Draghi und die deutsche Presse

Eine kurze Reaktion auf die EZB-Entscheidung. Natürlich bin ich froh, dass Draghi sich als pragmatischer herausstellt als ich gedacht hätte und sich nicht scheut zu zeigen, was Trichet für einen Unsinn dieses Jahr mit zwei Zinserhöhungen fabriziert hat. Was mich aber wieder irritiert (um mal freundlich zu bleiben), ist die Reaktion der deutschen Presse.

Hier die die SZ:

Der neue Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, ignoriert Inflationsrisiken und senkt den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent.

Und die FAZ setzt natürlich noch einen drauf:

Paukenschlag zum Start des neuen EZB- Präsidenten Mario Draghi: Trotz hoher Inflation senkt die Notenbank die Zinsen im Euro-Raum.

Später zitieren sie noch das Institut der deutschen Wirtschaft (!) mit folgender Aussage:

Die EZB bewege sich mit der Zinssenkung trotz 3 Prozent Inflation „auf dünnem Eis“.

Oh boy…

Inflationsrisiken? Wo sollen die denn herkommen? Halb Europa muss sparen, seine Löhne senken, China steht vor einer Abkühlung, der Industrieindex sinkt, die Fed in den USA prognostiziert ihr eigenes Versagen, … Anders herum wird ein Schuh draus: wenn die EZB nicht langsam anfängt, die Verwerfungen in der Eurozone aggressiv abzufedern, wird sie sich durch Staatsrettungen, die dann unumgänglich werden, echte Inflationsrisiken aufhalsen.

Die FAZ (und scheinbar auch die SZ in einem anderen Artikel) entspricht in ihrem geldpolitischen Ansatz der Trichet-EZB: heutige Inflation als Maßstab zu nehmen für den geldpolitischen Kurs. Damit hat sich die EZB in den letzten 3 Jahren wie zu erwarten war bis auf die Knochen blamiert, was der FAZ entgangen zu sein scheint. Aber der FAZ ist es ja auch nicht peinlich, dass sie um ihre Skepsis zu stützen neben der Landesbank BW und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) scheinbar niemanden gefunden hat, der sich zitieren ließ – was niemanden überraschen sollte.

Eine der wichtigsten Regeln der Geldpolitik lautet: target the forecast! Mit anderen Worten, setze Deine Politik so, dass Du und/oder der Markt erwartet, dass Du Dein Ziel erreichst. Meines Wissens sind die Erwartungen bezüglich Inflation in den nächsten 10 Jahren weit unter dem EZB Ziel. Von der bedrohlichen Situation in Europa ganz zu schweigen. Ich hoffe, Draghi macht so weiter, ob die deutsche Presse das nun versteht, oder nicht …

Kommentare

  1. Benjamin schreibt:

    Das eigentliche Problem ist in der Tat nicht so sehr die tatsächliche Inflation, sondern die Inflationserwartungen. Und wenn die EZB die versemmelt, dann haben wir ein nettes kleines Problem an der Backe. Von daher hätte man vielleicht von einer weiteren Zinserhöhung absehen können. Aber Zinssenkung?
    Und dann glaube ich auch nicht, dass die Unternehmen mitten in der Krise investieren werden – so sie denn von den Banken überhaupt Kredite bekämen. Ich denke vielmehr, die Banken werden die günstigeren Konditionen eher dazu nutzen ihren eigenen Hintern zu retten statt Kredite zu verteilen.
    Von negativen Realzinsen, was auf Lebensversicherungen etc. geht, fange ich gar nicht erst an.
    Nein, die Zinssenkung war ein grober Fehler.

  2. Francisco Wilhelm schreibt:

    Dieser Kommentar der FAZ (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ezb-kommentar-entschlossener-auftakt-11516853.html) beschäftigt sich allerdings eher positiv mit Draghi und scheint ihm eine faire Chance zu geben. Ein ablehnenden Grundtenor der deutschen Presse kann ich nicht feststellen.

  3. Rien Huizer schreibt:

    @ Kantoos,

    You are right, these media comments are silly. But that is probably what people want to read.

    At least this cuts also 25 bp off the rate the ECB pays on credit balances. Pity they did not widen the spread, but maybe in a couple of months that could be revisited.

  4. buschbeck schreibt:

    Die Presse ist wesentlicher Teil des Wahnsinns – wunderschöner Beitrag auf heise.de

    Krise und Wahn
    http://www.heise.de/tp/artikel/35/35813/1.html

  5. buschbeck schreibt:

    hier noch die aktuellen Fakten von der Bundesbank –

    http://www.global-change-2009.com/blog/die-bundesbankzahlen-fur-2010-sind-da-die-privaten-deutschen-haben-noch-mehr-uber-ihre-verhaltnisse-gespart/2011/10/

    speziell die Deutschen sparen völlig über ihre Verhältnisse und leben volkswirtschaftlich nur noch von der Aufschuldung des Auslands(welches aber angeblich nicht mehr aufschulden soll), die inländischen Körperschaften sparen selbst in Größenordnungen mit neuem Rekordwert Geld.

    Wieso darf man dann negative Realzinsen als Guthabenbremse kritisieren?

    Negative Realzinsen sind das Gebot der Stunde!

    Wann redet ihr Ökonomen endlich mal Klartext zum deutschen Geldsparproblem? Traut euch bitte!

  6. hkaspar schreibt:

    @ Benjamin

    Selbst wenn Banken die Situation „nur“ nutzten um ihren Hintern zu retten (Kapital zu bilden) waere das in dieser Lage doch nicht das Schlechteste, oder?

    HK

    • Benjamin schreibt:

      Mag sein. Aber bessere Kapitaldeckung bekäme man auch mit Einschränkung der Kreditvergabe hin. Oder mit korrekter Bewertung seiner Aktiva. Das halte ich für den sauberen Weg die 9% Kernkapitalquote zu erreichen anstatt mit weiterem Geld die Bilanzen der Banken weiteraufzublähen.

    • hkaspar schreibt:

      @ Benjamin

      Einschraenkung der Kreidtvergabe scheint mir was man gerade NICHT will angesichts eines drohenden Einbruchs der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.

  7. cangrande schreibt:

    Fairer Weise sollte man doch auf den FAZ-“EZB-Kommentar“ von Stefan Ruhkamp u. d. T. „Entschlossener Auftakt“ verweisen (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/leitzins-senkung-ezb-sieht-milde-rezession-11516332.html), wo es heißt:
    „Böse Zungen könnten versucht sein, die Zinssenkung als Geschenk an das Heimatland des Italieners zu disqualifizieren. Doch das ist Unsinn. Über den Zeitpunkt kann man sicher streiten – und das ist dem Vernehmen nach im Rat auch geschehen. Die Zinssenkung ist jedoch nach zähem Ringen einstimmig gefallen. Die EZB hätte angesichts einer Inflationsrate von 3 Prozent bis Dezember oder Januar warten können, um auf der sicheren Seite zu sein. Seit der letzten Ratssitzung im Oktober haben sich allerdings die Konjunkturdaten deutlich verschlechtert. Angesichts der Erwartung einer „milden Rezession“ lässt sich deshalb die Zinssenkung rechtfertigen.“

  8. Erich schreibt:

    Natürlich ist ein Zins von 1,25% bei 3% Inflation problematisch, es ist halt eine ausgesprochene Inflationssteuer. Da ich aber eh skeptisch bin bei immer größeren Rettungspaketen auf Pump (mir wäre eine direkte Subvention der Problemstaaten auf Steuerbasis lieber – ist aber natürlich nie durchsetzbar), ist das immer noch die bessere Lösung. Ich hoffe aber, dass zumindest der Aufkauf von Bonds (etwa für Italien) an wirkliche Bedingungen geknüpft wird. Sonst verkommt die Steuer zur reinen bedingungslosen Subvention anderer Staatshaushalte.

  9. Alex F. schreibt:

    Wer ein Problem mit Inflation hat, dem rate ich, sich von seinem Geld zu trennen: einfach investieren oder konsumieren oder weniger arbeiten. Es gibt kein Recht auf Geldhortung!

    Die Rede von der Inflationssteuer ist übrigens Blödsinn. Geld ist im Moment zu viel Wert, weil es künstlich knapp gehalten wird, was einen excess demand for money erzeugt. Wenn man von Steuer reden will, dann zahlen wir alle eine Deflations- oder Disinflationssteuer. Inflation dagegen führt diese Steuer zurück. Inflation wirkt also wie eine Steuersenkung. Mille grazie Draghi! Und bitte mehr davon!

