Assetblasen, Boom-Bust-Zyklen, und Patrick Bernaus Geldschwemme (wonkish)

Von Henry Kaspar

Patrick Bernau von der FAS (und Fazit) schrieb Anfang Dezember einen vielbeachteten Blog-Artikel zur angeblichen „Geldschwemme“. Bernau setzte sich darin kritisch mit geldpolitischen Aktionen wie Quantitative Easing der Fed oder Staatsanleihenkäufe der EZB auseinander, und warnte vor latenten Inflationsgefahren – eine durchaus verbreitete Ansicht unter konservativen Ökonomen. 

Nun versprach ich schon vor einiger Zeit, Bernaus Thesen genauer unter die Lupe zu nehmen. Dieser Artikel ist die Einlösung meines Versprechens. Mein „Fazit“ vorab: ich sympathisiere durchaus in Teilen mit Bernau; insbesondere damit dass die Fed-Geldpolitik vor der Krise zu lose war und für die Krise mitverantwortlich ist, und dass Zentralbanken die Entwicklung von Geld und Kredit in Auge behalten sollen. Aber Bernaus Schlussfolgerung ist unzutreffend. Es gibt hier und heute keinen inflationären Geldüberhang. Richtig ist das Gegenteil: die vor der Krise geschaffene überschüssige Geldmenge wirkt heute deflationär.

Das Thema ist komplex, deshalb ist es wichtig in Schritten vorzugehen. Zunächst gilt es festzulegen mit welchen Thesen ich mich auseinandersetze. Es gibt bessere und schlechtere Argumente in der geldpoltischen Debatte. Ein schlechtes Argument ist dass Quantitative Easing (QE) der Fed oder Staatsanleihenkäufe der EZB per se „lose Geldpolitik“ seien und damit inflationär. Richtig ist, dass QE/Anleihekäufe die Zentralbankgeldmenge aufblähen – aber für Inflation ist das irrelevant. Wenn die Zentralbank Geld schöpft, aber das Geld sofort zur Zentralbank zurückehrt in Form von Zentralbankeinlagen der Geschäftsbanken, ist nichts von dem Geld in der Realwirtschaft angekommen—und kann damit weder Güter- noch Assetpreisinflation auslösen. „Realwirtschaftliches Geld“ entsteht erst durch den Kreditschöpfungsprozess der Geschäftsbanken. Dies wird durch breite Geldmengenaggregate wie M3 erfasst. Und wie die Graphik unten links zeigt, ist M3 in der Eurozone z.B. seit 2009 sehr langsam gewachsen.

Was heißt: die Geldpolitik von Fed und EZB ist – QE und Anleihenkäufe hin oder her - de facto restriktiv, weit restriktiver als vor 2009. Mir scheint dies unbestreitbar. Es wird auch bestätigt von alternativen geldpolitische Maßen, wie Taylor-Zinsen oder Kantoos‘ NGDP.

Ein subtileres Argument ist, dass des „Geldüberhangs“. Danach bestimmt weniger das aktuelle Geldmengenwachstum Güter- und Assetpreisinflation, sondern Geldmengenwachstum über einen längeren Zeitraum. In den Augen differenzierter argumentierender Geldkonservativer war die Geldpolitik insbesondere der Fed vor der Krise zu lose – eine Ansicht die ich teile - und dies, so geht das Argument weiter, habe Nachwirkungen bis auf den heutigen Tag. Es gebe immer noch „zu viel Geld“ in der Welt, und dieses „Zuviel“ an Geld könne jederzeit wieder Asset- und Güterpreisinflation auslösen. QE und Staatsanleihenkäufe würden verhindern, dass der Geldüberhang schnell genug abgebaut werde. In Bernaus eigenen Worten:

In Amerika hat Alan Greenspan über Jahre hinweg zu viel Geld verteilt. Er bekam immer größere Blasen – bis zur Immobilienblase und der Finanzkrise. Großbritannien ging es nicht besser. Die Eurozone war ebenfalls nicht immun. Sie hatte von ihrem Geld nicht nur eine Immobilienblase in Irland und Spanien …. Genau das macht mir große Sorgen. Denn das Geld ist jetzt noch nicht weg, es ist nur woanders. Und schickt sich dort an, die nächsten Blasen zu befüllen.

Stimmt das? 

