ist mir nicht ganz klar woher der Irrglaube kommt das VWL Studenten im ersten Semester nur Methoden und nichts ueber “die Krise” lernen. Zugegeben, ich studiere nicht im deutschsprachigen Raum (da ich – so traurig das auch ist – besser in Englisch lerne), doch es faellt mir schwer zu glauben dass sich der Lehrplan so sehr zwischen Sprachgebieten unterscheidet. Wer zum Beispiel das weitverbreitete “Principles of Economics” oder das etwas formellere “Macroeconomics” von Mankiw kennt, der weiss dass man durchaus sowohl die Krise als auch die gaengigsten Modelle auf eine generell verstaendliche Weise darstellen kann (und alzu viel Mathe braucht man auch nicht). Ich will damit keinesfalls sagen dass jene Buecher perfekt sind oder das sie besser sind als deutsche Lehrbuecher (so etwas koennte ich gar nicht behaupten da ich die deutschen Buecher nicht kenne). Ich will auch nicht sagen das es in anderen Laendern keine Kontroversen ueber die VWL gibt. In den USA gab es im Zuge der OWS Bewegung jede Menge Kontroversen (diese sind aber mehr auf die angebliche Foerderung von sozialer Ungleichheit durch Oekonomen fokusiert), inklusive des “Ec10 walkouts”. Doch die Idee dass die ersten Semester nur Methodik sind kann ich nicht nachvollziehen. Vllt. habe ich da auch nur etwas falsch verstanden.
Generell muss ich aber herrn Bachmann zustimmen. Die Idee dass die moderne Macro nur eine von Finanzlobbyisten gepushte autistische Pseudowissenschaft ist (um die Kritik mal in ihrem Weberianischem Ideal Type darzustellen), ist so alt wie… die moderne Macro (der Film Inside Job bedient dieses Klichée zum Beispiel wunderbar). Obowohl die VWL nicht alleine ist. Die Politikwissenschaft in den USA muss sich konstant Vorwuerfe anhoeren à la “Ihr habt den Arabischen Freuhling nicht vorrausgesagt… Ihr seid alle nutzlos”. Die Kritik basierend auf dem “Prostitutionsartikel” fand ich besonders absurd da man aehnliches in jeder Disziplin findet, wie die Ig Nobel immer wieder beweisen.
http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Ig_Nobel_Prize_winners
Am ende muss ich aber noch hinzufuegen dass ich nicht ganz verstehe wieso herr Bachmann die Psychologie so von der Oekonomie abtrennt. Soweit ich das sehe, und ich koennte mich natuerlich auch wieder irren, ist Behavioural economics weitgehend mit dem Mainstream vereinbar (die Modelle werden halt etwas komplexer). In den USa gibt es sehr viel research in diese Richtung.
Was Ken Rogoff wohl von diesem Buch halten würde ?
Einfach mal die “hier reinlesen und suchen” Funktion nutzen und etwas drin rumscrollen.
Wenn das die Art von Mathematik ist, die noch akzeptabel ist, ist die Debatte über Formalisierung eine Scheindebatte, denn 95% der Studenten,Doktoranden und Professoren kommt kaum Mathematik unter, die über das hinausgeht, was in diesem Buch verlangt wird.
@hkaspar: Ich fürchte, ich verstehe deine Aussage nicht ganz. Wenn du sagst, die Cambridge-Kontroverse beziehe sich nur auf “diskrete Technologien”, stellst du diskrete Technologien und heterogene Kapitalgüter als Spezialfall oder Sonderfall dar, während in der Debatte eigentlich umgekehrt Samuelson aus vielen diskreten Kapitalgütern eine “surrogate production function” basteln wollte, wozu Cohen und Harcourt zusammenfassen:
“Samuelson’s (1962) attempt in the “surrogate production function” included what appeared to be a variety of physically distinct capital goods, but he also assumed equal factor proportions in all industries, making relative prices independent of changes in distribution between wages and pro ts. As Samuelson subsequently realized, this effectively collapsed his model back to one commodity.