    • buschbeck schreibt:

      „Wer ein Problem mit Inflation hat, dem rate ich, sich von seinem Geld zu trennen: einfach investieren oder konsumieren oder weniger arbeiten.“

      sehr gut

      „Es gibt kein Recht auf Geldhortung!“

      Vor allem dann nicht, wenn man gleichzeitig die durch das Geldsparen 1:1 wachsenden globalen Staatsschulden als Problem sieht. Wenn wir schmerzfrei =zinsfrei und unbegrenzt Staatsschulden dokumentieren würden, könnte ja jeder horten so viel er lustig ist.

      Aber da muss man sich schon mal entscheiden, Staatsschulden und private Geldvermögen sind eine volkswirtschaftliche Identität – nur national verschoben durch die Exportsalden. Wenn Staatsschulden sinken sollen, dann braucht es eine private Guthabenbremse – es wäre der Job der Volkswirte, dies den Politikern und den Medien zu erklären…

  10. Erich schreibt:

    @Alex
    mir ist eine MWSt.-Erhöhung lieber, da sie sozial verträglicher ist (immerhin werden bei sozial schwachen etwa 75% der Ausgaben bei der MWSt.Erhöhung nicht betroffen, nämlich Miete und Nahrungsmittel, und viele Reiche zahlen eh keine andere nennenswerte Steuer). Die Inflationssteuer trifft alle Ausgaben, natürlich die Reichen weniger, da sie leicht auf reale Werte ausweichen können.

    Aber wie gesagt immer noch besser eine Inflationssteuer als weiter mit Pump auf Kosten der nächsten Generationen.

    • matt_us schreibt:

      Reiche zahlen 5% ihres Einkommens an MWST, Arme 10% – hab ich gestern wieder gelesen. Das galt fuer GB. Das sind neoliberale Maerchengeschichten, dass sozial schwache nicht betroffen werden. Wenn Reiche sonst keien Steuern zahlen, stimmt was nicht mit dem Steuersystem, das keine Vermoegen besteuert, sondern nur Konsum und Einkommen.

  11. egghat (@egghat) schreibt:

    Die letzte Zinserhöhung war schon falsch. Draghi nimmt die nun nur zurück. Wie schon 2008 hat die EZB viel zu spät noch mit einer Zinserhöhung reagiert, weil der Preisanstieg aus der Vergangenheit noch wirkte. Habe ich damals auch nicht verstanden, ich hatte schon meine Rezessionswette abgeschlossen und war ziemlich pessimistisch angesichts der Megablase am US-Immobilienmarkt.

    Es ist bei 10,x% Arbeitslosigkeit im Schnitt in Europa einfach keine Inflationsgefahr da, wenn gleichzeitig alle Regierungen auf der Sparbremse stehen und die Wachstumserwartungen bei weniger als einem Prozent liegen (was tendenziell zu steigender Arbeitslosigkeit führen wird). Die Börse sieht die Inflationserwartungen (abgeleitet aus der Differenz zwischen 10 jähriger Fixzinsanleihen und 10jähriger inflationsgekoppelter Anleihe) gerade einmal bei 1,7%. IMHO zurecht.

  12. cangrande schreibt:

    Vgl. jetzt auch den Handelsblatt-Artikel „EZB-Chefvolkswirt[Jürgen Stark]: „Es drohen uns einige negative Überraschungen““ (http://www.handelsblatt.com/politik/international/es-drohen-uns-einige-negative-ueberraschungen/5799974.html):
    „Die Entscheidung, den Zins zu senken, sie wurde einstimmig gefällt im EZB-Direktorium. Der Vorschlag kam übrigens nicht von Mario Draghi, dem neuen EZB-Chef aus Italien; er kam vom Deutschen, er kam von Jürgen Stark.“

  13. H.K.Hammersen schreibt:

    Der Zinssatz ist völlig irrelevant für die Probleme innerhalb der Eurozone. An den Ungleichgewichten ändert sich dadurch gar nichts. In D haben wir keine privaten Schulden, wie in Spanien, die weg inflationiert werden müssen. Auch keine öffentlichen, wie in I oder GR.

    Der Euro hat den Anlegern suggeriert, es sei völlig egal, wo ihr Geld zur Anlage hinfließt. Und das hat sich im Nachhinein als falsch heraus gestellt. Jetzt fließt das Geld aus den Krisenländern zurück nach D.
    Die Banken haben in den Krisenländern massenhaft Giralgeld verliehen, das nach D strömt. Die deutschen Banken sind aber nicht mehr bereit, den Banken in den Krisenländern dieses nach D strömende Giralgeld zurück zu leihen. Sie wollen Zentralbankgeld sehen. Was in den Krisenländern nicht vorhanden ist und von der Zentralbank beschafft wird. Zu den Ungleichgewichten in den Leistungsbilanzen gesellen sich jetzt auch noch gleichgerichtete Ungleichgewichte in den Zahlungsbilanzen. Diese Ungleichgewichte können durch Auf- oder Abwertungen nicht ausgeglichen werden und erhöhen sich immer weiter. Was daran durch niedrigere Zinsen. die in ganz Euroland wirksam werden, geändert werden kann, erschließt sich mir nicht. Außer dass die Ungleichgewichte durch niedrigere Refinanzierungskosten vielleicht etwas länger aufrecht erhalten werden können. An den Ungleichgewichten selbst ändert sich jedenfalls nichts. Und ein schwächerer Euro durch Zinssenkungen erhöht nur die Konkurrenzfähigkeit der Euro-Exportindustrie, die aber in den Krisenländern kaum vorhanden ist. Die Leitzinsen könnten auf die Euro-Ungleichgewichte nur Einfluss nehmen, wenn sie in unterschiedlicher Höhe in den einzelnen Ländern verfügt würden. Dann können wir die Einheitswährung aber auch gleich aufgeben und zu den nationalen Währungen zurück kehren.

  14. cangrande schreibt:

    @ Hammersen:
    Also (wie ich bereits in einem anderen Posting erwogen habe) Schwundgeld als freiwillige Parallelwährung für die Griechen/Südeuropäer einführen?

    Oder was spricht ggf. dagegen? Scheint ja damals in Wörgl ganz gut geklappt zu haben, bevor die Österreichische Notenbank das Experiment abgewürgt hat (warum eigentlich?)

  15. Ernst schreibt:

    3 % sind für alle Halter von Geld unangenehm, die aus welchen Gründen auch immer, jetzt in Geld sparen wollen oder müssen. Und die 3 % sind für alle unangenehm, die nominal feste laufende Bezüge haben.

    Da der Staat auf seiner Einnahmenseite überhaupt keine Inflation kennt bzw. sich dem bewußt verweigert, bereichert er sich bei den Zahlern von Steuern, Gebühren und Abgaben. Gleichzeitig entschuldet er sich indirekt.

    Ob es wirklich über andere Wege dazu kommt, daß das reale BIP steigt – das halte ich noch für sehr fragwürdig. Man kann dann noch trefflich darüber streiten, ob das kurfristig oder auch nachhaltig geschieht, das sind Verfeinerungen.

    Die Erklärung der EZB, man habe Sorge vor Rezession, würde ich nicht so unbesehen akzeptieren. Der wahre Hintergrund könnte auch in ganz anderen Absichten liegen – nationale Interessen von Italien.

  16. DreF schreibt:

    Alex F. schreibt am 4. November 2011 um 10:08:

    Geld ist im Moment zu viel Wert, weil es künstlich knapp gehalten wird.

    buschbeck schreibt am 4. November 2011 um 10:25:

    Wenn Staatsschulden sinken sollen, dann braucht es eine private Guthabenbremse.

    Wow ist das euer Ernst?!

  17. buschbeck schreibt:

    >>“buschbeck schreibt am 4. November 2011 um 10:25:
    >>Wenn Staatsschulden sinken sollen, dann braucht es eine private Guthabenbremse.

    >Wow ist das euer Ernst?!“

    Natürlich – private Geldvermögen(Privatguthaben abzgl. Privatschulden) und Staatsschulden sind eine volkswirtschaftliche Identität. Dies weil natürlich gilt:

    Einnahmeüberschüsse einer Gruppe(Private) = Ausgabeüberschüsse des Rests(Staaten).

    Deswegen gelingt auch kein Absinken der Staatsschulden durch Programme zur Ausgabenkürzung – diese erhöhen vielmehr die Staatsschulden. In Griechenland wie in dem genialen Artikel oben beschrieben von 120% BIP 2009 auf 160% heute.

    Wer MEHR Staatsschulden will, muss nur ohne private Guthabenbremse staatliche Sparprogramme beschließen…

    http://www.global-change-2009.com/blog/sie-wollen-mehr-staatsschulden-dann-machen-sie-einfach-ein-sparprogramm/2011/11/

    • Rayson schreibt:

      Natürlich – private Geldvermögen(Privatguthaben abzgl. Privatschulden) und Staatsschulden sind eine volkswirtschaftliche Identität.