Ich habe zwei Einwände. Der erste, etwas oberflächliche Einwand ist empirisch. Sollte es in der Eurozone jemals einen Geldüberhang gegeben haben so ist der inzwischen wohl abgebaut. Die Graphik oben rechts nimmt als Norm das durchschnittliche Geldmengenwachstum der pre-Boom Jahre 1999-2004. Sie zeigt: die geldpolitische Expansion der Jahre 2005-08 ist durch das niedrige Wachstum 2009-11 „ausgeglichen“. [P.S.: das Ergebnis lässt sich freilich manipulieren durch Wahl eines niedrigen M3-Referenzwachstums - dies kann jeden beliebigen „Geldüberhang“ kreieren.]

Mein zweiter – und wichtigerer – Einwand ist ökonomischer Natur. Um ihn herauszuarbeiten ist es erforderlich, den Zusammenhang zwischen Geld, Verschuldung und Assetpreisen präzise durchzudeklinieren. Im Folgenden skizziere ich deshalb anhand von Sektorbilanzen die Kerncharakteristiken einer Volkswirtschaft, die einen Boom-Bust Assetzyklus durchläuft – so wie die USA und Teile Europas in den vergangenen 5-10 Jahren. Ich fürchte die Argumentation wird ein wenig technisch, aber ich würde mich freuen wenn der Leser durchhalten würde – ein klares Verständnis der Punkte, um die es hier geht, scheint mir unabdingbar um die geldpolitischen Implikationen der Finanzkrise zu verstehen. Ich verspreche das Folgende so einfach wie möglich zu halten.

Fassen wir die Volkswirtschaft also in drei Sektoren zusammen: Banken, Hausbesitzer, und Rest der Volkswirtschaft. Ihre stilisierten sehen Bilanzen wie folgt aus  [P.S.: „A“ sind Assets oder Aktiva, „L“ Liabilities oder Passiva] :

(i)  Banken. Die Banken vergeben Kredite, finanziert zum Teil durch Depositeneinlagen (=Geld) und zum Teil durch Eigenkapital. Die Zentralbank ist Teil des Bankensystems

[P.S.: das Verhalten der Zentralbank ist nicht explizit modelliert, aber implizit ist dass es ihr nicht gelingt die Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage vollständig auszugleichen - weder das Überschiessen im Boom noch den Einbruch nach dem Bust].

(ii)  Hausbesitzer („Home owners“). Hausbesitzer leihen sich Geld von den Banken um es für Konsumgüter auszugeben. Den Kredit besichern sie mit dem Wert ihrer Häuser.

(iii)  der Rest der Volkswirtschaft („Rest of the economy“). Der Rest der Volkswirtschaft produziert Konsumgüter und verkauft sie an die Hausbesitzer. Den Erlös deponiert er mit dem Bankensystem. Dem Rest der Volkswirtschaft gehören auch die Banken. Es ist der einzige Sektor mit (in der Ausgangslage) positivem Nettovermögen.

Auf die USA bezogen ist (i) das U.S. Bankensystem, (ii) U.S. Haushalte, und (iii) der Rest der Welt. In Europa ist (i) das europäische Bankensystem, (ii) sind (z.B.) spanische Haushalte, und (iii) ist die deutsche Volkswirtschaft.

Nun zum Boom-Bust Zyklus. 

In Schritt 1 steigen die Hauspreise, z.B. als Reaktion auf günstige Finanzierungsbedingungen. Die Bilanz der Hausbesitzer verändert sich wie folgt:

Die Häuser sind mehr wert, und die Hausbesitzer haben jetzt ein positives Nettovermögen. Den höheren Wert ihrer Häuser können sie beleihen, d.h. sie nehmen bei der Bank einen weiteren Hypothekenkredit auf, und kaufen damit mehr Konsumgüter vom Rest der Volkswirtschaft. Der „Rest“ wiederum deponiert den Erlös mit den Banken. Dies ist Schritt 2. Ergebnis:

Einige wichtige Dinge sind passiert:

  • die Nachfrage nach Konsumgütern ist gestiegen, d.h. die Volkswirtschaft boomt;
  • die Hausbesitzer sind höher verschuldet;
  • das Bankensystem hat Geld geschöpft und die Geldmenge ist gewachsen. Zugleich sind die Bankeinlagen gewachsen relativ zum Bankenkapital, d.h. die Banken sind stärker gehebelt. Dies macht sie profitabler, aber auch anfälliger für Schocks.
  • Der Rest der Volkswirtschaft hat ein höheres Nettovermögen - zumindest auf dem Papier.

Seitenbemerkung: sofern die Hausbesitzer mit dem zusätzlichen Kredit nicht nur Konsumgüter kaufen, sondern auch weitere Häuser, bekommen die Hauspreise erneut einen Schub, und der Hauspreis-Kredit-Zyklus geht in die nächste Runde. Dies ist das Bernanke-Gertler Finanzakzelerator-Modell.

