Milton Friedman und die Krise

Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar

Zu den Ritualen nach Finanzkrisen gehört die Suche nach Sündenböcken. Nach dem „Gründerkrach“ von 1873 etwa machten weite Teile der Berliner Presse den Manchester-Liberalismus für die Wirtschaftskrise verantwortlich, insbesondere den verderblichen Einfluss der Lehren eines gewissen Adam Smith. Populär wurde damals eine Artikelserie in der Familienzeitschrift „Gartenlaube“, in der ein Otto Glagau gegen Börse, Juden, liberale Politiker, und den moralisch-geistigen Untergang Deutschlands wetterte.

Olaf Storbeck, ein Wirtschaftsjournalist des Handelsblatts, hebt sich von solchen Tönen natürlich ab mit seinem differenzierten und sorgfältig argumentierenden Buch „Die Jahrhundertkrise“. Aber einen Sündenbock identifiziert Storbeck dann doch: Milton Friedman. Die Finanzkrise, so Storbeck, sei „Miltons Krise“. Im Wortlaut (entnommen dem Vorabdruck des Buches):

Friedman war der Hohepriester des Marktfundamentalismus. Die Überzeugung, der freie Markt sei das Beste und jede Form des Staatseingriffs des Teufels, führte letztendlich ins Desaster. Friedman predigte … den blinden Glauben an die Stabilität und Selbstheilungskraft des ungezügelten Kapitalismus…. Für Friedmans Geschmack hatten selbst in den Vereinigten Staaten die Marktkräfte zu wenig Freiraum. … Der Markt sei nicht nur meist, sondern immer die beste Lösung, so sein Credo. …  Jede Form von staatlicher Regulierung sei schlecht.

Aber: was für Gütermärkte meist zutreffen mag, muss deshalb nicht unbedingt auch für Finanzmärkte gültig sein. Dass sich beide in vielerlei Hinsicht unterscheiden, davon sind auch liberale Ökonomen wie Jagdish Bhagwati von der New Yorker Columbia University überzeugt. »Der Finanzmarkt und der Gütermarkt, das sind zwei Paar Schuhe«, betont Bhagwati.

Was Storbeck – vermutlich unbewusst – unterschlägt: gerade Milton Friedman wusste von der Verschiedenheit von Güter- und Finanzmärkten. Mehr noch: sein wissenschaftliches Lebenswerk ist ohne diese Unterscheidung undenkbar.

Einen Schritt zurück. In meinen Augen ist es hilfreich zwei Komponenten des friedmanschen Werks zu unterscheiden, die sich nicht notwendig gegenseitig bedingen. Da sind:

(i) Milton Friedman der libertäre Ideologe, und
(ii) Milton Friedman der Makroökonom

(die Unterscheidung hilft übrigens auch bei Friedrich August Hayek).

Friedman der libertäre Ideologe ist der Milton Friedman von Capitalism and Freedom (1962) und Free to Choose (1980). Mit ihm rechnet Storbeck ab, und auch ich kann mit ihm nicht sonderlich viel anfangen. Friedman der Ideologe ist der wahrscheinlich bekanntere, aber sicher nicht der wichtigere Milton Friedman.

Friedman der Makroökonom ist der Friedman von Essays in Positive Economics (1953), Studies in the Quantity Theory of Money (1956), A Program for Monetary Stability (1960), A Monetary History of the United States (mit Anna Schwartz, 1963) oder The Role of Monetary Policy (1968). Zweifelsohne zählt er zu bedeutendsten Makroökonomen des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt seines Werkes stand die Frage, wie finanz- und realwirtschaftliche Implosionen wie die grosse Depression künftig verhindert werden könnten.

Ein Teil der friedmanschen Antwort ist bekannt: durch eine verstetigende Makropolitik. Daraus entstand der Geldmengen-Monetarismus, den insbesondere die Bundesbank jahrzehntelang und – in meinen Augen - erfolgreich praktizierte. Doch das ist nicht alles. Im folgenden zitiere ich aus einem Artikel Brad DeLongs – sicher kein Ökonom der marktradikaler Sympathien verdächtig wäre – der,  obwohl schon 12 Jahre alt, noch immer den besten mir bekannten Überblick gibt über Geschichte und Wirkung des Monetarismus.

The worry that control of the monetary base was insufficient to control the money stock was to be dealt with, in Friedman’s (1960) Program for Monetary Stability, by reforming the banking system to eliminate every possibility of fluctuations in the money multiplier. Shifts in the deposit-reserve and deposit-currency ratios would be eliminated by requiring 100% reserve banking. Shifts in the deposit-reserve ratio then become illegal. Banks can never be caught illiquid. And in the absence of any possibility that banks will be caught illiquid, there is no reason for there to be any shifts in the deposit-currency ratio either.

Shifts in the velocity of money in response to cyclical bursts of inflation and deflation that amplified fluctuations in the rate of growth of the money stock would be eliminated by the constant-nominal-money-growth rule. Without cyclical fluctuations in the money stock and in inflation, there would be no cause of cyclical fluctuations in the velocity of money. Thus banking system reform and Federal Reserve reform would eliminate the monetary causes of the business cycle.

This component of Classic Monetarism – the program for monetary stability–has not flourished over the past half century. The tide, instead, has flowed in the direction of the deregulation of the financial sector, not in the more intensive regulation that would be required to enforce 100% reserve banking and a strict separation between investments and transactions deposits.

Hier steht’s: Milton Friedman plädierte für strengere Regulierung – nicht Deregulierung - des Finanzsektors; aufbauend auf einer klaren Vorstellung von der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus durch ein inhärent instabiles Bankensystem. Die Finanz-Deregulierung der 1980er und 1990er Jahre folgte gerade nicht seinen Vorstellungen.

Warum ist von diesem Friedman heute so wenig die Rede? Laut Brad DeLong weil in den 70er Jahren eine Trivialisierung Friedmanscher Ideen einsetzte. Er nennt dies „Political Monetarism“:

But the multi-stranded complex of doctrines and ideas that was Classic Monetarism – with its institutional reform side, its analytical side, and its political-economy side – was not the Monetarism that became a powerful political doctrine in the 1970s. Political Monetarism was something different.

Political Monetarism argued not that velocity could be made stable if monetary shocks were avoided, but that velocity was stable. … Political Monetarism argued not that institutional reforms were needed to give the central bank the power to tightly control the money supply, but that the central bank did control shifts in the money supply…. All theories and doctrines are stripped down to a core that includes substantial proportions of misrepresentation and overstatement when the doctrines become political and policy weapons. And from today’s perspective it is clear that the stripping-down that created Political Monetarism was unfortunate.

Es ist diese Trivialisierung der Storbeck aufsitzt. Denn ein ernstgenommener Friedman taugt nicht zum Sündenbock, im Gegenteil, er hätte Schaden vermeiden können: hätte die Greenspan-Fed sich in den 2000er Jahren stärker bemüht die Geld- und Kreditentwicklung a la Friedman zu verstetigen wäre es zur US-Immobilienkrise möglicherweise nicht gekommen, oder zumindest nicht in diesem Ausmass – von Friedmans Vorstellungen zu Bankenregulierung ganz zu schweigen.

Dies führt zu einem generellen Punkt. Mich stört ungemein - ebenso wie meinen Gastgeber Kantoos - die Tendenz in der deutschen Debatte, Makroökonomen in „Böse“ und „Gute“ einzuteilen (im primitivsten Fall in „Neoklassiker“ und „Keynesianer“). Dahinter steht die Vorstellung dogmengeschichtliche Positionen seien zeitlose Wahrheiten (oder Unwahrheiten), die sich gegenseitig ausschlössen. Also: nur Keynes oder Friedman könne relevant sein, nie aber beide.

Das ist Unfug. Dogmengeschichtliche Positionen bilden sich stets in Auseinandersetzung mit den wirtschaftspolitischen Fragen einer bestimmten Zeit. Wie relevant eine Position für uns ist hängt deshalb zuallererst davon ab, wie stark unsere Probleme den damaligen ähneln. In der Finanzkrise erwiesen sich als hochrelevant z.B. Wicksells und Hayeks Thesen zum Zusammenhang zwischen Geldzinsen, Kreditzyklen und Wirtschaftskrisen, oder Irving Fishers Warnung vor Überschuldung in Verbindung mit Deflation. Ferner natürlich Keynes’ Analyse von Kapitalmarktversagen in der Liquiditätsfalle, Friedmans Betonung verstetigender Makropolitik, Meltzers Vorschlag die Liquiditätsfalle durch Manipulation längerfristiger Zinssätze zu umgehen (was den Kern des Quantitative Easing enthält), oder Tobins Untersuchung von Kapitalmarktungleichgewichten. Die Einsichten auch nur eines dieser Ökonomen zu ignorieren wäre töricht.

