Die Definitionshoheit darüber, was in der VWL “links” ist und was nicht, hatten in Deutschland lange schon die Falschen und als links-lastiger Ökonom sage ich klar: es ist höchste Zeit, das zu beenden. Insofern bin ich Mark fast dankbar für seinen Eintrag beim Herdentrieb.
Er bespricht darin den sehr lesenswerten Essay von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und schreibt:
Schirrmacher geht es vor allem darum, zu zeigen, wie im Zeitalter des too big too fail die Fundamente einer marktwirtschaftlichen Ordnung – Eigenverantwortung, der Zusammenhang von Risiko und Haftung – eingerissen werden, wovon Großbanken und Großunternehmen profitieren. …
Schirrmacher attackiert über weite Teile seiner Schrift also keineswegs den freien Markt, er attackiert die Abwesenheit des freien Markts, also den Staatsinterventionismus zugunsten – wie sollte es auch anders sein – des Finanzkapitals. …
Das ist zwar richtig, aber etwas verkürzt. Denn ich denke auch ein Schirrmacher oder Moore akzeptieren, dass man in Finanzkrisen – auf welche die Politik nicht im Geringsten vorbereitet war – als Staat nicht einfach ungeeignete Insolvenzverfahren walten lassen sollte. Wohl aber geben sie implizit zu bedenken, dass man die Kosten dieser Rettungen und Stützungen auch anders verteilen kann. Und damit decken sie sich klar mit linken Ansichten.
Denn was ist eigentlich “links”? Für Mark ist es scheinbar die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Theoriegebäude oder Welterklärungsmuster (Aufgeklärte Linke = (Post)Keynesianismus). Aber nichts könnte falscher sein. Links sein ist im Endeffekt eine Frage der Werte und Ziele: Glaubt man an das soziale Wesen Mensch oder folgt man dem Spruch “Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht”? Ist die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen wichtiger, oder greift man manchmal auch staatlicherseits ein, wenn Menschen außer Standes sind, ihre Freiheit zu nutzen? Ist das Ziel eine Gesellschaft, in der die Verteilung von Chancen, Einkommen und Reichtum nicht nur den freien Kräften des Marktes unterworfen wird, sondern gesellschaftlicherseits korrigiert wird, und zwar deutlich?
Nun kann man diese Ziele auf intelligente Weise erreichen (wie etwa Schweden), indem man die VWL ernst nimmt, ihre Erkenntnisse versucht für sich zu nutzen und ein Wirtschaftssystem entwickelt, das sich ohne Naivität an der Gesamtheit (!) der menschlichen Natur ausrichtet. Oder aber man gräbt sich aus lauter Antihaltung gegenüber dem ökonomischen “Mainstream” in Abseitiges ein und feuert aus dieser Sackgasse zurück:
[Schirrmachers Argumentation] ist ein Topos, den die aufgeklärte Linke nicht unbedingt teilt. Jedenfalls erfährt die Rettung von Euro und Banken aus keynesianischer und postkeynesianischer Ecke wohl die größte Zustimmung …
Die Krise hat gezeigt, dass Eigenverantwortung und die anderen so genannten Werte des Kapitalismus eine Fiktion sind, die wenn überhaupt nur für die da Unten gelten, nicht für die da Oben. … Wirtschaft und Moral sind zwei Paar Schuhe, begreift es endlich.
Das auszuhalten und wo es möglich ist durch staatliche Eingriffe korrigierend einzugreifen, das ist linke Politik. Nicht der Traum vom gütigen Vater Markt. Insofern verstößt die Bankenrettung vielleicht gegen konservative Moralvorstellungen – aber sie ist links.
Der “gütige Vater Markt” ist natürlich eine polemische Verkürzung, denn niemand erwartet vom Markt “Gütigkeit” sondern die Überführung von privaten Motiven in gesellschaftliche Resultate. Genau wegen dieser Funktion des Marktes kann man ihn für sich nutzen, zu welchem Zweck auch immer.
Wenn es also eine vernünftige linke ökonomische Agenda gäbe, wäre sicher ein wichtiger Teil dafür zu sorgen, dass die Finanzindustrie von diesem Marktmechanismus ebenso stark, wenn nicht sogar stärker betroffen ist als der kleine Mann auf der Straße, notfalls mit Radikalmaßnahmen kurz vor der Enteignung. Und auch das, was Mark euphemistisch “Eurorettung” nennt und was de facto ein weiteres Bankenrettungspaket ist, hätte man aus der Perspektive eines wirklich Linken anders lösen können, ja: müssen.
