Gerald Braunbergers geldpolitische Schimpfkanonade

Jeder Leser dieses Blogs weiß wohl, wie sehr ich Gerald Braunberger von der FAZ schätze und wie sehr ich die Diskussionen mit ihm in den Kommentaren zu einigen Einträgen genossen habe. Mit seinem polemischen, in Teilen schlicht falschen Kommentar „Die Überforderung der Geldpolitik“ perpetuiert er aber eine unberechtigte geldpolitische Skepsis in Deutschland, die uns in Europa im Moment und in Zukunft teuer zu stehen kommen wird. Und weil mich das ärgert, muss ich seinen Kommentar hier zerpflücken, werde aber in einem Kompromissvorschlag enden.

Gerald schreibt:

Je unbefriedigender die wirtschaftliche Lage ist, umso größer werden die Ansprüche an die Geldpolitik. … [D]en Notenbanken wird nun auch noch eine weitere Aufgabe nahegelegt: Sie sollen durch höhere Inflationsraten einen Beitrag zur Stimulierung der Wirtschaft leisten, die ansonsten in einer Depression zu verharren drohe. Diese verzweifelt anmutende Idee verdeutlicht den intellektuellen Bankrott, den die seit zwei Jahrzehnten herrschende … makroökonomische Lehre in der Finanzkrise erlitten hat.

Die Ignoranz gegenüber der modernen VWL ist in Deutschland weit verbreitet, und sein „intellektueller Bankrott“ und spätere ähnliche Aussagen befördern dieses Vorurteil, obwohl es viel zu lernen gäbe. Zudem freut sich die Leserschaft der FAZ wohl diebisch an einem solchen VWL-Bashing und wird daher nie verstehen, warum die deutsche geldpolitische Skepsis, die Gerald hier vertritt, Europa in den Ruin führen wird. Damit ist nicht gesagt, dass sich die moderne Makro einig wäre – Henry Kaspar und ich zoffen uns oft genug. Aber eine offenere Betrachtung, auch vom Tonfall, hätte zu Gerald besser gepasst, denn so kommt die ökonomische Debatte in Deutschland nie weiter.

Seine Skepsis bezüglich geldpolitischer Ansichten wie meiner beruht auf zwei Argumenten. Erstens:

Jenseits jeglicher Realität ist die Vorstellung der akademischen Anhänger dieser Lehre, eine Notenbank könne durch Ankündigungen die Erwartungen der Menschen immer zuverlässig steuern. Dazu bedürfte es eines Grundvertrauens der Menschen in die Fähigkeit einer Notenbank, den Wirtschaftsablauf zu steuern, das aus gutem Grunde nicht vorhanden ist.

Dieses erste Arugment formuliert er später so:

Die Vorstellung von der Allmacht der Notenbank … erinnert auch an das Vertrauen sozialistischer Strategen in die Umsetzbarkeit von Fünfjahresplänen. In beiden Fällen liegt der Grundirrtum in der impliziten Annahme, Menschen handelten wie einfach programmierbare Roboter.

Das ist schlicht falsch, niemand braucht ein Grundvertrauen „in die Fähigkeit der Zentralbank, den Wirtschaftsablauf zu steuern“. Man braucht die Einsicht, dass die Zentralbank die nominalen Größen in der Zukunft sehr stark beeinflussen kann (die jeder hat) und die Überzeugung, dass Zentralbankchefs Versprechen ihres früheren Ichs nicht torpedieren. Wenn man dies in ein level target bezüglich einer nominalen Größe wie des Preislevels gießt – eine dieser abstrusen Ideen der modernen Makro – kommt man bei der starken Verankerung einer nominalen Größe heraus, die man natürlich durch entsprechende Setzung der Zinsen und eventuelles quantitative easing (QE) untermauert. Damit stabilisiert man die Erwartungen bezüglich der nominalen Wirtschaft in Zeiten der Unsicherheit – eines der Grundziele der Geldpolitik. Denn die Erwartungen im Kleinen, die Aussichten auf zukünftige Nachfrage nach dem eigenen Produkt, sind im Aggregat die Erwartungen bezüglich der nominalen Wirtschaft und damit für die Konjunkturentwicklung von größter Wichtigkeit. Wer meint, das hätte mit sozialistischer Zentralplanungswirtschaft zu tun, entlarvt sich schlicht als Ideologe.

Das zweite Problem von Gerald mit den geldpolitischen Ansichten der angeblichen Inflationisten ist:

Wer glaubt, Menschen mit Inflationsangst würden heimische Güter und Dienstleistungen kaufen und damit die Wirtschaft ankurbeln, sollte einen Blick in das Deutschland des Jahres 2011 werfen: Hier legen Menschen, die um den Werterhalt ihrer Währung fürchten, Euro-Guthaben in Schweizer Franken, Gold, Immobilien oder norwegischen Kronen an. Damit befördern sie höchstens neuerliche Blasen an Vermögensmärkten, während der deutsche Konsum lahmt.

Leider schießt sich Gerald damit selbst in den Fuß. Denn wie soll die Wirkungsweise von Geldpolitik aussehen, z.B. in UK wo die Geldpolitik aggressiver war und das vermutlich deshalb so halbwegs glimpflich aus der Krise gekommen ist, obwohl kaum ein Land so schwer getroffen wurde? Man würde sich wünschen, dass die Menschen a) in langfristige Güter investieren, weil die Inflation hoch und die Zinsen niedrig sind, und b) das Geld, was sie horten, im Ausland anlegen, damit das Ausland im Gegenzug Güter kauft und ausländische Güter wegen des Abwertens der Währung teurer werden. Man wünscht sich also genau die Dinge, die Gerald unverständlicherweise verteufelt.

Und was sagt, neben Geralds anekdotischer Evidenz, die wirkliche Empirie? Dieser Graph von David Beckworth für die USA zeigt den Zusammenhang zwischen den Erwartungen zum zukünftigen nominalen BIP (in dem Inflation enthalten ist) und dem tatsächlich eingetroffenen über die nächsten 12 Monate.  Schon recht deutlich.