      Dieser Sprung von der rein buchhalterischen Gegenüberstellung großer Komplexe bei Ausblendung aller Innebeziehungen hin zu Maßgaben für jeden einzelnen Wirtschaftsteilnehmer ist logisch etwas bedenklich. Selbstverständlich kann man individuell auch private Riesenguthaben aufbauen, ohne dass dies mit Staatsschulden verbunden wäre.

      Der Vorschlag müsste also ebenengerecht ungefähr lauten: „DIe Nettoforderungen der Gesamtheit aller Privaten müssen begrenzt werden.“ Was als Empfehlung für konkrete Politik jetzt irgendwie auch nicht so der Bringer ist.

  18. buschbeck schreibt:

    Hallo @Rayson

    >“Dieser Sprung von der rein buchhalterischen Gegenüberstellung großer Komplexe bei Ausblendung >aller Innebeziehungen hin zu Maßgaben für jeden einzelnen Wirtschaftsteilnehmer ist logisch etwas >bedenklich.“

    Einnahmeüberschüsse einer Gruppe = Ausgabeüberschüsse des Restes ist absolut logisch.
    http://www.global-change-2009.com/blog/2-2-4wirtschaftsweiser-wolfgang-stutzel-hat-es-lange-vor-global-change-erkannt/2010/05/

    Unlogisch ist für mich nur, weshalb trivialarithmetische Zusammenhänge so tapfer vom etablierten Volkswirtschaftlern ignoriert werden.
    http://www.global-change-2009.com/blog/wolfgang-stutzels-beitrag-zu-einer-rationalen-okonomie/2011/10/

    Kaum etwas würden wir aktuell dringender brauchen – meine Vorhersage aus dem Mai diesen Jahres hat sich voll bestätigt:
    http://www.global-change-2009.com/blog/go-ansage-ignoranz-der-saldenmechanik-explosion-europas/2011/05/

    >“Selbstverständlich kann man individuell auch private Riesenguthaben aufbauen, ohne dass dies >mit Staatsschulden verbunden wäre.“

    Nur wenn aus dem Privatsektor jemand dazu Rießen-Schulden macht, so dass die privaten Geldvermögen dann konstant sind. Ansonsten ist jede private Guthabenausweitung automatisch eine Ausweitung der Staatsschulden. Nicht unbedingt des eigenen Landes – via Exportsaldo kann man dies z.B. in die PIIGS umleiten und dann als unerkannter „Guthabensünder“ mit dem Finger auf die bösen „Schuldensünder“ zeigen.

    Dummerweise haben wir aber keine privatwirtschaftlichen Schuldner in Deustchland mehr – aber dies ist ein bedenklicher Blick in die Buchhaltung dieses Landes. Und in die Buchhaltung zu schauen ist ebenso verpönt wie das Beachten der trivialaritmetischen Zusammenhänge. :-(

    >Der Vorschlag müsste also ebenengerecht ungefähr lauten: „DIe Nettoforderungen der Gesamtheit >aller Privaten müssen begrenzt werden.“

    Die Nettoforderungen sind die Nettogeldvermögen

    > „Was als Empfehlung für konkrete Politik jetzt irgendwie auch nicht so der Bringer ist.“

    Ja – weil es keiner hören will und es natürlich dem Wähler kaum zu verkaufen ist. Deswegen dürfen es aber zumindest die fest angestellten Volkswirte ihren Politikern im Hinterzimmer verraten. Man kann auch vernünftige Politik machen ohne es auszusprechen – die Förderung der privaten Altersvorsorge und der Exportüberschüsse ist das genaue Gegenteil von Vernunft.

    • Rayson schreibt:

      Dummerweise haben wir aber keine privatwirtschaftlichen Schuldner in Deustchland mehr

      Komisch – warum befürchten denn dann alle eine „Kreditklemme“?

      Ja – weil es keiner hören will und es natürlich dem Wähler kaum zu verkaufen ist.

      Nein. Weil es nicht operabel ist. Die „Gesamtheit aller Privaten“ ist nur ein gedankliches Konstrukt, und ein sehr grobes noch dazu, existiert aber natürlich nicht als Wirtschaftssubjekt.

  19. buschbeck schreibt:

    > Komisch – warum befürchten denn dann alle eine „Kreditklemme“?

    Ja, ich war ungenau, wir haben keinen privatwirtschaftlichen Kreditbedarf mehr PER SALDO. Es werden über 300Mrd.€ Privat-Kredite im Jahr getilgt, auch wenn allein die Körperschaften in Summe mehr als 30Mrd.€ selbst Geld sparen. Und wenn die fehlende Nachfrage aus diesen Kredittilgungen nicht mehr durch neue Kredite ausgeglichen wird (Kreditklemme) dann geht es mit enormer Geschwindigkeit bergab.

    Ex post betrug der Neukreditbedarf der deutschen Volkswirtschaft 2010 mehr als 500Mrd.€
    300Mrd.€ für die privaten Kredit-Tilgungen, 212 Mrd.€ für die Geldsparer. Die Kredittilgungen bestehen dabei auch ex ante, die sind aus Vorperioden determiniert.

    Nun wäre die Frage, ob die Geldsparpläne in einer Krise sinken und die Geld-Sparer nur durch das „crowding out“ von Staat und Ausland zum Einnahmeüberschuss genötigt wurden. Ich halte diese These für einen schlechten Scherz – also zumindest die Beiträge zur privaten Altersvorsorge meiner 50Mitarbeiter sind auch ex ante determiniert.

    „Nein. Weil es nicht operabel ist. Die „Gesamtheit aller Privaten“ ist nur ein gedankliches Konstrukt, und ein sehr grobes noch dazu, existiert aber natürlich nicht als Wirtschaftssubjekt“

    Dies macht die Aussage, dass heute bei ausgereizter globaler Verschuldungskapazität die Summe der privaten Geldsparpläne viel zu hoch ist und es dringend einer gesellschaftlichen/politischen Diskussion über diese Guthabenkrise bedarf, nicht fehlerhaft. Die Beachtung dieser Zusammenhänge könnte zum Beispiel mit einer Wiedereinführung der 100% umlagefinanzierten Altersvorsorge unser wirtschaftlichen Probleme wesentlich entschärfen.

    Man kann also sehr wohl Handlungsempfehlungen für dieses grobe Konstrukt geben. Die Verschuldung ist generell eine Funktion der Nachfrage nach Geldhaltung. Und diese Freude an der Geldhaltung ist natürlich beeinflussbar, heute fördern wir die Nachfrage nach Geldhaltung noch mit Zuschüssen zur privaten Altersvorsorge – und keiner von den VWLern steht auf und erklärt den Wahn.

  20. DreF schreibt:

    @buschbeck

    Natürlich – private Geldvermögen(Privatguthaben abzgl. Privatschulden) und Staatsschulden sind eine volkswirtschaftliche Identität. Dies weil natürlich gilt:
    Einnahmeüberschüsse einer Gruppe(Private) = Ausgabeüberschüsse des Rests(Staaten).

    Ich will Kantoos nicht mit OTs verärgern, aber das Thema interessiert mich doch. Diese Theorien, die Sie hier darlegen sind ja sehr, sehr, sehr weit verbreitet. Man kennt diese Aussagen auch von Leuten wie Stiglitz oder um Deutsche zu nennen: Lafontaine, Augstein und „Börsenstar“ Dirk Müller. Man kann auch noch viel weiter zurückgehen. Marx war wahrscheinlich mit der Erste.

    Im Grund besagen all diese Theorien doch: Der Gewinn des einen, ist das Defizit des anderen. Die Reichen sind so reich, weil sie den Armen Defizite aufladen, sie bestehlen, whatever. Das ist das Narrativ, die Rechtfertigung, warum man den Reichen ihren Reichtum nehmen darf.

    Was ich mich bei diesen Themen immer unter anderem frage:

    1. Wenn man die Staatsschulden nahe null drückt oder der Staat sogar sehr vermögend ist, dann müssten die Menschen laut Theorie ein Privatvermögen nahe Null oder gar im Negativen haben. Ist das den der Fall? Wohl kaum.

    2. Wenn die Staatsschulden die Kehrseite der Privatvermögen sein soll, warum sind dann die Bürger in hochverschuldeten, sozialistischen Staaten wie der DDR, Kuba, Nordkorea immer so extrem arm?

    3. Wenn der Gewinn des einen, angeblich immer nur das Defizit des anderen sein soll, warum ist und wird die Menschheit dann immer wohlhabender?