Nun zum dritten Schritt: der Hauspreisboom erweist sich als Blase, und bricht zusammen.  Die Schulden der Hausbesitzer übersteigen jetzt den Wert ihrer Häuser – es gibt einen „Schuldenüberhang“:

Was passiert nun? Es gibt zwei Varianten; in der Realität geschieht meist eine Mischung aus beiden.

1. Die erste Variante ist eine Finanzkrise. Die überschuldeten Hausbesitzer melden Insolvenz an. Die Banken schreiben die Kredite ab und kassieren im Gegenzug das Kollateral, also die Häuser, deren Wert die ausstehenden Kredite aber nicht mehr abdeckt: die Banken müssen den Verlust aus ihrem Kapital bestreiten. Der Schuldenüberhang der Hausbesitzer ist damit abgebaut, aber das Kapital der Banken ist weg, d.h. sie stehen nun selbst am Rande der Insolvenz:

Eine Finanzkrise ist offensichtlich deflationär. Zum einen ist der nachfragestimulierende Finanzakzelerator gestoppt, ohne Möglichkeit ihn wiederzubeleben (die einstigen Hausbesitzer haben ja gar keinen Vermögensgegenstand mehr, den sie beleihen könnten). Zum anderen zwingt die Kapitalknappheit die Banken, die Kreditvergabe einzuschränken.

Zugleich aber gibt es mehr Geld in der Volkswirtschaft als vor dem Boom-Bust-Zyklus (vergleiche „Step 4“ mit der „Starting Position“). Gehalten wird es vom Rest der Volkswirtschaft, der nach dem Boom-Bust Zyklus nur noch Bankeinlagen (=Geld) hat, während er vor dem Zyklus eine Mischung aus Bankeinlagen und Bankkapital besaß. Es ist genau dieses zu viel an Geld, und zu wenig an Bankkapital, welches den Kern der Krise ausmacht und Deflationsdruck ausübt - und nicht etwa Inflationsdruck, wie Bernau sich das vorstellt. Denn ohne hinreichend Bankkapital gibt es keine Kreditvergabe, ohne Kreditvergabe keine gesamtwirtschaftliche Nachfrage, und ohne Nachfrage keine Inflation.

[P.S.: beenden würde die Kreditklemme die Rekapitalisierung des Bankensystems - d.h. der "Rest der Volkswirtschaft" wandelt einen Teil seiner Bankeinlagen um in Bankkapital. Verschliesst sich der "Rest" dieser Lösung - etwa weil er, gebrannt von der Krise, riskante Investitionen scheut - und sucht stattdessen weniger riskante Anlagen, bleibt die Volkswirtschaft einerseits geschwächt durch ein unterkapitalisiertes Bankensystem; andererseits kann die Suche nach sicheren Anlagen die Preise von Staatsanleihen etc. in die Höhe treiben. Die Konstellation - deflationärer Nachfrageeinbruch, niedrige Zinsen und hohe Anleihenkurse - entspricht der keynes'schen Liquiditätsfalle. Ein Ausweg, zumindest für leistungsfähige Staaten, ist Staatsanleihen auszugeben und damit die Banken zu rekapitalisieren.]

2. Die andere Variante ist Richard Koos „Balance Sheet Rezession“. Hausbesitzer tragen ihre Schulden schrittweise ab, indem sie ihr Arbeitseinkommen (bislang der Einfachheit halber weggelassen) für Schuldentilgung verwenden. Während sie Schulden abtragen verzichten sie – notgedrungen – auf Konsum. Auch eine Balance Sheet Rezession ist deflationär, und erneut hängt dies mit dem Geldüberhang zusammen: das überschüssige Geld ist die Kehrseite exzessiver Schulden, und der Schuldenüberhang drückt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Ein Zusammenhang der seit mindestens Irving Fisher (1933) bekannt ist.

Wie man es auch dreht und wendet: der Geldüberhang wirkt nach dem Platzen der Assetblase deflationär, nicht inflationär.

Bernaus Fehlkonzeption scheint mir „Geld“ als exogene Größe zu betrachten, anstatt als endogenes Ergebnis des Kreditschöpfungsprozesses. Richtig ist: neu geschöpftes Geschäftsbankengeld wirkt inflationär, weil es mit der Ausweitung von Kredit einhergeht, und damit mit stärkerer Nachfrage nach Gütern oder Assets. Aber in der Vergangenheit geschöpftes Geld kann inflationär oder deflationär wirken, je nachdem wie sich die Kredite entwickelt haben welche im Zuge der Geldschöpfung vergeben wurden, und die Preise der Assets welche die Kredite besichern. Von einem inflationären Geldüberhang zu sprechen macht keinen Sinn wenn ein Platzen der Assetpreisblase die wechselseitige Expansion von Geld- und Kreditschöpfung und Assetpreisen unterbricht, und einen Schuldenberg zurücklässt der von den Assetpreisen nicht mehr gedeckt ist.

