Von Henry Kaspar
Patrick Bernau von der FAS (und Fazit) schrieb Anfang Dezember einen vielbeachteten Blog-Artikel zur angeblichen „Geldschwemme“. Bernau setzte sich darin kritisch mit geldpolitischen Aktionen wie Quantitative Easing der Fed oder Staatsanleihenkäufe der EZB auseinander, und warnte vor latenten Inflationsgefahren – eine durchaus verbreitete Ansicht unter konservativen Ökonomen.
Nun versprach ich schon vor einiger Zeit, Bernaus Thesen genauer unter die Lupe zu nehmen. Dieser Artikel ist die Einlösung meines Versprechens. Mein „Fazit“ vorab: ich sympathisiere durchaus in Teilen mit Bernau; insbesondere damit dass die Fed-Geldpolitik vor der Krise zu lose war und für die Krise mitverantwortlich ist, und dass Zentralbanken die Entwicklung von Geld und Kredit in Auge behalten sollen. Aber Bernaus Schlussfolgerung ist unzutreffend. Es gibt hier und heute keinen inflationären Geldüberhang. Richtig ist das Gegenteil: die vor der Krise geschaffene überschüssige Geldmenge wirkt heute deflationär.
Das Thema ist komplex, deshalb ist es wichtig in Schritten vorzugehen. Zunächst gilt es festzulegen mit welchen Thesen ich mich auseinandersetze. Es gibt bessere und schlechtere Argumente in der geldpoltischen Debatte. Ein schlechtes Argument ist dass Quantitative Easing (QE) der Fed oder Staatsanleihenkäufe der EZB per se „lose Geldpolitik“ seien und damit inflationär. Richtig ist, dass QE/Anleihekäufe die Zentralbankgeldmenge aufblähen – aber für Inflation ist das irrelevant. Wenn die Zentralbank Geld schöpft, aber das Geld sofort zur Zentralbank zurückehrt in Form von Zentralbankeinlagen der Geschäftsbanken, ist nichts von dem Geld in der Realwirtschaft angekommen—und kann damit weder Güter- noch Assetpreisinflation auslösen. „Realwirtschaftliches Geld“ entsteht erst durch den Kreditschöpfungsprozess der Geschäftsbanken. Dies wird durch breite Geldmengenaggregate wie M3 erfasst. Und wie die Graphik unten links zeigt, ist M3 in der Eurozone z.B. seit 2009 sehr langsam gewachsen.
Was heißt: die Geldpolitik von Fed und EZB ist – QE und Anleihenkäufe hin oder her - de facto restriktiv, weit restriktiver als vor 2009. Mir scheint dies unbestreitbar. Es wird auch bestätigt von alternativen geldpolitische Maßen, wie Taylor-Zinsen oder Kantoos‘ NGDP.
Ein subtileres Argument ist, dass des „Geldüberhangs“. Danach bestimmt weniger das aktuelle Geldmengenwachstum Güter- und Assetpreisinflation, sondern Geldmengenwachstum über einen längeren Zeitraum. In den Augen differenzierter argumentierender Geldkonservativer war die Geldpolitik insbesondere der Fed vor der Krise zu lose – eine Ansicht die ich teile - und dies, so geht das Argument weiter, habe Nachwirkungen bis auf den heutigen Tag. Es gebe immer noch „zu viel Geld“ in der Welt, und dieses „Zuviel“ an Geld könne jederzeit wieder Asset- und Güterpreisinflation auslösen. QE und Staatsanleihenkäufe würden verhindern, dass der Geldüberhang schnell genug abgebaut werde. In Bernaus eigenen Worten:
In Amerika hat Alan Greenspan über Jahre hinweg zu viel Geld verteilt. Er bekam immer größere Blasen – bis zur Immobilienblase und der Finanzkrise. Großbritannien ging es nicht besser. Die Eurozone war ebenfalls nicht immun. Sie hatte von ihrem Geld nicht nur eine Immobilienblase in Irland und Spanien …. Genau das macht mir große Sorgen. Denn das Geld ist jetzt noch nicht weg, es ist nur woanders. Und schickt sich dort an, die nächsten Blasen zu befüllen.
Stimmt das?
Ich habe zwei Einwände. Der erste, etwas oberflächliche Einwand ist empirisch. Sollte es in der Eurozone jemals einen Geldüberhang gegeben haben so ist der inzwischen wohl abgebaut. Die Graphik oben rechts nimmt als Norm das durchschnittliche Geldmengenwachstum der pre-Boom Jahre 1999-2004. Sie zeigt: die geldpolitische Expansion der Jahre 2005-08 ist durch das niedrige Wachstum 2009-11 „ausgeglichen“. [P.S.: das Ergebnis lässt sich freilich manipulieren durch Wahl eines niedrigen M3-Referenzwachstums - dies kann jeden beliebigen „Geldüberhang“ kreieren.]