Wenn sich Gerald zu guter Letzt beim Liebling der deutschen Kaufkrafttheoretiker bedient, dem deutschen Konsum, erzeugt das weitere Missverständnisse: der Konsum muss überhaupt nicht „anziehen“, wie es so gerne geschrieben wird, sondern die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das ist ein großer Unterschied – wobei ich hier sicher bin, dass Gerald das weiß (aber warum schreibt er dann sowas?).

Den Aspekt der Glaubwürdigkeit einer Zentralbank, den Gerald als letztes anspricht, werden wir hier im Blog in Zukunft ausführlicher besprechen – ein spannendes, und nicht so leicht zu beantwortendes Thema wie Gerald meint („Mit der Glaubwürdigkeit der Notenbank spielt man nicht.“). Daher werde ich dem jetzt nicht vorgreifen.

Nun zum Kompromiss: wie wäre es, wenn die Zentralbank einer knallharten Regel folgt, was ihre Glaubwürdigkeit sozusagen zementiert? Und den Rest dem Markt überlässt, sozusagen das Gegenteil von sozialistischer Planwirtschaft. Das einzige, das sie vorgibt: das Level der im Land getätigten Gesamtausgaben, von jetzt bis in alle Ewigkeit. Praktisch gesprochen gibt sie vor, dass die nominale Gesamtausgaben pro Jahr um 5% wachsen und jedes Abweichen von diesem Ziel im nächsten Monat/Quartal/Jahr (also in Zukunft) korrigiert wird (aka level targeting). Ja, es führt gelegentlich zu höherer Inflation, denn in Entschuldungsphasen, wenn das Wachstum darnieder liegt, wird ein solches Ziel höhere Inflation erzeugen. Aber genau das erleichtert die Entschuldung, vermindert die Arbeitslosigkeit und Rezession und vereinfacht zudem auch den Strukturwandel. Zudem bleiben die wirklich wichtigen Erwartungen, nämlich die der zukünftigen nominalen Wirtschaft, fest verankert, sowohl nach oben, als auch nach unten. Der Markt entscheidet, ob es mehr reales Wachstum oder mehr Inflation werden. Und auch Boomphasen werden abgemildert, denn man weiß: ein Überschießen der nominalen Gesamtausgaben wird korrigiert werden, wegen des Levelziels. Es wäre die konservativ-marktorientierte Geldpolitik (in den USA wird sie auch von Leute aus dem liberal-rechten Bereich vertreten), und die natürliche Fortentwicklung von Milton Friedmans k-percent rule. Warum einigen wir uns nicht einfach darauf, Gerald?

PS: die Nullzinsfalle, die für die USA nur mit einigem Goodwill zutrifft, und auf keinen Fall für Europa, habe ich hier einmal außen vor gelassen, und möchte sie auch in den Kommentaren nicht diskutieren, denn darum geht es Gerald nicht.

Kommentare

  1. cangrande schreibt:

    Über Chancen und Risiken einer Inflation habe ich schon früher intensiv nachgedacht („„Ceci n’est pas une inflation“ oder: Eine Inflation gibt es nicht!“ – http://beltwild.blogspot.com/2009/03/ceci-nest-pas-une-inflation-oder-eine.html), ohne mir allerdings schlüssig zu werden, ob sie für uns kleine Leute gut wäre oder schlecht.

    Ich bin freilich etwas skeptisch wenn ich bedenke, dass in der Weltwirtschaftskrise ausgerechnet der Spekulant Irving Fisher (im Ergebnis) eine Inflationierung (oder Reflationierung) gefordert hatte (denn darauf läuft seine Debt Deflation Theory of Great Depressions ja doch hinaus). Geht man davon aus, dass u. a. eine Verzerrung der Preise (und damit wohl auch der Ressourcenallokation) zu den großen Krisen führt (oder wesentlich dazu beiträgt), dann würde man mit einer Reflationierung genau diese Verzerrung aufrecht erhalten.

    Ohnehin scheint mir hinter den Vorstellungen der ‘Inflationisten’ die Vorstellung zu walten, dass die Notenbanken etwas herbeiführen sollten (und könnten!), was ich als „Indexinflation“ oder „Schleuseninflation“ bezeichnet habe: ein gleichmäßiges langsames Hochschaukeln von Preisen und Löhnen auf breiter Front.
    Genau das aber klappt ja bekanntlich nicht: das Geld geht in Blasen hoch.
    Zur Zeit der Kipper und Wipper (http://beltwild.blogspot.com/2009/01/die-credit-default-swaps-als.html) war der kleine Mann der Verlierer. Allerdings gab es damals auch eindeutige Gewinner: eben die Kipper und Wipper bzw. deren Auftraggeber, welche die Münzhoheit hatten.
    Wie wäre das heute? Können die Notenbanken eine Inflation ohne Verlierer schaffen? Ich habe Zweifel!

  2. Alex F. schreibt:

    Was mich am meisten nervt, ist, dass Braunberger den Libertären gibt, obwohl er der Sozialist ist. Der Markt verlangt im Moment einen negativen Realzins, nur auf diese Weise kann die Nachfrage nach Geld mit dem Angebot an Geld ins Gleichgewicht gebracht werden. Da Arbeiter kein Geld produzieren können, dies kann nur die Zentralbank (unter dem Goldstandard konnte man wenigstens noch nach Gold graben), hat der Geldmonopolist (und wir können uns auch gerne über Free Banking unterhalten) dem Markt entsprechend zu handeln. Wenn er, wie in den USA, künstlich bei -2% (Nullzins bei 2% Inflation targeting) verharrt, hält er den „Staatszins“ über dem natürlichen Zins. (Über die ECB will ich gar nicht erst anfangen.)
    Die Rede von Inflation und Geldwertstabilität führt dabei in die Irre. Es geht ja nicht um Inflation als Selbstzweck. Es geht darum mit dem Mittel der Inflation den negativen Realzins zu schaffen, den der Markt fordert. Hätten wir nominal negative Zinsen (wie Buiter oder Mankiw sie fordern) bräuchte es keine Inflation. Aus 100 Euro würden dann bei -5% Zinsen 95 Euro, aber jeder einzelne Euro wäre noch so viel Wert wie vorher. Da wir keine nominalen negativen Zinsen haben und nur deshalb, muss der Geldmonopolist zum Mittel der Inflation greifen. NGDP targeting von 5% könnte dabei bis zu 5% Inflation schaffen. Statt nominal 95 Euro haben wir dann weiterhin nominal 100 Euro, die aber nur noch eine reale Kaufkraft von 95 Euro haben.

