Nobelpreis – eine scheinbar schwierige Wahl für die deutsche Presse

Thomas Sargent und Christopher Sims sind würdige Träger dieses Preises

Thomas Fricke und Co. – wie sollte es anders sein – geißeln die diesjährige Wahl zum Wirtschaftsnobelpreis für Thomas Sargent und Christopher Sims, Olaf Storbeck schlägt in die gleiche Kerbe. Und ich kann es irgendwie auch verstehen: Sargent und Sims Arbeiten sind schwierig, und manche hören nur “Rationale Erwartungen”, “Gleichgewicht” und schließen: “deren Erfindungen sind Schuld an der Krise!” Das ist natürlich Unsinn.

Sargent und Sims werden zunächst mal für Ihre Beiträge zum Fortschritt des Fachs Makroökonomik geehrt und ich finde es gut, dass das Komitee nicht irgendwelchen unausgegorenen Krisenanalysen folgt, sondern sich dem wissenschaftlichen Fortschritt des Fachs verpflichtet fühlt. Doch darüber hinaus gehen die Arbeiten gerade vor dem Hintergrund der Krise in eine wichtige Richtung.

Denn lesen wir doch einmal die Begründung des Komitees, liebe Journalisten, also die wissenschaftliche Erklärung der Arbeiten, für die sie ausgezeichnet werden. Kennt Ihr die Überschrift?

Empirical Macroeconomics

Und was ist die Überschrift des kritischen Handelsblattartikels?

Ritterschlag für die Theoretiker des freien Marktes

Interessant. Die FTD ist keinen Deut besser; lieber nutzt sie den Nobelpreis für ihren Kreuzzug gegen die moderne VWL und den “Mainstream” und zitiert einen (scheinbar schlecht informierten, oder ebenfalls ideologischen) Ökonomen mit den Worten:

“Dass in einer solchen Krisenzeit der Nobelpreis an Theoretiker des Gleichgewichts verliehen wird, kann ich nicht verstehen”

Das bedeutet, dass die anti-VWL Haltung in Teilen der Presse schon dazu führt, dass die Journalisten noch nicht mal die Überschrift, geschweige denn die ersten 10 Zeilen der Begründung lesen!

Sonst wären sie nämlich auf Folgendes gestoßen:

One of the main tasks for macroeconomists is to explain how macroeconomic aggregates – such as GDP, investment, unemployment, and inflation – behave over time. … A primary aspect in this analysis is the role of the central bank and its ability to influence the economy. How effective can monetary policy be in stabilizing unwanted fluctuations in macroeconomic aggregates? How effective has it been historically? Similar questions can be raised about …fiscal policy. Thomas J. Sargent and Christopher A. Sims have developed empirical methods that can answer these kinds of questions. This year’s prize recognizes these methods and their successful application to the interplay between monetary and …fiscal policy and economic activity.

Und es stehen noch andere interessante Dinge darin:

In any empirical economic analysis based on observational data, it is difficult to disentangle cause and effect. This becomes especially cumbersome in macroeconomic policy analysis due to an important stumbling block: the key role of expectations. … Prior to the 1970s, expectations played, at best, a rudimentary role in the analysis of macroeconomic outcomes.

Das spektakuläre Scheitern des (vielleicht falsch verstandenen) Keynesianismus in den 70er Jahren zeigte, wie wichtig Erwartungen sind. Sargent baute darauf auf und versuchte, mit Erwartungen ausgestattete Modelle zu schätzen und zu verstehen, wie Erwartungen entstehen und wie sie die Wirkung von Fiskal- und Geldpolitik beeinflussen. Ein Beispiel ist Sargents Arbeit zu eben genau den 70er Jahren mit ihrer hohen Inflation. Er zeigt darin, warum eine Zentralbank, die eine falsche Konzeption von den Erwartungen der Menschen hat, höhere Inflation erzeugt, diese aber reduziert, wenn sie lernt, wie sich die Erwartungen der Menschen bilden.

Auch Sargents Proposition zur Wirkungslosigkeit von staatlichen Interventionen in die Makroökonomie sollte man als wissenschaftliche Herausforderung begreifen, die Schwächen anderer Modelle offen legt und ein Hindernis setzt, dass neue Modelle erst einmal umschiffen müssen. So funktioniert Wissenschaft eben. Keiner würde diese Proposition für bare Münze nehmen.

Aber sind die beiden nicht die Gralshüter der rationalen Erwartungen? Nope.

Sargent and Sims are actively pursuing new research aimed at further understanding expectations formation and its role in the economy. Sargent’s focus here is on exploring a class of mechanisms for expectations formation based on robust control, which captures the idea that the decisionmaker has an imperfect understanding of how the economy works. Similarly, Sims’s most recent work explores a parallel, new theory for expectations formation based on rational inattention, which captures agents’ limited capacity to process information.

Und nochmal:

Sargent’s name … became connected with rational expectations and new-classical invariance results. Sargent himself, however, has long moved past rational expectations models towards models that incorporate learning. What will people do when they don’t know the true model of the economy? How will they update their model of the economy based on observations? In these learning models the goal is to look for a self-confirming equilibrium. The interesting thing about a self-confirming equilibrium is that people’s expectations and learning can converge on a false model of the economy! Sargent has thus evolved in a very different direction than one might have imagined in 1976.

In der internationalen Presse scheint man das auch zu wissen:

However, Mr Sargent’s association with the rational expectations revolution and its extension to the efficient markets hypothesis, much demonised during the crisis, should not be misunderstood. Much of his work has focused on agents learning within models and less-than-fully-rational expectations. Much of the criticism of rational expectations is integrated into this work.

Wie würde Brad DeLong sagen (der übrigens, aus dem linken ökonomischen Spektrum kommend, die Wahl mehr als nur gutheißt, genau wie Krugman)? Why oh why can’t we have a better press corps…


PS: Es gibt durchaus interessante Kritik an Sargent und Sims, gerade an VARs und der Identifikation in letzteren. Der mikroökonometrisch geprägte Teil meines Gehirns ist sehr skeptisch, ob es gelingt, makroökonomische Schocks wirklich korrekt zu identifizieren. Aber Sims VARs waren ein großer Fortschritt, stellten sie doch eben jene Identifikation zumindest ins Zentrum des Interesses (aus der Nobelbegründung):

A number of alternative VAR identi…cation strategies have subsequently been proposed by Sims as well as by other researchers. Thus, by placing identi…fication at the center of attention in macroeconomics, Sims’s work made it a focal point of scienti…c discussion.

Ich glaube, bis das Problem der Identifikation gelöst ist, verlasse ich mich lieber auf historische Fallstudien über die Effekte von wirklich exogenen makroökonomischen Schocks. Aber irgendwann hätte auch ich gerne eine solidere empirische Basis, und dafür sind die Arbeiten von Sargent und Sims ein Meilenstein.

PPS: Einige halten das Papier “Some Unpleasant Monetarist Arithmetic“ für das wichtigste von Sargent. Gerade in der aktuellen Debatte um die Inflationsgefahr in den USA ein wichtiges Papier, an dem auch ich zu knabbern habe. Kurz gesagt geht es darum, dass die Zentralbank nur dann glaubwürdig die Inflation kontrollieren kann, wenn sie mit verantwortungsvoller Fiskalpolitik kombiniert wird. Sonst nicht.

PPPS: Olaf bezeichnet es als Blamage für die Ökonomen, dass Yunus mit seinen Mikrokrediten den Friedens- und nicht den Ökonomienobelpreis bekommen hat. Begründung: Yunus ist der Erfinder eines “sehr effektiven Werkzeugs im Kampf gegen Armut”. Meine Antwort: 1. oh really?, und 2. der Nobelpreis ist für eine Wissenschaft, und Yunus Beitrag dazu ist mager. Zumindest gab es die Theorien, die die Basis für Mikrokredite bilden, schon vorher (asymmetrische Info etc.) und wurden bereits mit einem Nobelpreis gewürdigt.

Kommentare

  1. hkaspar schreibt:

    Bin da ganz bei Kantoos. Die Kritik an Sargent und Sims ist so oberflaechlich dass sei wertlos ist.

  2. mm schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel und die Korrektur der Sichtweise der “Experten” vom Handelsblatt und FTD.

  3. Benjamin schreibt:

    Danke fürs aufdröseln, was offenbar Handelsblatt und FTD nicht hinbekommen haben.

  4. amv schreibt:

    Danke für diesen Beitrag. Lag mir auch auf der Seele. Warum sind Rezeptionen in Deutschland immer so ideologisch? : auf der einen Seite die Ordos mit dem ewigen Mantra der ‘sozialen Marktwirtschaft’ (was auch immer dieses Ding sein mag), die in der aktuellen Situation eine Hyperinflation antizipieren und das Ende der EZB-Unabhängigkeit erkennen; auf der anderen Seite Fricke & Co, die in ihrem ‘Kampf’ gegen die ‘Deutsche Orthodoxie’ mindestens genauso dogmatisch sind, wie jene, gegen die sie sich richten. Es lebe das Land der Randlösungen!

  5. Jonas Dovern schreibt:

    Noch radikaler ist Axel Reimann von der FTD: http://www.ftd.de/wissen/leben/:fragwuerdige-auszeichnung-weg-mit-dem-wirtschaftnobelpreis/60114112.html

    Ich kann die Kritik auch nicht verstehen. Sargent hat die moderne Makro praktisch “miterfunden” und VAR-Modell sind derzeit DAS Instrument der empirischen Makro. Benchmark für jegliches Prognosemodell und auch zur Evaluierung von stärker theoriebasierten Modellen (z.B. DSGE-Modelle).

  6. amv schreibt:

    Ist so, als würde man die Abschaffung des Preises für Medizin fordern, weil noch immer Menschen an Krebs sterben. Skandal!

  7. Philipp schreibt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. In Deutschland scheint es wirklich keinen einzigen Journalisten zu geben der mehr als oberflächliche Kenntnisse von moderner ökonomischer Forschung hat. Klar, die Kenntnisse reichen um 328 Artikel zu schreiben nach dem Muster “In einer faszinierender Studie…zeigen X und Y, dass…sich Menschen nicht rational verhandeln”. Aber das war es dann auch schon.

    Das ganze wäre nicht so schlimm, wenn sich die Journalisten darauf beschränken würden, über aktuelle Papers zu berichten. Das befürworte ich und das Handelsblatt ist in der Hinsicht auf jeden Fall ein Vorreiter.
    Scheinbar steigt so manchen Journalisten jedoch ihre Journalismus-Karriere zu Kopf und sie meinen , plötzlich qualifiziert zu sein, polemische Artikel über “Mainstream”-Ökonomen zu schreiben und das auf eine nicht auszuhaltende arrogante und selbstbewusste Art und Weise. Entweder man steckt wirklich voll in der Materie bzw. war es mal (und das beinhaltet, selbst wissenschaftlich zu arbeiten. Eine Diplomarbeit reicht da nicht wirklich aus) und hält sich auf dem neuesten Stand oder man bleibt ein bisschen bescheidener und beschränkt sich darauf wiederzugeben, was Leute die wirklich Ahnung haben zu dem Thema schreiben. Das heißt nicht, dass man unkritisch über die Mainstream-Forschung berichten muss. Man sollte nur versuchen, möglichst unbiased die verschiedenen Strömungen und Meinungen der akademischen Welt wiederzugeben.

