Ein Gastbeitrag von Henry Kaspar.
Mein Beitrag zu Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss vor knapp 3 Wochen hat einige Reaktionen provoziert, hier ebenso wie bei den Kollegen von Herdentrieb und weissgarnix. Weissgarnix-Autor Frank Lübberding hat sich die Mühe gemacht, eine Gegenposition zu formulieren. Es ist wert sich ausführlicher mit ihr zu befassen, schließlich wird sie von vielen wirtschaftspolitischen Kommentatoren geteilt.
Was passiert wenn der deutsche Staat die direkten Steuern und die Sozialversicherungsabgaben der Unternehmen senkt und im Gegenzug die Staatsfinanzierung auf die indirekten Steuern umlenkt? Er entlastet die Exporteure und belastet die Konsumenten im Binnenmarkt. Was passiert wenn die Löhne und Einkommen – wie in Deutschland–unter dem Produktivitätszuwachs bleiben? Bisweilen noch nicht einmal einen Inflationsausgleich sicherstellen? Die Lohnstückkosten sinken, während sie in anderen Staaten steigen, wenn sie diesen Wettbewerb nach unten nicht mitmachen. Was passiert, wenn der deutsche Staat auf Investitionen verzichtet, um die Unternehmenssteuern zu senken? Er fördert die Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen und ruiniert dafür seine Infrastruktur. Was wird das Ergebnis sein? Diese Volkswirtschaft wird hohe Überschüsse im Außenhandel erwirtschaften. … So hat das Heinrich Kaspar bei Kantoos formuliert. Allerdings sieht er den Ausgangspunkt im Kapitalexport wegen der fehlenden deutschen Wettbewerbsfähigkeit ab Mitte der 90er Jahre…
Das Fazit vorab: Lübberdings Erklärung enthält einen logischen Fehler und mehrere faktische Behauptungen, welche eine genauere Prüfung nicht überstehen.
1. Logik. Lübberding bastelt eine Theorie, warum Exporte grösser als Importe sind; so weit so gut. Was jedoch fehlt ist eine Erklärung für den Kapitalabfluss— das Gegenstück des Leistungsbilanzüberschusses. Jede Theorie des Leistungsbilanzüberschusses muss den Kapitalabfluss mit erklären, sonst ist sie unvollständig. Und wenn die Theorie mit Kapitalabfluss auf Kriegsfuß steht—wie Lübberdings These von der exzessiven Wettbewerbsfähigkeit (welche Kapital anziehen sollte, nicht abstoßen)—dann ist sie, logisch notwendig, falsch.
2. Fakten. Lübberding liefert drei ergänzende Erklärungen für den Leistungsbilanzüberschuss: (i) hohe Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure, (ii) mangelnde staatliche Investitionen, und (iii) schwacher privater Konsum. Punkt (i) verträgt sich nicht mit den Daten, die ich vor 3 Wochen präsentiert habe (ich verzichte darauf, dies zu wiederholen). Der Rest dieses Artikels diskutiert deshalb Punkte (ii) und (iii). Beide erklären den Leistungsbilanzüberschuss mit schwacher inländischer Nachfrage, und damit mit niedrigen Importen.
Es wird für einen Moment etwas theoretisch. Ausgangspunkt für alles Folgende ist
X – M = S – I
… eine Kernidentität für die offene Volkswirtschaft. Der Leistungsbilanzsaldo—(grob gesprochen) Exporte minus Importe—ist identisch mit dem Finanzierungssaldo der Volkswirtschaft, also dem Überschuss der volkswirtschaftlichen Ersparnis über die (Netto-)Investitionen. Die Intuition: eine Volkswirtschaft, die mehr exportiert als importiert, akkumuliert Geldvermögen (anstatt die Exporterlöse auszugeben—für Importe). Eine Volkswirtschaft, die mehr importiert als exportiert, leiht sich vom Ausland das Geld für jene Importe, die sie mit den Exporterlösen nicht finanzieren kann.
S und I lassen sich aufspalten in nach Sektoren, also Haushalte, Staat, und Unternehmen. Damit lässt sich überprüfen:
- welche Sektoren für den Anstieg des gesamtwirtschaftlichen Finanzierungssaldos—und damit der Leistungsbilanz— verantwortlich sind, und
- wie der Anstieg zustande kam—durch höhere Ersparnis, oder durch niedrigere Investitionen.
Sind Lübberdings‘ Thesen (ii) und (iii) korrekt sollte Deutschlands Leistungsbilanzdefizit seine Entsprechung in einem Anstieg der Haushaltsersparnis (das Gegenstück schwachen Konsums) und einem Rückgang staatlicher Investitionen haben.
Zu den Zahlen (Quelle: Bundesbank).
(P.S.: ich hoffe das Folgende ist auch für den Kollegen Jörg Buschbeck interessant, einen bekennenden Saldenmechanik-Fan).