Diese konzeptionelle Differenz zieht auch eine etwas andere wirtschaftspolitische Schlussfolgerung nach sich. Die ist nicht, dass zu viel Geld Assetblasen erzeuge, und Assetblasen per se gefährlich seien. Ein Schuh wird so draus: Assetblasen provozieren exzessive Geld- und Kreditschöpfung, damit Überschuldung, Finanzkrise und Depression – und deswegen sind sie so gefährlich.

Zur Debattenkultur in der VWL-Kritik

Ich freue mich sehr, einen Gastbeitrag von Rüdiger Bachmann ankündigen zu dürfen, in dem er sich – nach seinem kürzlichen Beitrag auf Spiegel Online hier auf Kantoos Economics erneut der Kritik an der modernen VWL stellt.

Von Rüdiger Bachmann

Oh boy, da ist ja wieder einmal ein Feuersturm auf mich herein geprasselt nach meinem Spiegel Online Artikel, der dann in der Ökonomenstimme leicht verändert nachgedruckt wurde. Die Resonanz war übrigens nicht nur negativ. Ich habe vor allem von Studenten der VWL einige Emails bekommen, die genau wie ich die moderne VWL anders erleben als sie nahezu einhellig von der deutschen Journalistik und Blogosphäre beschrieben wird (große Ausnahme: Kantoos), nämlich als in der Tat kritisches, plurales, dynamisches und offenes Wissenssystem. Und die es Leid sind, sich ständig rechtfertigen zu müssen ein Fach zu studieren, das Ihnen Spass macht, und nur darauf gewartet haben, dass einmal diejenigen, die das ohne Gefahr für ihr Einkommen tun können (beamtete Professoren), für das Fach einstehen. Insofern entspricht die veröffentlichte Meinung vielleicht nicht ganz dem wahren Meinungsbild. Nebenbemerkung: ich finde es schon seltsam, wenn nahezu die gesamte deutsche Journalistik gegen die universitäre VWL wettert – da fragt man sich schon, ob man da die Forderung nach Pluralität und Offenheit selbst immer so Ernst nimmt.

Was mich aber am meisten enttäuscht hat in dieser Debatte, ist der Mangel an Rezeptionsfähigkeit, und zwar vor allem bei denen, die es qua Amt und Qualifikation eigentlich besser können müssten: die Herrn Professoren. Konkret im Interview Reiner Eichenbergers mit dem schweizer Tagesanzeiger „Wer die Ökonomie versteht, kann die Welt verändern“, und in dem Ökonomenstimme Artikel Mathias Binswangers „Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal“.

Beginnen wir mit dem Interview Eichenberges, dessen Einlassungen in der FAZ zum Thema ich ansonsten sehr richtig und wichtig finde. Die Einleitungsfrage des Tagesanzeiger lautete:

Tagesanzeiger: Herr Eichenberger, was halten Sie von der These Ihres Kollegen Rüdiger Bachmann, dass nur über Wirtschaft diskutieren dürfe, wer sich in den wissenschaftlichen Diskurs einklinkt?“

Eichenberger: Einerseits ist es natürlich tatsächlich so, dass die Volkswirtschaft eine komplexe, nur für eine kleine Minderheit verständliche Wissenschaftsdisziplin darstellt.

Soweit so gut. Eichberger weiter:

Mit Bachmanns Homer-Vergleich bin ich allerdings nicht einverstanden. Ökonomie betrifft alle und ist für unser Leben relevant, im Gegensatz zu Homer. Deshalb ist klar, dass der Austausch über Ökonomie in einem offenen System stattfinden muss. Wenn nur die Expertenmeinung zählen würde, wäre das gefährlich und schrecklich.

Man kann vielleicht durchaus behaupten, dass Homer relevanter für unser Leben ist, als das meiste, was die VWL produziert (was im Übrigen überhaupt nicht per se gegen die VWL spricht). Was aber schlimmer ist: an keiner Stelle meines Artikels wurde gesagt, dass nur die Expertenmeinung zählen soll — außer, leider, der dummen Überschrift, die, das muss man wissen, wenn man für Zeitungen schreibt, nicht in der Verfügungsgewalt des Autors steckt; aber von Kollegen muss man eigentlich erwarten können, dass sie den ganzen Artikel lesen.

