Warum Mark Schieritz kein Linker ist

Die Definitionshoheit darüber, was in der VWL “links” ist und was nicht, hatten in Deutschland lange schon die Falschen und als links-lastiger Ökonom sage ich klar: es ist höchste Zeit, das zu beenden. Insofern bin ich Mark fast dankbar für seinen Eintrag beim Herdentrieb.

Er bespricht darin den sehr lesenswerten Essay von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und schreibt:

Schirrmacher geht es vor allem darum, zu zeigen, wie im Zeitalter des too big too fail die Fundamente einer marktwirtschaftlichen Ordnung – Eigenverantwortung, der Zusammenhang von Risiko und Haftung – eingerissen werden, wovon Großbanken und Großunternehmen profitieren. …

Schirrmacher attackiert über weite Teile seiner Schrift also keineswegs den freien Markt, er attackiert die Abwesenheit des freien Markts, also den Staatsinterventionismus zugunsten – wie sollte es auch anders sein – des Finanzkapitals. …

Das ist zwar richtig, aber etwas verkürzt. Denn ich denke auch ein Schirrmacher oder Moore akzeptieren, dass man in Finanzkrisen – auf welche die Politik nicht im Geringsten vorbereitet war – als Staat nicht einfach ungeeignete Insolvenzverfahren walten lassen sollte. Wohl aber geben sie implizit zu bedenken, dass man die Kosten dieser Rettungen und Stützungen auch anders verteilen kann. Und damit decken sie sich klar mit linken Ansichten.

Denn was ist eigentlich “links”? Für Mark ist es scheinbar die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Theoriegebäude oder Welterklärungsmuster (Aufgeklärte Linke = (Post)Keynesianismus). Aber nichts könnte falscher sein. Links sein ist im Endeffekt eine Frage der Werte und Ziele: Glaubt man an das soziale Wesen Mensch oder folgt man dem Spruch “Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht”? Ist die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen wichtiger, oder greift man manchmal auch staatlicherseits ein, wenn Menschen außer Standes sind, ihre Freiheit zu nutzen? Ist das Ziel eine Gesellschaft, in der die Verteilung von Chancen, Einkommen und Reichtum nicht nur den freien Kräften des Marktes unterworfen wird, sondern gesellschaftlicherseits korrigiert wird, und zwar deutlich?

Nun kann man diese Ziele auf intelligente Weise erreichen (wie etwa Schweden), indem man die VWL ernst nimmt, ihre Erkenntnisse versucht für sich zu nutzen und ein Wirtschaftssystem entwickelt, das sich ohne Naivität an der Gesamtheit (!) der menschlichen Natur ausrichtet. Oder aber man gräbt sich aus lauter Antihaltung gegenüber dem ökonomischen “Mainstream” in Abseitiges ein und feuert aus dieser Sackgasse zurück:

[Schirrmachers Argumentation] ist ein Topos, den die aufgeklärte Linke nicht unbedingt teilt. Jedenfalls erfährt die Rettung von Euro und Banken aus keynesianischer und postkeynesianischer Ecke wohl die größte Zustimmung …

Die Krise hat gezeigt, dass Eigenverantwortung und die anderen so genannten Werte des Kapitalismus eine Fiktion sind, die wenn überhaupt nur für die da Unten gelten, nicht für die da Oben. … Wirtschaft und Moral sind zwei Paar Schuhe, begreift es endlich.

Das auszuhalten und wo es möglich ist durch staatliche Eingriffe korrigierend einzugreifen, das ist linke Politik. Nicht der Traum vom gütigen Vater Markt. Insofern verstößt die Bankenrettung vielleicht gegen konservative Moralvorstellungen – aber sie ist links.

Der “gütige Vater Markt” ist natürlich eine polemische Verkürzung, denn niemand erwartet vom Markt “Gütigkeit” sondern die Überführung von privaten Motiven in gesellschaftliche Resultate. Genau wegen dieser Funktion des Marktes kann man ihn für sich nutzen, zu welchem Zweck auch immer.

Wenn es also eine vernünftige linke ökonomische Agenda gäbe, wäre sicher ein wichtiger Teil dafür zu sorgen, dass die Finanzindustrie von diesem Marktmechanismus ebenso stark, wenn nicht sogar stärker betroffen ist als der kleine Mann auf der Straße, notfalls mit Radikalmaßnahmen kurz vor der Enteignung. Und auch das, was Mark euphemistisch “Eurorettung” nennt und was de facto ein weiteres Bankenrettungspaket ist, hätte man aus der Perspektive eines wirklich Linken anders lösen können, ja: müssen.

Womit ich zu Marks abenteuerlicher wirtschaftshistorischer Begründung für seine Position komme:

[A]us keynesianischer Sicht [ist] eine der wichtigsten Lehren des vergangenen Jahrhunderts … dass der Versuch, die Eigenverantwortung auf Teufel komm raus durchzusetzen  geradewegs in die ökonomische und politische Katastrophe führt. Wer Pleite Banken einfach Pleite gehen lässt, der kommt bei 1933 raus.

Also Marks Keynesianismus scheint mir in der Tat fremd zu sein, und hat auch mit modernem Keynesianismus wie ich ihn kenne nichts zu tun (überhaupt ist die Frage, wer eigentlich Keynesianer ist).

Doch vielleicht hat Mark unfreiwillig Recht: wer mit Banken radikal umgeht, der kommt tatsächlich bei 1933 raus, in dem Jahr nämlich, als Franklin D. Roosevelt mit dem Emergency Banking Act in den USA das gemacht hat, was Mark scheinbar ein Graus wäre, nämlich den gesamten Finanzsektor der USA in einer Art erzwungenem bank holiday vorübergehend dicht zu machen und dann radikalst zu säubern (aka pleite gehen zu lassen), dem Markt also gewissermaßen zu seinem Recht zu verhelfen, ohne das Land in Chaos zu stürzen – zum Entsetzen der Finanzindustrie. Zudem hob er die Goldbindung auf, verkündete eine Art Preislevelziel für die Geldpolitik und sorgt mit monetärem Stimulus dafür, dass die Industrieproduktion in den nächsten 5 Monaten um über 50% wuchs. Aus dem Gegensatz zu Europa heute sollte man als Linker die wichtigste Lehre ziehen.

Niemand braucht Postkeynesianer oder was auch immer zu sein, um ökonomisch links zu sein. Jeder, der VWL versteht, zu nutzen weiß und damit linke Werte und Ziele erreichen möchte, ist in meinen Augen ökonomisch links. Und wenn sich dann bisweilen die Wege mit strammen Ordnungsökonomen von der FAZ kreuzen, dann geht man ein Stück nebeneinander auf dem scheinbar einzig sinnvollen Weg und trennt sich an der Abzweigung, wo auf dem Pfeil nach links steht “Aufgabe der Zentralbank ist es, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabil zu halten” und auf dem rechten “Hauptsache keine Inflation, für unsere vergangenen Sünden müssen wir mit Rezession und Arbeitslosigkeit büßen”.

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