By the late 1960s, Samuelson’s (1966, p. 568) judicious “Summing Up” article admitted that outside of one-commodity models, reswitching and capital-reversing may be usual, rather than anomalous, theoretical results and that the three neoclassical parables “cannot be universally valid.” On a theoretical level, the “English” Cantabrigians won the round over aggregate production functions. Even neoclassicals like Hahn (1972, p. 8) showed no mercy for aggregate production functions,
which “cannot be shown to follow from proper [general equilibrium] theory and in general [are] therefore open to severe logical objections.” ”
Avi J. Cohen, G. C. Harcourt, “Whatever Happened to the Cambridge Capital Theory Controversies?,” Journal of Economic Perspectives, 17(1), Winter 2003, 199–214.
Ich zumindest habe die aggregierte Produktionsfunktion und damit aggregiertes “Kapital” mit stetig abnehmenden Grenzerträgen bisher als so eine Art Metapher verstanden, die eigentlich etliche, qualitativ unterschiedliche Kapitalgüter repräsentieren soll. Wie ist deine Interpretation? Zudem verstehe ich nicht, was du damit meinst, Reswitching gehe nur lokal und nicht “bei großen Veränderungen”. Für eine Erklärung wäre ich dankbar.
Und schließlich wüsste ich natürlich gerne, von wem man eigentlich zum Ökonomiekritiker ernannt werden muss, wenn die Selbsternannten die Ökonomie nicht kritisieren dürfen ;-)
@ rat racing bets, Surrogat-Produktionsfunktion
“Die Frage lautet freilich, ob die Parabel nicht doch bloß ein Märchen erzählt, denn lineare Lohnkurven beruhen, wie sich sich zeigen läßt, auf uniformen Kapitalintensitäten in allen Sektoren; eine Voraussetzung, unter der jedoch, wie Kritiker mit kaum verhohlener Ironie festhalten konnten, auch die Marxsche Werttheorie gelte.” ;)
http://www.georg-quaas.de/lohn_und_profitkurven.pdf
“Und schließlich wüsste ich natürlich gerne, von wem man eigentlich zum Ökonomiekritiker ernannt werden muss, wenn die Selbsternannten die Ökonomie nicht kritisieren dürfen ;-)”
Der Frage schließe ich mich an.
@ Wirtschaftsphilosoph
Wenn man die JP so einfuehrt, wie man es gemacht hat, naemlich ohne tenure track, war das ja auch Unsinn. Und dabei verstehe ich unter tenure track nicht, dass man sich danach in house bewerben darf, sondern, dass wie in den USA die Stelle finanziert auf Lebenzeit existiert, wenn man als JP anfaengt, und man sich “nur” bewaehren muss. Wenn man einfach nur Namen (Juniorprofessor) importiert, ohne das Konzept dahinter, macht man eben Unsinn. Ob die jetzigen Habilitanden oder JP verheizt werden oder nicht – das werden wir ja sehen. Das mag bisher nicht der Fall gewesen sein, aber zwei Dinge sind klar: die Unis haben einen enormen kurzfristigen Lehrbedarf, der etwa sechs bis zehn Jahre andauern wird, und danach brechen die Studentenzahlen ein. Es gibt daher jetzt grosse Anreize, temporaere Stellen zu schaffen, und es gibt spaeter grosse Anreize, gerade in der unbeliebten VWL massive Stellen abzubauen. Ich befuerchte Schlimmes fuer die jungen Kollegen.
Wer meine Warnungen vor der Einmischung von Aussen in die VWL (ja, dazu gehoeren zunaechst mal auch Studienanfaenger) uebertrieben fand: hier ist ein Beitrag von Sebastian Dullien, der meine schlimmsten Befuerchtungen uebertrifft: http://www.fr-online.de/meinung/gastbeitrag-von-sebastian-dullien-deutsche-oekonomen–die-unbelehrbaren,1472602,11513712.html
Genau davor wollte ich warnen mit einen Betraegen.
