Due to the interest in the anglophone blogosphere I added a rough-and-ready English version of this post (P.S.: thanks, Kevin, Matthew and Paul)
Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar
1998 publizierte Economic Policy – eine prominente Fachzeitschrift – eine Serie von Artikeln, die sich mit der damals unmittelbar bevorstehenden Einführung des Euro beschäftigten. Der vielleicht bemerkenswerteste Aufsatz war von Marc Flandreau, Jacques Le Chacheux und Frederic Zumer “Stability without a pact? Lessons from the European gold standard 1880-1914″. Die Autoren zogen Parallelen zwischen dem Euro und dem klassischen Goldstandard des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als viele Länder in- und außerhalb Europas ihre Währungen an Gold koppelten, und damit einer de-facto Währungsunion angehörten (P.S.: Flandreau ist ein weltweit führender Wirtschaftshistoriker).
13 Jahre später liest sich ihre Zusammenfassung wie eine Prophezeihung, und es ist wert sie vollständig zu zitieren:
The gold standard was a system of fixed exchange rates that offered little opportunity for carrying out monetary policies, short of suspending gold convertibility. Trade integration and capital mobility were very high. It is worthwhile asking whether there are useful lessons to draw for EMU from European experience during that period. One clear lesson is that debts matter. Another basic finding is that the stability of the European gold standard depended on the underlying price trend. Deflation prior to 1895 resulted in rising public debt burdens, which forced some countries to leave the system. Once gold was discovered and deflation gave way to inflation, real interest service fell, debts grew more slowly and a high degree of convergence allowed most countries to return to gold. For EMU, this result implies that stability will hinge on the ECB’s policy not being too restrictive. Other lessons concern the fragility of institutions in the face of deep public finance difficulties, the risks for the single market of leaving out countries that have not fully converged, and the existence of a virtuous cycle including low real interest rates, fast growth and debt decumulation.
Der klassische Goldstandard lässt sich grob in zwei Phasen unterteilen: eine moderat deflationäre Phase von 1873 (als Deutschland dem Goldstandard beitrat) bis ca. 1895, und eine moderat inflationäre Phase von 1895 bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs. In der deflationären Phase stagnierte die weltweite Goldproduktion, d.h. die Geldmenge wuchs langsamer als das Sozialprodukt, und in Deutschland z.B. sanken die Preise im Durchschnitt um 1.7 Prozent pro Jahr. Die inflationäre Phase folgte auf Goldfunde in Südafrika und Australien, und kam mit durchschnittlicher Inflation von rund 2.5 Prozent pro Jahr (die Inflationsziffern sind zitiert nach Cooper).
Hier ist kein Platz die Geschichte des Goldstandards nachzuerzählen, aber sicher ist dass die moderat inflationären Jahre die erfolgreicheren waren. Die Volkswirtschaften wuchsen schneller und genossen größere soziale Stabilität, mit rascheren Lohnsteigerungen und geringeren Schwierigkeiten traditionell verschuldeter Sektoren wie der (damals schon politisch gut organisierten) Landwirtschaft.
Aber auch das Währungsarrangement selbst – der Goldstandard – war stabiler in der inflationären Phase ab 1895. Zuvor meisterte nur ein harter Kern—darunter Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Skandinavien, aber auch die USA oder Großbritannien—die makroökonomische Disziplin, welche der Goldstandard in einem deflatorischen Umfeld erzwang: d.h. Stagnation der Löhne und strikte fiskalische Haushaltsführung. Andere Länder, darunter Italien, Spanien, Portugal und Griechenland (P.S.: kein Witz. Irland war damals übrigens noch kein souveräner Staat) hielten die Goldbindung nicht durch – u.a. weil Deflation ihre Schulden aufwertete, und die prozyklische Fiskalanpassung, welche dies erzwang, politisch nicht durchzuhalten war. In den Worten von Flandreau et al.:
Deflation forced a difficult choice between deteriorating borrowing conditions and painful adjustments. Countries starting with relatively low debt levels could compromise, letting their debt drift slightly and making only partial fiscal adjustments. But for those that already had fairly high debt levels, such as the southern European countries, the adjustment cost required for continued participation in the gold standard could be very large, especially since the market mechanism implied that a sustained deterioration in public debts meant accelerating premia for new loans. The opportunity cost of being part of the gold standard was becoming very substantial, increasing the pressure to switch to seignorage finance, and go on inconvertible paper to escape gold deflation.
Mit der Ankunft moderater Inflation änderte sich das. Italien z.B. trat zwar 1891 notgedrungen aus dem Goldstandard aus, aber schon 1902 wieder ein. Und am Vorabend des ersten Weltkriegs war selbst das ökonomisch rückständige Russland auf Gold.
Was folgt aus alledem für heute? Die EZB kann die Lösung der Euro-Krise leichter oder schwieriger machen, je nachdem wie akkommodierend oder restriktiv ihre Geldpolitik ist. Nun bin ich sicher nicht dafür das Inflationsmandat der EZB aufzukündigen (und z.B. durch so etwas wie NGDP-Targeting zu ersetzen, wie mein Gastgeber Kantoos). Und ganz generell bin ich EZB-Fan: in meinen Augen war ihr Kurs vor der Krise im Wesentlichen richtig, im Gegensatz zum viel zu losen Kurs der Fed. Auch in der Krise schlägt sich die EZB tapfer, in einem schwierigen und zum Teil dysfunktionalen Umfeld.
Aber: bei durchschnittlicher Eurozonen-Inflation von 2.5 Prozent (dem Inflationsziel der Bank of England entsprechend) würden Lohn-Nullrunden in Griechenland, Irland und Portugal eine fast doppelt so schnelle reale Abwertung erlauben wie bei 1.5 Prozent—d.h. diese Länder könnten ihre Wettbewerbsfähigkeit doppelt so schnell wiederherstellen. Außerdem würde etwas höhere Inflation die Dynamik der Altschulden verbessern. Ganz generell mag ein ambitioniertes Inflationsziel angemessen sein für eine homogene Volkswirtschaft wie (Voreinheits-) Deutschland, aber nicht für eine heterogene Währungsunion, in der immer wieder Länder interne (sprich: Lohn-) Abwertungsprozesse bewältigen werden müssen. Auch Deutschlands interne Abwertung in den frühen und mittleren 2000er Jahren wäre weniger schmerzhaft gewesen mit ein wenig mehr Inflation.
Ferner sollte die EZB auf steigende Rohstoffpreise allein nicht mit Zinserhöhungen reagieren. Der Rohstoff-Preisschock ist vor allem das Ergebnis starken Wachstums rohstoffintensiv produzierender Schwellenländer. D.h. er ist importiert und hat nichts mit Lohn- und Preissetzungsverhalten innerhalb der Euro-Zone zu tun. Wer diesen Preisanstieg importierter Güter ausgleichen will indem er heimisch erzeugte Preise drückt, der muss das durchschnittliche Lohnwachstum der Eurozone auf null oder gar in den negativen Bereich drücken. Iren oder Portugiesen müssten dann nominal massive Lohneinbußen verkraften, um ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Keine Gewerkschaft der Welt macht so etwas freiwillig mit, d.h. die Lohnkürzungen wären wohl nur erreichbar über den Umweg von Massenarbeitslosigkeit. Zugleich ist Lohndeflation völlig unnötig: solange Löhne und Kernpreise im Durchschnitt gleichmäßig und moderat steigen sind die Preiserwartungen verankert. Nichts anderes ist das Ziel von Inflation-Targeting (wie auch jeder anderen regelgebundenen Geldpolitik).
Das Minimum: solange die Eurozonen Krise andauert sollte die EZB im Zweifelsfall einen lockereren, nicht restriktiveren Kurs fahren. „Im Zweifelsfall“ bedeutet „solange sich kein merklicher Anstieg der Kerninflation abzeichnet“. Andernfalls wäre ein Scheitern des Euro zumindest teilweise
selbstverschuldet.
100 year old lessons for Eurozone monetary policy
A guest post by Henry Kaspar
In 1998, Economic Policy – a prominent academic journal – published a series of articles debating the introduction of the euro, which at the time was just about to happen. The perhaps most remarkable article was by Marc Flandreau, Jacques Le Chacheux und Frederic Zumer “Stability without a pact? Lessons from the European gold standard 1880-1914″. The authors drew parallels between the euro and the classical gold standard of the late 19th and early 20st century when many countries in- and outside of Europe tied their currencies to gold, thus being part of a de-facto currency union (P.S.: Flandreau is a leading economic historian).
13 years later the article’s summary reads like a prophecy, and it is worth quoting it in full:
The gold standard was a system of fixed exchange rates that offered little opportunity for carrying out monetary policies, short of suspending gold convertibility. Trade integration and capital mobility were very high. It is worthwhile asking whether there are useful lessons to draw for EMU from European experience during that period. One clear lesson is that debts matter. Another basic finding is that the stability of the European gold standard depended on the underlying price trend. Deflation prior to 1895 resulted in rising public debt burdens, which forced some countries to leave the system. Once gold was discovered and deflation gave way to inflation, real interest service fell, debts grew more slowly and a high degree of convergence allowed most countries to return to gold. For EMU, this result implies that stability will hinge on the ECB’s policy not being too restrictive. Other lessons concern the fragility of institutions in the face of deep public finance difficulties, the risks for the single market of leaving out countries that have not fully converged, and the existence of a virtuous cycle including low real interest rates, fast growth and debt decumulation.
The classical gold standard can roughly be divided into two phases: a modestly deflationary phase from 1873 (when Germany joined the gold standard) until about 1895, and a modestly inflationary phase from 1895 until the outbreak of World War I. In the deflationary phase global gold production stagnated, i.e. money grew more slowly than GDP. In Germany, for example, prices fell by an average of 1.7 percent per year. The inflationary phase followed gold discoveries in South Africa and Australia, and came with average inflation of about 2.5 percent per year (the inflation figures are cited according to Cooper).
There is not sufficient space here to review the entire history of the gold standard, but there is no doubt that the inflationary years were the more succesful ones. National economies grew more rapidly and enjoyed a higher degree of social stability, with more robust wage growth and less harsh difficulties of traditionally indebted sectors such as agriculture (politically well-connected already at the time).
Importantly, also the currency arrangement itself – the gold standard – was more stable in the inflationary phase from 1895. Prior to that only a hard nucleus of countries—including Germany, France, the Netherlands, Belgium, Scandinavia, but also the U.S. and Great Britain—were able to mobilize the macroeconomic discipline that the gold standard imposed in a deflationary environment: i.e. stagnation of wages and strikt fiscal discipline. Other countries, including Italy, Spain, Portugal, and Greece (P.S.: no joke. Ireland was not yet a sovereign country at the time) were unable to maintain the peg to gold – in part because deflation revalued these countries’ debts, and the procyclical fiscal adjustment that would have been required as a result was politically unsustainable. In the words of Flandreau et al..:
Deflation forced a difficult choice between deteriorating borrowing conditions and painful adjustments. Countries starting with relatively low debt levels could compromise, letting their debt drift slightly and making only partial fiscal adjustments. But for those that already had fairly high debt levels, such as the southern European countries, the adjustment cost required for continued participation in the gold standard could be very large, especially since the market mechanism implied that a sustained deterioration in public debts meant accelerating premia for new loans. The opportunity cost of being part of the gold standard was becoming very substantial, increasing the pressure to switch to seignorage finance, and go on inconvertible paper to escape gold deflation.
With the advent of modest inflation this changed. Italy, for example, was forced to leave the gold standard in 1891, but re-entered already in 1902. And at the eve of WWI deven the economicallly backward Russia was on gold.
What follows from all this for our days? The ECB can complicate or facilitate a resolution to the euro area crisis, depending on the degree of accomodation or restrictiveness of its monetary policy. Now I am certainly not in favor of eliminating the ECB’s inflation mandate (and to replace it by something like NGDP targeting, as my host Kantoos). And in general I am an ECB-fan: in my view its pre-crisis monetary policy stance was essentially right, in contrast to the far-too-lose stance of the Fed. And also in the current crisis, the ECB is fighting bravely, in the midst of a difficult and partly dysfunctional environment.
And yet: with average euro area inflation of 2.5 percent (this is the inflation target of the Bank of England), zero-wage rounds in Greece, Ireland or Portugal would permit an internal devaluation almost twice as large as inflation of 1.5 percent—i.e., these contries could restore external competitiveness in half the time. Moreover, somewhat higher inflation would improve the dynamics of existing debts. In general, an ambitious inflation target may be appropriate for an homogenous economy such as (pre-unification) Germany, but not for a heterogenous currency union, in which countries will have to go through processes of internal (=wage) devaluation time and again. Also Germany’s internal devaluation of the early and mid 2000s would have been less painful had inflation been a little higher.
Moreover, the ECB should not raise interest rates in reaction to higher commodities prices alone. The commodities price shock is largely the result of strong growth in emerging markets, economies that produce with more energy-intensive technologies. I.e., the shock is imported and has little to do with wage and price setting behavior within the euro area. Thus, if someone wishes to compensate for this price increase in imported goods by squeezing domestically generated prices, he needs to reduce average wage growth in the euro area to zero or even negatve values. In this case, Irish or Portuguese workers would have to endure huge nominal wage cuts to restore competitiveness. There is no labor union that would agree to this voluntarily; hence, wage cuts could arguably be achieved only via creating mass unemployment. At the same time, wage deflation is entirely unnecessary: as long as wages and core prices grow (on average) steadily and at a moderate pacey, price expectations are anchored. This is precisely the objective of inflation targeting (and of any other rule-based monetary policy).
At the very least: as long as the euro area crisis is not behind us, the ECB should, in case of doubt, adopt a more accomodative, not restrictive, policy stance. „In case of doubt“ means „as long as there is no noticeable increase in core inflation“. Otherwise a possible failure of the euro would at least in part be home-made.


Ich bin skeptisch, ob die EZB die Inflation wirklich in der im Artikel beschriebenen Weise so stark beeinflussen kann. Freilich ist der Leitzins ein hilfreiches Instrument und freilich besitzt die EZB weitere Instrumente, um die Geldvergabe zu lockern.
Aber die Ausrufung eines Inflationsziels führt noch nicht zwangsweise zur Einhaltung desselben. Die externen Faktoren wie die Entwicklung der Rohstoffpreise oder die jeweilige Politik in den Mitgliedsstaaten, die inflationsfördernd- oder hemmend wirken kann sind doch Faktoren, die für die EZB nicht direkt zu beeinflussen sind.
Ob höhere Inflation wirklich das Schuldenproblem in den europäischen Staaten lösen kann, bezweifle ich stark. In Griechenland und Portugal handelt es sich doch um strukturelle Defizite. Sollte sich der bevorstehende Haircut in Griechenland bewahrheiten und sich dieses Modell auch auf weitere Schuldenstaaten in Europa übertragen, dann wird eine leicht erhöhte Inflation nicht ausreichen, um die Probleme zu beheben.
Vielmehr wird ein generelles Umsteuern in der Wirtschafts- und Finanzpolitik vonnöten sein, dessen Anpassungseffekte die Länder über viele Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte verfolgen werden.
@ Cle.mens
Ich stimme Dir, mit Qualifikationen, in praktisch allem zu. Natuerlich kann eine Zentralbank nicht punktgenau die Einhaltung eines Inflationsziels gewaehrleisten. Aber sie kann die Richtung vorgeben und Erwartungen setzten. Und da macht es einen Unterschied ob die EZB “unter 2, Headline Inflation” oder “symmetrisch um 2.5 Prozent Kerninflation” vorgibt. Beides ist, sonfern konsequent umgesetzt, unter Glaubwuerdigkeitsgesichtspuntken tadellos, aber letzteres laesst mehr Spielraum fuer reale Abwertung durch nominale Lohnanpassung.
Du hast auch recht dass eine etwas hoehere Inflationsrate das Schuldenproblem nicht loesen kann, allenfalls etwas mildern (Altschulden wuerden real billiger). Aber die Euro-Zonen Krise besteht aus zwei Problemen: Schulden, und Wettbewerbsfaehigkeit. Eine akkomodierende Geldpolitik wuerde vor allem bei letzterem helfen.
Zum Schuldenproblem selbst habe ich eine Idee die ich demnaechst hier einstellen werde.
Gruss,
HK
@ HK
Exzellenter post, danke! Ich sehe, die frühe Geschichte des Goldstandards muss ich bei Gelegenheit noch einmal auffrischen. Ansonsten stimme ich in fast allem zu. Warum Du gegen ein nominal spending target bist, wird mir wohl ein Rätsel bleiben, aber ein 2,5% (symmetrisch!) Kerninflationsziel ist zum heutigen Versagen ein Fortschritt.
Vielen Dank! Ein sehr guter Beitrag. Dass ausgerechnet die Länder, die schon während des Goldstandards Probleme hatten die Parität zu halten, heute wiederum in dieser Situation sind, ist verblüffend. Irgendwelche Erklärungen, die über pseudokulturelle a la das sind halt die Südländer hinausgehen? Wäre wohl interessant.
Zum veränderten Inflationsziel: Gebe ich dir auch völlig recht.
Allerdings gibt es ein gewichtiges Gegenargument, auf das auch Jürgen Stark gelegentlich hinweist. Die institutionelle Glaubwürdigkeit der EZB könnte in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn man das geldpolitische Ziel als Reaktion auf eine aktuelle Krise einfach verändert. Wer garantiert, dass das Ziel nicht demnächst einfach wieder angepasst wird?
Ich glaube zwar, dass die EZB genug Glaubwürdigkeit hätte, einen solchen Schritt zu gehen. Aber 100% sicher kann man wohl nicht sein. Zumal es auch zu einigen Turbulenzen an den Märkten führen dürfte.
Die anderen Gegenargumente wie das höhere Inflation mehr Transaktionskosten verursachen würde und das sich wegen höherer Volatilität der Preise die Planbarkeit finanzieller Arrangements verschlechtere, halte ich für wenig überzeugend und keinesfalls so schwerwiegend, dass ein höheres Inflationsziel zu einem Wohlfahrtsverlust führen würde.
@ H. K.
