Microfinance oder der Tod?

Das größte Problem an Entwicklungspolitik ist für mich, dass sie mit H&M mehr zu tun hat als mit VWL. Damit meine ich die sich abwechselnden Moden und die Militanz, mit der diese in den Markt (also hier: die Entwicklungsländer) gedrückt werden. Immer ist die Patentlösung schon gefunden. Die Milleniumsdörfer sind dafür ein Beispiel. Das beste, weil aktuellste, aber ist Microfinance.

Die Idee ist ökonomisch interssant: ein ansonsten nur schlecht funktionierender Markt (kleine Geldbeträge, kaum Einklagemöglichkeit bei Vertragsbruch, keine Sicherheiten) kann über soziale Sanktionen (wie Gruppenkredite) oder andere institutionelle Innovationen (zukünftiger Ausschluss vom Markt, steigende Kreditvolumen, Zugang zu Sparkonten) soweit funktionieren, dass die Mikrobanken zumindest eine schwarze Null schreiben. Und man so den Ärmsten den Zugang zu Krediten (und Sparmöglichkeiten) ermöglichen kann. Denn den Konsum über die Zeit stabiler zu gestalten (consumption smoothing) oder wichtige Investitionen zu tätigen, ist für viele der Armen auf der Welt existentiell.

Die empirischen Untersuchungen zu dem Thema sind vermutlich mittlerweile so umfangreich, dass man sie kaum zusammenfassen kann. Oder, wie Armendariz und Murdoch in ihrem Buch The Economics of Microfinance schreiben:

There is no study yet that has achieved wide consensus as to its reliability.

Das alleine lässt einen beim „Allheilmittel Microfinance“ stutzig werden. Banerjee, Duflo, Glennerster, und Kinnan (2010) haben in einem ersten randomisierten Experiment gezeigt, dass eine Gruppe profitiert: diejenigen, die sich eher selbständig machen. Alles in allem können sie aber keine Effekte auf Gesundheit, Ausbildung oder den Einfluss von Frauen finden. Und das ist ein gut ausgerolltes Programm mit einer vermutlich verantwortungsbewussten NGO.

Aber nun bekommt die Microfinancemode echte Kratzer (via Aid Watch):

India’s rapidly growing private microcredit industry faces imminent collapse as almost all borrowers in one of India’s largest states have stopped repaying their loans, egged on [angestachelt] by politicians who accuse the industry of earning outsize profits on the backs of the poor. Responding to public anger over abuses in the microcredit industry — and growing reports of suicides among people unable to pay mounting debts — legislators in the state of Andhra Pradesh last month passed a stringent new law restricting how the companies can lend and collect money.

Fairerweise muss man sagen, dass die Berichte sehr gemischt sind. Fakt ist nur, dass es Probleme gab und die Politik mit eben jenem Gesetz reagiert hat (das aber dann von einem Gericht zumindest befristet wieder gekippt wurde). Aber was ist der Ursprung des Problems? Ist Mircofinance nur in der Theorie eine gute Sache? Eine gute Quelle für ein sehr komplexes Thema ist The Economic Times aus Indien (via David Roodman).

Die Quintessenz ist: immer mehr Leute drängten in die Microfinance Industrie in Indien: Banken gaben immer mehr Kredite an Microfinance Institutionen (MFI), diese wollten wachsen, es wurde mehr und mehr zum Geschäft, und man lieh auch an solche, die es sich eigentlich nicht leisten können. Subprime, alles irgendwie bekannt.

Zudem kam es natürlich zu härterer Konkurrenz unter MFIs. Konkurrenz ist gut? Leider nicht immer. Denn eine der Grundvoraussetzungen, warum auch ohne formale Verträge die Absprachen eingehalten werden, sind eben die oben diskutierten sozialen Sanktionen und Institutionen. Hohe Mobilität (geographisch und zwischen verschiedenen MFIs) unterminitert diese informellen Institutionen. Das bedeutet, eine scheinbar positive Politik (Erhöhung von Mobilität und Konkurrenz) in einem Bereich hat schwerwiegende negative Folgen in einem anderen. Etwas, dass Entwicklungsökonomen wie Dani Rodrik, Ricardo Hausman oder Mark Rosenzweig second best interactions nennen und vor denen sie warnen, ohne dass es irgendwo anzukommen scheint. Aus The Economic Times:

In Warangal district, employees of a large MFI say that, earlier, women had to be cajoled [überredet werden] into taking loans. They would borrow nervously and repay fastidiously [penibel], out of not wanting to be locked out of a source of credit that lent quickly and without collateral. Increasingly, the employees add, some women are getting blasé [gleichgültig] about borrowing. “When we warn women against defaulting, some of them retort, ‘we will borrow from someone else’.” Instances have been reported of women negotiating loans by pitting MFIs against each other.