    Das absolut lächerlichste an Olafs Artikel ist, dass er meint, Milton Friedman und Gary Becker hätten den Nobelpreis nicht bekommen sollen. Im Ernst? Was für ein kompletter Unsinn, sorry. Jeder, der auch nur ein bisschen etwas von der Entwicklung der ökonomischen Forschung der letzten Jahrzente mitbekommen hat, weiß dass diese beiden Forscher jeweils mindestens einen Nobelpreis verdient haben.

  8. kantoos schreibt:

    @ all

    Ja, ich finde es auch frustierend. Gerade das, was Philipp schreibt, stört mich auch: der Fokus auf Studien und Ergebnisse (gerne behavioral), die zeigen, dass Annahmen (!) der VWL ja so falsch sind, oder dass DIE VWL bisher alles falsch gemacht hat. Oder Interviews mit Leuten, die es alles haben kommen sehen. usw.

    Trotzdem bin ich dem HB dankbar, dass sie überhaupt moderne VWL präsentieren, und nicht, wie “Chefökonom” Thomas Fricke von der FTD, regelmäßig unterschiedlos dagegen polemisieren. Olaf überschätzt manchmal vielleicht seine Fähigkeit, die moderne Forschung bewerten zu können, er hält ja auch einen Master oder einen PhD in VWL für überflüssig. Olaf hätte zudem mit der Kritik an Friedman und Becker etc. vorsichtiger sein sollen, es liest sich tatsächlich so, wie Philipp es verstanden hat, auch wenn ich hoffe, dass Olaf es nicht so meinte.

    For the record, ich kann es auch nicht immer bewerten, schaue und lese dann aber sehr bewusst, was andere darüber schreiben, und versuche, dies wirklich zu verstehen (wobei mir meine Erfahrung mit Wissenschaft sehr hilft). Ich habe nicht schon vorher die Meinung, dass die moderne VWL schlecht, oder alles bestens ist (dann tendiert man nämlich dazu, das zu hören, was man hören und verstehen will). Das Gefühl habe ich manchmal bei Teilen der deutschen Presse, leider auch bei Gerald Braunberger, der erst die Krise als Bankrotterklärung der modernen Woodford-Makro bezeichnet (obwohl sie gar nicht ausprobiert wurde: level targeting? Targeting the forecast?), weil sie der geldpolitischen Linie der FAZ widerspricht (die selbst gerade ihre eigene Bankrotterklärung in Europa erlebt?!), und wenig später eine Weiterentwicklung eines Woodfordmodells zum Sparen in der Krise positiv bespricht, weil es der FAZ-Linie entspricht.

    Was Axel Reimann angeht, so stimmt es vielleicht, dass der Nobelpreis zu sehr die Aura der Unfehlbarkeit schafft. Doch bei wem? Doch hauptsächlich bei der Presse, die gerne Nobelpreisträger interviewt! Im Fach selbst werden Arbeiten von Nobelpreisträgern kaum anders gewertet als die von anderen großen Professoren. Oder habt Ihr einen anderen Eindruck?

  9. rat racing bets schreibt:

    Noahpinion hat einen interessanten Artikel zum Thema: http://noahpinionblog.blogspot.com/2011/10/sargent-and-sims-receive-bank-of.html

    Eine nette Anekdote, auf die darin hingewiesen wird: “Sargent is famous for “taking models seriously,” i.e. testing econ models like you would test a model in physics or biology. As a result, although Sargent is typically identified with the “freshwater” or “rational expectations” school of thought, his hardheaded empiricism was actually somewhat of a thorn in the side of the original RBC guys (Lucas and Prescott), who went so far as to ask him to stop testing their models!” (Verweis auf: http://tinyurl.com/68btzc3)

    Aber, Kantoos, zu sagen, dass nur “die Presse” selbst das Problem mit den Nobelpreisen und der “Aura der Unfehlbarkeit” schafft, ist zu kurz gegriffen. Wenn man von der Öffentlichkeit erwartet, die VWL als Wissenschaft ernst zu nehmen, ohne dass jeder Nicht-Ökonom alle ökonomischen Arbeiten selbst beurteilen könnte, dann heißt das, dass sich Außenstehende an Signalen orientieren sollen. Diese Signale können aber selbstverständlich missbraucht werden. Es ist für diese Wirkung irrelevant, ob in der Profession selbst die Arbeiten von “Nobel”-Preisträgern ebenso behandelt werden wie die von Nicht-Preisträgern – die VWL als Sozialwissenschaft mit politisch-normativer Dimension muss ihre Wirkung nach außen bedenken. Und genau das hat vermutlich die Riksbank getan, als sie nicht irgendeinen Preis gestiftet hat, sondern ihn einfach an die Nobelpreise mit ihrem hohen Renommee und ihrer humanitären und/oder naturwissenschaftlichen Aura angehängt hat. Wer kennt in Deutschland die Clark-Medaillenträger? Die öffentliche Ausstrahlung ist offensichtlich gewollt. Die hier auf Wikipedia zitierte Hayek-Befürchtung, dass “Nobel”-Preisträgern eine zu hohe Autorität verliehen würde, ist vermutlich berechtigt: http://de.wikipedia.org/wiki/Preis_f%C3%BCr_Wirtschaftswissenschaften_der_schwedischen_Reichsbank_im_Gedenken_an_Alfred_Nobel#Kontroversen_und_Kritik

    • Gerald Braunberger schreibt:

      “Nobelpreis – eine scheinbar schwierige Wahl für die deutsche Presse”

      Really?

      http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/oekonomie-nobelpreis-einflussreich-und-gefuerchtet-11488642.html

      Gruß
      gb.

    • kantoos schreibt:

      Gerald,

      welcome back. Und an Dich habe ich gedacht, als ich “in Teilen (!!!) der deutschen Presse schrieb”… Zudem habt auch Ihr Sargent zu sehr als Vertreter der rationalen Erwartungen dargestellt, aber ansonsten war der FAZ Beitrag gut.

    • Gerald Braunberger schreibt:

      “Zudem habt auch Ihr Sargent zu sehr als Vertreter der rationalen Erwartungen dargestellt…”

      Das mag aus heutiger Sicht so sein, aber Sargent ist in den achtziger Jahren bekannt geworden als einer der führenden Ratex-Theoretiker zusammen mit Robert Lucas und Neil Wallace. Im Jahre 1983 hat der niederländische Ökonom Arjo Klamer ein Buch “Conversations with Economists” veröffentlicht mit vielen Interviews bedeutender Makroökonomen unterschiedlicher Schulen.

      Aus dem historischen Kontext ist Sargents damalige Antwort auf die Frage “How do you deal wth learning? Do you think that it will be an important issue?” interessant:

      “It’s an important issue, but I don’t think anyone’s going to get very far. There are some really hard technical problems. My prrediction is that in terms of models explaning time series. the models of learning aren’t going to be a big help because of the technical problems in the structure of learning. You can get rich theories of learning. But in the context of individual agents facing dynamic types of problems, you have the choice of either making the technologies dynamic or making them static in order to focus on the learning. Right now you can’t do both. It is a hard choice imposed by technical considerations.”

      Sargent war in seiner Jugend unter dem Einfluss von Modigliani und Tobin selbst Keynesianer (in der damaligen Version) gewesen. Nach seinen Äußerungen war es das Konzept rationaler Erwartungen, das ihn davon abkehren ließ. Dass in den modernen sogenannten keynesianischen Modellen (was an ihnen ist eigentlich keynesianisch? Sticky prices waren für Keynes nie entscheidend) rationale Erwartungen dominieren, war erst eine spätere Entwicklung.

      Gruß
      gb.

  10. egghat schreibt:

    Wieder mal ein sehr schönes Posting.

  11. jmg schreibt:

    Sowohl Sims als auch Sargent haben Arbeiten verfasst, die einen aktuellen Bezug zur Eurokrise aufweisen. Das wird von den deutschen Journalisten bedauerlicherweise gar nicht thematisiert

    Sims im Jahre 1999:
    Sims, Christopher, “The precarious fiscal foundations of the EMU” (1999)

    Zitat 1:
    “I think it is unlikely that EMU can long survive with the degree of vagueness and weakness in the associated fiscal structure that currently characterize it. This does not mean, though, that the EMU cannot long survive. One possible response to pressures as they arise is that fiscal
    institutions can emerge and adapt as necessary in order that EMU survive.”

    Zitat 2:
    “Fiscal Free-Riding and Country Bankruptcy.
    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
    Some writing about EMU assumes that it will permanently eliminate nominal interest differentials across countries on government debt.

    But a policy of eliminating cross-country rate differentials amounts to a policy of accommodating debt issue by fiscally expansive countries. With such a policy in place, the benefits to a country of running a fiscal deficit unbacked by future taxes are greater than for a country not in a monetary union. The isolated country faces the full inflationary consequences of its unbacked fiscal expansion. The EMU member spreads
    the inflationary consequences over its EMU partners and, if not forced to undo the effects of its initial expansion by later fiscal contraction, attains a permanent increase in wealth at the expense of other EMU members.
    So if it is to succeed in maintaining uniform interest rates without generating fiscal imbalances, the EMU will have to find ways to enforce fiscal discipline on its member states, even when those states are under economic stress.”

    Die aktuellen Bezüge sind unübersehbar.
    Alles was er zur Fiscal Theory of the Price level geschrieben hat, ist für eine Währungsunion relevant.

    Ebenso die Arbeiten von Sargent zur “Unpleasant monetarist arithmetic”.
    Preisstabilität/Inflation ist in dieser Literatur das Resultat eines chicken games zwischen Geld- und Fiskalpolitik. Wiederum ist der aktuelle Bezug nicht zu übersehen. Die Koordinierung der beiden Politikbereiche im Rahmen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes zur Sicherung der staatlichen Budgetbeschränkung hat (zumindestens im Falle Griechenlands) versagt. Die zurückgetretenen deutschen Zentralbanker wollten in diesem Spiel wohl nicht als Hühnchen enden.

    Darüberhinaus ist Sargent ein “typisch deutscher Ökonom”-:), da er sich intensiv mit der deutschen Hyperinflation von 1923 und deren Bewältigung beschäftigt hat. Er ist weit davon entfernt ein reiner Theoretiker zu sein, sondern ganz offentsichtlich ein begeisterter Leser amerikanischer und euopäischer wirtschaftshistorischer Literatur. Seine Modelle haben oft nur das Ziel bestimmte historische Episoden empirisch zu erklären und Lehren für die Gegenwart daraus zu ziehen. Das macht ihn m.E. unter den führenden Makroökonomen unserer Zeit zu einem Unikat.

    • hkaspar schreibt:

      @ jmg

      Seine Modelle haben oft nur das Ziel bestimmte historische Episoden empirisch zu erklären und Lehren für die Gegenwart daraus zu ziehen. Das macht ihn m.E. unter den führenden Makroökonomen unserer Zeit zu einem Unikat.