Umgekehrt ist kein Ökonom unbeschränkt relevant. Geschichte wiederholt sich nicht. Kein Keynes und kein Friedman kann einen Autokompass liefern wie die makroökonomische Probleme unserer Zeit zu bewältigen seien. Wer dies erwartet wird notwendig enttäuscht werden.

Hier wäre ich an einem natürlichen Endpunkt für den Artikel angelangt - aber nachdem ich schon beim Schwafeln bin, noch zwei Anmerkungen.

1) Intellektuelles Versagen sehe ich eher bei der modernen monetären Ökonomik a la Lucas und Woodford, die sich u.a. dadurch auszeichnet dass sie Geld, Kredit und Finanzintermediation weitgehend wegdefiniert. Also all das was sich in der Krise als kritisch erwies, und dessen kritischer Charakter den Friedmans, Keynes und Hayeks wohlbekannt war. Willem Buiter hat dazu einen schönen, zornigen und wahren Artikel geschrieben. Ein Ausschnitt:

Most mainstream macroeconomic theoretical innovations since the 1970s (the New Classical rational expectations revolution associated with such names as Robert E. Lucas Jr., Edward Prescott, Thomas Sargent, Robert Barro etc, and the New Keynesian theorizing of Michael Woodford and many others) have turned out to be self-referential, inward-looking distractions at best. Research tended to be motivated by the internal logic, intellectual sunk capital and esthetic puzzles of established research programmes rather than by a powerful desire to understand how the economy works – let alone how the economy works during times of stress and financial instability. So the economics profession was caught unprepared when the crisis struck.

2) Keine Theorie kann einen wachen Geist ersetzen. Ob ein Ökonom die Krise antizipierte oder nicht hatte letztlich wenig mit dogmengeschichtlicher Prägung zu tun, und viel damit ob er offensichtliche Fehlentwicklungen ernst nahm: überbordendes US Leistungsbilanzdefizit, ausuferndes Leverage von Finanzunternehmen, Überschuldung privater Haushalte, Hauspreisblasen. Raghuram Rajan (immerhin von der Universität Chicago), Robert Shiller, Claudio Borio, William White, Ken Rogoff, John Taylor sind sicher nicht weniger marktfreundlich eingestellt als der ökonomische Mainstream, aber lagen vor der Krise in wesentlichen Punkten richtig. Umgekehrt lobten gerade viele keynesianische orientierte Ökonomen – z.B. Alan Blinder, oder unsere Freunde von Herdentrieb – die Geldpolitik Alan Greenspans über den grünen Klee. Nur setzte diese Politik die Welt in Brand.

Hätten diese Keynesianer Friedman ernstgenomen wäre ihnen der Fehler nicht passiert.

Kommentare

  1. Olaf Storbeck schreibt:

    Danke erstmal für die Blumen in Sachen „Jahrhundertkrise“. Ein paar Gedanken auf die Schnelle (über manches muss ich nochmal in Ruhe nachdenken)

    - wurde die Trivialisierung der Gedanken von Friedman ab Ende der 70er nicht vor allem von ihm selbst vorangetrieben oder zumindest wohlwollend geduldet? Er hätte ja noch 36 Jahre Zeit gehabt darauf hinzuweisen, dass die halb Welt ihn in wichtigen Teilen missversteht.

    - Ist nicht das Problem der harten Monetaristen gerade, dass sie denken, alles im Griff zu haben, wenn sie die Geldschöpfung kontrollieren und ansonsten die Marktkräfte alles richten können? (Ich muss zugeben, dass ich zu wenig Monetaristen im Original gelesen habe, um diese Frage seriös zu beantworten. Mein Bauchgefühl wäre aber, diese Frage mit Ja zu beantworten)

    - ich habe Fridmans „Essays on Positive Economics“ schon lange hier liegen, und bislang nur sehr ausschnittsweise gelesen. Aber ich würde ihm mit meinem heutigen Wissensstand vorwerfen, damit die VWL methodisch zurückgeworfen und eingeschrängkt zu haben – Friedman hat damit einer VWL, die ausschließlich auf „harte“, monetäre Faktoren schaut und alles andere ausblendet, den Weg bereitet.

    - „Keine Theorie kann einen wachen Geist ersetzen.“ 100% Zustimmung!

    -

  2. jopa schreibt:

    @ hk, Storbeck:

    Die wechselnde Positionierung Friedmans (liberal in Bezug auf die Gütermärkte, eher illiberal in Bezug auf die Finanzmärkte) hat ihm schon vor Jahren und zu Lebzeiten in liberalen / libertären Zirkeln die Bezeichnung als „Gelbsozialist“ eingebracht – ist nicht eben positiv gemeint, drückt aber genau die von hk beschriebene Ambivalenz aus, die viele seiner Gegner bis heute nicht begriffen haben.

  3. Dietmar Tischer schreibt:

    @ H. K.

    Gratuliere, diese Differenzierung ist sehr, sehr gut gelungen.

    Bleibt noch, Erkenntnisse daraus zu ziehen.

    Eine:

    Sie zeigen beispielhaft, wie Ökonomen wie O. Storbeck, die erwiesenermaßen Ökonomie hinreichend verstehen und es daher besser wissen (müssten), sich WILLKÜRLICH einen einflusssreichen Ökonom herausgreifen und ihn – das muss klar gesagt werden – mit affiner Verfälschung diffamieren, um IHREN Präferenzen von Wirtschaftspolitik zu Anerkennung zuverschaffen.

    Die große Mehrheit der HB- und Buchleser dürften kaum in der Lage sein, Behauptungen wie sie O. Storbeck über M. Friedman aufstellt, zu überprüfen. Deshalb kann O. Storbeck auch unbedenklich behaupten, was er behauptet. Geübte Leser werden allerdings bei Begriffen wie „Hohepriester“, „predigte“, „blinder Glauben“ aufhorchen.

    Marginalie:

    Es ist schon richtig, dass sich der „libertäre Ideologe“ (der zu sein, Friedman gute Gründe hatte) und Makroökonom nicht notwendig gegenseitig bedingen.

    Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass intellektuelle Redlichkeit mit dem Wissen makroökonomischer Zusammenhänge VERLANGT, für Regulierung zu plädieren, wenn man „libertärer Ideologe“ ist.

    Friedman sah darin keinen Widerspruch.

    Auch das zeichnet ihn aus.

  4. hkaspar schreibt:

    @ Storbeck, Tischer, jopa

    zur Klarstellung: ich halte Storbeck NICHT intellektuelle Unredlichkeit vor oder irgend etwas Aehnliches. Allenfalls dass er ein weitverbreitetes Friedman-Bild – dessen Verbreitung Friedman ja selbst betrieb – zu voreilig auf den Finanzsektor uebertraegt, wo es so nicht zutrifft.

    Die Frage warum Friedman dem Eindruck des radikalen Deregulierers nicht entgegentrat ist legitim. Ich vermute:

    (i) weil er eben weitgehend korrekt ist – in Bezug auf Gueter- und Arbeitsmaerkte, und

    (ii) weil die grossen wirtschaftspolitischen Debatten der 70er und 80er Jahre sich nicht um Finanzregulierung drehten, sondern um (a) Geldpolitik – wo Friedman im zuge der grossen Inflation der 70er Jahre seine Triumphstunde erlebte – und (b) angebotsseitige Strukturreformen.

    Aber dies aendert nichts daran dass Friedman gegenueber dem Finanzsystem Mistrauen hegte und sekundaere Geldschoepfung durch Banken verbieten wollte (nichts anderes impliziert ja ein Reservesatz von 100 Prozent) -was weit ueber die Reformvorschlaege der heutigen Debatte hinausgeht.

    Schliesslich: vielleicht koennten Sie, Storbeck, genauer ausfuehren was sie mit „VWL methodisch zurueckggeworfen“ meinen? Sich an harten Fakten zu orientieren scheint mir grundsaetzlich eine positive wissenschaftliche Qualitaet.

    Besten Gruss,
    HK

    P.S.: Debatten ueber Regulierung etc. fuehrte Friedman in der Folgezeit manchmal mit Libertaeren der Mises-Schule, die ihn (wie jopa richtig bemerkt) als Halbsozialisten betrachteten. Diese Debatten fanden weitgehend unter Ausschluss der weiteren Oeffentlichkeit statt, und wirken – zumindest aus der Sicht eines Nicht-Libertaeren – haarspalterisch und etwas komisch. Ein bekanntes Beispiel ist: http://www.lewrockwell.com/rothbard/rothbard43.html

    P.P.S.: auch ich habe nicht sonderlich viel Monetaristen im Original gelesen, aber dafuer gibt es ja so grossartige Uebersichtsartikel wie den Brad Delongs.