Mein zweiter – und wichtigerer – Einwand ist ökonomischer Natur. Um ihn herauszuarbeiten ist es erforderlich, den Zusammenhang zwischen Geld, Verschuldung und Assetpreisen präzise durchzudeklinieren. Im Folgenden skizziere ich deshalb anhand von Sektorbilanzen die Kerncharakteristiken einer Volkswirtschaft, die einen Boom-Bust Assetzyklus durchläuft – so wie die USA und Teile Europas in den vergangenen 5-10 Jahren. Ich fürchte die Argumentation wird ein wenig technisch, aber ich würde mich freuen wenn der Leser durchhalten würde – ein klares Verständnis der Punkte, um die es hier geht, scheint mir unabdingbar um die geldpolitischen Implikationen der Finanzkrise zu verstehen. Ich verspreche das Folgende so einfach wie möglich zu halten.
Fassen wir die Volkswirtschaft also in drei Sektoren zusammen: Banken, Hausbesitzer, und Rest der Volkswirtschaft. Ihre stilisierten sehen Bilanzen wie folgt aus [P.S.: „A“ sind Assets oder Aktiva, „L“ Liabilities oder Passiva] :
(i) Banken. Die Banken vergeben Kredite, finanziert zum Teil durch Depositeneinlagen (=Geld) und zum Teil durch Eigenkapital. Die Zentralbank ist Teil des Bankensystems
[P.S.: das Verhalten der Zentralbank ist nicht explizit modelliert, aber implizit ist dass es ihr nicht gelingt die Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage vollständig auszugleichen - weder das Überschiessen im Boom noch den Einbruch nach dem Bust].
(ii) Hausbesitzer („Home owners“). Hausbesitzer leihen sich Geld von den Banken um es für Konsumgüter auszugeben. Den Kredit besichern sie mit dem Wert ihrer Häuser.
(iii) der Rest der Volkswirtschaft („Rest of the economy“). Der Rest der Volkswirtschaft produziert Konsumgüter und verkauft sie an die Hausbesitzer. Den Erlös deponiert er mit dem Bankensystem. Dem Rest der Volkswirtschaft gehören auch die Banken. Es ist der einzige Sektor mit (in der Ausgangslage) positivem Nettovermögen.
Auf die USA bezogen ist (i) das U.S. Bankensystem, (ii) U.S. Haushalte, und (iii) der Rest der Welt. In Europa ist (i) das europäische Bankensystem, (ii) sind (z.B.) spanische Haushalte, und (iii) ist die deutsche Volkswirtschaft.
Nun zum Boom-Bust Zyklus.
In Schritt 1 steigen die Hauspreise, z.B. als Reaktion auf günstige Finanzierungsbedingungen. Die Bilanz der Hausbesitzer verändert sich wie folgt:
Die Häuser sind mehr wert, und die Hausbesitzer haben jetzt ein positives Nettovermögen. Den höheren Wert ihrer Häuser können sie beleihen, d.h. sie nehmen bei der Bank einen weiteren Hypothekenkredit auf, und kaufen damit mehr Konsumgüter vom Rest der Volkswirtschaft. Der „Rest“ wiederum deponiert den Erlös mit den Banken. Dies ist Schritt 2. Ergebnis:
Einige wichtige Dinge sind passiert:
- die Nachfrage nach Konsumgütern ist gestiegen, d.h. die Volkswirtschaft boomt;
- die Hausbesitzer sind höher verschuldet;
- das Bankensystem hat Geld geschöpft und die Geldmenge ist gewachsen. Zugleich sind die Bankeinlagen gewachsen relativ zum Bankenkapital, d.h. die Banken sind stärker gehebelt. Dies macht sie profitabler, aber auch anfälliger für Schocks.
- Der Rest der Volkswirtschaft hat ein höheres Nettovermögen - zumindest auf dem Papier.
Seitenbemerkung: sofern die Hausbesitzer mit dem zusätzlichen Kredit nicht nur Konsumgüter kaufen, sondern auch weitere Häuser, bekommen die Hauspreise erneut einen Schub, und der Hauspreis-Kredit-Zyklus geht in die nächste Runde. Dies ist das Bernanke-Gertler Finanzakzelerator-Modell.
Nun zum dritten Schritt: der Hauspreisboom erweist sich als Blase, und bricht zusammen. Die Schulden der Hausbesitzer übersteigen jetzt den Wert ihrer Häuser – es gibt einen „Schuldenüberhang“:
Was passiert nun? Es gibt zwei Varianten; in der Realität geschieht meist eine Mischung aus beiden.
1. Die erste Variante ist eine Finanzkrise. Die überschuldeten Hausbesitzer melden Insolvenz an. Die Banken schreiben die Kredite ab und kassieren im Gegenzug das Kollateral, also die Häuser, deren Wert die ausstehenden Kredite aber nicht mehr abdeckt: die Banken müssen den Verlust aus ihrem Kapital bestreiten. Der Schuldenüberhang der Hausbesitzer ist damit abgebaut, aber das Kapital der Banken ist weg, d.h. sie stehen nun selbst am Rande der Insolvenz:
Eine Finanzkrise ist offensichtlich deflationär. Zum einen ist der nachfragestimulierende Finanzakzelerator gestoppt, ohne Möglichkeit ihn wiederzubeleben (die einstigen Hausbesitzer haben ja gar keinen Vermögensgegenstand mehr, den sie beleihen könnten). Zum anderen zwingt die Kapitalknappheit die Banken, die Kreditvergabe einzuschränken.
