Zur Debattenkultur in der VWL-Kritik

Ich freue mich sehr, einen Gastbeitrag von Rüdiger Bachmann ankündigen zu dürfen, in dem er sich – nach seinem kürzlichen Beitrag auf Spiegel Online hier auf Kantoos Economics erneut der Kritik an der modernen VWL stellt.

Von Rüdiger Bachmann

Oh boy, da ist ja wieder einmal ein Feuersturm auf mich herein geprasselt nach meinem Spiegel Online Artikel, der dann in der Ökonomenstimme leicht verändert nachgedruckt wurde. Die Resonanz war übrigens nicht nur negativ. Ich habe vor allem von Studenten der VWL einige Emails bekommen, die genau wie ich die moderne VWL anders erleben als sie nahezu einhellig von der deutschen Journalistik und Blogosphäre beschrieben wird (große Ausnahme: Kantoos), nämlich als in der Tat kritisches, plurales, dynamisches und offenes Wissenssystem. Und die es Leid sind, sich ständig rechtfertigen zu müssen ein Fach zu studieren, das Ihnen Spass macht, und nur darauf gewartet haben, dass einmal diejenigen, die das ohne Gefahr für ihr Einkommen tun können (beamtete Professoren), für das Fach einstehen. Insofern entspricht die veröffentlichte Meinung vielleicht nicht ganz dem wahren Meinungsbild. Nebenbemerkung: ich finde es schon seltsam, wenn nahezu die gesamte deutsche Journalistik gegen die universitäre VWL wettert – da fragt man sich schon, ob man da die Forderung nach Pluralität und Offenheit selbst immer so Ernst nimmt.

Was mich aber am meisten enttäuscht hat in dieser Debatte, ist der Mangel an Rezeptionsfähigkeit, und zwar vor allem bei denen, die es qua Amt und Qualifikation eigentlich besser können müssten: die Herrn Professoren. Konkret im Interview Reiner Eichenbergers mit dem schweizer Tagesanzeiger „Wer die Ökonomie versteht, kann die Welt verändern“, und in dem Ökonomenstimme Artikel Mathias Binswangers „Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal“.

Beginnen wir mit dem Interview Eichenberges, dessen Einlassungen in der FAZ zum Thema ich ansonsten sehr richtig und wichtig finde. Die Einleitungsfrage des Tagesanzeiger lautete:

Tagesanzeiger: Herr Eichenberger, was halten Sie von der These Ihres Kollegen Rüdiger Bachmann, dass nur über Wirtschaft diskutieren dürfe, wer sich in den wissenschaftlichen Diskurs einklinkt?“

Eichenberger: Einerseits ist es natürlich tatsächlich so, dass die Volkswirtschaft eine komplexe, nur für eine kleine Minderheit verständliche Wissenschaftsdisziplin darstellt.

Soweit so gut. Eichberger weiter:

Mit Bachmanns Homer-Vergleich bin ich allerdings nicht einverstanden. Ökonomie betrifft alle und ist für unser Leben relevant, im Gegensatz zu Homer. Deshalb ist klar, dass der Austausch über Ökonomie in einem offenen System stattfinden muss. Wenn nur die Expertenmeinung zählen würde, wäre das gefährlich und schrecklich.

Man kann vielleicht durchaus behaupten, dass Homer relevanter für unser Leben ist, als das meiste, was die VWL produziert (was im Übrigen überhaupt nicht per se gegen die VWL spricht). Was aber schlimmer ist: an keiner Stelle meines Artikels wurde gesagt, dass nur die Expertenmeinung zählen soll — außer, leider, der dummen Überschrift, die, das muss man wissen, wenn man für Zeitungen schreibt, nicht in der Verfügungsgewalt des Autors steckt; aber von Kollegen muss man eigentlich erwarten können, dass sie den ganzen Artikel lesen.

Was ist hier los? Ich denke, im Verhältnis VWL-Gesellschaft, im Verhältnis Fachökonomen-Nichtökonomen sind mindestens drei Ebenen zu unterscheiden, die bei Herrn Eichenberger ebenso wie in den meisten Kommentaren zu meinem Artikel durcheinandergingen.