Was ist hier los? Ich denke, im Verhältnis VWL-Gesellschaft, im Verhältnis Fachökonomen-Nichtökonomen sind mindestens drei Ebenen zu unterscheiden, die bei Herrn Eichenberger ebenso wie in den meisten Kommentaren zu meinem Artikel durcheinandergingen.

      1. Wer darf über wirtschaftliche Ziele, wer darf über wirtschaftliche Ergebnisse urteilen?

Ich dachte eigentlich, dass man von einem auf die demokratische Grundordnung verpflichteten deutschen Beamten nicht immer noch jedes Mal extra das Bekenntnis zu einer Selbstverständlichkeit verlangen muss: die Definition der wirtschaftlichen Ziele und die Kritik wirtschaftlicher Ergebnisse sind natürlich Sache des Elektorats, der Medien, etc. und kein Privileg von VWL-Professoren. VWL-Professoren sind (oder sollten es sein) vielleicht etwas geschulter darin, auf Zielkonflikte und Budgetrestriktionen, auf Konsequenzen aufmerksam zu machen, aber hier wird es sich immer um eine breite, gesellschaftliche Diskussion handeln (auch hier ist nicht alles schrankenlos: wenn es zum Beispiel um staatliche Eingriffe in das Eigentumsrecht Reicher geht – kommt man vielleicht mit nur Demokratie auch nicht weiter und wird sich stattdessen des Rechtsstaates bedienen müssen).

Jeder hat natürlich das Recht, gegen Ungleichheit und gegen tatsächliche oder wahrgenommene Gier der Finanzindustrie auf die Straße zu gehen, zu protestieren und politische Mehrheiten dagegen oder dafür zu organisieren. Ich will nicht verhehlen, dass einige VWL-Professoren, wenn sie zu oft in Talkshows gehen, ihre Rolle da anders sehen, aber: diese Ebene war jedenfalls nicht gemeint in meinen Artikel.

     2. Rechtfertigung gegenüber dem Steuerzahler

VWL-Professoren werden vom Steuerzahler bezahlt, genauso übrigens wie Ägyptologen und Ingenieure, die Waffensysteme entwickeln. Daraus ergibt sich natürlich ein Rechtfertigungstatbestand der VWL gegenüber der Gesellschaft. Auch diese Ebene war in meinem Artikel gar nicht angesprochen. Nur eines vielleicht: ich denke, dass es gefährlich ist, von Wissenschaften immer gleich Anwendbarkeit zu verlangen. Genauso wie in der Ägyptologie muss es auch in der VWL (und gerade in der Uni-VWL) Grundlagenforschung geben dürfen, wo die wirtschaftspolitische Anwendbarkeit nicht immer im Vordergrund stehen muss.

     3. Innerfachliche Kritik, das Verhältnis von Lehrenden und Studierenden.

Mir ging es ausschließlich um diesen dritten Aspekt. Anders als von Herrn Binswanger behauptet (“In dem Artikel sollte aufgezeigt werden, welch tolle Arbeit Ökonomen heute leisten und wie ungerechtfertigt Angriffe auf die Mainstreamökonomie seien.”) ging es mir nicht um eine pauschale Abkanzelung von Kritikern oder eine pauschale Apologetik der modernen VWL, und schon gar nicht darum, studentische Eigeninitiative zu kritisieren.

Denn einerseits habe ich klar gemacht, dass die zurückliegenden Entwicklungen uns viele Jahre an spannender und mühsamer Forschungsarbeit beschert haben, und dass wir vieles nicht wissen. Zweitens scheint es mir weniger die moderne VWL als vielmehr die sogenannten Heterodoxien zu sein, die es schon immer wissen und sich gegen Kritik von außen immunisieren. Man setze mal einen Österreicher neben einen Postkeynesianer! Und drittens ist Herr Binswangers Kritik, vorsichtig formuliert, sehr selektiv. Erst pickt er sich aus dem Journal of Political Economy ein zugegebenermaßen etwas komisches Beispiel mit dem Prostitutionsartikel, den wahrscheinlich mehr Mainstreamökonomen genauso ablehnen würden als nicht, dann suggeriert er dem Leser das sei charakteristisch für die moderne VWL. Zu guter Letzt behauptet er noch, dass ein Folgeartikel in den Papers and Proceedings des American Economic Review eine Spitzenpublikation darstellt (die Papers and Proceedings sind nicht das AER), die der erste Journal of Political Economy Beitrag erzeugt habe. Das ist schlicht bewusste Täuschung der nicht-fachlichen Öffentlichkeit und einfach unredlich.