    • buschbeck schreibt:

      @Dref
      >“Im Grund besagen all diese Theorien doch: Der Gewinn des einen, ist das Defizit des anderen. Die >Reichen sind so reich, weil sie den Armen Defizite aufladen, sie bestehlen, whatever. Das ist das >Narrativ, die Rechtfertigung, warum man den Reichen ihren Reichtum nehmen darf.“

      Nein, dies ist nicht meine Aussage, würde man sich über einen Unternehmer mit 3 Firmen und 50 Mitarbeitern auch sehr wundern. :-)

      Es geht nur darum, dass das Schuldenwachstum eine Funktion der Einnahmeüberschüsse, also des Guthabenwachstums ist und wir leider eine enorme Knappheit an freiwilligen Verschuldungsplänen haben.

      Und eine Gleichsetzung des Gewinns mit Einnahmeüberschüssen ist überhaupt nicht zulässig. Ich kann meinen Gewinn konsumieren oder investieren, dann ist dies keine Einnahmeüberschuss und braucht keinerlei Verschuldung.

      >Was ich mich bei diesen Themen immer unter anderem frage:

      >1. Wenn man die Staatsschulden nahe null drückt oder der Staat sogar sehr vermögend ist, dann >müssten die Menschen laut Theorie ein Privatvermögen nahe Null oder gar im Negativen haben. Ist >das den der Fall? Wohl kaum.

      Es gibt per Saldo überhaupt keine Geldvermögen – Guthaben minus Schulden = Null,nix,njente
      oder na gut -die monetisierten Metallbestände der Notenbanken.

      Aber diese Ausnahme sind auch Sachwerte, alle Sachwerte existieren netto. Das Weltvermögen ist das Weltsachvermögen. Wir werden in Geld in Summe nicht reicher und mit Schulden in Summe nicht ärmer. Dies auch mal noch zu privaten Altersvorsorge als Denkanstoß!

      >2. Wenn die Staatsschulden die Kehrseite der Privatvermögen sein soll, warum sind dann die >Bürger in hochverschuldeten, sozialistischen Staaten wie der DDR, Kuba, Nordkorea immer so >extrem arm?

      Also die „Hochverschuldung“ der DDR, Kuba und Nordkorea zusammen lag wohl unter der Höhe mancher Buchungstoleranzen bei der HRE :-)

      Aber wenn wir jetzt anfangen, warum sowohl der reine Sozialismus damals als auch der halbe Sozialismus heute großer Mist sind, dann wird dem Hausherrn wohl der OT-Kragen platzen.

      3. Wenn der Gewinn des einen, angeblich immer nur das Defizit des anderen sein soll, warum ist und wird die Menschheit dann immer wohlhabender?

      Wie gesagt es gibt kein Geldvermögen netto und die private Altersvorsorge der Deutschen geht zu 100% in die Staatsschulden – aber dies hat alles mit den Sachwerten und Gewinn nichts zu tun.

      Das aktuelle Problem ist, wir haben kein Saldenwachstum solventer privater Verschuldungspläne mehr. Also müßte sich der Staat für die weiter wachsenden Sparpläne verschulden – gleichzeitig, und hier wird es irre, erklären wir die Staatsschulden zum Problem und beschließen grundgesetzliche Schuldenbremsen.

      Die perfekten Zutaten für eine Weltwirtschaftskrise mit folgendem (Bürger) Krieg.

      Game Over = Geldsparpläne + Kredittilgungen > Neuverschuldungspläne

      Geschichte wiederholt sich – wir schreiben 1931, Brünnikunde regiert und die irren
      Spar – Deutschen stiften Europa und vielleicht die ganze Welt zum wirtschaftlichen Selbstmord an…

  21. DreF schreibt:

    @buschbeck

    Und eine Gleichsetzung des Gewinns mit Einnahmeüberschüssen ist überhaupt nicht zulässig. Ich kann meinen Gewinn konsumieren oder investieren, dann ist dies keine Einnahmeüberschuss und braucht keinerlei Verschuldung.

    Gut, dann eben der Einnahmeüberschuss des einen, ist das Defizit des anderen. An meinem Gedanken ändert das nichts. Ich finde die Möglichkeit zur Ansammlung großer Vermögen (ob nun Geld oder Sachwerte) essentiell. Ich sehe auch kein Problem, wenn man seinen Gewinn nicht konsumiert und nicht investiert. Ersten sollte jeder mit seinem Geld machen dürfen, was er will. Zweitens muss man die Frage stellen, wie man seinen Gewinn überhaupt nicht konsumieren und nicht investieren kann. Wie soll das gehen? Geld unter dem Kopfkissen?

    • Rayson schreibt:

      (in vollem Bewusstsein des OT)

      Das aktuelle Problem ist, wir haben kein Saldenwachstum solventer privater Verschuldungspläne mehr. Also müßte sich der Staat für die weiter wachsenden Sparpläne verschulden – gleichzeitig, und hier wird es irre, erklären wir die Staatsschulden zum Problem und beschließen grundgesetzliche Schuldenbremsen.

      Das Schöne an Buchhaltungsidentitäten ist, dass sie ex-post immer aufgehen. Dummerweise aber erklären sie nicht in sich selbst, wie die Prozesse aussehen, die vom ex-ante zum ex-post führen. Der Staat „muss“ also gar nichts, und Blasenbildung ist wohl auch kein auf Dauer sinnvolles Konzept.

  22. buschbeck schreibt:

    „Zweitens muss man die Frage stellen, wie man seinen Gewinn überhaupt nicht konsumieren und nicht investieren kann. Wie soll das gehen? Geld unter dem Kopfkissen?“

    Wenn die (ihre :-) Freude an Geldhaltung und die Kredittilgungen größer werden, als die freiwilligen Verschuldungspläne, dann investieren die Unternehmer zwangsweise in ihren Lagerbestand, danach werden sich die Unternehmer die Beschäftigung der sparenden Nichtunternehmer ersparen…und diese wiederum die Nachfrage usw…aber Hauptsache man darf bis zum Ende indirekt (man sieht es ja nicht beim Bankguthaben) Schuldscheine des Staates sammeln und die wachsende Staats-Verschuldung beklagen…

  23. buschbeck schreibt:

    @kantoos
    ich würde zu der von @Rayson aufgeworfenen Frage der Zulässigkeit der Anwendung von ex post-Identitäten auf ex ante Empfehlungen gern einmal ein Gast-Beitrag hier schreiben. Darin würde ich darlegen, warum dies n.m.E. aufgrund der Saldenmechanik möglich und sinnvoll ist und über die Quantitätstheorie nicht. Würdest Du dies prinzipiell ablehnen oder Dir nur eine qualitative Prüfung vorbehalten?

    @Rayson
    Die saldenmechanische ex post-Identität
    Staatsschuldenwachstum = Geldvermögenswachstum der Privaten

    erlaubt freilich die ex ante Aussage:
    „Die Staatsschulden werden zukünftig so stark steigen wie die privaten Geldvermögen“

    und daraus die Politikempfehlung:
    „Wenn ihr die Staatsschulden begrenzen wollt, müßt ihr die privaten Geldvermögen begrenzen. Ist dabei das Mittel wachsender Privatverschuldung ausgereizt, bleibt nur der Abbau der Privatguthaben durch Umverteilung und/oder Anreize zu Konsumtion oder Selbst-Investition.

    Es gibt übrigens n.m.E. keine „Eigenkapitalblasen“ in Assetmärkten.

  24. cangrande schreibt:

    @ buschbeck:
    Auf den ersten Blick leuchtet es mir ja ein, dass
    „Staatsschulden und private Geldvermögen … eine volkswirtschaftliche Identität“ sind (ggf. national verschoben durch die Exportsalden).

    Dieser Zusammenhang ist aber doch wohl dann ausgehebelt, wenn die Staatsanleihen von den Notenbanken aufgekauft oder beliehen werden?

  25. buschbeck schreibt:

    @cancrande

    Die Staatsschulden für die inländischen privaten Geldvermögen kann man via Exportüberschüsse den Importüberschussländern aufhalsen. Insbesondere wenn in solchen konsumfreudigen Ländern noch eine schöne Immobilienblase = extreme Privatverschuldung organisierbar ist. Dann fällt es dort auch erst mal gar nicht so auf. Clinton hat ja trotz Habi-Defizit auf dem Höhepunkt der Privatverschuldung sogar mal mit dem Staats-Haushalt im Plus gelegen. Diese Privatschuldenblasen müssen natürlich irgendwann platzen und dann kommt für diese Länder alles zusammen, Importsalden aus verlorener Wettbewerbsfähigkeit, private Tilgungslasten, staatliche Sparzwänge aus nun explodierender „nachgeholter“ Staatsverschuldung der Vorperioden. Sie sind pleite und die Gläubigerländer/banken halten Forderungen gegen insolvente Staaten – also sind alle pleite.