Womit ich zu Marks abenteuerlicher wirtschaftshistorischer Begründung für seine Position komme:
[A]us keynesianischer Sicht [ist] eine der wichtigsten Lehren des vergangenen Jahrhunderts … dass der Versuch, die Eigenverantwortung auf Teufel komm raus durchzusetzen geradewegs in die ökonomische und politische Katastrophe führt. Wer Pleite Banken einfach Pleite gehen lässt, der kommt bei 1933 raus.
Also Marks Keynesianismus scheint mir in der Tat fremd zu sein, und hat auch mit modernem Keynesianismus wie ich ihn kenne nichts zu tun (überhaupt ist die Frage, wer eigentlich Keynesianer ist).
Doch vielleicht hat Mark unfreiwillig Recht: wer mit Banken radikal umgeht, der kommt tatsächlich bei 1933 raus, in dem Jahr nämlich, als Franklin D. Roosevelt mit dem Emergency Banking Act in den USA das gemacht hat, was Mark scheinbar ein Graus wäre, nämlich den gesamten Finanzsektor der USA in einer Art erzwungenem bank holiday vorübergehend dicht zu machen und dann radikalst zu säubern (aka pleite gehen zu lassen), dem Markt also gewissermaßen zu seinem Recht zu verhelfen, ohne das Land in Chaos zu stürzen – zum Entsetzen der Finanzindustrie. Zudem hob er die Goldbindung auf, verkündete eine Art Preislevelziel für die Geldpolitik und sorgt mit monetärem Stimulus dafür, dass die Industrieproduktion in den nächsten 5 Monaten um über 50% wuchs. Aus dem Gegensatz zu Europa heute sollte man als Linker die wichtigste Lehre ziehen.
Niemand braucht Postkeynesianer oder was auch immer zu sein, um ökonomisch links zu sein. Jeder, der VWL versteht, zu nutzen weiß und damit linke Werte und Ziele erreichen möchte, ist in meinen Augen ökonomisch links. Und wenn sich dann bisweilen die Wege mit strammen Ordnungsökonomen von der FAZ kreuzen, dann geht man ein Stück nebeneinander auf dem scheinbar einzig sinnvollen Weg und trennt sich an der Abzweigung, wo auf dem Pfeil nach links steht “Aufgabe der Zentralbank ist es, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabil zu halten” und auf dem rechten “Hauptsache keine Inflation, für unsere vergangenen Sünden müssen wir mit Rezession und Arbeitslosigkeit büßen”.


Haben nicht die frischgebackenen Kapitalismuskritiker alle über viele Jahre den Neoliberalismus als ide letzte ökonomische Wahrheit gepredigt, auf den Sozialstaat eingeprügelt und alle Kapitalismuskritiker in die Nähe der Planwirtschaft und Stalinismus gerückt? Dass jetzt die prominetesten Propagandisten des Systems nahezu gleichzeitig Zweifel bekommen und Kritik üben, ist zumindest heuchlerisch – wenn nicht zynisch. Es spricht alles dafür, dass sie den wachsenden Unmut in der Bevölkerung registrieren und versuchen, mit einer maralischen und obeflächlichen Kapitalismuskritik etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen.
Donnerswetter! So kurz und klar hat es noch keiner formuliert ! ! !
Fast würde ich sagen: Jetz weiß ich, warum ich ein Linker bin. Da gibts aber ein kleines Problemchen.
Ich kennen keinen “linken” Ökonomen, der irgendwelche analytische ökonomische Substanz für eine nicht/post kapitalistische Wirtschft geschaffen hat. (Marx ist das beste Beispiel!) Wir müssen also den Weg Sismondi, Mathus … Keyenes fortsetzen, genaue gesagt auf diesem Wege ein neues Paradigma entwerfen
“Links sein ist im Endeffekt eine Frage der Werte und Ziele: Glaubt man an das soziale Wesen Mensch oder folgt man dem Spruch „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“?”
Soziales Wesen Mensch heisst, dass man Verantwortung für sich selbst, seine Kinder, seinen Ehepartner, seine Eltern übernimmt. Links sein bedeutet ihn von dieser Verantwortung frei zu sprechen und stattdessen zur “Solidarität” mit der gesamten Menschheit, Eisbären und Kaulquappen zu zwingen. Dabei heisst Solidarität: der Mensch muss Wohlstand abgeben, die Elite verteilt ihn um.