  5. Stephan schreibt:

    Interessanter Beitrag. Ich bin zu 99% anderer Meinung. Das ist die übliche Strategie von Mainstream-Ökonomen: wenn dir die Argumente ausgehen dann adoptiere einfach die Gegenmeinung. Siehe New Keynesians. Mir fallen zu dem Beitrag so viele Einsprüche ein da brauch ich mehr Zeit als ich heute habe.

    PS: John Taylor? John Taylor ist eine Wetterfahne die immer in Richtung GOP weht egal was die Burschen gerade anstellen.

  6. Dietmar Tischer schreibt:

    @ H.K.

    >ich bezichtige Storbeck NICHT der intellektuellen Unredlichkeit oder irgend etwas Aehnlichem>

    Haben Sie nicht getan, brauchen Sie auch nicht zu tun.

    Dafür gibt’s mich.

    Von jedem Journalisten, der wie Storbeck in der obersten Liga schreibt, darf man erwarten, dass er seine Aussagen überprüft und gegebenenfalls belegen kann, wenn er einen M. Friedman so dezidiert als geistigen Krisenvorbereiter in die Ecke stellt.

    Er muss dafür Friedman nicht bändeweise lesen. Schon ein 2-Minuten-Blick in wikipedia hätte genügt, um ihm klar zu machen, dass seine Feststellungen zumindest zu überprüfen gewesen wären. Denn da steht u. a.: „Er griff die Idee Walter Euckens auf, Kreditinstituten eine 100-prozentige Mindestreserve vorzuschreiben.“ Von anderen Feststellungen, wie z. B. der, dass der Staat umfange Aufgaben wahrzunehmen und u. U. sehr wohl Aktivitäten in den Gütermärkten entfalten könne, will ich gar nicht reden.

    Storbeck hat nichts überprüft, sondern einfach falsche Behauptungen aufgestellt.

    Tut mir leid, bei einem der ausgewiesener Ökonom ist und sich seitenlang detailliert über Ökonomen und ökonomische Lehrmeinungen ausgelassen hat, ist das Diffamierung mit Vorsatz.

    Da ich nicht ad hominem argumentiere, habe ich andererseits kein Problem zu wiederholen, was ich schon einmal in einem anderen Thead geschrieben hatte: Storbeck hat m. A. n. auch beispielhafte ökonomische Aufklärung geleistet, u. a. im HB-Artikel zur Clintons Deregulierung, Bankverhalten, Immobilienblase und Verschuldung. Umso bedauerlicher, dass er dieses Niveau im vorliegenden Fall verlassen hat.

    Soviel noch einmal, auch als Nachtrag dazu, wie im Wirtschaftsjournalismus hierzulande Meinung gemacht wird, was hier schon mehrmals Gegenstand der Diskussion war.

    Damit soll es meinerseits genug sein. Ich will keine Dauerthema daraus machen, das hat der Blog nicht verdient.

  7. Alex F. schreibt:

    @H.K.

    Stimme in vielem zu. Ich würde aber nicht den populären Friedman gegen den Wissenschaftler ausspielen. Ich kenne „Free to Choose“ nicht, aber „Capitalism and Freedom“ ist neben „Road to Serfdom“ ein libertärer Klassiker. Der populäre Friedman widerspricht nicht dem Wissenschaftler, er bindet nur mehr eigene Meinungen mit ein. Auch ist er nicht „rechter“. Die negative Einkommensteuer ist z.B. Teil von „Captalism and Freedom“: ein Vorschlag bei dem bis heute jeder konservative (Arbeits-)Moralapostel rot sieht. Auch hat Friedman der Drogenlegalisierung, Masseneinwanderung und Einschränkung von Patentrechten (also Eigentumsrechten!) das Wort geredet. Masseneinwanderung ist in Deutschland nicht mal links.

    „Mich stört ungemein – ebenso wie meinen Gastgeber Kantoos – die Tendenz in der deutschen Debatte, Makroökonomen in „Böse“ und „Gute“ einzuteilen…“

    Auch hier Zuspruch. Trotzdem gibt es natürlich weiterhin richtig/falsch und gesellschaftliche Gruppen, die das Falsche bewusst oder unbewusst propagieren, weil sie davon materiell profitieren oder es zumindest glauben.

    Ich hab’s schon mal gesagt und wiederhole es gern, Keynes und Friedman oder heute Krugman und Sumner stehen auf einer Seite. Die wirkliche Kluft besteht zu jenen, die leugnen, dass wir es mit einem Nachfrageproblem zu tun haben. Und das ist die breite Mehrheit. Das Volk und seine Politiker sind sich hier einig. Krugman hat völlig Recht, wenn er sagt, dass wir in einem makroökonomischen Mittelalter leben. Die spannende Frage ist, warum selbst Ökonomen nicht geschlossen hinter Keynes/ Friedman/Krugman/Sumner… stehen?

    Ein anderer umstrittener Ökonom, Karl Marx, hat mal behauptet, im Kapitalismus behandele der freie Markt die Eigentümer der Produktionsfaktoren (Kapital, Arbeit, Land…) nicht gleich. Wenn es für den Faktor Kapital keine positive Rendite gäbe, dann generiere das System gar kein Wachstum mehr. Keynes und in seiner Folge Friedman haben gezeigt, dass dies nur am Geld liegt. Say‘s Law wird nur in einer Geldwirtschaft ausgehebelt. Nick Rowe hat das kürzlich sehr schön auf den Punkt gebracht. Mit der richtigen Geld- und/oder Fiskalpolitik kann dem Horten von Geld begegnet werden, es muss zu keinen Wachstumseinbrüchen kommen. Die Nullzinsgrenze muss kein Problem sein. Jeder Ökonom, der dazu beiträgt, dass sie es doch ist, gibt Marx Recht. Ist es so falsch, diese Ökonomen als korrupt zu bezeichnen? Schließlich schafft eine kontraktive Geldpolitik massives Elend!
    Kurz: Friedman ist gut, aber Mises ist böse :-)

  8. Alex F. schreibt:

    Patentrechte ist falsch, ich meinte: Copyrights.

  9. hkaspar schreibt:

    @ Alex F.

    danke fuer den interessanten Kommentar. Mit „populaerer vs. Wisseschaflter Friedman“ meine ich nicht dass man nicht beide moegen darf. Aber man kann–ich meine fast muss–Friedman fuer einen wichtigen und relevanten Makroekonomen halten, auch wenn man mit seinen libertaeren Umtrieben wenig anfangen kann. Den meisten modernen Keynesianern, Brad Delong eingschlossen, geht es so.

    Zu Oekonomen die nicht (voellig) hinter Keynes/Friedman/Krugman/Sumner stehen plane ich meinen naechsten Artikel, mal sehen was Sie dazu sagen.

    Marx verstehe ich anders als Sie. Die marxsche Krisenlehre hat mAn wenig mit Geld zu tun, sondern mit der Sicht dass es irgendwann keine produktiven Investitionsprojekte mehr gibt, so dass return on capital auf (nahe) null sinkt. Zusammen mit einer rudimentaeren Konjunkturzyklustheorie, nach der die Profitrate ueber die Zeit schwankt, fuehrt das zu der Sicht dass irgendwann der Kapitalismus an einer grossen Krise zugrunde gehen wird.

    Dies ist in meinen Augen ein reines supply-side Argument, und hat wenig mit den nachfrageseitigen Ueberlegungen der Makro Keynes’ oder Friedmans zu tun. Was Marx nicht auf der Rechnung hat ist technischer Fortschritt (ganz abgesehen davon das seine Kapitaltheorie inkorret ist, nach der Kapital lediglich gehortete Arbeit sei).

    Gruss,
    HK

  10. SLGramann schreibt:

    Nur kurz: Dass man in Deutschland in Friedman vor allem den libertären Ideologen sieht und sehen will, zeigt schon die Tatsache, dass es „Kapitalismus und Freiheit“ und „Chancen, die ich meine.“ in deutscher Übersetzung zu lesen gibt. Hingegen hat sich mit „A Monetary History of the United States“ wohl niemand die Mühe einer Übersetzung gemacht. Schade!