Mein Artikel hatte vielmehr einen ganz klaren Hauptaddressaten: Studenten der VWL, und als solche waren sie angesprochen. Und als solche sind sie nun einmal aufgefordert die cutting edge Sprache ihres Faches zu lernen und zu sprechen, bevor sie im wissenschaftlichen Diskurs, der dann natürlich innovativ und kritisch sein darf, ja muss, mitreden wollen (genauso wie Studenten der Altphilologie erst einmal Griechisch lernen müssen, Herr Eichenberger).

Ich finde es bekümmernd und ein Armutszeugnis für die Debattenkultur, dass man auf diesen geradezu trivialen Sachverhalt überhaupt aufmerksam machen muss. Es gehört nun einmal notwendig zu einer jeden Wissenschaft in der aufgeklärten, abendländischen Tradition, dass sie eine gewisse Autonomie hat, dass sie ihre Erkenntnisziele, ihre Methoden, ihre Definition von Wissenschaftlichkeit selbst treffen darf. Und dass man erst einmal ein gewisses Wissen und Können mitbringen muss, um in diesem Diskurs legitimerweise mitreden zu dürfen (natürlich ist das nicht im Sinne eines faktischen Redeverbotes gemeint, sondern in einem legitimatorischen Sinne). Nur in totalitären, faschistischen Gesellschaften regieren die Politik und die Gesellschaft direkt in die Wissenschaft hinein.

In jedem anderen Bereich außer der VWL ist Autonomie auch weitgehend Konsens und eine Selbstverständlichkeit. Wir werden keinen demokratischen Diskurs darüber haben können, was die beste Krebstherapie ist, oder ob die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures oder die universale Transformationsgrammatik Noam Chomskys die Linguistik weiterbringt. Nur bei der VWL und ihren Methoden glaubt irgendwie jeder, mitreden zu können. Anders als bei der Linguistik mag es um mehr gehen (Nutzen des Mitredens ist höher), anders als bei der Humanmedizin glaubt jeder ein Verständnis von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen zu haben (Kosten des Mitredens sind niedriger), aber: wer mal arbeitslos war, hat dadurch nicht automatisch ein besseres Verständnis von Arbeitslosigkeit, und wer einen mittelständischen Betrieb führt, versteht deshalb nicht mehr von der Rolle der Investitionen für die Konjunktur, genauso wie ein Krebspatient wahrscheinlich auch nicht zu einem anderen geheilten Krebspatienten geht und dort Therapie sucht.

Und es ist ja auch nicht so, dass es keine Alternativangebote gäbe: genauso wie es homöopathische Krebstherapien gibt, können sich ja auch von der VWL enttäuschte Studenten der Philosophie, der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Anthropologie, der Rechtswissenschaft, der Theologie oder der Blogosphäre zuwenden. Schade, sage ich, aber da passt der Match dann einfach nicht.

Die VWL macht ein sehr spezifisches Wissensangebot, und das unterscheidet sie etwa von der Philosophie und auch von vielen anderen Sozialwissenschaften (auch da liest mich Herr Eichenberger bewusst oder unbewusst falsch): ihre Welterklärung ist eng, genau, partiell, oft quantitativ, detailliert. An großen, aber unbeantwortbaren Fragen wird in der VWL selten gearbeitet. Das ist nichts für Leute mit einer philosophischen Ader (bevor der politisch korrekte Entrüstungssturm wieder losgeht: das ist kein Plädoyer gegen Interdisziplinarität und wissenschaftstheoretische Reflexion: aber mein Mainzer Philosophieprofessor hat mir mal gesagt, dass Interdisziplinarität ohne starke Disziplinarität Geschwätz ist; und wenn man immer nur reflektiert, kommt man halt zu nix anderem mehr). Dass man aber Studienanfängern zubilligen soll, die Inhalte und Methoden Ihres Faches zu bestimmen, naja, das hört sich genauso lächerlich an, wie es klingt.

Das gleiche gilt übrigens auch für die Gesellschaft (siehe Ebene zwei): die VWL macht als Wissenschaft ein spezifisches, komplexes und plurales, aber eben nicht beliebiges und nicht beliebig dehnbares Gesamtangebot an die Gesellschaft im allgemeinen und an die Wirtschaftspolitik im besonderen – das die Gesellschaft auch als Ganzes ablehnen kann, aber eben nur im Gesamtpaket. Auch die Gesellschaft kann sich natürlich an die Philosophie, die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Psychologie, die Anthropologie, die Rechtswissenschaft, die Theologie oder die Blogosphäre und die sogenannten Heterodoxien, die es immer schon besser wissen, wenden bei der Suche nach Antworten auf wirtschaftliche Fragen und Probleme. Ob das sinnvoll ist, lasse ich mal dahingestellt.