“Ist die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen wichtiger, oder greift man manchmal auch staatlicherseits ein, wenn Menschen außer Standes sind, ihre Freiheit zu nutzen?”
Die Linke greift nicht nur manchmal ein, wenn Menschen außer Standes sind, ihre Freiheit zu nutzen, sondern Sie greift permanent in das Leben von Menschen ein die ihre Freiheit zu nutzen wissen.
@ JMQ
Da hast Du Recht, dass nicht alle Staatseingriffe zielführend sind, und das behaupte ich garnicht. Allerdings scheint mir Dein familienfkussierter Solidaritätsbegriff eben genau solche Leute auszuschließen, die dies nicht haben. Das würde ich nicht tun.
@kantoos
Haben wir nicht mittlerweile ein” Schattenbanksystem ” das die Zentralbanken erheblichin ihrem Aktionsradius einschränkt?
Und heute noch als ” linker Volkswirt ” auf das quantitative Wachstum zu setzen, ist das nicht ebenso überholt wie der Neoliberalismus??
Ich habe mich dazu ja schon bei Herdentrieb aeussert, mAn ist das Hauptproblem dass Schieritz eine falsche Alterantive aufmacht: (1) Bankenrettung und Bail-Out = Staatseingriff im Sinne des Gemeinwohls = links vs. (2) Banken ueber die Klinge springen lassen = Laissez Faire = rechts.
Tatsaechlich ist natuerlich auch (2) ein Staatseingriff, zumindest wenn der Staat die Banken rekapitalisiert (=verstaatlicht) – was jeder verantwortungsbewusste Oekonom fordern wuerde, zumindest fuer systemische Banken. Damit ist (1) vs. (2) eine Debatte um den problemadaequaten Staatseingriff, nicht um Staatseingriff ja oder nein. D.h. es ist vor allem eine technische, nicht weltanschauliche Frage. Allerdings mit politischen Implikationen: bei Bail-Out zahlt der Steuerzahler, bei Bankenrecap Bankaktionaere. Letzteres scheint mir “linker” als ersteres.
Dazu passt dass Schieritz’ Charakterisierung von 1933 boese daneben liegt. Bruening haute 1931 schiesslich das gesamte Bankensystem heraus, versuchte sich ferner mit Kapitalverkeherkontrollen und Devisenbewirtschaftung zu helfen – alles massive Staatseingriffe, weit massiver als alles was wir bislang waehrend dieser Krise gesehen haben Die Weltwirtschaftskrise war sicher nicht das Resultat von Laissez Faire.
Ich muss allerdings sagen dass mir Kantoos’ Gegencharakterisierung – wer fuer “stabilize aggregate demand” ist ist links, wer nicht rechts – auch nicht so recht gefaellt. Es stimmt schon empirisch nicht: sein US-Counterpart Scott Sumner zum Beispiel steht im US-Spektrum eindeutig rechts. Mir scheint auch Kantoos laeuft Gefahr eine im Wesentlichen technische Frage zu einer weltanschaulichen zu stilisieren. Dies macht technische Diskussionen unnoetig schwierig, denn es unterstellt dem Gegenueber mit dem Beziehen einer bestimmten technischen Position eine weltanschauliche Grundhaltung – ob der damit nun einverstanden ist oder nicht.
Gruss,
HK
@ HK
Das stimmt absolut, dass Sumner in den USA rechts ist, sagt er selbst. Aber das stört mich nicht. Die Frage ist doch: wenn ich die Wahl habe, zwischen einer Geldpolitik wie ich sie mir vorstelle, und einer wie Gerald Braunberger sie sich vorstellt, dann muss man fragen, wer die Kosten der jeweiligen Politik trägt. Und da scheint mir das Vermeiden von Arbeitslosigkeit, auch auf die Gefahr hin, dass fixierte nominale Verträge an Wert verlieren eine eher linke Politik zu sein. Dass Du eine rein technische Diskussion führst, das weiß ich, und die führe ich auch mit Dir. Aber aus eine technischen Diskussion folgen bisweilen eben auch reale (ups) Konsequenzen, die man in eher rechts und eher links einordnen kann.
Ich bin schon per Selbstdefinition kein Linker, aber mich hat als jemand, der mit ein paar Erinnerungsfetzen aus seinem Studium, dem Verfolgen einiger ökonomischer Publikationen und auch der emsigen Lektüre “abseitiger” Theorien versucht, ein bisschen auf dem Laufenden zu bleiben, immer irritiert, dass Zweige der Ökonomie komplett mit Ideologie-Etiketten versehen werden.