  11. Alex F. schreibt:

    „Marx verstehe ich anders als Sie. Die marxsche Krisenlehre hat mAn wenig mit Geld zu tun, sondern mit der Sicht dass es irgendwann keine produktiven Investitionsprojekte mehr gibt, so dass return on capital auf (nahe) null sinkt.“

    Ich bin kein Marx-Experte. Es gibt aber die Ansicht, dass Marx in den „Theorien über den Mehrwert“ Keynes Kritik an Say’s Law vorwegnimmt:

    „That only particular commodities, and not all kinds of commodities, can form “a glut in the market” and that therefore over-production can always only be partial, is a poor way out. In the first place… there is nothing to prevent all commodities from being superabundant… and therefore all falling below their price–[t]hat is all commodities, apart from money….“
    „If the commodity could not be withdrawn from circulation in the form of money or its retransformation into commodity could not be postponed—as with direct barter—if purchase and sale coincided, then the possibility of crisis would, under the assumptions made, disappear.“
    „The general possibility of crisis is given in the process of metamorphosis of capital itself, and in two ways: in so far as money functions as means of circulation, [the possibility of crisis lies in] the separation of purchase and sale…“
    http://www.marxists.org/archive/marx/works/1863/theories-surplus-value/ch17.htm

    Wie auch immer. Ein anderer Punkt interessiert mich. Ganz unabhänging von Marx, ein negativer return on capital ist doch -bei richtiger Geldpolitik- unproblematisch, oder? Falls Marx hier ein Krisenpotential sieht, liegt er falsch. Richtig? Bei einem negativen Realzins von -4% sind -2% bei einer sicheren Anlage immer noch eine rationale Investition. Greg Mankiw hat das mal schön auf den Punkt gebracht: „Higher uncertainty drives up risk premiums. In a Lucas asset pricing model, a higher risk premium could occur in equilibrium with a lower risk-free rate, rather than a higher return on risky capital. As uncertainty increases, the risk-free rate could easily be pushed into the negative region.“ http://gregmankiw.blogspot.com/2009/04/observations-on-negative-interest-rates.html

  12. hkaspar schreibt:

    @ Alex F.

    Das Zitat bezieht sich wohl auf Marx’ rudimentaere Konjunkturzyklustheorie, und OK, aus heutiger Sicht kann man das wohl auf „excess demand for the medium of exchange“ herunterkochen (wie sinnvoll das ist ist eine andere Frage–hinter dem Symptom „exzessive Geldhaltung“ koennen sich mAn ganz verschiedene unterliegende Gruende verstecken, wie Risikoaversion oder Ueberschuldung, und ich vermute das Runterkochen verdeckt mehr als es erhellt). Der entscheidendere Teil (und falsche) der Marxschen Theorie scheint mir jedoch der Trendverfall der Kapitalentlohnung zu sein, so dass die zyklischne Krisen um diesen Trend herum immer schlimmer werden.

    Zu Ihrem zweiten Punkt: negative Realzinsen moegen kein notwendiges Problem sein fuer aggregate demand (es haengt von der Faehigkeit der Politik ab die risk-free rate unter null zu druecken, ich habe da erhebliche Zweifel). Aber sie sind ein Problem fuer Kapitalakkumulation und Wachstum, also supply. Warum sollte jemand noch sparen und investieren wenn er fuer den Konsumverzicht nicht entlohnt wird, oder, um mit Boehm-Bawerk zu sprechen, Produktionsumwege nicht mehr produktiv sind? Kapitalakkumlation hoert dann mAn einfach auf, und es gibt kein Wachstum mehr. Zum Glueck ist das kein realistisches Szenario, bzw. in den vergangenen 200 Jahren (seit es Kapitalismus gibt) ist es nicht eingetreten.

    Gruss,
    HK

  13. Dietmar Tischer schreibt:

    @ H.K.

    Ich kann nachvollziehen, dass ein Ökonom, der sich mit der wissenschaftlichen Avantgar-de seines Fachs beschäftigt oder da auch tätig ist, „Friedman den Makroökonom“ für be-deutend hält nicht viel mit „Capitalism and Freedom“ bzw. mit Friedmans „libertären Umtrieben“ anfangen kann.

    Ob aber „Friedman der Makroökonom“ SICHER der wichtigere Milton Friedman ist, wird damit nicht entschieden. Aus der Perspektive eines Ökonomen ist das jedenfalls nicht zu entscheiden. Ich kenne auch keine Position, aus der es zu entscheiden ist.

    Friedman erkannte in den 50er und 60er Jahren einen Einstellungswandel in USA, den er so beschreibt:

    „The nineteenth-century liberal regarded an extension of freedom as the most effective way to promote welfare an equality; the twentieth-century liberal regards welfare and equality as either prerequisites of or alternatives to freedom” (Introduction, C. a. F.).

    Wenn man diese Feststellung als zutreffend ansieht und mit den beiden konträren Einstellungen unterschiedliche gesamtgesellschaftliche Konsequenzen von fundamentaler Bedeutung verbindet, wird man zustimmen müssen, dass das Friedmansche Anliegen in C. a. F. – die so erkannte twentieth-century Einstellung zu ändern – wichtig ist. Welchen Einfluss das Buch dabei tatsächlich gehabt hat, ist eine andere Frage und schwer zu beurteilen.

    Zum anderen konnte nur ein Buch, das wie C. a. F. argumentiert, in eine solche Richtungsentscheidung eingreifen. Es wäre sinnlos gewesen auf Basis makroökonomischer Erkenntnisse zu argumentieren, weil es hier um eine VORÖKONOMISCHE Weichenstellung geht. Makroökonomische Erkenntnisse können allerdings zur Unterstützung von Argumenten herangezogen werden. Gleiches, wenn auch unter anderen Vorzeichen, gilt für „The road to serfdom“.

    Kurzum:

    Friedman der libertäre Ideologe und Friedman der Makroökonom agieren in unterschiedlichen Sphären, die nicht vergleichbar sind. Deshalb ist eine Wertung, welcher der wichtigere ist, nicht möglich.

  14. Alex F. schreibt:

    @H.K.

    „Warum sollte jemand noch sparen und investieren wenn er fuer den Konsumverzicht nicht entlohnt wird, oder, um mit Boehm-Bawerk zu sprechen, Produktionsumwege nicht mehr produktiv sind? Kapitalakkumlation hoert dann mAn einfach auf, und es gibt kein Wachstum mehr.“
    Konsumverzicht ist keine Leistung. (Ich weiß, die Mises-Fraktion behauptet das gerne. Angeblich kann es aus apriori Gründen keinen negativen Zins geben. Wegen der Zeitpräferenz. Das 1. Axiom der Schwäbischen Hausfrau :-)

    Die Menschen sparen, weil sie auch im Alter konsumieren wollen. Wenn es nun nicht genügend sichere(!) Investitionen gibt, um ihr Vermögen in die Zukunft zu transportieren, dann müssen die Leute eben Abschläge hinnehmen. Oder nicht so alt werden :-)

    Zur Kapitalakkumulation: was, wenn sich diese durch Deindustralisierung in Richtung Humankapital verschiebt? Produktivitätswachstum ja, sichere Investitionsmöglichkeiten eher weniger.

  15. hkaspar schreibt:

    @ Tischer

    von mir aus. Sie haben insfoern recht als dass ich Makrooekonom aber kein Libertaerer bin. Es ist deshalb wohl kein Wunder dass ich den Makrooekonom Friedman bedeutender finde als den libertaeren Theoretiker.

    Was Libertarismus (oder wie sagt man da auf deutsch?) angeht halte ich das Grundanlegen fuer wichtig, aber das Beharren auf dem Recht an Privateigentum als einzigem, uneingeschraenkt gueltigem Freiheitsreicht finde ich ebenso implausibel wie befremdlich. Innerhalb des Libertarismus ist mir der pragmatische Friedman-Libertarismus lieber als der fundamentalistische Rothbard-Libertarismus.

    @ Axel F.

    OK, Sie haben recht dass auch gespart wuerde wenn es keine positive Rendite gaebe, allein schon weil die Welt unsicher ist. Aber die Menschheit wuerde weniger sparen, und Ersparnis wuerde sich nicht in Kapitalakkumulation und Wachstum uebersetzen. Nicht verstehe ich wieso Sie meinen Konsumverzicht sei keine Leistung. Humankapital: interessanter Gedanke.

    Noch eine Anmerkung: die Liquiditaetsfalle war lange vor Keynes schon bekannt. Waehrend der Deflation der 1880er Jahre interpretierten viele Beobachter hohe Goldbestaende bei Banken als Indiz fuer reichliche Liquiditaetsversorgung (die Reichsmark war eine Goldwaehrung). Eine Kreditklemme koenne deshalb nicht vorliegen. Der Oekonom Adolf Soetbeer wies damals darauf hin dass bei Deflationserwartungen Gold zum Anlagegegenstand wuerde — Goldhorten sei deswegen ein Zeichen knapper und nicht reichlicher Liquiditaet. Dies ist nichts anderes als die Liquidietaesfalle.