>… bei durchschnittlicher Eurozonen-Inflation von 2.5 Prozent (dem Inflationsziel der Bank of England entsprechend) würden Lohn-Nullrunden in Griechenland, Irland und Portugal eine fast doppelt so schnelle reale Abwertung erlauben wie bei 1.5 Prozent—d.h. diese Länder könnten ihre Wettbewerbsfähigkeit doppelt so schnell wiederherstellen. Außerdem würde etwas höhere Inflation die Dynamik der Altschulden verbessern.>
Ist alles richtig.
Aber als Politikempfehlung ist der Sachverhalt nicht unproblematisch.
Ich bezweifle, dass es bei höherer Eurozonen-Inflation zu Lohn-Nullrunden in G, I und P käme. Diese Länder müssen bereits rezessionsbedingt und durch erzwungene Strukturänderungen ihren Bürger viel abverlangen. Diese werden zusätzlich höherer Inflationsraten nicht so einfach hinnehmen. Es wird zu sozialen Spannungen und Streiks kommen, die sich verheerend auf Binnennachfrage und Investitionen auswirken könnten. Es bestünde also meiner Ansicht nach durchaus die konkrete Gefahr, dass kontraproduktive volkswirtschaftliche Effekte eintreten könnten, die per Saldo sogar als negativ einzustufen wären. Insoweit verstehe ich den in Ihren letzten Zeilen mit „im Zweifelsfall“ geäußerten Vorbehalt als tatsächlichen eintretenden Zweifelsfall.
Diese Bemerkungen sind auch als Beispiel dafür anzusehen, dass theoretisch richtige Auffassungen nicht immer zu den gewünschten Ergebnissen führen, wenn sie in Politik umgesetzt werden.
@ Daniel:
schoener Kommentar. Zu den “Suedlaendern” faellt mir auf Anhieb wenig ein was ueber Stereotype hinausginge: schwaechere Instituionen, geringeres Stabilitaetsbewusstsein, etc.. Ich weiss, das ist nur begrenzt hilfreich.
Zu “Glaubwuerdigkeit”: das ist freilich ein Totschlagsargument, dass sich gegen jede Politik-Korrektur vorbringen laesst. Aus Glaubwuerdigeit z.B. wollte Portugal nicht unter den Rettungsschirm, bis es beinahe seine Loehne nicht mehr bezahlen konnte. Und aus Glaubwuerdigkeit hielt auch Argentinien 2001 bis zum bitteren Ende an seiner hoffnungslos ueberbewerteten Waeherung fest. Langfristig ist nur die Politik glaubwuerdig die funktioniert.
This said, es ist natuerlich richtig dass die EZB ein moderateres Inflationsziel besser schon vor der Krise adoptiert haette (Hans-Werner Sinn z.B. argumentierte schon 2000 dass die Infationsrate in Euroland einen Prozentpunkt hoeher sein sollte als in einem einzelnen Land, http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.24.6165&rep=rep1&type=pdf ).
Ich glaube aber wie Sie dass die Glaubwuerdigkeit der EZB einen solch moderaten Wechsel aushalten koennte. Ihr mangelt es sicher nicht an Reputation, Inflation ernst zu nehmen.
@ Dietmar Tischer
das schlimmste was passieren koennte ist doch wohl dass irische oder portugiesische Arbeitnehmer vollen Inflationsausgleich forderten, d.h. ihre Lohnforderungen anpassen wuerden an das hoehere Inflationsziel. Damit waere dann real nichts gewonnen und nichts verloren. Ich glaube allerdings nicht dass Arbeitnehmer sich in der Krise so verhalten wuerden, solange ihr Nominaleinkommen nicht sinkt, allein schon aus Mangel aus Verhandlungsmacht. Ans “Eingemachte” geht es erst wenn die Lohntuete leichter wird.
Gruss,
HK
Ein hoeheres Inflationsziel als 2%, um Lohnanpassungen in der Eurozone nach unten leichter zu machen? Koennte man machen. Aber man sollte die Inflation dann auch so bewerten, dass sie auch Vermoegenswerte mit einzieht.
Inflation so berechnen, dass Warenkorb (1/3), Immobilienpreise (1/3), und Vermoegenswerte (1/3) mit in den offiziellen Inflationwert mit einfliessen. Dann koennte man auch ein Inflationsziel von 3% haben.
Man sollte dann aber auch den Nationalen Notenbanken der Eurostaaten eine Mitverantwortung zur Inflationsbekaempfung geben. Wenn also z.B. Immobilienpreise zu stark ueber das Inflationsziel steigen, ist es Aufgabe der Zentralbanken, durch zusaetzlich Massnahmen, (Mindestreserven, Eigenkapitalerhoehung fuer Immobilienkauefe) eine Immobilienblase in einzelnen Staaten zu vermeiden.
@ matt_us
die Alternative waere Kerninflation von der EZB per Geldpolitik steuern zu lassen, und Finanzmarktungleichgewichte (die sich in meinen Augen in Kredit zuverlaessiger abzeichnen als in Vermoegenspreisen) von den nationalen Zentralbanken per makroprudentieller Regulierung – allerdings mit einer Kontroll- und Ueberwachungsfunktion der EZB.
So wie ich hier schonmal vorschlug:
http://kantooseconomics.com/2010/12/19/die-eurozone-braucht-weniger-flexibilitat-beim-schuldenmachen-%e2%80%93-aber-mehr-flexibilitat-bei-allem-anderen/
Gruss,
HK
@HK
Da ich bei dem werten Monsieur studiert habe, bestehe ich darauf, dass man ihn auch beim richtigen Namen nennt, nämlich “Le Cacheux” und nicht “Le Chaceaux”. Aber das nur nebenbei.
Sonst volle Zustimmung – nur wären wir gar nicht in der Situation, wenn Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit nicht so rasant durch Lohnstückkostenstagnation seit der Währungsunions gestiegen wäre. Von Deutschlands Lohnstückkostenentwicklung ging ein klar deflationärer Trend aus, wie man hier schön sehen kann:
http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2011_06_1.pdf
@ fl
Das Argument verstehe ich nicht: Deutschland war also nach Deiner und Böcklers These dazu verdammt auf ewig unwettbewerbsfähig zu bleiben, interne Abwertung bei 12% Arbeitslosigkeit war also… falsch?
@ kantoos
willst Du nicht unterscheiden zwischen erhöhten gesamten Produktionskosten zum Beispiel Energiekosten und Steuern für Subventionen (Strukturanpassungen) und Lohnkosten, Lohnstückkosten .
Arbeitslosigkeitsquoten – was haben die mit Wettbwerbsfähigkeit zu tun?
Je höher für desto weniger arbeiten die Menschen? Dann bitte auch die Kinderbeschäftigungsquote darstellen.
@rubicon, kantoos
Arbeitslosigkeit haette man gut durch zusaetzlich Staatsaugaben bekaempfen koennen i den letzten 12 Jahren, sagen wir mal 20 Mrd Euro pro Jahr, um oeffentliche Projekte zu foerdern. Dann waere die Arbeitslosigkeit auch zurueckgegangen, 20 Mrd Euro, bei einem Multiplikator von 2, sind 1,5% – 2% zusaetzliches Wirtschaftswachstum pro Jahr. Sowas baut zackig Arbeitslosigkeit ab.
Jetzt kommt natuerlich wieder der Einwand, woher haetten wir das Geld gehabt? Die Staatsschulden waeren gestiegen. 20 Mrd pro Jahr ueber 12 Jahre, das sind 240 Mrd extra Staatsschulden.
Das ist natuerlich Bloedsinn, denn die Staatsschulden sind trotzdem gestiegen. Durch die Bad Bank der West LB, HRE und die Abschreibungen fuer IKB. 250 Mrd Euro mehr Staatsschulden haben wir nur dadurch. Haben sich letztes Jahr in unsere Staatsschulden geschlichen, und die Schulden von insgesamt 1,7 auf 2 Bn Euro zu erhoehen.
Diese Bad Banks haetten wir mit Sicherheit nicht gehabt, oder nicht in diesem Ausmasse, wenn wir eine bessere Inlandskonjunktur gehabt haetten in den letzten 12 Jahren. Denn wir haetten ein niedrigere Handelsbilanz gehabt, und das heisst weniger Investionen in faule amerikanische Immobilienkredite. Dann haette es natuerlich auch keine Eurokrise gegeben.
So haette es kommen koennen, wenn Flassbeck weiter Staatssekretaer im Finanzministerium unter Oskar Lafontaine gewesen waere. Stattdessen hatten wir Eichel/Steinbrueck und Asmussen.
Man hat das aus poltischen Gruenden nicht gemacht.
@ matt¬_us
Ich will nicht darüber streiten, ob und wie man etwas hätte bekämpfen können.
Ich will Sie lediglich darauf hinweisen, dass Sie Ihre Position auf eine Art und Weise begründen, die nicht haltbar ist.
Man kann mit der Tatsache staatlicher Verschuldung nicht begründen, dass bestimmte Schulden generierende Maßnahmen, hier der Abbau von Arbeitslosigkeit mit Staatsausgaben, richtig gewesen wären bzw. richtig sind.
Auch Sie würden beispielsweise nicht sagen:
Wir sollten (wenn wir denn wollen) in einen friedensstiftenden Konflikt eingreifen und hinnehmen, dass dabei Soldaten fallen, WEIL es sowieso Tote in unserer Gesellschaft gibt.
Falsch ist ganz sicher auch, die Situation unserer „Bad Banks“ mit schwacher Inlandsnachfrage zu begründen. Unsere Banken, allen voran die Landesbanken, sind in die Bredouille geraten, weil sie – in unterschiedlicher Weise – kein tragfähiges Geschäftsmodell hatten (und immer noch nicht haben, was im hierzulande überbesetzten Finanzsektor besonders nachteilig ist), in der Folge vornehmlich durch reine Zinsdifferenzgeschäfte Rendite erwirtschaften mussten (Ankauf von gebündelten Subprime-Krediten und Finanzierung durch „billiges“, zu Kurzfristkonditionen aufgenommenes Geld ) sowie durch ein Management und insbesondere Kontrollgremien, die im politischen Raum völlig unbeleckt und nahezu verantwortungslos agieren konnten.
Das alles hat mit schwacher Inlandsnachfrage herzlich wenig zu tun.
Tja, was waere wohl passiert wenn Deutschland nicht intern abgewertet haette um sich aus der Wettbewerberbsschwaeche befreit haette, mit der es in den Euro ging?
Es saehe heute wohl so aehnlich aus wie Frankreich. Stagnierend, unkompetitiv, beharrlich hohe Arbeitslosigkeit, ein Staat der seine Finanzen nicht in den Griff kriegt. Ein Land mit schwachen Wachstumsaussichten das nichts dazu beitragen kann, die Eurokrise zu loesen. Denn wenn irgeendwas Europa heute zusammenhaelt dann ist es die Staerke und Glaubwuerdigkeit des deutschen Makroframeworks.
Die Schuldenbonanza in Suedeuropa und die reale Aufwertung durch kreditfinanzierte Booms im nontradeable Sektor hingegen haetten sich genauso abgespielt — schliesslich haetten die Suedeuropaer auch so 1998 deutsche Zinsen geschenkt bekommen.
@ hkaspar
“beharrlich hohe Arbeitslosigkeit”, berücksichtigen Sie die mannigfaltigen Manipulationen der Messung der Arbeitslosenquoten – ganz besonders unter SuperWolfgangClement, bleibt nicht mehr viel der positiven Ergebnisse oder?
Und was wird aus den vielen, vielen bis heute nicht beschäftigten Jugendlichen, die jetzt älter werden, älter werden, älter werden…?
Da kann man ja nur auf einen demographischen Faktor setzen – trotz oder gerade wegen der Öffnungen der Arbeitsmärkte Osteuropas. Hoffentlich bringen diese neue zusätzlich Impulse und Multiplikationen für Instantsetzungen und Erneuerungen unserer Kulturstätten und Zentren sowie Peripherien. Ergeizige Mikrocoreworks von Unternehmern sind gefragt.
@Dietmar Tischer, hkaspar
Das halte ich fuer eine gewagte Behauptung, dass es nur durch eine Lohnzurueckhaltung zum Abbau der Arbeitslosigkeit gekommen waere. Genau so haette auch ein Konjunkturprogramm gewirkt, das 20 Mrd im Jahr fuer zusaetzliche oeffentliche Investitionen ausgesetzt hat. Man haette natuerlich keine Loecher buddeln, und wieder zuschuetten sollen. Aber es haette mit Sicherheit Moeglichkeiten gegeben, sinnvolle staatliche Investitionen zu stemmen.
Deutschland saehe nicht wie Frankreich aus (was in der ersten Haelfte des letzten Jahrzehnts uebrigends viel staerker wuchs als Deutschland). Es war schon immer wettbewerbsfaehiger als Frankreich (immer mehr Exporte). Was passiert waere, waere folgendes. Exporte in Deutschland waeren etwas weniger als jetzt, denn die Wirtschaft haette Ressourcen von der Exportwirtschaft in die Binnenwirtschaft gezogen. Das haette das Leistungbilanzdefizit verkleinert, aber mit Sicherheit nicht ausgeglichen.
Das haette zwei Folgen gehabt. Banken waeren weniger schnell bereit gewesen in CDOs aus Amerika zu investieren, denn hier waeren Kredite fuer den Ausbau der Wirtschaft in Deutschland benoetigt worden. Der Landesbanken Geschaeftsmodell ist teilweise Grosskredite zu finanzieren.
Zusaetzlich haette es eine hoehere Inflation gegeben in Deutschland. Das haette die EZB gezwungen, Zinsen schon vorher zu erhoehen. Das haette zu einem frueheren Reuckgang der Immobilieninvestitionen in Irland und Spanien gefuehrt. Deren Probleme waeren nicht so doll gewesen.
All das hat man nicht gemacht. Man hat es mit Lohnsenkung versucht, was den Export unheimlich ausweitete, und den Gewinnanteil, der den Kapitalbesitzern zugute kommt. Man hat zusaetzlich MWSt erhoeht, was auch regressive Besteuerung ist, die Armen zahlen relativ mehr. Auch das hilft Reichen und Kapitalbesitzern. Und schaedigt den Konsum.
Es haette sicher auch Ungleichgewichte so gegeben, denn deutsche Waren sind ueberall gefragt, aber die Ungleichgewichte waeren kleiner gewesen, und die amrikanischen CDO Sache auch mit Sicherheit kleiner. Und die Eurokrise auch kleiner.
Wir waeren alle reicher gewesen, haetten allerdings einen groesseren Staatsanteil am BIP. Und weniger Sorgen mit der Europeripherie.
Und ich brauch nur “Schuldenbremse” zu hoeren, dann weiss ich wie es um die Glaubwuerdigkeit des deutschen Makro – Frameworks bestellt ist. Total bescheuert sind die deutschen Politker, wenn es um die Leitung ihrer Volkswirtschaft geht. Stark ist das Modell natuerlich, sehr wettbewerbsfaehig, mit niedrigen Loehnen, da hat H. Kaspar Recht.
@ matt_US
Wir schaetzen das offensichtlich unterschiedlich ein.
Das halte ich fuer eine gewagte Behauptung, dass es nur durch eine Lohnzurueckhaltung zum Abbau der Arbeitslosigkeit gekommen waere. Genau so haette auch ein Konjunkturprogramm gewirkt, das 20 Mrd im Jahr fuer zusaetzliche oeffentliche Investitionen ausgesetzt hat. Man haette natuerlich keine Loecher buddeln, und wieder zuschuetten sollen. Aber es haette mit Sicherheit Moeglichkeiten gegeben, sinnvolle staatliche Investitionen zu stemmen.
Freilich kann man auf Steuerzahlerkosten temporaer die Beschaeftigung aufblaehen. Aber wettbewerbsfaehige, sich selbst tragende Jobs kriegt man damit nicht – stattdessen anaemische Volkswirtschaften.
Deutschland saehe nicht wie Frankreich aus (was in der ersten Haelfte des letzten Jahrzehnts uebrigends viel staerker wuchs als Deutschland). Es war schon immer wettbewerbsfaehiger als Frankreich (immer mehr Exporte).
Erstens, die Hoehe des Exports per se ist ein Indikator fuer nichts ausser fuer den Offenheitsgrad der Volkswirtschaft. Deutschland ist und war immer offener als Frankreich, korrekt. Der Berliner kauft Kirschen aus Norditalien, der Pariser aus Languedoc.
Zweitens, wie ich an andere Stelle schrieb (und zeigte) liegt Deutschlands externer Ueberschuss – zumindest bis ca. 2005/07 – mehr an schwachen Importen als an starken Exporten. Was bedeutet: Kapital floss ab und finanzierte Investitionen anderswo.
Was wiederum die Frage nach sich zieht: das soll eine wettbewerbsfaehige Volkswirtschaft (gewesen) sein?
Was passiert waere, waere folgendes. Exporte in Deutschland waeren etwas weniger als jetzt, denn die Wirtschaft haette Ressbourcen von der Exportwirtschaft in die Binnenwirtschaft gezogen.
Der Staat haette sich hoeher verschuldet – wenn Sie das mit “Ressourcen in die Binnenwirtschaft ziehen” meinen, fein. Die Frage ist allerdings auf wessen Kosten das gegangen waere. Sie meinen auf Kosten des Auslands, ich meine eher auf Kosten der (dann noch weniger wettbewersfaehigen) Privatwirtschaft. Denn das Renditedifferential zum Ausland waere blos wegen hoeherer Staatsschuld ja nicht verschwunden.
Zusaetzlich haette es eine hoehere Inflation gegeben in Deutschland. Das haette die EZB gezwungen, Zinsen schon vorher zu erhoehen. Das haette zu einem frueheren Reuckgang der Immobilieninvestitionen in Irland und Spanien gefuehrt. Deren Probleme waeren nicht so doll gewesen.