Sicher, irgendwann trennen sich die Wege, wie vom Autor auch treffend beschrieben, aber das heißt doch noch lange nicht, dass man verschiedene Sprachen sprechen muss, wenn es um die Beschreibung des Beobachteten und die Abschätzung möglicher Folgen geht. Dass die Bewertung bei der Empfehlung einsetzt, ist sonnenklar. Aber warum vorher?
>>> Dass die Bewertung bei der Empfehlung einsetzt, ist sonnenklar. Aber warum vorher?
Einfach darum:
Erich Kästner
ANSPRACHE AN MILLIONÄRE
Warum wollt ihr solange warten,
bis sie euren geschminkten Frauen
und euch und den Marmorpuppen im Garten
eins über den Schädel hauen?
Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?
Bald werden sie über die Freitreppen drängen
und euch erstechen mit Küchenmessern
und an die Fenster hängen.
Sie werden euch in die Flüsse jagen.
Sinnlos werden dann Schrei und Gebet sein.
Sie werden euch die Köpfe abschlagen.
Dann wird es zu spät sein.
Dann wird sich der Strahl der Springbrunnen röten.
Dann stellen sie euch an die Gartenmauern.
Sie werden kommen und schweigen und töten.
Niemand wird über euch trauern.
Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?
Wie lange wollt ihr aus Gold und Papieren
Rollen und Bündel und Barren speichern?
Ihr werdet alles verlieren.
Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern.
Ihr habt das Geld und die Macht genommen.
Warum wollt ihr die Welt nicht ändern,
bevor sie kommen?
Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln!
Ihr seid nicht gut. Und auch sie sind’s nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!
Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig.
Ihr sollt euch keine Flügel anheften.
Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig.
Wir sprechen von Geschäften.
Ihr helft, wenn ihr halft, nicht etwa nur ihnen.
Man kann sich, auch wenn man gibt, beschenken.
Die Welt verbessern und dran verdienen –
das lohnt, drüber nachzudenken.
Macht Steppen fruchtbar. Befehlt. Legt Gleise.
Organisiert den Umbau der Welt!
Ach, gäbe es nur ein Dutzend Weise
mit sehr viel Geld . . .
Ihr seid nicht klug. Ihr wollt noch warten.
Uns tut es leid. Ihr werdet’s bereuen,
Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten!
Es wird uns freuen.
PS
Ich bin schon zu alt, um zu glauben, dass ein Neoliberaler dies begreifen kann. Sie sind Fanatiker, keine rational denkende Menschen, und schon gar nicht realitätsbezogene Menschen
Als klassisch Liberaler in der Tradition von Hume, Smith, Hayek und Friedman kann ich nur zustimmen, dass Nachfragestabilisierung in der Tat eine Frage der ökonomischen Vernunft ist, und keine Frage der Ideologie. Aber es gibt eine ganz gute Demarkationslinie zwischen Ökonomen wie Schieritz/Storbeck und Ökonomen wie Sumner/Mankiw/…. Die einen nehmen Anreizsysteme ernst, die anderen nicht (jeder darf raten wer wohin gehört).
@ amv
Ich sehe bei der Nachfragestabilisierung am margin durchaus einen Zielkonflikt, und da werden sich linkere eher fuer mehr Stimulus einsetzen. Aber ich stimme vollkommen zu, dass es bis zu einem gewissen Grad eine Frage der Vernunft ist, und nicht von links oder rechts. Aber das ist auch ein Seitenaspekt, mir ging es viel mehr darum, dass links sein keine Frage der oekonomischen Denkschule ist, sondern wie man mit intelligenter VWL sein Ziel erreichen kann, was auch immer das ist.
>>> Als klassisch Liberaler in der Tradition von Hume, Smith, Hayek und Friedman
Hast du eine Ahnung, was Frühliberalismus und was Neoliberalismus ist?
Der Neoliberalismus | für Eilige
Ein intellektuelles Verbrechen gegen die Menschlichkeit
mehr >>>.
Sehr objektive und gemäßigt Dein Blockquote! Aber ja, ich kenne den Unterschied; hab ja auch ‘klassisch liberal’ geschrieben, gel.