    Insofern ist der Anleihenkauf via EZB nur die Visualisierung des kollektiven Problems von Gläubiger- und Schuldnerländern – es existiert auch davor und wird nur händelbar gemacht.

    Bisher sind nur wenige an den Anfang der Geschichte vorgedrungen – aber gestern war wieder Mauerfall: „Schäublowski – hier ist dein Zettel“:

    http://www.global-change-2009.com/blog/0911-banker-spricht-in-der-taz-uber-mauerfall-schaublowsky-hier-ist-ihr-zettel/2011/11/

    http://www.global-change-2009.com/blog/911-der-schicksalstag-der-deutschen-argentinien-schlagt-deutsche-exportagression-zuruckwenn-dies-schule-macht/2011/11/

  26. cangrande schreibt:

    @ buschbeck
    Stehe ich auf dem Schlauch – oder weichst du meiner Fragestellung aus?

    Also: Wenn Deutschland Staatsanleihen verkauft, können die Käufer die Allianzversicherung, die Aldi-Familie oder eine Bank sein.

    Private und Versicherungen werden die Anleihen in aller Regel aus ihrem Vermögen bezahlen (weil es für sie zu teuer wäre, diese auf Kredit zu kaufen).
    Auch die Bank kann Anleihekäufe aus den Einlagen bezahlen.Wahrscheinlich wird sie sich den Kaufpreis aber zurückholen, indem sie die (i. d. R. relativ höher verzinsten) Staatsanleihen bei der EZB hinterlegt und dafür (i. d. R. niedrigere) Zinsen zahlt. Die Bank wäre schön dumm, wenn sie die Möglichkeit einer risikolosen Zinsarbitrage nicht nützen würde.

    Dieser Teil der Anleihen gehört keiner Privatperson. Er steht zwar im Eigentum der Geschäftsbank, ist aber im Besitz er Zentralbank. Die Notenbank ist es auch, die letztlich für die Anleihen bezahlt hat (entweder mit frisch gedrucktem Geld oder aber mit Geld, das auf andere Weise – z. B. durch Rückzahlung von Krediten, die sie früher vergeben hatte – zu ihr zurückgelaufen ist).

    Der o. a. Teilbestand der Anleihen ist also nicht aus Privatvermögen finanziert worden; er gehört ja auch keiner Privatperson. Wirtschaftlich gesehen „gehört“ er auch nicht der Bank. Die bucht zwar die Anleihen im Haben, muss aber den EZB-Kredit im Soll gegenbuchen. Vermögensmäßig für die Bank ein Nullgeschäft (sie ist durch den Anleihekauf nicht reicher geworden); durch die Zinsdifferenz jedoch eine „Lizenz zum Gelddrucken“ für die Geschäftsbanken (solange die Staaten solvent bleiben).

    Bei dieser Sachlage kann eine Saldenmechanik die sich (so jedenfalls mein Eindruck aus deinen Darlegungen) Staat und Private als alleinige Akteure denkt, die Verhältnisse nur unvollständig abbilden.
    Im heutigen Geldsystem tritt zu diesen beiden noch die Notenbank als Geldschöpferin hinzu. Wer eine zutreffende Vorstellung der (geld-)wirtschaftlichen Vorgänge entwickeln will, wird das berücksichtigen müssen.

  27. buschbeck schreibt:

    @cancrade

    Es gibt kein „Nettogeld“ – die Geld-Salden sind immer verbunden, Deine Vorstellung des Vermögens schein ja so ein Schatztruhen-Nettogeld zu implizieren – oder stehe ich auf dem Schlauch?

    Es geht auch nur um Einnahmeüberschüsse, nicht um ihre Dokumentationsform, ohne Einnahmeüberschüsse entsteht kein Geldvermögen, ohne Ausgabeüberschüsse keine Geldschulden.

    In dem System existiert kein „Nettogeldding“, welches nicht durch Salden verknüpft wäre. Diese Vorstellung vom „Nettogeld“ spukt ja immer noch durch die ökonomischen Vorstellungen insbesondere als Geldmenge der kuriosen Quantitätstheorie.

    Herr Aldi verkauft mehr als er einkauft – es bildet sich ein Bankguthaben als Schuldsaldo der Geschäftsbank. Nun könnte er eine Staatsanleihe kaufen und sein Guthaben wieder abbauen oder seine Bank tut dies zum Bilanzausgleich als Aktiva zu Herrn Aldis Guthaben die ihre Passiva sind.

    Oder seine Bank hält passiv lieber Zentralbankguthaben(deren Passiva) und verkauft der EZB diese
    passiva – daran, dass der Staat den REALWIRTSCHAFTLICHEN Einnahmeüberschuss von Herrn Aldi zur Vermeidung von Zwangsverschuldung/Depression mit einem REALWIRTSCHAFTLICHEN Ausgabeüberschuss ausgleichen musste, ändert dies nichts.

    Herrn Aldis Einnahmeüberschuss steht also optional die Staatsanleihe oder ein Geschäftsbankenguthaben gegenüber. Die Geschäftsbank kann die Staatsanleihe halten oder ein Zentralbankguthaben und diese ZB hält die Staatsanleihe – die Saldenmechanik ist darüber nicht auszuhebeln.

    Die Verschuldung des Staates ist auch nicht die Staatsanleihe, diese finanziert/dokumentiert dies nur – es geht um den Ausgabeüberschuss, der ist erst die Verschuldung.

    Das Finanzsystem dokumentiert und ermöglicht/besichert Saldenbildung mit Ungleichschritt – dem gegenüber steht das etablierte VWL-Geldbild mit einem emittierten Geldding/Quantitätstheorie welches saldenlos/im Gleichschritt ist und irgendwie immer eine fiktive Schatztruhe mit Nettogeld mitführt.

    Mit dieser Realitätsdifferenz und der fehlerhaften mikroökonomischen Fundierung der Quantitätstheorie sind die Modellprobleme der VWL mit Geld zu erklären.

    http://www.global-change-2009.com/blog/saldenmechanik-ein-ansatzpunkt-fur-die-weiterentwicklung-der-makro-okonomischen-theorie/2010/09/

  28. cangrande schreibt:

    @ buschbeck:
    Dass wir nach wie vor aneinander vorbei reden könnte daran liegen, dass mir einige von dir verwendete Begriffe nicht geläufig sind.

    Was ist „Nettogeld“? Ich habe dessen Existenz nicht behauptet, weil ich mir darunter nichts vorstellen kann.
    Auch „Saldenbildung mit Ungleichschritt“ oder das – dazu offenbar als Gegensatz gedachten – saldenlos/im Gleichschritt sagt mir nichts.

    Bei meinen konkreten Beispielen drückst du dich aber leider um diejenigen herum, die für ein mechanisches Verständnis der Finanzwirtschaft, bzw. der Beziehungen zwischen Geld- und Realwirtschaft, problematisch sind.
    Mit dem Aufgreifen meines Aldi-Beispiels wiederholst du nur, was ohnehin unstreitig ist: HIER liegt eine Saldenmechanik vor.
    Die Notenbank ist aber in gleicher Weise ein (potentieller) Falschmünzer, wie es z. B. in Deutschland um 1600 real die Kipper und Wipper waren (http://beltwild.blogspot.com/2009/01/die-credit-default-swaps-als.html).
    Sofern die Geld druckt und verteilt, entsteht sehr wohl Geldvermögen ohne Einnahmeüberschüsse. Ben Bernanke hat der US-Regierung Geldvermögen verschafft (das diese natürlich rasch wieder verbraucht), ohne dass irgendwelche Einnahmeüberschüsse von Wirtschaftssubjekten im Spiel sind.
    Da die US-Regierung das Geld an die Verbraucher weiterleitet, und diese es den Chinesen (und den doofen Deutschen) übergeben (gegen Güter), steigt natürlich das Geldvermögen mancher Chinesen und Deutschen.

    Pech nur für die Asiaten (und die Germanen), dass Geld ein Berechtigungsschein für anderer Leute Arbeit ist: ich liefere denen was, die geben mir eine Bestätigung, dass später für mich arbeiten (was liefern) werden.
    Das funktioniert freilich nur, wenn die was produzieren, was ich haben will – und wenn sie genug davon produzieren können. Wenn die sich dagegen einfach nur Scheine aus der Druckerei holen, steht keine ökonomische Substanz dahinter. (Deswegen sagte z. B. Norbert Walter jetzt im Wirtschaftsblatt-Interview: „Irgendwann zwischen jetzt und 2014 werden die Märkte die USA als neues, großes Griechenland erkennen.“ http://www.wirtschaftsblatt.at/home/international/wirtschaftspolitik/irgendwann-zwischen-jetzt-und-2014-werden-die-maerkte-die-usa-als-grosses-griechenland-erkennen-495858/index.do?_vl_backlink=/home/index.do&_vl_pos=1.DT)

    Die Ratio von Ben Bernanke usw. ist, dass diejenigen Anrechtsscheine, die früher schon ausgegeben wurden und eigentlich das vorhandene ökonomische Potential abdecken, von ihren Eigentümern nicht wieder in den Geldkreislauf eingegeben werden; also müsse man Nachschub drucken, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.
    Damit ist aber sozusagen der Anspruch auf 1 Arbeitseinheit 2x vergeben worden.

