Ryan Avent und das Gespenst der 1930er Jahre / Ryan Avent and the Ghost of the 1930s

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Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar

Ryan Avents gespenstischer Vergleich der Eurokrise mit der Implosion der westlichen Welt in 1930er Jahren hat auch bei mir einen Nerv getroffen, nicht anders als bei meinem Gastgeber Kantoos. So weit hergeholt Avents Parallele zunächst scheint, so beklemmend ist sie bei näherer Betrachtung – als würde ein Drehbuch nach 80 Jahren noch einmal verfilmt werden:

  • Szene 1: das (Wieder)-herstellen einer Währungsunion, gefeiert als Meilenstein auf dem Weg zu Verständigung und Kooperation in Europa (HEUTE: Helmut Kohls Euro. DAMALS: das Wiedererrichten des Goldstandards Mitte der 1920er Jahre im Zuge der Briand-/ Stresemannschen Verständigungspolitik);
  • Szene 3: Abbruch der Kapitalströme im Zuge einer globalen Finanzkrise. Zurück bleiben ebenso überschuldete wie wettbewerbsschwache Volkswirtschaften mit hohem externen Finanzierungsbedarf (HEUTE: die GIPS-Staaten ab 2009 / DAMALS: Weimar-Deutschland ab 1929);
  • Szene 4: der Versuch der Krise mit Austerität Herr zu werden, begleitet von mühsam ausgehandelten, multilateralen Finanzierungspaketen. Alles wird dem Ziel untergeordnet Staatsbankrotte zu vermeiden und die Währungsunion zu erhalten. Die Pakete behandeln strukturelle Überschuldung als Liquiditäts- und nicht Insolvenzproblem (HEUTE: Rettungspakete für GIPS-Staaten / DAMALS: Young-Plan, Young-Anleihe und Hoover-Moratorium); Wettbewerbsfähigkeit muss durch fallende Löhne wiederhergestellt werden anstatt durch Währungsabwertung (DAMALS: Brünings Deflationspolitik) – beides freilich völlig unzureichend um die makroökonomischen Ungleichgewichte zu beseitigen.
  • Szene 5: Fortwährender Vertrauensverlust, Vertiefung der Krise, Aufruhr in den Schuldnerländern, deren Bevölkerungen nicht mehr bereit sind die drückende Last der Anpassung zu tragen, und Ermüdung auf Seiten der Gläubiger (DAMALS besonders destruktiv der U.S. Kongress, der einem gutwilligen aber führungsschwachen Präsidenten – Herbert Hoover – die Gefolgschaft versagte).

Nun muss sich die weitere Szenenfolge aus den 1930er Jahren (als bekannt vorausgesetzt) natürlich nicht wiederholen. Ryan Avent hat wohl Recht dass die makroökonomische Schieflage heute weniger dramatisch ist als damals, und das demokratische und rechtsstaatliche Fundament Europas ist (hoffentlich) tragfähiger. Auch ist die Parallele Goldstandard-Euro nicht perfekt: wie Kantoos bemerkt kann die EZB Euro drucken und damit im Zweifelsfall die Zahlungsfähigkeit der Mitgliedstaaten gewährleisten, während in den 1930er Jahren niemand Gold drucken konnte.

Aber dies ändert nichts an der Richtigkeit Ryan Avents’ bedrückender Beobachtung:

A Europe hoping never to repeat its historical tragedies has gone and blundered into institutions that make those same tragedies more likely. The European project, as it looks now, has failed.

Sprich: das Einführen der Gemeinschaftswährung mag dem europäischen Projekt mehr geschadet als genutzt haben, weil es Länder in wirtschaftliche Zwangslagen trieb, und ihnen zugleich die Politikinstrumente nahm um der Zwangslage zu entkommen.

Freilich überzeugt mich Avents Analyse mehr als seine Schlussfolgerung. Die da ist: wer „Währungsunion“ sagt muss auch „Fiskal- und Transferunion“ sagen:

What has happened now is that Europeans have been confronted with the impact of their previous decision to all hop in the same boat. If citizens of core economies are unhappy with the idea of indefinitely sharing a boat with the Greeks and Italians, then what they’re opting for is not simply the choice to avoid issuance of a eurobond, it’s an end to the euro zone.