Zwischen 2000 und 2007 drehte sich Deutschlands Leistungsbilanz von einem Defizit von 2 Prozent des Volkseinkommens in einen gewaltigen Überschuss von mehr als 9 Prozent (linke Graphik). Sowohl I wie S spielten dabei eine Rolle (rechte Graphik): 2000-05 fielen die Investitionen, 2003-07 stieg rasant die gesamtwirtschaftliche Ersparnis. Die Aufspaltung des Finanzierungssaldos zeigt dass zwei Sektoren die Entwicklung bestimmten: 2000-04 Unternehmen, und 2005-07 der Staat—während Haushalte eine untergeordnete Rolle spielten.
Die Analyse von I und S nach Sektoren erlaubt weitere Einblicke.
![I_und_S[1]](http://kantoos.files.wordpress.com/2010/12/i_und_s1.jpg?w=660)
1. Investitionen. Der Einbruch der Investitionen 2000-02—nach dem Platzen der dot.com-Blase—geht vor allem auf das Konto der Unternehmen. Unternehmensinvestitionen blieben daraufhin bis mindestens 2006 ungewöhnlich niedrig. Außerdem gingen die Haushaltsinvestitionen zurück. Haushalte investieren vor allem in Immobilien, d.h. die Graphik zeigt die Krise der deutschen Bauwirtschaft.
Keinen nennenswerten Beitrag leistet hingegen der Rückgang staatlicher Investitionen—in Widerspruch zu Lübberdings These (ii).
2. Ersparnis. Unternehmen steigerten ihre (Netto-)ersparnis 2000-04, der Staat 2005-07. Im Fall des Staates spiegelt dies die Rückkehr der großen Koalition zu ausgeglichen Haushalten wieder.
Ungewöhnlich ist die hohe Unternehmensersparnis. Unternehmensersparnis ist nicht-entnommener Gewinn. Gewinn wird in der Regel ausgeschüttet oder investiert; deutsche Unternehmen taten in den 2000er Jahren weder das eine noch das andere. Stattdessen trugen sie Schulden ab, insbesondere bei Banken (dies zeigen Bundesbankdaten zur Geldvermögensbildung, hier nicht eingestellt). Die Banken wiederum investierten das rückgezahlte Geld im Ausland: zwischen 2001 und 2009 stiegt der Anteil ans Ausland vergebener Bank-Kredite von 20 auf 30 Prozent. Hier ist er, der Kapitalabfluss aus Deutschland.
Der Vollständigkeit halber: die Haushaltsersparnis zeigt in den 2000er Jahren keinen klaren Trend. Die „Sparwut der schwäbischen Hausfrau“ (um mit Buschbeck zu sprechen) hat ergo mit Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss nichts zu tun. Lübberdings These (iii) ist ebenfalls nicht zu halten.
Zusammenfassend splitten die Daten den Anstieg des Leistungsbilanzsaldos 2000-07 wie folgt auf:
- 2 Prozentpunkte (des Volkseinkommens) gingen auf das Konto des Staats, der zwischen 2005 und 2007 seine Neuverschuldung zurückfuhr,
- 2 weitere Prozentpunkte gingen auf das Konto der Haushalte, die mit ihrer Ersparnis Wertpapiere statt Häuser kauften, und
- 7½ Prozentpunkte—und damit der Löwenanteil—gingen auf das Konto der Unternehmen, die mit ihren Gewinnen Schulden abbauten anstatt zu investieren (oder die Gewinne auszuschütten).
Wer Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss erklären will muss deshalb zuallererst die extreme Investitionsschwäche der Unternehmen erklären und ihren Drang, Schulden abzubauen. In meinen Augen ist die einzige mit den Fakten konsistente Erklärung der negativen Kapitalkostenschock, den Deutschland Ende der 90er Jahre erlitt, als es mit der Einführung des Euro Deutschlands seinen Zinsvorteil gegenüber dem Rest der Euro-Zone verlor. Durch den Anstieg der (relativen) Kapitalkosten war Deutschlands Kapitalstock plötzlich zu groß. Unternehmen mussten den Überhang durch jahrelange Unter-Investition abtragen, und außerdem ihren Schuldenstand an den reduzierten Kapitalstock anpassen. Während sich dieser Prozess abspielte floss Kapital aus Deutschland ab, die Volkswirtschaft wuchs nur anämisch, und niedrige Investitionen drosselten den Import—ein Zusammenhang auf den die Goldman-Sachs Ökonomen Ben Broadbent, Dirk Schumacher und Sabine Schels übrigens schon 2004 hinwiesen.
Die gute Nachricht: Deutschlands lange und schmerzhafte Anpassung an relativ höhere Kapitalkosten hat wahrscheinlich ihren Abschluss gefunden. 2007/08 stiegen die Unternehmensinvestitionen wieder merklich, bevor die globale Wirtschaftskrise die Erholung unterbrach. Der Anstieg der Risikospreads im Zuge der Euro-Krise sollte Deutschlands Kapitalkostenposition weiter stärken.
Ich erwarte eine Erholung der Investitionen in den kommenden Jahren—und damit auch einen ausgeglicheneren Leistungsbilanzsaldo.
![Finanzierungssalden[1] (2)](http://kantoos.files.wordpress.com/2010/12/finanzierungssalden1-21.jpg?w=660)


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