  16. kantoos schreibt:

    Henry,

    exzellenter Beitrag, ich kann Dir nur zustimmen (bis auf Punkt 1. Deiner ergänzenden „Schwafeleien“ (your words, not mine).

    Ein Grund, warum ich Leute wie Nick Rowe so gerne lese ist ihre intelligente Kombination aus keynesiansichen Ideen und monetaristischen. Die Diskussion in Deutschland, für die Storbecks Buch ja in gewisser Weise steht, kann sich eine solche Kombination wohl nur schwer vorstellen. Aber nur, wenn man das kann, kommt ein sinnvolles Makroverständnis dabei heraus.

    Noch zwei Anmerkungen meinerseits:

    „Nur setzte diese Politik die Welt in Brand.“ Naja, dazu gibt es unterschiedliche Positionen, und selbst wenn diese Politik ein Teil des Problems war, gab es auch noch andere.

    „dass sie Geld, Kredit und Finanzintermediation weitgehend wegdefiniert.“

    Auch wenn das nicht ganz stimmt, sind diese Modelle eben nur ein Teilausschnitt der Makro. In der modernen Makro gibt es kein Modell, das alles erklären kann, das weißt Du auch. Zudem werden sehr komplexe Methoden weiter entwickelt, auf denen zukünftige Makro wird aufbauen können.

    Wenn also Woodford einen Teilaspekt der Makro beleuchtet und dabei zu interessanten Ergebnissen kommt, dann kann man mit einem wachen Geist daraus Lehren ziehen – und gleichzeitig nicht alles andere Ausblenden! Wie Du sagst: nichts liefert einen Autokompass, auch Woodford nicht. Im Prinzip ist Buiters Ausschnitt ein Tatbestand dessen, was Du oben kritisierst: Trivialisierung von wissenschhaftlicher Arbeit.

  17. Dietmar Tischer schreibt:

    @ H. K.

    Die Einordnung ist schwierig, wenn die Begriffe vieldeutig sind und in USA zudem noch anders verstanden werden als hierzulande.

    Ich will es einmal versuchen:

    M. Friedman ist sicher kein Libertärer (US: Libertarian) wie M. Rothbard, für den z. B. die Erhebung von Steuern nichts anderes als Raub ist. Es gibt m.A.n. demnach streng genommen auch keinen „pragmatischen Friedman-Libertarismus“, obwohl er sich mit Bezug auf seine philosophischen Wurzeln einmal als „I am a libertarian with as small I“ genannt hat. Er ist natürlich auch keiner der „Liberals“, die man in USA vielfach als politisch links den Demokraten zuordnet. Er wäre heute wie damals den Republikanern zuzurechnen, wenn auch nicht den kruden, die rechts außen stehen. Am ehesten ist er ein Liberal(er), der in der Tradition der klassischen Liberalen, etwa eines J. S. Mill steht, das allerdings sehr konsequent, ja sogar radikal. Bei uns wäre er politisch wohl den Liberalen, d. h. der F.D.P zuzurechnen. Aber sie würde keine große Freude daran haben, ihn in ihren Reihen zu finden.

    Er war nicht gegen den Staat, sondern „nur“ gegen einen überbordenden Staat, speziell den Wohlfahrtsstaat als Lösung für Probleme, die seiner Ansicht nach der Markt besser lösen könnte. Das ist in seiner kompromisslosen Konsequenz zumindest für Europäer befremdlich und schwer zu ertragen.

    Aber beurteilen Sie M. Friedman selbst anhand seiner Worte aus C. a. F.:

    Ein Staat, der Recht und Ordnung aufrecht erhielte, Eigentumsrechte definierte, als Medium diente, durch welches wir Eigentumsrechte und andere Regeln des ökonomischen Spiels ändern könnten, Streitigkeiten über die Interpretation der Regeln entschiede, die Erfüllung von Verträgen durchsetzte, den Wettbewerb förderte, eine Währungsverfassung bereitstellte, Aktivitäten entfaltete, um technischen Monopolen entgegen zu wirken und solche Nachbarschaftseffekte zu bewältigen, die weithin als hinreichend erachtet werden, um staatliche Intervention zu rechtfertigen, und der private Wohltätigkeit ergänzte wie die Familie bei dem Bemühen, den Unmündigen, ob geistig Behinderten oder Kind zu schüt-zen – solch ein Staat hätte eindeutig wichtige Funktionen zu erfüllen.“

  18. hkaspar schreibt:

    @ Kantoos

    danke fuer den Kommentar. Zu Woodford werden wir uns wohl nicht einigen und ich will auch nicht unnoetig darauf herumreiten. Nur soviel: Woodfords Opus Magnus heisst „Interest and Prices: Foundations of a Theory of Monetary Policy„. Hinter so einem Titel verbirgt sich nicht der Anspruch Teilaspekte zu erleuchten, sondern die Esssenz der Geldpolitik zu erfassen. Buiters Kritik – mit der ich sympathisiere – ist dass Woodford et al. diesem Anspruch schlechter gerecht werden als noch die Keynes oder Friedmans, weil in der Analyse einfach zu viel Relevantes fehlt.

    @ Tischer

    danke fuer das schoene Friedman-Zitat aus Captialism and Freedom. Ich denke wir koennen es hier so stehen und wirken lassen. Absicht meines Artikels war das Augenmerk auf Friedman den Makrooekonomen zu richten, und Misverstaendnisse auszureaeumen wofuer dieser eigentlich steht und wofuer nicht.

    Gruss,
    HK

  19. Alex F. schreibt:

    „Nicht verstehe ich wieso Sie meinen Konsumverzicht sei keine Leistung.“

    Es gibt die These, dass Verzicht auf 100 Euro heute mit 100 Euro + x morgen belohnt werden müsste, weil present value immer höher ist als future value. Es gibt sogar Kapitaltheorien, die so argumentieren und einen notwendig positiven Zinssatz daraus ableiten.

    Das alles ist jedoch nicht zwingend. Verzicht alleine bringt gar nichts. Wenn ich heute meine Banane nicht esse, dann habe ich nicht automatisch im nächsten Jahr 2 Bananen. Alles was passiert ist, die Banane verfault. Damit ich nächstes Jahr 2 Bananen habe, muss es eine Bananen-Ernte-Produktivität-Steigerungs-Investition (BEPSI) geben. Aber selbst dann muss der Zinssatz nicht positiv sein. Nehmen wir an es gibt nur wenige (sichere) BEPSIs, aber ein Überangebot an Konsumverzichtern, dann könnte sich der BEPS Investor vor Kapitalangeboten gar nicht retten und den Zinssatz unter Null drücken (das setzt voraus, dass zunächst eine richtige Geldpolitik gemacht wird…). In diesem Fall werden dann 100 Euro heute für 95 Euro morgen getauscht. Werden die Leute dann nicht lieber konsumieren? Einige ja, andere nicht. Warum? Z.B. weil die Leute für ihr Alter vorsorgen und die staatliche Rente ihnen nicht reicht…

    Kurzum, Konsum, also Konsumgüterproduktion zu drosseln ohne diese ausreichend durch die Produktion von Investitionsgütern zu ersetzen, schafft nur Arbeitslosigkeit. Eine sinnlose Opfergabe… Ökonomisches Mittelalter.

    Bei einem anderen Punkt sind wir uns vielleicht eher einig. Sie scheiben: „es haengt von der Faehigkeit der Politik ab die risk-free rate unter null zu druecken, ich habe da erhebliche Zweifel…“. Ich auch. Deshalb sympathisiere ich mit Marx und/oder Kalecki. Was wenn Teilgruppen der Gesellschaft gar keine für Vollbeschäftigung adäquate Geldpolitik wollen? Wenn Teilgruppen sich sagen: „Lieber wird der Kuchen insgesamt kleiner, als das mein Stück relativ kleiner wird!“ (Mit Teilgruppen meine ich nicht die „Kapitalisten“, das könnten auch sein: Gläubiger, Rentner, Staatsbeamte, öffentlicher Dienst, Gewerkschaften, Arbeiter mit festen Jobs… Keynes hat von „Rentiers“ gesprochen, Bezieher leistungsloser Einkommen, und sich ihre Euthanasie gewünscht. Auf lange Sicht sind wir alle tot, aber kurzfristig leben vielleicht einige zu lang :-)

    Vielleicht noch interessant, Brad DeLong greift Friedman an und gibt ihm Mitschuld für das makroökonomische Mittelalter. Friedman habe seinen Keynesianismus bewußt verheimlicht. Der falsche Eindruck, dass Friedman ins Lager der „Austerians“ gehöre, sei von ihm selbst erweckt worden. http://krugman.blogs.nytimes.com/2011/03/14/roots-of-macroeconomic-ignorance/ Meine Friedman-Rezeption war immer anders, aber die Friedman-Rezeption in den USA kann ich nicht beurteilen.