      Lucas und Prescott haben sich angeblich mal bei Sargent beschwert er solle aufhoeren ihre Modelle zu testen – sie wuerden zu oft zurueckgewiesen…

      Je mehr ich davon lese desto mehr aergere ich mich ueber die Flachmaenner-Charakterisierungen von Sims und Sargent in weiten Teilen der deutschen Presse – geschrieben von Leuten die offensichtlich nichtmal angefangen haben zu kapieren worum es in den Nobel-Arbeiten ueberhaupt geht. Meinen die Autoren wirklich sie wuerden damit irgendeinen value-added beitragen?

  12. Justus Haucap schreibt:

    Das ist wirklich ein gelungener Beitrag, hatte mich heute auch etwas über die Beiträge im Handelsblatt gewundert. Glückwunsch!

  13. morph schreibt:

    Soweit ich weiß versuchen die Wirtschaftswissenschaften auf den Begriff zu bringen / zu modellieren, nach welchen Gesetzesmäßigkeiten der gesellschaftliche Umgang mit Knappheit funktioniert. Wer die Begriffe des Modells, der Gesetzesmäßigkeit, der Gesellschaft und der Knappheit in Grundzügen verstanden hat, der versteht, dass das ein aussichtsloses Unternehmen ist. Der Gegenstand des Erkenntnisinteresses evoluiert schneller als das System seiner Erkenntnis. Es kann daher in diesem Feld keinen Erkenntnisfortschritt geben, sondern lediglich eine interessante Erweiterung des Modellrepertoires. Insofern ist der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft dem für Literatur ebenbürtig. Und so fragwürdig die Entscheidungen im Fall des Literaturnobelpreises sind, so fragwürdig sind sie im Fall der Wirtschaftswissenschaften. Denn jede interessante Erweiterung eines Modellrepertoires (des literarischen Gestaltens / des wirtschaftswissenschaftlichen Modellierens) ist im Grunde gleichermaßen preiswürdig. Und daher ist jede Auszeichnung einer bestimmten Modellrepertoire-Erweiterung von vornherein abwegig. Ich meine, man sollte weder im Fall des Literaturnobelpreises noch im Fall des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaft die individuellen Entscheidungen des Komitees kritisieren oder verteidigen, sondern festhalten, dass die Institutionen als solche sinnlos sind.

    • Dietmar Tischer schreibt:

      @ morph

      >Der Gegenstand des Erkenntnisinteresses evoluiert schneller als das System seiner Erkenntnis. Es kann daher in diesem Feld keinen Erkenntnisfortschritt geben, sondern lediglich eine interessante Erweiterung des Modellrepertoires.>

      Sehr gewagt und mehr als fragwürdig.

      An was machen Sie fest, dass sich der Gegenstand des Erkenntnisinteresses schneller als das System seiner Erkenntnis verändert?

      Kann es nicht sein, dass wir nur den EINDRUCK haben, dass es so sei, weil wir MEHR und VIELFÄLTIGERE Erkenntnisse suchen und finden, wenn vielleicht auch unvollständige, der Gegenstand der Forschung sich dabei aber nicht oder nur geringfügig ändert?

      Und selbst wenn es so wäre mit Blick auf die Ergebnisse des Erkenntnisbemühens:

      Kann es nicht sein, das wir METHODISCH so erhebliche Fortschritte machen, d. h. auf diesem Gebiet Erkenntnisse gewinnen – mit welchen Aussage-Ergebnissen zur Realität auch immer –, dass Ihre generalisierende Behauptung nicht stimmt?

      Ich weiß nicht, wie die Kriterien für Ihre Behauptung aussehen müssen, damit diese bewertet werden kann. Ich weiß aber, dass Sie solche angeben müssen, wenn Ihre Behauptung nicht als nur mal so hingeschrieben gelten soll.

  14. egghat (@egghat) schreibt:

    Ach so … Mich hat bei Olaf Storbeck auch etwas gewundert, dass der dem Kommittee vorwirft, sie würden einseitig die Preise vergeben. Und dann kommt eine lange Liste von Preisträgern von dieser Seite. Nur sind die meisten Preisträger von dieser schon vor langer Zeit gekürt wurden. In diesem Jahrhundert war es ein einziger …

  15. kantoos schreibt:

    @ Justus & Egghat

    Danke.

    @ jmg

    Danke für die Zitate und Deinen Kommentar.

    @ Gerald

    Danke für das Zitat. Nun, in 1983 (was 30 (!) Jahre her ist) mag er es als unüberwindbar eingeschätzt haben – und hat sich doch nachher viel mit learning beschäftigt. Und das Nobelkomitee ehrt ihn nicht als Ratex Theoretiker, sondern als “Empirical Macroeconomist”, der Erwartungen versucht hat in empirische Modelle einzubauen. Ein sehr schwieriges und sehr wichtiges Problem.

    Also: wenn man eine Würdigung Sargents versucht, sollte man nicht den Ratex Aspekt von 1983 (gerade in diesen ökonomisch-ideologisch aufgeladenen Zeiten (siehe FTD und HB) in den Mittelpunkt stellen, und ihn dafür würdigen, für was er ausgezeichnet wurde.

    Zu Keynes: wollen wir das Fass wirklich aufmachen? Also was Keynes wichtig war, und was seine Nachfolger als wichtig erachtet haben, da mag es in der Tat Divergenzen geben. Aber die Weiterentwicklung von Theorien entfernt sich eben (zum Glück!) von den Ideen ihrer Gründer, immer (außer in Religionen, in denen Jünger auch 2000 Jahre später noch Exegese betreiben).

    Man hat, nachdem man die Makro besser modelliert hat, festgestellt, dass man zu Keynes’ Ergebinssen nur kommt, wenn man sticky wages&prices annimmt. Und dann festgestellt, dass selbst die nicht ausreichen, wenn Erwartungen vernünftig modelliert werden und die Zentralbank nicht beschränkt ist. Man hat das alles als eine Weiterentwicklung von Keynes verstanden – ob zu Recht ist eine andere Frage. Denn außer der Liquidity Trap gab es ja angeblich nichts neues bei Keynes, und die wegen der bewussten Falschdarstellung durch Keynes-Jünger viel gescholtenen Klassiker vor Keynes wussten vielleicht mehr als die keynesianischen Ökonomen in den Jahrzehnten nach ihm. Auch die Liquiditätsfalle, die weder empirisch belegt, noch theoretisch sonderlich überzeugend ist, hat vielleicht mehr Schaden angerichtet als Erkenntnisgewinn gebracht. Also wegen mir können wir den Namen Keynes aus “New Keynesian” streichen, aber aus anderen Gründen als Du vermutlich im Sinn hattest…

    @ morph

    “Wer die Begriffe des Modells, der Gesetzesmäßigkeit, der Gesellschaft und der Knappheit in Grundzügen verstanden hat, der versteht, dass das ein aussichtsloses Unternehmen ist.”

    Ich glaube nicht, dass Du damit Recht hast. Aber selbst wenn: sollen wir da sitzen und uns keine Gedanken machen?

  16. matt_us schreibt:

    @kantoos
    “Einige halten das Papier “Some Unpleasant Monetarist Arithmetic“ für das wichtigste von Sargent. Gerade in der aktuellen Debatte um die Inflationsgefahr in den USA ein wichtiges Papier, an dem auch ich zu knabbern habe. Kurz gesagt geht es darum, dass die Zentralbank nur dann glaubwürdig die Inflation kontrollieren kann, wenn sie mit verantwortungsvoller Fiskalpolitik kombiniert wird. Sonst nicht.”

    kantoos, es gibt keine Inflationsgefahr, es gibt eine Arbeitslosengefahr! Da hilft jetzt eine vernuenftige Fiskalpolitik, die Geld in den Arbeitslosenabbau steckt. Die 80er Jahre sind vorbei – die FED in den USA versucht ja verzweifelt Inflation zu schaffen, nicht einzuschraenken. Der Nobelpreis hinkt immer 30 Jahre hinterher, und schafft es ja nicht mal die Preise zu vergeben, bevor die Forscher tot sind.

    Das ist das Problem mit dem Preis, es werden keine Forscher geehrt die direkt was zu den Problemen dieser Zeit sagen koennen. Ich halt es da mit morph. Bis man gemerkt hat, was heutzutage das Problem ist, es erforscht hat, und das auch allgemein akzeptiert wird, gibt es schon wieder neue Probleme, die die alten Preise zwar interessant, aber irrelevant aussehen lassen. Deshalb wohl die generelle Frustation mit der Preisverleihung.

    • kantoos schreibt:

      @ matt

      Ich weiß, dass es im Moment kein Inflationsgefahr gibt, und dass die Fed mehr tun muss und sollte. Aber das ist nicht das Argument. Es geht darum, ob man die Inflation noch nach oben kontrollieren kann, wenn die Fiskalpolitik außer Rand und Band ist. Das hat nichts mit der Fed zu tun, sondern mit dem Treasury. Das Arugment also erstmal schön zu Ende lesen.

      Der Nobelpreis wird an Leute vergeben, die das Fach weiter gebracht haben. Das ist seine Aufgabe. Darauf aufbauende Forscher sollten natürlich zu aktuellen Dingen etwas sagen können, und das ist insbesondere bei Sargent-Nachfolgern der Fall. Es gibt keinen Grund, sich so aufzuregen, aber Du bist ja mit Olaf Storbeck und FTD in guter Gesellschaft.

  17. morph schreibt:

    @kantoos

    “sollen wir da sitzen und uns keine Gedanken machen?”

    Nein, eine solche Forderung wäre ja unerfüllbar und daher sinnlos.

    @Dietmar Tischer

    “An was machen Sie fest, dass sich der Gegenstand des Erkenntnisinteresses schneller als das System seiner Erkenntnis verändert?”

    Zunächst wäre m.E. überhaupt erst einmal festzuhalten, dass sich der Gegenstand des wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisinteresses – die gesellschaftliche Form des Wirtschaftens – historisch verändert und nicht – wie die physikalische, chemische und biologische Umwelt menschlichen Daseins – gleich bleibt. Jäger- und Sammlergesellschaften gehen mit Knappheit anders um als Agrar- oder Industriegesellschaften (um nur die am deutlichsten voneinander unterschiedenen Formen zu nennen). Wir tun aber so, als sei die moderne Geldwirtschaft eine unwandelbare Form, und die Wirtschaftswissenschaften sind von diesem Vorurteil offenbar auch geprägt. Derzeit laufen wir auf eine menschheitsgeschichtlich neue Knappheitsproblematik auf (Stw. Quellen und Senken), die vermutlich eine grundlegende Revision wirtschaftswissenschaftlicher Begriffe bewirken wird. Und dies als Ergebnis veränderter Gestaltungsmaßgaben gesellschaftlichen Wirtschaftens. Die Paradigmen, in denen dann über unser Wirtschaften nachgedacht und gestritten werden wird, lassen sich im Vergleich mit heute dominierenden Sichtweisen nicht als Erkenntnisfortschritte verstehen, sondern als perspektivische Veränderung, die durch den Wandel des Erkenntnisgegenstands induziert werden.