Ein bisschen hoehere EZB-Zinsen haetten an der Sache allenfalls marginal etwas geandert. Die Hauptursache fuer die Immobilien- bzw. Staatschuldenbooms in der europaeischen Peripherie war das Verschwinden des Zinsdifferentials (von 500 bps und mehr) bei der Euroeinfuehrung – dies ist ein Zins-Windfall voelig anderer Groessenordnung. Und die Tatsache dass das zufliessende Kapital in den Nontradeables-Sektor ging.
Und ich brauch nur „Schuldenbremse“ zu hoeren, dann weiss ich wie es um die Glaubwuerdigkeit des deutschen Makro – Frameworks bestellt ist.
Bei Ihnen mag das so sein. Aber wenn ich die deutschen CDS-Spreads mit denen des Rests der Welt vergleiche stehen Sie mit Ihrer Ansicht ziemlich allein da.
Gruss,
HK
@hkaspar
Wenn der Staat 20 Mrd extra ausgegeben haetten, jedes Jahr, in den lezten 12 Jahren, haetten wir ueber die ganze Periode hinweg vielleicht 1 Mio Arbeitslose weniger gehabt. Die zum Teil im Staatssektor beschaeftiget wesen waeren, aber zum Teil auch in der Binnenwirtschaft.
Konsum in Deutschland waere groesser gewesen. Der Staatssektor groesser. Wir haetten mehr Lehrer, Professoren, Studierende. Weniger Leute die nicht mal einen Hauptschulabschluss schaffen. Der Niedriglohnsektor waere besser bezahlt. Die Infrastruktur in Deutschland waere besser. Wir haetten noch mehr in erneuerbare Energien investiert haben koennen, als wir es soundso schon gemacht haben. Wir haetten ein “smart grid”, das den Energieverbrauch steuert, und Leistungsschwankungen ausgleicht. Wir haetten hoehere Loehne gehabt, mehr importiert, waeren mehr ins Ausland in den Urlaub gefahren.
Die Exportsektor waere mit Sicherheit weniger wettbewerbsfaheig, weil auch er hoehere Loehne haette zahlen muessen. Aber er waere immer noch wettbewerbsfaehig.
Damit waere die die Probleme wie “CDO Investionen der deutschen Banken” und die “Eurokrise” kleiner gewesen.
Das sowas tendenziell alles richtig ist, ist nicht abzustreiten.
Und “Schuldenbremse” als oekonomisches Konzept ist bescheuert. Oder sagen Sie mir bitte mal, ob sie da irgend etwas schon mal irgendwo darueber gelesen haben, in einem Oekonomiebuch irgendwo in der Welt?
Und bitte kommen Sie mir nicht mit einer selbstgestrickten Zahl wie mit CDS, die jetzt irgend etwas ueber die Wahrscheinlichkeit einer Umschuldung sagen soll, oder die Solvenz eines Staates. Ich bin der Meinung, (und da gibt es auch Oekonomen, die schlauer sind als ich, die sowas sagen) , dass es nicht moeglich ist, dass Staaten bankrott sein koennen. Sie koennen unter Umstaenden Ihre Auslandsschulden in Devisen nicht bezahlen. Aber es ist unmoeglich die Schulden in der eigenen Waehrung nicht zurueckbezahlen zu koennen. Damit waere eine Insolvenz der ganzen Eurostaaten also unmoeglich.
Ein interessanter Bericht hierzu bei FT alphaville letzten Freitag, die es anders sehen. Rabobank hat einen Index aufgestellt, zur Solvenzberechnung einiger Staaten.
Hiermit liegt Japan zwischen Griechenland und Irland. So ein Bloedsinn. Japan liegt mit seinem CDS Wert zwischen Italien und Oesterreich. Auch Bloedsinn. Und der USA CDS Wert ist nur zwei Stufen unter dem Deutschlands , und nach Rabobank’s Berechnung kommen USA gleich nach Irland – alles Senf.
Der Rabobank Index, so schient es mir, bekommt auch nur Griechenland so nach oben bugsiert, weil es die Volatilitaet der Zinsrate uebermaessig gewichtet. (Interest rate growth differential).
Sowas ist interessanter Zeitvertreib fuer Bankanalysten, die sonst nichts zu tun haben, und uns erzaehlen wollen, dass Griechenland insolvent ist. Aber es hat nichts mit Oekonomie zu tun. Das ist Propaganda. Ob man CDS ‘berechnet’, oder einen Z-score, oder die Insolvenzwahrscheinlichkeit nach Anzahl der Sonnenscheinstunden im Jahr berechnet, das kommt alles aufs gleiche raus.
Das interessanteste an dem alphaville Artikel ist uebrigends der Link der dort auf einen Artikel ueber Modern Monetary Theory gezeigt wird. Damit sollte man sich mal beschaeftigen, wenn man jetzt ueber Ostern nichts zu tun hat.
http://ftalphaville.ft.com/blog/2011/04/21/552236/if-you-prick-a-sovereign-why-do-they-not-bleed/
@ Matt_US
was Sie als “tendenziell richtig” scheint mir nicht nur strittig sondern zum erheblichen Teil oekonomisch unsinnig. Eine expansive Fiskalpolitik mit Lohndruck nach oben haette zweierlei bedeutet:
(i) sie haette den notwendigen internen Abwertungsprozess gestoppt oder verlangsamt, und damit die Rueckkehr der dt. Volkswirtschaft zu Wettbewerbsfaehigkeit, und
(ii) zugleich haette sie aber ueberhaupt nichts geandert am Kalkuel, das zu Kapitalabfluss aus Deutschland fuehrte, das da ist: mangelnde erwartete Renditen im Inland im Vergleich zum Euro-Ausland. Im Gegenteil, der Tendenz nach haette sie das Kalkuel sogar noch verschlimmert.
Schliesslich kann niemand einen Investor dazu bringen sein Geld im Inland anzulegen, nur weil der Staat mehr Geld braucht. Sicher, mehr Finanzbedarf des Staates muss irgendwo gedeckt werden. Sie behaupten nun aber das waere ausgerechnet auf Kosten rentable(aussehende)r Auslandsinvestitionen geschehen – mir scheint sehr viel plausibler dass es auf Kosten (wg. Loehnerhoehung noch) unrentablerer Inlandsinvestitionen geschehen waere, zumindest mittelfristig. Was dann impliziert dass eine schuldenbasierte expansive Fiskalpolitik zwar Exporte reduziert haette, aber ebenso Importe.
Wenn dann muss man bei sowas domestic savings schon zwingen, hierzubleiben, d.h. die Steuern erhoehen. Aber Hans Eichel tat 2000 ja genau das Gegenteil mit seiner prozyklischen Steuerentlastungsreform. Danach ging die Kapitalabflussbonanza aus D erst richtig los, und zugleich vernichtete Eichel jeden fiskalischen Spielraum fuer die Folgejahre.
In a nutshell: ich gestehe Ihnen allenfallls zu dass wir bei expansiverer Staatschuldenpolitik in den fruehen 2000er Jahren etwas mehr Wachstum gehabt haetten, rein mechanisch durch mehr Staatsnachfrage und in der kurzen Frist incomplete crowding out des Privatsektors. Aber das ist alles. In return waeren wir jetzt in einer dauerhaft schlechteren Wachstumsposition, mit geringerem Wachstum bereits in der zweiten Halefte der 2000er, schlechteren Wachstumsaussichten heute, hoeherer Sockelarbeitslosigkeit, und weitaus schlechteren Staatsfinanzen. D.h. wir saehen dem Chirac/Sarkozy-Frankreich recht aehnlich.
Was dann wiederum heisst das D heute wenig dazu beitragen koennte die Eurozonen-Krise zu loesen – die sich natuerlich ganz genauso entwickelt haette, der nontradeables Sektor Boom in Irland, Spanien oder Griechenland hat nichts zu tun mit deutschen Loehnen, sondern mit dem Zinsen-Windfall bei Euroeinfuehrung und Misallokation von Ressorucen. Le boche paiera setzt voraus dass D zahlen kann, mit Ihrem Politikrezept koennte er das nicht.
Gruss,
HK
P.S.: freilich koennen Staaten die in Eigenwaehrung verschuldet sind nicht Pleite gehen, sofern sie bereit sind die Schulden wegzuinflationieren. Aber es waere toericht anzunehmen dass dies eine kostenfreie Option waere.
@hkaspar
Das einzige was wir mit Sicherheit wissen, ist das wir 250 Mrd Schulden der Bad Banks aufgedrueckt bekommen haben.
Da haette ich mir jetzt, im Nachhinein gewuenscht, wir haetten das Geld in Bildung, Infrastruktur gesteckt. Anstatt an Banken verschleudert. Es ist ja nicht so als haette man das nicht machen koennen.
Die deutschen Exporteure waren immer wettbewerbfaehig, und waeren es auch geblieben, wenn es 500,000 extra Jobs im oeffentlichen Dienst mehr gegeben haette in Deutschland. Da waere nichts durch “crowding-out” weniger Privatwirtschaft entstanden, sondern mehr, durch mehr Nachfrage des Binnenkonsums.
Natuerlich haetten oeffentliche Infrastukturinvestitionen auch Privatinvestitionen mit sich gezogen, denn die oeffentlichen Projekte werden ja von Privatfirmen ausgefuehrt, ob das jetzt Strassenbau oder Schulgebaeude renovieren ist.
Es haette grundsaetzlich die Arbeitslosigkeit schneller abgebaut werden koennen. Die Leistungsbilanz waere ausgeglichener gewesen, dadurch alleine waeren weniger Summen in die Europeripherie gesteckt worden. Dann kaeme noch ein fruehzeitiges Anziehen der Zinsen hinzu. Und die Immobilienblase in Irland und Spanien waere vielleicht schon 2005 oder 2006 gestoppt worden, wenn Zinsen auf einmal wieder mal auf 5%+ gelegen haetten.
Deutschland haette mehr fuer sich selbst gearbeitet, und weniger fuer den Export. Das waere nicht verkehrt gewesen, und ist auch heute nicht verkehrt. Europaeische Leistungsbilanzen waeren natuerlich auch dann ausgeglichener – und das ist ja der Grund fuer das Europroblem. Es haette immer noch Probleme gegeben – ich meine entscheidend kleinere – sie meinen unbedeutend kleinere.
Und Schulden braucht man nicht weginflationieren, man kann die auch weg bekommen durch Steuern – ist sogar gesuender, besonders fuer schwache Einkommensgruppen. Und wenn man den oberen 10,000 oder 10 Mio die Steuern zahlen laesst, hat es auch wenig Auswirkungen auf die Realwirtschaft.
@ matt_US
Soweit ich sehe wiederholen Sie lediglich dass bei hoeheren Staatsausgaben die LB angeblich ausgeglichener gewesen waere, offenbar weil Ihrer Ansicht nach Sparer durch Staatsausgaben irgendwie dazu gebracht werden koennten eine noch wettbewerbsschwaechere Volkswirtschaft zu finanzieren.
Mir er scheint das oekonomisch widersining, siehe meine Atnwort oben. Wir koennen dies entweder ausdiskutieren, aber dann wuerde ich doch gern mal wissen wieso ausgehend von einer Situationen realer Ueberbewertung Lohnerhoehungen und ein nicht nachhaltiger Staatshaushalt Kapital anziehen sollen. Oder wir koennen das so stehen lassen und uebereinstimmen dass wir nicht uebereinstimmen.
Gruss,
HK
@hkaspar
Ich sehe nirgendwo ein Fehlen von Kapital in den letzten Jahren in Deutschland. Kapital zum investieren kann vom Privatsektor aber auch vom Staat kommen.
Wenn der Staat einen Auftrag gibt, wird automatisch neues Kapital zur Auftragserfuellung vom Privatsektor zur Verfuegung gestellt. Das Kapital war schon immer da – es gibt und gab nie eine Kapitalklemme in Deutschland. Wenn ein Unternehmen einen profitablen Auftrag bekommt, wird es investieren. Teilweise Eigenkapital des Unternehmers (was bis dahin auf Sparkonten lag), teilweise Bankkredite. Wenn der Auftrag fertig ist, und der Gewinn eingesackt, dann baut sich der Unternehmer ein schoenes neues Haus. Das wird extra Wirtschaftswachstum foerdern.
Auch fuer Bildung kann man Kapital des Staates verwenden.
Ich weiss nicht hkaspar, aber es kommt mir so vor als seien Sie im Moment in den USA, um da vielleicht zu studieren? Vielleicht kennt man das Konzept der Besteuerung von Einkommen oder Vermoegen da gar nicht, oder Staatsausgaben, um zu investieren? Das gibt es aber. Noch, jedenfalls, in Europa, obwohl uns alle moeglichen Leute aufschwaetzen wollen, dass sowas schaedlich fuer die Wirtschaft und den Wohlstand ist.
Die Grundidee war ja jedes Jahr 20 Mrd neue Schulden aufzunehmen, die wir ja jetzt soundso haben. Daher kommt das Kapital fuer Investitionen. Wir pumpen uns das Geld.
Vielleicht wird Ihnen sowas vorenthalten in den USA?
Gibt es da die Formel nicht mehr: Y=C+I+G ?
Jetzt nur noch C+I, anscheinend.
Der Einfluss auf die Leistungsbilanz gibt es automatisch, dadurch dass der Staat in der Binnenwirtschaft investiert, das mehr Wirtschaftswachstum nach zich zieht. Der Exportsektor wird kleiner weil Exporte teurer werden, durch hoehere Loehne. Weniger wird im Ausland verkauft, mehr in Deutschland (wo die Leute sich jetzt auch wieder einen BMW leisten koennen).
@ Matt_US
Sie haben recht dass ich in den USA bin; allerdings nicht um zu studieren, die Tage liegen lange hinter mir. Und in der Tat, jetzt wo Sie’s sagen – irgendwo hab’ ich schonmal gehoert dass Y=C+I+G. Actually, Y=C+I+G+X-M, wenn ich mich nicht tauesche.
Zum Substanz des Arguments: Sie bringen gute Gruende vor warum X und M sich in bei einer Erhoehung von G in eine bestimmte Richtung veraendern sollen. Aber das reicht eben nicht. Um zu zeigen dass Deutschlands LB bei hoeherem G weniger ueberschuessig gewesen waere brauchen Sie ein korrepondierendes Argument fuer hoeheren Kapitalimport bzw. geringeren Kapitalexport. “Das Kapital wird halt gebraucht” tut’s nicht – Kapital geht nicht irgendwohin weil es gebraucht wird, sondern weil es erwartet Rendite zu erzielen.
Bei Ihnen faellt die erwartete Rendite aber zugleich soll der Kapitalnettoimport steigen. Das passt nicht zusammen.
Gruss,
HK
Also, um die Formel komplett zu machen
Y=C+I-S+G-T+X-M
Also alles was wir produzieren setzt sich aus Konsum (C) und Investionen (I), Regierungsausgaben (G) und Exporten (X) zusammen, abgezogen werden das was wir sparen (S), und das was an Steuern abgeht (T) und an Importen (M), fuer irgendwelch nicht-Oekonomen, die sich hierher verirren.
Oder auch Amerikaner, die weder S noch T zu kennen scheinen. So sieht es jedenfalls von Europa her aus.
Jetzt, zu Ihrer Aussager: “Bei Ihnen faellt die erwartete Rendite aber zugleich soll der Kapitalnettoimport steigen. Das passt nicht zusammen.”
Kann es sein, dass die erwartete Rendite faellt, wenn es insgesamt weniger Arbeitslose gibt? Fuer die deutsche Volkswirtschaft insgesamt wohl nicht, wenn man in vernuenftige Projekte investiert. Es kann sein, dass die Rendite von BMW natuerlich sinkt, wenn Lohnabschluesse ueberall hoeher sind in Deutschland, weil die geringe Arbeitslosigkeit theoretisch Gewerkschaften bessere Verhandlungsmoeglichkeiten gibt. Aber diese fallende Rendite der Exportindustrie kann durch hoehere Rendite der Industrie die Schulen renoviert und Strassen repariert, ausgeglichen werden. Auch Bildungsinvestitionen fuehren zu hoeheren Renditen, allerdings zeitversetzt.
Also theoretisch koennte die Rendite durch ein generell hoeheres Lohnniveau von BMW sinken, denn die BMW Arbeiter wuerden auch mehr verdienen. Aber halt nur theoretisch. Denn BMW kann durchaus seine Loehne an die Situation anpassen. Es kann sein, dass Arbeitsplaetze erhalten werden, wenn die Firmen in Deutschland bleiben. Die Loehne sinken in der Automobilindustrie in Deutschland, wenn es darum geht ob die naechste Investition in Deutschland oder im Ausland stattfinden soll. VW hat so einen Lohnabschluss vor ein paar Jahren gemacht.
Das heisst, die Renditeerwartung fuer jedes deutsche Unternehmen ist immer unabhaengig von dem Gesamtlohnniveau, was mit weniger Arbeitslosigkeit mit Sicherheit steigen wuerde. Der Lohn in einem Unternehmen/Branche setzt sich aus unabhaengigen Verhanlungen zusammen, zwischen Tarifpartnern. Das allein sagt was ueber die Wahrscheinlichkeit aus, ob die naechst Investition im Inland oder Ausland getaetigt wird.
Wenn eine Volkswirtschaft weniger exportiert, und mehr importiert, (weil weniger Arbeitslose, also mehr C+G+I) kommt das einem automatischen Nettokapitalimport gleich. Das passiert automatisch. Da wird nichts gesteuert ueber einzelne Unternehmensentscheidungen.
Oder andersrum, selbst wenn es im Grenzbereich mehr Untermehmensinvestitionen im Ausland geben wuerde, waeren die staerkeren C+G+I Werte genug, um einem kleinerem X-M Wert entgegenzuwirken. Der Nettoeffekt waere positiv.
Man haette mal jedes Jahr, in den letzten 10 Jahren 25 Mrd Euro fuer oeffentliche Projekte ausgeben sollen. Wir waeren jetzt insgesamt reicher. Unser BIP pro Person waere groesser, wenn es jedes Jahr, durch 1 Mio weniger Arbeitslose, 1,5% mehr Wirtschaftswachstum gegeben haette. Jeder Deutsche waere rund 18% reicher.