    Das wird dann zum (Inflations-)problem, wenn auch die Besitzer der alten Anrechtsscheine diese plötzlich präsentieren und reale Gegenwerte haben wollen. Die Notenbank glaubt, dass man dann die neuen Scheine wieder einsammeln könne. Ich habe da Zweifel, weil ja zwischen den Wirtschaftssubjekten durch die neuen Scheine Forderungen begründet wurden, für deren Abdeckung nach wie vor das Geld vorhanden sein muss.
    Wenn die Zentralbank die überschüssige Geldmenge nicht wieder einsammeln kann oder will, stehen ggf. der einen Arbeitseinheit zwei Nachfrageeinheiten gegenüber. Das nennt man dann Inflation.

    Selbstverständlich existieren aber im System „Wirtschaft“ jede Menge Elastizitäten, die z. B. auch die Falschgeldproduktion von Notenbanken für eine Weile ausgleichen können („you can fool all people some of the time“). Viele behaupten ja sogar, dass Elastizitäten mit negativer Wirkung (salopp: ‘Geld unterm Kopfkissen’) die Herstellung von Falschgeld erforderlich machen. Tatsächlich wird der Münzverfälschung der Kipper- und Wipperzeit für die ersten Phasen eine Wirtschaftsbelebung nachgesagt. Zumindest heute habe ich allerdings habe ich Bedenken, weil hinter den Ungleichgewichten wohl Verteilungsprobleme stecken, die man durch Gelddrucken nicht beseitigt.

    Jedenfalls sind eine ganze Menge Kurpfuscher in der Welt unterwegs (Beispiel: Bryan Avent, wenn er Zombie-Banken durch Ignorieren der Insolvenz am Leben halten will – http://www.economist.com/blogs/freeexchange/2011/10/euro-crisis-0), die nicht wahrhaben wollen, dass auch die elastischste Gummiwand – irgendwann (und manchmal an unerwarteter Stelle) zur harten Mauer wird. You simply cannot fool all of the people (Marktteilnehmer, Wirtschaftssubjekte) all of the time.

    Dennoch: die Elastizität der Wirtschaft macht Prognosen und Therapien enorm schwierig. Bei einem rein mechanischen System wäre das einfacher.

  29. buschbeck schreibt:

    @cancrande

    Ich fang mal „zur Motivation“ mit Deinem letzten Satz an
    „Dennoch: die Elastizität der Wirtschaft macht Prognosen und Therapien enorm schwierig. Bei einem rein mechanischen System wäre das einfacher.“

    und genau hier bietet die Saldenmechanik ein traumhaftes Werkzeug. Es wäre für mich als Unternehmer ein Traum zu einer „ex ante – Aussage wie z.B. „Meine Einnahmen werden um den Faktor 10 dessen wachsen, was ich für Werbung ausgebe“ zu kommen. Da bewegen wir uns im Bereich der „Wirtschaftsesotherik“ :-), trotzdem werden in Unternehmen auf das intensivste ex post Analysen und Ansätze von Zusammenhängen untersucht und genutzt.

    Wie genial sind dagegen die fixen saldenmechanischen Zusammenhänge wie z.B.
    „Die nationalen Staatsschulden werden genau um den Betrag wachsen, um den die nationalen privaten Geldvermögen bereinigt um die Exportsalden wachsen.“ Dazu dann noch seit Jahren vorhandene „ex post-Zahlen“ für Analysen. Daraus KÖNNTE man sehr wohl und in höchster Qualität Prognosen und Politikenempfehlungen herleiten. Ein Vorhersehen und Verhindern der Euro-Krise wäre mit diesem Werkzeug problemlos möglich gewesen. Auch können wir die Euro jetzt nur friedlich lösen, wenn wir endlich die saldenmechanischen Zusammenhänge beachten statt uns mit Geldmengentheorien mehrfach verwendbaren Geldes zu verwirren.

    „Was ist “Nettogeld”? Ich habe dessen Existenz nicht behauptet, weil ich mir darunter nichts vorstellen kann.“

    Mit der Nettogeldvorstellung meine ich das Bild, dass Geld was selbst kein Sachwert ist, jenseits der Verschuldung Dritter als Nettogeldvermögen existiert. Wenn Du also von „Gelddrucken“ sprichst impliziert dies so eine Vorstellung – es werden hingegen damit Staatsschulden als Schulden der Gemeinschaft geschaffen und wir bleiben damit in den saldenmechanischen Zusammenhängen.
    Selbst wenn man dies nicht als Staatsverschuldung buchen würde, was ich sowohl für die EZB als auch die FED bestreiten würde, ist es eine Staatsverschuldung. Aber was ist Staatsverschuldung? Es sind die noch nicht erhobenen Steuern des Staates bei den Bürgern. Und selbst wenn der Staat diese bei Übernachfrage nicht als andere Steuerform erhebt, dann wird es eben Inflationssteuer wie Du es beschreibst.

    Die Frage ist nur, ob wirklich Inflation droht – dazu hätte ich ein lesenswertes Fundstück zu einem Gespräch von Stützel Lehrer Lautenbach mit dem Gröfaz der ihm im Gegensatz zu Brüning aber wohl richtig gut zugehört hat:
    Lautenbach: «Herr Hitler, Sie sind jetzt der mächtigste Mann in Deutschland. Nur eines können Sie nicht: Sie können unter den gegenwärtigen Umständen keine Inflation machen, soviel Sie sich auch anstrengen mögen.»

    Zins Kredit und Produktion mit Vorwort von Röpke
    http://www.arno.daastol.com/books/Lautenbach%20%281952%29%20Zins%20Kredit%20und%20Produktion.

  30. cangrande schreibt:

    @ buschbeck
    Was sage ich jetzt zu deinem Kommentar, um die Debatte in einer möglichst substantiellen Spur zu halten?
    Ich versuche es mal mit der Unterscheidung von -2- Dimensionen:
    1) Dein Text und
    2) „Die Sache“

    Zu deinem Text:
    „Die nationalen Staatsschulden werden genau um den Betrag wachsen, um den die nationalen privaten Geldvermögen bereinigt um die Exportsalden wachsen.“
    Der Einfachheit halber lasse ich die Exportsalden mal beiseite; ich denke, dass ich mein Problem mit dieser Aussage dadurch klarer darstellen kann, ohne insoweit die Zusammenhänge zu verfälschen.
    Warum sollen sich – so verstehe ich deine Aussage – Staatsschulden und private Geldvermögen wie kommunizierende Röhren verhalten?
    Wenn die Aldis ihr neuen Gewinne anlegen wollen, haben sie z. B. die Alternative, eine Unternehmensanleihe zu zeichnen – oder eine Staatsanleihe. Zeichnen sie die Staatsanleihe nicht, wird der Staat sie zunächst einmal nicht los; dann steigt auch seine Verschuldung nicht.
    Braucht er aber dringend Geld, und hat einen Ben Bernanke als Notenbankchef, dann druckt der halt die Dollars und kauft dem Staat (ggf. über Umwege) die Neuemission ab.
    Eine Nettoverschuldung des Staates entsteht (von den Zinsen abgesehen), da gebe ich dir Recht, erst dann, wenn der Staat das Geld ausgibt. Da das aber sogar ein partiell dysfunktionaler Staat wie Griechenland mit allergrößter Zuverlässigkeit leistet, kann man diese Feinheit m. E. vernachlässigen.
    Der Staat schuldet also nunmehr der Notenbank Geld, und zurückzahlen müssten es in der Tat letztlich die Steuerzahler. (Und natürlich erscheint die Geldinjektion der Notenbank ex post bei den Steuerzahlern – oder bei den Chinesen – bilanziell als nomineller Vermögenszuwachs.)
    Nur ist das Geld zunächst einmal „da draußen“ (vom Standpunkt der Notenbank gesehen).
    Und wo vorher, sagen wir, eine Billion Zentralbank Geld war, kursieren jetzt zwei Billionen.
    Die Frage ist damit zunächst nicht, wer was wie verbucht, sondern was die Wirtschaftssubjekte mit diesen Anrechtsscheinen auf die Inanspruchnahme der Arbeitskraft anderer Leute machen. Wenn sie die, und zugleich die alten, voll einlösen, müsste die Wirtschaftskapazität überfordert sein und somit Inflation eintreten.