    Die Tatsache eines Erkenntnisfortschritts, verstanden als Verbesserung der Treffgenauigkeit der Modelle, mit denen wir Prognosen abgeben oder Sollzustände verwirklichen, lässt sich nur dann feststellen, wenn sich der Gegenstand der Erkenntnis gleich bleibt oder doch zumindest in dem Beobachtungszeitraum gleich geblieben ist, für den ein Erkenntnisfortschritt diagnostiziert werden soll. Nun nimmt aber die Erkenntnis selbst Zeit in Anspruch: einerseits für die Erarbeitung eines substanziell neuen Modells (bzw. die substanzielle Erweiterung eines bestehenden Modells) des Erkenntnisgegenstandes; andererseits für die allgemeinverbindliche Feststellung, dass dieses substanziell neue bzw. fortentwickelte Modell den Erkenntnisgegenstand treffender modelliert. Es ist daher grundsätzlich denkbar und angesichts der atemberaubenden Beschleunigung des weltweiten Waren- und Kapitalverkehrs in den letzten 30 Jahren nicht unwahrscheinlich, dass die wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung der Wirtschaft mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Formwandel der Wirtschaft.

    Gibt es Indizien dafür, dass das der Fall sein könnte? – Die deutlichsten Hinweise sind natürlich die prognostischen Schwächen der Wirtschaftswissenschaften und die geldwirtschaftlichen Krisenphänomene. Ich glaube nicht, dass das allein auf die persönliche Unvernunft von Wirtschaftsweisen, die strukturelle Inkompetenz einzelner Organisationen oder unvorhersehbare Großereignisse zurückzuführen ist.

    Offenkundig sind auch die erkenntnisleitenden Modelle der Ceteris-paribus-Wirtschaft nicht treffgenau genug und beziehen nicht alle relevanten Determinanten ein. Offenkundig ist die gesellschaftliche Wirtschaftsweise zu komplex und dynamisch, um wissenschaftlich befriedigend rekonstruiert werden zu können (= Der Gegenstand des Erkenntnisinteresses evoluiert schneller als das System seiner Erkenntnis).

    Mit einer ähnlichen Situation ist die Philosophie von Beginn an konfrontiert gewesen. Ihr Gegenstand, das Denken, ist derart vielgestaltig und historisch wandelbar, dass die Philosophie seit jeher ohne Fortschrittsbewusstsein gepflegt werden muss. Das macht die Philosophie aber nicht überflüssig und lässt sie auch nicht resignieren. Denn man kann sich im Austausch über die Möglichkeiten und Grenzen unseres Wissens auch ein anderes Ziel als den Erkenntnisfortschritt setzen. Es ist ja auch eine durchaus ehrenwerte Aufgabe, das notwendige Problemverständnis für unser gedeihliches Zusammenleben zu tradieren und in je zeitgemäßer Form und anhand zeitgenössischer Beispiele zu artikulieren.

    Wirtschaftswissenschaftlern ist ein solcher Gedankengang – trotz der offenkundigen Problematik ihrer Modellierungskünste – wohl eher fremd, und das Nobelpreiskomitee bestätigt sie jedes Jahr aufs Neue in der falschen Ansicht, dass sie dem zureichenden Verständnis menschlichen Wirtschaftens immer näher kommen.

    Dabei mag es durchaus sein, dass die ausgezeichneten Wirtschaftswissenschaftler für ihr Fach jeweils Großartiges geleistet haben; ich kann das nicht beurteilen. Nur kann das natürlich kein hinreichendes Kriterium für die gesellschaftsweite Anerkennung ihrer Leistung sein. Es gibt ja auch keinen Nobelpreis für Altorientalistik, obwohl es in diesem Fach sicher auch ganz bemerkenswerte Forschungsleistungen gibt. Für den Literaturnobelpreis kann ich immerhin sagen, dass die Preisvergaben oft nicht nachvollziehbar sind und, historisch betrachtet, ziemlich disparat zu den prägenden Poetiken der modernen Literatur stehen (Kafka?, Brecht?, Borges? Fehlanzeige. Stattdessen: Selma Lagerlöf, Hermann Hesse, Gabriel García Márquez – sicher solide Schriftsteller, aber literarisch völlig epigonal. Okay, Beckett, da lagen sie EINMAL richtig). Mich würde nicht wundern, wenn es sich dermaleinst im Fall der Wirtschaftswissenschaften genau so verhalten würde.

    • hkaspar schreibt:

      @ Morph

      Ich bin so halb Ihrer Ansicht. Natuerlich kann die Wirtschftswissenschaft nie zu einem punktgenauen, abschliesenden Bild des Wirtschaftens kommen. Aber es gibt Durchbrueche in der Art und Weise, ueber moderne, kapitalistische, monetesierte, arbeitssteilige Volkswirtschaften zu denken, die von bleibendem Wert sind. Z.B. Ricardos komparativer Vorteil, Boehm-Bawerks Produktivitaet der Produktionsumwege, Fishers Debt-Deflation-Theorie, Keynes’ Liquiditaetsfalle, Friedmans Betonung der Verstetigung des monetaer-finanziellen Bereichs, Tobins Q, usw. usf.. Sachen die auch nach Jahrzehnten ihre Bedeutung nicht verlieren, und die ich als echten wissenschaftlichen Fortschritt begreifen wuerde. In dem Zusammenhang passt der Nobeilpreis fuer Sarent und Sims gut – Sargents Formalisierung rationaler Erwartungen mit der Absicht und dem Ergebnis, REx-Modelle empirisch ueberpruefbar zu machen, und Sims Analyse langfristig-stabiler empirischer Beziehungen sind beides Instrumente die es erlauben, oekonomische Vorgaenge praeziser zu erfassen und auszuwerten.

      Was die Philosophie angeht sind Sie weit mehr als Experte als ich, aber wuerden Sie Plato oder Descartes oder Kant oder Witgenstein nicht als philosophischen Fortschritt bezeichnen? Zumindest haben sie den philosophischen Diskurs auf nicht revidierbare Art und Weise veraendert.

    • morph schreibt:

      @HK

      wenn man viele Schachpartien analysiert, gewinnt man Einsichten über die strategischen und taktischen Möglichkeiten, die das Spiel bietet. Es gibt in diesem Fall einen wirklichen Erkenntnisfortschritt – auch wenn das Schachspiel strategisch vermutlich unausschöpflich ist.

      Was aber, wenn sich Anzahl und Zugoptionen der Figuren und die Anzahl der Felder immer mal wieder ändern? Dann wird man zwar immer noch – insofern das Spiel in Grundzügen dasselbe bleibt – neue Erkenntnissen gewinnen. Aber ob wir es angesichts der Gegenstandsveränderung noch mit einem besser werdenden Verständnis tun haben, würde ich bezweifeln.

      Sie fixieren den Gegenstand der Ökonomie (moderne, kapitalistische, monetesierte, arbeitssteilige Volkswirtschaft). So muss wohl eine zünftige Fachwissenschaft verfahren, besonders realistisch ist es m.E. aber nicht. – Ich möchte ja nicht betreiten, dass es im Rahmen der ökonomischen Forschung und Theoriebildung erstaunliche und bewundernswerte intellektuelle Leistungen gibt. Die Frage ist, ob sie sich als Stationen einer Fortschrittsgeschichte interpretieren lassen. Ich meine, dass sich überragende intellektuelle Leistungen, selbst wenn die spätere die frühere voraussetzt, nicht unbedingt als Fortschritt begreifen lassen. Goethes Dramatik ist ohne Shakespear nicht denkbar, und Goethe wusste das, aber sollten wir Goethe als ‘besseren’, ‘fortgeschrittenen’ Dramatiker bezeichnen? Ich meine nicht.

    • Dietmar Tischer schreibt:

      @ Morph, H. K.

      Ich will hier zuerst etwas zur Ihrer Wissenschafts-Diskussion sagen und dann etwas zur Preisverleihung.

      Zur Wissenschaftsdiskussion:

      Hier, Morph, Ihre grundlegende Aussage, noch einmal wiederholt:

      >Der Gegenstand des Erkenntnisinteresses evoluiert schneller als das System seiner Erkenntnis. Es kann daher in diesem Feld keinen Erkenntnisfortschritt geben, sondern lediglich eine interessante Erweiterung des Modellrepertoires.>

      Ich bin der Überzeugung, dass es nicht möglich ist, zu entscheiden, ob der erste Satz wahr oder falsch ist. Es gibt m. A. n. kein Kriterium dafür.

      Sie müssten nämlich den „Gegenstand des Erkenntnisinteresses“ UNABHÄNGIG vom System der Erkenntnis erkennen und mit dem „System der Erkenntnis“ vergleichen können, um zu der Aussage zu kommen, die Sie treffen. Das können Sie nicht, weil es die Position nicht gibt, von der aus eine unabhängige Erkenntnis des „Gegenstandes des Erkenntnisinteresse“ möglich wäre.

      Daher ist auch die Schlussfolgerung, Ihr zweite Satz, nicht entscheidbar.

      Es gibt Aussagen, für die solche Positionen existieren. Das ist z. B. dann der Fall, wenn die Aufnahme eines Bauwerks dahingehend verifiziert werden soll, ob sie den Kölner Dom abbildet. Sie gehen mit der Aufnahme zum Kölner Dom und vergleichen sie mit dem, was Sie sehen. Es spielt keine Rolle, was der Kölner Dom eigentlich ist (welches Ding „an sich“ er ist) – von Ihrem Standpunkt am Kölner Dom aus – ist er die UNABHÄNGIGE REFERENZ, mit der Sie urteilen können (wenn man „Aufnahme“ austauscht gegen „Film/Video“ hat man die Situation dynamisiert).

      Das können wir in den Wissenschaften nicht, auch nicht in den Naturwissenschaften.

      Wir sollten deshalb – konzeptionell – eine Position einnehmen, die befriedigende Bewertungen zu dem ermöglicht, was wir mit „Wisschenschaft betreiben“ meinen, ohne an Problemen wie dem obigen festzuhängen.

      Ich biete folgenden Vorschlag an:

      Kriterium für die Bewertung von Wissenschaft und Wissenschaftsergebnissen ist deren BRAUCHBARKEIT.

      Wenn das die REFERENZ ist, stellt sich nicht mehr die Frage, was richtig oder falsch IST, weil Modellübereinstimmung (mit irgendeiner Wirklichkeit) keine Kategorie ist, die einen sinnvollen Bezug zu Brauchbarkeit hat.

      Wenn demnach ein Modell mit dem Anspruch die Wirklichkeit oder einen Teilaspekt der Wirklichkeit abzubilden, bewertet werden soll, dann ist die Frage:

      Wie brauchbar ist es – sagen wir – gemessen an seiner Prognosefähigkeit?

      Weist es unter allen Alternativ-Modellen die beste Prognosefähigkeit auf, sagt also am genauesten vorher, was später gemessen wird, dann SAGEN wir „Es ist richtig“ (auch wenn es die Wirklichkeit nicht genau abbildet!), MEINEN dabei aber „Es ist am brauchbarsten“ (auch und gerade mit dem Wissen, dass es falsch ist). Zu den konkurrierenden Modellen sagen wir „sind falsch“ (was sie auch sind, da sie die Wirklichkeit ebenfalls nicht genau abbilden), wobei wir meinen „sind unbrauchbar als das Modell, zu dem wir „es ist richtig“ sagen.

      Hier ist nichts endgültig bestimmt, deshalb würde ich, H. K., Ihren folgenden Satz nicht unterschreiben:

      >Natuerlich kann die Wirtschftswissenschaft nie zu einem punktgenauen, abschliesenden Bild des Wirtschaftens kommen>

      Warum nie?

      Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie vielleicht nicht zu einem abschließenden, aber zu irgend einem Zeitpunkt einmal zu einem „punktgenauen Bild des Wirtschaftens” kommt. Ich würde aus Erfahrung mit dem, was die Wirtschaftswissenschaften leisten, freilich nicht eine Sekunde daran denken, darauf zu wetten.

      Mein Vorschlag baut auf Popper auf, demzufolge Wissenschaftsergebnisse nur solange als richtig GELTEN können, bis sie widerlegt sind (allerdings mit dem Bemühen, sie widerlegen zu wollen).

      Der eigentliche philosophische Bezug ist der sehr späte Wittgenstein, bei dem sich in dem unter „Über Gewissheit“ veröffentlichen Aufzeichnungen folgende Auffassungen finden:

      „Aber mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe, auch nicht weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide.“

      Und:

      „Die Sätze, die dies Weltbild beschreiben, könnten zu einer Art Mythologie gehören. Und ihre Rolle ist ähnlich der von Spielregen, und das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln lernen“.

      Man braucht für „Weltbild“ nur „wissenschaftliches Modell“, für „überkommenen Hintergrund“ nur „entwickeltes Verständnis von Brauchbarkeit“ und „rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln“ nur „Wissenschaft betreiben ohne Wissenschaftstheorie“ zu setzen und ist dann in etwa da, wo ich sein will.

      Die Wissenschaft kann meiner Auffassung entsprechend übrigens so weiter arbeiten wie bisher und sich über richtig und falsch streiten. Wenn sie dabei meint, sie streite über Modelle, die richtig oder falsch SIND (mit Blick auf die Wirklichkeit), dann streitet sie aus Sicht meines Vorschlags eben über etwas Falsches. Das entwertet nicht ihren Streit, er wird nur anders eingeordnet.

      Morph was eine „Art Mythologie“ betrifft, dann passt das doch zu dem, was Sie sagen: Es kann sein, dass es Erkenntnisfortschritt gibt, d. h. die Brauchbarkeit größer ist, oder auch weniger, dann liegt eben ein Erkenntnisrückschritt vor mit Blick auf eine sich verändernde Welt. Und: Auch Spielregeln kann man von einer Sekunde zur anderen ändern, die Wissenschaft kann jederzeit ein „anderes Spiel“ spielen. Sie, H. K., werden nichts dagegen haben, dass es Erkenntnisfortschritt geben kann (der mit Bezug auf Brauchbarkeit wirklich einer IST), wenngleich es keinen geben muss.

      Das alles nur ansatzweise, die Probleme liegen wie immer im Detail.

      Zur Auswahl von Nobelpreisträgern (in den Wissenschaften, aber auch der Literatur):

      Mein Konzept wäre, sie nach dem Ausmaß des EINFLUSSES auszuwählen, das sie errreichen oder erreicht haben – und dies ohne eine Bewertung, ob der Einfluss „endgültig“ ist oder auch wieder durch andere Einflüsse abgelöst wurde. Es deckt sich weitgehend mit der Begründung des Komitees (so wie ich sie als Nichtfachmann verstehe). Dort ist jedenfalls keine Rede von richtig oder falsch, sondern in aller Länge davon, mit was die beiden Preisträger wie einflussreich waren bis hin zu „used by policymakers“ (mit welchen Ergebnissen auch immer). Es geht darum, dass die Arbeiten der beiden Preisträger weitreichende Beachtung gefunden haben, sei es in der Wissenschaft selbst oder bei Praktikern.

      Deshalb bin ich auch hier nicht ganz bei Ihnen, H. K., wenn Sie schreiben:

      >Sachen die auch nach Jahrzehnten ihre Bedeutung nicht verlieren, und die ich als echten wissenschaftlichen Fortschritt begreifen wuerde.>

      Bedeutung ist nicht Einfluss. Bedeutung kann sich Ihrem Verständnis nach relativieren mit Blick auf den Fortschritt. Einfluss nicht. Es gibt ihn oder nicht in einem bestimmten Ausmaß. Wenn es ihn gibt, kann er allenfalls enden.

      Bei der Kunst kann man „Einfluss“ als Kriterium ebenfalls ansetzen. In der bildenden Kunst ist z. B. van Gogh demnach höher als E. Nolde einzuschätzen: Dieser hat uns gezeigt, dass Blumen schöne Farben haben können (eine Eigenschaft neben anderen, wie Duft), jener dass Blumen durch ihre Farben für uns auf besondere Weise existent werden, d. h. wir ein anderes visuelles Verhältnis zu Blumen als vorher haben können. Ebenso der Vergleich T. Mann und H. Hesse. T. Mann ist nicht der größere Künstler, weil er besser schreiben konnte (was vielleicht der Fall ist), sondern weil er vielen Menschen vielfältigere, neue Perspektiven eröffnet hat, sich und ihre Lebensbedingungen zu erkennen.

      Das alles selbstverständlich unter dem Vorbehalt, hier keine definitiven Künstlerbewertungen abgeben zu wollen, sondern lediglich Hinweise, wie ich „Ausmaß des Einfluss“ verstehe.

    • morph schreibt:

      @Dietmar Tischer

      “Sie müssten nämlich den „Gegenstand des Erkenntnisinteresses“ UNABHÄNGIG vom System der Erkenntnis erkennen und mit dem „System der Erkenntnis“ vergleichen können, um zu der Aussage zu kommen, die Sie treffen. Das können Sie nicht, weil es die Position nicht gibt, von der aus eine unabhängige Erkenntnis des „Gegenstandes des Erkenntnisinteresse“ möglich wäre.”

      Ihr Einwand träfe zu, wenn es um Erkenntnis_überhaupt und einen Erkenntnisgegenstand_überhaupt ginge. Im Fall der Wirtschaftswissenschaften und ihres Gegenstandes haben wir es aber mit unabhängig voneinander beobachtbaren positiven Gegebenheiten zu tun: Auf der einen Seite eine gesellschaftlich gepflegte Wissenschaftsdisziplin, auf der anderen Seite ein Teilsystem gesellschaftlicher Institutionen und Regeln, über deren Existenz und historische Genese wir uns unabhängig von unserer Kenntnis und praktischen Teilnahme an der Wirtschaftswissenschaft informieren können. Geld, Banken, Branchen und die sie regulierenden Gesetzeswerke gibt es nicht, weil es wirtschaftswissenschaftliche Papers, Journals und Konferenzen gibt, die sich ihrer Beschreibung widmen. Es ist nicht so, dass wir die Existenz wirtschaftlicher Tatsachen nur nach Maßgabe wirtschaftswissenschaftlicher Modelle feststellen können, sondern umgekehrt: Wirtschaftswissenschaft als besonderes gesellschaftlich gepflegtes Erkenntnisunternehmen gibt es, weil es gesellschaftliche Institutionen des Wirtschaftens gibt, deren Zusammenspiel nicht auf der Hand liegt und offenbar problematische Effekte haben kann.

      Weil es sich so verhält, können wir die evolutive Dynamik des wirtschaftlichen Institutionengefüges mit der evolutiven Dynamik seiner akademisch gepflegten Beschreibung vergleichen – nach Maßgabe freilich eines allgemeinen Modells evolutiver Dynamik, das ist ja klar.

      Als durchschnittlicher Zeitungsleser gewinne ich den Eindruck, dass sich das gesellschaftliche Institutionengefüge der Wirtschaft unter dem Einfluss der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs rapide wandelt, insbesondere mit Blick auf den Formalisierungsgrad der Institutionen. Als durchschnittlicher Wissenschaftler weiß ich, wie lang der Weg ist von der ersten vorwissenschaftlichen Intuition, das sich im Gegenstandsbereich des Erkenntnisinteresses etwas strukturell geändert hat, über die Entwicklung eines Forschungsvorhabens, das diese Intuition überprüfen soll, über seine Finanzierung und Durchführung, bis zur Dokumentation, dem Review, der Publikation und der fachwissenschaftlichen Diskussion und breiten Affirmation des wissenschaftlichen Ergebnisses.

      Ich würde sogar eine allgemeine Gesetzesaussage wagen: Die fachwissenschaftliche Evolution der sozialwissenschaftlichen Einzeldisziplinen wird im Zuge ihrer internen Ausdifferenzierung in selbstständig evoluierende Teildisziplinen träger, während die Evolution der Gesellschaft (deren Erkenntnis die Sozialwissenschaften gewidmet sind) im Zuge der gesamtgesellschaftlichen Differenzierung dynamischer wird, so dass im Endeffekt die gesellschaftlich gepflegten sozialwissenschaftlichen Erkenntnisunternehmen an Verbindlihkeit verlieren – was sich übrigens auch in ihrem konstruktivistischen Selbstverständnis widerspiegelt.

  18. Rien Huizer schreibt:

    @ Kantoos

    Unfortunately, I have not read the famous article where the laureate states/proves that monetary policy needs a (somewhat) congenial fiscal policy to be effective in controlling inflation (and that was when our present problems were not on the horizon). That is very much a matter of model parameters (let’s face it Volcker cut inflation while fiscal policy was still expansive, at least in a crude sense, so it must be a directionally opposed and very strong fiscal policy that overpowers monetary policy, when inflation is the problem). And we all assume that is is generally possible for monetary policy to make expansionary fiscal policy ineffective, when deflation is the problem. One reason that I like RBC approaches, if only they would make useful theories for actual policymaking under democratic conditions (where politicians and officials must be seen to be relevant).

    But I wonder about the generality. There are many different kinds of changes in taxation and/or gvt expenditure (collectively fiscal policy) and their effects on aggregate demand appear to be far from uniform (take alone the difference between a temporary tax cut and a permanent one) . And then there are supply side effects of changes in gvt spending (infrastructure) or taxation (shifting from eliminating import duties and replacing the revenue lost by VAT, etc

    Likewise, monetary policy is never unconstrained by political and institutional factors. And the local currency must remain relevant (unlike in Zimbabwe).

    So it is maybe a matter of model specifications. In the real world things may be different.

  19. jmg schreibt:

    Thomas Sargent erhielt Ende September 2011 auch einen Preis von der Chicago Mercantile Exchange(CME): LINK zum Video
    http://at.pscdn.net/008/00102/videoplatform/110926msri.html

    Die Laudatio hielt Robert Lucas (ab 1:53:00)
    Sargent ist ab 2:07:00 zu sehen.

  20. Olaf Storbeck schreibt:

    Interessante Diskussion :-) Übrigens haben auch die Kollegen der sehr geschätzten FT den Bezug zwischen Sargent/Sims und der Finanzkrise gezogen – sie haben die Entscheidung so kommentiert: “a bold decision which will be seen as honouring academics whose work many blame as partly responsible for the financial crisis”. (http://www.ft.com/cms/s/0/98fef468-f330-11e0-8383-00144feab49a.html#axzz1aUhRWsWa)

    Ich habe meine Kritik an der Entscheidung in meinem Blog vielleicht etwas unklar formuliert. Aus meiner Sicht waren große Teile der Makro in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten auf dem falschen Gleis unterwegs – was die Finanzkrise ziemlich heftig deutlich gemacht hat. Etliche namhafte Kritiker (Krugman, Akerlof, Stiglitz, Buiter, Kay, Colander u.a., Links in meinen Blog) gehen mit der Disziplin seit Jahren hart ins Gericht. Ich finde die Argumente sehr überzeugend – und zumindest Sargent ist ja einer der Leute, die die Disziplin in diese Richtung geführt haben, oder nicht?