In meinen Augen sprechen zwingende politische wie ökonomische Argumente gegen ein Fiskalunion.

Das politische Argument: wer will dass Europäer sich wieder hassen erreicht dies am zuverlässigsten mit der Rückkehr zu Gläubiger-/ Schuldnerbeziehungen zwischen europäischen Staaten, a la Deutschlands Reparationen nach dem ersten Weltkrieg. In Kantoos’ Worten:

So let us recap what a useful fiscal integration will imply: transfers from Germany to other countries. … What is more, we will make conditional transfers out of them, of the sort: money for reforms. Reforms, mind you, that these countries were politically unable to pull off because they are spectacularly unpopular. And here comes the kicker: some of these will be loans that need to be repaid, to an already unpopular creditor. Am I the only one who thinks that this is crazy?

Um das ökonomische Argument zu verstehen hilft es das Drehbuch der 1930er Jahre nochmals zur Hand zu nehmen. Denn auch die Weltwirtschaftskrise kam zu einem Ende – aber erst als:

  1. die Schuldnerstaaten den Schuldendienst eingestellt hatten - nicht nur Nazi-Deutschland, sondern auch Großbritannien und Frankreich, die ab 1932 ihre Schulden aus dem ersten Weltkrieg gegenüber den USA nicht mehr bedienten;
  2. die Währungsunion abgeschafft war. Die meisten Ländern lösten zwischen 1931 (Großbritannien) und 1934 (USA) die Bindung ihrer Währungen an Gold bzw. führten Kapitalverkehrskontrollen und Devisenbewirtschaftung ein (Nazi-Deutschland).

Diese unkontrollierten, meist unlilateral vorgenommenen Schritte führten in der Tat zunächst zu den befürchteten finanziellen Turbulenzen. Aber zwischen Ende 1932 und Anfang 1934 bekam die Weltwirtschaft die Kurve: die meisten Volkswirtschaften fingen wieder an zu wachsen.

Leider waren zu dem Zeitpunkt Demokratie und Rechtsstaat in Deutschland bereits abgeschafft.

Ich ziehe deshalb folgende Lehre aus den 1930er Jahren:

Fundamentale makroökonomische Schiefstände verlangen nach Korrektur der Schiefstände. Finanzierungspakete sind kein Ersatz: sie kaufen allenfalls Zeit um Korrekturen vorzunehmen; an den Schiefständen selbst ändern sie nichts. Und sie sind zum Scheitern verurteilt wenn die Schiefstände so groß sind dass sie im gegebenen institutionellen Rahmen nicht bewältigt werden können. In dem Fall ist der Rahmen selbst Teil des Problems, und muss korrigiert werden.

Dies bedeutet freilich dass Europas Finanzpolitiker sich schleunigst mit folgenden Gedanken vertraut machen müssen:

  1. Schuldenreduktion ist unumgänglich wo Schuldenlasten nicht nachhaltig sind. Es gibt verschiedenen Mittel zum diesem Zweck, alle mit Vor- und Nachteilen behaftet: offener Default, one-off Übertragung existierender einzelstaatlicher Schulden auf die anderen Euro-Mitgliedsländer; Sondersteuern auf Finanzinstitute und Zuführung der Erträge an überschuldete Staaten; oder eine Kombination dieser Maßnahmen. Schuldenreduktion muss freilich von Schritten belgleitet werden die eine Wiederholung der Schuldenkrise unwahrscheinlicher machen.
  2. Abwertung und Euro-Austritt muss eine Option sein; nämlich dort wo Wiederherstellen der Wettbewerbsfähigkeit durch Lohn- und Sozialkürzungen das Land in Brand stecken würde. In dem Fall ist das Lösen der “goldenen Fessel” Gemeinschaftswährung – um Barry Eichengreens berühmten Begriff zu verwenden – unumgänglich. “Eurobondage” (ein weiterer treffender Begriff Avents) löst diese Fessel aber gerade nicht, sondern zurrt sie noch fester.

Bislang scheuen Europas Finanzpolitiker vor diesen Schritten (weitgehend) zurück, aus verständlicher Angst vor den kurzfristigen Konsequenzen. Aber Ihr Zögern ist teuer: je länger es dauert desto grösseren Schaden riskieren sie für das europäische Projekt.

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