Nach meinem eigenen, kritischen Eintrag zum Aufruf der 189 Ökonomen, sehe ich nun, dass Mark Schieritz und Thomas Fricke von ZEIT und FTD ihrem inneren Polemiker nicht widerstehen können. Und das finde ich schade denn genau diese Grabenkämpfe sind es, wie ich schon oft geschrieben habe, die Deutschland weitgehend von der modernen VWL abschotten.
Mark rechnet vor, warum eine Behauptung in dem Aufruf nicht der gängigen Rechenart entspricht, und daher vermutlich selbst polemisch ist. Fair enough. Aber seine Schlussfolgerung ist:
Womit sich dieser Aufruf disqualifiziert hat.
Bitte? Als wäre diese Zahl der Kerninhalt des Aufrufs. Ich bin selbst kritisch (wenn auch aus anderen Gründen), will hier also nicht den Aufruf verteidigen. Aber Marks “Schlussfolgerung” klingt eher nach jemandem, der sich mit den Argumenten nicht auseinandersetzen will, sondern eine Schwachstelle sucht und damit alles zu Unsinn erklärt. So muss man leider auch sein “Update” lesen, wo er Thomas’ Polemik zitiert und sich daran erfreut. Eigentlich untypisch für ihn.
Beißende Polemik ist bekanntermaßen nicht untypisch für Thomas Fricke von der FTD, der in seinem Beitrag den Aufruf der Ökonomen nicht weiter diskutiert, sondern statt dessen einen Aufruf der selben Ökonomen von 2005 auseinander nimmt, nach dem Motto: damals habt ihr etwas falsches gesagt, habt die Finanzkrise nicht kommen sehen, ergo seid ihr auch heute unqualifiziert. Argumentativ nicht so richtig stark.
Thomas schreibt zum Beispiel:
Da polterten die Professoren mit Verweis auf angebliche Wissenschaftlichkeit, dass Nachfragepolitik ja des Teufels sei. Eine Aussage, die spätestens seit der Finanzkrise, gemessen am heutigen Konsens unter international führenden Ökonomen und nach diversen erfolgreichen Konjunkturprogrammen von Frau Merkel ziemlich peinlich klingt.
Vielleicht haben die Professoren nicht allgemein von Nachfragepolitik gesprochen, sondern eher von Deutschland in der Situation 2005? Zudem meinten sie wohl nicht, dass Nachfragepolitik im Allgemeinen des Teufels ist, sondern fiskalische Nachfragepolitik, und damit, Herr Fricke, befanden sich diese Ökonomen durchaus im Konsens “international führender Ökonomen”, denn alle Makromodelle räumten der fiskalischen Nachfragepolitik bestenfalls eine Nebenrolle ein und legten den Fokus auf monetäre Nachfragepolitik. Ob zu Recht, ist eine andere Frage. Ich meine: ja, wenn man fähige Zentralbanken hätte. Haben wir nur leider nicht.
Er schreibt weiter:
Da hieß es noch großspurig, dass Deutschland ohne (weitere) “drastische und schmerzhafte Reformen” nicht aus der Krise kommen werde. Was ebenso Quatsch ist, da es seitdem eigentlich keine besonders drastischen Reformschübe mehr gab, die den Anspruch hätten erfüllen können – und die Krise jetzt trotzdem längst vorüber ist und es immer neue Tiefstände bei der Arbeitslosigkeit gibt (komisch, was?).
Die Tiefstände der Arbeitslosigkeit haben wohl viele Väter, unter anderem Schröders drastische und schmerzhafte Agenda 2010, die 2005 sicher noch nicht als gefestigt angesehen werden konnte (vielleicht deshalb der Aufruf?). Und die seit 2005 weiter laufende Lohnzurückhaltung würde ich durchaus als “schmerzhaft” bezeichnen, wenn auch nicht als “Reform”. Ein Grund des Aufschwungs wird sie aber sein.
Das wichtigste aber ist das: Wie ich in diesem Eintrag ausgeführt habe, liegt die Stärke Deutschlands nach der großen Krise vor allem darin, dass die EZB unfreiwillig eine Geldpolitik betrieben hat, welche die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Deutschland auf Kurs gehalten hat. Das hat keine andere Zentralbank während der Krise getan, weder in UK, noch in den USA, auch nicht in Schweden. Zudem wird erwartet, dass die EZB in Zukunft eine zu lockere Geldpolitik für Deutschland wird machen müssen. Und Erwartungen zukünftiger Geldpolitik sind der Haupttransmissionsweg der Geldpolitik. Kombiniert man dies mit (upward) sticky wages, kommt ein veritabler Aufschwung dabei heraus. Das alles konnte 2005 niemand vorhersehen, daher finde ich es etwas schwach, den Ökonomen von 2005 diese außerordentlichen Entwicklungen bis heute vorzuhalten. Und das counterfactual ohne Finanz- und Eurokrise kennt kein Mensch, weder Thomas noch “international führende Ökonomen”.
Thomas sieht allgemein immer wieder den “internationalen Konsens” auf seiner Seite:
Damals behaupteten die Professoren auch noch, dass es falsch sei zu sagen, in einer Stagnation dürfe man sich nicht kaputtsparen – was mittlerweile (und international schon damals) ebenfalls zum wissenschaftlichen Konsens international zählt.
Darüber herrscht nun wirklich kein Konsens, noch nicht mal in einer Nachfragekrise wie der momentanen. Schon gar nicht über die Situation, in der sich Deutschland 2005 befand, denn es ist fraglich, ob das ein Nachfrageproblem war.
Mir fehlt langsam die Lust, noch weiter zu machen, auch wenn Thomas’ Polemik noch weitergeht und den Gipfel an der Stelle erreicht, die Mark als “köstlich” bezeichnet. Seufz.
Wenn die deutschen Zeitungen und Ökonomen sich in Polemik ergehen wollen, von mir aus. Weiter bringt uns das alles nicht. Oder muss man Leuten wir Schieritz und Fricke auch mal etwas Polemik gönnen für die Kämpfe, die sie wohl seit Jahren mit dogmatischen Ökonomen in Deutschland führen müssen?



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