    Die etablierten Makro-Leute geben sich aber nicht die geringste Mühe, auf diese Kritik einzugehen, sondern machen weiter wie bisher. Ich habe Sargent 2010 bei der AEA Jahrestagung in einer Panel-Diskussion erlebt, wo er die Kritik komplett vom Tisch gewischt hat. Das finde ich ziemlich frustrierend. Zudem ist aus meiner Sicht die neoklassische Ökonomie wirklich oft genug beim Nobelpreis zum Zuge gekommen – es gibt etliche andere unorthodoxe Ansätze, die es verdient hätten, ausgezeichnet zu werden.

    Mal eine ganz andere Frage, Kantoos: Du schreibst, der Fokus unserer VWL-Berichterstattung läge “auf Studien und Ergebnisse (gerne behavioral), die zeigen, dass Annahmen (!) der VWL ja so falsch sind, oder dass DIE VWL bisher alles falsch gemacht hat. Oder Interviews mit Leuten, die es alles haben kommen sehen. usw. ”

    Welche Texte konkret so aus dem letzten Jahr hast du denn da im Sinn? Meiner Wahrnehmung entspricht das nicht ganz.

    • kantoos schreibt:

      @ Olaf

      Ich habe mein Budget an kostenlosen FT Artikel schon wieder ausgeschöpft, aber es scheint mir als würde die FT darauf hinweisen, dass es so gesehen werden könnte. In der Presse, z.B.. Sehen die es denn als berechtigt an?

      Ich glaube nicht, dass die Makro insgesamt auf dem falschen Gleis unterwegs war. Aber natürlich kommen in solchen Krisen die Kritiker lautstark nach vorne. Und dass ein Sargent sich unberechtigte Pauschalkritik nicht gefallen lässt, finde ich sympathisch. Überhaupt frage ich mich immer, warum diejenigen, die moderne Makro gelehrt und gelernt haben, auf einmal kalte Füße kriegen. Als hätte die moderne Makro und Finance nichts beizutragen. Das ist Unsinn.

      Und “sich nicht die geringste Mühe geben” sehe ich anders: überall wird versucht, die Lehren der Krise einzubauen, u.a. von modernen VWLern wie Woodford, Eggertson, Krugman, Brunnermeier etc.

      An der Schulendiskussion um Neoklassik beteilige ich mich nicht. Nur soviel: Ostrom? Krugman? Kahneman? Stiglitz? Diamond? Die sind alle moderne VWLer, klar. Aber innerhalb dieser sind sie innovativ, haben wichtige Beiträge geleistet an Stellen, wo im einfachen 0815 Modellchen etwas anderes heraus kommt, weil einige frictions fehlen.

      Bezüglich der Texte werde ich Dich darauf hinweisen, wenn es mir wieder auffällt. Den Eindruck hatte ich des öfteren, allerdings bei anderen mehr als beim HB. Aber mal Hand aufs Herz: als Journalist zur VWL freut man sich doch über eine wissenschatfliche Arbeit, die der VWL die Grenzen aufzeigt (scheinbar), oder? Sonst macht Ihr einen guten Job, das wiederhole ich auch gerne nochmal – und das sehen meine Kommentatoren hier ja auch ähnlich.

  21. Olaf Storbeck schreibt:

    Natürlich gilt die Devise “News is what’s different”. Aber wir berichten auch immer wieder über Arbeiten, die empirisch belegen, was man theoretisch schon lange gewusst hat.
    Zwei aktuelle Beispiele:
    http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/wissenswert/nehmen-was-man-kriegen-kann/4676594.html
    http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/wissenswert/konkurrenz-belebt-das-geschaeft/4660018.html

    Ansonsten bin ich für Hinweise auf interessante Papiere immer dankbar.

    • kantoos schreibt:

      „News is what’s different“ :) Nice.

      Ich denke, im Rahmen einer Publikumszeitung macht Ihr einen guten Job. Ich werde Dir Hinweise schicken, wenn ich welche habe.

  22. Olaf Storbeck schreibt:

    Findest du diese Kritik an der Mainstream-Makro auch oberflächlich?
    “The Financial Crisis and the Systemic Failure of Academic Economics”, von David Colander u.a.
    http://ideas.repec.org/p/kie/kieliw/1489.html
    Ich eigentlich nicht.

    • hkaspar schreibt:

      Olaf S.

      Es gibt viel berechtigte Kritik an Teilen der modernen Makro, ich teile manches davon ja selbst. Aber das ist eines. Was anderes ist Oekonomen danach zu beurteilen ob sie sich irgendwie in eine vorbetitelte Schublade reinstopfen lassen, und es dabei zu belassen. “Neoklassik” plus “rationale Erwartungen”, und abgekanzelt ist der Sargent; und der Sims irgendwie noch gleich mit, obwohl er damit herzlich wenig zu tun hat. Sowas hat mit qualifizierter oder auch nur informierter Kritik nichts zu tun.

      Fuer Sargent, wie Du ja festgestellt haben wirst, haben auch viele kritisch eingestellte Oekonomen eine Schwaeche (inkl. Krugman und Delong), weil er ein Daten-Typ ist — und damit das Gegenteil von dogmatisch. Jemand der darauf beharrt oekonomische Theorien so zu formulieren dass man sie empirisch ueberpruefen kann – und dann auch ueberprueft. Und Sims hat mit “Neoklassik vs. Keynes” etc. schon gleich gar nichts zu tun, er ist vor allem Oekonometriker, wurde beruehmt mit VAR-Modellen die den Anspruch erheben theoriefrei langfristige oekokonomische Beziehungen zu identifizieren. Schon seltsam dass von dergleichen in Deinem und dem FTD-Artikel so gar nicht Rede ist.

    • Olaf Storbeck schreibt:

      @ Henry:
      “er [Sims] ist vor allem Oekonometriker, wurde beruehmt mit VAR-Modellen die den Anspruch erheben theoriefrei langfristige oekokonomische Beziehungen zu identifizieren. Schon seltsam dass von dergleichen in Deinem und dem FTD-Artikel so gar nicht Rede ist”

      In meinen Blog-Kommentaren, die vielleicht in der Hitze des Gefechts etwas zu polemisch bzw nicht klar genug ausgefallen sind, gehe ich in der Tat nicht auf die VAR-Sachen ein. Aber in dem nachrichtlichen Text – mit der von Kantoos nicht ganz zu unrecht kritisierten Überschrift – diskutiere ich die Methode eigentlich schon recht ausführlich:

      “Christopher Sims hatte Anfang der 80er Jahre eine Methode entwickelt, um Ursache und Wirkung bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie zum Beispiel Konjunkturprogrammen oder Leitzinsänderungen klarer messen zu können. Er fand einen Weg, um lange Zeitreihen von Daten zu untersuchen, ohne sie vorher in ein enges theoretisches Korsett pressen zu müssen. Makroökonomen sprechen von “vektorautoregressiven Modellen”. Anders als bei traditionellen makroökonomischen Modellen versuchen Volkswirte dabei, reale Daten mit minimalen Annahmen zu verstehen.
      Makroökonomen, die mit dem VAR-Ansatz untersuchten, wie staatliche Konjunkturpolitik wirkt, sind zu Ergebnissen gekommen, die den „rational expectations”-Modellen von Sargent wiedersprechen. So stellten Olivier Blanchard und Roberto Perotti 2002 für die US-Wirtschaft fest: Höhere Staatsausgaben können sehr wohl die Konjunktur beflügeln. Wenn die US-Regierung die Staatsausgaben erhöht, steigt nicht nur die Wirtschaftsleistung, sondern auch der private Konsum – „das ist ein Ergebnis quasi aller keynesianischen Modelle und schwer mit dem neoklassischen Ansatz zu vereinbaren“, schrieben die Forscher im „Quarterly Journal of Economics“.

      Ähnliches stellte der spanische Makroökonom Jordi Galí mit der Sims-Methode für Europa fest: Wenn die Regierung die Staatsausgaben um einen Dollar erhöht, ist die Wirtschaftsleistung zwei Jahre später um 1,74 Dollar höher – unter anderem, weil der private Konsum um 0,95 Cent gestiegen ist. „Keynes und seine Schüler hatten recht“, so Galí. Mit der richtigen Wirtschaftspolitik seien Konjunkturschwankungen tatsächlich zumindest teilweise vermeidbar. ”

      Meine Sicht auf Sargent ist – womöglich zu stark – durch sein gemeinsam mit Lucas Papier “Afterkeynesian Macroeconomics” (http://bit.ly/qf8aFo ) geprägt, das ich 2009 für unsere große Keynes-Serie durchgearbeitet habe.

      Generell können wir nächstes Jahr ja gerne mal tauschen – ihr schreibt innerhalb drei Stunden was für die Zeitung, und ich nehm das dann mal ganz zurückgelehnt auseinander. :-)

    • kantoos schreibt:

      @ Olaf

      Wir wollten nicht arrogant klingen, wir sind alle hier um zu lernen. Und ich sehe absolut, dass ein viel beschhäftigter Journalist in kurzer Zeit einen Artikel zusammen bauen muss, und wir nicht.

      Allerdings, und das ist vielleicht die Kritik, hat Dich Dein negativer Blick auf die Makro vielleicht etwas unvorsichtig gemacht. Dann läuft man Gefahr, als anmaßend wahrgenommen zu werden. Denn Nobelpreise in VWL haben meist sehr schlaue Leute bekommen, die für das Fach viel bedeutet haben — auch wenn man nicht alles für bare Münze nehmen sollte, was ihre Forschung je gesagt hat. Forschung funktioniert vor allem durch zwei Dinge: Irrtum, und andere Forscher, die versuchen, daraus Lehren zu ziehen.

    • hkaspar schreibt:

      @ Olaf

      VARs sind zunaechst einmal a-theoretisch, und damit weder keynesianisch noch anti-keynesianisch. Noch lieber mag ich ich ECMs, die funktionieren nicht nur besser sondern haben auch eine schoene oekonomische Interpretation (David Hendry hat viel mit ihnen gearbeitet).

      Zur Verfassung der aktuellen Makro hast Du ja in vielem recht, aber eben gerade nicht damit dass an Sargent und Sims auszulassen. Siehe z.B. was Delong ueber Sargent schreibt (lange vor dem Nobelpreis):

      http://delong.typepad.com/sdj/2010/07/an-example-of-why-i-was-very-lucky-to-have-tom-sargent-as-one-of-my-teachers.html

      Du hast diese Leute nicht auf Deiner Seite. Aus gutem Grund.

      Schliesslich wuerde mich ja doch interessieren mit welchen einflusreichen Londonern Du gesprochen hast (ich habe an UCL promoviert und an LSE unterrichtet, ist allerdings schon einige Zeit her) – vielleicht kannst Du mir das ja privat mitteilen. Attanasio? Bean? Van Reenan? Pissarides? Ritschl? Kann mir nicht vorstellen dass einer von denen Dir gesteckt hat was in Deinem Blog-Kommetnar steht.