Fuer alle die die ganze Formel nicht kennen, und das scheint unsere amerikanischen Freunde mit einzuschliessen:
BIP=(C+I-S)+(G-T)+(X-M)
(Konsum + Investitionen – Sparen) +(Staatsausgaben – Steuern) +(Exporte – Importe).
Besonders S und T scheint zu wenig in den USA vorzukommen.
Jetzt aber zum Thema, ob das BIP hochgehen kann, wenn Arbeitslosigkeit abgebaut wird. Dadurch sagte ich, wuerde u.U. die Wettbewerbsfaehigkeit der Exportindustrie eingescharaenkt. Die wuerden jetzt mehr im Ausland investieren, sagt Hkaspar. “Bei Ihnen faellt die erwartete Rendite aber zugleich soll der Kapitalnettoimport steigen. Das passt nicht zusammen.”
Das passt zusammen. Nicht vergessen, dass durch erhoehtes G (+20 Mrd Euor pro Jahr – Schulrenovation, Strassenbau, mehr Lehrer) und I (neues Haus oder Auto fuer Unternehmer) die Investitionen steigen in Deutschland. Das gleicht den Verlust der Investitionen der Exportwirtschaft aus.
Ausserdem, koennte es auch sein, das die Automobilbranche z.B. nicht im Ausland investiert. Arbeitsplaetze bleieben in Deutschland, in Gegenzug stimmen Arbeiter kleineren Lohnerhoehungen zu. Kleinere Arbeitslosigkeit muss nicht unbedingt Loehne in anderen Bereichen in die Hoehe ziehen.
Insgesamt ist es immer besser schnell Arbeitslosigkeit abzubauen, denn sonst entsteht ein dauernder Verlust von Volksvermoegen.
Das Kapital der Unternehmer wird im Ausland investiert, ob die Leistungsbilanz positiv oder negativ ist. Das eine ist eine reine Mikro Entscheidung, von der Rendite abhaengig, das andere die volkswirtschaftliche Betrachtung des ganzen, die Bilanz aus Handel, und Investionsentscheidungen. Eine Kleinerwerden des Leistungsbilanzueberschuss bedeutet immer ein Netto Kapitalimport.
Das ganze ist was verwirrend, mein ich weil man immer von Kapital spricht. Aber das Kapital der Unternehmer ist was ganz anderes als die Zahlungsbilanz (Capital Account), die immer, bilanztechnisch bedingt, das Gegenstueck zur Leistungsbilanz (Current Account) ist.
@ matt_US
wir reden aneinander vorbei. Lohnerhoehungen in D reduzieren Wettbewerbsfaehgigkeit und damit die erwartete Rendite von Investitionen in D relativ zum Ausland. Bringt das die Bank X, welche die Ersparnisse von Haushalt Y einsammelt, dazu diese Ersparnisse an deutsche oder an auslaendische Automobilfirmen zu verleihen?
Sie behaupten ersteres, ich meine letzteres.
In dem Zusammenhang: man koennte Ihren Satz ein Kleinerwerden des Leistungsbilanzueberschuss bedeutet immer ein Netto Kapitalimport so lesen als meinten Sie wenn sich die Leistungsbilanz anpasst muesse die Kapitalbilanz automatisch folgen. Ich weiss, so denken die Flassbecks (und traurigerweise auch Martin Wolfs) dieser Welt, aber das ist Humbug. Keine Spar- bzw. Investitionsentschiedung wird getroffen nur weil sie so getroffen werden muss damit die LB abgeglichen wird.
Um Aenderungen des externen Saldos zu erklaeren brauchen Sie eine Erklaerung die konsistent ist sowohl fuer die LB als auch die KB. Und da faellt es mir relativ leicht eine konsistente Erklaerung zu formulieren bei der Kapitalbfluss (wegen gefallener relativer Rendite) niedrigere Investitionen nach sich zieht, und dies wiederum niedrigere Importe — waehrend das umgekehrte Argument nicht funktioniert: fallende Renditeerwartung sollte eben nicht zu Kaptialzufluss und hoeheren Investitionen fuehren, sondern zum Gegenteil.
Das alles wusste Eugen Boehm-Bawerk uebrigens schon vor ueber 100 Jahren – siehe hier:
http://kantooseconomics.com/2010/12/30/saldenmechanik-eugen-bohm-bawerk-und-deutschlands-sagenhaft-hohe-exporte-teil-ii/
Gruss,
HK
P.S.: danke fuer das “T”–ganz recht.
@ Kantoos
Ich verstehe Dich nicht. Du redest von “interner Abwertung”. Ich weiß nicht, was das ist. Du meinst damit wahrscheinlich Lohnzurückhaltung – die würde ich auch so nennen. Nun meinst du, die brauchte man, um von der Arbeitslosigkeit runter zu kommen. Fine with me. Nehmen wir also an, das sei tatsächlich richtig, weil Deutschland (warum auch immer) ein Lohnproblem hatte (haben das andere eigentlich auch?).
Dann gibt es aber immer noch etwas wie den realen Wechselkurs. So habe ich es auf jeden Fall gelernt als ich noch an der Uni war; vielleicht war das ja alles falsch. Und der hat ökonomische Folgen: Im einfachen Mundell-Fleming-Modell (oder darf man das in der modernen Makro nicht mehr verwenden? Und wenn nicht, was ist die Alternative? Wäre für weiterführende Litaretur dankbar, um meinen Horizont zu erweitern) und eigentlich in jedem ökonomischen Text haben Veränderungen der realen Wechselkurse Folgen – sowohl auf die Leistungsbilanz als auch auf die Kaufkraft.
Nun werden reale Wechselkurse bei nominal fixen Wechselkursen vor allem durch die Lohnstückkosten bestimmt (bzw. zum größten Teil); weil diese Lohnstückkosten auch das Preisniveau in der Ökonomie treiben. Nun, wie gesagt, nehmen wir an, die Lohnzurückhaltung sei richtig gewesen; dann gab es aber eben nicht nur eine “interne Abwertung”, sondern auch eine kräftige externe Abwertung – mit allen Folgen für Kaufkraft und Leistungsbilanz, wie man sie eben so im einfachen Mundell-Fleming-Modell erwarten würde.
Damit hat Deutschland aber nicht nur an preislicher (!) Wettbewerbsfähigkeit gewonnen, sondern auch als größtes EU-Land seit Einführung der Währungsunion tendenziell gegen das EZB-Inflationsziel verstoßen – in der realen Welt sind es nämlich vor allem die realen Preise, die die Inflation treiben, und dabei vor allem die Lohnstückkosten.
Hätte die EZB bei der Stagnation der deutschen Lohnstückkosten eine höhere Gesamteuroinflation zugelassen, dann wären die Lohnstückkosten von GIPS und Co. noch schneller gewachsen – und die realtive preisliche Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder noch stärker gefallen.
Du magst das aus Gründen, die wierderum ich nicht verstehe, nicht verstehen – aber selbst wenn wir es für richtig halten, dass die Lohnstückkosten in Dtl. gefallen sind, so können wir doch den Blick nicht davor verschließen, dass das Konsequenzen für den realen Wechselkurs hatte. Wenn du nun meinst, der reale Wechselkurs sei nicht relevant, der hätte keine Effekte, Lohnstückkosten seien für das Preisniveau und den realen Wechselkurs vollkommen unerheblich, dann kann ich daran nichts ändern.
@ fl
Nur kurz: ich verstehe tatsächlich nicht ganz, was Du mir eigentlich sagen willst. Interne Abwertung sagt man meines Wissens zu Fällen fester Wechselkurse, wo also die einfache externe Abwertung nicht so einfach ist (via Wechselkurs) und man daher über Löhne abwerten muss.
Das Mudell-F. Modell ist völlig in Ordnung, aber seine Aussage ist zunächst mal, dass man bei fixen Wechselkursen keine unabhängige Geldpolitik betreiben kann, wenn man zugleich Kapital erlaubt sich frei zu bewegen. Aber es ist ein Kurzfristmodell, wo es nicht um eine Volkswirtschaft geht, die bei ohnehin zu hohem Lohnniveau auch noch überbewertet in eine Währungsunion geht. Sprich, es steckt vieles von dem nicht drin, was für Deutschland wichtig war.
Gegen das Inflationsziel “verstieß” Deutschland (genau wie fast alle anderen Länder, nur in andere Richtungen), weil der Euroraum ein äußert suboptimaler Währungsraum war und ist.
PS: Noch eine Anmerkung zum Schluss: bei vielen Modellen wird in der Lehre oft eine Argumentation verwendet wie “wenn sich der Preis für XY ändert, ändert sich die Nachfrage/Angebot/was auch immer”. Mich hat das immer unglaublich aufgeregt, weil sich Preise eben nicht einfach so ändern. Ich dachte immer, mit diesem Ärger sei ich allein, bis ich sah, dass sich Scott Sumner darüber auch so herrlich aufregen konnte. Eine Basisregel aller VWL Lehrbücher sollte sein: never (ever) reason from a price change.
@ HK
“Es saehe heute wohl so aehnlich aus wie Frankreich. Stagnierend, unkompetitiv, beharrlich hohe Arbeitslosigkeit, ein Staat der seine Finanzen nicht in den Griff kriegt. Ein Land mit schwachen Wachstumsaussichten das nichts dazu beitragen kann, die Eurokrise zu loesen. Denn wenn irgeendwas Europa heute zusammenhaelt dann ist es die Staerke und Glaubwuerdigkeit des deutschen Makroframeworks.”
Ach ja, das stagnierende Frankreich. Nur mal so nebenbei: Von 2001q1 (Anfang des letzten Aufschwungs) bis 2010q2 hatte Frankreich ein BIP-Wachstum von 11,1 %, Deutschland von 7,2 %. Die Beschäftigung stieg um 4,0 %, in Deutschland nur um 2,6 %. Nimmt man als Anfangdatum 1999q1, dann stellt man noch mehr französische Dynamik fest: Erwerbstätigkeit +8,7% (Dtl.: 5,5%), BIP +19,8% (Dtl.: 13,4%).
Was die Schuldenstandsquote angeht: Bis 2008 hatten die beiden Länder fast eine identische Schuldenstandsquote, 2008 bei einem Stand von etwa 66% – erst in der Krise ist Frankreichs Schuldenstand stärker gewachsen (wenn man dem IMF data mapper glaubt). Damit ist Frankreichs öffentliche Schuldensituation zugegeben nicht ganz so gut wie Deutschlands, man kann aber sicher nicht sagen, dass das Land seine Finanzen nicht in den Griff kriegt – was auch die Finanzmärkte so sehen, schließlich liegt der Aufschlag französischer auf deutsche Renditen bei Staatsanleihen sehr niedrig.
@ HK
„Freilich kann man auf Steuerzahlerkosten temporaer die Beschaeftigung aufblaehen. Aber wettbewerbsfaehige, sich selbst tragende Jobs kriegt man damit nicht – stattdessen anaemische Volkswirtschaften.“
Aha, öffentliche Investitionen oder der öffentliche Dienst blähen nur die Beschäftigung auf. Hm. Erst mal: Die Nettoinvestitionsquote war über den meisten Teil der 2010er Jahre negativ, so dass mehr öffentliche Infrastruktur verfallen als neu ausgebaut wurde. Dazu gehören auch Dinge, die man gern in der endogenen Wachstumstheorie thematisiert, wie etwa Bildung – im klassischen Investitionsbegriff sind das vor allem Schul- und Unigebäude. Die Konsequenz des Sparens war aber auch eine Stagnation der Bildungsausgaben (kann man alles schön im neuen Education at a glance der OECD nachlesen).
Was die Jobs im Öffentlichen Dienst angeht, die ja scheinbar auch nur aufgeblasene Jobs sind: Die sind in Deutschland nicht besonders häufig vorhanden (weit unter OECD-Schnitt, übrigens auch unter US und UK) und noch stark in den letzten Jahren zurückgegangen – siehe auch im Bildungsbereich, in dem es ein sehr schlechtes Schüler-Lehrer-Verhältnis in Deutschland gibt.
Von der Notwendigkeit öffentlicher Infrastruktur zum Ausbau erneuerbarer Energien, Stromleitungen etc. will ich gar nicht reden. Freilich, alles nur temporöre Aufblähung von Beschäftung – bloß ist das dann jede Investition, ob privat oder öffentlich.
„Zweitens, wie ich an andere Stelle schrieb (und zeigte) liegt Deutschlands externer Ueberschuss – zumindest bis ca. 2005/07 – mehr an schwachen Importen als an starken Exporten. Was bedeutet: Kapital floss ab und finanzierte Investitionen anderswo.“
Sie meinen, Sparen ist gleich dem Kapitalabfluss. Wenn jemand bei mir etwas kauft, und ich Einkommen habe, und ich dann nicht alles von diesem Einkommen verfuttere (konsumiere), dann spare ich. Fließt dann mein Geld ab, und zwar an den, der von mir etwas kauft? Das ist offensichtlich Unsinn.
@ HK
“Bringt das die Bank X, welche die Ersparnisse von Haushalt Y einsammelt, dazu diese Ersparnisse an deutsche oder an auslaendische Automobilfirmen zu verleihen?”
Aha, die Bank “sammelt” die Ersparnisse ein – die Bank hätte gar kein Geld, wenn nicht jemand seine “Ersparnisse” bei ihr einlagern würde? Hm, in der realen Welt halten eigentlich die meisten Leute ihr Geld auf der Bank – beim Unternehmer, der das Geld dem Arbeitnehmer überweist (also gar nicht spar), wechselt “das Geld” nur das Konto, die Bank hat es die ganze Zeit.”Das Geld” (Hier Depositen) verlässt die Bank gar nicht.
Der Arbeitnehmer überweist es etwa, weil er sich was Schönes bei Amazon kauft – das Geld verlässt nicht das Bankensystem, aber ändert den Besitzer, der – ein Deposit hat. Nehmen wir an, der Arbeitnehmer hebt sich das Geld ab (verkauft sein Deposit und erhält dafür Zentral- also Bargeld) – dann geht er in den Laden und kauft sich was. Und der Verkäufer? Der tut das Geld wieder auf die Bank, vielleicht, um sich etwas zu kaufen, vielleicht, um zu sparen. Egal, wie es ist, die Bank hat wieder Zentralbankgeld und kann es wieder jemand anderem geben.
Die Bank bekommt dauernd “Geld”, Depositen kann sie sogar selbst herstellen, und wenn sie Zentralbankgeld braucht – weil jemand Geld abgeben will oder einer anderen Bank etwas überweisen muss – hat sie es selbst vorrätig oder leiht es sich auf dem Interbankenmarkt. Schließlich zahlen Leute bei ihr ein, Kredite werden zurückgezahlt etc. Und wenn nun gar niemand der Bank Zentralbankgeld geben will, dann holt sie es sich eben an der Quelle, bei der Zentralbank selbst.
So ist auch zu erklären, dass es selbstverständlich keine Ersparnis braucht, damit sich jemand verschulden kann, aber Geld – und das läuft die ganze Zeit schön in der Ökonomie umhert. Und wer glaubhaft verspricht, Zinsen zu zahlen, bekommt auch einen schönen Kredit; ganz ohne Sparen.
@ Kantoos
Ok, reden wir von realer Abwertung – wenn die interne Abwertung genannt wird, gerne, aber wir meinen die Abwertung des realen Wechselkurses – dann sind wir auf einem Blatt. Nun meintest du in dem anderen Thread, PPP würde überhaupt nicht helfen, wenn man etwas über Über- oder Unterbewertung – und zwar des realen Wechselkurses – schreiben würde. Dann können wir aber leider gar nicht messen, wann eine Währung reale unter- oder überbewertet ist und müssen einfach nur glauben.
Zumindest Kiel schreibt in dem Paper, das ich im anderen Thread veröffentlicht habe:
“Es kann festgehalten werden, dass gemäß der relativen Kaufkraftparitätentheorie die D-Mark 1999 allenfalls leicht überbewertet im Euro aufging. [...] Insgesamt sind die nachteiligen Effekte für Deutschland allenfalls gering und von kurzer Dauer. Die Hypothese einer Überbewertung der D-Mark zur Euroeinführung leistet also keinen nennenswerten Beitrag, um die relativ schlechte wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands zwischen 1999 und 2005 zu erklären.” (siehe da Seite 155)
Der Sachverständigenrat kommt in seinem Gutachten von 2004, Ziff. 840 ff. (http://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/download/gutachten/04_gesa.pdf) zu einem ähnlichen Ergebebnis:
“Die Abweichung des fundmental determinierten Kurses von der jeweils beobachtbaren Wechselkursentwicklung signalisieren [...] für den Zeitraum der Jahre 2000 und 2001 eine Unterbewertung.” (Seite 814). In Tabelle 117 kann man sehen, dass im Zeitraum von 1999 bis 2003 nur eine leichte Überbewertung da war.
Zum Euroraum: Ja, wie es jetzt aussieht, war es ein suboptimaler Währungsraum. Ein gemeinsamer Währungsraum funktioniert nur dann, wenn es wenigstens in mittlerer Frist eine gleich Entwicklung der Inflationsraten in den Ländern gibt – von beiden Seiten, sowohl von deutscher als auch von der der anderen.
@ Kantoos, HK
Und weil’s so schön ist – hier auch die Bundesbank zur preislichen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, i.e. seinem realen Wechselkurs:
http://www.bundesbank.de/download/volkswirtschaft/mba/2004/200406mba_bbk_kaufkraftparitaet.pdf
Leider keine schriftlichen Details zum Jahr 1999, aber eine schöne Graphik auf Seite 34: 1999 war die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ganz leicht schlechter als der Durchschnitt zwischen 1975 und 2004 – und hat sich danach stark verbessert.
Ergo: Von einer Überbewertung zu Beginn des Euro kann keine Rede sein, wenn man Kiel, dem SVR und der Bundesbank glaubt. Muss man nicht, aber dann würden mich die Gründe interessieren.
@ fl
Sorry ich bin gerade leider im Druck, kann deshalb leider nicht ausfuehrlich auf alle Ihre Punkte antworten.