      1. Wer darf über wirtschaftliche Ziele, wer darf über wirtschaftliche Ergebnisse urteilen?

Ich dachte eigentlich, dass man von einem auf die demokratische Grundordnung verpflichteten deutschen Beamten nicht immer noch jedes Mal extra das Bekenntnis zu einer Selbstverständlichkeit verlangen muss: die Definition der wirtschaftlichen Ziele und die Kritik wirtschaftlicher Ergebnisse sind natürlich Sache des Elektorats, der Medien, etc. und kein Privileg von VWL-Professoren. VWL-Professoren sind (oder sollten es sein) vielleicht etwas geschulter darin, auf Zielkonflikte und Budgetrestriktionen, auf Konsequenzen aufmerksam zu machen, aber hier wird es sich immer um eine breite, gesellschaftliche Diskussion handeln (auch hier ist nicht alles schrankenlos: wenn es zum Beispiel um staatliche Eingriffe in das Eigentumsrecht Reicher geht – kommt man vielleicht mit nur Demokratie auch nicht weiter und wird sich stattdessen des Rechtsstaates bedienen müssen).

Jeder hat natürlich das Recht, gegen Ungleichheit und gegen tatsächliche oder wahrgenommene Gier der Finanzindustrie auf die Straße zu gehen, zu protestieren und politische Mehrheiten dagegen oder dafür zu organisieren. Ich will nicht verhehlen, dass einige VWL-Professoren, wenn sie zu oft in Talkshows gehen, ihre Rolle da anders sehen, aber: diese Ebene war jedenfalls nicht gemeint in meinen Artikel.

     2. Rechtfertigung gegenüber dem Steuerzahler

VWL-Professoren werden vom Steuerzahler bezahlt, genauso übrigens wie Ägyptologen und Ingenieure, die Waffensysteme entwickeln. Daraus ergibt sich natürlich ein Rechtfertigungstatbestand der VWL gegenüber der Gesellschaft. Auch diese Ebene war in meinem Artikel gar nicht angesprochen. Nur eines vielleicht: ich denke, dass es gefährlich ist, von Wissenschaften immer gleich Anwendbarkeit zu verlangen. Genauso wie in der Ägyptologie muss es auch in der VWL (und gerade in der Uni-VWL) Grundlagenforschung geben dürfen, wo die wirtschaftspolitische Anwendbarkeit nicht immer im Vordergrund stehen muss.

     3. Innerfachliche Kritik, das Verhältnis von Lehrenden und Studierenden.

Mir ging es ausschließlich um diesen dritten Aspekt. Anders als von Herrn Binswanger behauptet (“In dem Artikel sollte aufgezeigt werden, welch tolle Arbeit Ökonomen heute leisten und wie ungerechtfertigt Angriffe auf die Mainstreamökonomie seien.”) ging es mir nicht um eine pauschale Abkanzelung von Kritikern oder eine pauschale Apologetik der modernen VWL, und schon gar nicht darum, studentische Eigeninitiative zu kritisieren.

Denn einerseits habe ich klar gemacht, dass die zurückliegenden Entwicklungen uns viele Jahre an spannender und mühsamer Forschungsarbeit beschert haben, und dass wir vieles nicht wissen. Zweitens scheint es mir weniger die moderne VWL als vielmehr die sogenannten Heterodoxien zu sein, die es schon immer wissen und sich gegen Kritik von außen immunisieren. Man setze mal einen Österreicher neben einen Postkeynesianer! Und drittens ist Herr Binswangers Kritik, vorsichtig formuliert, sehr selektiv. Erst pickt er sich aus dem Journal of Political Economy ein zugegebenermaßen etwas komisches Beispiel mit dem Prostitutionsartikel, den wahrscheinlich mehr Mainstreamökonomen genauso ablehnen würden als nicht, dann suggeriert er dem Leser das sei charakteristisch für die moderne VWL. Zu guter Letzt behauptet er noch, dass ein Folgeartikel in den Papers and Proceedings des American Economic Review eine Spitzenpublikation darstellt (die Papers and Proceedings sind nicht das AER), die der erste Journal of Political Economy Beitrag erzeugt habe. Das ist schlicht bewusste Täuschung der nicht-fachlichen Öffentlichkeit und einfach unredlich.

Mein Artikel hatte vielmehr einen ganz klaren Hauptaddressaten: Studenten der VWL, und als solche waren sie angesprochen. Und als solche sind sie nun einmal aufgefordert die cutting edge Sprache ihres Faches zu lernen und zu sprechen, bevor sie im wissenschaftlichen Diskurs, der dann natürlich innovativ und kritisch sein darf, ja muss, mitreden wollen (genauso wie Studenten der Altphilologie erst einmal Griechisch lernen müssen, Herr Eichenberger).