    Nichts davon ist sozialistisch, ganz im Gegenteil, Sozialismus ist es, wenn der Staat den Menschen einen Zinssatz verspricht, den der Markt nicht bieten kann. Der Staat schafft keine Arbeitsplätze und er bestimmt auch nicht den Zinssatz. Braunbergers Forderung ist vergleichbar mit all den Linken, die Mindestlöhnen fordern und nicht einsehen wollen, dass diese, wenn sie über den Marktlöhnen liegen, einfach nur Arbeitslosigkeit verursachen. Auch Kredite vergeben und Investitionen tätigen muss und wird niemand, wenn der Zinssatz oder die Rendite niedriger sind als der vom Staat garantierte Zins. Hartz IV für Rentiers. Wozu investieren gehen, wenn es fürs nichts tun mehr Geld gibt. Die FAZ hat das Leistungsprinzip wohl aufgegeben.

    Braunberger ist vielleicht ein Rechter, aber er ist kein Libertärer. Er ist ein Zinssozialist, ein Zinsplanwirtschaftler… Er meint, wie alle Sozialisten, der Staat wisse es besser als der Markt. Wie in der DDR wird die Folge abermals Stagnation sein. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Milton Friedman würde sich im Grab umdrehen.

  3. Jay schreibt:

    Mich macht der Artikel von Gerald Braunberger ein bisschen ratlos. Seine Politikempfehlung scheint zu sein, einfach nichts zu tun und zu warten, bis sich die Wirtschaft allein von der Krise erholt hat. Wir haben niedrige Kerninflation, niedriges Geldmengenwachstum, trotz der Ursünde von Staatsanleihenankäufen keine Hyperinflation, hohe Arbeitslosigkeit, geringes Wachstum und einen Haufen von Staaten, die einen fiskalischen Kontraktionskurs durchziehen. Seine Empfehlung: Das Schaffen von Vertrauen in einen marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmen. Mh.
    „Got that 30´s feeling, all the way.“

  4. Martin schreibt:

    Ich denke, Deine Kritik an Braunberger ist teils berechtigt, insbesondere die Behauptung Braunbergers , die VWL der letzten 2 Jahrzehnte habe in der Krise versagt, ist unangebracht, denn außer in Maßen die britische ZB, wurden die Rezepte, die die moderne VWL empfiehlt ja gar nicht wirklich probiert. Insofern ist es absurd die aktuelle Situation als deren Versagen darzustellen.
    Trotzdem kann man durchaus seine Zweifel haben, ob die Zentralbank mit bloßer Ankündigung tatsächlich die Inflationserwartungen so stark verändern kann. Die japanische Zentralbank hat über einen längeren Zeitraum hinweg versucht zu inflationieren, hat es dann aber abgebrochen. Das heißt natürlich nicht, dass man es nicht versuchen könnte.
    Du schreibst:

    „Man braucht die Einsicht, dass die Zentralbank die nominalen Größen in der Zukunft sehr stark beeinflussen kann (die jeder hat) und die Überzeugung, dass Zentralbankchefs Versprechen ihres früheren Ichs nicht torpedieren.“

    Die Behauptung, dass alle Leute glauben, die ZB könne die nominalen Größen in der Zukunft sehr stark beeinflussen, ist objektiv falsch (Ich denke, das ist genau das, was Braunberger mit dem Grundvertrauen in das Steuern der Wirtschaft durch die ZB meint und nichts anderes; dass Du ihn dafür als Ideologen beschimpfst, fällt eher auf Dich zurück als auf ihn), und für die gewünschte Wirkung, müsste es nicht um eine undefinierte Zukunft gehen, sondern um einen relativ kurzfristigen Zeitraum. Die Leute werden ihre Geldhortung nicht heute aufgeben, wenn sie damit rechnen, dass in 5 Jahren die Aktionen der ZB Wirkung zeigen.
    Die Überzeugung, dass die ZB Chefs nicht irgendwann doch kalte Füße bekommen dürfte totale Mangelware sein. Es gibt kein Vertragswerk, dass die ZB Chefs daran hindert, ihre Versprechen zu brechen und massive Anreize es zu tun, sobald die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie jemand sein Geld auf ein solches Versprechen wetten kann.

    Das andere Argument von Braunberger ist auch nur zum teil falsch. Natürlich hast Du recht, dass der Kauf von Immobilien oder fremden Währungen durchaus auch die gewünschten nachfragewirksamen Effekte schaffen kann, aber stimmt es nicht auch, was Braunberger schreibt, dass dadurch neue Vermögenspreisblasen geschaffen werden?
    Haben nicht die USA auf das Platzen der .com Bubble ähnlich geantwortet, wie es Deiner Analyse nach eigentlich einigermaßen funktionieren müsste, und hat das nicht zu einem beschleunigten Anstieg der Hauspreise geführt, der schließlich massive Probleme verursacht hat?

    Vielleicht kannst Du ja mal schreiben, wie Du grob die Reaktion der Greenspan Fed und der Bush II Admin auf das Platzen der .com Bubble beurteilst, und ob Du irgendeinen Zusammenhang mit der aktuellen Krise erkennen kannst.