  20. Olaf Storbeck schreibt:

    @ HKaspar: Meine Einschätzung, Friedman habe die VWL methodisch zurückgeworfen, ist vor allem durch Akerlofs (2006) geprägt:

    „We have seen that the absence of norms plays a key role in each of the five neutralities. Why have economists made such systematic omissions? The omission of norms from macroeconomics, as well as from economics more generally, can be explained by economists’
    adherence to positive-economics.86 Friedman’s (1953) essay on positive economics describes the methodological implications of such belief. Especially, he says that economic theorists should strive for parsimonious modeling.“ (S. 52)

    http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.100.5435&rep=rep1&type=pdf

    Die gleiche Kritik gilt natürlich mit Blick auf Gary Becker und George Stigler („De Gustibus Non Est Disputandum“) und vermutlich auch für Lucas bzw. das, was die Makroökonomie 30 Jahre lang aus seiner an sich richtigen Grunderkenntnis gemacht hat.

    @ Dietmar Tischer: harter Tobak, und ich habe erhlich gesagt keine Lust, mich hier öffentlich mit ihnen rumzustreiten, vor allem nicht in diesem Ton.

    Nur so viel: Wenn Friedman die De-Regulierung der Finanzmärkte für gefährlich gehalten haben sollte, warum hat er davor denn nicht ähnlich lautstark gewarnt, wie er die die Deregulierung der Güter- und Arbeitsmärkte gefordert hat?

  21. Dietmar Tischer schreibt:

    @ O. Storbeck

    Sie müssen sich überhaupt nicht mit mir rumstreiten.

    Starker oder auch harter Tobak: ja.

    Mein Ton: ist kein „dieser Ton“, weil ich mein Verdikt sachlich transparent begründe.

    Vergegenwärtigen Sie sich doch bitte einmal Ihren Anspruch:

    Sie schreiben ja nicht in BILD, sondern beanspruchen, keineswegs trivialen ökonomischen Themen auf Augenhöhe zu begegnen. Daran müssen Sie sich messen lassen.

    Würden Sie irgendeine meiner Aussagen widerlegen – ich überdenke bzw. nehme mein Urteil zurück.

    Und nochmals:

    Sie können doch ökonomische Zusammenhänge ausgezeichnet darlegen und erklären. Machen Sie doch einfach das. Oder ist das nicht spektakulär genug, polarisiert es nicht hinreichend, gewinnt man damit nicht genug Aufmerksamkeit? Oder wollen Sie etwas beweisen?

    Schade, wenn es das wäre.

    Zur Friedman:

    In Bezug darauf, was Sie über ihn geschrieben haben, kommt es nicht darauf an, was er hätte (lautstark) sagen sollen, d. h. nicht gesagt hat, sondern was er gesagt bzw. geschrieben hat.

    Und was er gesagt und geschrieben hat, steht eben in eklatantem Widerspruch zu dem, was Sie behaupten.

    Da beißt die Maus keinen Faden ab.

    Gestehens Sie es wenigstens sich selbst ein, ich brauche keine mea culpa.

  22. kantoos schreibt:

    @ DT

    Das lese ich ja jetzt erst, ich muss Olaf Recht geben: ich weiß, dass Du sehr hart in der Sache bist, aber der Ton ist in der Tat etwas hart, oder? Wir diskutieren ja miteinander, um weiter zu kommen. Olaf hatte mit Sicherheit gute Quellen und ist eher einem weit verbreiten Bild von Friedman aufgesessen. Fehler passieren.

  23. Dietmar Tischer schreibt:

    @ Kantoos

    Geben Sie Recht, wem Sie glauben, Recht geben zu müssen.

    Für mich ist entscheidend, wer Recht hat.

    >der Ton ist in der Tat etwas hart>

    Welcher Ton?

    Die Schlussfolgerung ist in der Tat hart, aber gerechtfertigt so, weil ich sie meiner Meinung nach hinreichend begründet habe.

    Jeder ist eingeladen, sich mit meinen Aussagen auseinanderzusetzen – in der Sache, auf Faktenbasis. „Harter Ton“ oder „harter Tobak“ signalisieren mir, dies unterlassen zu wollen.

    Solange ich jedenfalls nicht ungerechtfertigter oder falscher Aussagen überführt bin, habe ich nicht ein Jota von dem, was ich geschrieben habe, zurückzunehmen.

    >Fehler passieren>

    Selbstverständlich und jedem, aber sind es NUR Fehler, die hier passiert sind?

    Wenn es nur Fehler sind, kann man sich entschuldigen. Das hätte O. Storbeck tun können, nicht speziell mir, sondern hier am Blog H. K. oder generell seinen Lesern gegenüber.

    Statt dessen:

    Er, der über Methodik diskutieren will, kommt in seiner Antwort an mich mit einer Begründung, über die man nur den Kopf schütteln kann.

    Oder, was würden Sie denn sagen, wenn ich z. B. behauptete, dass Kantoos sagt „Der FC Bayern München ist … hat … etc.“ und das mit der Begründung tue, Sie haben ja nicht lautstark zum FC Bayern München gewarnt und gefordert?

    Nein, hier ist Uneinsichtigkeit am Werk.

    >Olaf hatte mit Sicherheit gute Quellen … >

    Soll das eine Rechtfertigung sein für das, was er über M. Friedman geschrieben hat?

    Nur zur Erinnerung:

    Jüngst wurde festgestellt, dass einer so gute Quellen hatte, dass er „summa cum laude“ promovieren konnte (ansonsten kein weiterer Bezug).

    Wie wir jetzt doch alle gelernt haben (und ein wissenschaftlich gebildeter Mensch schon vorher wissen konnte), kommt es nicht auf die Quellen an, sondern darauf, wie man mit ihnen umgeht.

    >… und ist einem eher weit verbreitetem Bild von Friedman aufgesessen>

    Ihre Begründung wäre hilfreich für O. Storbeck, wenn er so etwas geschrieben hätte wie „Neoliberale sind der Meinung, der freie Markt sei das Beste und jede Form des Staatseingriffs des Teufels… sie beziehen sich dabei anscheinend auf M. Friedman“

    Hat er nicht, sondern:

    Er hat M. Friedman mit Attributen belegt und sozusagen „aus erster Hand“ über ihn geurteilt.

    Kantoos, ich bin ja bei Ihnen, wenn Sie sich über unsägliche Polemiker wie z. B. einen T. Fricke eschauffieren.

    Ich sehe das, was O. Storbeck über M. Friedman geschrieben hat als gravierender an.

    Das mag jeder halten wie er will, aber wenn es um QUALITÄT geht, sollten Sie jeden Anschein vermeiden, mit zweierlei Maß zu messen.

  24. hkaspar schreibt:

    Antwort auf Axel F., Storbeck, Tischer

    @ Axel F.

    mal sehen ob wir uns auf Folgendes einigen koennen. Um Sparen um fuers Alter zu ermoeglichen – oder genereller weil die Welt unsicher ist, und Ersparnis eigenversichert – reicht die Existenz eines bestaendigen und wertbestaendigen Gutes, das von einer Periode in die andere transferiert werden kann (also besser keine Banane). Dazu braucht es keiner Kapitalakkumulation – diese Art von Sparen gab es auch in vorkapitalistischer Zeit.

    Fuer Kapitalakkumulation sind vonnoeten (i) Investitionsobjekte mit einer positven internen (riskobereinigten) Rendite (Produktivitaet der Produktionsumwege), und (ii) Konsumverzicht (=Ersparnis), aus welchen Gruenden auch immer, und (iii) ein Koordinationsmechanismus der I und S zusammenbringt (=Finanzsystem). Je mehr solcher Projekte es gibt, je mehr Konsumverzicht geuebt wird, und je besser der Koordinationsmechanismus funktioniert, desto staerker wachsen Kapitalstock und die produktive Kapazitaet der Volkswirtschaft [dem Kaptialismus zum Durchbruch verholfen hat mAn die Schaffung von (iii), zugleich ist (iii) der Hauptgrund fuer die Stoeranfaelligkeit des Kapitalismus].

    Was Ersparnis angeht bedeutet dies: um Projekte zu verwirlichen die ueber die vorhandene „Unsicherheitsersparnis“ hinausgehen muessen Sparer entlohnt werden, um Konsumverzicht zu ueben. Letzteres bedingt einen erwarteten positiven Realzins.