Fuer mich etwas ueberraschend, hat der Wirtschaftsphilosoph allerdings schon gut geantwortet:
http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.com/2012/01/26/sind-deutsche-okonomen-besonders-unbelehrbar/
Allerdings, lieber Wirtschaftsphilosoph: muss das professorale Gehabe (“nur Fachhochschulprofessor”) wirklich sein? Rank pullen ist niemals ein Argument. Und mit wurde Arroganz vorgeworfen, tsetsetse…
An meiner Fakultät wollte ich einmal einen echten Tenure Track etablieren, wofür es sogar Fördergelder gegeben hätte. Doch meine Kollegen haben sich nicht getraut. (Jetzt wäre es sicher spannend, meinen Namen und damit meine Fakultät zu kennen – aber hätte ich dann darüber berichtet?)
Ob der zusätzliche Lehrbedarf wirklich so kurzfristig ist, würde ich bezweifeln. Das erzählt man schon seit Jahrzehnten. Die Altersjahrgänge werden kleiner, dafür steigt der Anteil der Studierenden und in wirtschaftsnahen Fächern auch noch überproportional. Allerdings sollte man den wissenschaftlichen Nachwuchs auch nicht in falscher Sicherheit wiegen. In jedem Fall steigen die Anforderungen und sollte jeder Exitoptionen haben.
Wenn Sie vor so Sachen wie von Herrn Dullien warnen wollten, dann liegen wir gar nicht weit auseinander. Es ist natürlich auch nicht jede studentische Kritik hervorragend. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass man sie nicht nur deshalb pauschal zurückweisen sollte, weil sie von Studenten kommt. Dasselbe gilt natürlich auch für FH-Professoren etc. Mein Hinweis darauf war nur eine Retourkutsche auf den pauschalen Angriff gegen Universitätsprofessoren von Herrn Dullien.
Heterodoxietendenzen gibt es nun auch schon an anderen Fachbereichen:
http://www.3sat.de/page/?source=/nano/gesellschaft/159910/index.html
Da wird einem Angst und Bange.
@ Wirtschaftsphilosoph: die Nachfrage nach BWL steigt, die nach VWL faellt (ich weiss, Sie sehen moeglicherweise einen kausalen Zusammenhang zur “Bornierheit” von Leuten wie mir), also da waere ich mir nicht so sicher. Ich wuensche mir, Sie behalten Recht.
Im uebrigen sind wir glaube ich konvergiert. Machmal gibt es das tatsaechlich. Es ging mir zunaechst einmal darum, die Studenten aufzufordern, Geduld zu bewahren, und nicht gleich im ersten Semester davonzulaufen, wenn sie nichts von der Krise hoeren. Und ich insistiere auch auf Einarbeitung in unsere Sprache – wohlgemerkt bei Leuten, die VWLer werden wollen (es kann sein, dass Sie das liberaler sehen, OK, we agree to disagree). Nicht bei Bloggern oder Journalisten. Keiner will Diskussionsverbote.
Werter Leser,
eins vorweg, ich bin VWL Student und habe demnächst den Bachelor.
Eine Sache sehe ich als besonders wichtig an:
WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENHÄNGE VERSTEHEN!!
Mit diesem Hintergrund habe ich mich oft gefragt ob es wirklich nötig ist, wirklich banale Sachverhalte, die man mit 5 Sätzen erklären könnte, den Studenten auf biegen und brechen mit Hilfe eines aufwendigen Modells zu erklären und womöglich noch irgendwelche Werte berechnen zu lassen.
Ganz besonders schlimm wird es, wenn es heißt das irgendein Modell zwar weitestgehend empirisch widerlegt ist oder nur unter starken Restriktionen funktioniert, aber weil es zum Studium dazu gehört wird es behandelt.
Wenn Modelle elegant sind und funktionieren freut sich das Bastlerherz, aber wenn die Realitätsferne oder Banalität zu hoch sind, wäre es meines Erachtens sinnvoll stattdessen die Zeit dafür zu verwenden den Studenten wirtschaftliche Sachverhalte mit Beispielen aus der Wirtschaftsgeschichte zu illustrieren. Oder einfach mal von der Neoklassik und dem bisschen Postkeynesianismus abzuweichen und andere Schulen zu Wort kommen lassen. Bzw. noch mehr in die Breite zu gehen.