    • kantoos schreibt:

      @ Martin

      Du schreibst, dass es „objektiv falsch“ ist, dass die ZB die nominalen Größen in der Zukunft startk beeinflussen kann. Dann aber schreibst Du, dass dafür Glaubwürdigkeit nötig ist. Das war nicht mein Punkt, das habe ich im zweiten Teil geschrieben („Versprechen ihres früheren Ichs“). Also nochmal: die ZB kann (! wenn sie sich nicht selbst später wieder torpediert) die nominalen Größen der Zukunft sehr (!) stark beeinflussen. Das ist die Aussage und ich kenne niemanden, der das bezweifelt. By the way, den Ideologen bekommt Braunberger für seine sozialistische Planwirtschaft, denn das ist nun wirklich kein Argument mehr sondern suggestive Polemik bei einem wichtigen Thema.

      Die Glaubwürdigkeit selbst ist natürlich ein Problem, aber ich denke nicht, dass bei der expliziten Ankündigung und vernümftigen Begründung und Kommunkation eines Preislevelziels die Leute es nicht glauben. Die Bank of England macht es ja in Teilen vor (ohne die Kommunikation allerdings, was schade ist, denn so macht sie sich angreifbarer). Und wie lächerlich würde sich eine ZB machen, wenn sie nach der aufwändigen Ankündigung eines Preislevelziels es nachher wieder torpediert?

      Die Reaktion auf .com ist ein Beispiel, wo es gut funktioniert hat. Allerdings war das eine asset Blase keine Kreditblase, das ist schon ein Unterschied, den ich mittlerweile zugestehe. Die Hausblase fing teilweise da an, völlig richtig. Aber sie wurde eher dadurch geschaffen, dass man nachher disflationäre Tendenzen für Japan hielt obwohl es Produktivitätsschübe waren (was mit nominalem Ausgabenziel nicht passiert wäre, wohl aber mit Inflationsziel) und regulatorisch einer freien Markt Ideologie gefolgt ist, die sich als fatal heraus gestellt hat. Wer die Zinssetzung gegen Kreditblasen einsetzen will, benutzt sehr grobes Werkzeug für eine eigentlich feinmechanische Aufgabe. Wer Hauspreisblasen verhindern will, kann erstmal die Regularien für Anzahlungen bei Krediten ändern, nicht die ganze Wirtschaft in eine Rezession schicken.

      Wie der Einfluss von Bush II ist, da bin ich mir weniger sicher, als Fiskalpolitikskeptiker. Es waren ja im großen eher tax cuts für Wohlhabende, das würde ich als weniger entscheidend ansehen, weil die Zentralbank nicht beschränkt war und ihr gewünschtes Ziel an AD ohnehin erreichen konnte.

      PS: Japan hat die Aktion abgebrochen, aber hat auch nie die Erwartungen entsprechend gesteuert, oder? Und hat die Zinsen 2 Mal erhöht, obwohl die Inflation nun nicht gerade wegzulaufen drohte. Es scheint eben eher als sei das Inflationsziel der BOJ = 0%.

  5. Friedrich Bolle schreibt:

    @Martin
    >Ich denke, Deine Kritik an Braunberger ist teils berechtigt, insbesondere die Behauptung Braunbergers , die VWL der letzten 2 Jahrzehnte habe in der Krise versagt, ist unangebracht, denn außer in Maßen die britische ZB, wurden die Rezepte, die die moderne VWL empfiehlt ja gar nicht wirklich probiert<

    Man könnte auch behauptenm wenn die VWL so wenig Überzeugungskraft, sprich banal so eine schlechtes Marketing für ihre " moderne Produkte " in den letzten 2 Jahrzehnten gemacht hat, dann ist dies doch auch Marktversagen. Oder liege ich da falsch??
    @Alexander F

    Fordern tatsächlich nur die Linken einen Mindestlohn?
    Ist nicht Grundeinkommen auch Mindestlohn oder interpretiere ich da Friedman und Hayek falsch?

  6. Systemfrager schreibt:

    @ Friedrich Bolle
    >>> … dann ist dies doch auch Marktversagen. Oder liege ich da falsch??

    Du liegst nicht falsch. Der Markt versagt nicht, kann gar nicht versagen, aber nur in der „Theorie“ der Dampflokingenieure Walras & Pareto, in ihrem gestohlenen partikel-mechanischen Modell des Marktes. Der Markt versagt in der Realität. Das lässt sich auch nicht mit dem Geld, also im Rahmen einer monetären Analyse erklären, oder besser gesagt, alle bisherigen Versuche – Keynes eingeschlossen – haben versagt. Die monetäre Phänomene sind Folgen, nicht die Ursachen. Warum Markt nicht funktionieren kann, also vrsagt, lässt sich im Rahemen einer realen Analyse streng logisch und mathematisch erklärern. Im Modell des Kreislaufes. Aber was heißt Marktversagen?

    Das heißt, die freie (laissez-faire) Marktwirtschaft muss nach ihrer Phase des Wachstums zwangsläufig zusammenbrechen

    Die wellenförmige Funktionsweise der (laissez-faire) Marktwirtschaft
    Wie wächst sie, warum stürzt sie ab und wann beginnt alles wieder von vorne

    Die Ökonomen sind sich weitgehend einig, dass die Angebotstheorie nur das Gleichgewicht (Aufschwung und Hochkonjunktur) und die Nachfragetheorie nur das Ungleichgewicht (Abschwung und Depression) erklären kann. Diese Theorien sind aber nicht zwei Hälften, die ein Ganzes ergeben. Folglich lässt sich ihnen keine schlüssige Erklärung des zyklischen Verlaufes der Marktwirtschaft abgewinnen. Das Kreislaufmodell bietet einen paradigmatischen Bezugsrahmen von Annahmen und analytischen Mitteln zur Lösung dieses Problems. In den folgenden Beiträgen zeigen wir, warum eine stabil funktionierende Marktwirtschaft abstürzt, wie sie sich dann erholt und vorwärts kommt, bis sie dann erneut abstürzt.

    mehr >>>

  7. Systemfrager schreibt:

    Fortsetzung:
    Wenn ich sage:
    Die monetäre Phänomene sind Folgen, nicht die Ursachen
    steht dies nicht im Widerspruch zur Aussage:
    Mit Geld lässt sich die Wirtschaft „heilen“.
    Deshalb ist Geld wichtig: SEHR WICHTIG

    ps
    Wenn aber über die Geldmaßnahmen die Ökonomen sinnieren, die keine Erklärung haben wie der Markt funktioniert, also die Walras-Pareto-Gläubigen, dann ist dies ein dummes Geschwätz

  8. f.luebberding schreibt:

    Jenseits des Braunbergers Bashing … . Hat hier jemand eine Idee, warum die Geldmärkte einfrieren und die Banken offenkundig wieder im Panik-Modus sind?