BTW: Neoliberale sind für einen starken Staat. Nur so.
hab grade auf den Link geklickt; jetzt werde ich bestimmt vom Verfassungsschutz beobachtet. ;-)
@ Rayson:
“Ich bin schon per Selbstdefinition kein Linker, aber mich hat als jemand, der mit ein paar Erinnerungsfetzen aus seinem Studium, dem Verfolgen einiger ökonomischer Publikationen und auch der emsigen Lektüre „abseitiger“ Theorien versucht, ein bisschen auf dem Laufenden zu bleiben, immer irritiert, dass Zweige der Ökonomie komplett mit Ideologie-Etiketten versehen werden.”
Das ist in Deutschland so. Nicht in den USA. Da tauscht man eher Argumente aus; hier wird man direkt in irgendeine schlecht definierte Schublade gesteckt und dann unsachlich abgefertigt. Motto: beating a strawman!
In den letzten 20 Jahren ist der Bildungsstand der Bevölkerung stark gewachsen, während die Einkommensverteilung immer ungleicher geworden ist.
http://www.oecd.org/dataoecd/45/14/41527157.pdf
Wie ist dieser Zusammenhang erklärbar?
Die Produktivität wächst stärker als die Menge der produzierten Güter und Dienstleistungen.
Je höher die ‘Grenzproduktivität’ der Arbeitnehmer durch deren eigene Bildungsanstrengungen wird, desto niedriger wird deren Beteiligung am Produktivitätszuwachs, da durch das höhere Arbeitsangebot bei sinkender Arbeitskräftenachfrage, die Macht der Unternehmen niedrigere Löhne am Markt durchzusetzen stetig gewachsen ist.
Der Staat muß hierauf reagieren, durch eine stärkere Regulierung der Arbeitsmärkte.
@ Beate
Er hat diesen „Konflikt zwischen den Produktivkräften und der Produktionsweise“ richtig gesehen
Zur Kritik der politischen Ökonomie, Vorwort
@Systemfrager
Der Mensch ist das Lebewesen, dessen Nervensystem sich von allen Lebewesen am langsamsten entwickelt. Er ist das Lebewesen , dessen Nervensystem am stärksten mit der Umwelt interagiert. Jedes Gehirn ist einzigartig.
Eine Verkürzung der Regelarbeitszeit auf 30 Stunden ist aus neurobiologischen Gründen geboten.
Neoliberalismus und Neurobiologie grösser können Widersprüche nicht sein.
http://pcast.sr-online.de/play/fragen/2011-08-22_ghuether210811.mp3
Wir sollten uns überlegen welche Ökonomie fördert das Menschsein.
Karl Marx hat hierzu sehr viel geschrieben.
Damit haben sich die 68er beschäftigt.
Und deshalb waren sie eine so grosse Gefahr.
@amv
Klassische Liberale im Geiste Hayeks sind
- für eine Entnationalisierung des Geldes, sprich für die Abschaffung der Bundesbank und der
EZB
- für die weitgehende Abschaffung des Sozialstaates (bei Hayek gibt es nur noch eine
“Mindestsicherung”)
- die Auflösung des Bundestages und die Einführung einer neuen Staatswesens in Form eines
Zwei-Kammersystems zur Wiederherstellung der in westlichen Demokratien nicht mehr
vorhandenen Gewaltenteilung.
Wenn diese umstürzlerischen Ideen nicht ausreichen, um vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, ja was denn dann.;-)
In manchen Bundesländern wird der Bürger, so hört und liest man, von deren Radar sogar erfasst, wenn er gegen die Tieferlegung eines Bahnhofs ist.
@ amv + jmg
Verfassungsschutz ?
Der ist doch schon outgesourced ! ;-) – verschwundene Baupläne -
Und am 7. September 2011 kann das Verfassungsgericht mal etwas schützen :
Das Haushaltsrecht der Staatsbürger .
@ Beate
Aber natürlich sollte man die (wöchentliche) Arbeitzeit verkürzen. Dagen kann nur einer sein, der nicht darüber nachgedacht hat oder einer, der schon von den NEO verblödet ist.
Was tun ein Unternehmer, wenn ihm der Staat die Arbeitszeit nicht beschränkt. Anstatt neue einzustellen, versucht er zuerst die vorhandenen Arbeiter zu erpressen, zwingen, dass sie mehr arbeiten. Dann wird die Arbeitslosigkeit nicht abnehmen, die Löhne kann er weiter senken. Also weitere Umverteilung von unten nach oben,
@ Kantoos
D’accord! Voll und ganz. Man denke nur an linksliberale/sozialdemokratische Ökonomen wie Arrow, Stiglitz, Rodrik, ….