Mein Wissen weist viele Lücken auf, die gefüllt werden hätten können, stattdessen ging die Zeit für oben Beschriebenes drauf. Für eigenständige Weiterbildung außerhalb des Lernstoffs fehlte mir leider Zeit und Energie. Am meisten gelernt habe ich in der Einführungsveranstaltung und bei meiner Bachelorarbeit.
Da sprechen Sie zu Recht ein großes Problem an, das aber nicht nur in der VWL besteht, sondern eigentlich in jedem Fach, das mit aufwendigen Methoden arbeitet: Es bleibt nach dem Erlernen der Methoden kaum Zeit übrig diese auch anzuwenden. Und es geht ja weiter, da die Masterstudiengänge offen für alle Fachrichtungen sind, kann man nicht auf dem Wissen eines VWL-Bachelors aufbauen, sondern muss erneut Methoden lehren um den Fachfremden den Einstieg zu ermöglichen. Was ist die Alternative ? Den VWL-Master auf VWL-Bachelorstudenten beschränken ? Die Anzahl methodischer Kurse reduzieren und dafür mehr Seminare anbieten ? Ich weiß es nicht, aber den Status Quo finde ich auch nicht ganz befriedigend.
Und was banale Modelle mit wenig ökonomischer Aussagekraft angeht: die werden im Bachelor-Studium vermutlich gelehrt um die Studenten mit den Techniken vertraut zu machen und weniger um ökonomische Zusammenhänge zu vermitteln.
@ econ
Sehr guter Kommentar. Es ist eben wirklich schwierig.
Ich könnte mir zwei Extremformen vorstellen: einen Bachelor der es mit Mathematik aufnehmen kann und nur Methoden prügelt. Dann reicht die Zeit um am Ende die Anwendung in der Forschung zu lesen und zu verstehen.
Oder aber ein Studium, das ganz auf Methoden verzichtet, sondern nur versucht, die ökonomische Intuition zu verstehen und zu lehren, mit jeder Menge Geschichte, und aktuellen Ereignissen.
Der Mischmasch, der bisher stattfindet, scheint auf jeden Fall nicht so zielführend.
Alle Warnungen vor den Einmischungen eines Außenstehenden hochmütig missachtend, möche ich gern aus Sicht eines Wirtschaftsjournalisten etwas über die Volkswirtschaftslehre und ihre Professoren sagen.
1. Die meisten Ökonomieprofessoren scheinen nach meinem Eindruck nicht sonderlich an den aktuellen Fragen interessiert zu sein, die uns unter den Nägeln brennen. So beschäftigt sich an den Hochschulen offenbar kaum jemand mit wirtschaftspolitisch relevanten Problemen wie: Was kostet die Rettung der deutschen Banken die Steuerzahler? Welche Auswirkungen hätte eine exklusiv in der Eurozone eingeführte Finanztransaktionssteuer? Welche Folgen hat die systematische Missachtung von geistigem Eigentum (Technologieklau) durch chinesische Firmen für die Wettbewerbsfähigkeit westlicher Unternehmen? Was sind die tieferen Ursachen dafür, dass Irland bei der Bewältigung der Staatsschuldenkrise erheblich größere Fortschritte macht als Griechenland oder auch Portugal? (so jedenfalls meine Erfahrungen)
2. Es gibt nach wie vor zu wenig empirische Forschung in der Mikro- und Makroökonomie. Dies gilt zum Beispiel für Standardannahmen wie den Homo Oeconomicus. Wenn ich es recht sehe, befassen sich mit diesen grundsätzlichen Fragen im deutschsprachigen Raum lediglich die Universitäten Bonn, Köln und die ETH Zürich.
3. Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich kaum oder gar nicht mit anthropologischen, psychologischen und sozialen Faktoren, die die Entscheidungen von Wirtschaftssubjekten beeinflussen und die für die Entwicklung einer Volkswirtschaft eine zentrale Rolle spielen. Macht wurde in einem Blogeintrag bereits genannt. Wichtig sind m. E. aber auch Korruption, Rechtssicherheit und das Ausmaß des sozialen Vertrauens in einer Gesellschaft. Macht spielt nicht nur in der (Wirtschafts-)Politik eine Schlüsselrolle. Sie ist vermutlich auch der wichtigste Faktor, der die Handlungen von Unternehmern und Managern motiviert, hat jedenfalls oft größere Bedeutung als makroökonomische Variable wie Zinsen, Löhne oder Wechselkurse. Und ohne sich mit Korruption zu befassen, lassen sich die langfristigen Perspektiven für Emerging Economies wie China kaum angemessen analysieren.
4. Ähnliches gilt natürlich für die Rolle von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit bei der wirtschaftlichen Entwicklung. Insgesamt kooperieren die Volkswirte m. E. zu wenig mit Nachbardisziplinen wie Politikwissenschaft und Soziologie, aber auch Anthropologie, Ethnologie und Psychologie.
5. Volkswirtschaftsprofessoren sind leider nicht selten ideologisch ziemlich vernagelt, wenn ich das so zugespitzt formulieren darf. Will sagen: Recht festgelegt auf eine bestimmte Position. Sie nehmen es dabei mit jedem Journalisten-Kollegen auf, der am Fließband seine Überzeugungen absondert. Ein Beispiel dafür ist der Nobelpreisträger Paul Krugman, der mit seinen Kolumnen in der New York Times zuweilen seinen Ruf als Wissenschaftler zu gefährden scheint. Die Ökonomen, die bei Banken oder in der Industrie arbeiten, haben hingegen oft eine viel differenziertere Sichtweise.
6. Zu den dünkelhaftesten Menschen, die ich je interviewt habe, gehören einige VWL-Professoren (sorry for that). Dies liegt vielleicht daran, dass Hochschullehrer im allgemeinen nicht viel Verantwortung tragen, dass ihre wissenschaftlichen Arbeiten nur von den lieben Kollegen gelesen werden und dass ihnen allenfalls die Studenten zuhören – ein klassischer Fall von Überkompensation also. Seltsamerweise verflüchtigt sich die Arroganz oft, wenn ein Professor wirklich Macht und Einfluss erlangt, also zum Beispiel Rektor wird, Chefvolkswirt einer Großbank oder gar Staatssekretär in einem Ministerium.
@ WiJournalist
Es steht Dir natürlich frei, Deinen Eindruck zu schildern, danke dafür.
zu 1. Nun ja, das hat Rüdiger ja selbst angesprochen: das Forschungsfeld der VWL ist erstmal etwas eng. Das liegt an der methodischen Penetranz, will ich es mal nennen, denn nicht jedes spannende aktuelle Gebiet eignet sich direkt für die Forschung. Und einige Deiner Fragen sind auch seriös nicht zu beantworten, zumindest gemessen an den Standards der akademischen VWL. Allerdings muss ich widersprechen, dass das für sonderlich viele gilt. In seinem Bereich beschäftigt sich ein Prof schon mit der Realität, ist mein Eindruck. Gerade die empirisch arbeitenden, und davon gibt es sehr viele.
zu 2. Die Annahmen würde ich nicht überbewerten, manche davon sind für Laien schwer zu verstehen, aber sinnvoll, auch wenn sie unrealistisch sind. Die Verhaltensökonomie, die Du ansprichst, hat jetzt nicht gerade für eine Revolution im Verständnis der Welt gesorgt. Aber dass insbesondere die deutsche VWL zu wenig empirisch war, das stimmt. Im Ausland, das kann ich Dir versichern, ist dies NICHT der Fall. Und Empirie in Makro ist einfach unglaublich schwer, wenn man sie gut machen will — nicht zuletzt gab es dafür kürzlich einen Nobelpreis.
zu 3. Nun ja, das stimmt nicht ganz. Vielleicht ist es Dir zu wenig, aber die VWL versucht sich innerhalb ihres Rahmens durchaus mit diesen Themen zu beschäftigen. Avinash Dixit ist einer von ihnen. Ich sage bewusst: innerhalb der VWL Rahmens, denn wenn man versucht, Macht theoretisch zu modellieren, kommt man schnell in Teufels Küche. Da braucht es schon Genies wie Dixit. Und das was Politikwissenschaftler “Theorie” nennen, ok, sowas gibt es in der VWL nicht. Zum Glück.