    • kantoos schreibt:

      @ f.l

      Ein Versuch:

      Weil die Welt sich nicht besonders gut entwickelt, selbst Deutschland nicht mehr, die amerikanischen Banken das Vertrauen in Europa verlieren (weil sie ihren Kunden besser erzählen, dass sie kein exposure haben, als die Details zu erklären) und die EZB auf ihren Händen sitzt?

  9. Systemfrager schreibt:

    @ f.luebberding
    >>> Hat hier jemand eine Idee, warum die Geldmärkte einfrieren und die Banken offenkundig wieder im Panik-Modus sind?

    Das ist ganz einfach. Der Kranke im Bett bekommt immer wieder Fieber – weil er krank ist und solange er krank ist.

  10. Alex F. schreibt:

    @Friedrich Bolle

    „Fordern tatsächlich nur die Linken einen Mindestlohn?
    Ist nicht Grundeinkommen auch Mindestlohn oder interpretiere ich da Friedman und Hayek falsch?“
    Mindestlohn gerade nicht. Bei Friedmans negativer Einkommensteuer könnten Löhne sogar auf Null absinken. Aber es stimmt, dass eine negative Einkommensteuer oder ein Grundeinkommen Umverteilung wäre, man subventioniert Geringverdiener. Friedman hat eine NegESt nicht als besser als alles andere, sondern eher als weniger schlecht verstanden.

  11. f.luebberding schreibt:

    Kantoos

    Man sollte das konkretisieren. Nicht die Welt, vor allem die USA sind mit ihrem Latein am Ende. Die finden nicht mehr den Transmissionsriemen zwischen ihrer Geldpolitik und Unternehmen/Konsumenten. Für eine andere Fiskalpolitik sind sie im Zustand der politischen Selbstblockade. Kein Wunder, dass man in Washington nervös wird.

  12. Alex F. schreibt:

    @Kantoos
    „Also nochmal: die ZB kann (! wenn sie sich nicht selbst später wieder torpediert) die nominalen Größen der Zukunft sehr (!) stark beeinflussen.“

    In diesem ganzen Streit gibt es, denke ich, zwei Parteien. Die Mechaniker und die Metaphysiker. Die einen wollen einen „handfesten“ Transmissionsmechanismus, die anderen glauben, alles spielt sich nur im Kopf ab. (Sumner spricht sogar von postmodernem Monetarismus. Warum nicht? Siehe Derrida: http://www.amazon.de/Falschgeld-Falschgeld-Zeit-geben-I/dp/3770528530)

    Wir sind auf Sumners Seite, also Metaphysiker. Deshalb verstehe ich einen Punkt bei dir nicht. Gerade weil es um Erwartungen geht, beruht die Macht der ZB auf einer fundamentalen Machtlosigkeit. Wenn die andere Seiten nicht „glaubt“, passiert nichts. Es gibt keine Mechanik. Es läuft alles über Placebos.

    Stell dir vor ich habe eine magische Waffe, die nur geladen ist, wenn über 50% der Wölfe, die ich versuche mit der Waffe zu kontrollieren, glaubt, dass sie geladen ist. Ich kann schreien und poltern, wenn die Mehrheit der Wölfe nicht glaubt, dass meine Waffe geladen ist, ist sie nicht geladen. Die Unsicherheit liegt natürlich auch bei den Wölfen. Wenn ein Wolf meint mich angreifen zu können, muss er glauben, dass weniger als 50% seines Rudels glaubt, dass meine Waffe geladen ist, sonst fängt er sich eine Kugel ein. Mein Vorteil ist, dass die Wölfe nicht kommunizieren können. Keiner kann wissen, was die anderen denken. Zudem sind die Wölfe Egoisten, nur auf ihr eigenes Wohl bedacht.

    Andererseits ist das vielleicht falsch, die Tea Party (und Deutschland ist die Tea Party Europas) ist der Versuch einer Koordination der Wölfe. Es wird versucht mit politischen Mitteln zu verhindern, dass die ZBs das Image aufbauen, das sie brauchen, um glaubwürdig zu sein. Vielleicht ist es ein Widerspruch in sich, von Bankern zu verlangen, dass zu entwerten, womit sie handeln. Kann der Papst verkünden, dass es keinen Gott gibt?
    http://www.theonion.com/articles/us-economy-grinds-to-halt-as-nation-realizes-money,2912/

  13. jmg schreibt:

    @ f.luebberding
    „Hat hier jemand eine Idee, warum die Geldmärkte einfrieren und die Banken offenkundig wieder im Panik-Modus sind?“

    Da gibt es ein paar Gründe:
    1. Die Rede von Lagarde in Jackson Hole (lesenswert) mit folgender Passage:
    „Europe
    …, banks need urgent recapitalization.
    They must be strong enough to withstand the risks of sovereigns and weak growth.
    This is key to cutting the chains of contagion.“
    „urgent“!!!? Ja, welche Bank meint sie denn? Unsere ist ja gesund, aber wie steht es mit den anderen?
    http://www.imf.org/external/index.htm
    Heute legt die europäische Bankenaufsicht nach:
    „Die europäische Bankenaufsicht EBA ist offenbar in großer Sorge über die knappe Kapitalausstattung europäischer Banken.“
    http://www.handelsblatt.com/politik/international/aufseher-fordert-weitere-hilfen-fuer-europas-banken/4554500.html
    „grosse Sorge“, trotz Stresstest?
    2. Schlechte Konjunkturdaten in Europa und USA. Keinerlei Willen der Regierungen zu erkennen mit Fiskal- oder Geldpolitik gegenzusteuern.
    Siehe z.Bsp. Rede von Bernanke in Jackson Hole. Q3 blieb aus. EZB will nur eins: 2 Prozent Inflation. Fiskalpolitiken auf Austeritätskurs.
    3. Die Griechen fordern 90% Beteiligung der Banken an der angestrebten Umschuldung. Einige sträuben sich. Sollen doch die anderen mitmachen, das erhöht unsere Chancen den vollen Nennwert bei dann gesunkener griechischer Schuldenlast zurück zubekommen.
    Was passiert, wenn es zu keiner Umschuldung kommt?
    http://www.bloomberg.com/news/2011-08-26/greece-government-links-debt-exchange-to-reaching-90-participation-level.html
    4. Überlebt die deutsche Regierung die Abstimmung zum Rettungsfond

