„Erschöpft vom Bummeln“, …

…so lautete eine Schlagzeile des Spiegels, die die Ergebnisse des ZEITLast Projektes an der Uni Hamburg in spiegeltypischer Manier umreißt. Die zitierte Studie zur Ermittlung der Arbeitsbelastung von Studenten kam nämlich zu einem überraschenden Ergebnis: sie ist (viel) geringer als gedacht. Zwar fühlen sich die Studenten subjektiv gestresst, aber die objektive Zeitmessung schockierte selbst die Teilnehmer nach der Auswertung:

23-27 Stunden pro Woche wenden die Studenten für ihr Studium auf. Das ist wenig, gemessen an der Überlastung, über die im Rahmen der Bolognareformen berichtet wurde. Die Forscher selbst wollten genau diese Überlastung dokumentieren, und fanden das Gegenteil.

Ich finde das Ergebnis nicht überraschend. In VWL hatte man schon länger ein bachelorähnliches  Studium, nur eben 5 Jahre. Leistungspunkte, Druck an jedem Semesterende und Bummeln zwischendrin kommt mir bekannt vor. Trotzdem fühlten sich einige latent gestresst.

Ich denke, zwei Dinge spielen eine Rolle. Erstens kommt nirgends hyperbolische Diskontierung mehr zum Tragen als im eigenen Studium: natürlich würde man gerne mehr lernen, sich mehr interessieren, sich mehr bilden, aber leider gerade im Moment nicht. Im Studium fehlt das Korrektiv der Schule und des Arbeitslebens — und das in der ablenkungsreichsten Zeit des Lebens. Zweitens sind sich die Studenten ihrer Zeitinkonsistenz bewusst — vielleicht nur unterbewusst — und das macht sie unglücklich und gestresst.

Das kann man sogar belegen: Dan Ariely und Klaus Wertenbroch haben Studenten gebeten, Abgabetermine für Hausaufgaben selbst zu legen. Legten sich die meisten die Termine ans Ende des Semesters? Nein. Die verteilten sie schön über das Semester. Das zeigt erstens ein Bewusstsein der Zeitinkonsistenz, und zweitens einen gewissen Leidensdruck, der zu dieser Selbstverpflichtung (self commitment) führt.

Die ZEITLast Studie ist daher kein Grund zur Häme. Selbst wenn Studenten nicht so viel arbeiten, wie gedacht, ist die Unzufriedenheit doch berechtigt, denn das subjektive Stressempfinden ist im Zweifel wichtiger. Die Lösung ist aber keineswegs eine Rückkehr zum guten alten Diplom: dort wird laut einer (kleinen) Kontrollgruppe noch weniger gearbeitet. Wenn man den Studenten wirklich helfen will, muss man ihre Zeitinkonsistenz ernst nehmen und zudem das Studium vom sinnlosen Bulimie-Lernen befreien.

So nah für mich diese Schlussfolgerung liegt, so sehr wundert mich, wie die ZEIT aus den Ergebnissen (wovon „alle, die sich auskennen, nicht wirklich überrascht sind“, bei der ZEIT sind die wahren Experten!) schlussfolgern kann, den Studenten ginge es viel besser als behauptet, und diesen Artikel auch noch mit „Von wegen Bulimie“ überschreibt. Da merkt man, dass manche offenbar nichts verstanden haben.

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