Mein verehrter Gastautor Henry Kaspar zitiert gerne den Chicago-Ökonomen Raghuram Rajan als denjenigen, der die Finanzkrise mit samt ihrer Transmissionswege kommen sah (ein in der Tat beeindruckender Artikel).
Um seine Thesen zu halten, muss er allerdings zeigen, dass man die Wirtschaftskrise nicht einfach mit Nachfragepolitik seitens der Fed bekämpfen kann – obwohl sehr prominente Ökonomen genau das fordern, in meinen Augen völlig zu Recht, auch für Europa. Zum Beispiel, dass die Arbeitslosigkeit zu einem erheblichen Teil nicht konjunkturbedingt, sondern strukturell ist, besonders wegen des Bausektors (via FT alphaville):
In other words, were it not for construction, the US unemployment rate would be 6.5% – a far healthier situation than today.
Allerdings wird diese Interpretation nicht von allen geteilt:
However, Mike Konczal isn’t so sure that the data support this conclusion. While states such as Nevada [dieser US-Staat wurde besonders hart vom Boom und Zusammenbruch des Bausektors getroffen] have unsurprisingly suffered more in both absolute and relative terms than others, they’re not complete outliers. Rather, looking at the ratio of November 2010 U3 unemployment rate to November 2007, he finds a common pattern: “they’ve basically all doubled their unemployment rates.”
Was ein Glück, dass zumindest derjenige, auf dessen Forschung sich Rajan stützt, ihn verteidigt:
Raghu reported that we are finding that upwards of 3 percentage points of total U.S. unemployment can be explained by structural forces. That is not what we have found.
Ups.
Scott Sumner hat schlicht ein paar Daten zu Neubauten (housing starts) und Arbeitslosigkeit zusammengetragen, zu denen die strukturelle Erklärung schlicht nicht passt:
Yes, housing output was low in 2009 and unemployment was high. But is there a causal relationship? I say no. Housing starts peaked in January 2006, and then fell steadily for years:
January 2006 — housing starts = 2.303 million, unemployment = 4.7%
April 2008 — housing starts = 1.008 million, unemployment = 4.9%
October 2009 — housing starts = 527,000, unemployment = 10.1%
So housing starts fall by 1.3 million over 27 months, and unemployment hardly changes. Looks like those construction workers found other jobs, which is what is supposed to happen if the Fed keeps NGDP growing at a slow but steady rate.
Ich habe es schon an anderer Stelle geschrieben: Leute wie Rajan, die uns viel über das moderne Zustandkommen solcher Krisen lehren können, sind nicht deshalb schon gut bei der Beantwortung der Frage, was zu tun ist, wenn man einmal im Schlamassel steckt. Der Bergführer sollte auch nicht die Knochenbrüche operieren, vor denen er seine Bergsteiger gewarnt hat.
Ich frag mich nur, was ihn bewegt, warum er so sehr auf seinem Weg aus der Krise beharrt, obwohl wenig dafür spricht. Ist er bereit, 10% Arbeitslosigkeit zu ertragen, um “seine” Form der US-Wirtschaft erreicht zu sehen? Also den Leidensdruck hoch zu halten, damit die regulatorischen Maßnahmen ergriffen werden, die nötig sind, um Finanzkrisen solchen Ausmaßes in Zukunft zu verhindern?
Das wäre geradezu zynisch, schließlich führt wegen Hysterese jeder Monat mit höherer Arbeitslosigkeit zu strukturell immer schlechteren Arbeitsmarktresultaten, also genau zu dem, was Rajan mit Bildung und Fortbildung für Arbeitslose bekämpfen will.
Und wenn eine revolutionäre Fed-Politik (nominales BIP target, targeting-the-forecast (und zwar radikal)) nun die Auswirkungen einer Finanzkrise auf den Rest der Wirtschaft tatsächlich verhindern kann – und hätte verhindern können? Was, wenn die Fed mit ihrer extrem restriktiven Politik Mitte/Ende 2008 erst für den wirklich schlimmen Teil der Krise verantwortlich ist? Dann hätte Rajan Unrecht, und dann wären 10% Arbeitslose nicht nur zynisch, sondern eine Katastrophe.
Rajans Thesen sind interessant und voller Einsichten. Aber das ist kein Grund, die Zahlen zu verdrehen, damit seine Thesen scheinbar noch besser da stehen.
HT: FT alphaville, Yglesias
Update: Kommentator Jonas weist mich darauf hin, dass Rajan auf seinem Blog bereits auf die Kritik reagiert hat. Danke.


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