    Gegeben diese offenen Fragen hält man sich bei den Banken lieber eine Vorsichtskasse, um liquiditätsmässig nicht auf dem falschen Fuss erwischt zu werden.

  14. Stephan schreibt:

    Aha. Der Kompromiss besteht darin, dass der Quasi-Monetarist sein Lieblingssteckenpferd reitet: NGDP Targeting. Meine Frage in dem Zusammenhang: wie genau soll das in der Praxis von statten gehen? Was soll zum Beispiel deiner Meinung nach die EZB machen? Mit Ankündigungen allein ist es wohl nicht getan?

  15. Rien Huizer schreibt:

    @ Kantoos,

    It is a bit strange that everyone here talks as if Germany a Central Bank has. That is not the case. The monetary policy that affects Germany is made by a CB tasked with responding to economic conditions in a highly diverse set of countries. The ECB is not part of the State. So, even if an NDGP level targeting policy could be designed and implemented without jeopardizing CD credibility, and notably in the very special case of the EUR area, and transparently, the complexity of dealing with a multi-state entity would challenge this a lot. Hence I do not think that

    „Wenn man dies in ein level target bezüglich einer nominalen Größe wie des Preislevels gießt – eine dieser abstrusen Ideen der modernen Makro – kommt man bei der starken Verankerung einer nominalen Größe heraus, die man natürlich durch entsprechende Setzung der Zinsen und eventuelles quantitative easing (QE) untermauert. “

    is in anyway feasible in the EUR zone. What you propose is not a credible process within this complexity, the ECB does not have the tools to model the effects (and certainly not under extraordinary conditions, far removed from the calibration basis of its models) nor the mandate to do this without extensive consultation with its sponsoring countries

    Likewise, the demand/supply relationship for money and that for safe financial assets (one of the underlying debates is about these relationships) in Germany is not the same as in, say Greece. But since the only monetary policy response that the ECB is capable of is undifferentiated between countries with more or less healthy domestic demand/supply relationships (say, Holland) for safe assets and outright market failure (as in Greece) , there is a looming problem if the banks are not immediately insulated from their local gvt credit. And there are only two ways to do that: capitalize those banks to a very high level (why: because adequate bank capitalization levels have been „calibrated“ to a sitiation where a government that can print money plays a credible role as informal guarantor.

    Banks that would have high exposure to (say again, Greece, in the case of a domestic bank in Greece) not only in a role as investor in Greek state bonds with an elevated probability of default, but especially as commercial banks exposed to a domestic economy facing the prospect of a 10-20% declaine in NDGP, on top of an already depressed level of output, would need perhaps 5 to 6 times the capital buffer they would need under normal conditions (assuming they would remain in the EUR). It is those banks (where runs are already going on) that need the urgent recap that the IMF advocates. Or rather either a recap or a split up into a good and a bad bank and subsequent sale of the good bank to the highest foreign bidder.

    This is not rocket science. But it is odd that the discussion on this topic here completely ignores that the effective interest rate for an average commercial borrower in Greece (assuming no foreign bank expansion into Greece) maybe should be the bank’s cost of marginal funds (assuming capita; flight/deposit losses of, say 5% plus a credit risk premium of another 5%, plus whatever deflation occurs in Greece as a result of exogenous policy. However, bank customers who transfer their accounts abroad, earn virtually no interest, but pocket, the non-taxable deflation premium. No rational investor would keep his excess money (held for whatever motive) in a local bank, and all the locally operating foreign banks have probably ringfenced their local deposits. Clearly the effect of that, should it spread to Spain and Italy would represent very severe systemic risk. Hence it is astonishing that the official European response to the IMF suggestions re banking system reinforcement are dealt with by reference to the „stress tests“ that have no systemic risk (or macroprudential) element whatsoever. The IMF has dealt with failing dollarized economies and completely understands that the local banks are maybe a greater problem that the local governments.

    So what would you do with that. Can the ECB solve this? Would NDGP targeting as by magic remove the threat to the local banks???

  16. Rien Huizer schreibt:

    @ Kantoos,

    Apologies, I left out the second way to insulate banks: or let them be supported (guarantees, put options for asset portfolios, high level of deposit insurance, etc) by a creditworthy supranational European agency.

  17. WolfgangW. schreibt:

    f.luebberding

    >“Man sollte das konkretisieren. Nicht die Welt, vor allem die USA sind mit ihrem Latein am Ende. Die finden nicht mehr den Transmissionsriemen zwischen ihrer Geldpolitik und Unternehmen/Konsumenten. Für eine andere Fiskalpolitik sind sie im Zustand der politischen Selbstblockade.“<

    Seien wir doch nicht naiv. Wie der Artikel von Gerald Braunberger beweist, sind interessierte Kreise gerade dabei, mittels restriktiver Geld- und Finanzpolitik die nächste große Krise zu inszenieren. Wir dürfen das diesmal nicht zulassen, dass es hinterher heißt, das habe jetzt niemand gewusst und kein Ökonom kommen sehen. Sondern es muss klar gesagt werden, dass auch die jetzt auf die Sparpolitik der Staaten vor allem der EU folgende Rezession von deren Profiteuren betrieben wurde und gewollt ist. Sonst müssen wieder die Opfer der Krise für die Krise bezahlen.