    Und damit kommen wir zu „Der Sache“.
    Was ist die Problemstellung in unserem Diskussionszusammenhang („unserem“ nicht nur auf die Diskussion buschbeck – cangrande bezogen, sondern auch auf den Blogeintrag von kantoos)?
    Das Problem ist „die Krise“, und die ist (ich vermute, insoweit sind wir uns einig) irgendwie in einer Störung der Zusammenhänge zwischen Geldwirtschaft und Realwirtschaft begründet. Das Geld geht nicht mehr in gleicher Weise wie früher von Hand zu Hand und entsprechend fehlt es in der Wirtschaft an Nachfrage, dadurch sinkt die Wirtschaftsleistung.
    Ich bezweifle stark, dass das ein rein monetäres Problem ist, aber lassen wir diese Frage im ersten Schritt beiseite.
    Für die Geldversorgung gibt es zwei fundamentale Parameter:
    - Die Menge an (Zentralbank)Geld, was „da draußen ist“. Die ist bekannt und somit buchhalterisch zu erfassen.
    - Ebenso wesentlich ist jedoch die Geldverwendung durch die WSe, also jene Dimension des Verhältnisses von Geld- und Realwirtschaft, welche die Wirtschaftswissenschaft mit dem Begriff der Umlaufgeschwindigkeit abstrahiert. Der Begriff ist insoweit irreführend, als sich dahinter ganz unterschiedliche Sachverhalte verbergen (können):
    - (Mehr oder weniger) „notwendige“ Käufe werden ein paar Wochen oder Monate aufgeschoben, ich parke für diese Zeit mein Geld, das ich sonst zügig unter die Leute gebracht habe, auf der Bank,
    - Ich spare ein Jahr lang für den Kauf (oder die Anzahlung) eines Autos, oder 10 Jahre für die Anzahlung auf ein Haus.
    - Ich bin bis zur Halskrause verschuldet und kaufe „gar nichts“ mehr: meine Nachfrage fällt wegen „Deleveraging“ weitestgehend aus; ich spare, indem ich meine Schulden tilge.
    - Dieser Sachverhalt (bzw. meine vorhergehende Verschuldung) ist verschränkt mit dem Sparen anderer, und hier scheint es so zu sein, dass immer mehr von dem umlaufenden Geld aus dem realwirtschaftlichen Umlauf ‘verschwindet’ (heruntergebrochen auf die WSe müsste man wohl mit Keynes sagen: aus der Transaktionskasse in die „Spekulationskasse“ ‘verschoben’ wird. Ob in meinem Sinne auch die „Vorsichtskasse“ dazugehört, mag offen bleiben; mir geht es jedenfalls um alles Geld, das seine Besitzer nicht mehr unmittelbar als Tauschmittel in den Wirtschaftskreislauf einfließen lassen. Soweit das Geld überhaupt in die Realwirtschaft gelangt (und nicht in einem modernen ‘Kopfkissenäqualivalent’ verschwindet), ist es für den (ersten) Empfänger kein ‘Eigengeld’ (das er im Tausch gegen Ware oder Dienstleistungen erhalten hat), sondern Kredit, den er zurückzahlen muss. Dadurch verschieben sich die Relationen und die Wirtschaftssubjekte sind zunehmend ver- und irgendwann überschuldet.
    Welche sozioökonomischen Realitäten stecken dahinter?
    1) Die „Reichen“ nehmen ständig mehr ein, als sie ausgeben können oder wollen.
    2) Das gleiche könnte für Erdölländer gelten (bzw. für diejenigen Schichten, die dort den Reichtum absahnen – Ziff. 1)
    3) Altersvorsorge (Riester-Rente, „Saving glut“ der chinesischen Wanderarbeiter). Dieses Geld ist zwar nicht (wie bei den Reichen) für „immer“ aus dem Tauschkreislauf herausgezogen, aber für Zeiträume, die aus aktueller Sicht so gut wie „für immer“ sind.

    Wenn einerseits die Wirtschaftssubjekte und die Staaten überschuldet sind, andererseits die volle bisherige Geldmenge noch immer „da draußen“ ist, stellt sich natürlich die Frage, wo das Zeug rumliegt, was nicht im Tauschkreislauf steckt. Anders gefragt: Existieren moderne Äquivalente zum sprichwörtlichen Geldversteck im Kopfkissen? Das muss m. E. so sein, sonst hätten wir keine Probleme mit der sinkenden „Umlaufgeschwindigkeit“.

    Will man diese wieder steigern (den Tauschkreislauf wieder beleben), müsste man entweder frisches Geld in Umlauf bringen: Geld drucken und per Hubschrauber abwerfen bzw., was Ben Bernanke (fälschlich) zum Äquivalent erklärt hat, Notenbank leiht Staat Geld, und der bringt es unter die Leute. Das Problem ist dabei, dass man damit die o. a. ‘Absaugmechanismen’ nicht beseitigt hat; die Gelddruckerei müsste also ad infinitum fortgesetzt werden. Spätestens dann, wenn (bzw. insoweit als) Gelder aus der ‘reinen’ Finanzwirtschaft in die Realwirtschaft zurückschwappen, muss deren Kaufkraft sinken (von einem gewissen Elastizitätsspielraum der Realwirtschaft abgesehen).
    Und was bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass die Geldmenge ja schon seit langem stärker steigt als der Wirtschaftszuwachs?

    Alternativ könnte man versuchen, das schon vorhandene Geld wieder „an die Arbeit“ zu bringen. Das kann im Szenario einer Überschuldung nur heißen, dass es (schon im 1. ‘Spielzug’) wieder als Tauschmittel unter die Leute gelangen muss, statt wie bisher nur als Kreditangebot. Man müsste also den Dagoberts die Geldhalterei vermiesen.

    Das kann man durch Inflation machen. Dabei kommen freilich nicht nur (und am Ende wohl am wenigsten) die großen Dagoberts unter die Räder, sondern die vielen kleinen Vorsorge-Dagoberts gleich mit (und wegen Informationsnachteilen + geringerer Anlageflexibilität wahrscheinlich sogar weitaus stärker). (Um das zu konterkarieren, müsste man die ach so diskreditierte Umlagefinanzierung der Altersrenten rehabilitieren und ausweiten.)

    Man könnte sich aber auch fragen, wieso denn überhaupt ein sozusagen rein finanzwirtschaftlicher Geldkreislauf für die Geldbesitzer attraktiv sein kann. Haben die Spaß am Wetten, und akzeptieren, dass sie am Ende an einem Nullsummenspiel teilnehmen, und Verluste in Höhe der Transaktionskosten haben? Oder gibt es Mechanismen, welche die reinen Finanztransaktionen (Derivate usw.) am Ende doch zu einem Gewinnspiel machen? Wenn ja, müsste man die Wege identifizieren können (und ggf. versperren), auf denen ggf. dieser Finanzkreislauf ‘Tribute’ von der Realwirtschaft erzwingt (jenseits der freiwillig von den Spielern erbrachten Einlagen). Weiterhin bietet sich zum vermiesen eine Erhöhung der Transaktionskosten durch Besteuerung (Finanztransaktionssteuer) an.

    Was ich in der aktuellen Debatte vermisse ist eine Theorie, die mit „vernetztem Denken“ alle (bekannten) Zusammenhänge ernst nimmt, erklärt und Lösungen versucht. In der Welt sind jede Menge Wanderprediger unterwegs, die nur einzelne Zusammenhänge aufgreifen, oder gar (bewusst oder unbewusst) nur bestimmten ökonomischen Partikularinteressen dienen.

    Zur Saldenmechanik zurückkehrend, stellt sich die Frage, ob man damit die o. a. Problemstellungen (vorausgesetzt, ich habe sie korrekt/ausreichend beschrieben) erfassen kann.
    Da es um dynamische Vorgänge geht, um Motive, um zukünftiges Verhalten, um Auswahlentscheidungen der WSe aus verschiedenen Alternativen, kann ich mir nicht vorstellen, wie eine (wenn ich es recht verstehe) bloße Bilanzierungsmethode diese Zusammenhänge darstellen soll, oder gar steuernd darin eingreifen könnte.

  31. buschbeck schreibt:

    lieber cangrade,

    „Was ich in der aktuellen Debatte vermisse ist eine Theorie, die mit „vernetztem Denken“ alle (bekannten) Zusammenhänge ernst nimmt, erklärt und Lösungen versucht. In der Welt sind jede Menge Wanderprediger unterwegs, die nur einzelne Zusammenhänge aufgreifen, oder gar (bewusst oder unbewusst) nur bestimmten ökonomischen Partikularinteressen dienen.“

    volle Zustimmung!