Es ist unsere Aufgabe als VWL-Professoren, im Wettbewerb der Ideen dafür zu werben, dass wir das beste Gesamtangebot haben (und da haben wir Nachholbedarf). Aber solange die VWL als Wissenschaft institutionalisiert existiert, hat sie dieselben Rechte wie alle anderen Disziplinen auch: sie ist weitgehend autonom, organisiert sich selbst und Partizipation ist nicht demokratisch. Sorry.

Warum schenken Sparer dem Bund Geld?

Von Henry Kaspar

Anfang Januar ergab eine Auktion 6-monatiger Bundesschatzanweisungen eine negative Nominalrendite (genau: -0.012 Prozent). D.h. Sparer zahlten der Bundesregierung de facto eine Gebühr für das Privileg, ihr Geld leihen zu dürfen.

Ein seltsames Ergebnis, das die meisten Kommentatoren auf allgemeine Risikoaversion und Anlegerpanik  schoben. Aber es ist klar dass dies als Erklärung nicht ausreicht. Schließlich kann auch der risikoscheuste Sparer immer – nullverzinslichen – Cash halten. Da macht es wenig Sinn Wertpapiere mit negativem Nominalzins zu akzeptieren. Dieses Arbitrageargument ist die klassische Begründung für die “Nullzinsfalle” der Geldpolitik, i.e., tiefer als Null kann die Zentralbank den Nominalzins nicht drücken, selbst wenn das – in der Depression – geldpolitisch geboten sein sollte.

Es sei denn Sparer betrachten Cash nicht als adäquate Alternative zu Wertpapieren - und hier liegt wohl die Krux. Mal angenommen ein griechischer Sparer will sich gegen einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone absichern. Cash in Euros mag da als unsichere Anlage erscheinen, weil von Griechen gehaltene Euros  nach Aufbrechen der Eurozone vermutlich umgewertet werden in die neue griechische Währung (ähnlich Bankeinlagen). Dieses Risiko scheint geringer bei Staatsanleihen: der deutsche Staat wird seine Staatsschulden auch nach einem Aufbrechen der Eurozone wohl in der Währung bedienen, die in Deutschland legaler Tender ist.

Was heißt: je nervöser die Märkte werden über ein mögliches Aufbrechen der Eurozone, desto häufiger sollten wir deutsche Negativzinsen beobachten. 

Rüdiger Bachmann über die VWL

Für heute nur ein kurzer Link: Rüdiger Bachmann schreibt auf Ökonomenstimme eine Antwort für frustrierte VWL-Studenten. Falls Ihr es nocht nicht gelesen habt.

Ich teile vieles von dem was er sagt. Außer, dass ich meine, parallel zum Rüstzeug könnten sich die Studenten gut und gerne mit Wirtschaftsgeschichte und der Geschichte des Fachs beschäftigen, da lernt man eine ganze Menge. Aber vielleicht sieht Rüdiger das genauso.

Kantoos Smackdown Watch, Wirtschaftsphilosoph Edition

Der Wirtschaftsphilosoph ist nicht allzu glücklich mit meinem letzten Eintrag zu political economy. Er gibt mich wie folgt wieder:

Kantoos scheint das zumindest für den Bereich der politischen Ökonomie anders zu sehen und hält den modernen ökonomischen Zugang für grundsätzlich überlegen gegenüber dem politologischen …

Das stimmt nicht. Ich hatte auf folgendes hinweisen wollen: politikwissenschaftliche Methodik hat sich nicht unbedingt in die Richtung weiter entwickelt, dass man damit die Wirtschaft besser verstehen kann. Daher ist das, was Politikwissenschaftler “political economy” nennen, in meinen Augen mit Vorsicht zu genießen und zum Verstehen der Wirtschaft vermutlich nicht sonderlich hilfreich. Die VWL dagegen hat Methoden entwickelt (“the strict mathematical treatment of human behaviour as rational utility maximization, and the empirical methods for dealing with ‘dirty data’, that is, non-experimental data”, wie ich schrieb), mit denen man auch ein paar (!) Fragen der Politikwissenschaft beantworten kann.