    Die neoliberalen "Schocktherapien" haben bisher für die Reichen doch bestens funktioniert. Jede Krise wurde dazu benutzt, die Löhne zu senken, den Sozialstaat zu schleifen, die Märkte zu deregulieren und dem Kapital die Steuern immer weiter zu schenken, Subventionen zu zahlen und die Banken aus ihren Spekulationen auf das Risiko des kleinen Steuerzahlers zu retten.

    Damit wollen die jetzt doch nicht aufhören, sondern gleich mit der kommenden Krise weitermachen. Dann wird es wieder heißen, dass mit den hohen Löhnen und Sozialausgaben jetzt endlich Schluss gemacht werden müsse, damit sich die Ausbeutung der Arbeiter für das Kapital wieder richtig lohnt.

    Dass es ein Skandal sei, wenn die faulen Arbeitslosen immer noch nicht bereit wären, zu den ihrer niedrigen Produktivität entsprechenden markträumenden Hungerlöhnen zu arbeiten, und dass man das jetzt mit weiteren Kürzungen der Unterstützung für die Arbeitslosen und mit noch drakonischeren Strafen für jeden, der für seine Arbeit auch noch Lohn bekommen will, durchsetzen müsse. Und außerdem können auch mit der nächsten Krise noch mehr Steuersenkungen und Investitionsanreize für das Kapital durchgesetzt werden.

    Leute wie Gerald Braunberger werden schließlich sehr gut bezahlt, für das, was sie da schreiben, wenn sie die Ökonomie gar nicht mit der richtigen Geldpolitik stimulieren wollen, weil es nicht die für die reichen Profiteure der Krisen richtige Geldpolitik wäre.

  18. Martin schreibt:

    @kantoos,
    Ich schrieb, dass es objektiv falsch ist, dass alle Leute glauben, dass die ZB diesen starken Einfluss hat. Du kennst zwar anscheinend keine Leute, die solche Zweifel haben, aber z.B. auf dem weissgarnix Blog gab es mal sehr ernsthafte Diskussionen, welche Moeglichkeiten die ZB tatsaechlich hat die Wirtschaft zu beeinflussen, und durchaus mit Beteiligung des Finanzpraktikers Thomas Strobl, der den Blog betreibt, selbst. Und wenn die Leute unsicher sind (auch z.B. weil sie das Geldsystem insgeamt nicht verstanden haben, was fuer die meisten Leute zutrifft – Du wirst nicht glauben welche Unbildung bezueglich solcher Themen selbst im hoeheren Management in deutschen Unternehmen existiert), bleiben sie eher passiv, was in diesem Fall dazu fuehren wuerde, dass der ganze Plan nicht funktioniert. Die Ankuendigung der ZB bewirkt doch nur etwas, wenn die Leute dann aktiv werden und ihr Geld ausgeben und nicht erstmal abwarten, bis die hoehere Inflation tatsaechlich eintrifft.

    Welche Schluesse man daraus ziehen soll, wenn deflationaere Tendenzen mit hohen Produktivitaetssteigerungen einhergehen ist mir auch nicht wirklich klar.

    Zuletzt frage ich noch, wie der Transmissionsmechanismus „Niedrige Zinsen -> mehr Nachfrage“ funktionieren soll, wenn gleichzeitig Gegenmassnahmen ergriffen werden, die die Preise der Assets, die am staerksten auf kleine Aenderungen der Zinsen reagieren, daempfen sollen. Das Haus als ATM war doch das, was die Welt jahrelang am laufen gehalten hat, sonst waeren wir schon lange in der Nullzinsfalle.
    Ausserdem sind es vielleicht nicht nur Haeuser sondern auch noch andere Assets, die gefaehrlich sind. Wer weiss schon in welche Kanaele die Banken das billige Geld wirklich schicken. Uebrigens, nochmal das Beispiel Japan – die Krise dort wurde vornehmlich durch ueberschuldete Unternehmen (Kredit, aber nicht Hauskredit), nicht ueberschuldete Privatpersonen, eingeleitet. Ich kann wirklich nicht erkennen, dass es einfach waere durch Regulierung zu verhindern, dass eine hinreichend grosse monetaere Expansion um eine Krise zu verhindern, die durch massive Fehlinvestitionen enstand, nicht den Kern fuer die naechste Krise enthaelt. Und komplizierte Aufgaben werden von der Politik meistens nicht erfuellt.

    Das beste waere vermutlich noch der Aufkauf von Fremdwaehrungen, und dadurch Abwertung, aber das ist nun wirklich keine Loesung fuer eine globale Krise.

    Daher wuerde ich fuer eine dezidiert fiskalische Antwort in Form von konkreten Projekten als Antwort auf die Krise plaedieren. Der Unterschied zur monetaeren Antwort mit Regulierung ist, dass nicht billiges Geld fuer alles da ist, was nicht explizit verboten wird, sondern Geld fuer die explizit gewuenschten Dinge zur Verfuegung gestellt wird, unter der Bedingung, dass die Projekte relativ schnell wieder zurueckgefahren werden koennen, sollte sich die Wirtschaft wieder erholen.

    • kantoos schreibt:

      @ Martin

      Hab wenig Zeit, daher nur kurz: wir missverstehen uns. Mein erstes statement hat nichts mit Glaubwürdigkeit o.ä. zu tun. Wenn die Zentralbank die Geldmenge verdoppelt, hat das einen sehr großen Einfluss auf das Preisniveau in der Zukunft. Punkt. Ich kenne niemanden, der das bestreitet. Jetzt ist das eine schwachsinnige Politik, natürlich. Aber wenn man einen diktatorischen und leicht irrsinnigen ZB Chef hätte, könnte das funktionieren. Es sei denn, er bricht sein Versprechen und zieht das Geld wieder ab. Und das habe ich als zweiten Punkt geschrieben. Die meisten schmeißen die beiden aber zusammen (was nicht unzulässig ist, aber ich denke den Blick aufs wesentliche versperrt).