    Es geht mir mit den trivialen saldenmechanischen Zusammenhängen nicht darum, alle Zusammenhänge und Lösungsansätze zu trivialisieren. Aber das „Denken ins Komplexe“ muss erst mal auf eine saubere Basis des „Denkens mit Gegenbuchung“ für volkswirtschaftliche Zusammenhänge statt weiter mit der fehlerhaften Anwendung von Partialsätzen für globale Zusammenhänge Verwirrung zu stiften.

    Ich habe gestern in einem anderen Forum geschrieben, „die Systemkrise ist eine Diskussionskrise“
    >>>
    Es muss aber gar nicht um schnelle Schlüsse gehen, sondern um eine gesellschaftliche Diskussion, welche auf dem korrekten volkswirtschaftlichen Zusammenhang:

    Staatsschuldensaldo = privates Geldvermögenssaldo (Privatguthaben minus Privatschulden)

    statt der bisherigen kollektiven Fehl-Annahme aus dem betriebswirtschaftlichen Erleben des Wirtschafters:
    Staatsschuldenwachstum = geplante Staats-Ausgaben minus fixe Einnahmen

    aufbaut und dann kann man wie gesagt erst mal ganz verschiedene Schlüsse ziehen. Wenn @Elli regelmäßig stinksauer auf meine Vermutung reagiert, dass die Staatsschulden die Folge privater Pläne zum Geldvermögensaufbau sind, dann ist dies vom prinzipiellen Standpunkt auch berechtigt. Es kann natürlich so sein, dass die privaten Geldvermögen unfreiwillig entstehen, weil der Staat nicht sparen will. Man kann die Situation aus dieser Formel also sehr wohl verschieden deuten, aber Sie ermöglicht auch eindeutige Aussagen:

    Wenn wir ernsthaft Staatsschulden abbauen wollen und die Probleme nicht mehr nur per Exportsalden verschieben, dann müssen private Geldvermögen sinken.

    und

    Staatliche Sparpläne werden nur dann zum Erfolg, wenn Sie tatsächlich zu einem Abbau privater Geldvermögen führen. Dies kann durch einbrechende Privatverschuldung genau andersrum laufen – siehe PIIGS.

    Aber dazu gibt es sehr viele Optionen:

    Privatguthaben abbauen (Anregung der Sachwertflucht und/oder Umverteilung)
    Privatverschuldung erhöhen (da gäbe es wohl auch Möglichkeiten)

    Wenn da nichts für uns dabei ist:

    wachsende Staatsverschuldung (zeitweilig) tolerieren und eventuell schmerzlos/zinslos und Entscheidungen unabhängig von der Legislative machen.

    All dies bedarf der gesellschaftlichen Diskussion, ebenso wie die diversen Lösungsansätze daraus – aber genau diese Diskussion findet nicht statt. Die Deutschen erwarten kollektiv, wenn die anderen auch endlich sparen wird alles gut, eine Hoffnung die sehr bald enttäuscht werden dürfte.

    lG, Jörg

  32. Lieber Jörg,

    zwar kann ich deine Aussagen nicht sämtlich Schritt für Schritt nachvollziehen, aber immerhin gewinne ich mittlerweile den Eindruck, dass wir eigentlich gar nicht (weit) auseinander liegen. Einer der Unterschiede ist allerdings, dass du weitgehend mit Abstraktionen operierst, während ich mir die Sachverhalte immer Schritt für Schritt modellhaft vorzustellen versuche. Das muss ich einerseits schon deshalb tun, weil ich nun einmal kein Ökonom bin. Und das würde ich andererseits auch dann tun, wenn ich Ökonom wäre: um nicht in Abstraktionsfallen zu tappen, und weil ich das bisherige ökonomische Denken zwar nicht für Schrott halte (das wäre dumm), es aber gleichwohl selbst als Ökonom nicht ungeprüft als Fundament meines eigenen Denkens übernehmen würde.

    Deine Aussage
    „Wenn wir ernsthaft Staatsschulden abbauen wollen und die Probleme nicht mehr nur per Exportsalden verschieben, dann müssen private Geldvermögen sinken“
    erscheint mir als ein (wohl auf anderem Denkwege erreichtes) Äquivalent zu der nicht erst von mir festgestellten Verteilungsproblematik zu sein. Oder präziser: zur Verwendungsproblematik unter dem herrschenden Regime der (mehr oder weniger) automatischen Geldkonzentration bei den Besitzenden in unserem Zeitalter der Investitions- und Konsumsättigung.
    (Vgl. dazu bei mir: „Die Ökonomie der Artos-Phagen: Warum eine eigentumsbasierte Geldwirtschaft (im Basismodell) nicht dauerhaft funktionieren kann“ – http://beltwild.blogspot.com/2010/01/die-okonomie-der-artos-phagen-warum.html – wo auch ich zu dem Schluss komme, dass man „Privatguthaben abbauen“ müsste, um die Wirtschaft wieder ins Lot zu bringen.)

    Mit deinen (kritisierten oder befürworteten) Formulierungen
    „Staatsschuldenwachstum = geplante Staats-Ausgaben minus fixe Einnahmen“
    und
    „dass die Staatsschulden die Folge privater Pläne zum Geldvermögensaufbau sind“
    kann ich allerdings in dieser Form nichts anfangen, weil ich hier zeitliche Ebenen vermischt sehe.
    Staatsschulden bzw. ~wachstum sind für mich ex-post-Begriffe (sozusagen bilanzielle Werte).
    Geplante Staatsausgaben bzw. Pläne zum Geldvermögensaufbau sind ex-ante-Erwartungen.
    Diese Vermischung scheint eine (moderne? angelsächsische?) Masche der Wirtschaftswissenschaft zu sein (zu einem entsprechenden Sachverhalt in der Zinsdiskussion – Realzins – vgl. mein Posting „Finanzkrise (Finanzmarktkrise): Ist BEN BERNANKE BESCHEUERT oder ist Burkhardt Brinkmann blöd?“ – http://beltwild.blogspot.com/2008/10/finanzkrise-finanzmarktkrise-ist-ben.html).
    Ich verkenne natürlich nicht, dass es letztlich immer nur die Erwartungen sind, die das Handeln bestimmen. Aber das rechtfertigt m. E. keine terminologische Ebenenverquickung von Erwartungen und Fakten, die ich ziemlich irritierend finde und deren Sinn sich mir einfach nicht erschließt. (Geht es um Erkenntnis oder – wie ich vermute – um den unterschwelligen Transport ideologischer Vor-Urteile?).

    Was du mit „… wachsende Staatsverschuldung (zeitweilig) tolerieren und eventuell schmerzlos/zinslos und Entscheidungen unabhängig von der Legislative machen“ meinst, verstehe ich schon grammatikalisch nicht.

    Aber wir sind anscheinend (von unterschiedlichen Ausgangspunkten her) insoweit einer Meinung, dass Ungleichgewichte bei der Verteilung ein Problem sind. Und zwar für mich nicht per se, sondern weil die Reichen ihr Geld nicht mehr verkonsumieren (wollen oder können), und es mangels Absorptionsfähigkeit der Realwirtschaft auch nicht mehr investieren können.
    Die Diagnose verkompliziert sich allerdings dadurch, dass „die Reichen“ (d. h. hier: die Kapital-Zurückhalter) anscheinend auch aus einem Haufen von Armen bestehen können (Riester-Rentensparer, sparende chinesische Wanderarbeiter).

    Dass diese Sachverhalte gesellschaftlich breit diskutiert werden sollten, steht natürlich außer Frage.

    Beste Grüße
    Burkhardt

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  1. [...] passend dazu: Draghi und die deutsche Presse Eine kurze Reaktion auf die EZB-Entscheidung. Natürlich bin ich froh, dass Draghi sich als pragmatischer herausstellt als ich gedacht hätte und sich nicht scheut zu zeigen, was Trichet für einen Unsinn dieses Jahr mit zwei Zinserhöhungen fabriziert hat. Was mich aber wieder irritiert (um mal freundlich zu bleiben), ist die Reaktion der deutschen Presse. [...] Inflationsrisiken? Wo sollen die denn herkommen? Halb Europa muss sparen, seine Löhne senken, China steht vor einer Abkühlung, der Industrieindex sinkt, die Fed in den USA prognostiziert ihr eigenes Versagen, … Anders herum wird ein Schuh draus: wenn die EZB nicht langsam anfängt, die Verwerfungen in der Eurozone aggressiv abzufedern, wird sie sich durch Staatsrettungen, die dann unumgänglich werden, echte Inflationsrisiken aufhalsen. Quelle: Kantoos Economics [...]

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