@ jmg
:-)!!! …. ich bin Gradualist …. also per Definition ungefährlich. Aber das Zwei-Kammer-System fänd ich schon gut …. aber der Bundestag schafft sich ja grad selber ab!
Kantoos hat völlig Recht das Thema zu politisieren. Denn ökonomisch ist die Sache klar, wir haben einen „excess demand for money“ und die Weigerung der Zentralbanken ihn zu beseitigen verursacht massive Arbeitslosigkeit in der gesamten westlichen Welt. Ich denke sogar, dass selbst eine politische Rationalisierung dieses ökomoschen Desasters noch zu kurz greift. Denn Politik ist meist ebenfalls ökonomisch motiviert. Wem aber dient ein stagnierendes oder gar sinkendes GDP? Da wären: Gläubiger und alle, die in Geld (nicht etwas in Aktien) sparen. Falls der reale Zinssatz durch rationale Geldpolitik lange Zeit unter Null gedrückt würde, wären auch Staatsanleihen betroffen und damit auch die Versicherer.
Trotzdem bleibt das Problem: die meisten Menschen leben von ihrem Arbeitseinkommen oder ihrer staatlichen Rente, die wachsen, wenn das GDP wächst. Die obig genannten Teilinteressen, denen Disinflation und Deflation in den Kram passt, dürften sich eigentlich nicht durchsetzen. Dass sie es doch tun, kann nur bedeuten, dass die breite Masse über ihre eignen ökonomischen Interessen schlecht informiert ist und schlecht informiert wird.
Aber ich denke, das Problem geht noch tiefer, es gibt eine unbewusste Abneigung gegen die Idee des „hot potatoe money“, wie Scott Sumner es nennt. Die Leute denken: egal, dass ich morgen noch mehr verdienen kann, egal, dass meine Rente mit den Durchschnittslöhnen steigt, egal, dass meine Aktien steigen, wichtig ist nur, dass das Geld, das ich jetzt auf dem Konto habe, morgen nicht an Wert verliert. Was ich hab‘, das hab‘ ich. Die ungewisse Zukunft wird der sicheren Vergangenheit geopfert. Statt links gegen rechts, liegt die Kluft eher zwischen denen, die in der Zukunft Chancen sehen und denen, die zunehmend paranoider werden.
@ Alex F.
Schön von Dir zu hören. Ich glaube aber auch nicht ganz dran, dass nicht die Nachfrage zu stabilisieren rechte Politik ist. Es ist, wie amv schreibt, eine Sache ökonomischer Vernunft. Am margin allerdings glaube ich, wie oben geschrieben, dass linke Politik immer eher Nachfragestabilisierung den Vorzug gibt.
Guter Beitrag. Als (Post)Keynesianer kann ich da nur zustimmen. Ich glaube es liegt an diesem neuen Dauerzustand der Euro-/Bankenrettung. Das verwirrt die Gemüter. Besonders die linken. Wenn ich Sigmar Gabriel höre dann könnte der auch bei der CDU als Adlatus von Angie mitmachen.
@Beate:
“Der Staat muß hierauf reagieren, durch eine stärkere Regulierung der Arbeitsmärkte.|Beate”
Ursprünglich war das mal die Aufgabe der Gewerkschaften. Allerdings sinkt mit steigender Bildung in der Bevölkerung die Zahl der Mitglieder und damit die Schlagkraft der Gewerkschaften. Bildung macht also nicht zwangsläufig klug.
Links und rechts bzw. progressiv und konservativ kann noch viel einfacher definieren:
Linke haben eine positive Vorstellung von der Zukunft und halten sie gesellschaftspolitisch für gestaltbar, sind also progressiv.
Rechte glauben, dass es nichts besseres gibt als den status quo und haben eher eine pessimistische Einstellung zu jeglicher Art von gesellschaftlichem Fortschritt und sind also konservativ.
De jure ist der Bundesrat zwar ein eigenes Verfassungsorgan, de facto agiert er aber wie eine zweite Kammer, deshalb verstehe ich die Rufe nach einem Zweikammernsystem nicht wirklich. Wir haben bereits eines. Wie Inder, Brasilianer und Belgier auch. Erst recht verstehe ich nicht, was das mit Gewaltenteilung zu tun haben soll (die mit einem parlamentarischen Regierungssystem theoretisch eh schon schwer zu vereinbaren ist und empirisch (glücklicherweise) nicht stattfindet). Was verspricht man sich von diesem Gewaltentrennungsfetisch, den es hier so nie gab?