    Zinssatz unter Null druecken scheitert mAn uebrigens erstmal an einer techischen Restriktion, wenn das Transaktionsmittel vollstaendig wertbestaendig ist (wie Geld in Abwesenheit von Inflation). Ich habe erhebliche Zweifel dass Geldpolitik diese Restriktion ohne weiteres ueberwinden kann.

    Die DeLong Lecture Notes sind interessant, sie scheinen mir aber hinter DeLong’s 2000 Aufsatz zurueckzugehen – seltsam. Ebenso interessant Krugmans Reaktion auf DeLong, die ganz im Geist dieses Blog-Eintrags geschrieben ist (Friedman wurde von seinen Nachfolgern trivialisiert).

    @ Storbeck

    danke fuer den interessanten Link. Akerlof bezieht hier freilich eine Aussenseiterposition, die bislang wenige Nachahmer gefunden hat. Die meisten Oekonomen, die versuchen den Homo Oeconomicus realen Menschen aehnlicher zu machen, tun dies nicht in dem sie nicht-beobachtbare Praferenzen umschreiben, sondern indem sie beobachtbare Restriktionen modellieren—also Unsicherheit, asymmetrische Information, Koordinationsfehler. Zu dieser Gruppe zaehlt zunaechst einmal Akerlof selbst mit seinem klassischen „lemons“ Paper, ferner Oekonomen wie Stieglitz, Tirole, Acemoglu, Diamond (Peter wie Doug), Gertler, Kiyotaki etc.etc.

    Ich bin auch persoenlich skeptisch was die Fruchtbarkeit des neuen akerlofschen Ansatzes angeht. Erstens hat Praeferenzen manipulieren etwas Beliebiges, a la „wenn ich X als Ergebnis will schreibe ich x in die Praeferenzfunktion“. Zweitens: glauben wir wirklich dass „der Eigennutz des Schenkens“ dafuer verantwortlich ist dass Ricardo-Aequivalenz nicht haelt – und nicht etwa kurze Zeithorizonte und Unsicherheit? Oder dass „mental accounts“ dazu fuehren dass Einkommen und Konsum staerker korreliert sind als die Life-cycle Hypothese suggerieren wuerde – und nicht Liquidty Constraints? Meinem Eindruck nach dreht Akerlof hier etwas ins Esoterische ab. Aber sei’s drum, die Zeit wird zeigen ob sein Ansatz Fruechte traegt.

    „Parismonius modelling“ ist uebrigens keine Erfindung Friedmans, sondern ein altes und weitgehend unbestrittenes Postulat der Wissenschaftstheorie („Ockhams Rasiermesser“). Einigermassen seltsam dass Akerlof sich dagegen ausspricht.

    @ DT

    jetzt ist dann auch mal genug. Ich wollte nicht zum Kesseltreiben auf Storbeck aufrufen sondern, wie Kantoos richtig schreibt, eine Diskussion anregen – was nicht geht wenn der Diskussionspartner vergraetzt wird. Ausserdem ist mAn Kantoos‘ Hausrecht zu respektieren.

    Gruss,
    HK

  25. Dietmar Tischer schreibt:

    @ H.K.

    Habe klar gesagt, dass ich aufhören wollte.

    Und wer hat nicht aufgehört?

  26. hkaspar schreibt:

    @ DT

    fair enough. Allerdings ist auch Storbeck zuzugestehen dass er reagiert, und Kantoos dass er Stellung bezieht zu Kommentaren auf seinem Blog.

    Mein Vorschlag – und meine Bitte: belassen wir es hier. Zu dem Thema haben Sie ja vermutlich alles und in aller Deutlichkeit gesagt was Sie sagen wollten.

    Gruss,
    HK

  27. Alex F. schreibt:

    „mal sehen ob wir uns auf Folgendes einigen koennen.“

    Der Thread wird langsam alt. Deshalb bringe ich mal die Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf den Punkt.

    „Zinssatz unter Null druecken scheitert mAn uebrigens erstmal an einer techischen Restriktion, wenn das Transaktionsmittel vollstaendig wertbestaendig ist (wie Geld in Abwesenheit von Inflation). Ich habe erhebliche Zweifel dass Geldpolitik diese Restriktion ohne weiteres ueberwinden kann.“

    Ich stimme zu, dass es schwerer ist als Kantoos denkt, Inflationserwartungen zu erzeugen. Krugman sieht das ebenso. Anders Sumner, er hält es für ein Kinderspiel, wenn die FED es nur will. Aber kann sie es wollen? :-)

    „Um Sparen um fuers Alter zu ermoeglichen – oder genereller weil die Welt unsicher ist, und Ersparnis eigenversichert – reicht die Existenz eines bestaendigen und wertbestaendigen Gutes, das von einer Periode in die andere transferiert werden kann (also besser keine Banane). Dazu braucht es keiner Kapitalakkumulation – diese Art von Sparen gab es auch in vorkapitalistischer Zeit.“

    Der Wunsch nach wertbeständigen Gütern ist sicher präkapitalistisch und besser durch ein staatliches Rentensystem zu bedienen. Soviel zur kapitalgedeckten Rente.

    „Fuer Kapitalakkumulation sind vonnoeten (i) Investitionsobjekte mit einer positven internen (riskobereinigten) Rendite (Produktivitaet der Produktionsumwege), und (ii) Konsumverzicht (=Ersparnis), aus welchen Gruenden auch immer, und (iii) ein Koordinationsmechanismus der I und S zusammenbringt (=Finanzsystem).“

    Ich stimme nicht zu, dass Investitionen in Kapitalgüter eine positive Rendite voraussetzen. I und S zu koordinieren, kann eben auch erfordern, dass der Zins ins negative rutscht. Greg Mankiw: „There is no reason to presume that the equilibrium interest rate consistent with full employment is necessarily in the upper right quadrant of the Cartesian plane.“ http://gregmankiw.blogspot.com/2009/04/observations-on-negative-interest-rates.html
    Deshalb ist es falsch, apriori eine positive Rendite zu postulieren. Und deshalb wird Konsumverzicht nicht immer positiv entlohnt.
    Aber man kann es auch positver formulieren. Negative Zinsen bestrafen den Sparer, aber sie belohnen den Investor, sie belohnen Schumpeters Unternehmer! Risikoreiche Investitionen können sich leichter finanzieren.
    Kurzum, Konsum ist gut, Investitionen sind gut, schlecht sind: Geld horten bei hoher Arbeitslosigkeit.

  28. Dietmar Tischer schreibt:

    @ H. K.

    Gern, zumal mich die betreffende Diskussion nicht weiterbringt.

    Ich gestehe allen nahezu alles zu, weil ich nicht wüsste, was hier der Sinn wäre, ihnen etwas nicht zuzugestehen und ich zudem ganz gewiss kein Recht habe, jemanden etwas nicht zuzugestehen. Die viel interessantere Frage ist, welches Recht mir zusteht (wenn ich denn überhaupt eines habe), mich unter welchen Bedingungen äußern zu dürfen.

    Sie bedarf einer Antwort.

    Deshalb

    @ Kantoos

    Es erscheint mir offensichtlich, dass H. K. und Sie an diesem Blog zuweilen andere Interessen verfolgen als ich. An diesem Thread ist deutlich geworden, dass Sie die Verfolgung meiner Interessen unter bestimmten Umständen als störend empfinden.

    Das habe ich zu akzeptieren und gegebenenfalls habe ich mein Verhalten zu ändern, weil ich anerkenne, dass es einen Unterschied zwischen Gastrecht und Hausrecht gibt.

    Ich habe also keine Ansprüche zu stellen, darf aber von Ihnen, der darüber befindet, sehr wohl erfahren, was REGELKONFORMES Verhalten am Blog heißt.

    Dafür erscheint mir die Beantwortung folgender Fragen hilfreich:

    1. Stimmen Sie zu, dass derjenige, der einen Kommentar schreibt, darauf hin erfolgende Antworten als grundsätzlich seinem Kommentar GLEICHBERECHTIGT anzusehen hat (solange sie keine unbegründet abgegebenen ehrenrührigen Aussagen enthalten)?

    2. Ist es richtig, dass JEDER Diskutant prinzipiell solange (so oft) kommentieren darf, wie es einen anderen gibt, der ihm antwortet oder gibt es ein „jetzt ist dann auch mal genug“?

    3. Wenn letzteres, gilt das AUCH für folgenden Fall:

    Wenn ein Diskussionspartner sich als vergrätzt zu erkennen gibt und GLEICHZEITIG mit Sachaussagen darlegt, dass er ungerechtfertigt vergrätzt worden sei, darf dann der andere Diskussionspartner die betreffende Sachaussage nicht mehr mit Sachaussagen erwidern?