@ Frankreich: ich sprach von heute, nicht von 2001. Schaun sie sich mal an wie sich der Exportanteil Frankreichs in der Eurozone sich entwickelt hat seit 2001 im Vergleich zu dem Deutschlands. Ferner wie stark Frankreich in den vergangenen 2, 3 Jahren gewachsen ist und wie seine Aussichten fuer die kommenden 2, 3 Jahre sind. Und wo seine fiskalische Strukturbilanz steht im Vergleich zur deutschen.
Ich moechte nicht tauschen.
@ oeffentliche Investitionen: nein, natuerlich gibt es produktiv oeffentliche Investitionen. Haette Eichel 2000 oeffentliche Invesititionen erhoeht statt Steuern zu senken waeren wir heute vermultich besser dran. Der Punkt ist aber dass eine expansive Fiskapolitik – egal ob ueber die Ausgaben- oder die Einnahmenseite – notwendiger interner Abwertung entgegensteht, sie verzoegert und schwieriger macht – das steht in jedem keynesianischen Lehrbuch im Kapitale ueber open economy macroeconomics, siehe z.B. Dornbusch/Fischer. Und Deutschland musste nach Euro-Eintritt intern abwerten.
@ Sparen: wenn Sie mehr Einkommen als Ausgaben haben fliesst Kapital ab – natuerlich (nirgends schrieb allerdings dass es zu dem abfliesst der bei Ihnen was kauft. Das nur wenn die Weltwirtschaft ausschleislich aus ihm und Ihnen bestuende).
@ Depositen: geschenkt.
@ preisliche Wettbewerbsfaehigkeit: diese Indikatoren betrachten in der Regel nur das Preisniveau oder die Arbeitskosten, und meistens ist das ja auch in Ordnung. Aber nicht bei der Eruo-Einfuehrung, als die KAPITALkosten der Laendern in der europaeischen Peripherie massiv vielen, waehrend die Deutschalnds unveraendert blieben. Natuerlich hat das Auswirkung auf die relative Wettbewerbsfaehigkeit der Eurozonen-Mitgleider.
Gruss,
HK
@ HK
Ich habe die Situation von 2001 bis einschließlich 2010 beschrieben, und die war in Frankreich besser. Mehr wollte ich nicht sagen. Wie sich übrigens der Exportanteil Frankreichs entwickelt hat, ist mir – erst mal – recht egal. Wichtig ist schließlich die Höhe des BIP, des gesamten Kuchens, und nicht der Exportanteil oder irgendetwas der art. Da bin ich ganz auf Seiten Adam Smiths.
Interne Abwertung und ob sie gemacht werden musste: Gehen Sie doch mal auf die Studien oben ein, die ich extra herausgesucht und verlinkt habe. Keiner findet einen Hinweis darauf, dass es eine Abwertung geben musste.
Zum Kapitalabfluss: Reine Semantik. Wenn Sie Sparen = Aufbau von Nettogeldvermögen = Abfluss von Kapital meinen, meinetwegen, ist mir egal. Wenn Sie meinen, die Mittel seien dann nicht mehr verfügbar, ist das schlicht falsch. Würde ja darauf hinauslaufen, dass ich auf mein Erspartes nicht mehr zugreifen könnte. Wenn ich mehr einnehme als ich ausgebe, spare ich – ob ich fl bin oder die deutsche Volkswirtschaft.
Zu den Kapitalkosten: Ja, klar fielen die, so what? War doch beabsichtigt. Was hat das mit der deutschen Wettbewerbsfähigkeit zu tun? Weil ich etwa früher höhere Zinsen zahlen musste für Kredite als Sie und sich das mit dem Eintritt meinerseits ins Berufsleben geändert hat, was ändert das an Ihrer Wettbewerbsfähigkeit, wenn wir uns jetzt zu den gleichen Zinsen verschulden können? Makes no sense to me.
@ HK
“Der Punkt ist aber dass eine expansive Fiskapolitik – egal ob ueber die Ausgaben- oder die Einnahmenseite – notwendiger interner Abwertung entgegensteht, sie verzoegert und schwieriger macht – das steht in jedem keynesianischen Lehrbuch im Kapitale ueber open economy macroeconomics, siehe z.B. Dornbusch/Fischer. Und Deutschland musste nach Euro-Eintritt intern abwerten.”
Again: Warum “musste” Deutschland abwerten? Daran hängt Ihre ganze Theorie.
Weil die Spanier nach Einführung der Eurozone genauso niedrige Zinsen bekamen? Wo steht das im Makrobuch?
@hkaspar
Martin Wolf und Heiner Flassbeck denken so wie ich, na da bin ich ja in guter Gesellschaft. Da wundert es mich das ueberhaupt einer eine andere Meinung haben kann.
Du sagst folgendes:
“Lohnerhoehungen in D reduzieren Wettbewerbsfaehgigkeit und damit die erwartete Rendite von Investitionen in D relativ zum Ausland. Bringt das die Bank X, welche die Ersparnisse von Haushalt Y einsammelt, dazu diese Ersparnisse an deutsche oder an auslaendische Automobilfirmen zu verleihen? ”
Also, nochmal, eine inlaendische Bank sucht nicht nach der rentabelsten Anlagemoeglichkeit fuer Ihre Kredite. So funktioniert Bankgeschaeft nicht. Die Kunden kommen zur Bank, und wollen einen Kredit haben. Wenn das die Kreditkriterien der Bank erfuellt, wird das Geld verliehen. Egal ob Inland, oder (wenn die Bank im Ausland vertreten ist) Ausland.
Was allerdings die Bank oder einen Unternehmer ueberhaupt nicht interessiert, wie gross der Capital Account/KapitalBilanz Deutschlands ist (genau so hoch wie Current Account/Leistungsbilanz). Das geht in absolut keine Investitionsentscheidung mit ein.
Also, nur Unternehmer treffen Entscheidungen auf Mikroebene, keiner eine auf Makroebene. Das ist nur das Resultat aller Mikroentscheidungen. Capital Account ist das Resultat aller Handels und Finanzstroeme Deutschlands mit dem Ausland.
@ matt_us
Volle Zustimmung!
@ HK
“Bringt das die Bank X, welche die Ersparnisse von Haushalt Y einsammelt, dazu diese Ersparnisse an deutsche oder an auslaendische Automobilfirmen zu verleihen?”
Folgende Fragen habe ich an Sie:
1. Glauben Sie, die Kreditmenge ist begrenzt durch die Ersparnis in einer Periode?
2. Glauben Sie, wenn Kredite etwa an ausländische Autofirmen vergeben werden, werden sie nicht mehr an deutsche Häuslebauer vergeben, i.e. Kredite in einer Periode sind begrenzt (durch die Ersparnis)?
Solche Positionen kriegt man vielleicht automatisch, wenn man vom Goldstandard ausgeht?
Jaja, die gute alte Zeit, als die Geld(Gold)menge noch ein beschränkender Faktor sein konnte.
Ansonsten sollten sie, HKaspar, vielleicht mal bedenken, dass durch Lohnerhöhungen nicht nur die Herstellungspreise steigen sondern auch viele durchsetzbare Marktpreise.
Preisstabilitätsinsel im Inflationsmeer bringt Arbeitsplätze, sicher, aber WOhlstand? Zumindest nach dem BailOut ist diese Annahme doch absurd.
@ topi
Ist halt eine Umverteilungs, Herrschafts- und Machtfrage, wenn die BailOutsicherungsmittel vom normalen Steuerzahler zu den VerZockern getragen werden sollen. Normalfalls auch weiter durch Staatsanleiheaufkäufe mit Zentralbankgeldschöpfung – Gottesentscheidungsgleich. Keine materielle Beschränkung auf goldige Klümpchen. Oder besser lebens- und umwelterhaltende Stoffe!
@ HK, Kantoos
Glückwunsch – zum Herdentrieb hat Krugman noch nie verlinkt!
Nur eine kurze Anmerkung zu: BIP=(C+I-S)+(G-T)+(X-M)
Das ist falsch. Das Einnahmen-Ausgaben Makro-Modell kann man (wenigstens) aus 2 Perspektiven betrachten: (a) woher die Einnahmen kommen und (b) wofür die Einnahmen verwendet werden.
(a) BIP = C+I+G+(X-M)
(b) BIP = C+S+T
Daraus ergibt sich dann die Bilanz der Sektoren: (I-S)+(G-T)+(X-M)=0
Stephan hat Recht.
Schauen wir uns noch mal die Formel an: (I-S)+(G-T)+(X-M)=0
Anders geschrieben:
(I-S)+(G-T)=-(X-M)
Jetzt sehn wir das Problem:
Wenn Deutschland einen hohen Leistungsbilanzueberschuss (X-M, zum Beispiel 5% des BIPs) hat, muss irgendwas auf der anderen Seite in die Hoehe gehen.
Das einzige was normalerweise steigen kann, sind Ersparnisse im Privatsektor, also S. (Es koennten auch Investitionene (I) oder Staatsausgaben (G) fallen, oder Steuern in die Hoehe gehen, aber es ist wohl wahrscheinlicher dass Ersparnisse (S) steigen)
Also, Ersparnisse steigen, wenn Deutschland mehr exportiert als es importiert. Das meint man mit einem Ansteigen des Kapitalbilanz (S steigt) durch Ansteigen der Leistungsbilanz (X-M steigt).
Jetzt hatte ich total Unrecht mit meiner Formel? Sicherlich nach den Konventionen der Oekonomie. Vielleicht haette ich eher schreiben sollen:
Anstatt:
BIP=(C+I-S)+(G-T)+(X-M)
haette ich schreiben sollen
BIP=(C+I)+(G)+(X-M)
und dann noch dazuschreiben, dass I sich zusammensetzt aus allen Ersparnissen, plus jeder Neuverschuldung
und das gleiche fuer G, das setzt sich zusammen aus allen Steuern, plus aller Neuverschuldung des Staates.
Denn in der einfachen Formel
BIP = C+I+G+(X-M)
werden steigende oder fallende Privat- oder Staatsschulden nicht mit beruecksichtigt. Aber das ist ein ganz wichtiger Punkt in der Oekonomie. Je mehr Schulden ich mache, egal ob Staat oder Privatsektor, umso besser sieht mein BIP aus.
Das heisst, dass ein Zurueckzahlen der Schulden (egal ob privat oder Staat) unbedingt einen negativen Einfluss auf das BIP Wachstum haben muss.
@ Matt-US
das Problem ist dass Sie die Kausalitaet genau auf den Kopf stellen. S steigt nicht blos weil (X-M) steigt. Es gibt keinen einzigen plausiblen oekonomischen Transmissionmechanismus warum das so sein sollte (falls Ihnen einer einfaellt wuerde ich den gern lesen).
Andersherum wird ein Schuh draus: weil S steigt — und I faellt (mindestens die Haelfte der Geschichte in Deutschland waehrend der 2000er Jahre!) steigt der Kapitalexport und die Importe fallen. Die Kapitalbilanz treibt die Leistungsbilanz, nicht umgekehrt. Wie gesagt, Eugen Boehm-Bawerk wusste das schon vor 100 Jahren:
http://kantooseconomics.com/2010/12/30/saldenmechanik-eugen-bohm-bawerk-und-deutschlands-sagenhaft-hohe-exporte-teil-ii/
Was heisst: wer nach einer Erklaerung fuer Deutschlands Leistungsbilanzueberschuss sucht muss erklaeren warum die (Unternehmens-!!)ersparnis hoch und die Investitionen niedrig sind. (X-M) folgt daraus. Wer hingegen beim Erklaerungsversuch damit anfaengt bei Exporten rumzufummeln geht notwendig in die Irre.
Gruss,
HK
@ HK
Weil ein riesiger öffentlicher (trotz oder wegen Privatisierung) Erneuerungs-, Infrastrukturstau entstanden ist. Ursache kurzfristige Gewinnsicht, Erfolgsorientierung des Unternehmenden und des Finanziers, Rentiers.
Individuelle Gewinnsucht (Sättigung) so schnell wie möglich. Systemischer, Politikrahmen der dies zulässt, fördert. —> Macht- bzw. Konsensfrage, Regulation.
@hkaspar
Erst mal, ich hab nicht gesagt, dass es so sein muss dass S unbedingt steigt, wenn Exporte groesser sind als Importe. Aber irgendwas muss steigen auf der anderen Seite der Gleichung (I-S)+(G-T)=-(X-M).
Ich sagte, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass S steigt. Da braucht man keinen Transmissionsmechanismus. Das ist einfach so. Das besagt auch keine Kausalitaet. Aber es ist einfach so, dass wenn ich mehr exportiere als ich importiere, dann hab ich extra Vermoegen. Das Vermoegen wird wahrscheinlich erst mal gespart.
Also jetzt kommt der alte Schinken “Kapitalbilanz treibt Leistungsbilanz”. Kann es sein dass das vielleicht Bloedsinn ist, wie so manche Sachen die vor 100 Jahren geschrieben wurden? Denn es geht hier um Rechnungseinheiten in der doppelten Buchfuehrung. Da “treibt” nicht eine Sache die andere. Das ist einfach so. Wenn es auf einer Seite hochgeht, muss es auch auf der anderen Seite irgendwo hoch gehen.
Und natuerlich muss man mit den hohen Exporten anfangen. Denn Unternehmer exportieren auf Teufel komm raus. Das heisst sie versuchen so viel wie moeglich im Ausland zu verkaufen. Erst dann hat man das Geld um auch zusaetzlich massiv im Ausland zu investieren.
Die Auslandsinvestitionen in den Jahren 2006-2008 waren etwa 8 mal so gross wie die Auslandsinvestitionen deutscher Firmen in den Jahren 2001-2003. (Foreign Direct Investment)
Investitionen in Deutschland in diesem Zeitraum blieben konstant um etwa 18-19% des BIPs.
http://www.oecd-ilibrary.org/sites/20752288-2010-table-deu/index.html?contentType=/ns/StatisticalPublication,/ns/KeyTable&itemId=/content/table/20752288-table-deu&containerItemId=/content/table/20752288-table-deu&accessItemIds=&mimeType=text/html
Was Unternehmen machen, kann man nicht aendern. Die machen was Ihnen am meisten Gewinn bringt. Das hat dann irgendwelche Auswirkungen auf die Leistungsbilanz.
Um nicht das Opfer von Spekulanten zu werden, sollte Regierungen versuchen die Leistungsbilanz positiv zu halten.
Was Regierungen aber hauptsaechlich machen sollten, ist schauen dass sie nicht zu viele Arbeitslose haben. Hier ist es dann wichtig, die Binnenwirtschaft zu staerken. Wenn man als Regierung oeffentliche Projekte gefoerdert haette, Anfang des letzten Jahrzehnts, und die Arbeitslosigkeit um 1 Mio abgebaut haette, waere das 10 mal schlauer gewesen, als jetzt 300 Mrd Euro and Bad Banks Staatsschulden abzuschreiben. Egal was das sonst fuer Auswirkungen gehabt hat. Wir haetten weniger Arbeitlose gehabt, und waeren reicher. Keine Frage.
Darum ging es doch.
@ HK
“das Problem ist dass Sie die Kausalitaet genau auf den Kopf stellen. S steigt nicht blos weil (X-M) steigt. Es gibt keinen einzigen plausiblen oekonomischen Transmissionmechanismus warum das so sein sollte (falls Ihnen einer einfaellt wuerde ich den gern lesen). ”
Hier kann ich einen schreiben: Wenn Ex steigt, steigt Y – das nennt man Logik. Wenn ich Ihnen was abkaufe, dann steigt Ihr EINKOMMEN. Und wenn sich nichts anderes verändert, dann steigt automatisch – und als reines Residuum – S! Das nennt sich nicht Transmissionmechanismus, das nennt sich VGR.
Wenn Im sinken sollte, weil Unternehmen, Haushalte oder Staat – aus welchen Gründen auch immer – weniger importieren wollen (weniger ausgeben, also aus ihrem Einkommen sparen wollen), dann steigt S auch. Aber auch das passiert erst NACHDEM Y bestimmt ist. Und Y wird eben auch durch Ex bestimmt.
“Andersherum wird ein Schuh draus: weil S steigt — und I faellt (mindestens die Haelfte der Geschichte in Deutschland waehrend der 2000er Jahre!) steigt der Kapitalexport und die Importe fallen. Die Kapitalbilanz treibt die Leistungsbilanz, nicht umgekehrt.”
Noch mal: Die Kapitalbilanz kann logisch die Leistungsbilanz nicht “treiben”. Die Kapitalbilanz kann von sich aus keinen Saldo bilden. Das ist reine Buchhaltung.
Wenn ich Ihnen mehr verkaufe als Sie von mir verkaufen, haben Sie ein Leistungsbilanzdefizit, ich ein Leistungsbilanzüberschuss und in unseren jeweiligen Kapitalbilanz steht genau das Gegenteil. Die Kapitalbilanz hat hier gar nichts getrieben, sondern reflektiert nur Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz.
Und was zwischen uns beiden buchhalterisch wahr ist, ist es auch für die ganze Volkswirtschaft – was man sich leicht ausrechnen kann, wenn Sie Ausländer und ich Inländer bin.
Wenn ich Ihnen einen Bond abkaufe und Sie tun mit dem Geld gar nichts, dann gibt es auch keine Salden, weder in der Leistungs- noch in der Kapitalbilanz. Wenn Sie mit dem Geld, das ich Ihnen für den Bond gegeben habe, bei mir mehr kaufen als ich bei Ihnen, dann gibt es wieder ein Ungleichgewicht in der Leistungs- und wegen der doppelten Buchführung auch in der Kapitalbilanz.
Ob Sie das Geld nun von mir durch den Bondkauf bekommen haben oder selbst in Ihrem Portmonnaie oder auf dem Konto hatten, ändert nichts an dem Zusammenhang.
Was buchhalterisch etwas verwirrend “Nettokapitalexport” genannt wird, ist genau das, was ich oben beschrieben habe, ein Defizit in der Kapitabilanz, das einfach nur deswegen entsteht, weil ich Ihnen mehr abgekauft habe als Sie von mir. Wenn ich zum Bäcker gehe und Brötchen kaufe, ohne dem Bäcker meine ökonomischen Erkenntnisse zu verkaufen, gibt es auch einen “Nettokapitalexport” von ihm zu mir. Aber man kann wohl schlecht sagen, vor unserer Leistungstransaktion stand ein “Nettokapitalexport” oder dieser hätte unsere Leistungsbilanztransaktion getrieben.