Zudem werden die sozialen Sanktionen öfter und härter umgesetzt, je weniger kreditwürdig die Menschen sind, an die verliehen wird:

At the lower reaches in the villages, as MFIs lend to households without regular cash flows, communities are changing in a different way. … “Five years ago, SHG [self-help groups, als die Gruppen, in denen Kredite vergeben werden] members used to beat up husbands who beat their wives. Now, they are beating up women who fail to repay.”

Und wenn dann noch eine lokale Wirtschaftskrise hinzu kommt, sieht es für viele sehr, sehr düster aus.

Was bedeutet das für Microfinance? Es ist schwierig, ein abschließendes Urteil zu fällen, aber die Entwicklungspolitik sollte hellhörig werden. Ich denke, es ist wichtig zu verstehen, warum Microfinance funktioniert und welche Faktoren diesen Erfolg gefährden. Auch wenn der Erfolg laut empirischen Befunden bisher nicht groß zu sein scheint, ist die Folge von zu großer Konkurrenz und Expansion vermutlich derart zerstörerisch, dass man es von staatlicher Seite (Bankenregulierung, Microfinanceregulierung) verhindern sollte, will man Microfinance nicht ganz einstellen.

Für die Entwicklungspolitik (und leider auch Teile der Entwicklungs-ökonomik) bedeutet dies einmal mehr, dass es das Patentrezept, den Königsweg, die silver bullet nicht gibt! Und nie geben wird. Und dass man diese Lektion nicht schnell genug lernen kann, will man verhindern, dass sich verzweifelte Bauern oder Slumbewohner in den ärmsten Teilen dieser Welt diese silver bullets später in den Kopf jagen.

Update: eine Gruppe von hochrangigen US-Professoren hat in der FT einen Kommentar zum Thema veröffentlicht (nur nach Registrierung zu sehen). Ich finde ihn nicht gut, denn wo bitte waren die second best interactions? Wo eine wirklich ökonomische Analyse dessen, was passiert? Statt dessen Apelle. Was meint Ihr?

Kommentare

  1. Martin schreibt:

    Wenn man Titel + Autor eines FT Artikels bei google sucht, kann man in der Regel den ganzen Text ohne Registrierung erhalten.

  2. hkaspar schreibt:

    Sorry fuer einen etwas zynischeren Kommentar: das Hauptproblem der Entwicklungspolitik ist meiner Ansicht (und Erfahrung) nach dass sie, per construction, mehr die Interessen der Entwickler verfolgt als die der zu Entwickelnden. Erstere muessen ihre Entwicklungsbudgets rechtfertigen, und dies treibt diese staendige Suche nach entwicklungspolitischen Moden wie auch entwicklungspolitischen „Musterlaendern“ (Laender die angeblich so gut regiert sind dass man dort ohne Bedenken Projekte finanzieren kann).

    Kritischer Ueberpruefung halten die Begruendungen der Entwicklungsbudgets selten stand, wie auch Kantoos Artikel zeigt. William Easterly, ex-Weltbank-Oekonom und heutige Professor an der New York University, hat viel Interessantes und Ensichtsvolles dazu geschrieben.

    http://williameasterly.org/

  3. kantoos schreibt:

    Henry, ja, das ist ein wichtiges Problem – vielleicht ist es auch Ursache des Mode-Problems. Allerdings ist mir Easterly manchmal zu pauschal, und wirkliche Alternativen bietet er selten an. Demokratieförderung ist ja schön und gut, aber wie soll das gehen? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten.

    Aber dass das Wort „Politik“ in Entwicklungspolitik sich auf die Politik und den Wähler des GEBERS bezieht, das sehe ich auch so.

Deine Meinung äußern

Gravatar
WordPress.com-Logo

Melde Dich bitte bei WordPress.com an, um einen Kommentar auf deinem Blog zu schreiben.

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 71 other followers