    5.Ist die mögliche Vergrätzung von Gesprächspartnern Ihnen und denen erlaubt, die wie Sie am Blog einführende Beiträge posten, aber nicht denen, die lediglich kommentieren? Ich denke hier an das, was Sie unter „Polemiker, die Zweite“ gegenüber T. Fricke äußern und gehe davon, dass Sie T. Fricke hinreichend vergräzt haben, um ihn von Ihrem Blog fernzuhalten (auch wenn Sie ihn am Schluss einladen).

    5.Gibt es Kriterien, die zwischen hinreichend begründeten Aussagen wie z. B. „zeigt ein vorsätzliches Plagitariat“ und z. B. „ist das Diffamierung mit Vorsatz“ eine unterschiedliche Wertung rechtfertigen?

    6.Ist es GLEICHBERECHTIGTES Ziel dieses Blogs möglichst viele, insbesondere als prominent geltende Diskutanten anzuziehen, und dadurch Themen- bzw. Meinungsvielfalt zu generieren („Diskussion anzuregen“) oder Klärung von bestimmten Sachverhalten nicht zu verhindern (was auch die Diskussion anregen kann)?

    7. Wie verstehen Sie darüber hinaus Ihr Hausrecht?

    Ich bitte Sie, diese Fragen zu beantworten.

    • kantoos schreibt:

      @ DT

      Ich will keinen Katalog aufstellen, lediglich eine von gegenseitigem Respekt und freundlichem Ton geprägte Diskussion erzeugen. Dass wir alle mal über die Stränge schlagen, liegt in der Natur der Sache. Mich eingeschlossen. Wenn Du eine Aussage für falsch hälst, oder polemisch, oder was auch immer, dann darfst Du das schreiben wie jeder andere auch. Ich fand Deine Aussagen Olaf gegenüber etwas hart, aber die dahinter stehende Sachargumentation fand ich interessant. Das ist alles.

  29. Dietmar Tischer schreibt:

    @ Kantoos

    Na gut, ich verstehe Sie.

  30. Dietmar Tischer schreibt:

    Zur Einschätzung, Friedman habe die VWL methodisch zurückgeworfen, folgender Gedanke:

    Wenn man für diese Beurteilung NUR gelten lässt, dass es Normen sind, die ökonomisches Verhalten entscheidend beeinflussen, dann kann man durchaus der Ansicht sein, dass eine VWL, die Normen ausblendet, methodisch inferior ist. Sie ist es – unabhängig davon, was sie ansonsten leistet –, weil sie maßgebende Variablen für ökonomische Konzepte nicht berücksichtigt.

    Die VWL ist aber nicht allein daran zu messen.

    Sachverhaltsbezogene Begründung für jede Art von materieller WIRTSCHAFTSPOLITIK verlangt, dass sich diese an als objektiv zu wertenden wirtschaftlichen Gegebenheiten bemißt. Die VWL muss dies widerspiegeln, selbst wenn sie dabei letztendlich fiktionalen Annahmen unterliegen sollte. Sie muss also sagen können: So IST die ökonomische Realität und so wird sie sich entwickeln, wenn dies oder jenes realitätsbezogen geschieht. Kurzum, sie muss positive Wissenschaft sein.

    Wäre sie das nicht im Sinne der Ackerlofschen Forderung, dann würde die Begründung für die ANGEMESSENHEIT einer Wirtschaftspolitik, die sich selbstverständlich an normativ zu bewertenden Zielen orientiert, zu einem Diskurs über Normen und Normenabhängigkeit führen. Die Lehre von der Wirtschaftspolitik wäre methodisch unvermeidbar so relativistisch, dass es keine Maßnahmen gäbe, die man als objektiv richtig oder falsch mit Blick auf die Zielerreichung bezeichnen könnte.

    Drastisch ausgedrückt: Wirtschaftspolitik wäre auf wirtschaftliches Handeln bezogener Ethik-Unterricht.

  31. Alex F. schreibt:

    Noch ein Lesetipp für alle Friedman-Fans:

    Nick Rowes großartige Verteidung von Milton Friedman. Entgegen Brad DeLongs Einschätzung habe Friedman Keynes Einsichten nicht verdunkelt, im Gegenteil: Monetaristen sind die besseren Keynesianer!

    „The trouble with Keynesians is that they aren’t radical enough. They need to look at their own models and see the root of the problem, and recommend policies to get at the root of the problem. The root of all Keynesian recessions is monetary.

    Just like Milton Friedman said.“

    http://worthwhile.typepad.com/worthwhile_canadian_initi/2011/03/do-keynesians-understand-their-own-models.html

  32. hkaspar schreibt:

    @ Axel F.

    niemand bestreitet – oder zumindest nicht ich – dass es Umstaende geben kann in denen der marktrauemende Zinssatz negativ ist (auch mit Ihrem letzten Satz–C gut, I gut, Geld horten schlecht – habe ich kein Problem). De facto sind dies aber Ausnahmesituationen, meist im Zusammenhang mit Finanzkrisen, in denen Intermediation gestoert ist und Risikoaversion und Nachfrage nach safe assets auf ein ungewoehnliches Mass steigen. Der Regelfall sind sie nicht.

    Eine interessante Frage ist ob ein langfristig positiver Realzinssatz eine notwendige Vorausetzung fuer Kapitalakkumulation (und damit Kapitalismus) ist. Bislang dachte ich „ja“, aber die Diskussion mit Ihnen hat Zweifel gesaeht. Notwendig sind Investitionsprojekte mit einer positiven erwarteten Rendite. Aber der Marktzins wird nicht von der Durchschnitts- sondern der marginalen Rendite besimmt. Und bei hinreichend hohem Ersparnisangebot sehe ich keinen zwingenden Grund warum die marginale Rendite nicht null sein soll.

    Etwas improvisiert weitergedacht impliziert dies moeglicherweise dass in vorkapitalistischen Oekonomien „Liquidity Trap“-aehnliche Zustaende Normalfall sind–es gibt keine oder nur sehr wenige rentable Investitionsobjekte (u.a. wegen hoeher Risikopraemien), und selbst wenn es sie gibt gibt es kein Finanzsystem dass S und I zusammenbringt. Zugleich gibt es Bedarf fuer Ersparnisbildung (Alter, Unsicherheit). Das einzige was dann bleibt ist Zahlungsmittel (oder close substitutes wie nicht-monetaere Edelmetalle) zu sparen.

    „Liquidity Traps“ werfen uns sozusagen voruebergehend zurueck in vorkapitalistische Zeiten.

    Gruss,
    HK

    P.S. Nachtrag – lese erst jetzt (Ihrem Link folgend) dass Rowe Keynesian recessions als „return to barter“ charakterisiert. Great minds…

    • kantoos schreibt:

      „P.S. Nachtrag – lese erst jetzt (Ihrem Link folgend) dass Rowe Keynesian recessions als „return to barter“ charakterisiert. Great minds…“

      HK, also ich verstehe diesen Kommentar von Dir wohl falsch, aber Rowe schreibt:

      „The root of all Keynesian recessions is monetary.“ und ähnliches („If we lived in a world of barter exchange, or in a world where people could use barter exchange at minimal cost, Keynesian macroeconomics would make no sense whatsoever.“). Er will den money Aspekt von Keynesian macro betonen, und das finde ich richtig, denn man muss etwas simplistische „Keynesianer“ manchmal auf den Boden zurück holen und ihnen diesen Aspekt klar machen.

  33. hkaspar schreibt:

    OT @ DT

    gut dass Sie und Kantoos vom gleichen Blatt lesen. Lassen Sie mich anfuegen dass ich Sie unbedingt hier haben will. Sie sind ein exzellenter Beobachter und Kommentator und ein Gewinn fuer jeden Blog, an dem Sie sich beteiligen.

    Ich moechte nur vermeiden dass Diskussionen unnoetig persoenlich werden. Das ist meistens kontraproduktiv.

    Gruss,
    HK

  34. hkaspar schreibt:

    @ Kantoos

    OK, ich habe das aus dem zweiten Kommentar zu Rowe’s Post genommen, der mAn den Kern der Sache aber trifft.

    Gruss,
    HK

    • kantoos schreibt:

      @ HK

      Na, wer wird denn da so sloppy zitieren, Minister kannst Du jetzt nicht mehr werden…

      Ich finde nicht, dass es den Kern trifft. Aber ich schreibe gerade an einem post dazu, dann können wir das klären.

  35. Dietmar Tischer schreibt:

    @ H.K.

    Danke.

  36. hkaspar schreibt:

    @ Kantoos

    In meiner Doktorarbeit (lang ist’s her) habe ich das natuerlich vermieden….

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