      Gruss,
      HK

    • Olaf Storbeck schreibt:

      Mit Blick auf meine Ancien-Regime-Blogposts hast du leider vermutlich nicht ganz unrecht, ich werde da morgen wohl auch nochmal was zu bloggen.
      Andererseits ist mir schon wichtig klarzustellen, dass deine Aussage, zu den VAR-Modellen wäre in meinem Artikel “so gar nicht die Rede”, eben auch nicht ganz stimmt.
      Zu ECM weiß ich zu wenig – welche angewendungsorientierten Papiere würdest du empfehlen?
      PS: Den Namen des Ökonomen erzähle ich dir mal bei unserem ohnehin mal angedachten gemeinsamen Bier :-)

    • hkaspar schreibt:

      Wenn ich noch eins bemaekeln darf: die Argumentationslinie “VARs sind ok den sie koennen keynesiansiche Ergebnisse liefern” – und so kann man Deinen Kommentar zumindest lesen — ist einfach unwissenschaftlich gedacht. VAR sind interessant weil sie eine Moeglichkeit eroeffenen mit statistischen Methoden langfristige Gleichgewichtsbeziehungen zu identifizieren. Ob die dann mit einer keynesiansichen oder einer neoklassischen Modell vereinbar sind – oder mit keinem von beiden – ist eine andere Frage (die eher primitive Schulendusselei der dt. oeffentlichen Debatte geht mir eh auf den Keks, siehe dazu meinen Friedman-Artkel vor einiger Zeit).

      Zu homo oeconomicus, rationalen Erwartungen etc. ist meine Auffassung dass dies methodische Konstrukte sind, nicht realitaetsgetreue Abbildungen der Wirklichkeit. Ein typischer Laienfehler ist, die beiden Dinge zu verwechseln. Methodisch ist es nicht einfach vom homo oeconomicus zu sehr abzuweichen: Modelle in denen Menschen gegen ihre Interessen handeln beissen sich schnell logisch in den Schwanz, bzw. sind als Erklaerungsansaetze unbefriedigend.

      Um homines oeconomici (wahrscheinlich falscher Plural, mein Latein ist mehr als 20 Jahre unbenutzt…) realitaetsgetreuer zu machen gibt es mAn im Prinzip zwei Moeglichkeiten: (i) man modifiziert die Annahmen ueber ihr Verhalten – also das was u.a. Sargent in seiner juengeren Forschung versucht – oder (ii) man modelliert die Beschraenkungen, unter denen der homo oeconomicus optimiert. Letzteres ist der Ansatz von Leuten wie Akerlof, Stieglitz, Acemoglu und anderen, und mir scheint er erfolgverspechender – denn es stellt sich heraus dass unter realistischen Beschraenkungen (inkomplette Information, Unsicherheit, etc.) homines oeconomi sich erecht aehnlich verhalten wie richtige Menschen.

      Das Konstrukt des homo oeconomicus wird genau dann aus der Oekonomie verschwinden wenn sich etwas besserers gefunden hat – bislang ist das noch nicht der Fall gewesen.

    • kantoos schreibt:

      @ HK

      Ich halte auch Weg (ii) für besser, weil Annahmen über das Verhalten, das man im Labor festgestellt hat, nicht unbedingt in der wahren Welt vorkommen müssen. Zum Beispiel ist es sehr schwer, bubbles im Labor aufrecht zu erhalten. Aber in der realen Welt mag es sie geben. Das hat mehr mit incentives und restrictions zu tun, als mit irrationality.

      Aber die “unrealistischen Annahmen” kann man eben leichter kritisieren…

    • Dietmar Tischer schreibt:

      @ H. K.

      >Zu homo oeconomicus, rationalen Erwartungen etc. ist meine Auffassung dass dies methodische Konstrukte sind, nicht realitaetsgetreue Abbildungen der Wirklichkeit. Ein typischer Laienfehler ist, die beiden Dinge zu verwechseln.>

      Klar.

      Aber:

      >Methodisch ist es nicht einfach vom homo oeconomicus zu sehr abzuweichen: Modelle in denen Menschen gegen ihre Interessen handeln beissen sich schnell logisch in den Schwanz, bzw. sind als Erklaerungsansaetze unbefriedigend.>

      Hierzu folgende Anmerkungen:

      Realität 1): Menschen, die interessenlos handeln, d. h. aus Sicht der Wissenschaft nicht nachvollziehbar, sondern beliebig handeln, sind nicht brauchbar als Subjekte, denen irgendetwas Sinnvolles zuordbar ist. Die Wirtschaftswissenschaft müsste sie fallen lassen, obwohl Ihr Handeln wirtschaftlich wirkt.

      Das ist denkbar, aber wohl kein beachtlicher Regelfall.

      Realität 2): Die Wirtschaftswissenschaft muss wie von Ihnen oben implizit festgestellt mindestens voraussetzen, dass Menschen erkennbare Interessen zuordbar sind. Nur dann wird sie ihnen irgendeine Funktionalität des Handelns zuschreiben können, was sie aus methodischen Gründen muss. Wenn sie es nicht könnte, hätte die Wirtschaftswissenschaft keinen Erklärungsansatz.

      Das Problem der Wirtschaftswissenschaften liegt wohl eher bis ausschließlich bei 2).

      Hier wird sie mitunter schon vom Konstrukt des homo oeconomicus abweichen müssen, wenn sie reales Handeln einfangen will, das nicht mit dem übereinstimmt, was als Interesse erkannt wurde. Interessen zugeordnet haben, aber nicht mit ihnen übereinstimmendes Handeln feststzustellen – was nicht dasselbe ist wie Ihr „gegen die Interessen handeln“ – ist die schwierige Konstellation, wenn man Erklärungsansätze haben will, die m.A.n. immer eine Form von Rationalität widerspiegeln müssen.

      Menschen, die (konsequent) gegen ihre Interessen handeln, braucht hingegen kein Modell zu berücksichtigen, weil ihnen in der Realität wahrscheinlich kein autonomes Handeln erlaubt ist. Insofern sehe ich die Problematik etwas anders als Sie.

  23. Olaf Storbeck schreibt:

    @ Henry: Noch ein Nachtrag – das man bei Sargent lobend hervorheben kann, dass er “darauf beharrt oekonomische Theorien so zu formulieren dass man sie empirisch ueberpruefen kann – und dann auch ueberprueft”, sagt auch schon einiges darüber aus, in welcher Verfassung sich die aktuellen Makro findet.

    Dass Krugman sich zurückhält, erscheint mir angesichts der Tatsache, dass Sims ein Fakultätskollege von ihm ist, nicht weiter überraschend. Ich habe mit ein paar ziemlich einflussreichen und vernüfntigen Leuten hier in London gesprochen, die ziemlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, sich damit aber nicht zitieren lassen wollten.

  24. Thomas schreibt:

    Auf einen weiteren wesentlichen Fehler der Journalisten scheint Kantoos aber nicht hinweisen zu wollen:

    Es gibt gar keinen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

    Alfred Nobel hat nie einen Preis für Wirtschaftswissenschaften gestiftet und hätte das wegen seiner Ablehnung der Wirtschaftswissenschaften wohl auch nie getan. Man muss sich schon fragen, wie es um eine Wissenschaft bestellt sein muss, wenn sie trotzdem diese Trittbrettfahrerei nötig hat und meint von dem Glanz der (echten) Nobelpreise etwas abbekommen zu müssen.

    • kantoos schreibt:

      @ Thomas

      Ach Gottchen, ja, was ein alter Hut. Mir ist es doch völlig wurscht, was Alfred Nobel wollte oder nicht wollte. Ein international hoch angesehener Preis für jedes Fach ist doch nicht schlecht. Ich finde, eine Mathematik-Stiftung in Schweden sollte auch einen für Mathematik stiften, auch wenn Nobel das nicht wollte. Und sie Nobelpreise zu nennen finde ich völlig in Ordnung.

    • Thomas schreibt:

      In den Wissenschaften, also auch in der Mathematik, gibt es Preise, die nicht den Namen Nobels tragen und trotzdem sehr renommiert sind. Dort kam bislang niemand auf die Idee, sich den Nimbus des Nobelpreises an das Revers zu heften zu wollen. Ich halte es für alles andere als einen Zufall, dass genau hier die Wirtschaftswissenschaften, deren Vertreter in der Öffentlichkeit vor allem durch eine unglaubliche Hybris auffallen, eine Ausnahme machen.

    • kantoos schreibt:

      @ Thomas

      1969 haben sich die Schweden das überlegt, keine Ahnung, was ihre Motivation war. Und es gibt auch andere Preise, keine Sorge. Und zum Einfluss der VWL, nun ja, der liegt in der Natur der Sache: vieles in der Politik dreht sich um Wirtschaftspolitik.

      Zur Hybris, die zeigen neben einigen VWLern vor allem Leute, die von der VWL wenig bis keine Ahnung haben, finde ich. Eine Wissenschaft, die so sehr in der Öffentlichkeit steht (gezwungenermaßen), muss damit wohl leben.

    • f.luebberding schreibt:

      Nur zum Hintergrund dieses Nobelpreises: Nobel hätte diesen Preis ganz sicher abgelehnt, wahrscheinlich hätte er in der Logik der ursprünglichen Konstruktion heute einen Preis für Informationswissenschaften und als Gegengewicht einen für Kulturwissenschaften gestiftet. In Nobel kam bekanntlich die Ambivalenz der modernen Wissenschaften zum Ausdruck: Fortschritt und Schrecken. Nur deshalb gibt es überhaupt den Nobel-Preis. Was die schwedische Reichsbank damals motivierte, kann man wohl nicht mehr exakt feststellen. Bisweilen hat man schon den Eindruck, dass es ihr 1968 nicht nur um ihr Jubiläum gegangen ist, sondern auch um eine politische Botschaft: nämlich die Wirtschaftswissenschaften als mit den Naturwissenschaften vergleichbare Disziplin durchzusetzen. Sie sahen ganz sicher nicht das Vorbild in der Literatur, obwohl das durchaus eine sinnvolle Perspektive gewesen wäre … . Allerdings waren die Zeitumstände anders: ungebrochenes Fortschrittsdenken und die Annahme, dass sich moderne Gesellschaften quasi wie eine Maschine steuern ließen. Die Annahme, dass dieser Nobel-Preis eine Art Trojaner der Neoklassik gewesen ist, ist also nicht unbedingt plausibel, auch wenn das Argument öfter zu hören ist. Er bildete zumeist nur den Zeitgeist ab – und dort findet man zumeist dann auch nur das, was wahrscheinlich in den einschlägigen Forschungsjournalen schon vorher als herausragend bewertet worden ist. Insoweit sind Überraschungen nicht zu erwarten. Wahrscheinlich liegt aber genau darin das Problem. Nobel-Preise in den Naturwissenschaften sind fast nie umstitten, in der Literatur und Politik (sic Frieden) schon. Das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften, wenn damit eine politische Botschaft verbunden ist (Friedman und Hayek etwa). Chemiker. Mediziner oder Physiker haben meistens keine politische Botschaft. Ansonsten sollte man folgende Anmerkungen von Samuelson lesen:

      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44303099.html

  25. Friedrich Bolle schreibt:

    Wenn ich hier de Vertreter der VWL höre und lese, so ist es letztlich nur ein einziges Gejammere.
    Wo bleibt eigentlich der Widerstandsgeist ?
    Während Stiglitz auf die Wallstreet geht bleibt man in Deutschland wohl in der Forschungsinstituten auf den so gut gepolsterten Stühlen.