Sind wir deshalb die besseren Politologen? Das habe ich weder geschrieben noch gemeint. Wir können einen Beitrag leisten, ja, und das ist keine Selbstüberschätzung, die der WPh mir vorwirft. Ich habe aber meine Zweifel, ob die Politikwissenschaft diesen Beitrag umgekehrt in der VWL leisten kann.

Ich möchte nicht als ignoranter VWLer missverstanden werden: die Wirtschaftsgeschichte, zum Beispiel, kann einen großen Beitrag leisten und hätte ihn leisten können, wenn man auf sie gehört hätte. Allerdings kommen bei der Wirtschaftsgeschichte zwei Dinge zusammen. Erstens der geschichtswissenschaftlicher Ansatz, eine andere Zeit zu analysieren, das institutionelle Umfeld in der Vergangenheit zu verstehen usw. Zweitens aber ein Verständnis für die Wirtschaft, das ganz klar auf den Erkenntnissen der VWL bis heute aufbaut, und damit auf ihrer modernen Methodik. Das ist für mich eine sinnvolle Kombination. Ohne das tiefere Verständnis der Wirtschaft kann man keine für die Wirtschaft relevante Wissenschaft betreiben, und genau hier scheitern viele.

Das wäre übrigens auch der wichtigste Kritikpunkt an der political economy von Seiten der VWLer: dass sie zwar schöne Modelle bauen können, und auch gute empirische Arbeiten schreiben, dass sie aber kein tieferes Verständnis der Politik haben. Daher sind rein VWL-lastige political economists vermutlich auch keine guten Politologen, sondern solche sind es, die beides kombinieren können, wie die von mir erwähnten Heinmüller oder Snyder.

Vielleicht bin ich der Politikwissenschaft gegenüber aber auch zu hart, denn eine Art fallstudienbasierte “vergleichende VWL” zum Beispiel, wie sie der Kommentator DLüx im letzten Eintrag vorschlug, hat natürlich ihr Gutes und gehört eigentlich nicht mehr (!) in den methodologischen Standard-VWL-Baukasten, wohl aber immer noch zur Politikwissenschaft. Aber auch hier gilt, dass man die Wirtschaft auch wirklich verstehen muss, wofür die moderne VWL eine wichtige Voraussetzung ist. Dani Rodrik ist hier sicher ein Paradebeispiel.

Die Methodik der VWL hat sicher ein paar Dinge abgeworfen, die man nicht hätte abwerfen sollen. Und vielleicht sind es Historiker und Politikwissenschaftler, die uns daran erinnern. Aber ich bleibe dabei: ohne ein tieferes Verständnis der VWL und Wirtschaft sind solche Methoden nicht hilfreich.


PS: Zu guter Letzte noch ein Punkt, ein WPh Smackdown, wenn man so will. Ich finde nicht, dass man “die Krise” immer wieder als Kronzeugen hervor holen sollte. Die Finanzkrise in den USA 2007 ff. ist sicher ein Problem für die VWL, aber es ist bei weitem nicht so groß, wie es in den meisten Diskussionen gemacht wird. Wie Reiner Eichenberger es völlig richtig im Fazit Blog beschrieben hat:

Drittens beruhen die meisten Fehler von Ökonomen nicht auf der übertriebenen Anwendung ökonomischen Denkens, sondern gerade auf seiner Vernachlässigung. … Wenn Ökonomen etwas vorzuwerfen ist, dann dass sie ihren eigenen Ansatz zuweilen zu wenig konsequent zu Ende denken.

Und da die Presse in Deutschland sehr dazu neigt, die Krise zur Krise der VWL zu machen, und sich auch nicht zu schade ist, dafür eine Nobelpreisvergabe inhaltlich zu verdrehen, sollten Blogger diese anmaßende Übertreibung seitens der Presse nicht noch unterstützen.

Zudem ist doch fraglich, was hier “die Krise” ist. Die Eurokrise, so könnte man argumentieren, scheint nämlich ein vollständiger Sieg der VWL (wenn auch ein ziemlich bitterer) zu sein – auch über die Politologen, die im Euro die Vollendung der europäischen Einigung sahen, und alle sonstigen “Ökonomen”, die den Euro für ökonomisch sinnvoll hielten.

Ich habe das Gefühl, man muss bald ein Godwin’s Law für die VWL auflegen: jede Diskussion über die VWL wird irgendwann darauf hinauslaufen, dass jemand “die Krise” als Kronzeugen aufruft. Undifferenziert ist das aber wenig sinnvoll, und ich denke sogar eher schädlich (auch wenn der WPh sicher zur differenzierteren Sorte gehört).

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