4% Inflation, was soll das bringen?

Oliver Blanchard vom IWF hat im Frühjahr für ein höheres Inflationsziel geworben:

  • Low inflation limits the scope of monetary policy in deflationary recessions

When the crisis started in earnest in 2008, and aggregate demand collapsed, most central banks quickly decreased their policy rate to close to zero. Had they been able to, they would have decreased the rate further. But the zero nominal interest rate bound prevented them from doing so. Had pre-crisis inflation (and consequently policy rates) been somewhat higher, the scope for reducing real interest rates would have been greater.

Das Originalpaper ist hier. Im inflationsskeptischen Deutschland, dessen erster Repräsentant Axel Weber ist, kam das gar nicht gut an. Die FAZ blies ins gleiche Horn. Nur der Herdentrieb in Person von Robert von Heusinger freute sich — allerdings aus den falschen Gründen:

Wenn ich das richtig einschätze, dann geht es in der wissenschaftlichen Theorie wieder einmal weg von der Neoklassik. Zum Glück! Denn diese Theorie ist für viel Unheil verantwortlich. Die Märkte tendieren von selbst ins Gleichgewicht, dass ich nicht lache!

In dem Vorschlag steckt aber mehr als die typisch deutsche, aber eben auch anachronistische, “Keynes vs. Neoklassik” Debatte. Und zwar, dass die Zentralbank, wenn sie die Nullzinsgrenze erreicht, sich in schwierigem Terrain bewegt. Sie zwar bei weitem nicht machtlos ist, aber ihre Politik anders steuern muss. Wenn sie dazu nicht bereit ist, dann könnte ein höheres Inflationsziel durchaus dazu beitragen, für makroökonomische Stabilität zu sorgen. Das sieht auch Andy Harless in seinem Blog ähnlich:

But the Fed’s hands were tied [an der Nullzinsgrenze]. The Fed dropped its federal funds rate target by 5 percentage points in the year and a half following the onset of the financial crisis, and that was as far as conventional monetary policy could go. If the inflation target had started out at 4% instead of 2%, and the federal funds rate had started out at 7.25% instead of 5.25%, the Fed would have had a lot more ammunition. Moreover, the market would have known that the Fed had more ammunition, and investors would have been more confident in the Fed’s ability to minimize the economic impact of the financial crisis,… [Hervorhebung nicht im Original]

Das Problem war, dass die Zentralbank an der Nullzinsgrenze die Erwartungen nicht mehr richtig steuern konnte, bzw. eher: wollte. Und da Erwartungen der Hauptkanal sind, durch den Geldpolitik wirkt, spricht einiges dafür, ein höheres Inflationsziel auszugeben, damit die Zentralbank konventionell gegen die Krise anarbeiten kann. Und die Märkte Vertrauen haben, dass die Zentralbank das auch tut. Die Australier scheinen genau das geschafft zu haben.

Allerdings gibt es zwei Punkte, die ich noch wichtiger finde. Erstens, dass der sture Fokus auf Inflation in einer Krise wie der momentanen nicht geholfen hat. Und zweitens, dass hier (und nicht in der Nullzinsgrenze) das Hauptproblem der EZB und der Eurozone lag.

Der erste Punkt steckt in Blanchard Papier sogar drin, ist aber eher untergegangen:

Stable Inflation May Be Necessary, but Is Not Sufficient

Inflation, even core inflation, may be stable, and the output gap may nevertheless vary, leading to an obvious trade-off between the two. … What is clear, however, is that the behavior of inflation is much more complex than is assumed in our simple models and that we understand the relationship between activity and inflation quite poorly, especially at low rates of inflation.

Im letzten Eintrag habe ich den Verlauf der aggregierten Nachfrage in Europa skizziert, und da wird deutlich, dass die EZB in einer schweren Krise mehr als nur Inflation hätte betrachten sollen. Man hätte das nominale BIP stabil(er) halten müssen, auch wenn das temporär etwas mehr Inflation bedeutet hätte. Dasselbe gilt für die USA und die Fed. Dieser, in meinen Augen wichtigste Punkt, ging in Blanchards Papier und der Diskussion etwas unter.

Der zweite Punkt ist, dass die EZB  gar nicht von der Nullzinsgrenze getroffen war:  die Zinsen in Europa waren durchweg positiv. Das bedeutet, dass es Europa auch mit konventioneller Politik nicht geschafft hat, ein Einbrechen der Nachfrage um 10% unter Trend zu verhindern. Oder wollte man nicht an die Nullzinsgrenze gehen um den Märkten zu signalisieren, dass man noch mehr tun kann, wenn man denn will? Diesen Punkt habe ich nie ganz verstanden, aber er mag eine Rolle gespielt haben.

Als Fazit bleibt, dass ein höheres Inflationsziel Europa nicht geholfen hätte, sondern nur eine Zentralbank, die den Fokus weg von Inflation, hin zu nominalen Gesamtausgaben (= nominalem BIP, manchmal fälschlicherweise auch als “nominelles BIP” bezeichnet) lenkt und ein stabiles nominales BIP notfalls mit Levelzielen durckpaukt, koste es was es wolle.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 663 other followers