Zugleich aber gibt es mehr Geld in der Volkswirtschaft als vor dem Boom-Bust-Zyklus (vergleiche „Step 4“ mit der „Starting Position“). Gehalten wird es vom Rest der Volkswirtschaft, der nach dem Boom-Bust Zyklus nur noch Bankeinlagen (=Geld) hat, während er vor dem Zyklus eine Mischung aus Bankeinlagen und Bankkapital besaß. Es ist genau dieses zu viel an Geld, und zu wenig an Bankkapital, welches den Kern der Krise ausmacht und Deflationsdruck ausübt - und nicht etwa Inflationsdruck, wie Bernau sich das vorstellt. Denn ohne hinreichend Bankkapital gibt es keine Kreditvergabe, ohne Kreditvergabe keine gesamtwirtschaftliche Nachfrage, und ohne Nachfrage keine Inflation.
[P.S.: beenden würde die Kreditklemme die Rekapitalisierung des Bankensystems - d.h. der "Rest der Volkswirtschaft" wandelt einen Teil seiner Bankeinlagen um in Bankkapital. Verschliesst sich der "Rest" dieser Lösung - etwa weil er, gebrannt von der Krise, riskante Investitionen scheut - und sucht stattdessen weniger riskante Anlagen, bleibt die Volkswirtschaft einerseits geschwächt durch ein unterkapitalisiertes Bankensystem; andererseits kann die Suche nach sicheren Anlagen die Preise von Staatsanleihen etc. in die Höhe treiben. Die Konstellation - deflationärer Nachfrageeinbruch, niedrige Zinsen und hohe Anleihenkurse - entspricht der keynes'schen Liquiditätsfalle. Ein Ausweg, zumindest für leistungsfähige Staaten, ist Staatsanleihen auszugeben und damit die Banken zu rekapitalisieren.]
2. Die andere Variante ist Richard Koos „Balance Sheet Rezession“. Hausbesitzer tragen ihre Schulden schrittweise ab, indem sie ihr Arbeitseinkommen (bislang der Einfachheit halber weggelassen) für Schuldentilgung verwenden. Während sie Schulden abtragen verzichten sie – notgedrungen – auf Konsum. Auch eine Balance Sheet Rezession ist deflationär, und erneut hängt dies mit dem Geldüberhang zusammen: das überschüssige Geld ist die Kehrseite exzessiver Schulden, und der Schuldenüberhang drückt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Ein Zusammenhang der seit mindestens Irving Fisher (1933) bekannt ist.
Wie man es auch dreht und wendet: der Geldüberhang wirkt nach dem Platzen der Assetblase deflationär, nicht inflationär.
Bernaus Fehlkonzeption scheint mir „Geld“ als exogene Größe zu betrachten, anstatt als endogenes Ergebnis des Kreditschöpfungsprozesses. Richtig ist: neu geschöpftes Geschäftsbankengeld wirkt inflationär, weil es mit der Ausweitung von Kredit einhergeht, und damit mit stärkerer Nachfrage nach Gütern oder Assets. Aber in der Vergangenheit geschöpftes Geld kann inflationär oder deflationär wirken, je nachdem wie sich die Kredite entwickelt haben welche im Zuge der Geldschöpfung vergeben wurden, und die Preise der Assets welche die Kredite besichern. Von einem inflationären Geldüberhang zu sprechen macht keinen Sinn wenn ein Platzen der Assetpreisblase die wechselseitige Expansion von Geld- und Kreditschöpfung und Assetpreisen unterbricht, und einen Schuldenberg zurücklässt der von den Assetpreisen nicht mehr gedeckt ist.
Diese konzeptionelle Differenz zieht auch eine etwas andere wirtschaftspolitische Schlussfolgerung nach sich. Die ist nicht, dass zu viel Geld Assetblasen erzeuge, und Assetblasen per se gefährlich seien. Ein Schuh wird so draus: Assetblasen provozieren exzessive Geld- und Kreditschöpfung, damit Überschuldung, Finanzkrise und Depression – und deswegen sind sie so gefährlich.
![Bernau1-page-001[1]](http://kantoos.files.wordpress.com/2012/01/bernau1-page-00111.jpg?w=660&h=228)
![starting_position-page-001[1]](http://kantoos.files.wordpress.com/2012/01/starting_position-page-0011.jpg?w=660&h=169)
![step1-page-001[1]](http://kantoos.files.wordpress.com/2012/01/step1-page-0011.jpg?w=660&h=220)
![step2-page-001[1]](http://kantoos.files.wordpress.com/2012/01/step2-page-0011.jpg?w=660&h=221)
![step3-page-001[1]](http://kantoos.files.wordpress.com/2012/01/step3-page-0011.jpg?w=660&h=220)
![step4-page-001[1]](http://kantoos.files.wordpress.com/2012/01/step4-page-0011.jpg?w=660&h=176)


Neueste Kommentare