      Etwas realistischer: wenn die ZB ein wohl kommuniziertes Preisleveltarget vorgibt, sehe ich nicht, waum die ZB dieses Versprechen brechen sollte. Und das, gepaart mit ersterem, wird dann auch funktionieren. Aber Glaubwürdigkeit machen wir noch etwas ausführlicher.

  19. Rien Huizer schreibt:

    @ Martin,

    You are right and wrong at the same time. The Japanese crisis emerged from a banking system where the firms at the top of the food chain (the City Banks) had lost their best customers (because they did not need not much external JPY financing anymore and certainly not from patronizing (to put it mildly) banks. That made the top banks not return capital to shareholders (as they should have), but chase assets in the traditional territory of much smaller and more „informal“ banks and finance companies who had previously been busy making expensive loans to weak borrowers. The excess supply of credit was caused by a virtual (because by international standards the Japanese banks were weakly capital=ized, but by Japanese standards (weighing large equity portfolios in non-banks) they had much more than they needed. There is extensive evidence of this and also that the subsequent collapse of the Japanese financial system was caused mainly by clumsy handling of the introduction of the Basle I solvency standards in a banking system with ancient German features (Hausbank, cross shareholdings, participations, exchange of directorships) dating back to the pre-war situation where banks were primarily a financing arm of industrial conglomerates.

    However you are right that it is utterly unclear how the ECB should manage NDGP (or a policy closely realated to that, what kind of market interventions that would require (and through what channels), what kind of instruments (to include models -Kantoos would not want the CB to fly without proper navigational tools) and how expectations would be created and sustained. At present, especially now an easing seems the more appropriate next step after premature tightening, the ECB may well be enjoying the opposite of credibility. Resorting to the use of a prototype might destroy the institution altogether. That would make the ECB the exact opposite of the imaginary inflexible and infallible policy robot posited by the NDGP targeting approach.

  20. Alex F. schreibt:

    Die in den Kommentaren geäußerten Einwände gegen die Fähigkeit der ZBs Inflationserwartungen zu wecken, überzeugen mich nicht. Jede Art der Geldpolitik, selbst ein Helicopter-Drop, läuft über Erwartungen. D.h. für den, der mechanistisch denkt, könnten sie theoretisch alle nicht funktionieren. Dass gilt auch für konventionelle Geldpolitik. Wenn die ECB den Leitzins senken will, und man ihr nicht glaubt, dann kann sie den Leitzins nicht senken. Es stimmt, dass die ZBs sich ein kontraproduktives Image aufgebaut haben. Doch ein Image kann man ändern, das Problem ist doch eher, dass dies politisch nicht gewollt ist.

    Alle anderen Einwände richten sich gegen die Wirkungen oder besser Nebenwirkungen, also neue Assetblasen oder wie man europäische Geldpolitik passgenau für 17 Länder macht. Aber das hat mit Geldpolitik gar nichts zu tun. Genauso gut könnte man nach einem Waldbrand für die Abschaffung des Sauerstoffes plädieren. Etwas übertrieben, finde ich.

    Wenn man aber freie Hand hätte, wäre die ideale Geldpolitik ein Helicopter-Drop in Form einer Steuersenkung, ein „refundable tax credit“ (bekommt man auch, wenn man keine Steuern zahlt) in gleicher Höhe für jeden Eurozonenbürger. Nachjustiert wird dann über unterschiedliche MwST-Sätze in den Regionen. Wo zuviel Inflation droht, wird die MwST erhöht und das eingenommen Geld aus dem Markt genommen. Ein solche Geldpolitik mit fiskalpolitischen Mitteln braucht überhaupt nicht über die Banken zu laufen. Sie braucht auch nur ein Minimum an demokratischer Legitimation, denn das Geld gerät ja nie in die Hände von Politikern. Staat und Banken bleiben draussen. Eine Art neue Gewaltenteilung, Geldpolitik käme dann ohne Staatsverschuldung als Collateral aus und sie würde auch nicht mehr über die Banken laufen. Im selben Zug könnte man die Einlagensicherung abschaffen und die Banken in den freien Markt entlassen. Die wären begeistert. :-)

  21. Martin schreibt:

    @Alex F.
    das Geld den Leuten direkt zu geben wäre eine Lösung, mit der ich auf jeden Fall einverstanden wäre, sehe das aber auch eher als fiskalisch als als monetär.

    War übrigens auch eine der Sachen, die die GWB Regierung in den USA wenn auch in ungenügendem Umfang und glaube ich auch nur für Leute die überhaupt Steuern zahlen gemacht hat.

  22. Martin schreibt:

    @kantoos,
    dann warte ich mal auf die nächsten Posts…

  23. Friedrich Bolle schreibt:

    @Systemfrager

    Systemfrager schreibt:
    30. August 2011 um 06:15

    @ Friedrich Bolle
    >>> … dann ist dies doch auch Marktversagen. Oder liege ich da falsch??

    Ich vergaß die :-) :-) :-) beizufügen.

    Aufschlußreich ist es für mich immer wieder wie Ökonomen “ Marktversagen “ in den Wirtschaft analysieren und in Ihrem eigenen Haus “ Schwierigkeiten “ mit dem “ Marketing “ Ihrer Ideen und Lösungsansätze haben.
    Aber vielleicht verhält es sich bei Ihnen wie beim Schuhmacher mit seinen eigenen Schuhen :-) :-)

    Vielleicht sollte man die Evaluierung der Wirtschaftsinstitute und der anderen ökonomischen thinkstanks einer Reform unterziehen und zusätzliche Kriterien einführen statt sich nur mehr oder weniger auf die Publizierungsliste zu focussieren.
    Wir verlangen zunehmend vom Staat eine Offenlegung der Informationen und Transparenz; warum nicht auch bei den Instituten, die letztlich von Steuermitteln finanziert werden.

Trackbacks

  1. [...] einfachen Floskeln und Parolen besser bei der Öffentlichkeit punkten kann. So kommt es dann, wie hier gezeigt wird, seltenst zu einer ernsthaften Auseinandersetzung damit, was eigentlich ökonomisch sinnvoll oder [...]

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