Alles das reine Buchhaltung, und vollkommen untheoretisch.
@ HK
“Was heisst: wer nach einer Erklaerung fuer Deutschlands Leistungsbilanzueberschuss sucht muss erklaeren warum die (Unternehmens-!!)ersparnis hoch und die Investitionen niedrig sind. (X-M) folgt daraus. Wer hingegen beim Erklaerungsversuch damit anfaengt bei Exporten rumzufummeln geht notwendig in die Irre.”
Nope, nicht unbedingt. Wenn Sie sich die Situation in den USA anschauen, sehen Sie nach 2001 auch geringe Ausrüstungsinvestitionen und positive Unternehmensersparnis – aber riesige Leistungsbilanzdefizite. Warum wohl? Na weil die Haushalte so viel konsumiert haben (ich nehmen Häuserinvestitionen jetzt auch mal als Konsum)!
@ fl
Du entlarvst Dich hier selbst: “Na weil die Haushalte so viel konsumiert habe”. Was Du hier sagst, ist, dass die SPARNEIGUNG der Haushalte gering war. Die Entscheidung über Sparen und Konsum treibt hier also die Leistungsbilanz. Genau das ist der Mechanismus, den HK und ich meine und der theoretisch Sinn macht.
Warum Du immer wieder schreibst, irgendetwas sei “logisch” nicht möglich, verstehe ich nicht. Das ist die falsche Kategorie. Logisch möglich ist vieles in der VWL, plausibel oder nicht ist für mich wichtig. Und HKs Ansatz liegt eine plausible Theorie zu Grunde, die natürlich auch logisch richtig ist.
@ matt_us
Weite Zustimmg.
Aber Direktinvestitionen sind keine Investitionen im Sinne der VGR, also welche, die das BIP verändern. Direktinvestitionen sind Portfolioinvestitionen, wenn jemand (kann auch Privatperson sein) mehr als 10 Prozent der Anteile eines Unternehmens kauft. Das ist aber eine reine Finanztransaktion, die das Leistungsbilanzsaldo unberührt lässt.
Sie wird in der Kapitalbilanz verbucht, die aber daraus weder einen Überschuss noch ein Defizit bildet, weil das Geld, das zum Kauf der Anteile das Land verlässt als Kapitaimport gewertet wird und die Unternehmensanteile, die ins Land kommen (weil ich sie kaufe) als Kapitalexport gewertet werden. Das eine minsus das andere ergibt: Null. Kein Saldo in der Kapitalbilanz durch Direktinvestitionen.
@fl
Danke fuer die Klarstellung, ich geb zu hier kam ich was ins Schleudern. also, ich gehe jetzt mal davon aus, dass fl hier Recht hat.
Direktinvestitionen (FDI oder Foreign Direct Investment) gehen also nicht in die Leistungsbilanz mit ein. Ein deutsche Unternehmen (oder Privatperson) bezahlt mit Geld und bekommt dafuer Aktien, oder eine Fabrik im Ausland. Und damit passiert mit dem deutschen BIP gar nichts.
Das ist also wie in Deutschland. Ich loese mein Sparkonto auf, und kaufe mir eine kleine Firma, das hat auch keinen Einfluss auf die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Das BIP ist genau so wie vorher.
Wenn das so ist, dann macht hkaspars Argument, dass in den letzten zehn Jahren in Deutschland irgendwie hoehere Renditeerwartungen im Ausland die Leistungsbilanz nach oben treiben, ueberhaupt keinen Sinn. Also Investitionen im Ausland (durch hoehere Renditeerwartung) haben keinen Einfluss auf die Leistungsbilanz. Oder?
Und was ich meine hier kantoos und hkaspar nicht verstehen, (so wie ich das sehe), dass die Leistungsbilanz, und die Kapitalbilanz nur eine buchhalterische Identitaet sein muessen. Sonst gar nichts. Sonst sagt die Kapitalbilanz uns ueberhaupt nichts, ausser dass sich dort ansammelt, was durch die Leistungsbilanz exportiert wurde.
@ Kantoos
“Du entlarvst Dich hier selbst” Bleiben wir mal verbal sachlich hier. Und lies vor allem, was ich schreibe. Dann kannst du auch inhaltlich was dagegen sagen. Wenn du diesen Satz von HK noch mal liest:
“S steigt nicht blos weil (X-M) steigt. Es gibt keinen einzigen plausiblen oekonomischen Transmissionmechanismus warum das so sein sollte.”
Dann kann man deutlich sagen: Doch, wenn ceteris paribus x-m steigt, dann steigt s und zwar automatisch und buchhalterisch notwendig. Mit Transmissionsmechanismus hat das nichts zu tun, hat auch matt_us richtig geschrieben.
Ich würde übrigens nie sagen, dass die Spar- oder Konsumentscheidung nicht die Leistungsbilanz treibt. Das tut sie natürlich – noch mal, lies doch einfach, was ich schreibe.
Aber sie treibt eben nicht die KAPITALbilanz, bzw. wenn es die Kapitalbilanz treibt, dann weil es die Leistungsbilanz treibt – das ist doch aber der entscheidende Punkt, den HK macht. Und: Das Sparen der Haushalte bestimmt auch nicht die Investitionen. In diesen beiden Punkten wiederspreche ich, und zwar vehement.
@ fl
Danke für den zweifachen netten Hinweis, aber auch ohne lese ich Deine Kommentare, keine Sorge. Mein “entlarven” war auf Deine Theorie bezogen, nicht auf Dich. Sorry. Und wenn Du das Gefühl hast, ich gebe Dich falsch wieder, dann vielleicht weil wir sehr unterschiedlich an die Sache ran gehen, wie wir ja schon öfter festgestellt haben.
„Doch, wenn ceteris paribus x-m steigt, dann steigt s und zwar automatisch und buchhalterisch notwendig.“
Das ist trivial und untheoretisch. Wo ist die THEORIE, das Modell, das dies erklären könnte? Das möchte HK (und auch ich) gerne wissen.
„Das Sparen der Haushalte bestimmt auch nicht die Investitionen. In diesen beiden Punkten wiederspreche ich, und zwar vehement.“
Wie HK Dir schon versucht hat wiederholt zu erklären, ist es eine Frage des counterfactuals. Das ist bei Dir Geldhortung i.w.S. Bei HK ist es das (richtigerweise wie ich meine) nicht. So lange wir an dem Punkt nicht weiter kommen, kommen wir auch insgesamt zu nichts.
Was die Kausalkette angeht:
Ich sehe die Kette, vereinfacht gesagt, so: die Menschen produzieren und treffen dann Spar- und Konsumentscheidungen. Bzw. simultan tun sie das, daher finde ich Periodendenken unbrauchbar. Aber die Spar- und Konsumentscheidung ist die wichtigste Variable hier. Wenn diese Ersparnisse dann irgendwo angelegt werden wollen, suchen sie sich die rentabelsten Investitionen. Die werden bei hoher Sparneigung auch im Ausland zu finden sein. Also erwerben die deutschen Sparer ausländische Wertpapiere, Firmen etc. Reine Kapitaltransaktion, sagst Du. Mit einer eigenen Währung (DM) allerdings bleibt es nicht dabei, denn das Geld kommt zurück (Geldhortung blenden wir mal aus, denn das wäre dann ein geldpolitisches Thema und hat hiermit nicht viel zu tun). Bei einer Währung (Euro) funktioniert das aber ähnlich, auch wenn das dann schwerer zu visualisieren ist: denn wenn die Leute sparen, also ihre eigenen Güter nicht kaufen, muss es jemand anderes tun. Im Ausland wiederum ist durch den deutschen Sparer eine Übernachfrage entstanden. Der Preismechanismus besorgt den Rest. Das entscheidende hier war nun (S-I) in Deutschland!
„eine international einmalige Lohnstagnation“
Merkwürdig. Eine Extremfallbetrachtung führt mich zu folgendem: alle Löhne werden halbiert. Was dann? Deutschland wird als Investitionsstandort sehr attraktiv, oder? Und sei es für Firmen die Interesse haben, in einer reinen „Export Zone“ zu investieren. Und jetzt, nachdem die Löhne über Jahre stagniert sind? Sind wir da nicht gerade auf dem Weg zur Vollbeschäftigung und steigen die Investitionen in Deutschland nicht? Wie passt das zu Deiner Aussage? Es müsste doch immer schlimmer werden…
Dass Zinsen in D zu hoch waren, sehe ich ähnlich. Unter anderem Folge des Euro und damit zu restriktiver Geldpolitik.
„steigende Finanzierungskosten für Unternehmen“
Also HKs und mein Argument ist, dass diese ein GRUND für die LB-Überschüsse war. Das scheinst Du falsch verstanden zu haben.
Zu guter Letzt: in meinem Eintrag „Is Germany competitive?“ gibt es eine Graphik zu bank lending. Was sagst Du eigentlich dazu? Passt doch ganz gut zu der „im Ausland investiert“ Story, oder?
@ matt_us
“Wenn das so ist, dann macht hkaspars Argument, dass in den letzten zehn Jahren in Deutschland irgendwie hoehere Renditeerwartungen im Ausland die Leistungsbilanz nach oben treiben, ueberhaupt keinen Sinn. Also Investitionen im Ausland (durch hoehere Renditeerwartung) haben keinen Einfluss auf die Leistungsbilanz. Oder?”
Indirekt gibt es natürlich einen Zusammenhang, aber nicht direkt. Also, der Zusammenhang geht meiner Meinung nach so: die Investitionen im Ausland steigen nach der Einführung der Währungsunion, weil die Zinsen sinken.
Die Zinsen sinken, weil es Porfolioumschichtungen gibt, die Leute also etwa griechische und spanische Bonds kaufen, das Wechselkursrisiko fällt ja weg. Die Portfolioumschichtungen an sich treiben natürlich NICHT die Kapitalbilanz, sondern sind erst mal reine Finanztransaktionen. Die GIPS-Staaten können sich aber leichter finanzieren, sie investieren und konsumieren mehr, deswegen steigen ihre Importe, und weil die Exporte nicht mit Schritt halten auch die Leistungsbilanzdefizite.
Diese ganze Bewegung hat aber mit den deutschen Investitionen nichts zu tun, etwa in dem Sinne, dass deutsche Ersparnis “abfließen” würde. Die Deutschen in ihrer Gesamtheit entscheiden ganz für sich allein, wie viel sie investieren, konsumieren etc.
Durch die höhere Exportnachfrage der Ausländer entsteht in Deutschland erst mal vor allem Einkommen. Wie man dieses Einkommen dann ausgibt, ist allein Deutschlands Sache. Weil das auch durch Exporte entstandene Einkommen nicht ausgegeben wurde, ist natürlich gespart worden. Das deutsche Sparen hat aber erst mal nichts mit den höheren Investitionen der Ausländer zu tun, zumindest dann nicht, wenn man meint, “Esparnis” sei “abgeflossen”.
Dass in Deutschland nicht investiert wurde, hat viele Gründe, die alle nichts mit Kapitalexporten zu tun haben – schließlich führen Leistungsbilanzüberschüsse ja zu einem AUFBAU von Vermögen, das man natürlich für alle möglichen Ausgaben verwenden kann. Gründe für die niedrige Investitionstätigkeit in Deutschland waren: – Internationale geringe Häuserinvestitionen – das stellt auch Kiel explizit so fest;
- eine kräftige staatliche Sparaktivitität, die so international einmalig war, mit der Konsequenz international unterdurchschnittlicher staatlicher Bruttoinvestitionen, so dass die Nettoinvestitionen sogar negativ waren (auch kaum in anderen OECD-Staaten außer Österreich so zu sehen);
- eine international einmalige Lohnstagnation (nur in Japan war’s noch schlimmer), die den Konsum und damit natürlich auch die Investitionen der Konsumgüterhersteller gedrückt hat;
- Plus, die Lohnstückkostenstagnation hat natürlich auch über eine geringere Preissteigerung zu höheren Realzinsen geführt, die wiederum die Investitionstätigkeit gebremst hat
- und auch steigende Finanzierungskosten für Unternehmen – die aber NICHTS mit den Leistungsbilanzüberschüssen oder dem “Abfluss von Kapital” zu tun haben, sondern mit der Liberalisierung des deutschen Finanzmarkets.
Insofern ist HK natürlich recht zu geben, dass die stagnierenden Importe ein wichtiger Faktor bei den Leistungsbilanzüberschüssen war – das ist ja sonnenklar. Aber dass “Kapitalabfluss” zu niedrigen Investitionen geführt hat, das kann nicht sein. Also die Kausalität Investitionen -> Importe aktzeptiere ich natürlich, sie ist auch logisch. Aber die Kausalität (Exporte – Importe) -> Investitionen macht keinen Sinn.
@ matt_us
“Und was ich meine hier kantoos und hkaspar nicht verstehen, (so wie ich das sehe), dass die Leistungsbilanz, und die Kapitalbilanz nur eine buchhalterische Identitaet sein muessen. Sonst gar nichts. Sonst sagt die Kapitalbilanz uns ueberhaupt nichts, ausser dass sich dort ansammelt, was durch die Leistungsbilanz exportiert wurde.”
Genau. Die Kapitalbilanz kann von sich aus kein Saldo bilden, sie kann nur dann ein Saldo bilden, wenn es eine ungleichgewichtige Leistungsbilanz gibt, also jemand mehr Leistungen in Anspruch genommen hat als er selbst erbracht hat oder umgekehrt. Reine Finanztransaktionen treiben natürlich gar nicht, bzw. nur insofern als sie in Zukunft wegen Zinszahlungen oder Dividenenzahlungen einen Einfluss auf die Leistungsbilanz haben – schließlich werden Kapitaleinkommen auch in der Leistungsbilanz verbucht. Alles vollkommen untheoretisch, sondern die einfache Anwendung der doppelten Buchführung.
@kantoos
fl:„Doch, wenn ceteris paribus x-m steigt, dann steigt s und zwar automatisch und buchhalterisch notwendig.“
kantoos:”Das ist trivial und untheoretisch. Wo ist die THEORIE, das Modell, das dies erklären könnte? Das möchte HK (und auch ich) gerne wissen.”
Hier geht es doch nur darum wie doppelte Buchfuehrung funktioniert. Das muesste Oekonomen doch auch beigebracht werden. Da ist keine Theorie hinter, aber wenn ein Geldfluss irgendwo auftritt, muss der genau so auch woanders auftreten, sonst faellt die ganze doppelte Buchfuehrung auseinander.
Darum geht es bei der doppelten Buchfuehrung doch.
@ matt_us
Merci, genau das meinte ich ;-)
@ Kantoos
„Aber die Spar- und Konsumentscheidung ist die wichtigste Variable hier. Wenn diese Ersparnisse dann irgendwo angelegt werden wollen, suchen sie sich die rentabelsten Investitionen. Die werden bei hoher Sparneigung auch im Ausland zu finden sein. Also erwerben die deutschen Sparer ausländische Wertpapiere, Firmen etc. Reine Kapitaltransaktion, sagst Du. Mit einer eigenen Währung (DM) allerdings bleibt es nicht dabei, denn das Geld kommt zurück (Geldhortung blenden wir mal aus, denn das wäre dann ein geldpolitisches Thema und hat hiermit nicht viel zu tun).“
Den letzten Satz verstehe ich überhaupt nicht. Was heißt das, das Geld kommt zurück? Wohin? Und was hat das mit Geldhortung zu tun?
Meinst du vielleicht das: Nehmen wir an, jemand kauft einen spanischen Bond für deutsches Geld. Nichts passiert in irgendwelchen Salden; nur später, dann kommen nämlich Zinsen, die als Einkommen verbucht werden.
Nehmen wir weiter an, derjenige, dem wir den Bond abgekauft haben, nimmt unser Geld und kauft sich ein deutsches Produkt. Da gibt es ein Leistungsbilanzüberschuss Deuschlands. Das Geld, von dem wir vorher einen Bond gekauft haben, ist wieder in Deutschland (Geld ist wieder zurück). Einkommen ist in Dtl. für den Exporteur entstanden.
Je nach seiner Entscheidung, wie das Geld ausgibt, spart der Exporteur oder eben nicht. Wenn er ein Investitionsgut kauft, spart er auch – weil er nicht konsumiert. Der Kauf eines Investitionsgutes ist nämlich auch Ersparnis, aber in Sach- nicht in Geldvermögen. Wenn er einen Import kauft, sinkt der Leistungsbilanzüberschuss in der Periode. Macht er es später, sinkt er in einer späteren Periode.
Was hat all das jetzt mit dem zu tun, was du oben geschrieben hat? Meintest du das? Wenn nicht, verstehe ich nicht, was du geschrieben hast.
„Bei einer Währung (Euro) funktioniert das aber ähnlich, auch wenn das dann schwerer zu visualisieren ist: denn wenn die Leute sparen, also ihre eigenen Güter nicht kaufen, muss es jemand anderes tun.“
Warum muss das jemand anderes tun? Wenn das Zeug niemand kaufen will, sinkt das Einkommen und in der nächsten Periode wird der Unternehmer das nicht mehr herstellen. Arbeitslosigkeit entsteht.
„Im Ausland wiederum ist durch den deutschen Sparer eine Übernachfrage entstanden. Der Preismechanismus besorgt den Rest. Das entscheidende hier war nun (S-I) in Deutschland!”
Hä? Was für eine Übernachfrage ist im deutschen Ausland entstanden, nach was denn? Wenn wir sparen wollen, wie kommt dann eine Übernachfrage im Ausland zustande? Und was hat all das mit I zu tun? Am Anfang stand bei dir der Konsum. Investitionen kamen in deiner Kausalkette gar nicht vor.