zu 4. Die Kooperation kommt sicher manchmal zu kurz, aber es wird besser. Und zwar weil die Politikwissenschaft und die Soziologie sich ökonomischer Methoden und Modelle nähert, dadurch aber auch die Ökonomen begeistert für neue Fragen und die sich ebenfalls bewegen.
zu 5. Ja, da muss ich Dir in Teilen zustimmen. Die normativ-unempirische Ordnungsöknomie in Deutschland hat uns da einen Bärendienst erwiesen. Natürlich gibt es in den USA und UK auch Ideologen, ohne Ordnungsök. Aber der Großteil, den ich erlebe, ist sehr pragmatisch. Aber in der Forschung, und dafür werden sie bezahlt, muss man nicht immer pragmatisch sein — anders als Bank VWLer.
zu 6. Hmm, hab ich so noch wenig erlebt. Aber es stimmt schon, in der deutschen Ordnungsökonomie häufiger, wenn sie als Glaubensbekenntnis interpretiert wird, und nicht als Wissenschaft.
zu 1 Nicht jede wirtschaftspolitische Frage ist auch eine wissenschaftliche Frage, auch wenn den meisten wirtschaftspolitischen Fragen wissenschaftliche Fragen zugrundeliegen. Zu manchen der angegebenen Themen gibt es auch Forschung und Lehre, property rights zum Beispiel. Aber sicherlich kann man darüber streiten ob die Schwerpunktsetzung der letzten Jahrzehnte richtig war.
zu 2. Die aktuelle Forschung ist wie im Verlaufe der Debatte schon angeklungen zum Großteil empirisch, hier mal das Programm zu einer der wichtigsten VWL-Konferenzen, klicken sie sich durch:
http://www.aeaweb.org/aea/2012conference/program/preliminary.php
Wenn sie mit Forschung, die sich mit den Standardannahmen des HÖ beschäftigt experimental economics meinen liegen sie auf jeden Fall falsch, an sehr vielen deutschen Unis gibt es Lehrstühle, die sich mit experimental econ beschäftigen, von Frankfurt (Koesfeld), Mannheim (Engelmann, Orzen) und München (Kocher), weiß ich das auf jeden Fall, aber ich bin mir sicher man findet an den meisten deutschen Unis etwas. Ob das eine sinnvolle Schwerpunktsetzung ist sein mal dahingestellt, denn bis sich die Ergebnisse solcher Arbeiten in die wirtschaftspolitische Debatte einbringen lassen ist es ein langer weg. Es gibt aber auch theoretischen behavioral economics an deutschen Unis, zB in Mannheim und Frankfurt.
zu 3. das ist eine ziemlich verworrene Anhäufung von Aussagen, die ich allesamt für falsch halte. Wenn es um die Rolle von Institutionen, Rechtssicherheit etc geht, sollten sich sich zB mal mit der Arbeit von diesem Kollegen beschäftigen: http://econ-www.mit.edu/faculty/acemoglu/books , einem der prominentesten Vertreter unseres Faches. Es gibt hunderte andere Ökonomen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen (bitte googlen, bzw bei google scholar oder ssrn gucken), aber in der Lehre ist das eben nichts für das erste Semester sondern eher ein Thema für ein Seminar im 5. Semester!
zu 4. Siehe 3, googlen hilft weiter, sonst nachfragen, dann helfe ich,
zu 5. Auf junge, forschungsstarke Volkswirte trifft das meiner Meinung nach nur sehr selten zu und Blogger, Talkshow- und Feuilletonökonomen sind auch in der Profession nicht immer sehr beliebt, aus gutem Grund!
zu 6. Als Wissenschaftler sehen wir es normalerweise als unseren Job an die Wahrheit zu sagen und nicht Beliebtheitspreise zu gewinnen. Wer bei einer Bank oder sogar in der Politik oder als Lobbyist arbeitet ist auf das Wohlwollen der Medien angewiesen, und sagt deshalb ( in vielen Fällen) gerne alles, was Journalisten gerne hören wollen – polemische Ökonomenkritik natürlich eingeschlossen.