    Gab es nicht einen Sponti Spruch vor einem Jahrzehnt:

    Wer sich nicht wehrt lebt verkehrt.

    Sorry aber wenn die VWL nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden will, dann muß sie ganz pragmatisch gesagt auch Lobbyarbeit leisten.

    An anderen Stelle habe ich schon einmal darauf hingewiesen, dass Marketing wohl ein Fremdwort für die VWLer ist. Dabei ist es doch oftmals nur eine Zimmertür weiter, um sich Nachhilfe bei den BWLern zu holen.

    Ich weiß dieser Kommentar war wieder einmal nicht wissenschaftlich genug :-)

    • kantoos schreibt:

      @ FB

      Aber es muss doch nicht jeder Kommentar wissenschaftlich sein… :)

      Ich habe auch eben darüber nachgedacht. Ich finde auch, die VWL muss sich viel offensiver vertreten.

    • Thomas schreibt:

      @FB

      Da unterliegst du einer schrägen Wahrnehmung. So eine Einrichtung wie z.B. die “Wirtschaftsweisen” und die große mediale Wahrnehmung und politischen Wirkung findest Du in keinem anderen Wissenschaftsbereich. Oder die Präsidenten der Bundesbank, in der Regel Volkswirte. Wenn Du eine andere wissenschaftliche Ausbildung gemacht hast, kommst Du eher selten in die Nähe einer vergleichbar einflussreichen Position. Also über mangelnden Einfluss kann sich die VWL nun wirklich nicht beklagen.

  26. Friedrich Bolle schreibt:

    @Thomas

    Es geht hier nicht um eine schräge Wahrnehmung, sondern eher um die ” Wahrnehmung der Realität ”

    Realität ist (leider ) die zunehmende Kritik an den ” wissenschaftluchen Weisen ” seien sie nun im Sachverständigenrat, seien sie in der Bundesbank oder auch im Privatbanksektor.

    Man kann natürlich vom geplosterten Institutssessel im ökonomischen think tank die journalisten
    ” Attacken ” beklagen und die “Unseriösität” der journalistischen Argumente anprangern….

    Aber die Frage stellt sich doch pragmatisch:

    Warum ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

    Wenn amy hier schreibt::

    Warum sind Rezeptionen in Deutschland immer so ideologisch?

    Dann frage ich mich schon, ob durch dieses ” Totschlagargument ” tatsächlich hilfreich ist, um den
    ” Niedergang ” der VWL zu stoppen.

    Wenn wir ein ranking der wissenschaftlichen Berufe nach Renomée machen würden, dann ist davon auszugehen, dass der Beruf des Volkswirts im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren erheblich gesunken ist.

    Um es wissenschaftlich zu formulieren, wir sollten einmal Ursachenforschung betreiben.
    Dies wird m.E. in dieser Berufssparte, sträflich vernachlässigt,

    Im Mainstream der VWL diskutiert anausgiebig immer noch Wachstumstheorien und scheint zu übersehen, dass die Realität des ökonomischen Alltags sich in den letzten20 Jahren erheblich gewandelt hat. An den Rändern der VWL wird mittlerweile ein bißchen über innovative Ansätze des post-ökonomischen Ansatzes diskutiert. Man/frau beginnt auch so langsam über den Tellerrand zu blicken und sieht dass es nicht nur der hommo oeconomicus von Adam Smtih ist,der die Welt regiert (wobei zur Ehrenrettung von Adam Smith immer unterschlagen wird dass er auch ” Moralphilosoph ” ist!! siehe auch Arbeiten von Robert S. Shiller ua. Irrational Exuberance, Animal Spirit etc.

    Im Zusammenhang von Robert S. Shiller ist auch vielleicht dieses Zitat entlarvend für die Schwierigkeit der wissenschaftlichen Volkswirte mit der Realität des ökonomischen Alltags umzugehen:

    >Insgesamt ist Shiller als Investor wenig erfolgreich. Er kreierte Fonds, die an den Ölpreis gekoppelt sein sollten. Doch die Konstruktion funktionierte nicht, Shiller und seine Anleger verloren Geld. Wohler fühle er sich ohnehin in der Wissenschaft, lässt Shiller wissen – auch wenn es dort ebenfalls nicht immer rational zugehe.<

    Er zieht demzufolge auch den Polstersessel in seinem Institut vor, als einen hire and fire Job in der Realökonomie :-) :-)

    Da wir zunehmend auf gesellschaftliche Konflikte zu steuern scheint bei unserer " Modellbauern ! m.E. noch nicht angekommen zu sein.

    Die Bewegung :http://occupywallst.org/ wird wenn überhaupt doch von den Wissenschaftlern nur belächelt. Da ist uns die US wieder einmal ein ganzes Stück voraus. Siehe Stellungnahme von Tiny Fordham, Citi-Bank

    http://www.austria.com/proteste-als-neue-globale-buergerbewegung/apa-1145534376

    Wir bewundern alle Steve Jobs, den Innovator.

    Frage wo gibt es die innovativen start-ups in der Volkswirtschaftslehre, die wie das Wort es ausdrückt, auch das Volk in die Wirtschaftslehre mit einbezieht.

    Vielleicht liegt es daran, dass die Vorsilbe Volk zunehmend aus der Volkswirtschaftlehre abspaltet wird?
    Und hat die Volkswirtschaftslehre nicht auch dem Volk zu dienen, sprich den 99% ??
    http://tinyurl.com/3hrzsyp

  27. Ernst schreibt:

    Im August 2010 erschien ein Interview mit Thomas Sargent, welches einen recht guten Einblick in seine Arbeitsweise und seine Einstellung gibt: http://www.minneapolisfed.org/publications_papers/pub_display.cfm?id=4526 .

    Hier werden auch seine Ansichten zu aktuellen Problemen erörtert.

  28. Olaf Storbeck schreibt:
  29. Dietmar Tischer schreibt:

    @ Morph

    >Ihr Einwand träfe zu, wenn es um Erkenntnis_überhaupt und einen Erkenntnisgegenstand_überhaupt ginge.>

    Jetzt aber langsam.

    Sie haben vom „Gegenstand des Erkenntnisinteressen“ gesprochen und somit die Prämisse der Diskussion gesetzt.

    Die Prämisse besagt, dass es etwas gibt, das erkannt werden kann. Wäre es nicht so, müsste man das ganze Unternehmen Wirtschaftswissenschaft einen Nonsens nennen.

    Jetzt weichen Sie davon ab.

    Damit entfällt die Grundlage der Diskussion.

    Ich verstehe auch nicht, wie Ihre jetzigen Vorbringungen den ursprünglichen Ansatz entwerten.

    Es spielt doch keine Rolle, wer alles wie eine Existenz wirtschaftlicher Tatsachen feststellen kann und will. Die Wissenschaft bezieht sich bei ihrem Modellbau systematisch darauf. Punkt.

    Ich glaube, dass man vernünftigerweise von Folgendem ausgehen kann:

    Es gibt für die Wirtschaftswissenschaften einen Gegenstand der Erkenntnis. Dieser ist nicht fixiert, sondern ändert sich in der Zeit. Aber er ändert sich nicht so schnell und so umfassend, dass die Befassungen der Wissenschaft damit ein Blinde-Kuh-Spiel wären. Es ist so, wie ich es einmal für Menschen gesagt habe: Wir ändern uns kontinuierlich, aber erkennbar nur so langsam, dass wir uns auch noch nach Jahren einordnen, d. h. z. B. mit Namen ansprechen können.

    Mit Blick darauf gibt es eine Frage, auf die ich schon lange gern eine Antwort von Wirtschaftswissenschaftlern haben würde: Liegen bestimmte Probleme der Wirtschaftswissenschaften aus ihrer Sicht mehr in der Komplexität der Wirklichkeit oder mehr in der Veränderung einer bestimmten Komplexität in der Zeit. Vielleicht hat schon mal jemand darüber nachgedacht und kann diese Frage kommentieren.

    Zu Ihrem letzten Absatz:

    i) warum glauben Sie, dass dies eine ALLGEMEINE GESETZESAUSSAGE ist – müssen Sie nicht vorher das Gesetz festgestellt haben in der von Ihnen skizzierten Gesellschaft? Wenn so, wie sind Sie dazu gekommen?

    ii) träger und dynamischer : Kann das nicht einfach nur an unserer Wahrnehmung liegen, weil wir mehr Ressourcen verarbeiten müssen bei der Zusammensicht der sich ausdifferenzierenden (sich vermehrenden) Einzeldisziplinen aufs Ganze der Gesellschaft, obwohl die Einzeldisziplinen nicht langsamer geworden sind und das Gesamtsystem nicht dynamischer?

    • morphilosophia schreibt:

      @Dietmar Tischer

      In der Tat, darin liegt eine Kontroverse, die das Medium des Blogkommentars sprengt. Da kommt man schnell auf Kants “Streit der Fakultäten” und Fragen der schwernachvollziehbaren Grundlagenforschung verschiedener Disziplinen, und da gibt es wohl niemanden, der für sich reklamieren könnte, den Überblick zu haben.

      Ich persönlich glaube jedenfalls nicht an wissenschaftlichen Fortschritt, obwohl ich wissenschaftliches Arbeiten für die befriedigendste, friedenstiftendste Tätigkeit überhaupt halte.

  30. Dietmar Tischer schreibt:

    @ morphilosophia

    Ich glaube auch nicht an den wissenschaftlichen Fortschritt, wenn man darunter so etwas wie eine asymptotische Annäherung an den „Gegenstand des Erkenntnisinteresses“ wie beispielsweise DIE Volkswirtschaft – m.A.n. eine Entität von beinahe metaphysischer Qualität – versteht. Meiner Ansicht nach ist es Spekulation anzunehmen, dies wäre der Lauf der Wissenschaft, auch wenn es Kriterien geben mag, an denen gemessen wissenschaftlich erzielte Ergebnisse immer besser werden.

    Insofern sind wir wohl einer Meinung.

    Allerdings bin ich auch überzeugt davon, dass es wissenschaftlichen Fortschritt gibt. Der Paradigmenwechsel der Wissenschaften in der westlichen Zivilisation von der INTERPRETATION zur EMPIRIE hat ganz unzweifelhaft Fortschritt in Gang gesetzt. Wir wissen seitdem mehr und genauer. Und wir sind auch methodisch fortgeschritten indem wir dazugelernt haben, WIE wir mehr und genauer wissen können.

    Es ist ein komplexes Thema, bei dem es sehr auf die Fragestellung und die Klärung der Begrifflichkeiten ankommt.

    Der Gedankenaustausch mit Ihnen war auch zu diesem Thema sehr interessant.

Trackbacks

  1. [...] gründlich genug mit den Preisträgern auseinandergesetzt haben, wie Kantoos sehr schön ausführt („Nobelpreis – eine scheinbar schwierige Wahl für die deutsche Presse“). So werden die Preisträger explizit für empirische Makroökonomik ausgezeichnet, aber als [...]

  2. [...] number of comments on my blog and in private emails as well as a discussion on Kantoos Economics (in German) have convinced me that I mixed my general skepticism about contemporary macro with the [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 719 other followers