Zum Bank-lending: Mark Schieritz hat das heute im Herdentrieb gut beschrieben:
http://blog.zeit.de/herdentrieb/2011/05/05/die-irrtumer-des-hans-werner-sinn-folge-ii_3004
@ fl
Hab leider wenig Zeit, aber ein bißchen enttäuscht bin ich schon: Der Herndentrieb Beitrag hat aber wirklich nichts mit meinem bank lending graph zu tun…
Um’s noch mal ganz klar zu machen:
Wenn Ausländer mehr bei sich importieren (wir mehr exportieren) steigt in Dtl. das Einkommen, c.p.! Was wir dann mit unserem zusätzlichen Einkommen machen, bestimmt das Sparen. Geben wir es für heimische Konsumgüter aus, sparen wir nicht. Geben wir es für Investitionsgüter aus, spart die deutsche Volkswirtschaft (Aufbau von Sachkapital), wenn der Staat es per Steuern wegnimmt und dann ausgibt, wird laut VGR auch gespart; wenn wir es für ausländischer Güter ausgeben (egal, ob Investitionsgüter oder Konsumgüter), sparen wir weniger.
Sparen kann man nicht ohne Einkommen – aber das Einkommen fällt auch nicht vom Himmel.
@ Kantoos
Sorry, hatte den Beitrag etwas zu schnell gelesen, da schreibt Mark von den Krediten in der Finanzkrise, nicht, wie ich dachte, von den Kreditvergabe von 2001 bis 2005. Aber auch da sage ich einfach: Klar, wenn die Unternehmen aus bestimmten Gründen (wie ich sie oben beschrieben habe) nicht investieren, nehmen sie auch keine Kredite auf – eine Frage der Kreditnachfrage, nicht des Kreditangebots.
Aber mich interessiert eher, was deine Kausalkette aussagen sollte, weil ich sie ganz ehrlich nicht verstanden habe. Das musst du mir schon etwas genauer erklären.
@ Kantoos
Die Bundesbank hat was Schönes zur Kreditentwicklung:
http://www.bundesbank.de/download/volkswirtschaft/monatsberichte/2006/200607mb_bbk.pdf
“Der Bestand unverbriefter Ausleihungen deutscher Banken an den heimischen
privaten Nichtbankensektor hat in den letzten Jahren kaum zugenommen.
Das gilt insbesondere für Kredite an Unternehmen und wirtschaftlich
selbständige Privatpersonen. Aber auch die Konsumenten- und die Wohnungsbaukredite der wirtschaftlich unselbständigen Privatpersonen sind nur leicht gestiegen. Letztlich hat sich in dieser Entwicklung das über die letzten Jahre hinweg schwache und überdies exportlastige Wirtschaftswachstum ebenso niedergeschlagen wie der schon Mitte der neunziger Jahre in Gang gekommene strukturelle Anpassungsprozess im Bausektor.”
Oder hier:
“Allerdings hatte die „Technologie-Hausse“ bis zum Ende des vorigen
Jahrzehnts den Mittelbedarf einzelner Sektoren stark aufgebläht. Die hierdurch verschlechterten Bilanzrelationen zwangen die Unternehmen in den Folgejahren – zusammen mit der konjunkturellen Schwächephase – zu einschneidenden Konsolidierungsmaßnahmen, die im Ergebnis auch zu einem deutlichen
Rückgang der allgemeinen Investitionstätigkeit führten.”
Und weiter und besonders schön:
“Gemeinsam mit den anhaltenden strukturellen Anpassungsproblemen in der Bauwirtschaft und den verschlechterten Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven der privaten Haushalte dämpfte dies die Nachfrage nach Bankkrediten weiter deutlich.”
Couldn’t have said it better!
@ fl
Die Bundesbankzitate passen, aber die Frage ist schon, was Ursache und was Wirkung ist. Die sehe ich nur zum Teil so wie die Bundesbank. Fakt ist: die Kreditnachfrage in D ist nach 2000 stagniert. Und nachdem sich die Löhne nach unten angepasst haben über fast ein Jahrzehnt, geht es wieder bergauf. “Aufgebläht” heißt hoher Kapitalstock. Zu den Finanzierungskosten deutscher Unternehmen steht nichts drin, oder?
Bezüglich meiner Kausalkette hast Du das doch ganz gut beschrieben, was verstehst Du daran jetzt nicht? Es geht darum, dass man theoretisch logisch zeigen kann, dass die Entscheidung über I und S den Außenhandel treibt. Bezüglich der Übernachfrage im Ausland: nimm mal ein Preisniveau als gegeben an. Jetzt lass einen Deutschen einen spanischen Bond kaufen. Der Spanier hat jetzt mehr Geld, der Deutsche weniger. Jetzt MUSS der Spanier das nicht in Detschland ausgeben. Aber da die Nachfrage in Deutschland nun um einen kleinen Betrag geringer ist, wird das Druck auf die Preise auswirken, in Spanien nach oben. Das Resultat ist, dass mehr aus Deutschland, und weniger in Spanien gekauft wird.
I kam schon vor, oder? Alle treffen I und S Entscheidungen, daraus folgt eine Differenz, die wo anders hin muss. usw.
Ich finde diese simplen Beispiele nicht immer so gut, weil man damit den simultanen Prozess all dieser Entscheidungen nicht abbilden kann (das alles geschieht eben auf Märkten, mit Preisen und Zinsen, und das jede Sekunde). Aber gut, das war mein Versuch, es Dir mit einem solchen Beispiel zu erklären.
Zunaechst mal Apologies dass ich mir hier so wenig einmische, ich habe dieser Tage leider extrem wenig Zeit. Und zugleich danke an Kantoos dafuer dass er meine Punkte im wesentlichen so wiedergibt (meist besser) wie ich das auch gemacht haette.
Ein paar selektive Bemerkungen:
1) Ich denke wir alle verstehen hier doppelte Buchfuehrung. Aber, wie Kantoos richtig schreibt, damit ist es nicht getan. Identitaeten erklaeren nichts. Ein Schuh wird umgekehrt raus: Erklaerungen muessen (als Minimum) mit Identiaeten konsistent sein.
2) In dem Zusammenhang: Argumente wie “Deutschland ist so kompetitiv, deswegen ist X so hoch, deswegen ist (X-M) so hoch, deswegen ist (S-I) so hoch” “bereichern” doppelte Buchfuehrung um haufenweise unterstelle Kausalitaet. Kausalitaet die leider sowohl mit den Daten (Triebkraefte des dt. Leistungsbilanzdefizits sind eher M und I als X und S) als auch mit oekonomischer Logik auf Kriegsfuss steht (wenn D so kompetitiv ist, warum ist I so verdammt niedrig?).
3) “Kapitalbilanz treibt Leistungsbilanz” bedeutet dass (S-I) (X-M) treibt.
Wie: Wettbewerbsschwaeche (Deutschalnd in 2000) impliziert niedriges I, was wiederum niedriges M impliziert.
Interne Abwertung durch Loehne als Reaktion (Deutschland ca. 2005) erhoeht zum einen X (Wettbewerbsfaehigkeit verbessert sich – was nicht heisst dass sie schon gut ist, d.h. bereits hoeheres I impliziert), zum anderen aber Unternehmensgewinn (S). Wenn dieser Gewinn benutzt wird Schulden abzubauen (=schwache Kreditnachfrage) und/oder im Ausland investiert wird (Direktinvestitionen in Osteuropa statt heimisches I) reduziert das wiederum heimische Nachfrage (und damit M).
Oder in Bezug auf die USA: ein Nachfrage- (S niedrig) bzw. Immobilienboom (I hoch) fuehrt zu verstaerktem M, und per realer Aufwertung auch zu niedrigerem X.
Dies sind die Transmissionskanaele die mAn Sinn machen — weil sie definitorisch wie logisch aufgehen. Nichts anderes meinte Eugen Boehm-Bawerk 1911.
Besten Gruss an alle,
HK
“Der Spanier hat jetzt mehr Geld, der Deutsche weniger. Jetzt MUSS der Spanier das nicht in Detschland ausgeben. Aber da die Nachfrage in Deutschland nun um einen kleinen Betrag geringer ist, wird das Druck auf die Preise auswirken, in Spanien nach oben. Das Resultat ist, dass mehr aus Deutschland, und weniger in Spanien gekauft wird.”
Generell stimme ich zu, auch wenn der Bondkauf überhaupt nicht mit einer geringeren Nachfrage in Deutschland einhergehen muss, etwa in dem Sinne: Wenn ich einen Bond kaufen, dann bekommt ein deutscher Investor genau um die Summe einen Kredit weniger, das Geld wäre dann “weg”, die Kredite limitiert etc. Das wäre Quatsch.
Meine Kausalkette geht so: Bond kaufen, Bondnachfrage steigt in Spanien (oder wo auch immer), Zinsen sinken, d.h. Finanzierungskosten sinken für die Spanier, die können sich dann mehr verschulden, das heißt mehr Nachfrage und höhere Importe. So weit stimmen wir, denke ich, überein.
Aber wenn du jetzt die Implikation ziehen solltest (tust du das?), dass dieser Vorgang automatisch zu geringeren Investitionen in Deutschland führt (was zumindest HK meiner Meinung nach tut), dann denke ich auch, dass das Unsinn ist.
Denn einen Bond kaufen – ob ausländisch oder inländisch – bedeutet natürlich nicht automaisch, dass Nachfrage fehlt. Die Frage ist, ob deutsche Unternehmen investieren wollen oder nicht. Und wenn sie nicht investieren wollen (aus bereits oben genannten Gründen), dann fragen sie keine Kredite nach, dann stagniert die Kreditvergabe, dann geht die Gesamtnachfrage zurück, natürlich auch die Importe (gar kein Dissenz), auch die Löhne etc.
Natürlich führen geringere Investitionen (aber auch geringerer Konsum und geringere Staatsausgaben) zu weniger Importen und damit bei gegebenen Exporten (siehe Expansion in Spanien) zu LB-Überschüsse. Zentral (Wie oben schon gechrieben):
Die Kausalität Investitionen runter -> Importe runter aktzeptiere ich natürlich, sie ist auch logisch. Aber die Kausalität mehr Exporte – Importe = Nettokapitalexport -> weniger Investitionen macht keinen Sinn.
@ HK, Kantoos
Alle treffen I und S Entscheidungen, daraus folgt eine Differenz, die wo anders hin muss. usw.” + “3) „Kapitalbilanz treibt Leistungsbilanz“ bedeutet dass (S-I) (X-M) treibt. ”
The heart of the matter: S auf der volkswirtschaftlichen Ebene ist keine automome Größe, sondern ergibt sich als Residuum, wenn man die VGR ausrechnet.
Einzelne können individuell entscheiden, etwa Geld zu sparen, also einen Teil ihres Einkommens nicht zu konsumieren. Das führt erst mal dazu, dass jemand anderem Einkommen fehlt und dazu, dass das Gesamteinkommen fällt. Wenn man von dem gesparten Geld einen Bond kauft, mögen die Zinsen fallen – ob das ausreicht, dass jemand anderes einen Kredit aufnimmt (egal, ob für Investitionen oder Konsum) ist aber nicht sicher.
Aber jemand, der investieren will – und das ist im Zentrum unseres Disputs – braucht niemanden, der spart. Jemand, der investieren will, braucht einen Kredit (wenn er nicht selbst was auf der hohen Kante hat), und den bekommt er aus dem Bankensystem. Und das Bankensystem braucht Zentralbankgeld – um das zu bekommen, muss aber niemand sparen.
Wie ist das dann in der VGR? Wenn Leute indiviuell sparen, ohne dass jemand anderes mehr ausgibt (also der Staat, die Unternehmen oder das Ausland), dann fällt das Einkommen. Wenn der Staat mehr ausgibt als er einnimmt, die Unternehmen investieren oder das Ausland mehr bei uns kauft als wir bei ihm, steigt die volkswirtschaftliche Ersparnis, schlicht weil S = Y – C. Aber weder Y noch C sind fix, S damit vollkommen ex ante vollkommen unbestimmt. Es ergibt sich einfach nur als Differenz aller Ausgaben in einer Volkswirtschaft und dem Konsum.
Deswegen fließt volkswirtschaftlich auch kein S irgendwie ins Ausland, sondern der Export führt dann und in dem Maße zu mehr S (und zwar allein rechnerisch, ohne dass ein Haushalt aktiv sparen muss), als der Import nicht genau so hoch ist.
@ enigma
bitte um Hilfe zu den deterministischen Kausalketten hier bezügich Stocks and Flows.
http://www.zeit.de/2011/19/Finanzdienstleister-BlackRock
Aladdin – funktioniert das wirklich so exakt?
“Aladdin ist ein gigantisches Datenanalysesystem, es besteht aus einem Heer von Analysten und rund 5000 Großrechnern, verteilt auf vier Rechenzentren, deren Standorte geheim sind und die 200 Millionen Kalkulationen pro Woche ausführen.”
…
“Die Kapazität braucht Aladdin, um täglich, stündlich, minütlich und teilweise sogar sekündlich auszurechnen, welchen Wert die Aktien, Bonds, Devisen oder Kreditpapiere haben, die in den milliardenschweren Anlageportfolios liegen.”
Ist das nicht alles nur heisse Luft?
Derivate Brötchen bildlich gesprochen?
Showtime for makebelievers…
Transparenz tut gut.
@ Kantoos
Noch mal hierzu, hab gerade noch mal drüber nachgedacht:
“Jetzt MUSS der Spanier das nicht in Detschland ausgeben. Aber da die Nachfrage in Deutschland nun um einen kleinen Betrag geringer ist, wird das Druck auf die Preise auswirken, in Spanien nach oben. Das Resultat ist, dass mehr aus Deutschland, und weniger in Spanien gekauft wird. ”
Also, auf GAR KEINEN FALL muss die Nachfrage in Dtl. geringer sein, wenn ein Deutscher einen Bond kauft. Das wäre noch nicht mal so, wenn man Bonds aus dem laufenden Einkommen kaufen würde. Aber hier geht es ja meist darum, dass PortfolioBESTÄNDE anders zusammengesetzt werden, etwa: Deutschen Bond verkaufen, spanischen kaufen; oder meinetwegen US-Bond verkaufen, spanischen kaufen etc. / Aktien verkaufen, Bond kaufen, whatever.
Ändert das etwas DIREKT an der deutschen Nachfrage, wenn Leute den Gesamtbestand ihres Vermögens nicht verändern, aber dessen Zusammensetzung? Nope, natürlich nicht, deswegen MUSS die Nachfrage natürlich nicht geringer sein. Und selbst wenn alle Bonds nur aus dem laufenden Einkommen ausländische Bonds kaufen, können Banken immer noch Kredite geben, wie sie wollen (bzw. wie Eigenkapitalanforderungen und die Bonität der Schuldner und die Nachfrage der potenziellen Schuldner es erlaubt).
Was sich allerdings ändert, wenn Portfolios anders zusammengesetzt werden, sind die relativen Renditen. Wenn alle spanische Bonds kaufen und etwa US-bonds verkaufen, gehen in den USA die Zinsen hoch, der Wechselkurs runter und in Spanien die Zinsen runter. Und dann wird in den USA weniger, in Spanien c.p. mehr investiert, bzw. es werden generell mehr Schulden aufgenommen, ob nun für Investitionen oder sonst was.
@ fl
Wieder mal wenig Zeit, daher nur kurz: ich meine nie Portfolioumschichtungen, sondern aus laufendem Einkommen. Und wenn Dein counter factual immer Geldschöpfung oder Geldhortung ist, dann kommen wir nicht weiter. Wenn Banken einfach mehr Kredite vergeben, was sie können, dann ist das Geldpolitik (nicht im engen, falschen Sinne, sondern im Sinne, dass jede Änderung der Erwartungen bezüglich der Zielgröße (Inflation, Nachfrage, was auch immer das Ziel der ZB ist) Geldpolitik ist, und die ZB darauf reagieren kann und wird)!
Die Zeit vergeht und Lösungen werden verschleppt in der Hoffnung auf Verschleierungen.
Schuldenproblematik und Anlageblasen : Steuererhebung und Steuerhöhung für diese Schuldengeber mit dem positiven Effekt einer Umverteilung von Vermögen und Einkommen!
Irgendwelche substanziellen Einwände?
Regulierung der Banken und Finanzintermediäre mit Eigenkapitalquoten.
Mindestreservepolitik und wiedergewinnen einer wirksamen Geldpolitik durch Zentralbanken sowie wettbewerbliche Kreditvergaben für Realwirtschaftsinvestitionen. Höchstzinssätze durch staatliche Vorgaben – Targets.
Irgendwelche technischen Probleme?
Ausschaltung durch unmenschliche Bedingungen importierter “wettbewerbsfähigerer” Güter und Dienstleistungen mittels Verboten, Tarifen und Zöllen.
Irgendwelche praktischen Umsetzungdefizite?
Eiskalte, unabhängige Durchsetzung dieser gemeinschaftlichen Zielvorgaben.
Irgendwelche moralischen Bedenken?
@ fl
wir werden uns in der Frage wohl nie einigen, aber jemanden der investiert braucht natuerlich jemanden den spart — jemanden der auf Konsum verzichtet waehrend das Investitionsgut produziert wird. Andernfalls kann das Investitionsgut schicht nicht produziert werden. Von nichts kommt nichts.
(P.S.: das gilt selbst bei keynesiansicher Unterbeschaeftigung bzw. deren Ueberwindung: die Produktion eines zusaetzlichen Investititionsgutes durch Inbetriebnahme brachliegender Kapazitaeten bedingt eben das ein Investitionsgut produziert wird, kein Konsumgut).
Er braucht ausserdem, in einer dezentralisierten Geldwirtschaft, Finanzierung. Aber Finanzierung ist KEIN Substitut fuer Konsumverzicht, sondern ein Komplement: eine Art und Weise, wie der fuer die Produktion von Investitionsguetern notwendige intertemporale Guetertausch organisiert werden kann. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich habe mir dazu ja schonmal ein Beispiel ausgedacht das alle wesentlichen Elemente enthaelt – http://kantooseconomics.com/2011/01/06/geldschopfung-schafft-geld-nicht-nachfrage-wonkish/ – aber das fiel aus mir nicht verstaendlichen Gruenden auf wenig Gegenliebe.