Ich finde es bekümmernd und ein Armutszeugnis für die Debattenkultur, dass man auf diesen geradezu trivialen Sachverhalt überhaupt aufmerksam machen muss. Es gehört nun einmal notwendig zu einer jeden Wissenschaft in der aufgeklärten, abendländischen Tradition, dass sie eine gewisse Autonomie hat, dass sie ihre Erkenntnisziele, ihre Methoden, ihre Definition von Wissenschaftlichkeit selbst treffen darf. Und dass man erst einmal ein gewisses Wissen und Können mitbringen muss, um in diesem Diskurs legitimerweise mitreden zu dürfen (natürlich ist das nicht im Sinne eines faktischen Redeverbotes gemeint, sondern in einem legitimatorischen Sinne). Nur in totalitären, faschistischen Gesellschaften regieren die Politik und die Gesellschaft direkt in die Wissenschaft hinein.

In jedem anderen Bereich außer der VWL ist Autonomie auch weitgehend Konsens und eine Selbstverständlichkeit. Wir werden keinen demokratischen Diskurs darüber haben können, was die beste Krebstherapie ist, oder ob die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures oder die universale Transformationsgrammatik Noam Chomskys die Linguistik weiterbringt. Nur bei der VWL und ihren Methoden glaubt irgendwie jeder, mitreden zu können. Anders als bei der Linguistik mag es um mehr gehen (Nutzen des Mitredens ist höher), anders als bei der Humanmedizin glaubt jeder ein Verständnis von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen zu haben (Kosten des Mitredens sind niedriger), aber: wer mal arbeitslos war, hat dadurch nicht automatisch ein besseres Verständnis von Arbeitslosigkeit, und wer einen mittelständischen Betrieb führt, versteht deshalb nicht mehr von der Rolle der Investitionen für die Konjunktur, genauso wie ein Krebspatient wahrscheinlich auch nicht zu einem anderen geheilten Krebspatienten geht und dort Therapie sucht.

Und es ist ja auch nicht so, dass es keine Alternativangebote gäbe: genauso wie es homöopathische Krebstherapien gibt, können sich ja auch von der VWL enttäuschte Studenten der Philosophie, der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Anthropologie, der Rechtswissenschaft, der Theologie oder der Blogosphäre zuwenden. Schade, sage ich, aber da passt der Match dann einfach nicht.

Die VWL macht ein sehr spezifisches Wissensangebot, und das unterscheidet sie etwa von der Philosophie und auch von vielen anderen Sozialwissenschaften (auch da liest mich Herr Eichenberger bewusst oder unbewusst falsch): ihre Welterklärung ist eng, genau, partiell, oft quantitativ, detailliert. An großen, aber unbeantwortbaren Fragen wird in der VWL selten gearbeitet. Das ist nichts für Leute mit einer philosophischen Ader (bevor der politisch korrekte Entrüstungssturm wieder losgeht: das ist kein Plädoyer gegen Interdisziplinarität und wissenschaftstheoretische Reflexion: aber mein Mainzer Philosophieprofessor hat mir mal gesagt, dass Interdisziplinarität ohne starke Disziplinarität Geschwätz ist; und wenn man immer nur reflektiert, kommt man halt zu nix anderem mehr). Dass man aber Studienanfängern zubilligen soll, die Inhalte und Methoden Ihres Faches zu bestimmen, naja, das hört sich genauso lächerlich an, wie es klingt.

Das gleiche gilt übrigens auch für die Gesellschaft (siehe Ebene zwei): die VWL macht als Wissenschaft ein spezifisches, komplexes und plurales, aber eben nicht beliebiges und nicht beliebig dehnbares Gesamtangebot an die Gesellschaft im allgemeinen und an die Wirtschaftspolitik im besonderen – das die Gesellschaft auch als Ganzes ablehnen kann, aber eben nur im Gesamtpaket. Auch die Gesellschaft kann sich natürlich an die Philosophie, die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Psychologie, die Anthropologie, die Rechtswissenschaft, die Theologie oder die Blogosphäre und die sogenannten Heterodoxien, die es immer schon besser wissen, wenden bei der Suche nach Antworten auf wirtschaftliche Fragen und Probleme. Ob das sinnvoll ist, lasse ich mal dahingestellt.

Es ist unsere Aufgabe als VWL-Professoren, im Wettbewerb der Ideen dafür zu werben, dass wir das beste Gesamtangebot haben (und da haben wir Nachholbedarf). Aber solange die VWL als Wissenschaft institutionalisiert existiert, hat sie dieselben Rechte wie alle anderen Disziplinen auch: sie ist weitgehend autonom, organisiert sich selbst und Partizipation ist nicht demokratisch. Sorry.

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