Leider muss ich auch ihnen sagen, was ich den meisten Kritikern der Wirtschaftswissenschaften vorwerfe: die meisten Vorwürfe sind faktisch falsch, deswegen nimmt solche Kritik in akademischen Zirkeln auch niemand so richtig ernst.
Es wäre geschickter, sie würde solche Themen als Fragender anpacken, und nicht als Ankläger.
Sehr geehrter Herr Professor Bachmann,
zu Ihrem Blog möchte ich gern noch einen zweiten Kommentar schreiben. Sie scheinen ja ein rechtes Problem mit der deutschen Presse zu haben! Als Betroffener (ich arbeite seit 30 Jahren als Wirtschaftsjournalist für führende Medien) möchte ich dazu ein paar Bemerkungen loswerden.
Bereits in Ihrem Beitrag für Spiegel Online bzw. die Ökonomenstimme polemisierten Sie heftig gegen die angeblich mangelhafte Qualifikation deutscher Wirtschaftsjournalisten. Diese hätten ihre VWL-Kenntnisse wohl größtenteils in Überblicks-Kursen ältlicher Privatdozenten erhalten, mutmaßen Sie.
Ich darf Ihnen da scharf widersprechen: Rund 80 Prozent aller Journalisten, die in den Wirtschaftsredaktionen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Financial Times Deutschland, des Handelsblatts, des Manager Magazins, des Spiegels, der Süddeutschen Zeitung, der Wirtschaftswoche und der Zeit arbeiten, haben einen akademischen Grad in Volks- oder Betriebswirtschaft. Manche sind sogar promoviert.
Ich kann dies beurteilen, da ich in einigen dieser Redaktionen selbst gearbeitet, in anderen viele gute Bekannte und Freunde habe. Sie aber bringen für Ihre steile These nicht den geringsten Beleg – es handelt sich also um reine Polemik. Ein Journalist, der bei einem seriösen Medium eine solche pauschale Diffamierung einer ganzen Berufsgruppe ohne jede Recherche veröffentlichen würde, müsste übrigens mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen.
Im oben platzierten Blog-Beitrag behaupten Sie nun, dass deutsche Journalisten (und Blogger) die akademische Volkswirtschaftslehre ganz überwiegend kritisch beurteilen würden. Sie vermissen in der Berichterstattung Offenheit und Pluralität. Auch hierfür bleiben Sie jeden Beleg schuldig.
Für mich stellt sich die Situation völlig anders da. Regelmäßig sprechen Wirtschaftsjournalisten im Rahmen ihrer Berichterstattung mit führenden Vertretern der Volkswirtschaft. Dies würden sie ja wohl kaum tun, wenn sie VWL-Professoren grundsätzlich für schwachsinnig halten würden.
Ich habe mir vorhin die Liste der Hochschullehrer angeschaut, die in der Autorenliste der Ökonomenstimme auftauchen. Mit mindestens einem Dutzend davon habe ich Interviews gemacht oder Informationsgespräche für Artikel geführt. Es kann also keine Rede davon sein, dass Journalisten die VWL per se oder die Pluralität der Expertenmeinungen ignorieren.
Es gibt freilich ein kleines, feines Detail zu beachten: Wir Journalisten reden gerne mit Experten, die wirklich etwas zu sagen haben. Und dies sind im Zweifel jene Volkswirte, die die empirisch arbeiten – z. B. Chefvolkswirte von Banken oder Wissenschafter namhafter Wirtschaftsforschungsinstitute.
Mit Theoretikern, die im Elfenbein-Turm virtuos mit Formeln und Modellen jonglieren, können wir leider nicht allzu viel anzufangen. Dies scheint mir – mit Verlaub – das wirkliche Problem zu sein, das hinter Ihrer Polemik steht.
Na da kann die Community ja froh sein, dass zumindest einige ihrer Kollegen so gnädig sind sich mit Theoretikern wie Markus Brunnermeier zu unterhalten.