Anders ausgedrueckt: ein rein finanzwirtschaftlicher Akt – Finanzierung – kann keinen realwirtschaftlichen Akt – Investition – ermoeglichen. Nur ein anderer realwirtschaftlicher Akt kann das, naemlich reale Ersparnisbildung, d.h. Konsumverzicht. Und vice versa – ohne realwirtschaftliche Investition keine realwirtschaftliche Ersparnis. Das ist nichtmal Oekonomik sondern Logik.
Finanzwirtschaftliche Prozesse koennen allerdings, wie Kantoos richtig schreibt, realwirtschaftliche stoeren: wenn “Sparer” Cash horten anstatt realwirtschaftliche Prozesse zu finanzieren (= Bonds oder Equity kaufen) – wie Kantoos richtig schreibt. Dann uebersetzt sich finanzwirtschaftliche nicht in realwirtschaftliche Ersparnis und kann damit auch keine Investitionen finanzieren – der Kapitalmarkt funktioniert nicht. Der Abgleich von (realwirtschafltichem) S und I findet dann statt ueber Lagerhaltungs”investitionen”.
Aber wir haben das ja schon desoefteren diskutiert. Nehmen Sie es mir nicht uebel, aber ich habe keine grosse Lust auf eine weitere Runde – ich erwarte nicht dass die etwas Interessantes hervorbrigen wuede.
Aber was solls, man muss sich ja nicht in allem einig sein.
Beste Gruesse,
HK
@hkaspar
“3) „Kapitalbilanz treibt Leistungsbilanz“ bedeutet dass (S-I) (X-M) treibt. ”
Also ich hab meinen Boehm Bawerk aus dem Keller geholt, abgestaubt und mal nachgeschaut. Was find ich auf Seite 508?
“Die Export- und Importdaten der einzelnen Warengattungen müssen sich schließlich zu denjenigen Summen und Differenzen zusammenfügen, welche die gebieterischen Daten der Zahlungsbilanz erfordern. Die Zahlungsbilanz befiehlt, die Handelsbilanz gehorcht, nicht umgekehrt.
Nur, ich kann nicht erkennen, warum das so sein muss.
Da gibt es keinen Grund zu, dass das so ist. Es ist Bloedsinn, die Handelssbilanz gehorcht, die Zahlungsbilanz befiehlt.
Das ist wie wenn ich sage mein Sparkonto befiehlt was zu ueberweisen, und mein Girokonto gehorcht. Oder umgekehrt. Totaler Bloedsinn.
Das ist keine Theorie, in dieser Frage, das ist Alchemie. Das man Handelsbilanzen zum gehorchen bekommen sollte.
Fuer die, die nicht einen Boehm-Bawerk im Keller liegen haben.
http://www.uni-tuebingen.de/uni/wwa/download/GeschWipo/dokws0405/boehm-bawerk.pdf
@ Kantoos
“Wieder mal wenig Zeit, daher nur kurz: ich meine nie Portfolioumschichtungen, sondern aus laufendem Einkommen.”
Tja, die passiert aber in der realen Wirtschaft. Wenn du sagst, der Kauf einer ausländischen Anleihe MUSS zu einem Fall der Nachfrage im Inland führen, ist das schlicht falsch. Kann sein, muss aber nicht. Und auch wenn das aus laufendem Einkommen ist, muss es nicht sein. Wenn du Dir ein Modell baust, das nur darauf aufbaut, mach das. Hat bloß nicht so viel mit der Realität zu tun.
“Und wenn Dein counter factual immer Geldschöpfung oder Geldhortung ist, dann kommen wir nicht weiter. Wenn Banken einfach mehr Kredite vergeben, was sie können, dann ist das Geldpolitik (nicht im engen, falschen Sinne, sondern im Sinne, dass jede Änderung der Erwartungen bezüglich der Zielgröße (Inflation, Nachfrage, was auch immer das Ziel der ZB ist) Geldpolitik ist, und die ZB darauf reagieren kann und wird)!”
Ich weiß nicht, was du mit counterfactual meinst – zu was denn? Nun ist Geldschöpfung nun mal ein Teil der ökonomischen Realität. Und Geld- und Kreditschöpfung ist nun mal wichtig, damit man Kredite aufnehmen und investieren kann. Sparen ist es nicht. Sparen ist ein Resultat der Investitonen, weil es ein Aufbau von Sachvermögen ist.
Und Geldschöpfung ist auch keine Geldpolitik, sondern etwas, was die Banken machen. Die Zentralbank hat da sicher einen Einfluss drauf, aber nicht allein. Diese Krise neulich, ich meine, aus der hätten wir das lernen können. Das Bankensystem kann einiges machen, ob die ZB das will oder nicht (außer wir regulieren das Bankensystem sehr hart und geben ihm vor, an wen es wie viel Kredite vergibt. Das gab’s ja auch mal…).
@ fl
Dein Vertsändnis von Geldpolitik werde ich nie verstehen. Geldpolitik geht in meiner Vorstellung um das Setzen von Erwartungen bezüglich der ZB Ziele und ihrer Erfüllung. Punkt. Das Instrument ist der kurzfristige Zinssatz, aber das ist eher der Kommunkationsweg als irgendetwas anderes. Und wenn die Banken mehr Kredite schöpfen, dann kommt es zu einer Ausweitung der nachfragewirksamen Geldmenge, mit Auswirkungen auf Nachfrage und Preise und Löhne. Darauf WIRD eine ZB reagieren, und das wissen die Märkte. usw.
Zu der Sparentscheidung im Inland: ich finde solche simplen (simplistischen) Modelle nie richtig überzeugend, aber Du wolltest wissen, wie ich mir die Kausalkette vorstelle. Also habe ich versucht zu erklären, warum zunächst (!!!!!!!!!!!!!!!!!!) die Nachfrage in D kleiner wird, und in ESP größer, wenn jemand zwecks Sparen aus laufendem Einkommen einen spanischen Bond kauft, aber dann sich Prozesse vollziehen, die dazu führen, dass die Nachfrage wieder nach Deutschland kommt. Dass also die I und S – Entscheidungen zum Außenbeitrag führen, weil I und S die Entscheidungsvariablen sind, und nicht umgekehrt.
Für die Links (von Dir und vielen anderen Kommentatoren) bin ich dankbar, aber ich kann nicht auf alles eingehen, denn ich habe auch posts zu schreiben, nicht nur Kommentare. Ich denke, insbesondere HK, aber hoffentlich auch ich, versuchen so gut wie möglich auf Kommentare einzugehen.
PS: In der internationalen VWL wird im Zusammehang mit imbalances immer von S und I gesprochen, nie von EX und IM. Denen ist die Kausalkette scheinbar so klar, dass sie das garnicht mehr erwähnen. Beispiel: Eichengreen, White Man and the Elephant.
@ matt_us
Den Böhm-Bawark kenne ich auch nicht. Ist schon interessant, dass HK einen Artikel rauskramt, der nicht im Internet zu finden ist und es scheinbar keine modernen Lehrbücher, Artikel, whatever zu geben scheint, die so eine Befehlskette, die die Zahlungsbilanz der Leistungsbilanz gibt, selbst beschreiben.
Ist auch interessant, dass ich hier drei Artikel von Buba, Kiel und SVR gepostet habe, die keine Überbewertung Deutschlands erkenen können und als Antwort darauf bekomme: Die Kapitalkosten hätten sich aber verändert – und dann auch keinen Artikel, Buch whatever finden kann oder hier verlinkt bekomme, in dem niedrigere ausländische Kapitalkosten zu geringeren deutschen Investitionen führen müssen.
Na ja, Meine Zahlungsbilanz befiehlt mir jetzt zum Bäcker zu gehen und Bröchen zu holen. Dann fange ich mir beim Bäcker gleich ein Leistungsbilanzdefizit ein, aber zum Glück fließt das ganze Kapital des Bäckers zu mir, Glück gehabt.
@ Matt_US
es sei Ihnen freigestellt einen der vielleicht 10 bedeutensten Oekonomen der Theoriegeschichte als “Alchemisten” zu bezeichnen. Aber “es ist Bloedsinn, die Handelssbilanz gehorcht, die Zahlungsbilanz befiehlt” … ist Bloedsinn. Es gibt einen direkten Transmissionsmechanismus von schwacher Absorption (=hohe Ersparnis und/oder schwache Investitionen) zu schwachen Importen. Es gibt keinen von starken Exporten oder schwachen Importen zu Kapitalabfluss.
Nichts anderes stellte Boehm-Bawerk vor hundert Jahren fest. Wenn diese makrooekonomische Elementarweisheit heute bei Teilen der Oekonomenzunft in Vergessenheit geraten ist, ist das bedauerlich.
Gruss,
HK
@ HK
“Es gibt einen direkten Transmissionsmechanismus von schwacher Absorption (=hohe Ersparnis und/oder schwache Investitionen) zu schwachen Importen. Es gibt keinen von starken Exporten oder schwachen Importen zu Kapitalabfluss.”
1. Wie ich schon schrieb, mit Transmissionsmechanismus hat das nichts zu tun, sondern mit VGR: der erste Satz ist natürlich vollkommen richtig. Wenn weder Haushalte (niedriges C) noch Unternehmen (niedriges I) Geld ausgeben, dann ist der Import natürlich auch schwach. Reine VGR, brauche ich keinen Transmissionmechanismus für. Sonst volle Zustimmung.
2. “Kapitalabfluss”: Meinen Sie damit “Nettokapitalabfluss” = “Kapitalbilanzdefizit” = “Leistungsbilanzüberschuss”? Meinen Sie damit ferner, dass ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, Kapital sei “abgeflossen” in dem Sinne, dass wir es in Dtl. nicht mehr für Investitionen oder sonstige Ausgaben verwenden können? Wenn Sie das nicht meinen, ist alles klar und wir brauchen uns nicht weiter zu streiten. Wenn Sie das meinen, siehe Punkt 3:
3.
a) In der rein inländischen Ökonomie:
Wenn ich zum Bäcker gehe und Brötchen kaufe, aber selbst dem Bäcker nichts verkaufe, habe ich ein Leistungsbilanzdefizit und WENIGER Geld – das entspricht genau einem KapitalbilanzÜBERSCHUSS.
Der Bäcker hat einen Leistungsbilanzüberschuss und MEHR Geld – das entspricht einem KapitalbilanzDEFIZIT. Der Leistungsbilanzüberschuss des Bäckers entspricht genau seinem Einkommen und der Verminderung meines Bestandes an Nettogeldvermögen.
Wenn nichts weiter in der Periode passiert, der Bäcker das Geld also nicht ausgibt, ist Y = C, S = 0. Sb (Sparen des Bäckers) ist aber genau gleich Y, bloß das mein Sparen, Si, negativ war und zwar im gleichen Maße, so das gilt= Sb + Si = 0.
Ist Geld vom Bäcker an mich geflossen – weil der Bäcker doch ein Leistungsbilanzüberschuss und ein Kapitalbilanzdefizit, ergo rein definitorisch einen “Nettokapitalabfluss” hatte? Natürlich nicht.
b) In der internationalen Ökonomie
Der Bäcker ist Deutscher, ich bin Holländer. Ich gehe über die Grenze und kaufe mir meine Brötchen. Meine Ausgabe ist jetzt zwar immer noch Konsum, geht aber als holländischer Import und als deutscher Export in die VGR. Sonst bleibt alles beim Gleichen. Der Bäcker hat ein Einkommen genau in Höhe des Exports, ich genau in der gleichen Höhe weniger Geld. Es ist der genau gleiche Fall, nur dass wir relativ willkürlich zwischen uns zwei Grenzen gezogen haben.
Wie wird das in der VGR abgebildet: Beim Bäcker Y = Ex. Wenn er, wie oben, nichts ausgibt, dann Y = S = Ex. Bei mir: Y = S = 0. Beim deutschen Bäcker also mehr Einkommen, bei mir eine Verringerung des Geldbestandes. Wiederum die Frage: Ist Geld aus Deutschland abgeflossen, Kapital exportiert worden, in dem Sinne, dass es nicht für den deutschen Bäcker nicht mehr da ist? Natürlich nicht, der Bäcker kann mit dem Geld in beiden Fällen, a) und b) machen, was er will. Schließlich heißt Kapitalbilanzdefizit = Nettokapitalabfluss nichts anderes als das MEHR Geld im Land ist, NICHT weniger.
Hat hier die Zahlungsbilanz (ich nehme an, damit ist modern die Kapitalbilanz gemeint) regiert, geherrscht, whatever? Natürlich nicht, das sind alles Leistungsbilanztransaktionen gewesen, denen rein buchhalterisch genau im gleichen Maße Kapitalbilanzsalden mit gegenteiligem Vorzeigen gegenüberstanden.
4. eine paar definitorisch-semantische Dinge: Wenn Sie meinen, dass das SACHkapital in Deutschland nicht gestiegen ist, es also keine bzw. wenig Investitionen gab, ist das natürlich vollkommen richtig.
Wenn Sie aber meinen, dass nicht genug FINANZ/GELDkapital vorhanden, war, um SACHkapitalbildung zu finanzieren, dann ist das schlicht falsch. Ich habe den Verdacht, Sie schmeißen SACH – und GELDkapital immer irgendwie durcheinander.
Wenn wenig SACHkapital im Inland gebildet wird, kommt es bei höherer Sachkapitalbildung im Ausland natürlich zu Leistungsbilanzüberschüssen im Inland – aber das führt eben zu einem AUFBAU von GELDvermögen. Der AUFBAU von Geldvermögen, der mit LB-Überschüssen einghergeht, wird aber nun in der Buchhaltung, etwas unglücklich, NETTOkapitalexport genannt – aber ein Kapitalabfluss im Sinn eines Abflusses von GELD- oder Sachkapital ist das NATÜRLICH nicht.
@hkaspar
“es sei Ihnen freigestellt einen der vielleicht 10 bedeutensten Oekonomen der Theoriegeschichte als „Alchemisten“ zu bezeichnen. Aber „es ist Bloedsinn, die Handelssbilanz gehorcht, die Zahlungsbilanz befiehlt“ … ist Bloedsinn. Es gibt einen direkten Transmissionsmechanismus von schwacher Absorption (=hohe Ersparnis und/oder schwache Investitionen) zu schwachen Importen. ”
Wo sagt der Boehm Bawerk das genau. Es “gibt einen direkten Transmissionsmechanismus von schwacher Absorption (=hohe Ersparnis und/oder schwache Investitionen) zu schwachen Importen. ”
Ich hab das Buch natuerlich nicht, und hab im Internet nur gefunden was man daraus zitiert hat. Also – wo ist seine theoretische Schritt bei Schritt Folgerung?
Ich glaub das war ein rhetorischer Ausrutscher, der ihm da durchgegangen war. Der Lektor hat auch nicht aufgepasst, und jetzt steht es in einem nicht bekannten Buch der Nationaloekonomie. Ausser wenn man vielleicht VWL in Deutschland oder Oesterreich studiert. Warum das jetzt die einzige Theorie des Herrn Boehm Bawerk ist, die jeder noch kennt, das weiss ich wirklich nicht – sieht mir ja nicht so aus als sei sie unstrittig.
Das lenkt vom wirklichen Sachverhalt ab. Mal was anderes. Es gibt ja auch ein deutsches Stabilitaetsgesetz. Danach hat man in den letzten zehn Jahren auch voll gegen verstossen. Was halten die Herren kantoos und hkaspar denn davon?
@ Matt_US und zu “die einzige Theorie des Herrn Boehm Bawerk ist, die jeder noch kennt”
Von der Beurteilung der BB-Zahlungsbilanztheorie mal abgesehen — die “Produktivitaet der Produktionsumwege” ist ihnen sicher bekannt?
In meinen Augen hat BB als erster (im Rahmen seiner Marx-Kritik) Kaptialakkumulation und das Funktionieren des Kapitalmarkts vollstaendig erfasst — und damit das Wesen des Kapitalismus. Keine ganz zu vernachlaessigende Lesitung
Gruss,
HK
Weil es keine neue Finanzierung für Geschäfte geben wird kommt das Ende der VWL ?
http://www.handelsblatt.com/politik/international/obama-beuerchtet-das-ende-der-volkswirtschaft/4177428.html
Schlage mal in Makroökonomuk bei Dornbusch, Fischer, Startz :
Seite 224:
“Mit Glück werden sich die Fehler bei der Festlegung der Politik teilweise ausgleichen.”
Glücksspieler?
@ fl
ich tue mich etwas schwer den Punkt Ihres Beitrags zu identifizieren. Bei “Kapitalexport” spreche ich von nicht mehr und nicht weniger als dass in den 2000ern Deutschland I relativ zu S fiel ist — d.h., deutsche Ersparnis ermoeglichte mehr auslaendische und weniger inlaendische Investitionen als zuvor. Waehrend es im Ausland umgekehrt war. Wobei I und S ‘reale’ Konzepte sind–S ist das Gegenstueck zu Konsumverzicht realen Einkommens, I sind reale Investitionen.
All das ist ebenso gaengige wie unstrittige Terminologie, die zu debattieren mir fruchtlos erscheint.
Dieser Kapitalexport (ich sehe nicht was an dem Begriff ungluecklich sein soll) findet in einer monetaesierten Volkswirtschaft auf verschiedene Arten und Weisen statt, je nachdem welches Asset der Sparer erwirbt: dt. Kapitalexport nach Osteuropa z.B. vor allem in Form von FDI (d.h. equity investment), innerhalb der Eurozone vor allem ueber hoehere exposure inlaendischer Banken gegenueber auslaendischen Banken. Und in ihrem Beispiel hortet der dt. Baecker Cash. In jedem Fall erwirbt ein deutscher Sparer einen Anspruch auf auslaendisches Sozialprodukt und damit erhoehte Moeglichkeiten kuenftigen Konsums– das ist der Wesen des Sparens.
Wenn wir bei Punkt 1) uebereinstimmen haben wir in der mAn Ansicht wesentlichen Frage ohnehin keinen Dissenz.
Besten Gruss,
HK